Die Pforten der Hölle - Uwe Klausner - E-Book + Hörbuch

Die Pforten der Hölle E-Book

Uwe Klausner

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Beschreibung

Frühjahr 1416, wenige Tage vor Palmsonntag. Bibliothekarius Hilpert von Maulbronn trifft im Kloster Bronnbach im Taubertal ein. Als Inquisitor soll er einer geheimen Bruderschaft satanischer Novizen auf die Schliche kommen. Den rätselhaften Tod des Priors der Abtei kann er indes nicht verhindern, ebenso wenig die bestialische Ermordung eines Novizen. Und bald scheint es, als hinge sein eigenes Leben nur noch an einem seidenen Faden.

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Uwe Klausner

Die Pforten der Hölle

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

Eine der vielen Anekdoten, die sich um Bernhard von Clairvaux (1090–1153) ranken, den Abt, Mystiker und eigentlichen Gründer des Zisterzienserordens, weiß zu berichten, ein junger, unerfahrener Novize habe ihm einmal folgende Frage gestellt: »Wo finden wir den Satan, Meister?«

Darauf Bernhard: »In unseren Klöstern, Bruder.«

Die folgende, im Kloster Bronnbach im Taubertal angesiedelte Geschichte greift dieses Diktum Bernhards auf und berichtet über einen fiktiven Fall von Satanismus in einer mittelalterlichen Abtei im Jahre 1416.

Dramatis Personae

Hilpert von Maulbronn, Bibliothekarius und Inquisitor, von seinem Abt beauftragt, im Kloster Bronnbach nach dem Rechten zu sehen. Hochgebildeter Asket mit leichtem Hang zu Sarkasmus und Ironie.

Alkuin, sein Begleiter. 15-jähriger Stallbursche aus dem Kloster Maulbronn, von Bruder Hilpert als Novize eingeschleust, um seinen vermeintlichen Widersachern auf die Spur zu kommen.

Angelus, Novize. Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers aus Wertheim, der sich mit Alkuin anfreundet.

Berengar von Gamburg, raubeiniger Vogt des Grafen von Wertheim. Unverzichtbarer Helfer von Hilpert bei der Aufklärung der rätselhaften Mordserie, die das Kloster in Atem hält.

Laetitia, Bauernmädchen aus dem nahen Reicholzheim, das zufällig in den Strudel der Ereignisse gerät.

Bruder Robert, Infirmarius und damit Leiter der Krankenstation der Abtei. Jugendfreund Hilperts, der leider alles andere als eine weiße Weste besitzt.

Bruder Zacharias, Secretarius des verstorbenen Abtes. Zu schön, weltgewandt und intelligent, um frei von jeglicher Schuld zu sein.

Des Weiteren

Bruder Adalbert          Kantor

Bruder Ambrosius      Cellerarius

Bruder Clemens         Bursarius

Gisbert                         Kesselflicker

Bruder Joseph Novizenmeister

Leandrius                     Kanzleischreiber

Bruder Liebetraut       Granarius

Lukas                           Novize

Valentin                       Novize

Valentin von Helfenstein           bischöflicher Visitator und Notarius

Die Waldeule               eine weise Frau

Kaspar                          ihr Sohn

Wieland                      Novize

Wildhüter

Bruder Wilfried           Stallmeister

u.v.m.

Klosterämter

Abt                           Vorsteher

Prior                         Stellvertreter des Abtes

Cellerarius                 Schaffner, Kellermeister

1

Taubertal bei Wertheim – Mittwoch vor Palmsonntag, Anno Domini 1416

»Töte ihn!«, zischte der Dämon und breitete seine Schwingen über ihm aus. »Im Namen Satans, des Allmächtigen: Töte ihn!«

Der junge Mann wirbelte herum, wurde kreidebleich und riss reflexartig die Hände vors Gesicht. Dann stieß er einen Schrei aus, so gellend, dass er das Heulen des Sturmes übertönte.

Der Dämon kümmerte sich nicht darum. Kaum war der Schrei verklungen, brach er in diabolisches Gelächter aus, erhob sich in die Lüfte und begann sein Opfer wie ein Aasgeier zu umkreisen. Der junge Mann erstarrte und ließ ihn keinen Moment aus den Augen. Obwohl der Dämon lediglich in seiner Phantasie existierte, brachte er ihn schier um den Verstand. Kaum mehr fähig, seiner Angst Herr zu werden, war die Wirklichkeit ohne Bedeutung für ihn, der Dämon aus Fleisch und Blut. Eine Ausgeburt der Hölle, gegen die es keinerlei Mittel gab. Nein, dies war kein Trugbild, davon war er felsenfest überzeugt!

Und so blieb er einfach stehen und harrte des Strafgerichts, das gleich über ihn hereinbrechen würde. An Flucht jedenfalls war nicht zu denken. Und selbst wenn – es wäre zwecklos gewesen. Der Dämon würde ihm überallhin folgen. Selbst an die entlegendsten Orte der Welt.

In seiner Verzweiflung warf sich der junge Mann schließlich auf die Knie. Doch was er auch tat und noch tun würde – es war umsonst. Der Dämon kannte kein Erbarmen. Er musste sich in sein Schicksal fügen. Sonst würde er auf ewig in der Hölle schmoren.

Kaum hatte er sich den Holzkeil zwischen die Kiefer geklemmt, kam es über ihn. Der Himmel stürzte zusammen, und die bewaldeten Bergrücken bewegten sich in rasender Geschwindigkeit auf ihn zu. Selbst der Sturm, in den er geraten war, existierte plötzlich nicht mehr. Von nun an gab es nur noch den Dämon, weit mächtiger als Schnee und Eis und die tobenden Elemente ringsumher.

Als habe ihn ein Geschoss in den Rücken getroffen, bäumte sich der junge Mann schließlich auf. Dann kippte er zur Seite und verlor die Kontrolle über sich. Gerade noch im Vollbesitz seiner Kräfte, war aus ihm ein lallendes, zuckendes, geiferndes Etwas geworden, hilfloser als ein neugeborenes Kind. Schaum quoll aus seinem Mund, und seine Pupillen drehten sich wild im Kreis. Er trat um sich, schrie, weinte, tobte – umsonst. Der Dämon war stärker. Er würde ihn bezwingen. Wie all die Male vorher. Der junge Mann sog die verpestete Luft ein, von der er sich umgeben glaubte, hörte die Stimme, die sich wie ein Stilett in seinen Gehörgang bohrte – und gab seinen Widerstand endgültig auf. Ihm blieb keine Wahl. Er würde erneut töten müssen.

Aber wer weiß – vielleicht war es das letzte Mal. Dann wäre er endlich frei und die Visionen, die ihn plagten, für immer aus seinem Gedächtnis getilgt.

Geraume Zeit später, als sein epileptischer Anfall vorüber war, rappelte sich der hochgewachsene Mann auf, klopfte den Schnee von seinem rubinroten Wams und rückte das Barett zurecht, das ihm immer wieder ins Gesicht rutschte. Dann prüfte er die Klinge des Dolches, den er am Gürtel trug. Es war immer noch empfindlich kalt, und der Wind, der von Norden her durch das Tal fegte, ließ ihn frösteln. Der junge Mann, allem Anschein nach ein Höfling, stieß eine Verwünschung aus und sah sich argwöhnisch um. Der Pfad, der sich am Fluss entlang zum Kloster schlängelte, war menschenleer, und er fragte sich, ob der Alte vielleicht doch Verdacht geschöpft und sich nicht schon längst aus dem Staube gemacht hatte.

Als der Tag anbrach, konnte er seine Ungeduld kaum noch zügeln, und er begann wie ein eingesperrtes Tier auf und ab zu gehen. Den Morast, der an seinen eng anliegenden Beinlingen klebte, nahm er kaum wahr, ebenso wenig wie den Schweiß, der sich trotz der klirrenden Kälte unter seinem Leinenhemd staute. Halb verrückt vor Ungestüm, ballte er die Linke zur Faust und rammte die Stiefelspitze derart heftig in den Boden, dass die Schlammbrocken nach allen Seiten davonwirbelten.

Doch ebenso plötzlich, wie ihn die Wut gepackt hatte, legte sie sich auch wieder. Der junge Mann atmete auf. Er würde seinen Plan ausführen, koste es, was es wolle.

Kurz darauf, als seine Augen über den nebelverhangenen Horizont wanderten, war es so weit. Kein Zweifel – bei dem sich stetig vergrößernden Punkt, der sich auf ihn zu bewegte, handelte es sich nicht um äsendes Wild, sondern um einen kräftig ausschreitenden Mann mittlerer Größe, und wenig später war die Hoffnung, die er im Stillen hegte, Wirklichkeit geworden.

Der Kesselflicker. Und weit und breit kein Mensch zu sehen. »Töte ihn!«, flüsterte der Dämon und stieß einen Schwall pestilenzartiger Atemluft aus. »Töte ihn!«

Als er ihn entdeckte, schwenkte der Kesselflicker die Arme. Der junge Mann lächelte. Wider Erwarten war also doch alles gut gegangen. Was nichts anderes hieß, dass sein Opfer keine halbe Stunde mehr zu leben hatte.

