Die Pädagogik in der Einweihungslehre - Teil 2 - Omraam Mikhaël Aïvanhov - E-Book

Die Pädagogik in der Einweihungslehre - Teil 2 E-Book

Omraam Mikhaël Aïvanhov

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Beschreibung

Solange die Menschen ihr persönliches Interesse vor das Interesse der Gemeinschaft stellen, wird es keine Lösung für ihre Probleme geben. Und wenn ich vom Interesse der Gemeinschaft spreche, meine ich nicht nur die Gemeinschaft der Menschen, sondern die des ganzen Universums, dessen sie sich zu ihrer eigenen Befriedigung ständig bedienen wollen. Seht euch an, wie die Menschen die Tiere ausbeuten, die Bäume, die Berge, das Meer. Wenn sie je eines Tages ausreichende technische Mittel haben, werdet ihr sehen, was sie mit der Sonne, dem Mond oder den anderen Planeten anstellen werden.! Und sogar mit dem Herrn; sie würden Mittel und Wege finden, um Ihn zu versklaven, um Ihn in Flaschen zu füllen und Ihn zu verkaufen oder ihre Küche mit Ihm zu heizen. Alles, was existiert, wird als Mittel für ein einziges Ziel benutzt: die materielle Befriedigung des Menschen. Daher muss man Folgendes ändern: Man muss das Ziel und die Mittel austauschen. Als Ziel sollte man die universelle Bruderschaft, die universelle Harmonie haben und für dieses Ziel all die Mittel einsetzen, die wir haben: das heißt all unsere Qualitäten, unsere Fähigkeiten, unsere Energien. Nur unter dieser Bedingung können die Probleme der Menschheit gelöst werden.

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Über den Autor

Omraam Mikhaël Aïvanhov war ein großer spiritueller Meister, ein lebendiges Vorbild, ein »Überbringer des Lichts« und ein warmherziger, humorvoller Lehrer, der durch sein selbstloses, zugängliches und brüderliches Verhalten überzeugte.

Er strebte an, alle Menschen bei ihrer persönlichen Entwicklung zu begleiten – so wie ein Bergführer seine Kameraden sicher bis auf den höchsten Gipfel führt.

Das Gedankengut, das Omraam Mikhaël Aïvanhov verbreitet hat, bietet zahlreiche Methoden und einen klaren, begehbaren Weg zu größerer Vollkommenheit und mehr Lebensglück.

In wohltuend einfacher Sprache erklärt er alle wichtigen Zusammenhänge des Lebens und ist gerade bei den Fragen unserer heutigen Zeit wegweisend. Ob es um die Bewältigung des Alltags geht, um das Thema der Liebe und Sexualität oder um tiefgründige philosophische Themen – stets sind seine Antworten überraschend klar und hilfreich.

Kurzbeschreibung

»Die Pädagogik in der Einweihungslehre - Teil 2«Reihe Gesamtwerke – Band 28

»Der Mensch kann mit einem Königreich verglichen werden, in dem seine eigenen Zellen die Bewohner sind und er der König ist. Leider ist er meistens ein entthronter König. Er wurde von seinem Volk, das er nicht weise regieren und erziehen konnte, gestürzt. Solange er an der Macht war, gab er sich seelenruhig unnützen und sogar verbrecherischen Tätigkeiten hin und seine Umwelt, die nicht einmal etwas davon merkte, bewunderte ihn vielleicht sogar... Aber seine eigenen Zellen beobachteten ihn. Er konnte sich vor ihnen nicht verstecken und eines Tages beschlossen sie, diesen Herrscher zu stürzen, der sich unablässig verwerfliche Handlungen erlaubte.

Bevor man sich auf die Erziehung der anderen stürzt, muss jeder selbst Pädagoge seiner eigenen Zellen werden. Denn man muss wissen, dass ein Volk, dessen König ein schlechtes Vorbild ist, ihn nachahmt und ihn eines Tages entthront. Wenn hingegen der König ein Vorbild an Güte, Edelmut und Ehrlichkeit ist, ahmen seine Zellen ihn auch nach und unternehmen alles, um ihn zu unterstützen: Sie werden so gehorsam, so strahlend, dass dieses Strahlen sich sogar nach außen manifestiert. Und dieses Strahlen, diese Emanationen wirken auf Menschen, Tiere und sogar auf Pflanzen und beeinflussen sie... Das ist wahre Pädagogik.«

Omraam Mikhaël Aïvanhov

Da Omraam Mikhaël Aïvanhov seine Lehre ausschließlich mündlich überlieferte, wurden seine Bücher aus stenographischen Mitschriften, Tonband- und Videoaufnahmen seiner frei gehaltenen Vorträge erstellt.

Inhaltsverzeichnis

Über den Autor

Kurzbeschreibung

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Weshalb man ein spirituelles Leben wählen sollte

Kapitel 2: Der Sinn des Lebens, die Entwicklung

Kapitel 3: Die gestaltende Vorstellungskraft

Kapitel 4: Lesen und Schreiben

Kapitel 5: Der Selbstmord

Kapitel 6: Eine neue Einstellung dem Bösen gegenüber

Kapitel 7: Die Raupe und der Schmetterling

Kapitel 8: Die Liebe, ein Bewusstseinszustand

Kapitel 9: Die Geburt auf den verschiedenen Ebenen

Kapitel 10: Die Sonne als Vorbild

Kapitel 11: Mann und Frau in der neuen Kultur

Vom selben Autor – Reihe Gesamtwerke

Vom selben Autor – Reihe Izvor

Vom selben Autor – Reihe Broschüren

Copyright

Kapitel 1: Weshalb man ein spirituelles Leben wählen sollte

Teil I

Während eines Vortrags von Meister Omraam Mikhaël Aïvanhov kam folgende Diskussion zwischen ihm und seinen Schülern zustande:

Der Meister (Omraam Mikhaël Aïvanhov wurde von seinen Schülern als Meister bezeichnet) – Stellen wir uns vor, eines Tages sagt jemand, den ihr kennt, zu euch: »Sie sind noch jung, warum verschwenden Sie Ihr Leben in dieser Bruderschaft und verzichten auf so viele Vergnügungen Ihres Alters? Beten, meditieren, spirituelle Übungen machen und sogar fasten, anstatt wie alle anderen vom Leben zu profitieren, das ist nicht gerade intelligent. Eines Tages werden Sie das bereuen.« Also, ihr versteht, was ich meine. Jeder von euch nimmt sich nun die Worte dieser Person vor und überlegt sich eine Antwort. Übt euch darin, die beste Antwort zu finden für den Fall, dass jemand diese Überlegungen euch gegenüber äußert. Habt ihr daran gedacht, im Voraus die besten Argumente vorzubereiten? Das ist gar nicht so sicher…

Gut, während ihr überlegt, werde ich euch eine Anekdote erzählen, aber ihr müsst mir nicht unbedingt zuhören. Sucht und findet eine gute Antwort. Man sollte immer eine gute Antwort finden. Stellt euch folgende Situation vor: Ein Tourist war mit einem Reiseführer auf die dritte Plattform des Eiffelturms gestiegen. Oben angekommen, fragte er ihn: »Gibt es Verzweifelte, die sich oft von dieser Plattform stürzen?« Und der Reiseführer antwortete: »Nicht oft, mein Herr, nur ein einziges Mal.« Er hatte eine gute Antwort gefunden.

