Verlag: Ullstein Ebooks in Ullstein Buchverlage Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Die Lichtung - Linus Geschke

In den 80ern wurde dein bester Freund getötet - jetzt jagst du seinen Mörder. Sommer 1986: Eine Kölner Clique verbringt ein Party- Wochenende in einer Blockhütte im Bergischen Land. Zwei Tage lang Bier, Musik, Baggersee und Flirts. Am Ende sind zwei junge Menschen tot – das Mädchen vergewaltigt und erstochen, der Junge brutal erschlagen. Der Doppelmord wird nie aufgeklärt. Der Kölner Zeitungsredakteur Jan Römer soll Jahre später über den ungelösten Kriminalfall schreiben. Römer erinnert sich gut, denn das Wochenende im Wald war das Ende seiner Jugend – er gehörte selbst zu jener Clique. Gemeinsam mit seiner besten Freundin Mütze will er herausfinden, was damals wirklich geschah. Zu spät merkt er, in welche Gefahr er sich dadurch bringt... »Eines jener Bücher, wo man die Nacht durchliest, um zu wissen, wie es ausgeht. Und sich hinterher ein kleines bisschen cooler fühlt, weil man auch in den 80ern aufgewachsen ist.« Stefan Gerold/Neue Westfälische »Endlich nach langer Zeit wieder ein Buch, das süchtig macht. Genau die richtige Mischung aus Witz, guten Figuren und Spannung, die einen bis zur letzten Seite bannt.« Katja Mitic/Die Welt

Meinungen über das E-Book Die Lichtung - Linus Geschke

E-Book-Leseprobe Die Lichtung - Linus Geschke

Das Buch

Jan Römer ist Redakteur beim Kölner Magazin Die Reporter. Als er für die Rubrik »Ungelöste Kriminalfälle« über einen Doppelmord an zwei Teenagern schreiben soll, der 1986 geschah, katapultiert ihn das weit in die eigene Vergangenheit: Er gehörte damals zu jener Clique, aus der die beiden Opfer stammten. Wie konnte er nur die Zeit vergessen, als Neue Deutsche Welle und Mopeds sein Leben bestimmten? Jan erinnert sich an die Freunde von damals und an das brütend heiße Wochenende, das mit einem Ausflug ins Bergische Land begann und für zwei Menschen mit dem Tod endete.

Gemeinsam mit seiner ehemaligen Kollegin Stefanie »Mütze« Schneider beginnt Jan Römer zu recherchieren. Doch schnell bekommt er zu spüren, dass er damit jemandem zu nahe tritt. Aber wem? Jan muss herausfinden, was in jenem Sommer 1986 wirklich geschah …

Der Autor

Linus Geschke, geboren 1970, arbeitet als freier Journa­list für führende deutsche Magazine und Tageszeitungen, darunter Spiegel Online, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und Manager Magazin

Linus

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Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Oktober 2014

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2014

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Titelabbildung: © Nikki Smith/arcangel images

ISBN 978-3-8437-0976-7

Alle Rechte vorbehalten.

Unbefugte Nutzung wie etwa Vervielfältigung,

Verbreitung, Speicherung oder Übertragung

können zivil- oder strafrechtlich

verfolgt werden.

E-Book: LVD GmbH, Berlin

Ich wollte die Mappe nicht öffnen. Spürte, dass ihr ­Inhalt etwas war, das besser verborgen bleiben sollte. Manche nannten das eine dunkle Vorahnung. Ein nicht zu bestimmendes Gefühl, das einen überkam, sobald sich drohendes Unheil abzeichnete.

Sie lag vor mir auf dem Tisch. Eigentlich hatte sie nichts Bedrohliches an sich. Es war eine ganz gewöhnliche braune Mappe, die mit weißen Gummibändern zusammengehalten wurde. Ich zupfte an ihnen herum. Ungeklärter Kriminalfall stand auf dem Deckel, darunter Bergisches Land und die Jahreszahl 1986.

Ich hob den Blick und schaute mich um. Meine Kollegen tranken mit abgespreizten Fingern Kaffee und knabberten lustlos an vertrockneten Keksen. Acht Män­ner in leichten Sommeranzügen und drei Frauen in hellen Business-Kostümen. Niemand schien meine dunkle Vorahnung zu teilen. Alles war wie immer.

»Was soll das?«, fragte ich laut und deutete auf die Mappe.

