Die nicht sterben - Dana Grigorcea - E-Book

Die nicht sterben E-Book

Dana Grigorcea

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17,99 €

Beschreibung

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2021!
»Ihre Prosa ist wie mit dicken Pinselstrichen gemalt, draufgängerisch, genüsslich, üppig und humorvoll.« Anne-Catherine Simon, Die Presse


Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. „Uns kann niemand brechen“, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden. Als auf dem Grab Vlad des Pfählers, als Dracula bekannt, eine geschändete Leiche gefunden wird, begreift sie, dass die Vergangenheit den Ort noch nicht losgelassen hat – und der Leitspruch ihrer Großtante zugleich der Draculas ist. Die Geschichte des grausamen Fürsten will sie erzählen. Am Anfang befürchtet sie, dass sie die Reihenfolge der Geschehnisse verwechseln könnte. Dann wird ihr klar: Jede Reihenfolge ergibt einen Sinn. Weil es in der Geschichte nicht um Ursache oder Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal. Inzwischen aber ist es für jede Flucht zu spät.

Dana Grigorcea zeichnet ein atemberaubend atmosphärisches Porträt der postkommunistischen Gesellschaft, die bis heute in einem Zwischenreich gefangen scheint. Ohne Vorwarnung führt sie ihre Leserinnen und Leser ins Herz eines Schreckens, wie ihn nur die eigene Vorstellungskraft erzeugen kann - oder der gestrenge Fürst Dracula.

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Eine junge Bukarester Malerin kehrt nach ihrem Kunststudium in Paris in den Ferienort ihrer Kindheit an der Grenze zu Transsilvanien zurück. In der Kleinstadt B. hat sie bei ihrer großbürgerlichen Großtante unter Kronleuchtern und auf Perserteppichen die Sommerferien verbracht. Eine Insel, auf der die kommunistische Diktatur etwas war, das man verlachen konnte. »Uns kann niemand brechen«, pflegte ihre Großtante zu sagen. Inzwischen ist der Kommunismus Vergangenheit und B. hat seine besten Zeiten hinter sich. Für die Künstlerin ist es eine Rückkehr in eine fremd gewordene Welt, mit der sie nur noch wenige enge Freundschaften und die Fäden ihrer Familiengeschichte verbinden. Als auf dem Grab Vlad des Pfählers, als Dracula bekannt, eine geschändete Leiche gefunden wird, begreift sie, dass die Vergangenheit den Ort noch nicht losgelassen hat – und der Leitspruch ihrer Großtante zugleich der Draculas ist. Die Geschichte des grausamen Fürsten will sie erzählen. Am Anfang befürchtet sie, dass sie die Reihenfolge der Geschehnisse verwechseln könnte. Dann wird ihr klar: Jede Reihenfolge ergibt einen Sinn. Weil es in der Geschichte nicht um Ursache oder Wirkung geht, sondern nur um eines: Schicksal. Inzwischen aber ist es für jede Flucht zu spät.

Dana Grigorcea zeichnet ein atemberaubend atmosphärisches Porträt der postkommunistischen Gesellschaft, die bis heute in einem Zwischenreich gefangen scheint. Ohne Vorwarnung führt sie ihre Leserinnen und Leser ins Herz eines Schreckens, wie ihn nur die eigene Vorstellungskraft erzeugen kann – oder der gestrenge Fürst Dracula.

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie studierte Germanistik und Nederlandistik und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin, etwa der Roman »Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit« und die Novelle »Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen«, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

»Ihre Prosa ist wie mit dicken Pinselstrichen gemalt, draufgängerisch, genüsslich, üppig und humorvoll.« Anne-Catherine Simon, Die Presse

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DANA GRIGORCEA

DIE NICHT STERBEN

ROMAN

Die Autorin dankt der Stadt Zürich, der UBS Kulturstiftung sowie der Kulturstiftung Landis & Gyr für die großzügige Unterstützung ihrer Arbeit an diesem Roman.

Das Motto des Romans ist zitiert nach Bram Stoker: Dracula. Ein Vampirroman. Carl Hanser Verlag, München1967, übersetzt von Stasi Kull, unter Verwendung älterer Übertragungen.

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Copyright © 2021

Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Favoritbüro

Covermotiv: © Channarong Pherngjanda / shutterstock

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-26382-9V003

www.penguin-verlag.de

»Wenn jemand ein solcher wird, so trifft ihn mit dieser Veränderung zugleich der Fluch der Unsterblichkeit; er kann nicht sterben, sondern muss Jahrhundert um Jahrhundert wandeln, immer neue Opfer suchen und so die Übel der Welt ins Ungemessene vermehren. Denn alle, die als Opfer eines Nicht-Toten sterben, werden selbst Nicht-Tote und gehen selbst auf Beute aus. So weitet sich der unheimliche Kreis immer mehr, wie ein ins Wasser geworfener Stein immer größere Wellenringe hervorruft.«

Bram Stoker, Dracula

Für Perikles

I

Johnny und sein Tod

Ich kann nicht umhin, diese Geschichte zu erzählen, zumal ich sie aus nächster Nähe erlebt habe und alle Berichterstattung darüber als falsch erkenne. Über die Gründe – Zeitmangel bei der Recherche, journalistische Inkompetenz, Sensationslust und, ganz offensichtlich, private Interessen – werde ich mich nicht länger auslassen, weil mich dabei eine Resignation befällt, die meinem Erzählen abträglich wäre. Auch werde ich den Ort, an dem sich alles abgespielt hat, einfach nur B. nennen – zum einen, weil ich seinen zweifelhaften Ruhm nicht zusätzlich befördern will, zum anderen, weil die Geschichte sinnbildlich ist für unsere walachische Moral, wenngleich sie sich freilich an vielen Orten auf der Welt hätte abspielen können.