Also, jetzt höre ich euch zu! Gibt es niemanden, der etwas sagen möchte? Ihr seht, niemand traut sich, sich zu exponieren, immer bin ich es, der sich öffentlich bloßstellen muss. Ich warte noch ein paar Minuten… Stimmt es wirklich, dass ihr nicht wisst, was ihr antworten sollt? Doch, aber ihr traut euch nicht. Kommt schon, ergreift das Wort, wie könnt ihr mir sonst beweisen, dass ihr etwas wisst? Ihr solltet es mir beweisen.

Eine Schwester – Man sollte diese Person dazu einladen, unsere Lehre besser kennen zu lernen und so das Leben, das wir führen, und ihr eigenes zu vergleichen, um dann herauszufinden, welche Lebensweise die besseren Ergebnisse bringt.

Der Meister – Das ist gut, aber das ist keine Antwort, die diese Person überzeugen wird.

Eine Schwester – Ich würde diese Person beim Wort nehmen und ihr sagen: »Wenn Sie wirklich eine so große Lebenserfahrung haben, dann geben Sie mir Ratschläge«, und da diese Ratschläge höchstwahrscheinlich nicht so berühmt sein werden, frage ich sie weiter: »Wie kommt es, dass es Ihnen, die Sie das Leben so sehr ausgekostet haben, nicht gelingt, mir das zu vermitteln, was ich schon immer gesucht habe und was ich auf eine andere Art und Weise gefunden habe?«

Der Meister – Das ist auch nicht überzeugend, weil diese Person Ihnen auf sehr intelligente Art und Weise antworten kann, und dann wären Sie es, die von ihren Argumenten überzeugt werden würde und nicht umgekehrt. Man sollte etwas anderes finden.

Die gleiche Schwester – Ich würde vielleicht gar nicht antworten.

Der Meister – Nein, das ist die einfachste Haltung, aber sie wird keine Ergebnisse bringen. Wenn Sie schweigen, können Sie niemanden aufrütteln oder zum Nachdenken bringen. Man sollte aber diese Person ein bisschen in ihren Überzeugungen erschüttern, damit sie sich nicht einbildet, ihre Lebensauffassung sei unfehlbar. Man sollte sie dahin bringen, dass sie sich sagt: »Vielleicht gibt es etwas, was ich nicht kenne.« Also ist es notwendig zu reden.

Die Materialisten sind sehr starke, sehr zähe Menschen, sie glauben Bescheid zu wissen, sie sind reich, sie haben Erfolg im Leben, und ihr, die ihr all dies nicht habt, was sie haben, wie könnt ihr ihnen beweisen, dass ihr auf einem besseren Weg seid als sie? Das sind bedeutende Menschen, glaubt nicht, dass ich für euch als Gegenspieler ein kümmerliches Männchen oder einen armen Schlucker ausgewählt habe, das wäre zu einfach. Nein, es handelt sich um Menschen, denen es an nichts mangelt, wie könnt ihr ihnen zeigen, dass sie auf dem falschen Weg sind? Sie glauben weder an die Seele noch an den Geist, weder an eine Wiedergeburt noch an die Moralgesetze. Sie glauben nicht einmal, dass es überhaupt Gesetze in der Natur gibt, von denen sie eines Tages ereilt, bestraft und zermalmt werden können. Und zwar im Augenblick ihres Erfolges! Aber worin waren sie erfolgreich? Da solltet ihr für Klarheit sorgen, um sie auf ein anderes Gebiet zu führen und ihnen zu zeigen, dass sie genau dort ein Nichts sind. Wie wollt ihr also vorgehen?

Eine Schwester – Sie werden Prüfungen durchmachen müssen.

Der Meister – Was für Prüfungen?

Dieselbe Schwester – Prüfungen gegenüber sind sie wehrlos, sind sie nichts mehr, trotz ihres Geldes und ihrer Stellung in der Gesellschaft.

Der Meister – Was heißt »wehrlos«?

Dieselbe Schwester – Sie haben keine Reserven.

Der Meister – Aber wenn sie doch wohlauf sind? Sie essen gut, sie schlafen gut. Nein, das ist auch ein schwaches Argument.

Ein Bruder – Man sollte ihnen sagen, dass sie die Hauptsache, den Schöpfer aller Dinge, vergessen haben.

Der Meister – Den Schöpfer aller Dinge? Aber sie glauben doch gar nicht daran! Sie können sie niemals überzeugen, indem Sie ihnen mit dem Schöpfer kommen.

Eine Schwester – Sobald Menschen an nichts mehr glauben, ist es sehr schwierig, sie zu überzeugen. Man kann sie aufrütteln, sie manchmal sogar ködern, indem man ihnen zeigt, dass man glücklich ist, dass man etwas besitzt, das sie vielleicht nicht haben; wenn sie aber weder an Gott noch an ein zukünftiges Leben glauben, kommt man nicht an sie heran.

Der Meister – Doch, das tut man, aber unter der Bedingung, dass ihr wisst wie, denn das sind trotz allem intelligente Menschen. Sie kennen zwar noch nicht alles, aber sie sind fähig, vieles zu verstehen. Also, wenn ihr ihnen Argumente liefern könnt, werden sie verstehen, dass es noch andere Gebiete gibt, die sie noch nicht erforscht haben, und dass selbst, wenn sie sich dort, wo sie sich gerade befinden, sehr wohl fühlen, es noch andere Bereiche gibt, die gewisse sehr fortgeschrittene Menschen besucht haben. Da können sie nicht nein sagen, und das ist bereits ein Pluspunkt. Um sie jedoch zu überzeugen, muss man sich auf das Gebiet der Logik, der Beweisführung, der Feststellung konkreter Tatsachen begeben und nicht auf das Gebiet von Mystizismus, Religion oder des Gefühls. Intelligenz und Logik, nur daran glauben sie; das ist das einzige Gebiet, auf dem sie euch vielleicht Recht geben.

Das bedeutet nicht, dass sie ihr Leben ändern werden, dass sie ihre Vergnügungen aufgeben werden, dass sie euch in die Bruderschaft folgen werden, nein, aber sie werden gezwungen sein anzuerkennen, dass sie auf einer niederen Stufe stehen geblieben sind. Zu Beginn werden sie sagen, dass all eure Ideen sie nicht interessieren, aber schließlich werden sie eingestehen, dass der wahre Grund ihrer Einstellung damit zusammenhängt, dass sie sich nicht fähig fühlen, ihre Vergnügungen aufzugeben, um weiterzugehen. Sie werden euch dann nicht mehr für einen Verirrten halten. Und dann werden sie sich nicht mehr so groß vorkommen. Sie erwidern: »Das ist ja sehr schön, aber ich kann das nicht«, und dies wäre eine Art einzugestehen, dass sie sich geschlagen geben. Wie oft habe ich das in Gesprächen schon gehört!

