Die große Zukunft des Buches - Jean-Claude Carriere - E-Book

Die große Zukunft des Buches E-Book

Jean-Claude Carriere

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9,99 €

Beschreibung

Das Buch: Die größte Erfindung der Menschheit. Zu diesem Schluss kommen Umberto Eco und Jean-Claude Carriere, Autoren aus Italien und Frankreich, die zusammenkamen, um sich über die Zukunft des Buches zu unterhalten. In einer rasanten Reise durch die Zeit, von der Papyrusrolle über Gutenberg bis zum E-Book sprechen sie über die Faszination von Bibliotheken, welche Bücher sie vor dem Feuer retten würden, und über die Frage, ob es Sinn macht, "Krieg und Frieden" als E-Book zu lesen. Die originellen, unterhaltsamen und höchst informativen Anekdoten der beiden Passionierten sind ein Muss für alle, die das Buch als Gegenstand lieben.

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Seitenzahl: 345

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UMBERTO ECO

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE

Die große Zukunft

des Buches

Gespräche mit

Jean-Philippe de Tonnac

Aus dem Französischen

von Barbara Kleiner

Carl Hanser Verlag

Die französische Originalausgabe

N’espérez pas vous débarrasser des livres

erschien 2009 bei Grasset in Paris

Diese Übersetzung wurde mit einem Arbeitsstipendium

des Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

eBook ISBN 978-3-446-23616-5

© 2009 Editions Grasset & Fasquelle

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© Carl Hanser Verlag München 2010

Satz: Satz für Satz. Barbara Reischmann, Leutkirch

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Unser gesamtes lieferbares Programm

und viele andere Informationen finden Sie unter:

www.hanser-literaturverlage.de

www.umberto-eco.de

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

5

Ouvertüre:

Das Buch wird nicht sterben

13

Nichts Vergänglicheres

als dauerhafte Datenträger

19

Die Hühner haben

ein Jahrhundert gebraucht, um zu lernen,

dass sie nicht über die Straße laufen dürfen

40

Die Namen sämtlicher Teilnehmer

der Schlacht von Waterloo auflisten

60

Die Rache der Ausgefilterten

73

Jedes heute veröffentlichte Buch

ist eine Post-Inkunabel

99

Bücher, die unbedingt

zu uns gelangen wollen

131

Unser Wissen über die Vergangenheit

verdanken wir Idioten, Dummköpfen oder Gegnern

152

Nichts wird der Eitelkeit Einhalt gebieten

164

Lob der Dummheit

178

Das Internet oder die Unmöglichkeit

der damnatio memoriae

197

Zensur durch Feuer

208

All die Bücher, die wir nicht gelesen haben

227

Buch auf dem Altar und Bücher in der »Hölle«

244

Was wird aus meiner Bibliothek

nach meinem Tod?

274

Vorwort

»Dieses wird jenes töten. Das Buch wird das Gebäude töten.« Dieses berühmte Diktum legte Victor Hugo dem Archidiakon von Notre-Dame de Paris, Claude Frollo, in den Mund. Gewiss wird die Architektur nicht sterben, aber in einer sich verändernden Kultur wird sie ihre kulturelle Leitfunktion verlieren. »Das zum Buch hindrängende Denken benötigt nur ein wenig Papier, Tinte und eine Feder. Wer dies erwägt und vergleicht, wird sich kaum darüber wundern, dass das Denken von der Architektur zur Druckerei hinübergewechselt hat.« Sie sind nicht verschwunden, unsere »Bibeln aus Stein«, aber die Gesamtheit der von Hand geschriebenen und dann der gedruckten Texte, dieser »Ameisenhaufen aller tätigen Geister, in den die phantasiebeflügelten Gedanken, diese goldschimmernden Tierchen, ihren Honig tragen«, hat am Ende des Mittelalters ihre Bedeutung mit einem Schlag empfindlich geschmälert. Auch wenn sich das elektronische Buch in ähnlicher Weise auf Kosten des gedruckten Buches durchsetzen sollte, besteht doch wenig Aussicht, dass es ihm gelingen könnte, das gebundene Buch aus unseren Häusern und unseren Gewohnheiten zu verdrängen. Das E-Book wird das Buch nicht töten. Ebenso wenig wie Gutenberg und seine geniale Erfindung von heute auf morgen den Gebrauch von Kodizes unterbunden hat oder den Handel mit Papyrusrollen und volumina. Die jeweiligen Praktiken und Gewohnheiten bestehen nebeneinander weiter, und nichts lieben wir mehr, als das Spektrum unserer Möglichkeiten zu erweitern. Hat der Film die Gemälde getötet? Das Fernsehen den Film? Willkommen seien daher Rechner und periphere Lesegeräte, die uns über einen einzigen Bildschirm Zugang zur mittlerweile digitalisierten Universalbibliothek gewähren.

Die Frage ist vielmehr, welche Veränderungen die Lektüre am Bildschirm für den Prozess bedeutet, den wir bisher nur als Umblättern von Buchseiten kannten. Was gewinnen wir durch diese neuen weißen Geräte und vor allem, was verlieren wir? Überholte Gewohnheiten vielleicht. Eine gewisse sakrale Aura, die das Buch umgab innerhalb einer Kultur, die es auf den Altar erhob. Eine besondere Intimität zwischen Autor und Leser, die durch den Begriff der Hypertextualität zwangsläufig außer Kurs gesetzt wird. Die Idee der »Geschlossenheit«, die das Buch verkörperte und davon ausgehend gewisse Praktiken der Lektüre. »Indem sie die überkommene Bindung zwischen den Diskursen und ihrer Materialität zerbricht«, erläuterte Roger Chartier in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France, »zwingt die digitale Revolution zu einer radikalen Neubestimmung der Tätigkeiten und Begriffe, die wir mit dem Geschriebenen verbinden.« Tiefgreifende Umwälzungen wahrscheinlich, von denen wir uns aber erholen werden.

In dem Gespräch zwischen Jean-Claude Carrière und Umberto Eco ging es also nicht darum zu beurteilen, welche Veränderungen und Konflikte die Verbreitung (oder Nicht-Verbreitung) des E-Book im großen Maßstab mit sich bringen würde. Ihre Erfahrungen als Bücherliebhaber und Sammler von alten und seltenen Büchern, als Jäger von Inkunabeln, brachten sie hier eher dahin, das Buch ähnlich wie das Rad als etwas unübertrefflich Vollkommenes zu betrachten. Sobald also die Zivilisation das Rad erfindet, kann sie sich nur bis zum Überdruss wiederholen. Ob man die Anfänge des Buches auf die ersten Kodizes (etwa im 2. Jahrhundert n. Chr.) datiert oder auf die wesentlich älteren Papyri, man hat doch stets ein Werkzeug vor sich, das sich trotz aller Wandlungen, die es durchgemacht hat, selbst erstaunlich treu geblieben ist. Das Buch erscheint hier als eine Art »Rad des Wissens und des Imaginären«, das die absehbaren oder befürchteten technologischen Veränderungen nicht zum Stillstand bringen werden. Hat man diese beruhigende Feststellung getroffen, kann die eigentliche Debatte beginnen.