»Ein hartes Stück Arbeit!«, war das Erste, was ihm der Alte zurief, bevor sein voluminöser Wanst zum Stehen kam. Während der Kesselflicker nach Luft rang, betrachtete ihn der junge Mann näher. »Und?«, fragte er in teilnahmslosem Ton, damit der Alte nicht auf die Idee käme, den verabredeten Lohn in die Höhe zu treiben. »Hat sich der Bruder Pförtner deiner angenommen?«

»Aber gewiss doch, Herr!«, bejahte der Kesselflicker, der eine Klappe über dem linken Auge trug. »Wenngleich ich sagen muss, dass die Sache nicht ganz so einfach war, wie –«

»– ich sie dir geschildert habe, ich weiß! Keine Sorge, dir wird reicher Lohn zuteil!«

Wie der junge Mann sehr wohl wusste, waren das genau die Worte, die der Alte zu hören hoffte, wenngleich ihm ihre Zweideutigkeit verborgen blieb. Ein breites Lächeln auf dem von Bartstoppeln übersäten Gesicht, beeilte sich der Kesselflicker denn auch, mit seinem Bericht zu beginnen: »Wie gesagt–«, stieß er seufzend hervor, »nicht gerade einfach, was Ihr mir da aufgetragen habt! Aber nach langem Hin und Her hat es ja dann doch noch geklappt.«

»Schwierigkeiten?«

»Keine – außer vielleicht mit dem Pförtner, der mich wieder wegschicken wollte.«

Der junge Mann runzelte die Stirn. »Soll das etwa heißen, dass du –«

»Keine Sorge, Herr. Ich habe dann doch noch mit ihm reden können. Unter vier Augen. Wie Ihr es mir aufgetragen habt.«

»Und wie lautet seine Antwort? Rede, du Wicht, sonst …« Dem jungen Mann schoss die Zornesröte ins Gesicht, und er hatte Mühe, nicht die Beherrschung zu verlieren.

»Gemach, Herr. Nur gemach.« Der Kesselflicker, ohne Gespür für die Gefahr, die ihm drohte, ließ sich mit seiner Antwort Zeit. »Was es heutzutage nicht alles gibt!«, stieß er kopfschüttelnd hervor. »Ein Bibelzitat als Nachricht, ein Bibelzitat als Antwort – recht ungewöhnlich, findet Ihr nicht auch?«

»Die Antwort! Wie lautet sie?!«

»Mal sehen, ob ich sie noch zusammenkriege. Also: ›Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: ›Siehe, jetzt habt ihr seine Gotteslästerung gehört. Was dünkt euch? Sie antworteten und sprachen: ›Er ist –‹«

»›– des Todes schuldig‹«, vollendete der junge Mann mit spürbarer Erleichterung. »Wenn das keine gute Nachricht ist!«

»Mit Verlaub, Herr, aber ich verstehe nicht so recht, was Ihr meint.«

»Nicht so wichtig. War das wirklich alles?«

»So wahr ich Gisbert der Kesselflicker bin. Wenngleich –« Der Alte schlug die Augen nieder und scharrte verlegen mit dem Fuß.

»Wenngleich was?!«

»– ich mich frage, ob es nicht angebracht wäre – nichts für ungut, Herr! – aber seid Ihr nicht auch der Meinung, meine Dienste wären einen zusätzlichen Obolus wert?«

»Ach, darauf willst du hinaus! Wenn das alles ist – warum nicht?«

Mit einem Lächeln auf den Lippen öffnete der junge Mann die Geldkatze an seinem Gürtel und holte einen Goldgulden daraus hervor, den er dem Kesselflicker mit sichtlichem Vergnügen präsentierte. Als der Alte sah, was ihm aus der Handfläche des jungen Mannes entgegenschimmerte, hellten sich seine Züge schlagartig auf, und er hatte Mühe, die richtigen Worte zu finden. »Habt Dank, edler Herr!«, stammelte er, während sein intaktes Auge vor Habgier fast aus der Höhle sprang. »Tausend und abertausend Mal Dank! Und wenn Ihr meiner Dienste jemals wieder bedürft, dann –«

»Wohl kaum!«, flüsterte der junge Mann, aber der Kesselflicker hörte ihm schon längst nicht mehr zu, sondern beugte das Knie, um nach der Münze zu greifen, die sein Gönner aus scheinbarer Unachtsamkeit hatte fallen lassen.

Sie würde ihm keinen Nutzen mehr bringen, denn kaum hielt er den Goldgulden in der Hand, bohrte sich der Dolch des jungen Mannes so tief in sein rechtes Auge, dass er vor Schmerzen fast den Verstand verlor.

Dennoch löste sich kein Schrei von seinen Lippen, und der junge Mann, an dessen Dolch eine Mischung aus Blut, Haut und Gewebe klebte, hielt verdutzt inne. Warum in des Teufels Namen schrie der Alte nicht? Warum kam kein einziger Laut aus seinem Mund, kein Wimmern, Betteln, Flehen – nichts?

Da kam ihm eine Idee. Nein, er würde den Kesselflicker nicht töten. Noch nicht. Es würde eine letzte Frist geben. Bis Mitternacht. Und dann, erst dann, würde er das armselige Dasein des alten Mannes beenden.

Doch zuvor, für den Fall, dass etwas schief ging, musste er dafür sorgen, dass der Alte zu dem wurde, was er in seinen Augen längst war: eine dahinvegetierende Kreatur, die für niemanden mehr von Nutzen war. Die nicht mehr preisgeben konnte, wer ihr Peiniger war.

Der junge Mann ließ seinen Dolch durch die Hände gleiten und lächelte. Dass er sich mit Blut besudelte, kümmerte ihn nicht.

Bis seine Arbeit getan war, würde noch viel mehr Blut fließen.

Wahre Ströme von Blut.

Der Dämon würde zufrieden sein.

2

Abteikirche – Prima (8.20 Uhr)

Träumte er, oder lächelte ihn die Heilige Jungfrau an? Hildebrand, Prior vom Orden der Zisterzienser, stockte der Atem. Obwohl ihm Selbstbeherrschung über alles ging, konnte er keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das Blut schoss ihm in den Kopf und aus Angst, beobachtet zu werden, sah er sich rasch nach allen Seiten um. Kein Geräusch, kein Laut– nichts! Hildebrand atmete erleichtert auf und wandte sich wieder dem Altarbild zu. Doch kaum war dies geschehen, durchflutete ihn ein Wohlgefühl, wie er es noch nie verspürt hatte. Ein Gefühl, von dem er sich nur allzu bereitwillig mitreißen ließ und das den letzten Funken von Verstand in seinem Inneren erstickte.

Nein, dies konnte, dies durfte kein Traum sein. Nicht einmal der schönste aller Träume hätte so etwas ersinnen können. Da war diese Frau, anmutig, hoheitsvoll und strahlend schön. Und da war ihr Gewand, das in sämtlichen Farben des Regenbogens erstrahlte. Und da war das Blau ihrer Augen, dunkel und unergründlich wie die Tiefen des Ozeans.

Kein Wunder also, dass sein Verstand wie Schnee in der Frühlingssonne dahinzuschmelzen begann. Wer, wo und was er war, kümmerte ihn nicht mehr, es gab nur noch ihn und die sich in Sehnsucht verzehrende Frau, die sich mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu bewegte. Urplötzlich war es helllichter Tag, der Chor der Abtei zu Staub zerfallen. Und so konnte er nicht anders, als die Augen zu schließen, aber als er sie wieder öffnete, fand er sich inmitten der mannigfaltigsten Blütenpracht wieder, allein mit der Frau, die er mit jeder Faser seines Wesens begehrte. Der azurblaue Himmel über ihm war wolkenlos, doch ehe er es sich versah, nahm er die Farbe von Edelsteinen an, bald smaragdgrün, bald rubinrot oder gleißend hell wie ein Amethyst. Alles betäubende Frühlingsdüfte senkten sich auf ihn herab und die Frau, ihm nunmehr ganz nahe, verströmte den Geruch von Lavendel und Rosmarin.

»Nein, dies ist kein Traum!«, hallte es ihm aus den Tiefen seines Bewusstseins entgegen, aber als ihm die Frau ganz nah war, bereit, in seine Arme zu sinken, begann sich ihre Gestalt auf unerklärliche Weise zu verändern. Wie und warum dies geschah, war ihm ein Rätsel, doch wich er beim Anblick des Wesens, dem er sich nunmehr gegenübersah, unwillkürlich zurück. Verschwunden waren Anmut, Liebreiz und das Lächeln, das ihn so sehr in seinen Bann gezogen hatte, verschwunden die makellose Schönheit, der zu widerstehen schier unmöglich schien. Hildebrand, Prior zu Bronnbach, erschauderte, während ihm kalter Schweiß aus allen Poren brach. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlachund geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Gräuel und Unreinheit ihrer Hurerei, und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das große Babylon, die Mutter der Hurerei und aller Gräuel auf Erden. Wer war das, der da sprach? Wer in der Heiligen Namen gab ihm dies ein? Für den Bruchteil eines Augenblicks stand sein Herz still und der Atem des Mönches ging immer rascher. Und ich sah die Frau, betrunken von dem Blut der Heiligen und von dem Blut der Zeugen Jesu. Zum Entsetzen des Priors kam die Gestalt rasch näher. Der Himmel über ihm verdüsterte sich, der pestilenzartige Gestank, den der Wind von Osten her herantrug, raubte ihm fast den Atem. Nicht mehr fähig, zwischen Schein und Wirklichkeit zu unterscheiden, hob er abwehrend die Hände, als ihn ein stechender Schmerz in der Brust wie zu einer Salzsäule erstarren ließ. Die Drahtschlinge, die sich im gleichen Moment um seinen Hals legte, bemerkte er dagegen kaum.

Nein, dies war kein Traum, davon war er mehr denn je überzeugt. Dies war die große Hure, die ihren grell geschminkten Mund öffnete, um ihm, Hildebrand, den Todeskuss zu geben.