Ein Bruder – Meister, es ist schwierig, im Abstrakten eine Frage wie diese zu beantworten. Man sollte die Person im Gespräch ein bisschen studieren, um herauszufinden, welches ihre Schwachpunkte sind. Man antwortet doch einer Person verschieden, je nach ihren Schwierigkeiten oder Problemen.

Der Meister – Ja, ich weiß, dass man seinen Gesprächspartner kennen sollte. Im Leben isst, trinkt, atmet und schläft jeder. Das hat Allgemeingültigkeit. Ob nun der eine dieses isst oder trinkt und der andere jenes, der eine weniger, der andere mehr, ob er länger schläft oder nicht, das sind persönliche Details. Wir aber sprechen aus allgemeiner Sicht, und wenn man weiß, an welchem Punkt man bei den Menschen ansetzen kann, sind sie im Allgemeinen gezwungen zu kapitulieren.

Ich lade euch also ein, diesen Punkt zu finden, diese Übung zu machen. Selbstverständlich ist jedes Individuum ein spezieller Fall, und wenn man jemanden überzeugen will, ist es von Vorteil, wenn man manche persönlichen Details seines persönlichen Lebens kennt. Ich weiß sehr wohl, dass es nicht der erstbeste Passant ist, der euch auf der Straße ansprechen wird und zu euch sagt: »Hallo Sie, Sie sind doch in der Universellen Weißen Bruderschaft, Sie sind auf dem falschen Weg.« In so einem Fall handelt es sich natürlich immer um jemanden, den man schon kennt, zu dem man eine Beziehung hat. Ich lade euch aber ein, bei dieser Übung von einem allgemeinen Ansatz auszugehen, um gültige Argumente für die Mehrzahl der Fälle zu finden. Ich wiederhole also: Ihr seid mit jemandem ins Gespräch gekommen. Diese Person behauptet, dass ihr euch die besten Dinge des Lebens versagt, dass eure Philosophie leeres Gerede ist und sie gibt euch den Rat, doch so zu leben wie jedermann. Was würdet ihr darauf antworten?

Ein Bruder – Man kann ihr sagen, dass man dieses Leben bereits gelebt hat, dass man weiß, wie es ist – und da schwingt die Wahrheit mit, weil man es ja wirklich gelebt hat! –, dass man aber unzufrieden blieb und deshalb das spirituelle Leben wählte.

Der Meister – Ja, das ist gut, man kann sagen: »Das, wozu Sie uns raten, kennen wir bereits, wir haben es gelebt und ausprobiert und eines schönen Tages entdeckt, dass es andere Bereiche gibt, wir haben andere Bewusstseinszustände kennen gelernt, die uns andere Glückszustände, andere und viel weiter reichende, viel dauerhaftere, viel sicherere Gefühle von Fülle bescherten. Sie bringen uns also nichts Großartiges zur Kenntnis. Jeder kennt die Vergnügungen, von denen Sie sprechen, aber wir kennen andere Empfindungen, die Sie nicht einmal erahnen können, und wir laden Sie dazu ein, mitzukommen und sich eingehend damit zu befassen. Da es sich um Freuden handelt, die Sie noch nie erfahren durften, können Sie sich auch nicht anmaßen, über ihren Wert zu urteilen. Wir jedoch dürfen über die Ihrigen urteilen, weil wir sie durchlebt und gekostet und uns jetzt davon entfernt haben, um andere, sehr viel außergewöhnlichere Freuden zu erleben. Wir können also vergleichen, während Sie das nicht können, weil Sie nur eine einzige Kategorie von Vergnügungen gekostet haben, und Sie können kein Urteil abgeben aus Kenntnis der Sachlage heraus.« Da dies logisch ist, kann euer Gesprächspartner diesem Argument nichts entgegensetzen, sofern er intelligent ist.

Eine Schwester – Ich denke, dass unser Leben ein Beweis für die Richtigkeit der Philosophie ist, die wir haben, denn trotz der Schwierigkeiten und Leiden schaffen wir es, das Licht in uns zu bewahren und stärker zu werden.

Der Meister – Beispiel sein ist das stärkste Argument, das ist selbstverständlich. Selbst der lebendige Beweis dafür zu sein, was ihr sagt. Ja, doch man müsste auch noch andere Personen aufzeigen, für die das Gleiche gilt wie für euch, sonst kann euer Gesprächspartner immer sagen: »Das ist reiner Zufall, dass Sie so sind«, und er wird den und jenen nennen, der nie auf etwas verzichtet und dem es noch besser geht als euch, während ihr krank werdet, kaum dass ihr bestimmte Speisen esst. Nein, nein, man muss ein anderes Argument finden, das so logisch, so intelligent ist, dass euer Gegner sich nicht mehr herauswinden kann, dass er in die Enge getrieben wird.

Ihr wisst sehr gut, meine lieben Brüder und Schwestern, dass meine Sorge, meine einzige Sorge, wenn ich zu euch spreche, immer die gleiche ist: euch das Leben zu erleichtern. Ich will immer die Dinge auf den Punkt bringen, immer noch mehr Klarheit schaffen, damit ihr immer sicherer, gefestigter, überzeugter werdet und schließlich wisst, wohin ihr geht, ohne euch von irgendeiner anderen Philosophie ins Wanken bringen zu lassen, das ist meine einzige Sorge. Ich habe immer daran gearbeitet, euch die Mittel zu geben, besser voranzukommen, und auch heute nenne ich euch wieder einige und ihr trefft eine Auswahl, die euch am ehesten zusagt. Nicht, weil ich eure – und meine Zeit – verschwenden möchte, greife ich heute zu dieser Methode. Auch wenn unsere Unterhaltung heute etwas ungewohnt ist, werdet ihr von hier mit mehr Überzeugung, mit mehr Schwung hinausgehen und das ist es, was zählt.

Eine Schwester – Meister, jemanden einfach so, sofort, mit zwei Worten zu überzeugen, das ist wirklich sehr schwierig, das kann ich Ihnen versichern.

Der Meister – Das ja, davon bin ich bereits überzeugt, versuchen Sie nicht, mich zu überzeugen: Mit zwei Worten ist es unmöglich, man braucht ein paar mehr!