Dem Buch steht eine technologische Revolution bevor. Aber was ist ein Buch? Was sind die Bücher, die in unseren Regalen, in denen der Bibliotheken der ganzen Welt stehen und in sich das Wissen und die Träume bergen, die die Menschheit angehäuft hat, seitdem sie imstande ist zu schreiben? Welches Bild haben wir von dieser Odyssee, die der Geist durch sie zurückgelegt hat? Welche Spiegel halten sie uns vor? Und wenn wir nur die herausragenden Werke dieser Produktion betrachten, solche, die der allgemeine Konsens zu Meisterwerken erklärt hat, so fragt sich: Werden wir ihrer eigentlichen Funktion gerecht, die doch einfach darin besteht, das ständig vom Vergessen Bedrohte irgendwo sicher zu verwahren? Oder müssen wir ein weniger schmeichelhaftes Bild von uns selbst akzeptieren, wenn wir an die extreme Dürftigkeit denken, die für diese Fülle an Geschriebenem eben auch charakteristisch ist? Ist das Buch notwendigerweise ein Symbol unserer Fortschritte über uns selbst hinaus, heraus aus der Finsternis, die wir für immer hinter uns gelassen zu haben glauben? Wovon genau erzählen uns die Bücher?

Zu dieser Sorge um die Art des Beitrags, den unsere Bibliotheken zu einer ehrlicheren Selbsterkenntnis leisten können, traten sodann Fragen danach, was wirklich bis zu uns gelangt ist. Sind die Bücher getreues Abbild dessen, was der menschliche Geist mit mehr oder minder glücklicher Inspiration geschaffen hat? Kaum gestellt, ruft diese Frage einen Zweifel wach. Wie sollte man nicht sogleich an die Scheiterhaufen denken, auf denen immer noch Bücher verbrennen? Als ob die Bücher und die Meinungsfreiheit, deren Symbol sie recht bald wurden, ebenso viele Zensoren hervorgebracht hätten, die ihren Gebrauch und ihre Verbreitung überwachen und sie manchmal für immer beschlagnahmen. Und wenn es keine Frage von systematischer Vernichtung war, so sind doch ganze Bibliotheken in Flammen aufgegangen, allein durch das Wüten des Feuers in Schutt und Asche gelegt und zum Verstummen gebracht – als ob diese Scheiterhaufen sich einer am anderen entzündeten, bis hin zu der Idee, die unkontrollierbare Verbreitung von Büchern könne derlei Regulierungsmaßnahmen rechtfertigen. Daher ist die Geschichte der Buchproduktion unauflöslich mit jener anderen verknüpft, der eines regelrechten, immer wieder erneuerten Bibliocausts. Zensur, Ignoranz, Dummheit, Inquisition, Autodafé, Nachlässigkeit, Zerstreutheit, Brände stellten sich den Büchern als manchmal verhängnisvolle Hindernisse in den Weg. Sämtliche Bemühungen der Archivierung und Konservierung konnten daher nie verhindern, dass Werke vom Rang einer Göttlichen Komödie für immer unbekannt blieben.

Ausgehend von solchen Überlegungen zum Buch und zu den Büchern, die trotz aller Zerstörungswut bis zu uns gelangt sind, kristallisierten sich zwei Ideen heraus, um die diese sehr lockeren, mäandernden Gespräche kreisten; stattgefunden haben sie in der Pariser Wohnung von Jean-Claude Carrière und im Haus von Umberto Eco in Monte Cerignone. Was wir Kultur nennen, ist in Wirklichkeit ein langer Prozess des Auswählens und des Filterns. Ganze Sammlungen von Büchern, Filmen, Comics, Kunstwerken sind durch Inquisitoren unterdrückt worden oder den Flammen zum Opfer gefallen. War es der beste Teil des immensen Vermächtnisses, das die früheren Jahrhunderte uns hinterlassen haben? War es der schlechteste? Haben wir auf diesem oder jenem Gebiet des schöpferischen Ausdrucks lauteres Gold oder bloß den Bodensatz geerntet? Wir lesen heute noch Euripides, Sophokles, Aischylos, die uns als die drei großen Meister der griechischen Tragödie gelten. Aber wenn Aristoteles sich in seiner Poetik mit der Tragödie befasst und die Namen der berühmtesten Autoren seiner Zeit anführt, nennt er keinen dieser drei Namen. War das, was wir verloren haben, besser, repräsentativer für das griechische Theater als das, was uns erhalten geblieben ist? Wer könnte diesen Zweifel heute noch beheben?

Sollen wir uns mit dem Gedanken trösten, dass unter den Papyrusrollen, die dem Brand der Bibliothek von Alexandria zum Opfer fielen, dass in allen Bibliotheken, die in Flammen aufgegangen sind, vermutlich entsetzliche Schmöker waren, Meisterwerke des schlechten Geschmacks und der Dummheit? Werden wir imstande sein, angesichts der Schätze an Nichtigkeit, die unsere Bibliotheken heute bergen, die immensen Verluste an Vergangenem, die freiwillige oder unfreiwillige Vernichtung unseres Gedächtnisses zu relativieren, uns zu erfreuen an dem, was uns erhalten geblieben ist und was unsere mit allen Technologien der Welt hochgerüsteten Gesellschaften sicher zu bewahren trachten, ohne dass ihnen das nachhaltig gelänge? Sosehr wir uns auch bemühen, die Vergangenheit zum Sprechen zu bringen, niemals werden wir in unseren Bibliotheken, unseren Museen oder Cinematheken anderes finden als Werke, die die Zeit nicht hat verschwinden lassen, nicht hat verschwinden lassen können. Mehr denn je werden wir gewahr, dass die Kultur genau das ist, was übrigbleibt, wenn alles andere vergessen wurde.