Kemper drehte sich um. Seit elf Jahren war er der Chefredakteur unseres Magazins Die Reporter, und er wusste, dass die Unterlagen nicht dort liegen sollten. Nicht vor mir. Ich war für Reise und Sport zuständig, nicht für Verbrechen.

»Da kommen wir gleich noch zu«, sagte er und wendete sich wieder ab.

Vielleicht war meine Ahnung unbegründet. Vielleicht ging es um etwas ganz anderes. Vielleicht war alles ganz harmlos. Mir aber waren das entschieden zu viele vielleicht.

»Warum gleich? Lass uns jetzt drüber reden, Arnold.«

Kemper seufzte und schaute mich an. »Am Freitag hatte Kollege Reinhardt einen Autounfall. Nichts Dramatisches, hab vorhin mit seiner Frau telefoniert. Aber er wird wohl eine Zeitlang ausfallen. Und bis er wieder da ist, müssen wir das Ressort Zeitgeschichte auf mehrere Schultern verteilen. Das heißt für dich: Du machst die Geschichte.«

Ich war 43 Jahre alt. Knapp 20 davon als Autor und Journalist tätig und lange genug beim Reporter, um zu wissen, dass ich mir Diskussionen über Aufträge mit Kemper sparen konnte. Normalerweise hätte ich spätestens an dieser Stelle nachgegeben.

Aber nicht heute. Nicht hierbei.

»Worum geht’s?«

»Mensch, Jan …«, sagte er und verdrehte die Augen. »Das steht doch alles da drin. Schau halt rein!«

»Aber …«

»Okay, okay, wenn Herr Römer unbedingt eine per­sönliche Einweisung braucht: Es geht um einen Doppelmord im Bergischen Land. Irgendein Irrer hat 1986 zwei Teenager umgebracht. Wenn ich’s richtig im Kopf habe, ein 16-jähriges Mädchen und deren Freund.«

Er legte eine kurze Pause ein und schaute mich nachdenklich an. »Du warst doch damals in etwa so alt wie die Opfer … kannst du dich nicht an den Fall erinnern? Die Geschichte muss doch groß durch die Medien gegangen sein.«

Es fühlte sich an, als hätte mir jemand mit Anlauf in den Magen getreten. Mir wurde schlecht. Die Gesichter meiner Kollegen verschwammen.

Kemper merkte davon nichts. Ungerührt fuhr er fort: »Wie dem auch sei – mach mir ’ne schön menschliche Geschichte daraus, und ich geb dir sechs Seiten im Heft, okay?«

Ich konnte mich an den Fall erinnern. Mehr, als mir lieb war.

Sommer 1986: So heiß, dass es einen in den Wahnsinn trieb. Da war die Blockhütte. Menschen lachten. Es roch nach Bier und Grillfleisch.

Meine Hände krampften sich um die Stuhllehnen, das Zimmer begann sich zu drehen.

Um mich herum war Dunkelheit.Ich stand im Wald. Der Mond war ein silberner Knopf, hinter hohen Bäumen an ein tiefschwarzes Firmament genäht.

Ich spürte, wie mir schwindelig wurde, und musste die Augen schließen. Meine Gedanken rasten. Das stimmt nicht. Der Junge war nicht der Freund des Mädchens. Sie hat alle verrückt gemacht.

Ich wollte die Augen wieder öffnen und der Erin­nerung entfliehen, aber es war zu spät. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn, und ich spürte, wie er mir vom Nacken den Rücken herunterlief. Ich brauchte etwas zu trinken, ganz dringend. Dann kippte ich vom Stuhl.

Als ich wieder zu mir kam, blickte ich in das besorgte Gesicht von Monika Lettmann. »O Gott, Herr Römer – was ist denn mit Ihnen los? Sollen wir einen Arzt rufen?«

»Nein, keinen Arzt«, krächzte ich. »Nur ein kaltes Glas Wasser bitte. Mir ist einfach nur schwindelig geworden.«

Kurz darauf wurde Monika Lettmann aus meinem Blickfeld gedrängt, in das sich dann Arnold Kemper schob. Auch er musterte mich eindringlich. Ich bemühte mich, ihn anzusehen. Mein Hirn war noch träge, schien jedoch langsam wieder auf Touren zu kommen. Dann sah ich die Dose Cola, die er in der Hand hielt, und das Kondenswasser an ihr, das wie kleine Perlen zu Boden tropfte.

