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Angesichts einer Welt, die in Tyrannei und neuem Autoritarismus zu versinken droht, heißt die Kunst der Stunde Widerstand. Es gilt, der Versuchung zu trotzen, eine komplexe Welt in lächerliche Eindeutigkeiten aufzulösen, und die Falle übergroßer Gemäßigtheit zu vermeiden. Radikal in Ambition, vernünftig in Stil und Ton, gewinnend und den Menschen zugewandt – diese Richtschnur zieht sich wie ein roter Faden durch die preisgekrönten Essays von Robert Misik. Mit Verve setzt sich der Autor zwischen alle Stühle. Misik stemmt sich gegen die »Zerstörung der Vernunft« durch den neuen Faschismus und nimmt zugleich manche Verrücktheiten der heutigen Linken aufs Korn. Die politischen Verwüstungen unserer Zeit beschreibt er mit kulturellem Tiefgang, so wie er die politische Radikalität von Künstlern wie Annie Ernaux, Franz Kafka, Pier Paolo Pasolini oder George Orwell für unsere Zeit freilegt.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2026
Copyright © 2026 Picus Verlag Ges.m.b.H.
Friedrich-Schmidt-Platz 4/7, 1080 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien
Umschlagabbildung: © desifoto / iStockphoto
ISBN 978-3-7117-2168-6
eISBN 978-3-7117-5551-3
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Robert Misik
Von Marx bis Kafka, von Orwell bis Butler
Picus Verlag Wien
ABSCHNITT I GESELLSCHAFTSANALYSE FUER REALISTEN
VERTEIDIGUNG DER VERNUNFT Plädoyer für einen radikalen Linksliberalismus
DAS UNBEHAGEN IN DER UEBERFLUSSGESELLSCHAFT Wie das Reich, in dem Milch und Honig fließen, von der Utopie zur beklagenswerten Aussicht wurde
WAS IST DAS: MARXISMUS? Lasst uns alle Verhältnisse umwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist
SEI KREATIV - ABER GEHORCHE DEM KOMMANDO Noch einmal Marx-Exegese: Wie Reichtum kooperativ produziert wird, aber dann in den Schatullen der Geldsäcke verschwindet
ZWISCHEN WOKE UND WAHNSINN Warum man heute humanistische und emanzipatorische Ideen nicht nur gegen Faschisten, sondern auch gegen autoritäre Linke verteidigen muss
ABSCHNITT II KULTURKRITIK ALS GESELLSCHAFTSANALYSE
FICKEN ALS BILDUNGSPROGRAMM Der Boom des autofiktionalen Schreibens von Annie Ernaux bis Édouard Louis
»DAS UNGLUECKSWESEN, DAS ICH BIN…« Franz Kafka, idealer Autor für das wirre Heute, eine Axt für das gefrorene Meer in uns. Eine Hommage
DER GROSSMEISTER DER WAHRHAFTIGKEIT Warum wir den eigenwilligen Linken und Meister des »einfachen Stils«
SOZIALISMUS IST EIN NORMALES GEFUEHL Der »linke Konservative« Pier Paolo Pasolini hat uns heute vielleicht mehr zu sagen, als wir denken
Plädoyer für einen radikalen Linksliberalismus
Dies nun sind die Jahre unseres Missvergnügens. Jetzt ist die Demokratie beinahe überall vom Geist der Illiberalität, des Anti-Pluralismus und des autoritären Rechtsextremismus bedroht. Hierfür kursieren mehrere Erklärungen, und da die Welt komplex ist und jedes Geschehen meist multikausale Gründe hat, sind alle irgendwie wahr. Zu den Ursachen wird etwa der Pessimismus gezählt, der um sich greift, Abstiegsängste, die das Fortschrittsgefühl verdrängt haben, weiters auch Abwehrreaktionen auf »überfordernden« kulturellen Wandel. In das Panorama der multikausalen Hintergründe gehört weiters die Verdummung der Diskurse durch ein Zusammenspiel von reiner Propaganda, dem Strukturwandel der Öffentlichkeit durch Social Media und das Internet generell, der Schlagzeilen-Kultur der Krawall-Boulevards und der Erregungsmedien und der stetigen Erziehung zur Grausamkeit durch die Empörungsbewirtschaftung. Der Rechtsextremismus operiert mit den Mitteln von Übertreibung, Vereinfachung und der Schaffung von Feindbildern. Obwohl er seinen reichen Gönnern verpflichtet ist und sich gerne beim Champagnisieren mit Milliardären zeigt, stilisiert er sich zum Fürsprecher der einfachen Leute gegen »die da oben«, die »Eliten« und gegen Politiker, die allesamt als gekauft, korrupt, unfähig, abgehoben, »gegen das Volk«, ja, als Agenten eines »Systems« dargestellt werden.