3

Klosterpforte – Tertia (9.20 Uhr)

»Nun macht schon auf!«, schimpfte Alkuin, ballte die Rechte zur Faust und hämmerte an das Tor der Abtei. Es war bitterkalt, und die Aussicht auf einen Platz am Kamin raubte ihm vollends die Geduld. Doch es war wie verhext. Niemand öffnete ihm.

Über Nacht war der Winter zurückgekehrt, und am östlichen Firmament war außer einem hellen, sich nur langsam vergrößernden Fleck so gut wie nichts zu sehen. Alkuin fröstelte und sein Atem zeichnete geisterhafte Figuren in die Luft. Seit seinem Aufbruch aus Maulbronn hatte er nichts Vernünftiges mehr zu essen bekommen, weshalb es in seinem Magen bedenklich zu rumoren begann. Doch dem knapp 16-jährigen Jungen schien dies nichts auszumachen. Einstweilen plagten ihn andere Sorgen, als dass er einen Gedanken an Essbares verschwendet hätte.

»Entweder haben die sich alle in Luft aufgelöst, oder der Bruder Pförtner hat einen über den Durst getrunken! Komisch– müssten doch längst wach sein!«, schimpfte er halblaut vor sich hin. Warum niemand öffnete, war ihm ein Rätsel. Schließlich war dies ein Tag wie jeder andere, der vierte vor Palmsonntag Anno Domini 1416. Alkuin runzelte die Stirn und zog seinen Umhang enger um die Schultern. Obwohl es keinerlei Anlass gab, machte sich Unruhe in ihm breit.

»Seltsam – keine Menschenseele zu sehen!« Die Stimme von Bruder Hilpert, Bibliothekarius des Klosters Maulbronn, der vom Rücken seines Esels aus über die Klostermauer spähte, schreckte Alkuin auf. Der hagere Mittdreißiger mit der ergrauten Tonsur und den asketischen Zügen, ansonsten die Ruhe selbst, konnte seine Ungeduld kaum noch zügeln. »Was in der Heiligen Jungfrau Namen mag da bloß geschehen sein?«

»Keine Ahnung, Meister!«, beeilte sich der Junge zu antworten und warf dem mehr als doppelt so alten Mann einen ratlosen Blick zu. Zwar nannte er ihn Meister, was einem elternlosen Stallburschen wie ihm eigentlich nicht zustand, aber Bruder Hilpert, in all den Jahren nicht nur Lehrer, sondern fast so etwas wie ein Vater für ihn, schien dies nicht zu stören.

»Möchte wissen, was da drinnen los ist!«, erwiderte Bruder Hilpert mit sorgenvoller Miene. »Noch eine halbe Stunde hier draußen, und ich bin –«

»Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt, Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen!«

Die Stimme in seinem Rücken hatte etwas Furchteinflößendes an sich, und nachdem er sich umgedreht hatte, prallte Alkuin buchstäblich zurück.

Wie aus dem Nichts war vor ihm der Bruder Pförtner aufgetaucht, ein mürrischer Greis mit stechendem Blick, bei dessen Anblick es einem kalt den Rücken hinunterlief. Der Jüngling schlug die Augen nieder, was dem runzligen Alten in der weißen Tracht der Zisterzienser und dem zerschlissenen schwarzen Überwurf natürlich nicht entging. In der Absicht, Bruder Hilpert und ihn willkommen zu heißen, öffnete er schließlich den Mund, aus dem eine Reihe fauler Zähne wie die Spitzen einer Forke emporragten. Doch bevor er zu Wort kam, kam ihm Bruder Hilpert zuvor und sprach: »Und ich sah einen Engel vom Himmel herabfahren, der hatte den Schlüssel zum Abgrund und eine große Kette in seiner Hand. Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre.«

Alkuin hatte keine Ahnung, was Bruder Hilpert mit seinem Bibelzitat bezweckte, der greise Pförtner anscheinend schon. Denn als sei eine derartige Begrüßung die selbstverständlichste Sache der Welt, machte er auf dem Absatz kehrt, sperrte das Tor auf und gab Alkuin durch einen Wink zu verstehen, ihm zu folgen.

Alkuin warf seinem Meister einen verdutzten Blick zu. Für das, was hier vor sich ging, fand er keine Erklärung, und Bruder Hilpert machte keinerlei Anstalten, ihm eine zu geben. Als sich der alte Pförtner ein Stück weit entfernt hatte, raunte er ihm stattdessen zu: »Und du hast auch wirklich nicht vergessen, was ich dir eingeschärft habe?«

»Natürlich nicht, Meister!«, lautete die prompte Antwort. »Von nun an bin ich nicht mehr Alkuin, Stallbursche des Klosters, sondern –«

»Bertram von Rosenberg, Sohn des Junkers Heribert, ganz recht«, vollendete Hilpert. »Und weiter?«

»Weil ich Mönch werden möchte – wogegen mein Vater nichts einzuwenden hat, da ich der Zweitälteste unseres Hauses bin – möchte ich dem Konvent zu Bronnbach als Novize beitreten, um anschließend –«

»Ja?«

Sichtlich verlegen trat Alkuin von einem Bein auf das andere. »Meister, ich weiß, dass ich Euch für das, was Ihr für mich getan habt, großen Dank schulde«, begann er, »aber wollt Ihr mir nicht sagen, worum es hier eigentlich –«

»Nein, Alkuin, worum es bei meiner Mission geht, kann ich dir nicht sagen. Noch nicht. Alles, worum ich dich bitte, ist dies: Halte dich strikt an das, was ich dir unterwegs eingeschärft habe. Vor allem: Du hast mich gestern Abend in der Herberge zum ersten Mal gesehen, ist das klar?«

Der eindringliche Ton, in dem Bruder Hilpert zu ihm sprach, ließ Alkuin verstummen. »Ganz wie Ihr wünscht, Meister!«, antwortete er, griff nach dem Zaumzeug des Esels und steuerte auf das Hospiz der Abtei zu, wo der Pförtner bereits auf ihn wartete.

Hätte er geahnt, was ihm widerfahren würde, wäre er auf der Stelle umgekehrt, selbst auf die Gefahr hin, seinen Meister im Stich lassen zu müssen.

4

Post Tertiam

Er ist tot. Endlich ist er tot. Der Einzige, der mich bei dem, was mir von meinem Herren zu tun befohlen wurde, noch hätte aufhalten können. Selbst jetzt noch, in der Abgeschiedenheit meines Refugiums, da ich darangehe, meine Taten niederzuschreiben, auf dass sie dereinst, wenn die Herrschaft meines Herrn über diese erbärmliche Welt vollendet ist, Zeugnis ablegen mögen über des gefallenen Engels Macht und Herrlichkeit, überkommen mich Schauer der Erregung, wenn ich dieser meiner Tat gedenke. Mag meine Hand auch zittern, so tut sie dies nicht, weil ich Angst oder gar Reue in mir spüre, sind dies doch Regungen des Gemüts, die einer längst vergangenen Welt angehören, einer Welt, die ich für immer hinter mir gelassen habe. Nein, mag es den Schriftzügen, mit denen ich das vor mir liegende Pergament überziehe, auch an der üblichen Schärfe und Klarheit mangeln, so liegt dies viel eher daran, dass es mir bislang nicht gelungen ist, meiner Freude darüber Herr zu werden, wie leicht diese Tat zu bewerkstelligen war. Tat? Wie töricht von mir, dies Wort zu benutzen, war es doch Hildebrand, der vor den Augen meines Handlangers niedersank, bereit, vom Leben zum Tode befördert zu werden. Wer anders als Satan, mein allgewaltiger Herr, könnte dies Wunder vollbracht haben, auf dass ich mich nicht mit dem Blut eines Verräters und Christenhundes besudele.

5

Abteikirche – Tertia (9.25 Uhr)

Obwohl bereits der Morgen graute, wich die Dunkelheit nicht. Die Kerze auf dem Hochaltar, das einzige Licht weit und breit, war fast heruntergebrannt, und die klirrende Kälte setzte den Mönchen schwer zu. Dies war jedoch nicht der einzige Grund, warum sie sich wie eine Herde verängstigter Schafe um den Hochaltar scharten. Etwas Schreckliches, geradezu Ungeheuerliches war geschehen. Etwas, womit sie nicht einmal im Traum gerechnet hatten. Wenn überhaupt, sprachen sie im Flüsterton, und an ihren Gesichtern konnte man ablesen, wie tief ihnen der Schreck in den Gliedern saß. Die Frage, die sich jeder stellte, behielten sie allerdings für sich. Und als ginge von dem Toten vor dem Altar noch die gleiche Wirkung wie zu Lebzeiten aus, wahrten alle respektvollen Abstand zu ihm.