»Danke, Arnold.«

»Schön langsam trinken«, sagte er erstaunlich sanft.

Ich nahm ihm die Dose aus der Hand und trank sie in einem Zug leer. Anschließend versuchte ich mich an einem Lächeln. Nur nichts anmerken lassen. Es klappte.

»Ich glaub es nicht … hat man so was schon gesehen?«, sagte Kemper erleichtert und drehte sich beifallheischend zu den anderen um. »Da gibt man dem Kerl einmal einen Auftrag außerhalb der Reihe, und was ist? Er bekommt einen Schwächeanfall.«

Theatralisch schüttelte er den Kopf. »Kann mir mal jemand erklären, wo die ganzen Reporter der guten ­alten Schule hin sind? Die nächtelang vor Haustüren ausharrten und jeden Stein umdrehten, um an ein Fitzel­chen an Informationen zu gelangen? Nur noch Weicheier hier – und ich darf mir für die Verlagsleitung immer neue Ausreden einfallen lassen, warum unsere Auflage Woche für Woche tiefer in den Keller sinkt.«

Dann schaute er wieder mich an. »Pack dir die Unterlagen über den Fall ein und fahr nach Haus. Nimm dir morgen frei und les dich rein. Und dann machst du mir eine Geschichte daraus, die mehr beinhaltet als aufgewärmte Polizeiberichte.«

*

Eine halbe Stunde später war ich in Sülz angekommen und parkte den Wagen vor unserem Haus in der Gerol­steiner Straße. Kurz nach der Hochzeit hatten ­Sarah und ich hier eine Vierzimmerwohnung gekauft und diese Entscheidung auch nie bereut. Aus dem ehemaligen Arbeiterviertel war über die Jahre eine Gegend für Akademiker und gutverdienende Familien geworden, die Bionade tranken, in Bioläden einkauften und Latte macchiato bestellten, weil ihnen das Wort Milchkaffee zu ordinär erschien. Die neuen Spießer also. Wahrscheinlich war ich auch einer von ihnen.

Als ich die Wohnungstür aufschloss, wurde mir ­erneut übel. In der Redaktion hatte ich ein paar Sekunden lang gedacht, ich würde in einem billigen Drehstuhl aus Kunstleder sterben, ein Herzinfarkt viel­leicht. Das Letzte, was ich gehört hätte, wäre Kempers Stimme gewesen, der einem Kollegen den Auftrag gibt, eine Story aus meinem Ableben zu stricken: »So was schön Menschliches halt.«

Zumindest das war mir erspart geblieben. Ich ging in die Küche, nahm den Orangensaft aus dem Kühlschrank und goss mir ein Glas ein. Die Akte über die beiden Morde hatte ich im Wohnzimmer auf das Sideboard gelegt, direkt neben das Bild von Sarah und ­Lukas. Meine Frau war gestern mit unserem Sohn nach St. Peter-­Ording gefahren, und ich wollte am nächsten Sonntag nachkommen. Lukas hatte im vorigen Urlaub sein achtjähriges Herz an das Windsurfen verloren, und seitdem gab es für ihn nichts Wichtigeres mehr – abgesehen vielleicht von seiner Playstation und den ebenso verzweifelten wie vergeblichen Versuchen des 1. FC Köln, sportlich wieder an glorreiche Zeiten anzuschließen.

In diesem Moment bedauerte ich zutiefst, dass ich meinen Urlaubsantrag erst verspätet eingereicht und prompt die erste Ferienwoche nicht mehr genehmigt bekommen hatte. Wenn ich heute am Strand gelegen und Lukas beim Windsurfen zugeschaut hätte, wäre dieser Auftrag an irgendeinen Kollegen gegangen. Ich hätte nie diese verdammte braune Mappe gesehen und den Sommer 1986 da lassen können, wo ich ihn seit 27 Jahren begraben hielt – tief versteckt in den hintersten Winkeln meines Gehirns.

Mit dem Orangensaft in der Hand legte ich mich auf die Liege im Wohnzimmer. Sie war das einzige Mö­belstück in unserer Wohnung, von dem ich behauptete, es gehöre mir und nicht uns. Die Liege war geformt wie ein umgefallenes S und mein Lieblingsplatz, wenn ich mir in Ruhe einen Spielfilm oder eine Doku anschauen wollte. Ich roch den Duft des weichen Leders und wartete darauf, dass sich mein Körper wie gewohnt entspannen würde.