Warum habe ich euch diese Frage gestellt? Eben, weil ich genau weiß, dass sie sehr schwierig zu beantworten ist. Wie oft habe ich bemerkt, während ich mit Brüdern und Schwestern sprach, dass sie Schwierigkeiten haben zu sprechen, sich auszudrücken, Argumente zu finden. Und ich habe eben diese Themen gewählt, um euch Waffen an die Hand zu geben. Denn es kann sein, dass ihr immer häufiger von Leuten gefragt werdet, die sich für eure Philosophie interessieren, und es ist gut, wenn ihr wisst, was ihr ihnen antworten sollt. Ich halte das für sehr wichtig.

Bis heute vermittelte ich euch alle möglichen Grundbegriffe bezüglich der unsichtbaren Welt1, die Reinkarnation2, die Erschaffung der Welt3, über Seele und Geist4, über die feinstofflichen Körper5, aber ich habe noch nie über die Art und Weise gesprochen, wie ihr Materialisten antworten könnt. Ihr verfügt über eine Fülle von Kenntnissen, aber wenn der entscheidende Moment kommt, wisst ihr nicht, welche dieser Wahrheiten ihr auswählen und darlegen sollt, um den Menschen zu zeigen, dass ihr auf einem besseren Weg seid als sie. Und dennoch ist das sehr wichtig. Warum sollte man ihnen nicht zeigen, dass sie euch nicht so leicht in die Tasche stecken können?

Vielleicht gelingt es euch nicht, sie so zu überzeugen, dass sie ihr Leben verändern, aber wenigstens sind sie gezwungen, den Wert eurer Argumente anzuerkennen. Denn ihr müsst wissen, selbst die Menschen, die versteinert und grob wirken, sind es nicht in dem Maße, wie man sich das vorstellt. Auch sie besitzen einen Instinkt, eine Art Intuition tief in ihrem Unterbewusstsein, die sie informiert, und wenn ihr wisst, wie ihr die Dinge darstellen sollt, werden sie sich vor der Wahrheit verneigen. Ich versichere euch, das habe ich festgestellt, aber es muss einem gelingen, ihnen die Dinge auf die richtige Art und Weise darzustellen. Wie stellt man das nun an?

Ein Bruder – Man sollte ihnen sagen, dass ihre Philosophie die Zeit nicht mit einbezieht. Sie sehen nur den gegenwärtigen Moment.

Der Meister – Nein, man sollte nicht mit der Frage der Zeit kommen, wenn man jemanden überzeugen möchte, der euch sagt, dass ihr falsch liegt, wenn ihr nicht vom Leben profitiert. Ich habe euch jetzt die Basis, das Grundgerüst gegeben, ihr solltet jetzt eine Antwort finden, die Zeit ist eine ganz andere Sache.

Derselbe Bruder – Ja, aber die Zeit arbeitet für uns oder gegen uns.

Der Meister – Das ist aber eine andere Frage. Dass die Zeit für uns arbeitet mag ja stimmen, aber das hat keinerlei direkte Beziehung zu der Kritik dieser Menschen. Ihr seht, das ist nicht wirklich klar. Natürlich ist es richtig, dass es ein Fehler ist, die Frage der Zeit nicht zu beachten, aber darüber sollte man in dem Moment gar nicht sprechen. Ihr könnt sie nicht damit überzeugen, dass ihr über Ergebnisse sprecht, die sich in zehn, zwanzig oder mehr Jahren zeigen werden.

Ein Bruder – Wenn man mit einer Person in Kontakt ist, sollte man sich auf die gleiche Bewusstseinsebene versetzen, um die Schwachstellen ihres Charakters und die Art und Weise, wie sie die Dinge versteht, kennenzulernen und erst in dem Moment kann man handeln.

Der Meister – Das ist selbstverständlich, wir nehmen an, dass ihr euren Gesprächspartner schon ein wenig kennt, das haben wir vorhin bereits gesagt.

Eine Schwester – Man kann ihn fragen, ob er mit all seinen Reichtümern und Besitztümern die Fülle erlangt hat.

Der Meister – Die Fülle…?

Eine Schwester – Man kann ihn fragen, warum er physisch und moralisch leidet, während…

Der Meister – Aber er wird Ihnen erwidern: »Und was ist mit Ihnen, warum leiden auch Sie?«

Dieselbe Schwester – Nein, ich leide nicht!

Der Meister – Ah, dann könnte er finden, dass Sie nicht sehr interessant sind. Ein Wesen, das nicht leidet, ist ein Stein. Das ist also kein gutes Argument.

Ein Bruder – Man kann diese Materialisten darum bitten, uns zu beweisen, dass sie glücklich sind und zu sagen, welches ihre wirklich glücklichen und freudevollen Momente des Lebens sind. Sie werden bald herausfinden, dass es in Wirklichkeit sehr wenige davon gibt, und dass das, was sie Freuden nennen, in Wirklichkeit gar keine Freuden sind, sondern vielmehr Illusionen, die sie sich selbst schaffen, dass sie in den Konventionen leben, anstatt den Dingen auf den Grund zu gehen. Wenn sie sich aufrichtig analysieren, müssen sie zwangsläufig anerkennen, dass das, was sie für Freuden halten, zwar angenehme Empfindungen sind, das ist klar, aber auch vergängliche und meistens begleitet von Problemen und Desillusionen.

Der Meister – Das ist gut, das ist logisch. Aber wenn Sie sagen, dass diese Menschen in Konventionen leben, irren Sie sich. Überhaupt nicht! Auch wenn die große Mehrheit der Menschen sagt, das Glück bestehe darin, dieses oder jenes zu können, ist ihre Meinung nicht das Ergebnis von Konventionen, sondern der Ausdruck ihrer instinktiven Bedürfnisse. Sie haben Bedürfnisse und finden, dass das Glück darin besteht, diese zu befriedigen. Das ist keine Frage von Konventionen. Wie werden Sie ihnen antworten, da es ja die Natur ist, die dahinter steckt, die sie antreibt und ihnen sagt: »Ich möchte essen, ich möchte besitzen, ich möchte genießen«? Sie werden Ihnen sagen, dass sie völlig Recht haben, wenn sie in ihrem Handeln der Natur folgen. Über Konventionen spotten sie. Manchmal fürchten sie wohl die Kritik der öffentlichen Meinung, aber in Wirklichkeit nehmen sie alles in Kauf, um ihre Neigungen auszuleben. Deshalb sollte man nicht von Konventionen sprechen.

Eine Schwester – Da sie ja nie gänzlich glücklich sind, kann man ihnen sagen, dass man mit unserer Philosophie sehr glücklich sein kann, trotz einer Behinderung, trotz des Alters, trotz Armut. Das ist ein gewichtiges Argument.

Der Meister – Das glaube ich nicht, das glaube ich nicht. Kommt, sucht noch weiter, ihr habt bestimmt noch weitere Ideen.

Ein Bruder – Man kann ihnen sagen, dass die physischen Freuden und Vergnügungen die Abstumpfung des Empfindungsvermögens nach sich ziehen und dass man also immer mehr Vergnügungen und Freuden braucht, um ein bisschen Glück zu erlangen. Es wird also immer schwieriger, wirklich glücklich zu sein, weil man immer unsensibler wird. Wenn man hingegen auf gewisse physische Vergnügungen verzichtet, verfeinert man sich immer mehr und die geringsten Dinge bereiten einem Freude: Es gelingt einem, schon aus der geringsten Empfindung heraus, ein Glücksgefühl zu erfahren.