»Und was soll jetzt aus uns werden?«, brach Bruder Adalbert, der Kantor, das Schweigen, während seine mausgrauen Augen von einem Mitbruder zum anderen huschten. Der Mann mit dem ovalen Gesicht, dessen linke Gesichtshälfte auch an ruhigen Tagen von einem merkwürdigen Zucken befallen wurde, kehrte die Handflächen nach außen und hob ratlos die Schultern. »Ich meine… jetzt, wo der ehrwürdige Vater Abt auf dem Reichstage zu Konstanz und anschließend auf dem Generalkapitel in Cîteaux … wo wir quasi ohne –«

»– Hirte und geistlichen Beistand sind, meint Ihr?«, ergänzte Bruder Clemens, der Bursarius, mit unverhohlenem Spott. Über das Gesicht des knapp 40-jährigen, blassen und schmallippigen Mannes, an dessen Miene man ablesen konnte, wie sehr er sich dem Kantor überlegen fühlte, glitt ein hintergründiges Lächeln. Dass er nach Höherem strebte und sich durch die Wahl Hildebrands zum Prior übergangen fühlte, war allgemein bekannt. Kein Wunder, dass er in dem sich anbahnenden Disput umgehend die Initiative ergriff: »Wäre dies nicht die Gelegenheit – nun, sagen wir es einmal so: wäre es nicht an der Zeit, gewisse Entscheidungen des Konvents aus der Vergangenheit einer gewissenhaften Prüfung zu unterziehen?«

»Der Heilige Bernhard möge mir verzeihen, wenn ich Euren Tatendrang zum Wohle unserer Abtei ein wenig dämpfe«, wandte Bruder Liebetraut, der Granarius, mit treuherzigem Lächeln ein, wobei man nicht sicher sein konnte, ob es echter Sorge oder abgrundtiefer Bosheit entsprang, »aber meint Ihr nicht auch, dass es im Augenblick weit Dringlicheres als die Nachfolge unseres so unvermittelt aus dem Leben gerissenen Bruders Hildebrand zu bereden gibt?«

»Wenn das nicht nur Eure, sondern die Meinung aller hier versammelten Brüder ist, will ich dem nicht im Wege stehen«, gab der Bursarius mit eisiger Miene zurück.

»Dann wäre das also geklärt!«, konterte der Granarius und warf den Umstehenden einen vielsagenden Blick zu. »Um es auf den Punkt zu bringen: Wie sollen wir weiter verfahren? Den Vater Abt zu verständigen, halte ich für zu langwierig und im Grunde auch für unnütz. Darum schlage ich vor, sämtliche unser aller Wohl betreffenden Entscheidungen bis zur Rückkehr des ehrwürdigen Bruders Johannes dem gesamten Kapitel zu übertragen.«

»Wenn Ihr schon das Kapitel erwähnt«, meldete sich der Cellerarius zu Wort, während er mit dem Handrücken über die feuerrote Nase fuhr, die seinen feisten Zügen ihr unverwechselbares Aussehen verlieh, »können wir die ganze Angelegenheit nicht bis dahin verschieben? Ich persönlich halte es nämlich für angezeigt, dass wir uns zunächst einmal um unseren dahingegangenen Bruder –«

»– Prior kümmern, aber gewiss doch!«, kam ihm unerwarteter Weise der Bursarius zu Hilfe, ein triumphierendes Lächeln auf dem kantigen Gesicht. »Wie konnten wir das nur vergessen!«

»Recht habt Ihr: Wie konnten wir das nur vergessen!«, lautete die barsche Antwort des Infirmarius, und sein missbilligender Blick verriet, wie sehr ihm das Gezänk seiner Brüder zuwider war. Die Betroffenen jedoch focht dies nicht an. Dass Hildebrands Leiche immer noch unweit des Altars auf den kalten Steinfliesen der Klosterkirche lag, schien sie ebenfalls nicht zu stören. Der Infirmarius, dessen Tonsur von einem wild wuchernden Haarkranz umgeben war, atmete tief durch und schüttelte ungläubig den Kopf: »Möchte wissen«, hielt er seinen Ärger nur mühsam in Zaum, »weshalb wir ausgerechnet hier, im Angesicht der Heiligen Jungfrau, einen Disput vom Zaune brechen, der sämtlichen Prinzipien unseres Ordens widerspricht. Von der Art und Weise, wie mit den sterblichen Überresten eines Mitbruders umgegangen wird, gar nicht zu reden!«

»›Umgegangen wird?‹ Höre ich richtig?«, entgegnete der Bursarius mit zorniger Miene. »Wie Euch, Bruder Robert, sehr wohl bekannt sein dürfte, handelte es sich bei Bruder Hildebrand keineswegs um jemanden, der –«

»– sich allgemeiner Wertschätzung erfreute: Ist es das, was Ihr sagen wollt?«

Wie auf Kommando fuhren die Köpfe der Anwesenden herum. Selbst Bruder Robert, der sich nur selten aus der Ruhe bringen ließ, war vollkommen überrascht. »Hilpert – Ihr?«, staunte er, als er die hagere Gestalt auf der Schwelle der Mönchspforte stehen sah. Einen Augenblick wie gelähmt, ging er zögernd auf den Bibliothekarius zu.

»Ja, ich!«, bekräftigte er, »wobei ich nicht verstehen kann, weshalb dir das Du nicht mehr über die Lippen will.«

»Es ist … ist eben alles schon so lange her!«, lautete die Antwort. Doch kaum hatte er geendet, lagen sich der Infirmarius und Bruder Hilpert in den Armen.

*

Als Bruder Hilpert das schäbige Tuch entfernte und den Blick auf die Leiche des Priors freigab, war es totenstill. »Und wann, sagt Ihr, habt Ihr unseren heimgegangenen Bruder zum letzten Mal gesehen?« Bruder Hilpert, der mittlerweile neben der Leiche kniete, um sie eingehender zu begutachten, würdigte die Anwesenden keines Blickes. Fast schien es, als spräche er mit sich selbst.

»Was soll das heißen: ›Zum letzten Mal gesehen?‹«, blaffte der Bursarius, ohne sich um die Gebote der Höflichkeit auch nur im Geringsten zu kümmern. »Wollt Ihr etwa damit sagen, dass Bruder Hildebrand von einem der hier Anwesenden –«

»Gar nichts will ich damit sagen, Bruder,« entgegnete Bruder Hilpert, während ein hintergründiges Lächeln über seine bleichen Züge glitt. »Wenngleich mir die Art und Weise, wie unser Bruder in Christo offenbar zu Tode kam, nicht wenig zu denken gibt.«

»›Zu denken gibt?‹ Wie in des Heiligen Bernhards Namen meint Ihr das?«

»So, wie ich es sage!«, konterte der Bibliothekarius, während er mit der oberflächlichen Untersuchung des Leichnams fortfuhr.

Der Bursarius wurde feuerrot vor Wut. »Wer, Bruder Hilpert«, zischte er, während sich seine Augen zu schmalen Schlitzen verengten, »gibt Euch eigentlich das Recht, so mir nichts, dir nichts in unsere Abtei hereinzuplatzen und …«

»Das Generalkapitel, werter Bruder. Und der Abt Eures Mutterklosters. Doch lest selbst.« Ohne sich seinem Kontrahenten zuzuwenden, zog Bruder Hilpert eine Pergamentrolle unter seiner Kukulle hervor und reichte sie über die Schulter hinweg nach hinten.

Der Bursarius war sprachlos, und dies kam recht selten vor. Doch dann gewann seine Neugier die Oberhand. »Inquisitor – Ihr?«, rief er überrascht aus, wobei er bei der Lektüre des Schriftstücks immer größere Augen bekam. Wachsbleich im Gesicht, war von dem als hochfahrend und eitel bekannten Mann nicht mehr viel übriggeblieben. »Inquisitor – aber warum und wozu?«

»Aus einem triftigen Grund.«

»Darf man erfahren, aus welchem?«

»Nichts lieber als das!«, antwortete der Inquisitor, schloss dem Toten die Augen und richtete sich auf. »Also: Vor genau einer Woche hat den Vater Abt zu Maulbronn eine Nachricht aus diesem Kloster erreicht, die nicht nur ihn aufs Äußerste entsetzte. Doch hört selbst!« Während er sprach, zog der Inquisitor einen Brief unter seiner Kukulle hervor, faltete ihn auseinander und begann zu lesen: »Ehrwürdiger Vater Abt, Brüder in Christo zu Maulbronn! Verzeiht, dass ich Euren klösterlichen Frieden stören muss, aber ich halte es für meine Pflicht, eben dies zu tun! Wisset denn: Seit geraumer Zeit geschehen hier Dinge, über die zu berichten mir kaum möglich erscheint. Die Feder in meiner Hand beginnt zu zittern, wenn ich mir auch nur vorstelle, in welcher Gefahr wir hier alle schweben. Da ich jedoch befürchten muss, dass dieser Brief in falsche Hände gelangt, nur so viel: Satan ante portas!* Eilt uns zu Hilfe, Brüder, sonst ist es zu spät! Säumet nicht, sonst sind wir verloren!«

»Und von wem stammt die Nachricht, wenn man fragen darf?«, fragte der Bursarius in barschem Ton.

»Das tut nichts zur Sache!«, beschied ihn der Inquisitor und ließ den Brief verschwinden, bevor ihn der Bursarius in die Hand bekam. »Viel wichtiger als das erscheint mir die Frage, ob mir einer der Anwesenden erklären kann, was der Inhalt des Briefes zu bedeuten hat!«

Noch ein wenig blasser als sonst, schüttelte der Bursarius den Kopf. »Keine Ahnung!«, stieß er unwirsch hervor.