Es klappte nicht.

Meine Gedanken fuhren Achterbahn und jagten kreuz und quer durch meinen Kopf, ohne ein konkretes Ziel zu erreichen. Ich atmete tief durch und versuchte, mich auf die Zeit zu konzentrieren, in der ich noch ein Teenager gewesen war, der zu allem eine Meinung, aber von wenig eine Ahnung gehabt hatte.

Irgendwann erschien das Bild eines Sommers vor meinen Augen. Ein Sommer, in dem der Himmel immer hellblau war, ein paar Schäfchenwolken vereinzelte Tupfer bildeten und Sonnenstrahlen auf jugendlichen Körpern explodierten. Alle um mich herum schienen in Jeans, Turnschuhen und weißen T-Shirts zu stecken, kauten Kaugummi und strotzten vor Unternehmungslust. Dieser Sommer roch nach frisch gemähtem Gras und dem Zweitaktbenzin, mit dem wir unsere Mopeds und Achtziger betankten, damit sie uns in eine Welt ­hinaustrugen, von der wir nicht viel wussten, aber überzeugt waren, dass es bald die unsere sein würde. Es war ein Sommer, der sich nach Neuer Deutscher Welle und Depeche Mode anhörte, der schmeckte wie das Zitroneneis beim Italiener und duftete wie diese süßen Parfüms, die damals alle Mädchen benutzten – nicht verführerisch, eher unschuldig riechend. Vielleicht waren wir das damals auch noch: Unschuldige.

Zwei Dinge prägten diese Zeit stärker als alle anderen: meine erste große Liebe und meine Freunde – die besten Freunde, die ich jemals gehabt hatte. Ich projizierte die in den Jahren undeutlich gewordenen Gesichter an meine Augenlider, und mit der Zeit fielen mir auch die dazugehörigen Namen wieder ein. Tanja und Christine, Mike und Alex, Rolf und Marion, Paul und …

»Sag ihn«, dachte ich, »sag ihn doch einfach! Du wirst sie doch sowieso nie vergessen.«

»Lara«, flüsterte ich in die Stille der Wohnung ­hinein, und dann noch einmal, diesmal lauter: »Lara!«

Augenblicklich krampften sich meine Eingeweide zusammen. Ich schaffte es gerade noch ins Bad, wo ich mich würgend in die Toilettenschüssel erbrach. Die hochkommende Säure brannte widerlich im Hals, vielleicht war der Orangensaft doch keine so gute Idee gewesen.

Während ich noch auf den Bodenfliesen kniete, begann ich, darüber nachzudenken, dass sich die entscheidenden Ereignisse jenes Sommers auf eine einzige Woche Anfang August konzentriert hatten. Jetzt war wieder August, und ich hatte eine knappe Woche Zeit, bis ich bei Sarah und Lukas in St. Peter-Ording sein musste. Das erschien mir angemessen – ich musste die Zeit nur richtig nutzen. Nach dem Vorfall heute Morgen würde es mir nicht schwerfallen, Kemper eine plausible Er­klärung zu liefern, weshalb ich bis zu meinem Urlaubsbeginn nicht mehr in der Redaktion erscheinen konnte. »Scheiß auf Reise und Sport«, dachte ich. Arnold würde schon einen Deppen finden, dem er die Rubriken aufhalsen konnte.

Nachdem ich mich hochgerappelt hatte, putzte ich mir die Zähne und ließ eiskaltes Wasser über mein Gesicht laufen. Ich war unglaublich müde, in meinen Beinen schienen kiloschwere Bleistücke zu stecken. Langsam schleppte ich mich ins Wohnzimmer zurück und begann, Mützes Nummer zu wählen. Die Unterlagen über den Fall ließ ich weiterhin auf dem Sideboard liegen. Ich fühlte mich nicht annähernd fit genug, um mir jetzt schon Einzelheiten anzuschauen.

»Schneider«, meldete sich eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung. So schnell, wie sie den Hörer abnahm, musste sie direkt neben dem Telefon gestanden haben.

