Beschreibung

Mainfranken 1416. Auf der Suche nach Ruhe und Kontemplation macht sich Zisterziensermönch Hilpert von Maulbronn per Schiff auf den Weg von Würzburg in das weit entfernte Kloster Himmerod in der Eifel. Kaum an Bord, muss Bruder Hilpert die Hoffnung auf eine geruhsame Reise begraben. Anscheinend gibt es keinen Passagier auf der „Charon“, der nicht irgendetwas zu verbergen hätte, und so kommt es, dass die Kette mysteriöser Vorfälle an Bord des Zweimasters einfach nicht abreißen will. Hilpert wäre nicht Hilpert, wenn er sich damit zufriedengeben würde. Doch muss der Detektiv im Mönchshabit bald einsehen, dass er auf verlorenem Posten steht. Was als Pilgerreise begann, wird zu einer Fahrt ins Ungewisse. Und schon bald beschleicht ihn das Gefühl, dass sich auf dem Main eine Katastrophe anbahnt ...

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Seitenzahl: 350

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Uwe Klausner

Pilger des Zorns

Historischer Kriminalroman

Impressum

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© 2009 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung des Bildes »St. Ivo« von Rogier van der Weyden,

http://de.wikipedia.org

Die Karte zu Mainfranken wurde gestaltet von: Ingenieurbüro Schwegler, Spechbach

ISBN 978-3-8392-3404-4

Dramatis Personae

Die Passagiere der ›Charon‹:

Hilpert von Maulbronn, 36 Jahre, Zisterziensermönch

und

Bernward, 24, Pilger

Emicho, 39, Badstuber

Jobst, 16, Schiffsjunge

Liutgard, 43, Tuchhändlerwitwe und Rosalindes Tante

Odo, 34, Hufschmied

Rosalinde, 15, Waisenkind

Richwyn, 28, Sackpfeifer und Spielmann

Wenzel, 22, Kapitän

In den weiteren Hauptrollen:

Berengar, 29, Vogt und Hilperts Freund

Irmingardis, 22, seine Verlobte

Schauplatz: Mainfranken, Spätsommer 1416

Zeitangaben

Die Zeitangaben in diesem Roman beruhen auf den Gebetszeiten der Zisterzienser:

Vigilien, 2.00–3.00 Uhr

Laudes (im Morgengrauen), 3.10 Uhr

Prima (bei Sonnenaufgang), 4.00 Uhr

Tertia, 7.45 Uhr

Sexta, 10.40 Uhr

Nona, 14.00 Uhr

Vesper, 18.00–18.45 Uhr

Komplet, 20.00 Uhr

Karte

Zitat

I’th’name of truth,

Are ye fantastical, or that indeed

Which outwardly ye show?

Im Namen der Wahrheit, seid ihr Einbildung oder tatsächlich das, als was ihr euch nach außen hin zeigt?

William Shakespeare, Macbeth, Akt I, Szene 3

PROLOG

Eine Woche vor der Himmelfahrt Mariens (07.08.1416)

VESPER

Worin sich im SPITAL zu OCHSENFURT AM MAIN etwas zuträgt, worüber der Mantel des Schweigens ausgebreitet wird.

»Neiiin!«

Der Schrei der Wöchnerin, die sich mit schmerzverzerrter Miene ins Bettgestell krallte, war überall im Spital zu hören. Und nicht nur dort. In der Herz-Jesu-Kirche, wo gerade die Messe zelebriert wurde, fiel dem Leutpriester beinahe der Kelch aus der Hand, was den Häckern, Kärrnern und Wäscherinnen wie ein böses Omen vorkam. Aber auch im Siechenhaus selbst, das von der Spitalgasse durch eine hohe Mauer abgetrennt war, fuhr den Krüppeln, Gebrechlichen und von Aussatz Befallenen der Schreck in die debilen Glieder.

Das 15-jährige Mädchen bekam von alldem nichts mit. Weder von der skeptischen Miene des Spitalmeisters noch vom Kopfschütteln der Hebamme und schon gar nicht von der Fahne des Feldschers, den man aus der nahen Schenke geholt hatte. In einem Punkt nämlich waren sich alle einig: Entweder würde die Mutter draufgehen oder das Kind.

»Um der Liebe Christi willen – schnallt sie fest!«, schrie die Hebamme, als das Schreien, Toben und Wehklagen nicht mehr auszuhalten war. Das ließen sich der Spitalmeister und der Feldscher, denen das dunkelhaarige Mädchen ordentlich zusetzte, nicht zweimal sagen. Ein Vaterunser der Hebamme, und schon war es vollbracht.