Als Orientierung für diejenigen unter Ihnen, die von der Sache nichts mitbekommen haben, muss ich anführen, dass B. eine kleine Ortschaft in der Walachei ist, südlich von Transsilvanien gelegen, am Fuß der Karpaten. Die Bukarester und die Kronstädter, die hier Ferienhäuser besaßen, bezeichneten die Ortschaft schlicht als Dorf, die Einheimischen allerdings sprachen trotzig von einer Stadt, weil am Fluss früher eine große Weberei stand, in der viele Bauern zu Arbeitern umfunktioniert wurden; für die Meinen war B., ganz versöhnlich, ein wundervoller Kurort. Dieser Ort also – darüber immerhin ist man sich einig – wurde bis zu den Ereignissen, über die hier zu berichten sein wird, weder mit Dracula noch mit anderen Vampirgeschichten in Verbindung gebracht.

Vor der politischen Wende im Jahr 1989 konnte man hier in B. für die Ferien ganze Villen mieten. Wir haben stets dieselbe gewählt, jene am Waldrand. Die Villa Diana, nach der auch hier wohlbekannten Jagdgöttin benannt, war ein Haus wie eine Burg, allerdings unförmig geworden durch die vielen schlecht ausgeführten Umbauten im Laufe der Zeit. Sie verfügte über eine große Galerie mit halbhohen Säulen im ersten Stockwerk, wirkte insgesamt aber nüchtern, weiß angestrichen, wie sie war. Die Schatten der umliegenden Bäume zeichneten sich darauf ab, wenn sie im Wind hin und her streiften und sich, im Wechsel von Tages- und Mondlicht, bizarr um alle Ecken des Hauses bogen.

Wir reisten mit erweiterter Familie und Freunden in mehreren Autos aus der Hauptstadt an, beladen mit dem Haushalt meiner Großtante Margot: mit Bettbezügen, Kissen, silbernen Kerzenständern, dem großen Perserteppich für das Wohnzimmer, mit Ikonen, unzähligen orthodoxen Ikonen, einem großen Spiegel in silberner Fassung und allerlei türkischen Säbeln und arabischen Tellern für die hohen Wände.

Binnen eines Tages wurde die Villa leer geräumt vom unsäglichen Kommunistenkitsch, wie ihn Margot nannte. Sie empfand eine besondere Freude daran, einzelne Makramees mit spitzen Fingern hochzuhalten und uns allen zu zeigen, »Schaut euch mal das hier an«, sodass wir einstimmig riefen: »O nein, bitte nicht!«

»Aber schaut euch diesen Fischer-Bibelot mit dem Glasbarsch an der Schnur an«, und wieder sagten wir: »O nein, bitte nicht!«

Meine Mutter mahnte uns zur Vorsicht, wir sollten doch bitte nichts kaputt machen, schließlich wollten wir wieder herkommen dürfen, während sie alles vorsichtig in Holzkisten packte, den gerollten Wandteppich mit der Entführung aus dem Serail, das ausgestopfte Eichhörnchen, auch alle Lampen.

»Wollt ihr wirklich bei Kerzenlicht sitzen?«

»Ja, besser als im Licht solcher Lampen!«

Sie brachte alles in den Keller.

Möbelstücke, die Margot besonders missfielen, mussten in weiße Bezüge eingehüllt werden; man tat dann lachend so, als wären sie durch Zauberei unter dem Tuch verschwunden.

Zu guter Letzt und im Jubel der Freunde ging Margot mit einem Suppenlöffel herum, in dem Weihrauch schwelend brannte, damit die Geister der Basse-Classerie ausgeräuchert und zumindest für die Dauer unserer Ferien vertrieben würden.

Schließlich war alles so eingerichtet, dass Margot sich an die Villa ihres Vaters erinnert fühlte, also daran, wie es früher einmal hier ausgeschaut hatte, vor der Enteignung, die Margot damit rückgängig gemacht hatte für die Zeit unseres Aufenthalts.

Von den Millets und den kleinteiligen Glas-Bibelots befreit, wurde jetzt der Ibach-Flügel geöffnet, und wer sich aufs Klavierspielen verstand, durfte vortragen, den Radetzkymarsch oder eine possierliche Stelle aus den Rumänischen Rhapsodien, wobei die gellenden Töne des verstimmten Flügels uns im lauten Rufen und Akklamieren befeuerten.

Und dann saßen wir um den großen Tisch, auf Stühlen und Hockern, müde, aneinandergelehnt und wie erstarrt in unseren Gedanken – ein Bild in Chiaroscuro. Unwillkürlich kommt mir nun, da ich dies erinnere, Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp in den Sinn: eine für das anatomische Theater feierlich gekleidete Gesellschaft, die Blicke nachdenklich in alle Richtungen schweifend, auf dem Tisch aber, statt der obduzierten Leiche, ein Haufen Kekse, mehrheitlich Löffelbiskuits, die ich so mochte. Ich pflegte sie in rote Himbeerlimonade mit Sodawasser zu tunken, während die Umbra mortis abseits lauerte, hinter den Messingtellern an den hohen Wänden.

»Schau dich um, Liebes«, sagte Margot ergriffen, »es ist fast so wie früher.«

»So schön!«, sagte ich ihr zuliebe mit Inbrunst – vielleicht auch nur, um mir Mut zu machen. Denn ich meinte, im Augenwinkel so manches verhüllte Möbelstück kaum merklich von seinem neuen Platz abrücken zu sehen.

Am meisten schreckten mich das knarrende Parkett, ein dumpfes Knarzen unter dem Teppich und das widersinnige Verstummen dieses Knarzens, wenn wir uns fortbewegten.

Außerdem erinnere ich mich gut an die Kälte in der Villa, an den modrigen Geruch, an den süßlichen Weihrauch, der sich mit den Damenparfüms vermengte; auch daran, dass das Kerzenlicht durch einen Luftzug oder wegen der Possen unserer Gäste öfters ausging. Die Gäste waren beruhigend laut, sprachen und lachten ausgiebig, gingen überall im Haus umher, kochten nachts Tee und spielten Karten, bevor sie zu mitternächtlichen Spaziergängen aufbrachen, um bald zurückzukehren, in großem Gelächter und mit ostentativen »Pssst«-Rufen: »Pssst! Wir machen zu viel Lärm.«

»Zitti, zitti«, hob dann einer zu singen an, und die anderen konnten sich vor Lachen kaum noch halten.