»Ich bin’s, Jan. Hast du Zeit?«

»Prinzipiell schon. Was gibt’s denn?«

»Ich brauch dich, Mütze.«

Eine kurze Pause entstand. Ihre Stimme war leiser geworden, als sie sagte: »Was ist denn los? Du hörst dich echt fertig an.«

»Bin ich auch. Passt es dir, wenn ich jetzt direkt vorbeikomme?«

Es passte. Ich zog mir eine Jeans und ein locker sitzendes T-Shirt an und verließ die Wohnung. Kurz ­darauf klingelte ich an ihrer Tür. Mütze hieß mit richtigem Namen Stefanie Schneider, wohnte nur zwei Straßen weiter und war, nachdem sie vor neun Jahren in unserer Redaktion ein Volontariat absolviert hatte, zu einer guten Freundin geworden – einer rein platonischen Freundin, wohlgemerkt. Wie alle, die sie kannten, nannte ich sie Mütze, weil sie ihre Wohnung nie ohne Kopfbedeckung verließ. Im Winter und Frühling trug sie farblich abenteuerliche Strickmützen, die im Sommer und Herbst diversen Baseballkappen wichen.

»Was ist denn los?«, fragte sie, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. »Du siehst noch übler aus, als du dich angehört hast. Ist irgendwas mit Sarah oder Lukas passiert?«

Große braune Ponyaugen schauten mich besorgt unter einem 49ers-Cap an, aus dem hinten ein dunkelblonder Zopf baumelte.

»Nein, denen geht’s gut. Die sind an der Nordsee, liegen in der Sonne und surfen auf den Wellen. Aber ich hab ein Problem. Ein berufliches, das gleichzeitig aber auch … ziemlich privat ist.«

Mit meinen beruflichen Problemen kannte sie sich aus, mit meinen privaten weniger. Vor zwei Jahren hatte Mütze eine mittelschwere Erbschaft gemacht und noch am selben Tag den Journalistenjob hingeschmissen, von dem sie sich wohl mehr versprochen hatte, als über Großbaustellen und Lokalpolitiker zu berichten. Seitdem besaß sie eine Visitenkarte, auf der anstelle einer Berufsbezeichnung das Wort »Privatier« stand.

»Privatierin klingt doch scheiße, oder?«, hatte sie mit breitem Grinsen gesagt, und wer wollte ihr da widersprechen.

Wenn Mütze Langeweile hatte und es sich anbot, half sie mir manchmal, Fakten zu recherchieren, die ich für einen Artikel brauchte. Eine für beide Seiten vorteilhafte Konstellation: Sie freute sich über ein wenig Abwechslung in ihrem Privatier-Dasein und ich mich über kompetente Hilfe. Die zudem auch noch völlig kostenlos war, da Mütze sich wegen ihrer Erbschaft nicht traute, mir dafür etwas in Rechnung zu stellen. Außerdem konnten wir so ab und zu Zeit miteinander verbringen, ohne dass Sarah direkt einen Eifersuchtsanfall bekam.

Ich folgte Mütze ins Wohnzimmer und ließ mich auf die cremefarbene Stoffcouch fallen. Der Raum wurde von einem riesigen Flachbildfernseher dominiert, unter dem ein ultramodernes Soundsystem steckte. An den Längswänden standen Sideboards aus Pinienholz, die dem Ganzen ein mediterranes Flair verliehen. Und Bücher. Viele Bücher. Auf den Sideboards, in einem Regal, zu Stapeln aufgeschichtet auf dem Boden.

Mütze war in der Küche verschwunden und kam kurz darauf mit zwei Gläsern wieder, in denen frisch gepresster Zitronensaft schwappte, den sie gezuckert und mit Mineralwasser aufgefüllt hatte. Ich nahm einen Schluck, lehnte mich zurück und begann, von dem Fall zu erzählen.

Ich ließ nichts aus. Fast nichts. Ich offenbarte ihr, dass ich damals derselben Clique angehört hatte wie die Opfer und mich an weite Teile des Sommers noch gut erinnern konnte. Aus irgendeinem Grund verschwieg ich ihr jedoch, dass ich zu dem Zeitpunkt des Verbrechens ebenfalls im Bergischen Land war – und ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war sie weit davon entfernt, irgendetwas zu ahnen.