Doch damit war das Martyrium des Mädchens noch nicht vorbei. Selbst noch ein Kind, starrte es die Umstehenden Hilfe suchend an, während eine Wehe nach der anderen seinen Leib durchzuckte. Überall am Körper der 15-Jährigen klebte der Schweiß, wie lange sie noch würde durchhalten können, stand in den Sternen.

»So tut doch endlich was!«, bettelte die Mutter des Mädchens, die sich in den äußersten Winkel der schummerigen Kammer zurückgezogen hatte. »Sonst stirbt sie uns unter den Händen weg!«

»Und was, wenn die Frage gestattet ist?«, bellte die korpulente Hebamme zurück. »Wenn Ihr als Mutter nicht einmal genau wisst, wann genau ihr Leib fruchtbar geworden ist? Von der Frage, wer der Kindsvater ist, gar nicht zu reden?«

Das wiederum wollte die Mittvierzigerin, die ihr in puncto Korpulenz in nichts nachstand, nicht auf sich sitzen lassen. »Bekümmert Euch gefälligst nicht um Dinge, die Euch nichts …«

»Neiiin!«, machte die Wöchnerin, wachsbleich wie ein Leichentuch, dem unerquicklichen Zwist ein Ende. An dem Schrei, den das Mädchen ausstieß, war nichts Menschliches mehr, das Wimmern, das auf ihn folgte, hörte sich wie das eines Tieres an.

Eines Tieres, das in den letzten Zügen lag.

Und dann war es so weit. Ohne dass die Beteiligten etwas dagegen tun konnten, brandete eine Wehe nach der anderen über die 15-Jährige hinweg. So heftig, dass sie nicht einmal mehr schrie. In seiner Not öffnete der Spitalmeister das Fenster zum Hof. An der Höllenpein des Mädchens änderte dies jedoch nichts. In längstens drei Rosenkränzen, so der Eindruck des Feldschers, wäre es um die junge Frau geschehen.

So weit sollte es jedoch nicht kommen. Ob die heilige Katharina, welche die Hebamme in ihrer Not anrief, oder vielmehr die Zähigkeit des Mädchens für das Mirakel seines Überlebens verantwortlich waren, konnte keiner der Anwesenden sagen.

Und wollte es auch nicht.

Dazu war ihnen die Tatsache, dass die 15-Jährige von einem toten Knaben entbunden war, viel zu ernst, ja geradezu niederschmetternd erschienen.

Fast so niederschmetternd wie die Erleichterung, mit der das Mädchen die Nachricht von der Totgeburt entgegennahm, ein triumphierendes Lächeln aufsetzte – und von ebenjenem Moment an kein einziges Wort mehr sprach.

Fast so, als sei es sein Lebtag stumm gewesen.

TERTIA

Worin der Abt zu MAULBRONN seinem Bibliothekarius einen wohlmeinenden Rat und einen neuen Auftrag erteilt.

An Hilpert, Bibliothekarius und Inquisitor vom Orden der Zisterzienser

Unseren väterlichen und im Namen des heiligen Bernhard entbotenen Gruß und Segen zuvor.

Wie mir, dem über Dich gesetzten Vater Abt, unlängst vonseiten meines Amtsbruders zu Bronnbach und des Bischofs von Würzburg berichtet ward, hast Du, Hilpert, Dich um das Heil der Mutter Kirche in hervorragender Weise verdient gemacht. Zum einen, indem Du die Brüder zu Bronnbach wieder auf den rechten Weg geführt, zum anderen, indem Du Dir mithilfe der Mächte des Himmels gewisse Verdienste um des heiligen Kilian Stuhl zu Würzburg erworben hast. Worin diese bestanden, hat mir Johann, Bischof ebendaselbst, freilich verschwiegen. Was er mir indessen im Geiste brüderlicher Verbundenheit anzuvertrauen geruhte, ist, dass es Dir nach allerlei irdischer Mühsal und Plage gut zu Gesicht stünde, wenn Du Dich wieder mehr den Dir auferlegten Pflichten als den Fährnissen und Wechselfällen dieser unserer ach so beklagenswerten Existenz widmen würdest.

Nach allem, was mir zu Ohren gekommen ist, kann ich dem nur beipflichten, und so erteile ich Dir den Auftrag, Dich spätestens am Tage des heiligen Bernhard im Kloster Himmerod in der Eifel einzufinden, auf dass Du Deine Zeit wieder mit dem Lob Gottes und der Heiligen Jungfrau, dem Studium der Heiligen Schrift und den Dir als Mönch vorgeschriebenen Gebeten verbringen mögest. Steht doch geschrieben: ›Suchet den Herrn, und ihr werdet leben.‹

Darüber hinaus mögest Du Dich wieder den Pflichten eines Bibliothekarius widmen. Wie mir mein Amtsbruder zu Himmerod nämlich jüngst anzuvertrauen geruhte, befindet sich Bruder Gervasius, der dortige Bibliothekarius, nicht wohl, der Grund, weshalb sich Skriptorium und Bibliothek in einem beklagenswerten Zustand befinden und einer Neuordnung dringender denn je zu bedürfen scheinen. Eine Aufgabe, für die Du trefflicher als jeder andere geeignet bist, jedenfalls besser, als Dich mit den Schlingen und Tücken des irdischen Jammertals zu beschweren.