»Soso«, entgegnete der Inquisitor und sah die Anwesenden der Reihe nach an. »Ehrlich gesagt habe ich auch mit nichts Anderem gerechnet!«

6

Stall – Sexta (11.20 Uhr)

»Benedikt– komischer Name für ein Maultier, muss ich schon sagen!«, brummte Bruder Wilfried, Stallmeister der Abtei, als er das Gatter der Eselskoppel hinter sich verriegelte. »Eine eigenartige Auffassung von Humor, muss ich schon sagen!«

Alkuin senkte verlegen den Kopf. Nicht im Traum wäre es ihm eingefallen, den Meister zu kritisieren, auch wenn er dem wettergegerbten Hünen, der sich mit verschränkten Armen vor ihm aufbaute und außer der Kutte aus grobem braunem Wollstoff nichts von einem Klosterbruder an sich hatte, im Stillen beipflichtete. Pech für ihn, dass sich der Stallmeister der Abtei von seiner Einsilbigkeit nicht im Geringsten beeindruckt zeigte. »Ich muss schon sagen – einem Maultier den Namen eines Papstes zu geben, weiß nicht, ob das unbedingtsein muss!«

Natürlich musste es nicht sein. Aber so war Bruder Hilpert nun mal. Eigenwillig, selbstsicher – und mit einer Spottsucht gesegnet, die schon fast an Blasphemie grenzte. Alkuin war mehr als unwohl in seiner Haut, weshalb er dem bis dahin sehr einseitigen Gespräch eine andere Richtung zu geben versuchte. »Und … und wo werde ich schlafen?«, lautete seine unbeholfene Frage.

»Im Hospiz, wo denn sonst!«, erwiderte Bruder Wilfried barsch und schnäuzte sich in ein vergilbtes Stück Tuch, das er unter seinem Überwurf hervorgezerrt hatte. »Es sei denn, man hätte andere Pläne mit dir. Wovon ich im Augenblick aber noch nichts weiß. Und solange dies nicht der Fall ist, wird der junge Herr mit der Kargheit meines Domizils noch eine Weile vorlieb nehmen müssen.«

Alkuin wollte etwas entgegnen, beteuern, dass es ihm beileibe nichts ausmache, im Stall bei den Pferden und Mauleseln zu schlafen. Schließlich war er es ja gewohnt. Doch dann geschah es. Ohne dass er es hätte verhindern können. Tief im Inneren seines Körpers war ein lang gezogenes, nicht zu überhörendes Knurren zu hören.

Als sei dies für ihn das Zeichen, seine nur nach außen hin zur Schau getragene Griesgrämigkeit abzulegen, hellte sich Bruder Wilfrieds Miene schlagartig auf und ein breites Grinsen huschte über sein pausbäckiges Gesicht. »Zeit zu tafeln, junger Herr, nicht wahr?«

Erst jetzt, da sich ihm der bärenstarke, fast sechs Fuß große Mann auf Armeslänge genähert hatte, wagte Alkuin einen schüchternen Blick. Und sah sich einem wahren Muskelpaket von Mann gegenüber, der Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft nur mühsam unter der Schale aufgesetzter Grobschlächtigkeit zu verbergen trachtete. »Nicht so schlimm, ich …«, wagte er einen schüchternen Einwand.

»Papperlapapp!«, lautete die entschlossene Antwort, bevor sich ein muskelbepackter Arm auf die Schulter des Jungen herabsenkte.

*

»Nur keine falsche Bescheidenheit, greif zu!« Bruder Wilfried, der es tatsächlich geschafft hatte, seinen massigen Körper auf einem Melkschemel zu platzieren, deutete auf das Bündel, das auf dem Boden des Pferdestalles ausgebreitet war. Beim Anblick von Schafskäse, Butter und frischem Brot lief Alkuin förmlich das Wasser im Munde zusammen. Trotzdem zögerte er. »Ich weiß nicht, am frühen Morgen, wo wir doch gerade Fastenzeit …«

Doch da war wieder dieser muskulöse Arm, der keinen Widerspruch zu dulden und jegliche Einwände im Keim zu ersticken schien. Nichts zu machen. Alkuin ließ sich zu Füßen des Stallmeisters nieder. Ein weiterer schüchterner Blick, dann griff er beherzt zu.

Bruder Wilfried lächelte. »Nichts wie runter damit, bevor du Novize wirst!«, witzelte er. »Fasten musst du dann nämlich noch genug!«

»Cuculla non facit monachum*, ich weiß.«

»Umso besser. Wir Laienbrüder haben es allerdings auch nicht leicht. Säen, pflügen, ernten, dreschen, Getreide mahlen, Brot backen, Kühe melken, Fische fangen, Wein anbauen, Bäume fällen, Dächer ausbessern, Werkzeug schmieden, Pferde beschlagen und dergleichen mehr – und das bei nur einer Mahlzeit am Tag? Kaum auszudenken, wenn uns das blühte! Würde keine drei Tage lang gut gehen! Wenn überhaupt, dann bei den hochwohlgeborenen Fratres drüben in der Klausur!«

»Und was sagt Euer Vater Abt dazu?«, warf Alkuin zwischen zwei kräftigen Bissen ein. »Ich meine, dass Ihr ein wenig mehr wie die Fratres –«

»Der hat gegen ein wenig zusätzliche Stärkung nichts einzuwenden. Nach außen hin tut er natürlich so, als habe er keine Ahnung davon. Aber schließlich hat ja sogar der Heilige Bernhard den Vorrang der rein körperlichen vor der geistigen Tätigkeit ausdrücklich hervorgehoben. Oder um mit dem heiligen Benedikt zu reden: Ora et labora!« Bruder Wilfried nahm einen kräftigen Schluck, bevor er schmunzelnd hinzufügte: »Ein halbvoller Mehlsack kann nun mal nicht richtig stehen!«

»Verständnisvoll, Euer Vater Abt, das muss man ihm lassen.«

»Ist er. Ist er. Solange es uns um unser leibliches Wohl zu tun ist. Und wenn unser hochgeschätzter Prior nicht gerade den Ohrenbläser spielt. Oder vielmehr spielte.«

»War wohl nicht sehr beliebt, wie mir scheint.«

»Nein. Das kann man nun wirklich nicht behaupten.« Bruder Wilfrieds Miene verfinsterte sich. »Einer von den ganz Eifrigen. Musste seine Nase in alles hineinstecken. Auch und vor allem in Dinge, die ihn nichts angingen. Oder von denen er nichts verstand. Ohne Übertreibung der unbeliebteste unter den Brüdern unserer Abtei.«

»Unbeliebt genug, um ihn zu …?« Kaum waren ihm die Worte über die Lippen, als Alkuin auch schon bereute, was er gesagt hatte.

Bruder Wilfried stellte seinen Bierhumpen beiseite, wischte den Mund ab und sah Alkuin mit ernstem Gesichtsausdruck an. »Wenn ich dir und diesem Hilpert einen guten Rat geben darf«, begann er, wobei sein dröhnender Bass zu einem halblauten Flüstern herabsank, »dann diesen: Nehmt euch um Gottes willen in Acht! In dieser Abtei geschehen Dinge, von denen dieser hochgelehrte Bücherwurm und du nicht die geringste Ahnung habt. Dinge, über die in der Bibliothek zu Maulbronn nichts geschrieben steht. Dinge, die einen glatt um den Verstand bringen. Selbst wenn man nicht so viel davon besitzt wie Bruder Hilpert. Darum nochmals: Vorsicht! Vor allem, wenn du hier Novize wirst. Besser noch: Kehre diesem Ort den Rücken, solange noch Zeit ist!«

7

Spital, zur gleichen Zeit

»Nur hereinspaziert in meine Giftküche!«, lud der Infirmarius Bruder Hilpert ein, ließ ihm den Vortritt und schloss die Tür.

Einmal in der nur etwa fünf Schritt im Quadrat großen Zelle, brauchte Bruder Hilpert einige Zeit, um sich an das Halbdunkel zu gewöhnen. Die Nervosität, die sein Jugendfreund seit geraumer Zeit an den Tag legte, entging ihm jedoch nicht. Sie ging so weit, dass es Bruder Robert erst beim dritten Versuch glückte, die Kerze auf dem Stehpult neben der Tür zu entzünden.

»Kein Schloss, kein Riegel – nichts?«, registrierte der Inquisitor erstaunt. »Soll das etwa heißen, du schließt hier nicht ab?«

»Warum sollte ich?«, antwortete der Infirmarius. »Seit ich hier bin, ist mir noch nie etwas abhanden gekommen.« Bruder Roberts Antwort hörte sich alles andere als überzeugend an, und das leichte Erröten in seinem Gesicht sprach Bände.

Bruder Hilpert tat, als habe er es nicht bemerkt, und wechselte rasch das Thema. »Hier also bist du zu Hause!«, sprach er in freundlichem Ton, nicht zuletzt um das Unbehagen, das ihn beim Anblick des heillosen Durcheinanders in der Zelle des Infirmarius beschlich, zu verbergen. Am schlimmsten sah es auf dem Tisch unter der schmalen Fensteröffnung aus. Verstaubte Folianten, Pergamentrollen, Schreibfedern, ein Tintenfass, dazu Flaschen, Phiolen und gläserne Behälter in jeder nur erdenklichen Form – fast schien es, als sei ein Orkan durch die Stube gefegt. Doch damit nicht genug. Wie um ihrem Benutzer auch noch den letzten Rest an Bewegungsfreiheit zu nehmen, waren die Wände von Bruder Roberts Zelle ringsum von Bücherregalen gesäumt, auf denen ohne erkennbare Ordnung weitere Folianten, Pergamentrollen und Blätter lagen. Die Decke, von der Dutzende getrockneter Kräuterbüschel herabhingen, nicht zu vergessen.