Das Vergnüglichste an diesen Unterhaltungen ist aber vielleicht die Hommage, die darin der Dummheit erwiesen wird, welche all die beharrlichen Anstrengungen der Menschheit stumm verfolgt und sich niemals für ihr gelegentlich vorlautes Benehmen entschuldigt. Und genau hier erhält die Begegnung zwischen dem Semiologen und dem Drehbuchautor, die beide Büchersammler und -liebhaber sind, ihren vollen Sinn. Der erste hat eine Sammlung von äußerst seltenen Werken über die Fälschung und den menschlichen Irrtum zusammengetragen, und zwar weil sie seiner Meinung nach jeden Versuch zur Begründung einer Theorie der Wahrheit konditionieren. »Der Mensch ist wirklich ein ganz außerordentliches Geschöpf«, erklärt Umberto Eco. »Er hat das Feuer entdeckt, Städte erbaut, großartige Gedichte geschrieben, sich an Weltdeutungen versucht, mythologische Bilder erfunden und so weiter. Gleichzeitig aber hat er nicht davon abgelassen, gegen seinen Nächsten Krieg zu führen, sich zu irren, seine Umwelt zu zerstören und so weiter. Wägt man die hohe intellektuelle Tugend und die platte Idiotie gegeneinander ab, so ist das Ergebnis fast pari. Indem wir uns entschließen, über die Dummheit zu sprechen, würdigen wir also in gewisser Weise dieses halb geniale, halb dumme Geschöpf.« Wenn Bücher als getreuer Reflex der Ambitionen und Fähigkeiten einer Menschheit gelten, die nach Höherem und Besserem strebt, so muss in ihnen zwangsläufig dieses Übermaß an Tugend wie diese Erbärmlichkeit zum Ausdruck kommen. Also sollten wir auch nicht darauf hoffen, die lügnerischen, falschen, von unserem unfehlbaren Standpunkt aus komplett dummen Werke loszuwerden. Sie werden uns bis ans Ende unserer Tage begleiten, treu wie Schatten, und werden unverfälscht davon Zeugnis ablegen, was wir waren, und mehr noch, was wir sind. Leidenschaftliche und beharrliche Forscher nämlich, aber, um ehrlich zu sein, auch ohne Skrupel. Für jede gelöste Gleichung, für jede bewiesene These, jedes verwirklichte Projekt, jede geteilte Anschauung wie viele Wege, die ins Nichts führten? So werfen die Bücher ein Licht auf den Traum einer endlich von ihrer strapaziösen Schändlichkeit erlösten Menschheit, aber zugleich trüben und überschatten sie ihn auch.

Als namhafter Drehbuchautor, Theatermann und Essayist hegt Jean-Claude Carrière nicht weniger Sympathien als Eco für dieses verkannte und nicht genügend besuchte Denkmal, das seiner Ansicht nach die Dummheit ist und dem er ein Werk gewidmet hat, das immer wieder neu aufgelegt wird: »Als ich in den sechziger Jahren gemeinsam mit Guy Bechtel das Dictionnaire de la bêtise (Wörterbuch der Dummheit) zusammenstellte, sagten wir uns: Warum sich immer nur an die Geschichte der Intelligenz halten, an die Meisterwerke, die großen Augenblicke des Geistes? Die Dummheit, die Flaubert so teuer war, schien uns unendlich viel verbreiteter, das versteht sich, außerdem aber auch fruchtbarer, erhellender und in gewissem Sinn richtiger.« Dieses Interesse an der Dummheit war es, das Carrière befähigte, Ecos Bemühungen auf Anhieb zu verstehen, wenn der die eklatantesten Beispiele für diese glühende und blindwütige Leidenschaft, in die Irre zu gehen, zusammentrug. Gewiss ließe sich zwischen dem Irrtum und der Dummheit eine Art Verwandtschaft ausmachen, besser gesagt, eine geheime Komplizenschaft, die im Lauf der Jahrhunderte scheinbar nichts hat außer Kraft setzen können. Aber noch erstaunlicher für uns: Zwischen den Fragestellungen des Autors eines Wörterbuchs der Dummheit und denen des Autors von Über Gott und die Welt bestehen Wahlverwandtschaften und Affinitäten des Temperaments, die in diesen Unterhaltungen sehr deutlich hervortraten.

Jean-Claude Carrière und Umberto Eco, amüsierte Beobachter und Chronisten solcher Zwischenfälle, sind beide überzeugt, dass wir vom Abenteuer des Menschen sowohl durch seine Glanzleistungen als auch durch seine Misserfolge etwas lernen. Sie liefern sich hier geistvolle Improvisationen über die Erinnerung, ausgehend von den Lapsus, den Gedächtnislücken, dem Vergessen und den unersetzlichen Verlusten, aus denen die Tradition ebenso besteht wie aus den Meisterwerken. Es amüsiert sie, dabei zu zeigen, wie das Buch trotz der Schäden, die die Filterungen angerichtet haben, zuletzt durch die Maschen sämtlicher Netze geschlüpft ist, zu seinem Besten und manchmal auch zu seinem Schaden. Angesichts der Herausforderungen durch die umfassende Digitalisierung des Geschriebenen und den Einsatz der neuen Werkzeuge elektronischer Lektüre erlaubt diese Erzählung vom Wohl und Wehe des Buches eine Relativierung der angekündigten Umwälzungen. Die vorliegenden Gespräche sind eine schmunzelnde Hommage an die Galaxie Gutenberg, und sie werden all jene Leser entzücken, die das Buch als Gegenstand lieben. Und es ist nicht auszuschließen, dass sie bei den Besitzern von E-Books einige Nostalgie wachrufen.

Jean-Philippe de Tonnac

Ouvertüre: Das Buch wird nicht sterben

JEAN-CLAUDE CARRIÈRE: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos 2008 hat man einen Futurologen nach den Ereignissen befragt, die seiner Meinung nach in den kommenden fünfzehn Jahren die Menschheit erschüttern werden, und er meinte, mit Sicherheit ließen sich nur vier grundlegende Dinge vorhersagen. Das erste sei ein Erdölpreis von 500 Dollar pro Barrel. Das zweite betreffe das Wasser, das im Begriff sei, ein kommerzielles Handelsgut zu werden wie Erdöl: Es werde dann einen Börsenkurs für Wasser geben. Die dritte Vorhersage war, dass Afrika in den nächsten Jahrzehnten mit Sicherheit zur Wirtschaftsmacht aufsteigen werde, was sich ja alle wünschen.

Das vierte Ereignis ist diesem berufsmäßigen Propheten zufolge das Verschwinden des Buches.

Die Frage ist also, ob der endgültige Untergang des Buches, wenn er denn wirklich stattfindet, für die Menschheit die gleichen Folgen haben wird wie beispielsweise die gezielte Wasserverknappung oder unzugängliches Erdöl.

UMBERTO ECO: Wird das Buch verschwinden, weil das Internet auf den Plan getreten ist? Ich habe schon vor gut zwanzig Jahren über dieses Thema geschrieben, als die Frage zum ersten Mal aufkam und wirklich relevant schien. Seitdem kann ich, wenn man mich um Äußerungen dazu bittet, nur immer wieder dasselbe sagen. Niemand merkt das, vor allem, weil nichts weniger gegenwärtig ist als etwas bereits Publiziertes, aber auch, weil die öffentliche Meinung (oder zumindest die Journalisten) stets diese fixe Idee hat, dass das Buch verschwinden werde (oder die Journalisten meinen, ihre Leser hätten diese fixe Idee), und so stellen alle unablässig immer wieder dieselbe Frage.