Der Meister – Ja, das ist ein gutes objektives und wissenschaftliches Argument. Euer Gesprächspartner konnte sich sicher von diesem Gesetz schon irgendwann einmal überzeugen auf folgende Weise: Je mehr er isst, desto weniger schätzt er den Geschmack der Speisen. Und auch auf dem Gebiet der Liebe ist es so, je exzessiver er lebt, desto angewiderter ist er, das ist ein absolutes Gesetz. Je mehr eine Seite zunimmt, desto mehr nimmt die andere Seite ab. Und was sind diese beiden »Seiten«? Die eine ist der physische, greifbare Bereich und die andere der psychische, spirituelle Bereich, den man zu berücksichtigen vergisst.

Hier, Bruder, haben Sie eines der besten Argumente angesprochen. Wenn ihr sagt: »Mein Herr, Sie leiden, also sind Sie nicht in der Wahrheit«, so ist das wahr, aber er wird antworten: »Aber Sie leiden doch auch!« Euer Argument war also nicht unstrittig, er hat es euch umgedreht. Oder: »Sie sind nicht in der Fülle«. Er wird euch antworten: »Und Sie, sind Sie in der Fülle?« Sagt lieber zu ihm: »Sehen Sie, es gibt ein Gesetz, sehen Sie das einmal näher an. Wenn man übermäßig isst, trinkt und so weiter, so kommt man an den Punkt, wo man unsensibel, abgestumpft und grob wird. Und dies kommt sogar im Gesicht zum Ausdruck.« (Er wird es nicht leugnen können, er hat schon Trinker gesehen. Das stimmt absolut!) Steigern Sie die sexuellen Vergnügen, so sinkt auch das Entzücken und die Freude. Und das trifft zu auf alle Bereiche. In der Natur gibt es Gesetze und diese Gesetze haben wir erforscht. Sie wollen sich nicht damit befassen? Das steht Ihnen frei, aber Sie werden die Wirkung dieser Gesetze zu spüren bekommen.«

Euer Gesprächspartner wird anerkennen müssen, dass das stimmt, ohne weitere Diskussion. Von da aus führt ihr ihn auf euer eigenes Gebiet, indem ihr sagt: »Sehen Sie, es existiert eine Wissenschaft, die wir studieren und die uns das Maß, die Regeln und die Methoden aufzeigt. Dabei geht es um das Wann und das Wie, damit Gleichgewicht, Freude, Gesundheit und Glück aufrechterhalten bleiben. Warum sind die Menschen nicht glücklich? Weil sie die Regeln des rechten Maßes nicht beachten, sie wollen alles hinunterschlingen, alles beherrschen und bereiten sich auf diese Weise eine traurige Zukunft.«

Ihr habt also bereits eine solide Basis, auf der ihr die weitere Diskussion aufbauen könnt. Aber ich wiederhole, wählt als Ausgangspunkt immer ein unpersönliches Thema, eine solide Wahrheit, die niemand leugnen kann. Wenn sie doch jemand leugnet, könntet ihr ihm sagen, dass es unmöglich ist, mit ihm zu diskutieren, da er nicht einmal Dinge sehen kann, die nicht zu übersehen sind. Also wird er Angst haben, sich bloßzustellen und wird nicht umhin können, es zu akzeptieren. Aber greift ihn nicht auf einer persönlichen Ebene an, indem ihr sagt: »Sie sind unglücklich, Sie sind krank…«, dies sollte Teil von Schlussfolgerungen sein, die er selber zieht.

Ihr seht also, ich stelle euch hier eine Diskussionsmethode vor, mit der ihr die Oberhand behalten könnt, wenn man euch angreift. Ihr führt Beispiele und Tatsachen an, die jedermann überprüfen kann und die auch euer Gesprächspartner schon in seinem Leben überprüfen konnte, jedoch ohne sich damit näher zu befassen. Ihr zwingt ihn also, sich damit zu beschäftigen, und wenn er an dem Punkt angelangt ist, könnt ihr ihn ganz leicht hinführen, wo ihr wollt. Verbleibt ihr aber in einem persönlichen, gefühlsbetonten Bereich, ist das gefährlich, ihr seid verwundbar, er kann das Argument gegen euch richten und euch fragen, was euch das eigentlich angeht. Nein, kümmert euch nicht um seinen persönlichen Fall, zeigt ihm weder seine Laster noch seine Schwächen noch seine Krankheiten, bleibt im Bereich des Allgemeinen, er selbst wird sehen, wo er steht, und das ist besser so.

Ich gebe euch noch ein Beispiel für eine weitere Argumentation. Ihr könnt sagen: »Wenn man die verschiedenen Naturreiche betrachtet, so stellt man eine Abstufung fest. Die Steine besitzen keine Vitalität, so wie die Pflanzen. Die Pflanzen haben keine Emotionen und Gefühle wie die Tiere und die Tiere haben keine Intelligenz wie der Mensch. Man stellt also von einem Reich zum anderen eine Abstufung fest, ein Fortschreiten. Können Sie das bestreiten?« Natürlich wird er nein sagen. »Nun gut, bei den Menschen gibt es auch eine gewisse Hierarchie. Von den ungeschlachten Menschen bis zu den Genies, den Heiligen, den Eingeweihten – welch eine Abstufung, welch ein Fortschreiten!6 Lavater stellt in seinem Werk die verschiedenen Gesichtsformen dar, die jede einem bestimmten Entwicklungsgrad entsprechen. Das ist sehr interessant.

»Unter den Menschen sind also manche primitiver und ungehobelter, weil sie sich von ihren Instinkten und Begierden führen lassen, während andere intelligenter, edler sind, weil sie begonnen haben, sich zu beherrschen und ihre Blicke auf eine höhere Welt zu richten. Wenn Sie die Persönlichkeiten studieren, die in der Geschichte aufgrund ihrer Genialität, ihrer hohen Moral und ihrer Charakterstärke im Gedächtnis geblieben sind, müssen Sie zugeben, dass es eine höhere Art zu leben, zu denken, sich zu entwickeln gibt und eine andere Art, die aus dem Menschen niemals die Krone der Schöpfung macht.« Dies ist wieder eine Schlussfolgerung, der keiner ausweichen kann. Ihr habt euch auf eine unwiderlegbare Basis begeben und euer Gesprächspartner muss zwangsläufig begreifen, dass ihr den gleichen Weg gewählt habt, wie die größten und edelsten Gestalten der Menschheitsgeschichte.