Manche Interpreten sehen darin auch einen Kern – oder eine Schwundform – des Guten, nämlich die Sehnsucht nach dem ganz anderen, nach einer Politik, die sich nicht mit Verwaltung des Existierenden und mit dem Management von Details zufriedengibt. In diesem Sinne wäre jedenfalls der rechte Populismus noch eine Art Revolte in perversen Formen, nämlich der Wunsch nach einer echten Systemveränderung.
Kolja Möller beispielsweise nannte in seinem Buch »Volk und Elite« den Populismus jüngst einen »kleinen Volksaufstand«, einen »Schmerzensschrei«. Ganze Gesellschaftssysteme erleben einen »populistischen Moment«, wenn die inneren Spannungen in der Demokratie zu groß werden, etwa wenn sich viele Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen und beispielsweise meinen, dass die proklamierte »Volkssouveränität« nur mehr auf dem Papier besteht. In der nüchternen Systematik des Politikwissenschaftlers analysiert Möller, dass der Populismus in demokratischen Gesellschaften immer angelegt ist. Man denke etwa über den Begriff der »Volkssouveränität« nach: Im demokratischen Verfassungsstaat wird proklamiert, »alle Gewalt geht vom Volke aus«, aber am Ende wird diese Macht von Eliten ausgeübt, von Politikern etwa. Diese Gewalt ist gebunden, durch das Gesetz und von der Verfassung, die wiederum Freiheitsrechte des Einzelnen festschreibt, die durch das Mehrheitsprinzip nicht außer Kraft gesetzt werden können. Alle Gewalt geht vom Volke aus, sie wird aber durch Verfassungsrichter begrenzt, die ihrerseits Teil von Funktionseliten sind. Kurzum: Die Vorstellungen von Demokratie sind voller Paradoxien. Auch der »Volkswille« ist eine Fata Morgana, man wird ihn nie finden, mag man ihn noch so verbissen suchen. Der Populismus, so zitiert Möller den Philosophen Isaiah Berlin, entspringt »unzufriedenen Menschen, die das Gefühl haben, dass sie irgendwie die Mehrheit der Nation repräsentieren, die von der einen oder anderen Minderheit heruntergeputzt worden ist«. Es ist auch ein Impuls des Populismus, bisher Nichtinkludierte in das politische System zu integrieren, weil er jenen eine Stimme zu geben scheint, die bisher nur mit Groll im Abseits blieben. Er hat damit einen demokratischen Stachel. Noch der autoritäre Populismus bewege sich, so Möller, in den meisten Fällen »innerhalb des demokratischen Paradoxes« und ist daher nur selten mit dem historischen Faschismus zu vergleichen, er kann sich aber über identitäre Verhärtung und Radikalisierung in diese Richtung entwickeln. Genau das ist es freilich, was wir gerade erleben: Die allmähliche Verschärfung vom »Rechtspopulismus« als politischem Stil zum Rechtsextremismus und zum Faschismus. Die Selbstradikalisierung der populistischen Anführer – von Donald Trump bis Herbert Kickl, von Alice Weidel bis Viktor Orbán – spiegelt sich in der Selbstradikalisierung ihrer Anhängerschaft. Wer einmal als bloß irgendwie Unzufriedener mit autoritärer Mentalität in die Fänge der faschistischen Propaganda geraten ist, wird nach einigen Jahren ein völlig verhärtetes rechtsextremes Weltbild haben. Irrationalität und Wahn und Wahnwitz nehmen vom politischen Klima und der Öffentlichkeit Besitz. Der Irrsinn regiert. Das Gebot der Stunde ist die Verteidigung der Vernunft.