Eigentlich gibt es zu dem Thema recht wenig zu sagen. Durch das Internet sind wir ins Zeitalter des Alphabets zurückgekehrt. Wenn wir je geglaubt hatten, wir seien in eine Kultur des Bildes eingetreten, so führt uns der Computer wieder zurück in die Ära Gutenberg, und heutzutage sieht sich jedermann gezwungen zu lesen. Zum Lesen braucht man einen Datenträger. Der Computer allein kann dieser Träger nicht sein. Setzen Sie sich zwei Stunden an den Computer und lesen Sie einen Roman, und Sie bekommen Augen wie Tennisbälle. Ich habe zu Hause eine Polaroid-Brille, um die Augen vor den schädlichen Folgen längerer Bildschirmlektüre zu schützen. Außerdem ist der Computer auf Stromversorgung angewiesen, man kann ihn also nicht in der Badewanne lesen und auch nicht im Bett auf der Seite liegend. Das Buch erweist sich da als weitaus flexibler.

Entweder – oder: Entweder bleibt das Buch materieller Träger des Lesens, oder es wird etwas geben, das dem gleicht, was das Buch seit jeher war, schon vor der Erfindung des Buchdrucks. Die Entwicklungen rund um den Gegenstand Buch haben seit über fünfhundert Jahren weder an seiner Funktion noch an den Arten seiner Verwendung etwas Grundlegendes verändern können. Das Buch ist wie der Löffel, der Hammer, das Rad oder die Schere: Sind diese Dinge erst einmal erfunden, lässt sich Besseres nicht mehr machen. An einem Löffel gibt es nichts zu verbessern. Designer bemühen sich, zum Beispiel den Korkenzieher zu optimieren, mit recht bescheidenem Erfolg, und im Übrigen funktionieren die meisten dieser Dinger nicht. Philippe Starck hat bei der Zitronenpresse etwas Neues versucht, aber weil er die Reinheit der ästhetischen Form wahren wollte, hat sein Gerät keine Vorrichtung, um die Kerne zurückzuhalten. Das Buch hat sich vielfach bewährt, und es ist nicht abzusehen, wie man zum selben Zweck etwas Besseres schaffen könnte als eben das Buch. Vielleicht wird es sich in seinen Komponenten weiterentwickeln, vielleicht werden seine Seiten nicht mehr aus Papier sein. Aber es wird bleiben, was es ist.

J.-C. C.: Mir scheint, in seinen neuesten Versionen tritt das E-Book in unmittelbare Konkurrenz zum gedruckten Buch. Das Modell »Reader« hat schon eine Speicherkapazität von 160 Titeln.

U. E.: Natürlich ist es für einen Staatsanwalt leichter, die 25000 Schriftstücke eines laufenden Prozesses in einem E-Book gespeichert mit nach Hause zu nehmen. In vielen Bereichen wird das elektronische Buch für den Nutzer außerordentliche Vorteile mit sich bringen. Ich frage mich allerdings nach wie vor, ob es selbst bei einer allen Leseanforderungen optimal angepassten Technologie wirklich sinnvoll ist, Krieg und Frieden auf einem E-Book zu lesen. Man wird ja sehen. Auf jeden Fall werden wir Tolstoi und all die anderen auf Papier gedruckten Bücher bald nicht mehr lesen können, ganz einfach weil sie in unseren Bibliotheken bereits begonnen haben, sich zu zersetzen. Die Bücher von Gallimard oder Vrin aus den fünfziger Jahren sind bereits weitgehend zerfallen. Etienne Gilsons Philosophie au Moyen Age, diemir zu der Zeit, als ich meine Dissertation vorbereitete, so nützlich war, kann ich heute gar nicht mehr in die Hand nehmen. Die Seiten zerfallen buchstäblich. Ich könnte natürlich eine neuere Ausgabe kaufen, aber ich hänge nun einmal an der alten mit all ihren Randnotizen in verschiedenen Farben, die die Geschichte meiner verschiedenen Lektüren widerspiegeln.

JEAN-PHILIPPE DE TONNAC: Wenn immer neue Datenträger entwickelt werden, die sich den unterschiedlichsten Anforderungen, sei es der Kausalitäten von Nachschlagewerken oder sei es der Lektüre von online-Romanen, immer besser anpassen, warum sollte man sich da nicht trotz allem vorstellen können, dass die Liebe zum Gegenstand Buch in seiner traditionellen Form allmählich schwindet?

U. E.: Möglich ist alles. Bücher können schon morgen nur noch für eine Handvoll unbekehrbarer Liebhaber von Interesse sein, die ihre rückwärtsgewandte Neugier in Museen und Bibliotheken befriedigen.

J.-C. C.: Wenn es dann noch welche gibt.

U. E.: Aber ebenso gut kann man sich vorstellen, dass in der Zukunft diese phantastische Erfindung, das Internet, ihrerseits verschwindet. Genau wie die Zeppeline, die von unserem Himmel verschwunden sind. Als die Hindenburg kurz vor dem Krieg in New York in Flammen aufging, bedeutete das das Aus für die Zeppeline. Dasselbe gilt für die Concorde: Das Unglück von Gonesse im Jahr 2000 wurde ihr zum Verhängnis. Trotzdem ist diese Geschichte bemerkenswert. Man erfindet ein Flugzeug, das für die Überquerung des Atlantik statt acht nur drei Stunden braucht. Wer wollte bestreiten, dass das ein enormer Fortschritt ist? Aber nach der Katastrophe von Gonesse verzichtete man darauf mit dem Argument, die Concorde sei zu teuer. Ist das ein ernst zu nehmender Grund? Die Atombombe ist auch sehr teuer!

J.-P. DE T.: Dazu möchte ich eine Äußerung von Hermann Hesse zitieren, vermutlich aus den fünfziger Jahren.Da sagt er über eine wahrscheinliche »Wiederaufwertung« des Buches, die durch den technischen Fortschritt bewirkt wird: »[…] je mehr mit der Zeit gewisse Unterhaltungs- und gewisse volkstümliche Belehrungsbedürfnisse durch andere Erfindungen werden befriedigt werden können, desto mehr wird das Buch an Würde und Autorität zurückgewinnen. […] Wir haben heute den Punkt noch nicht ganz erreicht, wo die jungen Konkurrenzerfindungen wie Radio, Film und so weiter dem gedruckten Buch gerade jenen Teil seiner Funktionen abnehmen, um den es nicht schade ist.«

J.-C. C.: In dieser Hinsicht hat er sich nicht getäuscht. Kino, Radio und sogar das Fernsehen haben dem Buch nichts genommen, »worum es schade wäre«.

U. E.: Irgendwann in seiner Geschichte hat der Mensch die Schrift erfunden, man kann die Schrift als eine Verlängerung der Hand betrachten, und in diesem Sinne ist sie nahezu biologisch. Sie ist eine unmittelbar an den Körper gebundene Kommunikationstechnologie. Hat man so etwas erst einmal erfunden, kann man nicht mehr darauf verzichten. Noch einmal: Das ist wie die Erfindung des Rads. Unsere Räder von heute sind noch genauso wie die vorzeitlichen. Während unsere modernen Erfindungen – Kino, Radio, Internet – nicht biologisch sind.