Dieses »Zitti, zitti« ging auf die Anekdote eines unserer Gäste zurück, Geo, Bariton bei der Bukarester Oper. Geo hatte erzählt, wie man den Chorsängern für die nächtliche Entführungsszene in Rigoletto eine viel zu schwere Leiter über die Bühne zu tragen aufgab, sodass ihnen schon vor dem Singen der Atem ausging. Und als sie dann die leise Arie »Zitti, zitti, moviamo a vendetta« intonierten, mussten sie, verzweifelt, ihre letzten Kräfte aufbringen, worauf es nur so aus ihnen herausplatzte, schallend laut: »Zitti, zitti – still, still, schreiten wir zur Rache.« Das Publikum schreckte vom überlauten »still, still« auf und brach sogleich in Gelächter aus.

Ein bevorzugter Streich von Margot und unseren Gästen war es denn auch – neben dem Ausblasen der Kerzen –, sich aneinander heranzuschleichen und aus vollem Hals »Still, still, schreiten wir zur Rache« zu singen.

Und dann war da natürlich auch noch der Fluss, der sich hinter der Villa durch den Wald zog und gelegentlich rot eingefärbt war, der nahen Weberei wegen. Prompt streckte jemand auf der Galerie im ersten Stockwerk die Hand aus und rief mit bebender Stimme: »Und sehet, alles Wasser im Strom wurde in Blut verwandelt.«

Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir uns zu jener Zeit gut amüsierten, unsere Gäste waren zu Scherzen aufgelegt und unentwegt dabei, einander zum Lachen zu bringen. Lachen schien ebenso Gäste- wie vornehme Gastgeberpflicht zu sein.

Vom Hof aus führte ein kleiner Pfad zu einem Tennisplatz, auf dessen rotem Sand wir sehr oft spielten; in meiner Erinnerung scheint auf diesem Platz immer die Sonne. Ich spielte mit hiesigen Freunden unserer Familie, es kamen auch Leute aus dem Ort hinzu. Wir übten uns im Doppel. Margot verpasste kein Spiel, immer ganz in Weiß, so wie sie auch mich kleidete. Damals besaßen wir Tennisschläger aus Holz, und jemand hatte mein schwarz lackiertes Racket am oberen Teil des Rahmens mit einem Leukoplaststreifen beklebt, damit das Holz nicht splitterte, wenn ich mit dem Schläger den Belag streifte. Ich höre noch dieses satte Ploppen des Tennisballs auf dem Racket, den verzögerten Rhythmus von Schlag und fernem Gegenschlag.

Den ganzen Sommer über und auch manche Wintertage lang blieb ich hier in B., gemeinsam mit meiner Großtante Margot, die, obwohl erst im Alter meiner Mutter, das altherrschaftliche Gehabe meiner Großmutter, ihrer Schwester aus Urgroßvaters erster Ehe, an den Tag legte. Ich nannte sie zeitweilig Mamargot.

Da ist in meinem Kopf noch immer dieses eine überbelichtete Bild von uns auf der Gartenbank vor der Villa: Mamargot hält den Kopf hoch, sodass die scharfe Linie ihres Kinns das Licht glatt vom Schatten trennt. Mit ihren weißen Händen umfasst sie meine Taille, wobei ich, vielleicht siebenjährig, fast schon mager und mit verzogener Miene zur Sonne schielend, mit ihren Ketten, Ringen und Ohrringen schwer behangen bin.

»Bei mir darfst du alles«, hatte mir Mamargot gesagt und mir einen konkreten Vorschlag gemacht, was ich mir an Kühnheit leisten könnte: »Selbst wenn du dir eine Augenbraue abrasieren wolltest, dürftest du das.« Ich soll mir dann tatsächlich die linke Augenbraue rasiert haben, mir fehlt aber jegliche Erinnerung davon, ich kenne nur die begeisterten Kolportagen unserer Freunde, die sich regelmäßig in B. einfanden: »Weißt du noch, wie du dir die Augenbraue abrasiertest?«

Das größte Wagnis aus dieser Zeit, an das ich mich erinnere, verbinde ich mit jener Telefonzelle, die bei uns vor dem Gartentor der Villa stand, mit dem Münzfernsprecher in fast schon durchschimmerndem Azur. Hatte ich eine Münze zur Hand, warf ich sie unweigerlich ein und ließ meinen Finger auf der leiernden Wählscheibe eine Nummer wählen, irgendeine, lauschte anschließend einige Augenblicke atemlos der fremden Stimme, die fragte, wer am Apparat sei, und ich legte dann auf, ohne etwas gesagt zu haben. Manchmal überwand ich mich und redete panisch drauflos, fragte, ob auch sie einen Wasserschaden hätten, wann sie die Bücher zur Bibliothek zurückbringen würden, ob es bei ihnen so gut nach Essen rieche, was es denn zu Mittag gebe. So redete ich mit jenen arglosen Fremden, die sich auf Gespräche mit mir einließen, und wunderte mich, dass sie es taten.

Einmal setzte mir eine ältere Dame ihr Backrezept für den traditionellen Cozonac auseinander; sie hatte über die Jahrzehnte ihre eigene Spezialität aus dem Russenzopf gemacht. Während sie diktierte, fragte sie mich immer wieder: »Hast du das?«

»Ja«, log ich.

Sie werden in allem, was ich Ihnen erzähle, böse Anzeichen sehen, Ankündigungen für das, was folgte. Sie werden sich nach Vorboten fragen, den Vorboten des Schocks, der unvorstellbaren Grausamkeiten, des Todes aller Tode.