»Du kennst mich ja – ich bin eben ein richtiges Schwein!«, erriet der blasse und fahrig wirkende Infirmarius die Gedanken seines Freundes. Keine Spur mehr von der Entschlossenheit, mit der er dem Bursarius gegenübergetreten war. »Aber lassen wir das, reden wir darüber, was dich zu uns führt.«

»Was mich zu euch führt? Kannst du dir das wirklich nicht vorstellen?«

»Wenn ich ehrlich bin – nein.«

Bruder Hilperts Miene verfinsterte sich, und er warf dem Infirmarius einen missbilligenden Blick zu. »Lieber Freund«, fuhr er fort, bemüht, seine Worte möglichst sorgfältig zu wählen, »in dieser Abtei sind offenbar Kräfte am Werk, die mit einem Leben in christlicher Demut nicht das Geringste zu tun haben. Kräfte, deren Namen auszusprechen mir auf das Äußerste zuwider ist. Kräfte, die schon lange vor Bruder Hildebrands Tod entfesselt wurden und vom Angesicht der Erde getilgt werden müssen. Und zwar schnell.«

»Du sprichst in Rätseln. Auf die Gefahr hin, deinen Zorn zu erregen: Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wovon du sprichst.«

»Woher solltest du auch.«

Im Begriff, die Unordnung auf seinem Schreibtisch zu beseitigen, wirbelte Bruder Robert herum. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht, und seine Stimme begann hörbar zu vibrieren. »Stimmt!«, giftete er den um fast zwei Fuß größeren Inquisitor an, wobei er die Hände gegen die gut gepolsterten Hüften stemmte. »Woher sollte ich auch! Wie konnte ich es in all den Jahren auch vergessen! Hilpert, das einsame Genie der Klosterschule! Der die sieben freien Künste schon mit der Muttermilch eingesogen hatte! Für den Grammatik, Dialektik und Rhetorik bloße Spielereien waren, wo sich andere, per exemplum meine Wenigkeit, stundenlang in der Bibliothek abrackern mussten! Von seinen herausragenden Leistungen in den übrigen Artes Liberales* gar nicht zu reden! Und dann erst die Universität: Heidelberg, Rom, Paris und wer weiß, wo du dich überall herumgetrieben –«

Doch so schnell der Zornesausbruch des Infirmarius gekommen war, so schnell legte er sich auch wieder. Mehr noch, Bruder Robert schien er ausgesprochen peinlich zu sein. »Verzeih!«, stieß er mit bebender Stimme hervor, während er um Fassung rang. »Ich … ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren ist.«

»Schon gut, mein Freund, schon gut.«

»Nichts ist gut.«

Unschlüssig, was er tun oder sagen sollte, stand Bruder Robert dem Inquisitor eine Weile schweigend gegenüber. Dann drehte er sich abrupt um, griff nach einer Phiole, in der sich eine undefinierbare Flüssigkeit befand, und spülte ihren Inhalt in einem Zug hinunter. Kurz darauf entspannten sich seine Züge, und er schien wieder ganz der Alte.

Das Unbehagen, mit dem Bruder Hilpert den Vorgang beobachtet hatte, war ihm deutlich anzumerken. Trotzdem war er bemüht, sich möglichst taktvoll auszudrücken: »Wie ich sehe, fühlst du dich nicht wohl«, sagte er mit besorgter Stimme.

»Mohnsaft, mein lieber Hilpert, Mohnsaft!«, lautete die überraschende Antwort. Der Infirmarius schien sich am ungläubigen Staunen seines Gastes förmlich zu weiden. »Viel köstlicher als Mohnsamen, wie du und ich ihn mit Honig vermischt zum Nachtisch gegessen haben. Oder Mohnöl.« Über Bruder Roberts Gesicht huschte ein schelmisches Grinsen. »Handelt es sich doch beim Saft der Mohnpflanze um eine Flüssigkeit«, dozierte er, »die aus den angeritzten, grünen Mohnkapseln fließt, eine Flüssigkeit, die –«

»Die Wirkung von Opium ist mir bestens bekannt. Spätestens seit ich die Schriften des Plinius studiert habe.« Von einem Augenblick auf den anderen hatte Bruder Hilperts Stimme einen harten, geradezu unbarmherzigen Klang angenommen. Bruder Robert indes schien dies vollends entgangen zu sein.

»Ach ja, der gute alte Plinius. Wollen sehen, ob ich ihn noch beherrsche: ›Der Milchsaft beschwichtigt Schmerzen, bringt Schlaf, fördert die Verdauung –‹«

»›In größerer Gabe ist er gefährlich und kann Schlafsucht und Tod bewirken‹«, vollendete Hilpert. »Was in der Heiligen Jungfrau Namen ist denn eigentlich mit dir los?«

»Was mit mir los ist, fragst du? Das müsstest du doch am allerbesten wissen! Oder hast du schon vergessen, was der Novizenmeister damals auf der Latrine mit mir angestellt hat? Mit einem Knaben, der sich nicht einmal hat wehren können?«

Auf einen Schlag herrschte Totenstille im Raum. Keiner der beiden Freunde sprach ein Wort. Schließlich war es Hilpert, der wieder das Wort ergriff: »Gott hat ihn seiner gerechten Strafe zugeführt«, sagte er mit leiser Stimme.

Aus dem Blick, mit dem ihn Bruder Robert bedachte, waren sowohl Befriedigung wie auch Zweifel abzulesen. »Das hat er«, gab der Infirmarius zur Antwort. »Wobei ich mir immer noch nicht im Klaren bin, welche Rolle du beim Freitod dieses Scheusals gespielt hast.«

»Besser für dich, dir diese Frage nicht allzu häufig zu stellen.«

»Du bist nicht Gott, Hilpert, vergiss das nie.«

»Aber sein gehorsamer Diener, dem es obliegt, die Kräfte des Bösen vom Angesicht der Erde zu tilgen.«

»Amen.« Erneutes Schweigen, bevor sich Bruder Robert verlegen räusperte und scheinbar gelassen fortfuhr: »Wo waren wir stehen geblieben, ach ja, beim Zweck deines Besuches, nicht wahr?«

»Das waren wir«, erwiderte Bruder Hilpert mit besorgter Miene. »Und so, wie die Dinge liegen, wird er länger dauern als geplant.«

8

Offizium des Cellerarius – Nona (13.20 Uhr)

Bruder Ambrosius, dem Cellerarius, fiel es schwerer als sonst, sich auf seine Kontorbücher zu konzentrieren. Unter den Patres des Konvents genoss er zwar den Ruf, die Ruhe selbst zu sein, was nicht zuletzt seinem enormen Körpergewicht zuzuschreiben war, über das allerlei Gerüchte und lose Witze kursierten, aber je verbissener er sich am heutigen Tage mühte, Ordnung in seine Bilanzen zu bringen, umso nervöser wurde er.

»Dann eben noch einmal von vorn!«, stieß er zähneknirschend hervor, während Daumen und Zeigefinger seiner linken Hand den Federkiel fast zerquetschten. »Damit dieses ver…– Heiliger Bernhard, hab Mitleid mit einem armen Sünder! – damit dieses leidige Geschäft endlich erledigt ist!«

Und siehe da – die Verbissenheit, mit welcher der Cellerarius zu Werke ging, trug allmählich Früchte, und nach einer Weile war Bruder Ambrosius schon fast wieder der Alte. Über das aufgedunsene Gesicht, dessen hervorstechendes Merkmal, die feuerrote Nase, nur noch von einer hässlichen Warze auf der rechten Wange übertroffen wurde, glitt ein selbstzufriedenes Lächeln. Entgegen seinen Befürchtungen hatte die Inventur der Kornspeicher und Vorratskammern nämlich zu einem befriedigenden Resultat geführt: »Na also!«, brummte der Cellerarius, als er die nach jedem Quartal fällige Bestandsaufnahme überflog. »746 Malter Korn, sechs Malter Erbsen, zwei Malter Dinkel, 121 Fuder und fünfundeinhalb Eimer Wein – sieht doch gar nicht so schlecht aus!« Der Cellerarius atmete hörbar durch. Ein Grund mehr, Ruhe zu bewahren und sich vor dem Inquisitor nicht allzu sehr zu ängstigen!

»Zufrieden?«

Zu Tode erschrocken fuhr Bruder Ambrosius herum. Er tat dies so rasch, dass er sein linkes Knie am Stehpult stieß, auf das er seinen massigen Körper, der auf zwei spindeldürren Storchenbeinen ruhte, gestützt hatte. »Ach, Ihr seid es, Bruder!«, stieß er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, als er die hagere Gestalt des Bursarius im Türrahmen stehen sah. »Habt Ihr mich vielleicht erschreckt!«

»So, habe ich das?«, gab Bruder Clemens spitz zurück. Über die hohlwangigen Züge des Bursarius huschte ein zynisches Lächeln. »Wo Ihr doch ein reines Gewissen und nicht den geringsten Anlass habt, Euch zu ängstigen!«

»Wie meint Ihr das?«

»Wie ich es sage. Aber grämt Euch nicht, Bruder. Euer kleines Geheimnis ist bei mir bestens aufgehoben.«

»Mein –«

»Jetzt spielt nicht den Ahnungslosen. Wenn Ihr glaubt, es mit einem unserer Laienbrüder zu tun zu haben, irrt Ihr Euch gewaltig!«

»Ich weiß wirklich nicht, wovon Ihr sprecht.«

»Ach nein? Dann will ich Eurem Gedächtnis mal ein wenig nachhelfen«, zischte der Bursarius und baute sich vor dem wie ein in die Enge getriebenes Schwein wirkenden Cellerarius auf. »Also: Könnte es nicht sein – theoretisch gesprochen, versteht sich – könnte es nicht sein, dass aus den Euch unterstehenden Kornspeichern und Vorratskammern hin und wieder auf höchst mysteriöse Art und Weise kleinere Mengen an –«

»Worauf wollt Ihr hinaus?«

»Auf gar nichts. Meiner Diskretion könnt Ihr Euch wie gesagt sicher sein. Vorausgesetzt, Ihr erweist mir einen brüderlichen Dienst.«

»Und der wäre?«, quiekte Ambrosius kleinlaut und zog unter seiner Kukulle ein Schweißtuch hervor, mit dem er seine feuchtglänzende Stirn betupfte.