J.-C. C.: Sie betonen zu Recht: Noch nie musste man so viel lesen und schreiben wie in unseren Tagen. Man kann keinen Computer benutzen, ohne lesen und schreiben zu können. Und sogar in komplexerer Weise als früher, weil neue Zeichen, neue Codes hinzugetreten sind. Unser Alphabet hat sich erweitert. Lesen zu lernen wird immer schwieriger. Wir würden eine Rückkehr zur Oralität erleben, wenn der Computer das, was wir sagen, direkt verarbeiten könnte. Aber das wirft eine andere Frage auf: Kann man sich gut ausdrücken, wenn man nicht lesen und schreiben kann?

U. E.: Homer würde zweifellos antworten: ja.

J.-C. C.: Aber Homer gehört einer oralen Tradition an. Sein Wissen und seine Kenntnisse hat er durch das Medium dieser Tradition erworben, zu einer Zeit, als es in Griechenland noch nichts Geschriebenes gab. Kann man sich heute einen Schriftsteller vorstellen, der seinen Roman diktiert, ohne die vermittelnde Funktion des Geschriebenen, und der nichts kennt von der Literatur, die ihm vorausgegangen ist? Vielleicht würde sein Werk den Charme des Naiven besitzen, der Entdeckung, des Unerhörten. Mir scheint aber doch, es würde ihm etwas fehlen, etwas, was wir in Ermangelung eines besseren Ausdrucks Kultur nennen. Rimbaud war ein wunderbar begabter junger Mann, Autor unnachahmlicher Verse. Aber er war nicht das, was man einen Autodidakten nennt. Mit sechzehn Jahren besaß er bereits eine solide klassische Bildung. Er konnte lateinische Verse dichten.

Nichts Vergänglicheres als dauerhafte Datenträger

J.-P. DE T.: Wir fragen hier nach dem Fortbestand der Bücher in einer Zeit, da die Kultur anderen, vielleicht leistungsfähigeren Werkzeugen den Vorzug zu geben scheint. Doch was soll man von Datenträgern halten, die Informationen und persönliche Erinnerung angeblich dauerhaft speichern können, ich denke da zum Beispiel an Disketten, Videokassetten oder CD-ROMS, von denen man schon wieder abgekommen ist?

J.-C. C.: 1985 bat mich der damalige Kulturminister Jack Lang, eine Hochschule für Film und Fernsehen aufzubauen und verantwortlich zu leiten, die Fémis. Daraufhin habe ich unter der Leitung von Jack Gajos ein Team von sehr guten Technikern zusammengestellt und die Geschicke dieser Schule zehn Jahre lang, von 1986 bis 1996, gelenkt. In diesen zehn Jahren musste ich mich natürlich über sämtliche Neuerungen auf dem Laufenden halten, die unsere Gebiete betrafen.

Ein wirkliches Problem, das sich uns stellte, war ganz einfach die Vorführung der Filme für die Studenten. Wenn man einen Film ansieht, um ihn zu studieren und zu analysieren, muss man die Vorführung unterbrechen können, zurückgehen, anhalten, manchmal Bild für Bild vorgehen. Mit einer klassischen Filmkopie ist das nicht möglich. Damals hatte man Videokassetten, aber die waren sehr schnell verschlissen. Nach drei, vier Jahren im Einsatz waren sie nicht mehr zu gebrauchen. Um die gleiche Zeit wurde die Vidéothèque de Paris gegründet, wo sämtliche Foto- und Filmdokumente über die Hauptstadt aufbewahrt werden sollten. Bei der Archivierung des Bildmaterials hatten wir die Wahl zwischen der Videokassette und der CD, was wir damals eben als »dauerhafte Datenträger« bezeichneten. Die Vidéothèque de Paris hat sich für die VHS-Kassette entschieden und in dieser Richtung investiert. Andernorts hat man auch Floppy Discs ausprobiert, die von den Verkäufern als die reinsten Wunderdinge angepriesen wurden. Zwei oder drei Jahre später ist dann in Kalifornien die CD-ROM (Compact Disc Read-Only Memory) aufgetaucht. Wir dachten, das sei die ultimative Lösung. Bei allen Vorführungen wurde sie geradezu hymnisch gefeiert. Ich erinnere mich an die erste CD-ROM, die wir zu Gesicht bekamen: Es ging um Ägypten. Wir waren verblüfft und vollkommen überzeugt. Alle Welt verneigte sich vor dieser Innovation, die anscheinend sämtliche Schwierigkeiten lösen konnte, mit denen wir Bild- und Archivierungsexperten uns schon seit langem herumschlugen. Mittlerweile haben aber die Fabriken in den USA, in denen diese Wunderdinge produziert wurden, seit sieben Jahren dichtgemacht.

Andererseits bieten Handys und verschiedene i-Pods ein sich ständig vergrößerndes Spektrum möglicher Anwendungen. Die Japaner, erzählt man, schreiben Romane darauf und reichen sie in dieser Form ein. Das inzwischen mobile Internet überwindet den Raum. Man verheißt uns den Triumph des VOD (Video On Demand), zusammenklappbare Bildschirme und andere Wunder mehr. Wer weiß?

Das hört sich an, als würde ich von einem sehr langen Zeitraum sprechen, scheinbar von Jahrhunderten. Dabei handelt es sich gerade einmal um zwanzig Jahre. Man vergisst sehr schnell. Immer schneller vielleicht. Diese Überlegungen sind banal, zweifellos, aber das Banale ist notwendiges Gepäck, jedenfalls am Anfang einer Reise.

U. E.: Es ist noch nicht lange her, da wurde die gesamte Patrologia latina von Migne (das sind 221 Bände!) auf CD-ROM angeboten, zum Preis von 50000 Dollar, wenn ich mich recht entsinne. Zu einem solchen Preis ist die Patrologia nur für große Bibliotheken erschwinglich, nicht aber für den armen kleinen Forscher (auch wenn unter Mediävisten munter Raubkopien angefertigt wurden). Heutzutage bekommt man mit einem einfachen Abonnement Zugang zur Online-Version der Patrologia. Das Gleiche gilt für die Encyclopédie von Diderot, die einst von der Redaktion des Robert auf CD-ROM angeboten wurde. Heute finde ich sie online, umsonst.

J.-C. C.: Als die DVDs auftauchten, glaubten wir, endlich die ideale Lösung gefunden zu haben, die all unsere Probleme der Lagerung und der Vorführung in Lehrveranstaltungen ein für allemal beheben würde. Ich hatte mir bis dahin nie eine eigene Videothek angelegt. Mit der DVD, sagte ich mir, habe ich nun endlich einen »dauerhaften Datenträger« zur Verfügung. Aber weit gefehlt. Jetzt stellt man uns diese Mini-Discs in Aussicht, die die Anschaffung neuer Lesegeräte erforderlich machen und wie die E-Books eine beträchtliche Anzahl von Filmen speichern können. Unsere gute alte DVD wird also auch in der Versenkung verschwinden, es sei denn, man bewahrt die alten Geräte auf, mit denen man sie ansehen kann.