Ihr könnt fortfahren: »Was sind das für Menschen, an die sich die ganze Menschheit mit Dankbarkeit erinnert, die sie am meisten verehrt: Diejenigen, denen es gelungen ist, sich selbst zu übertreffen oder diejenigen, die sich gehen ließen, um ihre Genusssucht zu befriedigen? Man kann nicht leugnen, dass es unter den Menschen eine Hierarchie gibt, dass manche sehr weit unten geblieben sind, sehr nahe beim Tier und dass andere sehr hoch gestiegen sind. Diese außergewöhnlichen Menschen unterschieden sich von den anderen durch ihr intelligentes, schönes und vor allem für die anderen nützliches Leben. Niemand hätte ihnen diesen Rang eingeräumt, wenn sie nichts Nützliches für die Gemeinschaft getan hätten. Nun, wir wollen diesen großartigen Wesen, diesen Wohltätern der Menschheit mit ihrem Edelmut, ihrer Rechtschaffenheit, ihrer Selbstlosigkeit folgen und sie uns zum Vorbild nehmen! Wenn wir Ihren Rat befolgen, glauben Sie, dass es uns gelingt, ihnen zu gleichen? Niemals! Mit Ihrem Rat, allem, was egoistisch, leidenschaftlich und sinnlich ist, freien Lauf zu lassen, wollen Sie uns auf die Stufe der Tiere zurückführen. Doch das ist kein Ideal.« Euer Gesprächspartner wird sich dann ein bisschen schämen, er wird spüren, dass er sich bloßgestellt hat und er wird es bedauern, euch solche Ratschläge gegeben zu haben.

Es gibt noch andere unpersönliche, unwiderlegbare Argumente. Los, sucht noch welche!

Ein Bruder – Man kann das Argument Gesundheit bei jedem Gesprächspartner vorbringen. Da heutzutage fast alle Menschen krank sind, kann man aufzeigen, wie unsere Art zu leben die Gesundheit wiederherstellt.

Der Meister – Das ist gut, das stimmt zwar, aber es ist nicht absolut überzeugend, weil manche Menschen eine sehr gute, eine so genannte »eiserne Gesundheit« haben, wie ihr hier sagt. Auf diesem Gebiet könnt ihr also nicht kämpfen. Auch wenn die Gesundheit ein Thema ist, das jedermann berührt, muss man auch dieses auf eine unpersönliche Art und Weise darstellen, indem man sagt: »Sie wissen sicher aus Erfahrung, dass Sie sich nicht so gut fühlen, wenn Sie zu viel essen oder die Nahrungsmittel oder Getränke von schlechter Qualität sind.« Man muss nicht drei Universitätsabschlüsse haben, um zu wissen, dass man krank wird, wenn man zu viele Pflaumen oder nicht so frischen Fisch gegessen hat.

»Auf der physischen Ebene muss man also auf die Qualität und die Menge der Nahrung achten. Nun, auf der psychischen Ebene ist es das Gleiche: Es gibt schädliche Nahrungsmittel und andere, bei denen man nicht übertreiben darf. Ja, das Gefühl ist eine Nahrung auf eben dieser Ebene und wenn man zu sehr in groben Gefühlen, in Aufregung und Leidenschaften lebt, stört man das psychische Gleichgewicht, da dies unreine Nahrungsmittel sind.«7 Dort kann es sein, dass euer Gesprächspartner euch Recht gibt. Er wird anerkennen, dass sein psychisches Leben aus dem Gleichgewicht gerät, wenn er nicht über die Konsequenzen der Vergnügungen, die er kosten wollte, nachdenkt. Einmal mehr konntet ihr ihn nur überzeugen, weil ihr unpersönliche Argumente verwendet habt.

Ihr seht, was mich angeht, ich treffe eine Auswahl: Ich habe Hunderte von Argumenten, die ich überprüft habe, und unter diesen Hunderten von Argumenten behalte ich vier oder fünf, die universell und unfehlbar sind. So wie die Schlüssel, die in alle Schlösser passen, wisst ihr? Ja, ich besitze vier oder fünf Generalschüssel, die imstande sind, alle Türen zu öffnen!

Also, dann sucht noch weiter…

Ein Bruder – Zuerst, glaube ich, sollte man mit unserem Gesprächspartner so weit übereinstimmen, dass es normal ist, dass alle Menschen auf der Suche nach dem Glück sind. Aber er muss mit uns übereinkommen, dass man ein dauerhaftes Glück und einen dauerhaften Frieden suchen sollte, und dass er das mit den Mitteln, die er anwendet, niemals erreichen wird; da es sich dabei um materielle, äußere Mittel handelt. Dann können wir ihm Beispiele nennen, wie sich ein Mensch verhält, dem es gelingt, dieses dauerhafte Glück und diesen dauerhaften Frieden zu erlangen, im Gegensatz zu einem anderen, der ständig nach einem Vergnügen sucht, das von Natur aus nicht lange andauern kann. Wir lassen ihn feststellen, dass wir wie er sind, dass wir das Glück suchen, aber auch wissen, dass die Mittel, die er verwendet, keine Ergebnisse bringen werden (wir haben sie auch schon angewendet), deshalb haben wir etwas anderes gesucht. Dann kann man ihm erklären, was dieses andere ist.

Der Meister – Das ist auch ein gutes Argument, aber damit es unbestreitbar und unwiderlegbar ist, sollte man die Person vor die absolute Wahrheit stellen, dass wir gleichzeitig in zwei Welten leben: in der objektiven und in der subjektiven Welt.8 Die eine ist die Welt der materiellen, greifbaren Gegenstände und die andere die Welt unserer Eindrücke, unserer Emotionen, unserer Gedanken und Nöte. Niemand kann sagen, diese Welt existiere nicht, nur kennt man sie nicht, man weiß nicht, wie man mit ihr arbeiten, sie beherrschen, sie umwandeln kann, damit sie sich auf die bestmögliche Weise manifestieren kann. Deshalb schafft man in sich selbst Anomalien und Ungleichgewicht. Nun gibt es aber eine Wissenschaft, die uns lehrt, wie man diese beiden Welten ins Gleichgewicht bringen kann.

Die objektive Welt ist selbstverständlich so real, dass man sie nicht leugnen kann. Wie sollte man den Körper, die Bäume, die Berge, die Nahrungsmittel und so weiter leugnen? Die subjektive Welt jedoch, also unsere innere Welt, ist ebenso nicht zu leugnen, denn in ihr finden sich alle Empfindungen von Frieden oder Aufruhr, von Freude oder Leid. Doch wie soll man Frieden und Glück erlangen, wenn man kein Wissen über diese innere Welt besitzt?