»Mensch, Jan«, sagte sie, als ich fertig war. »Wenn du ein Bulle wärst und ich dein Chef, dann würde ich jetzt sagen: Römer, Sie sind befangen. Geben Sie den Fall gefälligst an einen Kollegen ab!«

»Nichts da«, sagte ich und lächelte. Es war mein erstes aufrichtiges Lächeln an diesem Tag. »Da muss und da will ich jetzt durch. Ich kann das nicht noch einmal verdrängen, ohne mir zumindest vorher bewusst vor Augen zu führen, was damals alles passiert ist. Verstehst du?«

Sie nickte, obwohl ich nicht glaubte, dass sie es wirklich verstehen konnte. Wie auch? Sie war behütet aufgewachsen, ihr ganzes Leben war gradlinig verlaufen. Niemand hatte ihren besten Freund erschlagen. Keiner ein Mädchen vergewaltigt und abgestochen, das sie gut gekannt hatte. Ihre Träume wurden nicht von den Dämonen mühsam unterdrückter Erinnerungen heimgesucht. Ich wünschte ihr von ganzem Herzen, dass sich daran auch nie etwas ändern würde.

Dann schaute ich ihr in die Augen. »Fünf Tage, Mütze, nur fünf Tage. So viel sollte einem die eigene Vergangenheit doch wert sein, oder?«

»Wenn ich dir dabei helfen kann, dann mach ich das gerne, das weißt du.«

Nichts anderes hatte ich hören wollen.

Als die Dämmerung kam, saßen wir immer noch auf ihrem Balkon; das Wohnzimmer hatten wir schon vor Stunden verlassen. Ein kräftiges Indigoblau färbte den Himmel von den Rändern her dunkel wie eine Tinteninfusion. Vor uns auf dem Tisch lagen Zettelchen, auf denen wir unsere Pläne für die nächsten Tage notiert hatten.

Sämtliche alten Polizeiberichte lesen und auswerten.

Meine alten Freunde aufspüren und befragen.

Herausbekommen, woran sie sich erinnern können.

Die Orte des Geschehens aufsuchen.

In meinen Erinnerungen wühlen.

Mütze wollte sich dabei auf Aufgaben konzentrieren, die Distanz erforderten, ich auf persönliche Dinge, den ganzen emotionalen Part.

Jetzt fühlte ich mich ermattet und ausgelaugt. Am liebsten hätte ich Scotty angefunkt, damit er mich augenblicklich ins Bett beamen würde. Mütze dagegen wirkte frisch und ausgeruht. Sie saß mir gegenüber und rauchte entspannt eine Zigarette, deren Glut in der hereinbrechenden Dunkelheit ab und zu rötlich aufleuchtete wie ein Bremslicht.

»Wo hat sich eure Clique eigentlich immer getroffen?«

»Im Park«, sagte ich und lächelte. »Ich weiß gar nicht mehr, wer auf den Namen gekommen ist. Aber solange ich ihn kenne, hieß er so: der Park.«

»So was wie der Volksgarten?«

»Nein – eigentlich war es auch kein Park im eigentlichen Sinne, sondern ein hinter einer Toreinfahrt liegendes Gelände mit Wiesen, Bäumen und einem kleinen Spielplatz. Ich hab keine Ahnung, ob es ihn heute überhaupt noch gibt.«

Sie drückte ihre Zigarette aus und schaute mich an. Pure Energie blitzte aus ihren Augen.

»Bring mich hin!«, sagte sie.

»Jetzt?«

»Ich will sehen, wo alles angefangen hat.«

»Aber …«, begann ich zu widersprechen. Ich wollte nur noch nach Hause. Außerdem würde Sarah bald ­anrufen, wie jeden Abend, bevor sie ins Bett ging. Entweder, um mir eine gute Nacht zu wünschen oder um mich zu kontrollieren – ich war mir da nie ganz sicher.

»Kein Aber, Jan«, sagte sie und stand auf. »Du kannst mich doch nicht die ganze Zeit mit deiner Vergangenheit zutexten und dann sang- und klanglos von der Bildfläche verschwinden, ohne dass ich mir ein konkretes Bild machen konnte. Komm schon – los geht’s!«

Ich stöhnte. Mütze war 14 Jahre jünger als ich, und in diesem Moment schien jedes einzelne davon zentner­schwer auf meinen Schultern zu lasten. Aber ich hatte auch keine Kraft mehr zur Gegenwehr, und außerdem, so ganz im Hinterkopf, reizte mich der Gedanke, den Park wiederzusehen.

Seufzend raffte ich mich auf und griff nach den Autoschlüsseln.