Die Zerstörung der Vernunft
Eine Taktik der neuen Faschisten ist die »Zerstörung der Vernunft«. Den Begriff habe ich mir jetzt flott und so nebenbei bei dem legendären marxistischen Philosophen Georg Lukács geliehen, der seine Geschichte des faschistischen Denkens in Deutschland mit genau diesem Übertitel versah. Diese Zerstörung der Vernunft, für Lukács die Ur- und Frühgeschichte der faschistischen Ideologie, sei gekennzeichnet durch »Herabsetzung von Verstand und Vernunft, kritiklose Verherrlichung der Intuition … Ablehnung des gesellschaftlich-geschichtlichen Fortschritts, Schaffung von Mythen …«, kurzum durch das Eindringen von Wahn und Irrationalität in die Diskurse und die Zersetzung aller Prinzipien von Rationalität. Es ist im Großen und Ganzen nicht Lukács’ brillantestes Werk, aber diese zentrale Beobachtung ist unbestreitbar. Oder, um es mit Goyas Worten zu sagen: »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer.«
Auch heute ist die Zerstörung der Vernunft eine wichtige Taktik im Kampf um die Gehirne und Leidenschaften durch die neuen Faschisten. Die Vernunft soll zerstört werden, ja, alles, was man so landläufig das Vernünftige nennt: Bevor man seinen Empörungen Lauf lässt, ein zweites Mal nachdenken; die Fakten prüfen und erst dann, von diesen ausgehend und auf deren Basis, wertorientierte Urteile treffen; eine Sache von verschiedenen Seiten betrachten; dem anderen zuhören, ob der nicht auch einen Teil der Wahrheit auf seiner Seite hat; der Sachlichkeit den Vorzug vor der Erregung geben und so weiter. Allein diese simplen Grundsätze von Vernünftigkeit werden vom neuen Faschismus nicht unabsichtlich, sondern vorsätzlich zerstört. Seine Fürsprecher sind nicht so unvernünftig, weil sie erregt sind. Sie werfen sich in die Pose wahnhafter Erregung, weil sie die Vernunft ausschalten wollen.
Der große Kurt Tucholsky formulierte einstmals den schönen Satz: »Eine klare Meinung zu haben ist im ahnungslosen Zustand viel leichter.« Aber jenseits der Bonmots spielt die »Meinung« für die faschistische Propaganda eine große Rolle, wie uns jetzt erst auffällt. Es ist bekanntermaßen eine der bizarren Absurditäten, dass die ultrarechten Bewegungen, die – sobald sie an der Macht sind – mit großem Elan alle Freiheit abschaffen, sich auf dem Weg dahin als die Großwesire der »Meinungsfreiheit« darstellen. Wie jeder weiß, tun sie das, um die Grenzen des Sagbaren zu verschieben. Den Nachbarn als »Messerfachkraft« diffamieren? Ethnische Säuberungen »andenken«? Ist ja »nur« eine Meinung.
Neben dieser augenfälligen Tatsache verfolgen sie noch einen zweiten Zweck, nämlich die Zersetzung aller vernunftgeleiteten Debatten. Jede Meinung soll gleich viel wert sein, aber vor allem soll jede Aussage in den Status einer Meinung versetzt werden. Der Faschismus lebt davon, dass Menschen gewissermaßen einen sicheren Boden unter den Füßen verlieren, in Verwirrung versetzt werden, in Angst und in eine Konfusion, in der sie sich nicht auskennen. Denn in einem nächsten Schritt kann selbst die offensichtlichste Wahrheit infrage gestellt werden.