Euer Gesprächspartner wird anerkennen müssen, dass man kein Haus bauen kann, wenn man kein Baumaterial hat oder wenn man keine Idee hat, wie man diese Materialien zusammensetzen soll. Ihr sagt dann zu ihm: »Nun, auf die gleiche Art und Weise kann man weder Gleichgewicht noch Glück noch Frieden erlangen, wenn man nicht weiß, wo man diese psychischen Materialien findet und wie man sie zusammenfügt. Diese innere Welt ist genauso real und unleugbar wie die physische Welt. Sie ist die Welt Ihrer Emotionen, Ihrer Gefühle, Ihrer Nöte und so weiter. Leben Sie nicht ununterbrochen inmitten dieser Welt? Und ich werde sogar noch weitergehen: Sind etwa Ihre Affären, Ihre Beziehungen, Ihre Ehen, Ihre Versprechen, Ihre Verpflichtungen, Ihre Diskussionen, Ihre Trennungen nicht davon abhängig? All Ihr Tun beruht auf dieser inneren Welt, das können Sie nicht leugnen. Sie ist sogar wichtiger als der ganze Rest. Nehmen wir an, Sie sind Multimilliardär und eines Nachts kommt jemand, packt Sie am Kragen und sagt: ›Geld oder Leben!‹ Das Leben haben Sie noch niemals gesehen, weder berührt noch gewogen, es ist etwas Subjektives, Sie fühlen nur, dass Sie leben. Nun, Sie werden all Ihren Reichtum hergeben, der doch objektiv ist, für eine subjektive Sache, die Sie nie gesehen haben.«

Das beweist, dass es eine subjektive Welt gibt, eine psychische Welt, die wichtiger ist als der ganze Rest und dennoch räumen die Menschen in ihren Geschäften, Berechnungen und Kombinationen der materiellen Welt den ersten Platz ein. Das ist nicht logisch und auch nicht intelligent, sie gehen nicht den richtigen Weg, um die Probleme zu lösen. Und ihr könnt noch hinzufügen: »Sie vernachlässigen ihr Innenleben, Sie kümmern sich nicht darum, Ordnung und Klarheit in ihrem Inneren herzustellen. Sie meditieren nicht, Sie beten nicht, deshalb haben Sie niemals weder dauerhaft Frieden noch Freude, weil Sie genau das Wesentliche vernachlässigt haben. Wir hingegen haben verstanden, dass dieses innere Leben das Wesentliche ist, wir sind ununterbrochen damit beschäftigt, es zu verbessern und zu verschönern, deshalb sind unsere Freuden und unsere Zufriedenheit viel solider, sicherer und beständiger als Ihre, auch wenn wir keine Ihrer großen materiellen Erfolge erzielen.«

Man kann noch weitergehen: »Sie verbringen Ihr ganzes Leben damit, sich zu bereichern, Ihre gesellschaftliche Stellung zu verbessern, aber all diese Errungenschaften gehören Ihnen nicht wirklich. Es geschehen im Leben so viele Ereignisse, die das Glück und die Situation eines Menschen völlig umkrempeln können! Die psychische Arbeit hingegen, die man verrichtet, um seine Gedanken zu ordnen, seine Begierden zu regeln, das Glück in sich selbst suchen zu lernen, hält allen Lebensbedingungen stand. Schicksalsschläge, politische und ökonomische Umwälzungen, ein wechselndes oder gestürztes Regime, können einem Menschen, der seine Zeit und seine Energien dafür verwendet hat, sein inneres Leben aufzubauen, nicht wirklich etwas anhaben.«

Sie sehen, Bruder, das ist das Argument, das Sie angeführt haben, aber damit Ihre Ideen an Wert gewinnen, müssen Sie sie entwickeln. Natürlich ist es auch notwendig, dass Ihr Gesprächspartner die Geduld hat, Ihnen bis zum Schluss zuzuhören, denn es kann sein, dass er sehr schnell das Weite sucht und Sie stehen lässt.

Nur zu, sucht noch weiter. Aber erzählt nichts Subjektives, denn wenn ihr zu jemandem sagt: »Ich fühle die Dinge so oder so…«, wird er euch antworten: »Lassen Sie mich in Frieden mit dem, was Sie fühlen, bleiben Sie objektiv.«

Eine Schwester – Man kann davon ausgehen, dass es eine Hierarchie bei den fünf Sinnen gibt und aufzeigen, dass es ebenso viele Lebensweisen gibt wie Sinnesorgane und vergleichend dazu eine Abstufung aufbauen, wie Sie es auf dieselbe Weise vorher bei den Naturreichen taten, um den Gesprächspartnern damit zu zeigen, wo ihr Platz auf der menschlichen Stufenleiter ist.

Der Meister – Das ist richtig, auch das ist ein Argument, aber man muss es entwickeln, damit es überzeugend wirkt. Man sollte es folgendermaßen darstellen: Wir haben fünf Sinne: den Tastsinn, den Geschmackssinn, den Geruchssinn, das Gehör und das Gesicht. Seht, wie intelligent die Natur gearbeitet hat, um sie zu gestalten. Um einen Gegenstand zu berühren, muss er sehr nahe sein und es muss einen Hautkontakt geben. Der Tastsinn ist also der Sinn, der der physischen Ebene am nächsten ist. Der Geschmackssinn erfordert einen Kontakt mit dem Mund; man kann ein Nahrungsmittel nicht schmecken, ohne es in den Mund gesteckt zu haben; damit man seinen Geschmack wahrnimmt, muss es auch flüssig sein. Die Zunge kann die Nahrungsmittel erst dann schmecken, wenn sie flüssig geworden sind, und dazu dient das Kauen und der Speichel. – Aber ein Zuckerstück ist doch fest, werdet ihr sagen. – Natürlich, aber erst wenn es im Mund in den flüssigen Zustand übergegangen ist, können die Geschmacksknospen seinen Geschmack wahrnehmen. Der Tastsinn ist also mit dem festen Zustand und der Geschmackssinn mit dem flüssigen Zustand verbunden.

Der Geruchssinn wiederum ist mit dem gasförmigen Zustand verbunden. – »Wie bitte? Was erzählen Sie mir da! Eine Blume ist fest, ein Parfum ist flüssig und trotzdem rieche ich beides!« – Nein, das, was Sie riechen, sind die gasförmigen Partikel, die von der Blume oder dem Parfumfläschchen ausströmen, die in der Luft schweben und Ihre Nasenlöcher kitzeln. Duft hängt also mit Luft zusammen; man kann nichts riechen, wenn die Körper nicht zumindest in winziger Dosis in den gasförmigen Zustand übergehen. Und eben diese Partikelchen streichen über eure Schleimhäute und die Rezeptoren eurer Geruchsnerven, sonst könntet ihr keinerlei Duft wahrnehmen.

Gehen wir nun weiter zum Gehör. Das Ohr hört einen Ton, wenn er von der Luft transportiert wird, aber der Ton besteht nicht aus Luft: Der Ton ist eine Welle, eine Bewegung, eine Schwingung, die auf das Trommelfell trifft. Ihr werdet sagen: »Ja aber die Gerüche werden auch von der Luft transportiert.« Einverstanden, aber dabei handelt es sich noch um Materieteilchen, während bei einem akustischen Phänomen keine Materie transportiert wird: Die Schwingung, die Welle selbst ist der Ton. Deshalb lösen sich unsere Sinnesempfindungen ab dem Gehörsinn von der Materie und gehen über in den geistigen Bereich.