Manche von Ihnen werden die Geschehnisse im Kontext jener barbarischen kommunistischen Zeit verstehen wollen, als Folge der vierzig Jahre währenden Diktatur in Rumänien, die einen anderen Menschenschlag hervorgebracht haben soll. Sie werden sagen, man müsse die Geschehnisse zunächst in ihren geschichtlichen und geografischen Bezügen verstehen. Und ich stimme Ihnen zu, gewiss auch aus meiner in gewisser Hinsicht verhängnisvollen Lage. Denn ich bin nicht anders als meinesgleichen, und wenn Sie über meinesgleichen urteilen, urteilen Sie über mich, auch wenn begünstigende Faktoren wie Bildung und der Stand meiner Familie mir durchaus jeden anderen Lebensweg ermöglicht hätten. Ich bin aber geblieben, ging nur kurz ins Ausland und kehrte zurück. Ja, ich schaute wie ein Kaninchen vor der Schlange allem zu.

Ich will Ihnen also von dieser Erfahrung erzählen, redlich und ohne Umstände: Schritt für Schritt auf das zu, wovor mir graut.

Ich habe es damals nicht kommen sehen; und an dieser Stelle fallen mir wie zum Beweis meiner Sorglosigkeit die weißen Kalkstreifen ein, die ich frühmorgens stets so hingebungsvoll auf dem Tennisplatz hinterließ, schmale Spuren, fein säuberlich mit dem quietschenden Einradwagen aus grün lackiertem Blech auf den roten Sand gezogen, das milde Sonnenlicht auf den Armen und in der Nase die harzige Bergluft, die mich betörte.

Wie lange ich anschließend zeichnete und malte! Die Stunden vergingen auf der Galerie, manchmal teilte ich sie mit meinen Freundinnen Tina und Arina, mit denen ich falsche Fingernägel aus Blütenblättern anfertigte – gelbe aus dem Sonnenhut und weiße oder rosafarbene aus den Kosmeen. Oft lagen wir unten im Gras und schauten hinauf, verfolgten, wie die Wolken zu Figuren gerannen, Pferde, die sich auf die Hinterbeine stellten, Ritter mit blankgezogenem Schwert, wir sahen Burgen samt Zitadellen, Fürstinnen mit kugelförmigen Hauben, von deren Spitzen lange Schleier hingen, flatternde Bändel, schnelle Ströme und Wasserfälle, in denen mächtige Baumstämme herabrutschten. Unter keinem anderen Himmel könnte man derartig Heroisches sehen, dachten wir damals, gewiss auch unter dem Einfluss des nationalkommunistischen Geschichtsunterrichts in der Schule, der jahrelang bei den Helden des Mittelalters verharrte, aber auch wegen unseres kindlichen Größenwahns, der unverrückbaren Überzeugung, am richtigen Ort zu sein, für Großes bestimmt.

Wenn ich für mich war, las ich viel, mit Vorliebe die Abenteuerbücher Jules Vernes, Alexandre Dumas’ und Karl Mays, und spazierte zwischendurch, die Helden in meinen Gedanken, mit Mamargot und ihren Freunden durch B.

Diese ausgelassenen Spaziergänge will ich zu meiner eigenen Anklage anführen, denn ich habe nichts bemerkt, auch wenn ich aufmerksam wie meine Helden um mich schaute, zu den hängenden Ästen der nahen Fichten, die den Weg zu unserem Haus säumten; oder ich blickte auf die Muster in der brüchigen Rinde, aufgesprengte, herabfallende Krusten. Ja, ich betrachtete damals alles genau, witterte eine Welt voller geheimnisvoller Indizien: Die Musterung der Fichtenrinde würde mir etwas Großes offenbaren, das Geheimnis unseres Daseins – zumindest das eines unermesslich großen Schatzes.

Weiter oben, nach der ersten Wegbiegung, wo man eine riesige Buche gefällt hatte, sammelte ich meine Sträuße aus Zichorie, Ackerwitwenblume und Wiesensalbei und dann auch mit Gelb, Löwenzahn und Tannenklee und der Echten Schlüsselblume, Himmelsschlüssel genannt. Meine geliebte Mamargot, die mich verhätschelte und mich schon damals »eine Künstlerseele« nannte, hielt unzählige Blumenvasen für mich parat, die ich im Winter mit Fichtenzweigen versah. Gemeinsam blätterten wir in einem Album mit Blumengemälden von Ştefan Luchian, mit dem roten Klatschmohn, der so kräftig leuchtete; und Mamargot erzählte mir wieder und wieder vom Leben dieses Blumenmalers, der1900, mit nur 31 Jahren, zu erlahmen begann und sich den Pinsel an die Hand binden ließ, um weitermalen zu können. Die Krankheit hatte ihn nicht gebrochen, wie auch uns nichts brechen würde, sagte Mamargot.

Und ich lag in ihren Armen und blätterte im Album durch die Bilder mit dem roten Klatschmohn: da, ein Nelkenstrauß mit Klatschmohn, Kornblumen, Feldblumen, Chrysanthemen und Rosen, Ringelblumen und dann auch Luchians berühmte Anemonen. Er hatte zeit seines Lebens nur ein einziges Bild verkauft, an seinen Lehrer, aber auch der Misserfolg brachte ihn nicht vom Malen ab.

Gern betrachtete ich die beiden Musen mit den Blumenkränzen – und ich meinte, dass sie meinen Freundinnen Tina und Arina ähnelten –, auch die Landschaft nach dem Regen. Ich fand Luchians Entschlossenheit zu malen stimmig und edel, ebenso die Jahre seiner Krankheit, die er inmitten von Blumen erlebte, und seinen frühen Tod, vielleicht auch nur, weil Mamargot es mir so erzählte.

Ştefan Luchians Haustür soll immer offen gestanden haben, wie eine Kirchentür. Das Öllämpchen unter den Ikonen ließ ihn auch nachts die Konturen der Dinge erkennen. Er konnte sich kaum noch bewegen, als eines Nachts eine dunkle Gestalt zu ihm kam und aus dem langen, schwarzen Umhang etwas hervorholte, ein Instrument, eine Geige. Stundenlang spielte die Gestalt auf der Geige, ohne ein Wort. Und Ştefan Luchian meinte alle Lieder zu erkennen und weinte.