Damit wird Vertrauen in das Wissen und die Wissenschaft untergraben, und umgekehrt wird auch zur Verbreitung allgemeinen Misstrauens beigetragen, sei es gegenüber Institutionen, sei es gegenüber den Nachbarn, den Nächsten, den Mitmenschen in der Gesellschaft. Die Zerstörung von Vertrauen in jedwede Art von Wissen und die Verbreitung von destruktivem Misstrauen ist ein wesentliches Element in der Umerziehung der Individuen, die den rechten Agitatoren in die Hände fallen. »Unwissenheit«, schrieb schon Theodor W. Adorno, »scheint an sich reaktionäre Trends zu begünstigen«, und »wenn die Menschen nicht wissen, wovon sie reden, verliert der Begriff ›Meinung‹ … an Bedeutung«. Dabei geht es aber eben nicht einfach um eine Unwissenheit, die man landläufig als Unbildung oder Dummheit bezeichnen würde, sondern um herbeigeführte Unwissenheit. Quasi: Die Leute sollen mit so vielen widersprüchlichen, begründbaren, unbegründbaren, absurden, wahrheitsbezogenen, wahrheitsfernen Behauptungen bombardiert werden, dass sie einfach nicht mehr die Realität von der Fantasie, die Wirklichkeit von der Paranoia unterscheiden können. Die Zerstörung der Vernunft ist nicht nur eine Begleiterscheinung rechter Agitation, sie ist für diese zentral. »Flood the zone with shit«, »Überflutet alles mit Dreck«, hat Steve Bannon ja schon vor Jahren ganz unverhohlen als Ratschlag herausgegeben.
Georg Seeßlen und Markus Metz bemerken dazu: »Ein taktischer Trick dabei ist (er gilt wohl nur für die Phase der ›Eroberung‹ der Hegemonie), alles in den Rang der ›Meinung‹ zu versetzen. … Jemand, der die Erde für eine Scheibe hält, ist damit eben nur anderer Meinung als jemand, der sie als einen Planeten ansieht …«
Nun haben die großen Denker des Liberalismus wie John Stuart Mill und andere die »Freiheit des Gedankens« unter anderem mit dem Argument verteidigt, dass noch die Äußerung des abwegigsten Arguments erwünscht sein soll, etwa weil nur die kontroverse Diskussion unterschiedlichster Gesichtspunkte uns der Wahrheit näherbrächte. »Und selbst wenn die Wahrheit schon entdeckt wäre, würde sie robuster dastehen, wenn sie sich regelmäßig gegen herausfordernde Argumente behaupten müsste«, proklamierte Mill. Das ist, neben der menschen- und freiheitsrechtlichen Begründung von Free Speech gewissermaßen die nutzenorientierte: Langfristig haben alle einen Vorteil, wenn es das Recht gibt, noch den größten Unsinn oder das schlimmste Vorurteil zu äußern. Das ist grundsätzlich schon richtig, aber Mill hatte wohl nicht vorausgesehen, dass es einmal politische Kräfte geben würde, die vorsätzlich das Wissen als solches zerstören würden wollen.
Es ist kein Wunder, dass die neuen Faschisten deshalb Institutionen der Wissenschaft und Bildung besonders nachdrücklich angreifen. Die Universitäten seien einseitig, wird zunächst beklagt, und es brauche mehr kontroverse Ansichten an den Hochschulen. Das kann da und dort sogar stimmen, man denke nur an die Wirtschaftswissenschaften, wo oft eine neoliberale Monokultur dominiert und die herrschende Macht dafür sorgt, dass linke Forscher keine Chance bekommen. Wahrscheinlich interessieren sich auch mehr linke Personen für eine Professur in Gender Studies und seltener rechtsradikale Schwulenhasser. Aber die pauschale Behauptung ist eine glatte Lüge und operiert mit völlig verrückten Voraussetzungen. Es wäre doch grotesk, im Sinne einer Freiheit der Forschung unbedingt ein paar Universitätsprofessoren einzustellen, die die Theorie der Scheibenform der Erde vertreten, damit es einen vitalen Meinungsstreit mit den Anhängerinnen der Planetentheorie gäbe. Noch absurder wäre es, zu behaupten, damit würde der Wissensproduktion ein Gefallen getan, weil die Vertreter der wissenschaftlichen Astronomie dann ihre Argumente schärfen müssten. Das Gegenteil wäre der Fall: Es würde ihnen Zeit gestohlen, und die Mittel, die in die Lehrstühle der Scheibentheoretiker fließen, wären reine Verschwendung.