Der Gesichtssinn steht in der Hierarchie der Sinne an erster Stelle. Weder Materie noch Flüssiges, weder Luft noch Klangwelle kommen mit dem Auge in Berührung, sondern es ist eine Schwingung, die noch viel kürzer und stärker ist und die man Licht nennt. Das Sehen ist also ein Vorgang viel feinstofflicherer Art als das Hören, mit dem Sehen betreten wir die ätherische Welt.

Ihr seht also, welch großartige Abstufung die kosmische Intelligenz unter den fünf Sinnen geschaffen hat! Chronologisch betrachtet hat sie übrigens im Laufe der Evolution der Arten einen nach dem anderen erscheinen lassen, beginnend mit dem elementarsten, dem Tastsinn bis hin zum vollkommensten, dem Gesichtssinn. Sie hat sie den Geschöpfen stufenweise als Mittel zur Erkenntnis gegeben, damit sie auf dem Weg der Evolution voranschreiten konnten.

Über welche Mittel verfügt ihr, um die euch umgebende Welt erkennen zu können? Ihr könnt die Gegenstände berühren, sie betasten, ihr werdet erfahren, ob sie kalt oder warm sind, rau oder glatt, trocken oder nass und so weiter, aber dafür müsst ihr sie in die Hand nehmen und das ist nicht immer einfach. Ihr könnt sie schmecken, aber dafür müsst ihr sie in den Mund stecken! Um sie zu riechen, ist es einfacher, weil ihr eine gewisse Distanz einhalten könnt, aber keine zu große, sonst erreicht euch der Geruch nicht.

Der Ton kann euch auch noch aus sehr viel weiterer Entfernung erreichen, euer Handlungsradius ist also viel größer. Noch mehr als der Geruchssinn warnt der Gehörsinn die Tiere vor Gefahren, hilft ihnen zu jagen, zu fliehen, sich zu verteidigen und ihre Jungen zu schützen, aber auch er ist auf einen Umkreis von ein paar Kilometern begrenzt. Nur die Augen nehmen die Gegenstände in sehr weiter Ferne wahr. Dank ihnen hat die Menschheit die größten Fortschritte und die größten Entdeckungen gemacht, weil sie nicht nur über Form und Farbe Auskunft geben (allein das ist schon ein großartiges Geschenk), sondern auch über Bewegung, Geschwindigkeit, Entfernung und zudem über die Lichtstrahlung. Die Augen haben unglaubliche Möglichkeiten, dem Menschen bei seiner Weiterentwicklung zu helfen. Der Beweis ist, dass sie das Licht der Sterne sehen, die sich Hunderttausende von Lichtjahren entfernt im Raum befinden.

Das Auge nimmt das Licht wahr, das mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometern pro Sekunde durch den Raum eilt, während das Ohr den Ton wahrnimmt, der sich mit 333 Metern pro Sekunde fortbewegt. Wenn man eine Kanone abschießt, seht ihr zuerst einen Lichtblitz und dann hört ihr erst den Knall. Oder bei einem Gewitter seht ihr zuerst den Blitz und hört eine oder ein paar Sekunden später erst den Donner. Auf diese Weise hat die Natur unter den fünf Sinnen für eine Abstufung gesorgt.

Sie legen also Ihrem Gesprächspartner diese Hierarchie dar und sagen: »Sehen Sie, es gibt Leute, die sich nur glücklich fühlen, wenn sie die Menschen oder Gegenstände berühren, wenn sie sie in ihren Händen halten oder wenn sie sie kosten, wenn sie sie essen. Andere empfinden ein großes Vergnügen, wenn sie Düfte einatmen. Wieder andere schließlich finden ihre Freude und ihr Glück mit Hilfe des Gehörs und des Gesichts. Das sind die Musiker, die Maler, die Künstler, und sogar die Gelehrten und die Philosophen. Nun, die ersteren sind nur arme Unglückliche, die sich mit sehr begrenzten Vergnügungen zufrieden geben. Sie denken nur an Trinken und Essen und daran, mit Männern oder Frauen zu schlafen, denn sie haben die anderen beiden Sinne nicht entwickelt.«

Aber gehen wir noch weiter. Wenn die Natur im Menschen tatsächlich eine Abstufung zwischen den fünf Sinnen vorgesehen hat, warum sollte es diese Abstufung nicht für andere Fähigkeiten geben? Auch unter den Gefühlen finden sich manche, die sehr grob und niederer Art sind und andere, die fein, leicht, subtil sind, so subtil, dass ihr durch sie Zutritt zur göttlichen Welt erlangt. Die meisten Geschöpfe begnügen sich damit, in ihren kleinen Sümpfen zu bleiben, mit einigen kleinen Vergnügungen, einigen kleinen Freuden, andere aber wollen weitergehen und sich erfreuen und ernähren, indem sie mit dem ganzen Universum in Verbindung treten, und das sind die Eingeweihten! Wer hat nun Recht? Diese armen Kerle mit ihren kleinen Vergnügungen oder diese Wesen, die in die Unermesslichkeit vorstoßen?

Man findet die gleiche Abstufung im Bereich der Gedanken. Manche nähren tierische, grobe, egoistische oder verbrecherische Gedanken, andere hingegen beschäftigen sich nur damit, an das Wohl der anderen zu denken, an Bruderschaft, an Universalität. Auch da gilt: Wer von ihnen hat Recht?

Und ihr könnt weiter sagen: »Also, wenn Sie auf der Ebene des Tastsinns, des Geschmackssinns und des Geruchssinns stehen geblieben sind, bitte sehr, berühren sie, schmecken Sie, riechen Sie, aber wir ziehen höherwertige Tätigkeiten vor. Berühren Sie Frauen oder Männer, streicheln Sie sie, schmecken Sie sie, beschnuppern Sie sie, genießen Sie sie… wir werden uns weiterhin daran erfreuen, sie von weitem zu betrachten und ihre Stimme zu hören. Sie glauben, dass wir ein Leben voller Entbehrungen führen? – Keineswegs, wir sind nicht so dumm, denn man sollte sich keine Entbehrungen auferlegen, sondern nur zu höheren Stufen von Vergnügungen übergehen, das ist alles. Das ist eine Frage der Auswahl. Aber etwas entbehren, niemals! Wenn wir meditieren, wenn wir beten, wenn wir die göttliche Schönheit kontemplieren, glauben Sie, dass wir dabei weder Emotionen noch Freuden empfinden? Doch, und zwar noch größere, noch reinere, noch beständigere als all die anderen.«

Da habt ihr also noch ein gutes Argument: Die Hierarchie, die es unter den fünf Sinnen gibt, aber man muss es klar und objektiv darstellen können. Macht weiter, sucht noch andere.