»Warte noch«, soll er der Gestalt hinterhergerufen haben, als sie schon im Gehen war. »Sag mir bitte, wer du bist!«

Da kam die dunkle Gestalt zurück und bückte sich über den sterbenden Maler. »Verzeiht, dass ich einfach so hergekommen bin. Sehen Sie in mir einen Kollegen, der Sie liebt.«

Im Licht des Öllämpchens erkannte Luchian den Komponisten George Enescu.

»George Enescu!«, rief Mamargot mit leuchtenden Augen. »Das war der große Enescu!«

»Aber wo bleiben die Damen des Hauses?« Man rief nach uns. Immer war ein Kommen und Gehen im Haus. Unsere Freunde, die in größerer Zahl anreisten, und dann die Sommerfrischler aus Bukarest oder Kronstadt, die sich in den Villen hier einmieteten, und auch viele Einheimische, manche gar aus den benachbarten Orten. Und alle brachten sie Feldblumen und Rosen und große Fliederzweige und Tannenzweige herbei.

»Schau mal, diese Pracht!«, rief mir Mamargot zwischen Entree und Salon zu. »Wo soll ich noch hin damit?«

Ein wohlbehütetes Geheimnis in unserem Haus war, dass wir jemanden bei den Böcklein im benachbarten Ort hatten, unten im Tal. Die Ställe der Böcklein waren in einem herrschaftlichen Haus untergebracht, das früher den Taufpaten Mamargots gehörte, ein langes Haus mit weißen dorischen Säulen und breiten Fenstern, am Haupteingang eine große Marmortreppe, bei der die Kutschen anhielten und Mamargots Patentante von der Köchin empfangen wurde, denn als Erstes wollte die Dame des Hauses stets erfahren, was es an dem Tag zu essen gab. Da waren noch einige Fotos von diesem Haus, und Mamargot mochte detailreich erzählen, auch vom Akazienwald ringsumher, durch den sie als Mädchen ritt und der von den Kommunisten gerodet wurde.

Wir kannten also jemanden da, aus dem weißen Landhaus, das jetzt eine Böckleinfarm war, und wir nannten ihn Johnny, obwohl ich denke, dass er eigentlich ganz anders hieß. Ich kann mich auch nicht mehr erinnern – falls ich es überhaupt je gewusst haben sollte –, wie wir erfuhren, wann Johnny zu uns kommen sollte. Aber ich weiß noch, dass unsere Freunde an jenem Tag schon früh jenes Lied der Piaf intonierten:

Johnny, tu n’es pas un ange,

ne crois pas que ça m’ dérange …

Alle gingen fiebrig umher, geschäftig, und dann sang einer unverhofft, seufzend:

Johnny! Johnny!

Johnny! Johnny!

Si tu étais plus galant,

Johnny! Johnny!

Johnny! Johnny!

Je t’aimerais tout autant.

Und alle lachten lauter als sonst.

Einmal löste ich große Heiterkeit aus, als ich auf die Frage eines Gastes, was ich denn werden wollte, wenn ich groß sei, antwortete: »Die Frau von Johnny.« Da war ich vielleicht acht oder neun.

»Wohl bekomm’s! Wohl bekomm’s!«, riefen die Freunde und lachten.

»Sicher nicht«, rief Mamargot, und ich kann mich noch an ihren Zorn erinnern, denn sie ärgerte sich nur selten, »sicher nicht die Frau von dem armen Johnny, hört auf mit der Narretei!«

Ich aber sang mir den Johnny-Refrain vor, vor allem wenn ich Tennis spielte. Ein gestöhntes »Johnny!« – Aufschlag, »Johnny!« – zweiter Aufschlag, »Johnny!« – Vorhand diagonal und auf nach vorn, ein lang gedehntes »Oh, Johnny!«: Topspin-Volley! Dass ich einmal die Frau von diesem Johnny werden würde, davon war ich überzeugt. Ja, Mamargot würde mich dann doch dafür bewundern, wie alle andern auch.

Immer öfter dachte ich an diesen Johnny aus dem weißen Herrschaftshaus, ich hatte eine genaue Vorstellung von ihm: Er war groß und schlank, mit nach hinten gekämmten Haaren, langer Nase und vornehm schielend. Er führte die Hände der Damen an die Lippen und verbeugte sich galant. Ich dachte an ihn, wenn ich beim ersten Tau schon um den Tennisplatz rannte, wenn ich mit den noch etwas klammen Fingern über den Leukoplaststreifen auf meinem schwarzen Racket strich, wenn ich im Augenwinkel einen Vogel auffliegen sah, wenn die Wasserpumpe im Hof quietschte und ich ganz allein, ohne meine beiden Freundinnen, bunte Blumenblüten auf die Fingernägel klebte.

Und immer wieder traf mich die Einsicht, dass die Welt voller Botschaften an mich war und dass alle Regungen mich bloß in eine einzige Richtung führten, einer großen Zukunft entgegen, die ich mit Johnny begriff, mit Johnny vom weißen Landhaus.

Irgendwann nahm ich mir vor, Johnny bei seinem Besuch genauestens zu beobachten. Dafür musste ich bis spät wach bleiben, denn er kam immer nur mitten in der Nacht zu uns, das sagte Mamargot. Dass mich jemand weckte, wenn Johnny kam, darum wagte ich nicht zu bitten. Lange wartete ich also am Fenster.

Ich erinnere mich an jene Nacht, sie war schwarz und doch voller Sterne, die Milchstraße ein weißer Hauch, ganz so wie unser vom Mond beschienener Gartenpfad mit den funkelnden Kieselsteinen. Es roch nach Tannenharz und nach der Kühle, die nachts immer aufkam; im Wald rauschte gedämpft der Fluss, ganz nah rief ein Uhu.

Von meinem offenen Fenster aus erblickte ich Johnny im Lichtkegel der Straßenlampe, eine Gestalt mit Hut und dunklem Mantel, aus den Umrissen zu schließen von mächtiger Statur.

Margot kam ihm entgegen, öffnete das Tor und führte ihn durch den Garten.