Das ist im Übrigen ein Trend unserer Zeit: All das zu sammeln, was der technische Fortschritt ausgemustert hat. Ein Freund von mir, ein belgischer Filmemacher, hat achtzehn PCs im Keller stehen, ganz einfach, um sich ältere Arbeiten anschauen zu können. Damit will ich nur sagen, dass es nichts Vergänglicheres gibt als dauerhafte Datenträger. Über diese ständig gleichen, nun schon gebetsmühlenhaft wiederholten Überlegungen zur Flüchtigkeit der zeitgenössischen Datenträger können zwei Liebhaber von Inkunabeln wie Sie und ich doch nur milde lächeln, nicht wahr? Ich habe aus meiner Bibliothek dieses Büchlein hier mitgebracht, das Ende des 15. Jahrhunderts in Paris gedruckt wurde, auf Latein. Schauen Sie. Wenn man diese Inkunabel aufschlägt, liest man auf der letzten Seite auf Französisch: »Ces présentes heures à l’usaige de Rome furent achevées le vingt-septième jour de septembre l’an mille quatre cent quatre-vingt-dix-huit pour Jean Poitevin, libraire, demeurant à Paris en la rue Neuve-Notre-Dame.« (Das vorliegende Stundenbuch für den römischen Gebrauch wurde am siebenundzwanzigsten Tag des September im Jahr tausendvierhundertachtundneunzig fertiggestellt, für Jean Poitevin, Buchhändler, mit Sitz in Paris in der Rue Neuve-Notre-Dame.) »Usage« wird hier »usaige« geschrieben, die Art der Jahreszahlangabe hat sich geändert, und doch kann man alles noch recht leicht entziffern. Wir können diesen Text, der vor fünfhundert Jahren geschrieben wurde, also heute noch lesen. Aber eine Videokassette oder eine CD-ROM, die gerade einmal ein paar Jahre alt ist, können wir nicht mehr lesen oder ansehen. Außer wir bewahren unsere alten PCs im Keller auf.

J.-P. DE T.: Man muss die Geschwindigkeit hervorheben, mit der diese neuen Datenträger veralten, wodurch sie uns dazu verdammen, sämtliche Arbeitsmethoden und Arten der Speicherung, unsere ganze Denkweise zu verändern …

U. E.: Eine Beschleunigung, die zur Auslöschung des Gedächtnisses beiträgt. Das ist zweifellos eines der heikelsten Probleme unserer Zivilisation. Auf der einen Seite erfinden wir viele Geräte zum Speichern der Erinnerung, alle möglichen Formen der Aufzeichnung, Möglichkeiten des Wissenstransfers – das ist zweifellos ein beträchtlicher Vorteil im Vergleich zu den Zeiten, da man auf Mnemotechniken, auf Gedächtnistraining zurückgreifen musste, weil man einfach nicht alles, was man wissen musste, ständig zur Verfügung haben konnte. Damals konnten die Menschen sich nur auf ihr Gedächtnis verlassen. Auf der anderen Seite müssen wir zugeben, dass wir, unabhängig von der vergänglichen Natur dieser neuen Instrumente, die ein echtes Problem ist, mit den kulturellen Produkten, die wir hervorbringen, nicht eben sorgsam umgehen. Um nur ein weiteres Beispiel zu nennen: Die Originale der großen Comics: Sie sind schrecklich teuer, da sehr selten (eine Seite von Alex Raymond kostet heutzutage ein Vermögen). Und warum sind sie so selten? Ganz einfach, weil die Zeitungen, in denen sie erschienen, die Druckplatten nach dem Gebrauch wegwarfen.

J.-P. DE T.: Welche mnemotechnischen Verfahren waren denn vor der Erfindung dieser künstlichen Gedächtnisspeicher, der Bücher und Discs, in Gebrauch?

J.-C. C.: Wieder einmal steht Alexander der Große vor einer Entscheidung mit unabsehbaren Folgen. Man hat ihm von einer Frau erzählt, die zuverlässig die Zukunft vorhersagen kann. Er lässt sie kommen, damit sie ihn ihre Kunst lehrt. Sie sagt, er solle ein großes Feuer anzünden lassen und die Zukunft aus dem aufsteigenden Rauch ablesen wie aus einem Buch. Sie warnt den Eroberer allerdings auch: Während er den Rauch beobachte, dürfe er auf keinen Fall an das linke Auge eines Krokodils denken; an das rechte vielleicht, aber keinesfalls an das linke.

Da verzichtet Alexander darauf, die Zukunft kennenzulernen. Warum? Weil man, wenn man aufgefordert wird, nicht an etwas zu denken, nur noch daran denkt. Das Verbot wird zum Zwang. Unmöglich, nicht an dieses linke Auge des Krokodils zu denken. Das Auge des Tiers hat von Alexanders Gedächtnis, von seinem Geist Besitz ergriffen.

Manchmal ist Erinnern und Nicht-Vergessen-Können ein Problem, im Falle Alexanders gar ein Drama. Es gibt Menschen, die besitzen die Gabe, gestützt auf sehr einfache mnemotechnische Regeln, alles im Kopf zu behalten, und die nennt man Mnemoniker. Der russische Neurologe Alexander Luria hat sie untersucht und beschrieben. Aus dessen Buch hat Peter Brook sein Theaterstück Ich bin ein Phänomen entwickelt. Wenn man einem Mnemoniker etwas erzählt, kann er es nicht mehr vergessen. Er ist perfekt wie eine Maschine, dabei aber verrückt, er zeichnet alles auf, ohne Unterschied. In diesem Fall ist das ein Defekt, kein Vorzug.

U. E.: Alle mnemotechnischen Verfahren arbeiten mit dem Bild einer Stadt oder eines Palasts, und jeder der zu memorisierenden Gegenstände wird mit einem Teil davon in Verbindung gebracht. Cicero berichtet in De oratore von Simonides, der in Gesellschaft angesehener Gäste aus Griechenland an einem Gastmahl teilnahm. Irgendwann verlässt er die Gesellschaft, und kurz darauf werden sämtliche Gäste unter dem einstürzenden Dach des Hauses begraben, sie sind alle tot. Man ruft Simonides, um die Toten zu identifizieren. Das gelingt ihm, indem er sich daran erinnert, welchen Platz jeder Einzelne am Tisch eingenommen hatte.