»Mir bei der anstehenden Wahl zum Prior Eure Stimme zu leihen. Ein geringes Entgelt angesichts dessen, was Ihr auf dem Kerbholz habt. Manus manum lavat.«*

Angesichts der Arroganz, mit der ihn der Bursarius behandelte, stieg dem schwergewichtigen Cellerarius die Galle empor: »Seid Ihr da nicht ein wenig voreilig?«, brachte er es nur mit Mühe fertig, seine Wut zu bändigen, während sich sein voluminöser Rumpf deutlich hob und senkte. »Vater Abt auf dem Reichstag, Bruder Hildebrand erst ein paar Stunden tot, wobei noch nicht einmal geklärt ist, ob er nicht –«

»Ob er was?!«

Einmal in Fahrt, gab es für Bruder Ambrosius nun kein Halten mehr: »Könnte es nicht sein«, ahmte er den Bursarius mit sichtlichem Vergnügen nach,»– theoretisch gesprochen, versteht sich – dass Ihr am Tode unseres allseits geschätzten Priors ein ganz persönliches Interesse gehabt habt?«

»Du gerissenes fettes Dreckschwein, wenn du glaubst, du–«

»Aber, aber!«, fiel Ambrosius dem Bursarius ins Wort und hielt ihn sich mit ausgestreckten Armen vom Leib. »Wir wollen doch jetzt nicht persönlich werden!« Dann wandte er sich wieder seinem Kontorbuch zu und fuhr den Bursarius an: »Und jetzt raus hier, wenns beliebt, ich habe zu tun!«

9

Klosterpforte – Vesper (15.30 Uhr)

Ein flaues Gefühl im Magen, sah sich Alkuin Hilfe suchend nach Bruder Wilfried um. Als dieser ihm aufmunternd zunickte, nahm er all seinen Mut zusammen, umklammerte den eisernen Ring und klopfte an die Pforte der Klausur.

»Deo gratias!«*, drang es gedämpft an sein Ohr, bevor sich das vergitterte Schiebefenster öffnete. Das Gesicht hinter dem Sehschlitz war Alkuin wohlbekannt. Im Vergleich zum Morgen schien es jedoch um etliche Jahre gealtert zu sein, und dass der Pförtner dieses Mal keine Bibelsprüche zitierte, trug kaum zu seiner Beruhigung bei.

»Ich begehre Einlass in Euer Kloster«, antwortete Alkuin, bemüht, seiner Stimme ein wenig Festigkeit zu verleihen.

»Zu welchem Zweck?«

»Um Gott dem Herrn zu dienen und Novize des Zisterzienserordens zu werden.«

»Benedicite!«**, erwiderte der Alte mit spürbarem Unbehagen und öffnete kurz darauf die Tür.

Alkuin holte tief Luft und folgte dem Alten auf dem Fuße. Kurz darauf fand er sich in einem kleinen, gewölbeartigen Raum wieder, in dem sich Tisch, Hocker und eine eisenbeschlagene Truhe befanden. Ansonsten war die Stube völlig leer und so feucht, dass Alkuin unversehens fröstelte. Wäre der Lichtstrahl nicht gewesen, der durch ein vergittertes Fenster sickerte und die Umrisse seines um ein Vielfaches vergrößerten Körpers auf die gegenüberliegende Wand warf, hätte Alkuin geglaubt, er befände sich in einem Kerker.

Obwohl dies nicht der Fall war, wurde er ein ungutes Gefühl nicht los. Es gab jetzt kein Zurück mehr für ihn. Alkuin dachte an das Versprechen, das er Bruder Hilpert gegeben hatte, und ein Ruck ging durch seinen Körper. Komme, was mag: Den Plan, den er mit ihm geschmiedet hatte, galt es nun auszuführen. Dies war er dem Mann, dem er so viel zu verdanken hatte, einfach schuldig, wenngleich er immer noch nicht wusste, was der Meister eigentlich damit bezweckte.

»Warte hier!«, riss ihn die krächzende Stimme des Alten aus seinen Gedanken. Alkuin wollte etwas entgegnen, aber bevor er dazu kam, war die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen. Ein kurzes, verächtliches Schnauben, das Geklapper eines Gehstocks, der auf den Steinfliesen widerhallte – und von dem Pförtner war nichts mehr zu sehen und zu hören. Alkuin war allein.

Die Gedanken an das, was ihm bevorstand, wurde er trotzdem nicht los. »Das Ganze noch einmal von vorn!«, zwang ihn eine unsichtbare Stimme zur Konzentration, worauf er halblaut vor sich hinmurmelte: »Also: Ich bin nicht, der ich bin, sondern Bertram von Rosenberg, nachgeborener Sohn des Junkers Heribert, dessen Wunsch, ich möge dem geistlichen Stande beitreten, ich nachzukommen gedenke. Von Vater Benedikt, unserem Burgkaplan, habe ich Schreiben, Lesen und ein wenig Latein gelernt, weswegen ich in der Klosterschule keinerlei Schwierigkeiten –«

»Selbstgespräche oder Zwiesprache mit dem Satan, das ist hier die Frage!«

Wie vom Blitz getroffen wirbelte Alkuin herum. Den hageren Mönch, dessen Blicke zwischen Geringschätzung und Skepsis schwankten, hatte er nicht kommen hören. Dass er vor ihm auf der Hut sein musste, war ihm aber sofort klar. »Antworte, oder hat es dir etwa die Sprache verschlagen?«, bellte er, als Alkuin nicht auf Anhieb die richtigen Worte fand.

»Ich begehre Einlass in Euer Kloster, um dem Orden der Zisterzienser hinfort als Novize –«, lautete die zaghaft klingende Erwiderung, aber sofort schnitt ihm der Mönch das Wort ab.

»Das wollen viele!«, sprach er mit hochnäsiger Miene, ohne Alkuin eines Blickes zu würdigen, »wiewohl die wenigsten dazu geeignet sind.«

»Bei allem gebotenen Respekt: Ich bin es.«

»Hört, hört! Und warum, wenn man fragen darf? Wo es dir doch an Demut und Bescheidenheit in nicht geringem Umfang zu mangeln scheint?«

Im Begriff zu antworten und sich so gut es ging seiner Haut zu erwehren, holte Alkuin tief Luft – doch blieb ihm die Zunge derart hartnäckig am Gaumen kleben, dass außer einem erstickten Gurgeln kein Wort aus seinem Munde drang. Sichtlich irritiert senkte er daraufhin den Blick.

Dem Mönch, dessen linker Mundwinkel verächtlich zuckte, war dies nicht entgangen. Instinktiv wurde Alkuin bewusst, dass er mit seinem herrischen Gebaren denn auch nur eines bezweckte: Respekt einzuflößen und ihn fürs Erste mundtot zu machen.

Nachdem er dies offenbar erreicht und den Jungen entsprechend eingeschüchtert zu haben schien, verschränkte er die Hände auf dem Rücken und durchmaß mit demonstrativer Gelassenheit den Raum. Scheinbar in Gedanken, würdigte er Alkuin zunächst keines Blickes, um ihn nach längerem Schweigen anzuherrschen: »Und deine Eltern – wer sind sie und woher kommen sie?«

»Ich bin Bertram, 15 Jahre alt, aufgewachsen auf der Burg–«

»Wer deine Eltern sind, möchte ich wissen. Du und deine Person sind von untergeordneter Bedeutung. Als angehender Novize solltest du das eigentlich wissen.«

»Heribert von Rosenberg und Friedelinde, dessen verstorbene Frau.«

Der Mönch drehte sich auf dem Absatz um und warf Alkuin einen prüfenden Blick zu. »Der Herr von Rosenberg«, näselte er, »– soso. Dass er außer seinem Ältesten noch einen Sohn hat, war mir offen gestanden nicht bekannt.«

Alkuin hielt den Atem an, während sich winzige Schweißperlen auf seiner Stirn sammelten. Eine Falle – oder die reine Wahrheit, das war die Frage! Bemüht, nicht noch mehr Argwohn zu erwecken, antwortete er deshalb mit demutsvoll gesenktem Blick: »Und doch ist dem so.«

Im Gesicht des Bursarius zuckte es, ließ Alkuins Replik doch immer noch eine Spur von Widerborstigkeit erkennen. Aus einem unerfindlichen Grund fiel seine Antwort dennoch maßvoller aus als zuvor. »Nun gut, mag sein«, sprach er in barschem Ton. »Und weiter?«

Alkuin atmete kaum hörbar durch, um mit gespielter Aufrichtigkeit fortzufahren: »Dass ich dem geistlichen Stande beitreten möge, ist meines geliebten Vaters sehnlichster Wunsch. Auch und gerade deshalb, weil er damit dem letzten Wunsch meiner Mutter Folge leisten möchte.«

»Dein Empfehlungsschreiben?«

Wie in Trance griff Alkuin in sein Wams, holte eine verschnürte Pergamentrolle daraus hervor und reichte sie dem nur um wenige Zoll größeren Mönch. Der anzügliche Blick, mit dem er ihn bedachte, ließ Alkuin zurückweichen, und plötzlich keimte ein ganz bestimmter Verdacht in ihm empor. Alkuin wurde regelrecht schlecht, und seine Furcht vor dem Bursarius begann sich in Ekel zu verwandeln.