»Wir haben Sie vermisst«, sagte sie fast schon im Flüsterton. »Ich dachte, Sie haben uns vergessen.«

Ich hörte, wie sie den schweren Schlüssel im Türschloss drehte, im Treppenhaus erklang daraufhin Johnnys Stimme, heiser, sie überschlug sich: »Aber nein, aber nein! Wie kann ich Sie vergessen, was denken Sie von mir? Küss die Hand.«

Ich schlich mich aus dem Zimmer, am nachtblau schimmernden, aufgeklappten Flügel vorbei und dann an einem klobigen Möbelstück, das mit einem schimmernden Laken bedeckt war, sah schließlich, wie unsere Freunde Johnny umringten und ihn in Richtung der Küche drängten. Johnny hatte noch den Hut auf, der alle Köpfe überragte.

»Sie haben uns vergessen, geben Sie es zu!«

»Küss die Hand, aber nein! Ich hatte nur keine Gelegenheit.«

»Ach was! Sie haben uns vergessen.«

»Wie könnte ich Sie vergessen?«

»Ein Glas Wasser?«

»Lass ihn erst mal den Mantel ausziehen.«

Barfuß lief ich zur Küche hin, langsam, ganz langsam auch über die knarrenden Stellen im Parkett. Vor der Küche wurde es unvermittelt kälter.

Jemand jauchzte, eine Frau, und die anderen zischten: »Pssst! Nicht so laut!«

»Zitti, zitti.«

Ich vernahm gedämpftes Gelächter.

Ich erinnere mich an das Licht, zur Decke hin wurde es rötlicher, es schien hinaufzuzüngeln, immer wieder sprangen Schatten dazwischen. Ich bemerkte bald den Dampf ihrer Atemzüge und warmen Körper, ich blickte in die Küche und erkannte die vielen Arme, sehnige Arme, die zu rudern schienen, tastende Hände, die sich zu Klauen verkrampften und ins Fleisch eindrangen.

»Schneller, schneller«, flüsterten sie gemeinsam, und über ihnen stieg eine breite Dampfsäule auf.

Fiebrig rissen ihre Hände an dem Fleisch.

»Das ist ein schönes Stück, schaut her!«

»Und das erst!«

»Ach!«

Inmitten der Freunde mit den fuchtelnden Armen sah ich Johnny, splitternackt und schimmernd, blutverschmiert, ein massiger Körper mit abgezogener Haut.

Brocken um Brocken rissen die Freunde von seinem Körper; von der Brust, vom Bauch und den Beinen. Sie legten alles auf große Teller.

Ich blieb unter der Tür stehen und starrte auf den Mann, der in stummem Erdulden Stück für Stück schmaler wurde und dann schmächtig, unter jeder Fleischschicht war da eine neue Frischhaltefolie, die aufgerissen werden musste, bis die Freunde seinen blassen Körper herausgeschält hatten und seine dunklen, verklebten Haare auf Brust und Bauch zum Vorschein kamen.

Vor ihnen lag ein großer, schmaler Junge mit eingefallenen Schultern, bekleidet mit einer blutigen Unterhose.

Jemand brachte ihm Plastikschlappen, damit er ins Bad gehen und duschen konnte.

»Sollen wir Ihnen wirklich kein Wasser kochen?«

»Nein, küss die Hand, ich muss gleich gehen.« Johnny lachte. »Ich dusche ohnehin nur kalt, das ist gesund.«

So dünn er auch war, er hatte das pausbäckige Gesicht eines Kindes. Mir schien: mit Wangengrübchen.

»Toller Kerl!«, hörte ich die Freunde sagen. »Hut ab!«

In den nächsten Ferien vermisste man Johnny, den Bekannten von der Böckleinfarm, länger als sonst; und dann hörte ich die Freunde sagen, dass ihn eines Nachts im Wald die Wölfe gerissen hätten. Ich hatte nicht verstanden, ob es echte Wölfe waren oder ob man mit Wölfen Securitate-Agenten meinte. Ich fragte nicht nach. Johnny dauerte mich nur.

Eine Zeit lang dachte ich noch an ihn, beim Tennisspielen. Als ein Windhauch die Äste bewegte, schien es mir wahrscheinlich, dass er jederzeit aus dem Wald kommen und mir beim Spiel zuschauen könnte.

»Aber nein, aber nein, wie könnte ich Sie vergessen?«

Bei so manchem Geräusch aus dem Wald hatte ich den Eindruck, es klänge wie ein lang gezogener Ton aus einem Akkordeon: »Johnny, tu n’es pas un ange …«

Doch allmählich dachte ich kaum mehr an ihn.

II

Die lechzende Ziege

Nach der Diktatur, bald nach1989, wurde die Villa an uns zurückerstattet. Margot ließ das Schildchen mit der Gravur »Villa Diana« auswechseln, neu stand da nun in geschwungener Schrift »Villa Aurora«. Da es in B. noch keine Müllabfuhr gab, verbannte sie den Kommunistenkitsch, wie sie das nannte, in den Keller und richtete sich rustikal ein, hauptsächlich mit Biedermeiermöbeln, orthodoxen Ikonen, dem großen Spiegel in der Silberfassung, den türkischen Säbeln und arabischen Tellern ihres reiselustigen Vaters und mit Gemälden, in denen das rumänische Landleben abgebildet war. Nicht selten lobten die Freunde ihren ausgesuchten Geschmack und sagten, sie habe stilvoller eingerichtet als damals Königin Maria das nahe gelegene Schloss Bran.

Unsere Freunde huldigten ihrem Hang zu Komplimenten, und auch Mamargot war stets großzügig und darauf bedacht, ja erpicht, das Feierliche zu pflegen.

