Beschreibung

Berlin, 15. August 1966. In der Gedenkstätte Plötzensee wird der Leichnam eines erhängten Mannes entdeckt. Kurz darauf ereignet sich der nächste Mord. Wieder handelt es sich beim Opfer um ein ehemaliges Mitglied des Volksgerichtshofes, wieder wird die Abschrift eines Todesurteils gefunden. Kommissar Tom Sydow steht vor einem Rätsel. Hat der Serienmörder es auf sämtliche Mitglieder des Tribunals aus dem Jahr 1944 abgesehen? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt …

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Uwe Klausner

Walküre-Alarm

Tom Sydows siebter Fall

Impressum

Mit Ausnahme der in der ersten Szene des Prologs auftretenden Personen sind sämtliche Charaktere des Romans frei erfunden. Das Gleiche gilt für die Handlung des Romans. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung / E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild – Fritz Eschen

ISBN 978-3-8392-4530-9

Widmung

Im Gedenken an die Frauen und Männer des 20. Juli 1944 

Personenverzeichnis

REALE HAUPTFIGUREN

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, 39, Chef des Stabes im Allgemeinen Heeresamt in Berlin

Claus Schenk Graf von Stauffenberg, 36, Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres und Kopf des militärischen Widerstandes gegen Hitler

Roland Freisler, 51, Präsident des Volksgerichtshofes von 1942-1945

FIKTIVE HAUPTFIGUREN

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

Maximilian Freiherr von Hardenberg, 36, Major im Generalstab

Helene, 30, seine Frau

Harro Schultze-Eckardt, 56, Jura-Professor an der FU Berlin

Melissa Gutberleit, 21, Jura-Studentin

Tom Sydow, 53, Hauptkommissar der Kripo Berlin

Lea, 51, seine Frau

Hermann Gisevius, 55, Arzt für Allgemeinmedizin

Heribert Peters, 50, Leiter des Gerichtsmedizinischen Instituts

Eduard Krokowski, Kriminalkommissar und Sydows Partner

Meinrad Cramer, Kurator

Erich Wischulke, Rentner

Adalbert Mertens, Leiter der Spurensicherung

Erna Schwiers, Verkäuferin im KaDeWe

Leon Weisskirch, Jura-Student

Sven Waldenmaier, Kriminalassistent

Edeltraut Hamm, Sprechstundenhilfe

Frederick Verhoeven, Redakteur

Hans-Dietrich Lahnstein, Stellvertretender Innensenator

Sven Berthold, Wachtmeister

Heinz Gutberleit, Melissas Adoptivvater

Marlies Gutberleit, seine Frau

Anneliese Mollig, Sydows Sekretärin

Harald Janowitz, Pastor

Justus von Hardenberg, Sydows Jugendfreund

Lina Pommerenke, Küsterin

Elfriede Lehmann, Rentnerin

SCHAUPLÄTZE

Prolog (S. 18):

Berlin-Tiergarten, Allgemeines Heeresamt – Berlin-Tiergarten, HotelEsplanade am Potsdamer Platz – Berlin-Schöneberg, Kammergericht in der Elßholzstraße

Erstes Kapitel (S. 41):

Berlin-Charlottenburg, Gelände des Strafgefängnisses Plötzensee – Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße– Berlin-Grunewald, Koenigsallee – Berlin-Charlottenburg, Gedenkstätte Plötzensee

Zweites Kapitel (S. 102):

Berlin-Charlottenburg, Kaufhaus des Westens in der Tauentzienstraße – Berlin-Charlottenburg, Kolonie Emser Platz – Berlin-Grunewald, Koenigsallee – Berlin-Westend, Ebereschenallee – Berlin-Spandau, Möllentordamm – Berlin-Westend, Ebereschenallee

Drittes Kapitel (S. 172):

Ost-Berlin, Bezirk Lichtenberg – Berlin-Schöneberg, Polizeipräsidium in der Gothaer Straße – Berlin-Moabit, Pfarrhaus der Sankt Johanniskirche in Alt-Moabit 23-25 – Berlin-Charlottenburg, Café Kranzler am Kurfürstendamm

Viertes Kapitel (S. 218):

Berlin-Schöneberg, Polizeipräsidium in der Gothaer Straße – Berlin-Moabit, Pfarrhaus der Sankt Johanniskirche in Alt-Moabit 23-25- Berlin-Schöneberg, Sydows Wohnung in der Grunewaldstraße