Die Kunst der Mnemotechnik besteht also darin, räumliche Vorstellungen mit Gegenständen oder Begriffen zu verknüpfen, so dass sie unauflöslich zusammengehören. Weil er das linke Auge des Krokodils mit dem Rauch, den er beobachten soll, assoziiert, ist in Ihrem Beispiel Alexander in seinem Handeln nicht mehr frei. Noch im Mittelalter gibt es die Kunstübung des Erinnerns. Man möchte meinen, nach der Erfindung des Buchdrucks habe sich der Gebrauch der Mnemotechniken nach und nach verloren. Dabei sind gerade in jener Zeit die schönsten Bücher zur Mnemotechnik erschienen!

J.-C. C.: Sie sprachen von den Originalen der großen Comicwerke, die nach dem Druck weggeworfen wurden. Beim Kino ist es dasselbe. Wie viele Filme sind nicht auf diese Weise verschwunden! Seit den zwanziger, dreißiger Jahren ist der Film in Europa zur »Siebten Kunst« avanciert. Seit damals hält man es jedenfalls für der Mühe wert, Kunstwerke zu bewahren, die nunmehr ein Teil der Kunstgeschichte sind. Aus diesem Grund entstanden die ersten Filmarchive, zunächst in Russland, dann in Frankreich. Aber aus amerikanischer Sicht ist der Film keine Kunst, noch heute gilt er dort als erneuerbares Produkt. Zorro, Nosferatu, Tarzan müssen immer wieder neu gemacht werden, die alten Vorbilder, die alten Bestände also weggeworfen werden. Das Alte, insbesondere wenn es von hoher Qualität ist, könnte dem neuen Produkt ja Konkurrenz machen. Das amerikanische Filmarchiv ist erst in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gegründet worden, das muss man sich mal vorstellen! Es war ein langer und harter Kampf, Subventionen dafür aufzutreiben und die Amerikaner für die Geschichte ihres eigenen Kinos zu interessieren. Die erste Filmhochschule der Welt ist in Russland entstanden. Wir verdanken sie Sergej Eisenstein, der es für unverzichtbar hielt, eine Filmhochschule zu gründen, die dasselbe Niveau hat wie die Schulen für Malerei und Architektur.

U. E.: In Italien schrieb ein großer Dichter wie Gabriele d’Annunzio bereits Anfang des 20. Jahrhunderts für das Kino. Zusammen mit Giovanni Pastrone arbeitete er an dem Drehbuch für Cabiria. In Amerika hätte man ihn nicht ernst genommen.

J.-C. C.: Vom Fernsehen ganz zu schweigen. Ein Fernseharchiv einzurichten erschien anfangs völlig absurd. Die Gründung des Institut National de l’Audiovisuel, das den Auftrag hat, audiovisuelles Material zu archivieren, bedeutete da einen radikalen Perspektivenwechsel.

U. E.: Ich habe 1954 fürs Fernsehen gearbeitet; ich erinnere mich, dass damals alles live ausgestrahlt wurde und dass man noch keine Magnetbandaufzeichnungen machte. Es gab da ein Ding, das Transcriber genannt wurde, bis man herausfand, dass es dieses Wort im angelsächsischen TV-Jargon gar nicht gibt. Das war eine Kamera, mit der ganz einfach der Bildschirm abgefilmt wurde. Weil es sich jedoch um ein schwerfälliges und teures Gerät handelte, musste eine Auswahl getroffen werden. So ist vieles verlorengegangen.

J.-C. C.: In diesem Zusammenhang kann ich auch ein schönes Beispiel anführen. Es geht um fast so etwas wie eine Inkunabel des Fernsehens. 1951 oder 1952 hatte Peter Brook für das amerikanische Fernsehen einen King Lear mit Orson Welles in der Hauptrolle gedreht. Doch diese Sendungen wurden ohne jede Aufzeichnung ausgestrahlt, und so ist nichts erhalten geblieben. Nun stellte sich aber heraus, dass dieser King Lear von jemandem abgefilmt worden war. Mit anderen Worten, auch da hatte jemand, während der Film lief, mit seiner Kamera auf den Bildschirm gehalten. Heute ist das eines der Glanzstücke im Fernsehmuseum von New York. In vielerlei Hinsicht erinnert mich das an die Geschichte des Buches.

U. E.: Bis zu einem gewissen Punkt. Die Idee, Bücher zu sammeln, ist sehr alt. Es ist dem Buch also nicht wie dem Film ergangen. Der Kult der geschriebenen Seite und später des Buches ist so alt wie die Schrift selbst. Schon die Römer wollten Schriftrollen besitzen und sammeln. Wenn Bücher verlorengingen, dann aus anderen Gründen. Sie verschwanden aus Gründen der religiösen Zensur oder weil die Bibliotheken die Tendenz hatten, bei jeder Gelegenheit in Flammen aufzugehen, genauso wie die Kathedralen, da beide vorzugsweise aus Holz gebaut waren. Eine Kathedrale oder eine Bibliothek stehen in Flammen – im Mittelalter war das ungefähr so, wie wenn in einem Kriegsfilm ein Flugzeug über dem Pazifik abstürzt: Es war normal. Die Tatsache, dass in Der Name der Rose die Bibliothek in Flammen aufgeht, war damals überhaupt nichts Außergewöhnliches.

Aber dieselben Gründe, aus denen die Bücher brannten, machten es gleichzeitig erforderlich, sie an einem sicheren Ort zu verwahren, also zu sammeln. Das führte zur Herausbildung des Mönchtums. Vermutlich war es die wiederholte Einnahme und Plünderung Roms durch die Barbaren und ihre Angewohnheit, die Stadt vor ihrem Abzug in Brand zu stecken, was den Gedanken an einen Ort aufkommen ließ, wo man die Bücher sicher verwahren könnte. Und was wäre sicherer als ein Kloster? Man fing also an, bestimmte Bücher vor den Gefahren, die das kulturelle Gedächtnis bedrohten, in Sicherheit zu bringen. Zugleich aber, indem man die Wahl traf, bestimmte Bücher zu retten und andere nicht, begann man natürlich auch zu filtern.

J.-C. C.: Während der Kult um seltene Filme gerade erst im Entstehen begriffen ist. Man kann freilich auch Sammler von Drehbüchern finden. Früher landete das Drehbuch nach Abschluss der Dreharbeiten meist im Papierkorb, wie die Druckplatten der Comics, von denen Sie sprachen. Doch schon Ende der vierziger Jahre begann sich der eine oder andere zu fragen, ob das Drehbuch nicht doch auch nach Fertigstellung des Films einen gewissen Wert haben könnte, zumindest einen kommerziellen.