»Wenn wir jedwede Meinung in der Öffentlichkeit zulassen und ihr ausreichend Zeit für eine ernsthafte Prüfung gewähren, so führt dies keineswegs zu einem Prozess, der einer Willensbildung durch Reflexion förderlich ist, sondern zerstört vielmehr die Bedingung der Möglichkeit dazu«, so Jason Stanley, einer der berühmtesten amerikanischen Faschismusforscher. Und er fügt hinzu: »Gleichermaßen kann man die Ideologie des sogenannten Islamischen Staates bedenkenlos ablehnen, ohne sich mit ihren Verfechtern im Seminar- oder Fakultätsraum auseinandersetzen zu müssen. Und ich brauche bestimmt keinen Kollegen, der die Ansicht vertritt, Juden seien genetisch zur Gier veranlagt, um meine Ablehnung dieses antisemitischen Unsinns zu begründen.«
Es geht der faschistischen Propaganda in erster Linie darum, Misstrauen zu schüren. Das ist auch ein wichtiger Teil der Wirkmacht von Verschwörungstheorien. Es geht gar nicht darum, dass die Mitläufer die Verschwörungstheorien wirklich glauben. Es geht darum, dass sie gar nichts mehr glauben. Das ist der erste Schritt in den Wirrkopf-Orbit. Wenn sie sich dann vollends in der Fantasie- und Paranoia-Welt verfangen, dann treten sie in den Kreis des harten Kerns der Anhängerschaft ein.
Es sind also diese drei Schritte, mit denen die faschistische Agitation die Vernunft zerstört: Erstens wird die »Bedrohtheit der Meinungsfreiheit«-These in Umlauf gebracht, zweitens wird alles zur Meinung verwandelt, die gleich viel gilt, ob grober Unfug oder begründetes Argument, drittens werden die Institutionen des Wissens angegriffen und natürlich auch die Medien, indem echte Journalisten mit Pseudomedien, also reinen Agitations- und Propagandaschleudern, gleichgesetzt werden. All das ist dem großen Ziel unterworfen: der Zerstörung von Vernunft.
Für und Wider des linken Populismus
Für Demokratinnen und Demokraten, für Menschen, die sich der Aufklärung verpflichtet fühlen, für Progressive, kurzum, für Anhänger der »Linken« im weitesten Sinne heißt das: Sie dürfen nicht schwanken und müssen Korsare der Vernunft sein. Und auch dessen, was man im Alltagsgebrauch »Vernünftigkeit« nennt.
Aber oft ergibt sich damit sofort ein Problem. Zielkonflikte tun sich auf, manchmal werden auch unterschiedliche Strategien empfohlen, die allesamt nicht unplausibel klingen, aber dann am Ende dennoch schlechter funktionieren, als ihre Fürsprecher angenommen haben. Mitte-Links-Parteien müssen einen akzentuierten Linkskurs einschlagen, um selbst die Energien der Unzufriedenheit repräsentieren zu können, wird da empfohlen. Oder von anderen wiederum: Sie müssen selbst ein wenig rechter werden (oder noch mehr »in die Mitte« rücken), um die Mehrheitsfähigkeit der »demokratischen Mitte« zu gewährleisten. Große Erfolgsstorys wurden bisher aus keiner dieser Strategien.
Es gibt immer wieder die Kritik, dass breite Teile der gemäßigten Linken die rebellischen, widerständigen Energien den Rechtsextremen überlassen hätten und ihre langweilige Vernünftigkeit kein Erfolgsrezept sei. Die Systemkritik sei aus dieser Sicht nach rechts gewandert, während die Linken plötzlich nur mehr den Status quo »liberaler Demokratien« verteidigten. Mit dieser Kritik geht manchmal ein Plädoyer für einen »linken Populismus« einher. Was linker Populismus sein soll, ist dabei häufig nicht so klar. Der vor einigen Jahren verstorbene britisch-argentinische Philosoph Ernesto Laclau galt als einer der schlauesten Denker eines solchen »linken Populismus«. Für ihn war eine der Charaktereigenschaften dieses Populismus, dass die Linke die Unterprivilegierten ansprechen müsse – als ein widerständiges »Wir«, gegen das »Sie«, die Etablierten, die Reichen, die Gewinner, diejenigen, die das System zu ihrem Vorteil geschaffen haben. Andere wiederum verbinden mit Linkspopulismus mehr Radikalismus oder einfach auch leicht verständliche Forderungen, die sich nicht im energielosen Für und Wider, dem Einerseits-Andererseits verlieren, die häufig progressive Regierungspolitik kennzeichnen. Für viele gehört zum »Linkspopulismus« auch eine kraftvolle, volkstümliche Sprache dazu.