»Du siehst fantastisch aus, Margot!«

»Und du erst, meine Liebe, du bist superb! Seid ihr gut gefahren?«

»Es geht so, die Straßen sind ein Graus, aber dein Kurort hier ist ein Traum. Arkadien!«

»Arkadien ist es erst jetzt, mit euch!«

»Diese Luft, als würde man zum ersten Mal atmen!«

»Ja, herrlich! Und hörst du die Vögel?«

»Was sind das für welche?«

»Mauerläufer.«

»Die sind hinreißend!«

»Nicht wahr? Lass uns im Garten auf sie trinken!«

Der Garten vor dem Haus war immer in Blüte, zwei Stauden Flammenblumen, Hortensien, Dahlien, überall Rosen, rote, gelbe, darunter die stark duftenden Damaszener-Rosen, alles blühte durcheinander, der Ysop, der Thymian, Estragon und Johanniskraut. Und oft kamen Nachbarinnen des Weges und riefen am Tor: »Ich pflanze das kurz bei Ihnen und bin gleich wieder weg« – und Mamargot warf ihnen eine Kusshand zu, auf ein Glas Wein und ein Stück Cozonac müsse man aber schon noch bleiben, um das neue Pflänzchen zu feiern, der Cozonac sei von Capşa in Bukarest, den müsse man gekostet haben!

Ich habe Mamargot nie im Garten jäten gesehen; manchmal erledigte das ein Gast, der plötzlich Lust dazu verspürte, oder eine Nachbarin, die nur kurz vorbeischauen wollte.

»Es wächst doch alles sehr schön so«, sagte Mamargot und freute sich auch über das Unkraut, wenn es blühte, und über die Mariendistel mit dem violetten Kopf.

Im Garten bei den Fliedersträuchern stand der Gartentisch mit den beiden Bänken, wohin ein Kiesweg führte; daneben die Wasserpumpe mit den drei Holzeimern, in denen wir Wassermelonen und die Getränkeflaschen kühlten. Tagsüber hörte man die Wasserpumpe öfters gehen, das metallene Quietschen wurde mir zum vertrauten Geräusch, so lieb wie das Stimmengewirr der Gäste.

»Am besten schlafe ich ein, wenn ich im Bett die Stimmen der Gäste draußen gerade noch höre«, soll ich als Kind gesagt haben, denn das wurde hin und wieder von den Gästen erwähnt, wenn sie uns für die Gastlichkeit lobten. Ich käme ganz nach meiner begnadeten Großtante.

»Zu Hause ist man da, wo man Gastgeberin ist«, sagte Mamargot und unterhielt regen Besuch, wobei sich die eine, etwas aufdringliche Nachbarsfrau, Sanda, irgendwann zu ihrer Zugehfrau mauserte.

Ich will gleich zugeben, dass mir Sanda unheimlich war. Wegen ihrer fehlenden Backenzähne hatte sie eingefallene Wangen, was ihr, wenn sie zu Mittag mit mir im Garten saß, böse Schatten übers Gesicht zeichnete. Sie war keine zwanzig mehr, als sie zu uns kam, aber sehr gestreng, witterte überall Böses und Betrug, vor dem sie uns bewahren wollte. Mamargot nannte sie »meine Treue« und »Fräulein Sanda« und siezte sie, was Sanda sehr genoss, manchmal sah ich sie dabei aufzucken vor Freude.

Während draußen im Garten die Wasserpumpe quietschte und die Gäste redeten und lachten, saß ich auf der Galerie unseres Hauses in der Sonne oder im Schatten oder auf der Linie, die das Licht vom Schatten trennte. Ich sehe mich mit großer Hingabe zeichnen, in allen Gymnasialferien. Ich zeichnete mit Stiften, die kleiner wurden und immer kleiner, bis ich nur noch einen Stummel hielt. Die Hand ganz nah überm Blatt, fast wischte ich mit dem Zeigefinger darüber – und doch fiel es mir schwer zu glauben, dass ich es war, die da malte.

Ich schaute auf und sah alles gestochen scharf, zu meiner Rechten die Berge mit ihren grauen Maserungen, den hellgrünen Abhängen, Heiden, gezackten Tannenketten und auf den Felswänden vereinzelt einen geneigt wachsenden Baum, am Fuße dann der dichte Mischwald, worin manchmal die Buchenblätter rauschten und dabei wie kleine Spiegel glitzerten.

Unser so bunt bewachsener Garten und der Weg, der von unserem Tor hinauf zu den Hügeln führte – auf denen die Kühe und die Pferde weideten –, trennten den Wald von den paar herrschaftlichen Villen, den unförmigen Feldparzellen samt Schober und den kleinen Wirtschaften der Einheimischen, Höfe voller Hühner und Gänse und Truthähne, Hunde und Katzen, mittendrin niedrige Häuser mit rostigen Blechdächern.

Ich sah hin, und ich konnte die Freude wieder fühlen, die mich damals beim Betrachten dieses fröhlichen Vorhandenseins überkam, die Überzeugung, so sehe die Ewigkeit aus, das Paradies. Denn in B. habe ich mich zum ersten Mal verliebt, und ich ging im Ort umher und schaute auf alles mit verzücktem Blick.

Die Welt schien hier eng zusammengerückt, alles war mir nah und zugewandt; und überall das aufblitzende Licht durch die hohen Tannenzweige und der so vertraute Weg voller versengter Kuhfladen, die blassgrünen Lattenzäune und natürlich die Menschen selbst, die, so schlicht sie vielleicht sein mochten oder gerade deswegen, urtümlicher ans Leben gebunden schienen, tiefer empfindend, wahrhaftiger möglicherweise: wie in den Gemälden von Nicolae Grigorescu, die mich Mamargot lieben lehrte.

Ich kannte alle jungen Leute im Ort, und alle kannten mich – und sie brachten mir das Mähen mit der Sense bei und ließen mich die Kuh von der Weide holen, wobei die Kühe den Weg zurück auch allein fanden, und ich kletterte in Bäume und sprang ins Stroh und ging zuweilen barfuß umher, einmal selbst im Regen. Wie frei ich mich damals wähnte! Und wenn ich meinen Freunden im Ort etwas erzählte, sprach ich wie sie, in kurzen Sätzen, fing jeden Satz mit »also« an, und manchmal erzählte ich auch willentlich etwas wirr.

Ich könnte Ihnen von meinen Liebesgeschichten in B. erzählen – doch meine Erinnerung daran ist überlagert von jener großen, empörenden, mich fassungslos und innerlich nackt zurücklassenden Geschichte mit … dem Fürsten.