U. E.: Jetzt gibt es einen Kult um berühmte Drehbücher wie das von Casablanca.

J.-C. C.: Vor allem natürlich, wenn im Drehbuch handschriftliche Notizen des Regisseurs zu finden sind. Ich konnte beobachten, wie Drehbücher von Fritz Lang mit seinen Notizen darin Gegenstand einer an Fetischismus grenzenden Bibliophilie wurden und wie andere Liebhaber ihre Besitzstücke kostbar binden ließen. Aber ich komme noch einmal kurz auf die Frage zurück, die ich vorhin angeschnitten habe. Wie soll man sich heute eine Videothek einrichten, welche Datenträger soll man dafür wählen? Man kann unmöglich Filmkopien auf Silbernitrat zu Hause aufbewahren. Man bräuchte einen Vorführraum, einen eigenen Saal und Lagerräume. Die Magnetbandkassetten verlieren, wie man weiß, ihre Farbe, ihre Schärfe und verblassen bald. Die CD-ROMS sind am Ende, die DVDs werden es auch nicht mehr lange machen. Und im Übrigen ist es, wie gesagt, nicht einmal sicher, dass wir in Zukunft über ausreichend Energie verfügen, um all unsere Maschinen am Laufen zu halten. Man denke bloß an den großen Blackout in New York im Juli 2006. Man stelle sich vor, so etwas hält etwas länger an, zieht sich hin. Ohne Strom ist alles unwiederbringlich verloren. Bücher hingegen können wir auch dann noch lesen, wenn das gesamte audiovisuelle Erbe verlorengegangen ist, bei Tageslicht oder nachts bei einer Kerze. Das 20. Jahrhundert ist die erste Epoche, die bewegte Bilder und Tonaufzeichnungen von sich und ihrer Geschichte hinterlässt – aber immer noch auf schlecht gesicherten Trägern. Merkwürdig: Wir haben keine Tonaufnahmen aus der Vergangenheit. Wir können uns freilich vorstellen, dass der Vogelgesang früher genauso war, das Plätschern der Bäche …

U. E.: Nicht aber die menschlichen Stimmen. Im Museum entdeckt man, dass die Betten unserer Vorfahren schmaler und kürzer waren: Die Menschen waren also kleiner. Was notwendigerweise eine andere Stimmlage bedingt. Wenn ich alte Aufnahmen von Caruso höre, frage ich mich immer, ob der Unterschied zwischen seiner Stimme und der der großen Tenöre von heute nur an der technischen Qualität der Aufnahme und des Datenträgers liegt oder daran, dass die menschliche Stimme am Beginn des 20. Jahrhunderts anders war als unsere heute. Zwischen der Stimme Carusos und der Pavarottis liegen Jahrzehnte vermehrter Proteinzufuhr und des medizinischen Fortschritts. Die italienischen Einwanderer in den USA vom Anfang des 20. Jahrhunderts waren im Durchschnitt etwa einen Meter sechzig groß, während ihre Enkel bereits an eins achtzig heranreichten.

J.-C. C.: Während meiner Zeit an der Fémis habe ich den Studenten im Fach Ton einmal die Aufgabe gestellt, bestimmte Töne, bestimmte Klangräume der Vergangenheit zu rekonstruieren. Ich forderte sie auf, zu einer Satire von Boileau, Les embarras de Paris, die Tonspur zu gestalten. Wobei ich präzisierte, dass die Straßen mit Holz gepflastert waren, die Wagenräder aus Eisen, die Häuser niedriger usw.

Das Gedicht beginnt so: »Wer, bei Gott, peitscht die Luft mit solch schaurigen Schreien?« Was sind »schaurige« Schreie, nachts in Paris, im 17. Jahrhundert? Es ist eine faszinierende Erfahrung, durch Geräusche in die Vergangenheit einzutauchen, aber auch schwierig. Denn wie kann man das Ergebnis überprüfen?

Sollte das Bild- und Tongedächtnis des 20. Jahrhunderts durch einen gigantischen Stromausfall oder auf andere Weise ausgelöscht werden, bleibt uns trotzdem noch das Buch. Man wird immer Mittel und Wege finden, den Kindern das Lesen beizubringen. Die Vorstellung einer Bedrohung der Kultur, einer Gefährdung der Erinnerung ist sehr alt, wahrscheinlich genauso alt wie das Geschriebene selbst. Ich kann Ihnen dafür ein weiteres Beispiel geben, aus der Geschichte des Irans. Bekanntlich stand eine der Wiegen der persischen Kultur im heutigen Afghanistan. Als die Mongolengefahr im Lauf des 11. und 12. Jahrhunderts größer und unausweichlich wurde – wo die Mongolen vorbeikamen, zerstörten sie alles –, packten die Intellektuellen und Künstler zum Beispiel aus Balkh, darunter der Vater des künftigen Rumi, ihre kostbarsten Manuskripte zusammen und brachen auf. Sie zogen nach Westen, in die Türkei. Wie viele andere exilierte Iraner lebte Rumi dann bis zum Tod im anatolischen Konya. Eine Anekdote berichtet von einem dieser Flüchtlinge, wie er auf seinem Weg ins bitterste Elend gerät und die kostbaren Bücher als Kopfkissen benutzt. Bücher, die heute ein kleines Vermögen wert sein müssen. In Teheran habe ich bei einem Liebhaber eine Sammlung illustrierter alter Manuskripte gesehen – wunderbar! Alle großen Kulturen sahen sich also mit derselben Frage konfrontiert: Was tun mit einer bedrohten Kultur? Wie kann man sie retten? Und was davon soll man retten?

U. E.: Und wenn die Rettung gelingt, wenn man die Zeit findet, die Embleme der Kultur an einen sicheren Ort zu schaffen, dann sind Manuskripte, Kodizes, Inkunabeln und Bücher leichter zu retten als Skulpturen oder Gemälde.

J.-C. C.: Trotzdem bleibt dieses ungelöste Rätsel: Fast alle volumina, die Schriftrollen der römischen Antike, sind verschwunden. Dabei unterhielten die römischen Patrizier doch Bibliotheken mit Tausenden von Werken. Einige davon kann man noch in der Vatikanischen Bibliothek betrachten, aber der größte Teil ist nicht auf uns gekommen. Das älteste Textfragment eines Evangeliums, das wir besitzen, stammt bereits aus dem 4. Jahrhundert. Ich erinnere mich, dass ich in der Vatikanischen Bibliothek ein Manuskript der Georgica des Vergil aus dem 4. oder 5. Jahrhundert bewundert habe. Die obere Hälfte jeder Seite war illustriert. Aber noch nie in meinem Leben habe ich ein ganzes volumen gesehen. Die ältesten Schriftrollen überhaupt, die Manuskripte vom Toten Meer, habe ich in Jerusalem im Museum gesehen. Sie sind aufgrund ganz besonderer klimatischer Bedingungen erhalten geblieben. Ebenso die ägyptischen Papyri, die, glaube ich, zu den ältesten Texten überhaupt zählen.

J.-P. DE T.: Sie erwähnen als Datenträger dieser Texte Papyri, vielleicht Papier. Zweifellos müssen wir hier auch ältere Medien in Betracht ziehen, die in der einen oder anderen Weise zur Geschichte des Buches gehören …