Viele dieser Argumente klingen nicht nur plausibel, sie haben auch viel für sich. Aber zugleich führen linker Populismus oder auch andere Versuche einer radikaleren linken Politik sehr oft in eine Sackgasse einer regressiven Linken, die ihre Argumente wie mit dem Holzhammer vorträgt. Die Welt wird dann oft in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse unterteilt. Dann macht sich die Linke selbst auf den Weg in die Verdummung, weil ein solcher Manichäismus sowohl die Ambiguitäten der Wirklichkeit als auch die Komplexität jedes Themas ignorieren muss. Und sehr häufig stellt sich bald heraus, dass eine solche Strategie nicht nur zu deprimierenden Simplifizierungen führt, sondern auch zu pseudo-leninistischer Kraftmeierei und Verbalradikalismus, und dass dies noch nicht einmal Erfolge nach sich zieht. Denn im recht heterogenen Wählerpotenzial von Linksparteien schreckt solche Unvernunft immer auch mindestens so viele Leute ab, wie sie möglicherweise anzieht. Die Zahl jener, die man damit gewinnt, ist üblicherweise überschaubar. Und nicht wenige wird man mit der Holzhammermethode angewandter Unintelligenz sogar vergrämen.
Getragen ist diese Idee eines linken Populismus von der wahrscheinlich sehr menschenfreundlichen Hintergrundannahme, dass die Wähler und Wählerinnen der autoritären Rechten diese nicht wegen ihrer fiesen, bösartigen Rhetorik wählen, sondern trotz dieser, einfach um der etablierten Politik ein kräftiges »Nein« entgegenzuschleudern. Gewissermaßen: Eigentlich gute Menschen würden sich einfach verwählen, würden Verführern auf den Leim gehen. Éric Fassin hat schon vor Jahren dagegen nüchtern eingewandt: »Die Wähler Donald Trumps hätten nicht für Bernie Sanders gestimmt; die Wähler Marine Le Pens werden nicht für Jean-Luc Mélenchon stimmen. Und das hängt an Affekten. Das Ressentiment verkehrt sich nicht in Revolte … Das niederträchtige Blei des Grolls wird sich nicht in das reine Gold der Empörung verwandeln.«
Ein Linkspopulismus hat also seine fragwürdigen Seiten und seine Erfolgsaussichten sind mager.
Das, was man in Kontinentaleuropa gelegentlich den gemäßigten Linksliberalismus nennt, war wiederum oft auch eine Gegenreaktion auf eine regressive Linke, die dachte, die Konflikte in einer modernen Welt in den Kostümen einer untergegangenen Vergangenheit führen zu können. Das ist das Gute am Linksliberalismus. Aber auch er hat, wie sein Gegenteil, der Linkspopulismus, seine Falle: Er verliert sich leicht in eine derart ausbalancierte Gemäßigtheit und Vernünftigkeit, dass er gar nichts mehr zuwege bringt. Recht häufig wird er auch mit den technokratischen Erfolgstypen identifiziert, die heute oft die Führungskader etablierter progressiver Parteien stellen und eine abgehobene Ausstrahlung haben, sowie mit den progressiven Upperclasses der Innenstädte und Weltmetropolen.