Dem Mönch indes schien die Änderung in seinem Verhalten verborgen geblieben zu sein. »Der Herr von Rosenberg, soso!«, wiederholte er süffisant, während er den Pergamentbogen mit scheinbarer Gelassenheit entrollte. »Dann wollen wir einmal sehen.«

Kalt und starr, geriet der Blick des Bursarius alsbald in Bewegung und tanzte wie ein Irrlicht über das voll geschriebene Blatt. Währenddessen drohte Alkuins Herz vor Aufregung fast zu zerspringen. Wahre Schweißbäche ergossen sich über seinen Körper, und er warf einen verstohlenen Blick zur Tür.

Und was, wenn jetzt alles aufflog? Wenn der Mönch auf den Schwindel nicht hereinfiel und seine wahre Identität enthüllte? Nicht auszudenken, was dann mit ihm passieren würde!

»Sieht mir eher wie die Schrift eines Klosterbruders als die eines Burgherren aus.«

»Wie meint Ihr das?«, gab Alkuin zurück, mittlerweile auf alles gefasst.

»Wie ich es sage«, sprach der Mönch mit hämischem Grinsen, das den Blick auf eine Reihe gelblich schimmernder Zähne freigab. »Wie ich –«

Noch ehe er seine Replik wiederholen konnte, öffnete sich zu Alkuins großer Erleichterung die Tür. Ein mittelgroßer Klosterbruder mit schlohweißem Haar betrat den Raum. »Verzeiht, Bruder, wenn ich störe«, begann er und setzte eine treuherzige Miene auf. »Wie ich höre, wird es in Kürze einen weiteren Novizen in unseren Reihen geben, nicht wahr?«

Aus den Augen des Bursarius schossen Blitze, aber die gespielte Höflichkeit, mit der ihn der Novizenmeister der Abtei umgarnte, war so entwaffnend, dass er auf der Stelle den Rückzug antrat. Alkuin kam dies mehr als gelegen, doch die Worte, mit denen sich der Bursarius verabschiedete, wirkten wie eine Drohung an ihn: »Wenn mich nicht alles täuscht, werden sich unsere Wege noch öfter kreuzen!«, stieß er zähneknirschend hervor, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.

10

Spitalbau, zur gleichen Zeit

»Und du hast nichts Verdächtiges bemerkt? Keine Spuren, nichts?« Am Blick, den Bruder Hilpert dem Infirmarius zuwarf, konnte man ablesen, wie viel Kopfzerbrechen ihm der Tod des Priors nach wie vor bereitete. »Alles, selbst das kleinste Detail, könnte in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein.«

»Wenn ich es dir doch sage – nein!«

»Dann eben das Ganze noch einmal von vorn!«

»Hilpert – bitte!«, stöhnte Bruder Robert und fuhr mit der Handfläche über die Stirn. »Sind wir nicht alles schon ein Dutzend Mal –«

»– sind wir, Bruder in Christo, sind wir!«, warf der Inquisitor ein. »Anscheinend aber nicht oft genug. Wer, wenn nicht du, könnte mir weiterhelfen? Warst ja schließlich der Letzte, der Bruder Hildebrand lebend gesehen hat – was ein Gespräch mit dir zu einem äußerst lohnenswerten Unterfangen macht.«

»Was willst du damit sagen?«

»Nichts, mein Freund, rein gar nichts.« Bruder Hilpert zog die Augenbrauen in die Höhe, während er seine feingliedrige Hand begutachtete und Daumen und Fingerkuppen aneinander rieb. »Ich sagte Gespräch und nicht Verhör, wenn du verstehst, was ich meine.«

In die Augen des Infirmarius trat ein nervöses Flackern. Wie sehr es ihm widerstrebte, die Ereignisse des Morgens erneut zu schildern, war ihm deutlich anzumerken: »Wie bereits erwähnt«, konnte er sich einen Seitenhieb auf Bruder Hilpert nicht verkneifen, »waren wir während des Kapitels noch vollzählig –«

»Das heißt, wie viele Brüder nahmen an der Sitzung teil?«

Bis dahin von einer Farbe, die vergilbtem Pergament nicht unähnlich war, wurde das Gesicht des Infirmarius auf einen Schlag feuerrot. »In der Heiligen Jungfrau Namen, Hilpert«, bebte er förmlich vor unterdrücktem Zorn, »willst du mich eigentlich zum Narren halten? Zum letzten Mal: Wir waren vollzählig, folglich waren 36 Brüder anwesend! 36 – nicht mehr und nicht weniger!«

»Und dann?«

»Was heißt hier ›Und dann‹? Dann war – wie einer der führenden Köpfe des Ordens eigentlich wissen sollte – etwas mehr als eine Stunde Zeit bis zur Terz. Zeit, welche unsere Brüder auf verschiedene Art und Weise zu nutzen gewohnt sind. Per exemplum zur Meditation, zur Buchlektüre, zum –«

»– Beten, ich weiß. Wie zum Beispiel der Bruder Prior, der sich unmittelbar nach der Kapitelsitzung in die Kirche begab.«

Bruder Robert funkelte den Inquisitor wütend an. »Ich weiß wirklich nicht, was das Ganze soll!«, grollte er. »Wo wir dies alles doch schon ein paar Mal durchgekaut haben.«

Bruder Hilpert indessen schien die Aufgebrachtheit des Freundes nicht im Geringsten zu stören. »Und weiter?«, lautete die bohrende Frage.

»Das Wort ›begab‹ gibt, wie du weißt, den wahren Sachverhalt nicht korrekt wider«, fuhr Bruder Robert maliziös grinsend fort. »Wie bereits mehrfach betont, hatte sich der Bruder Prior während der Abwesenheit unseres Abtes das Recht ausbedungen – oder sollte ich sagen angemaßt – zwischen Prim und Terz alleine in der Klosterkirche zu beten. Auf dass die Zwiesprache mit ihm und dem Herrn durch minderwertige Kreaturen wie mich nicht gestört werde. Und genau darum ist es in dem Disput gegangen, den wir nach der Kapitelsitzung hatten. Bevor mich Eminenz an der Mönchpforte wie einen Novizen abgekanzelt und die Kirche für sich in Beschlag genommen hat.«

»Wie man sieht, hattest du für den Heimgegangenen nicht viel übrig.«

»Was man von fast allen Brüdern des hiesigen Konvents sagen kann.«

»Ich weiß, ich weiß.« Bruder Hilpert schloss die Augen und ließ die Handfläche über die von tiefen Furchen durchzogene Stirn gleiten. »Man fragt sich nur, warum.«

»Weil er neugierig war und seine Nase ständig in anderer Brüder Angelegenheiten stecken musste, darum.«

»Aber steht ihm das als zweitwichtigstem Mann nach dem Vater Abt nicht zu?«

»Schon – aber nicht in der Art und Weise, wie er zu Werke ging.«

»Und wie war sie?«

»Seine Art, meinst du?« Über Bruder Roberts Gesicht huschte ein abfälliges Grinsen. »Herrisch, gebieterisch, besserwisserisch – und hochfahrend wie die eines Kardinals aus Rom.« Bruder Robert lachte leise in sich hinein. »Hinzu kommt, dass er geradezu versessen auf Visionen war, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Leider nicht ganz.«

»Nun, wie soll ich das sagen … er war eben keiner von uns!« Der Infirmarius fingerte verlegen an seiner Tunika herum, bevor er fortfuhr: »Gott dienen und seine Werke preisen – das war ihm zu wenig. Er wollte Gott schauen – und zwar nicht erst am Jüngsten Tag. Und wenn nicht ihn, dann eben die Heilige Jungfrau höchstselbst. Und darum hat er stundenlang vor dem Altar gebetet und gefastet und sich wie ein Besessener kasteit. Will heißen: Jeden, der ihm nicht nachzueifern gewillt war – und das war so gut wie jeder – hat er mit Missachtung gestraft, schikaniert, wo es nur ging. Kein Wunder, dass ihm niemand eine Träne nachweint.«

»Nun gut.« Während er das Tuch entfernte, unter dem sich die hageren Umrisse des Priors abzeichneten, ging ein Ruck durch Bruder Hilperts Körper. Auf den Infirmarius, der sich betont gelassen gab, schien der Anblick des Leichnams indessen keinerlei Wirkung auszuüben. Dass dem nicht so war, wurde dem Inquisitor klar, als er ihn aus dem Augenwinkel beobachtete: Bruder Roberts Atem ging rascher, und nach einem flüchtigen Blick auf den Toten schlug er die Augen nieder.

Bruder Hilpert, den diese Reaktion mit mehr als nur Argwohn erfüllte, tat indessen so, als habe er sie nicht bemerkt und sprach in beiläufigem Ton: »Wie gesagt: Wenn du mir noch etwas zu berichten hast, mein Freund, dann wäre jetzt der richtige Moment dafür.«

Wie aus dem Tiefschlaf gerissen starrte Bruder Robert daraufhin den Inquisitor an. »Was … was hast du da eben gesagt?«, stammelte er.

Bruder Hilpert legte die Stirn in Falten und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Nichts von Bedeutung!«, wiegelte er ab, als der verwirrte Blick des Infirmarius den seinen traf. »Aber wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mir ein wenig zur Hand gehen. Bei dem, was mir nun zu tun obliegt, käme mir dein fachlicher Rat nämlich sehr gelegen.«