Fünftes Kapitel (S. 246):

Berlin-Westend, Friedhof Heerstraße

Epilog (S. 258):

Eckkneipe ›Zur Quelle‹ in Alt-Moabit

Postskriptum (S. 267)

Auswahlbibliografie (S. 268)

Anhang (S.271)

Glossar (S. 279)

VERSCHWÖRUNG

›Anfang September (1943, der Autor) machten sich Tresckow1 und Stauffenberg daran, genaue Pläne für einen Staatsstreich und die Zeit danach auszuarbeiten. Dabei kam es darauf an, den Putsch nicht nur in seiner Vorbereitungsphase, sondern vor allem auch während der Durchführung als »legal« zu tarnen. Ideales Instrument hierfür war das Ersatzheer. Schon im Frühjahr 1942 waren von Olbrichts2 Stab Pläne für den Einsatz des Ersatzheeres zur Küstensicherung oder im Fall der Landung feindlicher Fallschirmjäger unter dem Decknamen »Walküre« erarbeitet worden. Im Falle »innerer Unruhen im Reichsgebiet«, etwa durch die Millionen Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter, sollten Kampfgruppen aus den Ersatz- und Ausbildungstruppenteilen bereitgestellt werden. In der ersten Stufe des »Walküre«-Befehls mussten die einzelnen Einheiten innerhalb von sechs Stunden Einsatzbereitschaft herstellen. In der zweiten Stufe hatte dann die »schnellste Zusammenfassung« dieser Einheiten »unter Anwendung aller verfügbaren Mittel« zu erfolgen. Bei Auslösung des »Walküre«-Befehls sollten die Wehrkreiskommandos sofortige Maßnahmen treffen, um wichtige Objekte wie Brücken, Kraftwerke oder Kommunikationseinrichtungen zu sichern. Die »Walküre«-Planung sah also die Bekämpfung von Regimegegnern vor. Sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren und zu modifizieren, war ein geradezu genialer Schachzug der Verschwörer. Wie von selbst erhielten die Staatsstreichvorbereitungen dadurch einen legalen Anstrich, eine komplizierte Tarnung war nicht mehr notwendig.‹

(Aus: Guido Knopp, Stauffenberg. Die wahre Geschichte, München 2008, S. 142-143)

1 Henning von Tresckow (1901-1944), Generalmajor der Wehrmacht und einer der entschiedensten Verfechter eines Attentats auf Hitler

2 Friedrich Olbricht (1888-1944), General der Infanterie und Leiter des Allgemeinen Heeresamtes bzw. des Wehrersatzamtes beim OKW

DER 20. JULI 1944 – STENOGRAMM EINES MISSGLÜCKTEN STAATSSTREICHS

Führerhauptquartier Wolfsschanze, 12:42 h: Detonation des von Stauffenberg deponierten Sprengsatzes

Flugplatz Wilhelmsdorf/Ostpreußen, 13:15 h: Aufbruch Stauffenbergs und seines Adjutanten zum Rückflug nach Berlin

Rangsdorf, 15:45 h: Ankunft der He 111 und Telefonat mit dem Bendlerblock

Berlin, kurz vor 16:00 h: Auslösung der Alarmmaßnahmen im Rahmen derOperation Walküre

Führerhauptquartier Wolfsschanze, ebenfalls kurz vor16:00 h: Aufhebung der Nachrichtensperre

Berlin, ca.16:10 h: Übermittlung des Alarmstichwortes Deutschland an das Wachbataillon unter dem Kommando von Major Remer

Berlin, 16:30 h: Eintreffen Stauffenbergs und Haeftens in der Bendlerstraße

Berlin, gegen19:00 h: telefonischer Befehl Hitlers an Remer, den Putsch gewaltsam zu beenden

Berlin, 21:00 h: Besetzung des Bendlerblocks von Teilen des Berliner Wachbataillons

Berlin, 00:15 h am 21. Juli 1944: Antreten eines zehnköpfigen Erschießungskommandos im Hof des Bendlerblocks. Exekutiert werden General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberleutnant Werner von Haeften, Oberst i. G. Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberst i. G. Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Stauffenberg stirbt mit dem Ausruf: »Es lebe das heilige Deutschland!«

Berlin, kurz vor 01:00 h: Rundfunkansprache Hitlers, um die Bevölkerung über die Geschehnisse und das Scheitern des Attentats zu informieren