Ja, schlimmer noch: Oft war er einfach eine Kapitulation vor den »Realitäten«, die Akzeptanz des zeitgenössischen Kapitalismus. Der Linksliberalismus ist in aller Regel derart »gemäßigt«, dass er wegen der »realpolitischen« Orientierung keinerlei Leidenschaften entfachen kann, während die akzentuierte Linke einen gewissen »Unrealismus« für notwendig hält, um den Kampf gegen Gewalt, Ungerechtigkeiten, soziale und ökonomische Ungleichheit aufnehmen zu können. Das ist eine häufige Schwäche des Linksliberalismus. Aber dennoch hat er gegenüber einem (verbal)radikalen Linkspopulismus einen großen Vorzug: Die Verdummung der Diskurse, die Gereiztheit, die Phrasen und die allgegenwärtige Propaganda, die mit dem Aufstieg des Rechtsextremismus einhergehen, gehen sehr vielen Leuten richtig auf die Nerven. Es ist eine Sackgasse, zu versuchen, in diesem Stil mit Faschisten und Rechtspopulisten in eine Konkurrenz zu treten.
Die demokratische Linke muss auf die Macht des Wortes, auf die des leisen Nachdenkens und Abwägens, aber auch auf die Macht der Gesprächsführung setzen, wozu das Argumentieren, das Widersprechen, aber auch das Zuhören gehört. »Die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat«, formulierte Sigmund Freud einmal. Vielleicht werden manche jetzt entgegnen, dass es romantisch oder sogar naiv ist, auf diese Weise auf die Macht des Wortes, nämlich auf die Macht des grübelnden, leisen Hin und Her des vernünftigen Dialogs zu setzen, auf das, was Jürgen Habermas in einer längst legendären Formulierung den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« nannte. Dann sollten wir allesamt romantischer werden. Denn ich denke, im Gegenteil, dass es keine andere gute Möglichkeit zur Verbesserung unserer Gesellschaften gibt, als sich – um Kant zu paraphrasieren – des eigenen Verstandes zu bedienen und das öffentlich zu tun und die Macht des Wortes zur Geltung zu bringen, gegen das Geschrei.
Es gibt einen Hang zur Vereindeutigung der Welt oder, umgekehrt, den »Widerwillen, Uneindeutigkeit auszuhalten«, wie das der deutsche Philosoph Thomas Bauer nannte. Der meinte, erstrebenswert wäre »Ambiguitätstoleranz«. Soll heißen: Die meisten Geschehnisse haben mehrere Aspekte, und außerdem wissen wir oft nicht genug für ein klares Urteil. Die Dinge sind uneindeutig, außerdem verändern sie sich dauernd.
Der Verbalradikalismus, die leninistische Mentalität und der Kult der »Entschlossenheit« wissen immer sehr genau, was richtig und was falsch ist. Dennoch haben sie einen wichtigen Punkt. Der Linkspopulismus wendet sich, übrigens ähnlich wie auch die Überzogenheiten der Identitätspolitik, gegen die Gemäßigtheit, die nichts zuwege bringt und von Angepasstheit nicht mehr zu unterscheiden ist. Aber seine Laster überwiegen bei Weitem seine Tugenden. Die Laster: das Manichäische, die Selbstbeschwörung, der Kult der Entschiedenheit, die Versuchung, dauernd auf der falschen Seite zu stehen.
Ein »radikaler« Linksliberalismus
Könnte man die Tugenden des Linksliberalismus und einer akzentuierten, gesellschaftsverändernden Linken verbinden? Im Grunde wäre das die große Aufgabe. Der Königsweg wäre so etwas wie ein »radikaler Linksliberalismus«, wenn es denn so etwas gäbe, angelehnt an einen »revolutionären Reformismus«, der nicht nur den autoritären Versuchungen einer regressiven Linken und den Verlockungen entgeht, eine komplexe Welt in alberne Eindeutigkeiten aufzulösen, sondern der zugleich die Falle einer totalen Gemäßigtheit vermeidet, die gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwelche ambitionierten Ziele zu formulieren. Also etwas von der Art: radikal in Ambition, aber vernünftig in Stil und Ton, gewinnend und zugewandt auch jenen gegenüber, die noch nicht überzeugt sind.