Von dem Fürsten und dem Leid, das mit ihm über uns kam, das qualvolle Sterben, das unvorstellbare Grauen, die Rache.

Damit Sie eine Vorstellung bekommen von dem, den wir in unserem Unwissen heraufbeschworen, habe ich die Kopie eines Gemäldes für Sie heraufgeholt: das berühmte Bildnis des Fürsten Vlad des Pfählers, den Sie als Dracula kennen.

Vlads Gesichtszüge sollen angeblich auf eine grausame Veranlagung hinweisen. Aber sehen Sie genau hin! Ich erkenne nur den verlegenen Ausdruck, den er hier zeigt, Ausdruck eines großen Unbehagens. Gemalt wurde FürstVladderPfählervomRumänischenLand irgendwann zwischen 1462 und1475 während seines längeren Aufenthalts in Visegrád beim ungarischen König Matthias Corvinus. Vlad war dort in Wahrheit ein Gefangener, doch wurde er behandelt wie eben ein Fürst, als eine Art Freund des Königs, er bekam auch dessen schöne Cousine Ilona Szilágyi zur Frau.

Und wenn osmanische Boten kamen, wurde er vom König auf einem kleinen Stuhl gleich beim Thron platziert, um die Ankömmlinge gehörig zu erschrecken. Kerzengerade saß Fürst Vlad auf seinem kleinen Stuhl, schreiben die ungarischen Chronisten, und die Boten der Muselmänner schauten mit großen Augen auf ihn; im Osmanischen Reich nannten sie ihn »Kazikli Bey«, das hieß »Prinz Pfahl«.

Auf dem Gemälde ist er in seinen Dreißigern abgebildet, mit langem, schmalen Gesicht und hohen Wangenknochen, geradezu feminin, umrahmt von dunklen, über die Schulter fallenden Locken. Der Teint ist blass, die Augen groß, Vlad ist nachdenklich, vom Betrachter abgewandt, seine Augenringe scheinen schon länger zu bestehen. Die strichdünne Brauenlinie, über die Augen geschwungen, zieht sich abrupt hinab zu der Adlernase mit den aufgeblähten Nasenflügeln; zwischen Nasenspitze und dicker Unterlippe ein läppisch eingeklemmter Schnurrbart, der sich karnevalesk gewölbt über sein Gesicht zieht, von einer hohlen Wange zur anderen.

Die fürstliche Aufmachung Prinz Pfahls verstärkt noch den Eindruck seiner noblen Fragilität: Ein zarter Goldkragen steht offen um den langen, weißen Hals, während der eng fallende rote Samtmantel mit dem breiten Zobelfellkragen auf eine doch eher zarte Statur schließen lässt. Indes prangt auf der roten Samtmütze mit den Perlenschnurketten mittig, in der Verlängerung der Nase, eine keck aufgerichtete Reiherfeder, gefasst auf der Stirn von einem prunkvollen Schmuckstück, einem Goldstern mit großem Rubin, darüber, einen Halbkreis beschreibend, fünf große Perlen. Der Rubin auf dem Goldstern will zu dem roten Bojarenmantel mit den goldenen Knöpfen passen. Wenn man genau schaut, stehen die klobigen Knöpfe auf der Brust in einer leicht abfallenden Linie, als würde er gerade Atem holen. Das alles schimmert im Kerzenlicht: die glatte Haut, der weiche Samt, die langen Locken, deren paar herausgekräuselte Strähnchen man zurechtstreifen möchte, das geschmeidige Zobelfell, die Knöpfe aus Goldzwirn und der Lüster der Perlen.

Einzig die Reihenfeder stellt eine unerbittliche Gerade im Bild dar – sie wurde noch knapp vor dem oberen Bildrand gestutzt.

Es ist das Gemälde eines unbekannten deutschen Malers, und ich versuche, mir vorzustellen, wie ein anderer Maler jener Zeit den Fürsten Vlad dargestellt hätte, beispielsweise ein italienischer Renaissancemaler wie Antonello da Messina, den die posierenden Menschen so unverwandt anschauen konnten. Überhaupt wäre Fürst Vlad mit seiner nervösen Zerbrechlichkeit und den dichten langen Locken ein ausgesuchtes Botticelli-Motiv gewesen; welchen Vlad hätte uns erst Leonardo da Vinci gezeigt?

Schade, dass Fürst Vlad von dem mäßig begabten, konventionellen Maler porträtiert wurde! Wobei man hier einwenden kann, dass das mäßig Begabte, Konventionelle auch in Fürst Vlads Entourage Urständ feierte, in der nicht Beherztheit, sondern die getreue Ausführung von Befehlen gefragt war. Und auch der Fürst pflegte jenseits der Kriege, in die er hineingeboren wurde und die er weiterführte, jenseits der Kampfplanungen und Allianzen kaum Kontakte mit Künstlern und Gelehrten. Auch vor und nach seiner Gefangenschaft in Visegrád, als Fürst des Rumänischen Landes, blieb er in einer engen Welt und sah sich – auch deswegen – immer enger umzingelt.

Nun will ich Ihnen aber die blutrünstige Geschichte erzählen, die sich in B. zugetragen hat; ich rufe ihn als Zeugen auf, meinen Vorfahren Vlad den Pfähler, dessen Blut in meinen Adern fließt.

Ich habe mit meinem Bericht über Dracula gewartet. Das liegt daran, dass ich die fürchterlichen Geschehnisse – für die ich lange Zeit Erklärungen gesucht hatte – erst spät mit meinem nächsten Umfeld in Verbindung brachte. Das ist, müssen Sie zugeben, ein verständlicher Skrupel. Und doch, denke ich heute, lässt sich ohne wahrheitsgetreue Augenzeugenberichte, auf deren Grundlage Sie und unsere Nachkommen womöglich eine Mitschuld der Zeugen selbst erkennen können, kaum etwas von der Geschichte verstehen. Übrig bliebe nur eine beunruhigende Ahnung, wirr und dumpf wie ein Aberglaube. So will ich denn die Wirrnisse um die Dracula-Legende in B. ein für alle Mal klären.