PROLOG

(Berlin, Donnerstag, 20. Juli 1944 / Dienstag, 15. August 1944)

»Das Attentat muss erfolgen, coûte que coûte. Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.«

(Aus: Bodo Scheurig, Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler, Frankfurt/Main · Berlin 1987, S. 210)

Kapitel 1

Berlin-Tiergarten, Allgemeines Heeresamt und Sitz des Oberbefehlshabers des Ersatzheeres (›Bendlerblock‹) in der Bendlerstraße 11-13│15:50 h

»Stauffenberg? Na endlich, stellen Sie durch!« Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, gebürtiger Münchner, Oberst und Stabschef im Allgemeinen Heeresamt, hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl. »Wurde aber auch Zeit!«, murmelte er, den Hörer am Ohr, aus dem ein durchdringendes Rauschen erklang. Jede Minute zählte, und je länger er tatenlos herumsaß, desto geringer war die Chance auf Erfolg. »Bist du’s, Claus?«

»Nein, der Heilige Geist.« Genau das hatte er an Stauffenberg immer bewundert. Selbst in kritischen Situationen, an denen seit Kriegsbeginn kein Mangel geherrscht hatte, war der drei Jahre jüngere Freund stets ruhig und gelassen geblieben. Das war während des Studiums an der Kriegsakademie in Moabit so gewesen und das war heute, wo ihr Schicksal auf Messers Schneide stand, nicht anders. Von Quirnheim, hemdsärmelig, scharfsinnig und Prototyp des zum Sarkasmus neigenden Generalstabsoffiziers, schnitt eine schiefe Grimasse. Das Lachen war ihm mittlerweile vergangen, und wo Stauffenberg seinen Humor hernahm, wussten die Götter. »Melde mich zur Stelle, Herr Oberst!«

»Dreimal kurz gelacht.« Von Quirnheim verrollte die Augen. »Sag mal, wo steckst du eigentlich?«

»In Rangsdorf. Wir sind vor ein paar Minuten gelandet.«

»Und – wie ist es gelaufen?«

»Du kannst beruhigt sein: Er ist tot.«

»Tot?«, entfuhr es dem nahezu kahlköpfigen Brillenträger, rein äußerlich betrachtet ein Typ, der genauso gut als Notar, Privatgelehrter oder Universitätsdozent durchgehen konnte. »Aber … Bist du dir da auch ganz sicher?«

»Jetzt hör mir gut zu, mein Freund«, stieß der Anrufer mit der ihm eigenen Nonchalance hervor, in die sich erste Anzeichen von Ungeduld mischten, »ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie der Sprengsatz hochgegangen ist. Die Lagebaracke ist ein Trümmerhaufen. Kein Mensch, der zwei Meter von der Bombe weg ist, kann so etwas überleben.«

»Bist du dir da auch …«

»Zum Mitschreiben, Albrecht: Der Führer lebt nicht mehr. So viel Dusel, die Detonation von 750 Gramm Plastiksprengstoff zu überstehen, hat nicht mal er.«

»Moment mal, hattest du nicht gesagt, es seien eineinhalb Kilo?«

»Ja, Herrgott noch mal! Was kann ich denn dafür, wenn mir dieser Tollpatsch von Oberfeldwebel in die Quere kommt!« Der Anrufer schnappte nach Luft. »Sei’s drum: Die Sache ist auch so über die Bühne gegangen. Kopf hoch, alter Junge. Du wirst doch jetzt nicht schlappmachen, oder?«

»Das ist nicht der Punkt, Claus.«

»Sondern?«

»Bei uns kursiert das Gerücht, der Führer sei am Leben.«

»Am Leben? Du bist wohl nicht ganz bei Trost, was?« Das Atmen am anderen Ende der Leitung steigerte sich zu einem Keuchen. »Darf man fragen, welcher Trottel das Gerücht in die Welt gesetzt hat?«

»Keitel.«

»Der lügt, wenn er nur den Mund aufmacht. Selbst schuld, wenn du auf diesen Speichellecker reingefallen bist.«

»Schuld oder nicht – sag mir lieber, was wir jetzt tun sollen!«

»Na, was denn wohl!«, gab Claus Schenk Graf von Stauffenberg kurz angebunden zurück, unüberhörbar in seiner Ehre gekränkt. »Walküre-Alarm geben. Ich muss dir wohl nicht sagen, dass jede Minute kostbar ist.«

Nein, das musste der Freund, mit dem er durch dick und dünn gegangen war, nicht. Wenn er eine Entscheidung fallen musste, dann jetzt. Sonst war es um ihn, Claus und all die anderen, die am Staatsstreich beteiligt waren, geschehen.