Kurz darauf parkten wir im Kartäuserwall und blickten auf den Ort, der für mich der Park gewesen war. Alles sah noch genauso aus, wie ich es in Erinnerung gehabt hatte: die Häuser, die Straße, das hundert Meter entfernt liegende Altersheim. Auch die Toreinfahrt war nahezu unverändert, nur dass der Zugang in den Hof jetzt durch ein Rolltor versperrt war, das es früher nicht gegeben hatte. Merkwürdigerweise erschien mir die Umgebung dennoch seltsam fremd, wie eine Stätte, die ich zwar gekannt, mit der mich emotional jedoch nichts verbunden hatte.

Auch Mütze wirkte enttäuscht. Was auch immer sie sich von diesem Ausflug versprochen hatte: Hier gab es keine spukenden Geister der Vergangenheit, die nur auf uns gewartet hatten. Keine erhellenden Einblicke. Nur eine verschlossene Hofeinfahrt, die in ihrer Banalität fast schon komisch wirkte.

Ich wollte Mütze gerade fragen, ob wir wieder zurückfahren sollten, als im Rückspiegel Scheinwerfer auf­tauchten. Ein silberfarbener Opel Astra bremste hinter uns ab, fuhr auf den Bürgersteig und blieb mit laufendem Motor vor dem verschlossenen Tor stehen. Während der Wagen in die Nacht dieselte, stieg der Fahrer aus, kramte einen Schlüssel aus der Hosentasche und schob ihn in den metallenen Kasten, der neben dem Rolltor angebracht war. Kurz darauf wurde es von einem unsichtbaren Antrieb in die Höhe gezogen und gab den Blick frei auf den dahinter liegenden Hof, perfekt ausgeleuchtet durch die Scheinwerfer des Opels.

Da lag sie also vor mir, meine Vergangenheit. Insgesamt betrachtet war es eine glückliche, unschuldige Zeit gewesen, und obwohl es auch Schattenseiten gegeben hatte, riefen die Erinnerungen daran jetzt doch eine beklemmende Sehnsucht in mir hervor. Ich versuchte, dies vor mir selbst zu erklären, indem ich mir sagte, dass mein Innenleben gerade in Aufruhr war, weil so vieles auf mich einstürzte. Mir gingen meine verstorbenen Eltern durch den Kopf, meine Jugend, meine ­damaligen Freunde. Und auch all die Dinge, die unerledigt geblieben waren, weil diese Zeit ein so abruptes vorzeitiges Ende fand. Rückblickend war es mir manchmal so vorgekommen, als hätte das Böse damals noch keinen Platz in meinem Leben gehabt. Aber das stimmte nicht. Es war da gewesen. Schon immer.

AUGUST 1986

Alex Riewer und ich standen in einem Tempel aus Licht und Glück. Der abendliche Sommerwind streichelte unsere Haut, der Gesang aus 45 000 Kehlen unsere Seele. Der Fußballrasen unter uns sah dermaßen grün aus, dass man denken könnte, jemand hätte ihn an­gemalt. Im weiten Oval feierten die Fans, ein einziges rot-weißes Freudenmeer brandete durch das Müngers­dorfer Stadion. Ich schaute hoch zur Anzeigetafel. 1. FC Köln: 3, VfL Bochum: 0. Es war 1986, ein Freitagabend Anfang August, und es lief die 86. Spielminute.

Alex beugte sich hinüber zu den drei Jungs, die links von uns standen. Fränzchen, Thorsten und Helmut, den alle nur Heli nannten und den ich nie anders als kaugummikauend gesehen hatte. Die drei kamen wie wir aus der Kölner Innenstadt, wohnten in der Nähe des Neumarkts und gehörten einer Clique an, mit der wir lose befreundet waren.

Ich wendete mich ab und konzentrierte mich wieder auf das Geschehen auf dem Rasen. Von ihrem Gespräch bekam ich nur Wortfetzen mit. Es ging um die Pläne nach dem Spiel. »Bochumer klatschen«, hörte ich Fränz­chen sagen.

»Was geht jetzt?«, fragte Heli nach dem Schlusspfiff und schob sich ein neues Kaugummi in den Mund. »Seid ihr mit dabei oder nicht?«

Ich sah den fragenden Blick von Alex und schüttelte leicht den Kopf. Gerade so, dass er es mitbekam, die anderen jedoch nicht.

»Ansonsten echt gerne, sch… sch… scheiß Bochumer«, sagte Alex. Er stotterte immer, wenn er aufgeregt war. »Aber heute steht noch ’ne Party an und da sind voll die super Bräute am Start.«

»Klingt geil. Wo denn?«, fragte Heli interessiert.

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