Vielleicht lässt sich das am besten an einer kleinen Anekdote beschreiben. Victor Adler, der legendäre Gründer und Anführer der österreichischen Sozialisten im 19. Jahrhundert, war einmal von einer Partei-Unterorganisation eingeladen, um über das »Parteiprogramm« zu sprechen. Seinem Freund Karl Kautsky berichtete er, dass »ein gescheiter Genosse« hinterher gemeint habe, er – Adler – habe gar nicht »über«, sondern »gegen das Programm« geredet. Tatsächlich habe er einige Phrasen und »Generalisierungen« der eigenen Leute durch den Kakao gezogen, Schlagworte und Kraftmeierslogans. Bei anderer Gelegenheit gestand Adler ein, »dass ich mich bemühe, bei allen Dingen beide Seiten zu sehen«. Mentalitätsmäßig war Adler das, was heutige junge Sektierer und Eindeutigkeitsfanatiker »Liberalo« nennen. Also so eine Art »Linksliberaler«.
Was »Linksliberalismus« heißt, ist ja sowieso nicht ganz klar. Ist damit eine spezielle, umfassende Programmatik gemeint, eine weltanschauungsmäßige Eigenständigkeit? Dann gehört zu dieser ein »Paket«, das Demokratisierung umfasst, eine prinzipientreue Pro-Freiheitshaltung und eine im weitesten Sinne keynesianische Wirtschaftstheorie, die Wohlfahrt für alle, Regulierung wild gewordener Märkte erstrebt, aber auch Skepsis gegenüber Staats- und Planwirtschaft hat. Ein solcher grundlegender Linksliberalismus will Machtprivilegien schleifen und alle Zwänge bekämpfen, die Menschen knechten, wozu von Armut und Ungleichheit bis Konventionen und Diskriminierungen so ziemlich alles gehört. Er versucht, Freiheit und Gleichheit zu verbinden. Es gibt aber auch eine schwächere Form von »Linksliberalismus«, die mehr einen Habitus und geistige Lebensart als eine eigenständige politische Programmatik meint, sich also wesentlich durch Nichtdogmatik und Nachdenklichkeit auszeichnet. So wie oben bei Victor Adler: Der war ja nicht linksliberal. Er war ein Linker und mutiger Weltveränderer. Aber eben ein schlauer. Einer, der den simplen Phrasen und Eindeutigkeiten misstraute. Der bei allen Dingen »beide Seiten« sah.
Nun kann man dieses »von allen Dingen beide Seiten«-Sehen natürlich auf den Linksliberalismus selbst anwenden, der einen »Nutzen und Nachtheil für das Leben« hat, um Nietzsche eine Phrase aus anderem Kontext zu klauen. Er nimmt überall das Einerseits und Andererseits wahr, hat eine wache Nase für Ambivalenzen und Graustufen, und wenn er dann alle Für und Wider wahrgenommen hat, dann ist erstens schon einmal viel Zeit vergangen und zweitens weiß er bei so viel Pro und Kontra am Ende nicht mehr, was er tun soll. Die Vereindeutigung der Welt ist laut und auftrumpfend, die Vervieldeutigung ist ruhig, nachdenklich und zweifelnd. Wie gesagt: Was ihre Stärke ist, ist zugleich ihre Schwäche. Die starken Emotionen – Wut, Angst, Empörung – sind bei der Vereindeutigung und aufseiten der populistischen Versimpelungen, was dazu führt, dass die linksliberale Mentalität die Wucht des großen Gefühls eher nicht auf ihrer Seite hat. Aber es gibt auch keinen Grund zu verzagen. Ich denke sogar, dass das Geschrei, die Unvernunft, die Vertrotteltheit der Schlagwort-Versimpelungen den meisten unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger auf die Nerven gehen. Sie wissen, dass die Dinge ihre Ambiguitäten haben. Sie sehnen sich nach Sachlichkeit im Meer von Krach und Radau. Dumme Polemiken widern sie an.
Man müsste Besonnenheit und Entschiedenheit unter einen Hut bringen, Nachdenklichkeit ohne Antriebslosigkeit hinkriegen. Das ist nicht leicht.
Aber wir sind ja auch nicht auf der Welt, damit wir es leicht haben.
Gegen die autoritäre Linke