Darum säume nicht, mein gehorsamer Sohn, die Dir aufgetragene Aufgabe in wahrhaft mönchischer Demut zu erfüllen. Der dies schreibt, sorgt sich um Dein Seelenheil, nicht zuletzt auch darum, dass der Ruf unseres Ordens durch allzu weltliches Gebaren seiner Angehörigen Schaden nehmen könnte.

Postskriptum: Sobald Du in der Abtei Himmerod an­gekommen bist, lasse mich dies umgehend wissen!

Gegeben zu Maulbronn, an des heiligen Jakobus Tag, dem 25. im Monat Julius Anno Domini 1416

Albrecht von Ötisheim, Abt zu Maulbronn

DIES PRIMUS

Freitag vor Mariä Himmelfahrt (14.8.1416)

VOR SEXTA

Worin Hilpert von Maulbronn Abschied vonWÜRZBURG nimmt und sich an Bord der ›CHARON‹ begibt.

Es war ein Tag, wie es ihn nur in Franken gibt. Der Himmel über Würzburg war fast wolkenlos, die Luft angenehm mild und die Hitze der vergangenen Tage abgeflaut. Sogar die Gerüche, die aus den Quartieren der Fleischhauer, Gerber und Abdecker emporstiegen, hatten an Penetranz eingebüßt, wie auch die übel riechende Mixtur aus Tierkot, Abfällen und Pferdemist, die einem an heißen Tagen fast den Atem raubte.

Es war Sommer, genau so, wie Bruder Hilpert ihn schätzte. Außer ein paar Federwolken, die sich an den azurblauen Himmel schmiegten, gab es nichts, das seinen Blick trübte. Der Zufall wollte es, dass das herrliche Spätsommerwetter mit seinem Seelenleben aufs Trefflichste harmonierte, weshalb er seit langer Zeit mit sich und der Welt im Reinen war.

Am heutigen Tage, über dem bereits die Vorahnung des nahenden Herbstes hing, galt es, Abschied zu nehmen. Abschied von Würzburg, den Freunden und vom Kampf gegen das Böse, der seine Kräfte beinahe aufgezehrt hätte. Ein Kampf auf Biegen und Brechen, vor allem, was die Wiederbeschaffung der Reliquien des heiligen Kilian betraf. Während er vom Neumünster aus in Richtung Oberer Markt schlenderte, atmete der hagere, 36Jahre alte Zisterziensermönch mit der ergrauten Tonsur befreit auf. Der Brief seines Abtes war genau richtig gekommen. Es war Zeit, höchste Zeit, sich wieder seinen mönchischen Pflichten zu widmen, fernab der Wirrnisse und Gefahren dieser Welt.

Normalerweise hatte Bruder Hilpert für Straßenmärkte nicht viel übrig. Dennoch nahm er sich am heutigen Tage Zeit dafür. War er erst einmal in Himmerod, wäre es mit dem Trubel aus und vorbei. ›Ora et labora!1‹ würde die Devise lauten und an Arbeit, so zumindest der Brief seines Abtes, höchstwahrscheinlich kein Mangel herrschen.

Je weiter er sich vom Portal der Neumünsterbasilika entfernte, umso dichter das Gewühl, umso lauter die Rufe der Händler, schriller das Gefeilsche und dichter das Gedränge. Zwischen den Schragentischen, Buden und Ständen war kaum ein Durchkommen, und als er sich auf Höhe der Marienkapelle befand, von der bislang nur der Chor fertiggestellt war, musste er von seinen Ellbogen Gebrauch machen. Betörende Düfte, so der Geruch nach Zimt, Safran und Majoran, stiegen ihm in die Nase, darüber hinaus der nach Salbei, Thymian und Rosmarin. Ein Klostergarten war nichts dagegen. Alles war Licht, Lärm und betörender Duft, Feilschen, Gezeter und Geschrei. Keine Viertelstunde jedoch, und Bruder Hilpert begann des Treibens der Marktweiber, Backwarenverkäufer und Bauchhändler, der Lockrufe der Quacksalber, Scherenschleifer und Devotionalienhändler allmählich wieder überdrüssig zu werden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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