»Bist du noch dran, Albrecht?«

»Und was, wenn die Gerüchte stimmen? Hast du dir das schon mal überlegt, Claus? Himmler und die Gestapo und das ganze braune Gesocks warten doch nur darauf, Leute wie uns aus dem Weg zu räumen.«

»Eben. Und genau deswegen wirst du jetzt Walküre-Alarm auslösen. Damit wir den Herrschaften auf die Pelle rücken können, bevor es zu spät ist.« Der Anrufer atmete kräftig durch. »Ich schlage vor, du trommelst jetzt sämtliche Kameraden zusammen und sagst ihnen, was Sache ist. Lass dich nicht irremachen, Albrecht, hörst du? Walküre in Gang setzen und wie geplant vorgehen, egal, welche Gerüchte in Umlauf sind. Wir müssen da durch, Kamerad, um jeden Preis. Jetzt kommt alles darauf an, dass wir einen kühlen Kopf bewahren. Je eher das Wachbataillon und das Ersatzheer mobilisiert werden, desto besser. Komme, was mag: Wir müssen die Nazis vor vollendete Tatsachen stellen, und das bedeutet, dass Goebbels, Himmler und die gesamte braune Prominenz aus dem Verkehr gezogen werden müssen.«

»Und was ist mit Fromm?«

»Na was wohl! Wenn er Zicken macht, müssen wir ihn zu seinem Glück zwingen.« Stauffenberg stieß einen unwirschen Seufzer aus. »Herrje, muss ich denn alles selbst machen?«

Von Quirnheim blieb die Antwort schuldig. Genau das war der wunde Punkt gewesen. Damit das Attentat glatt über die Bühne ging, hätte man die Last auf mehrere Schultern verteilen müssen. Denker, Lenker, Antreiber, Organisator und Attentäter in einer Person, und das, obwohl Claus während des Afrika-Feldzuges das linke Auge, die rechte Hand über dem Gelenk und zwei Finger der linken Hand verloren hatte: So etwas konnte unmöglich gut gehen.

»Was ist los, Herr Oberst? Fracksausen?«

»Wenn ich ehrlich bin: ja.«

»Jetzt mach dir mal nicht ins Hemd, alter Haudegen. Nichts ist so heiß, wie es gekocht wird. Walküre auslösen, Olbricht und den anderen in den Hintern treten, Ämter und Posten wie besprochen verteilen. Mehr ist nicht vonnöten.«

»Na, du hast vielleicht gut re…«

»Von Haeften und ich machen uns jetzt auf die Socken, Albrecht. Gegen halb fünf sind wir da. Dann sehen wir weiter.«

»Und was, wenn etwas schiefgeht, Claus?«

Die Stille, die für Sekundenbruchteile einkehrte, hätte beklemmender nicht sein können. »Was dann passieren wird, fragst du?«, erwiderte von Stauffenberg, vom einen auf den anderen Moment todernst. »Dann, alter Freund, möge uns der Herrgott gnädig sein!«

Kapitel 2

Berlin-Tiergarten, Hotel Esplanade am Potsdamer Platz

│20:45 h

Es war fast wie früher. Wie damals, als die Nazis noch nicht für voll genommen wurden. Trotz strikten Verbots ließ es sich der Barpianist nicht nehmen, Kompositionen von Duke Ellington zu klimpern, und auch sonst hatte man das Gefühl, der Krieg spiele sich auf einem fernen Planeten ab. Am Cognac, ausschließlich für Stammgäste reserviert, war nichts auszusetzen, Prominenz aus Partei, SS oder diversen Ministerien machte sich rar, und obwohl es keinerlei Grund zum Optimismus gab, ließ sich das gute Dutzend betuchter Gäste die Laune nicht verderben. Halb Berlin lag bereits in Trümmern, aber daran, wie an die drohende Niederlage, schien kein Mensch auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Es war alles so wie früher, als sich Stars wie Charlie Chaplin oder Greta Garbo die Klinke in die Hand gaben, als der Champagner in Strömen floss, Charleston getanzt wurde und die Nazis einen Bogen um die im Belle-Epoque-Stil errichtete Nobelherberge machten.

Alles so wie früher?

Fehlanzeige.

Nichts war so wie früher. Absolut nichts. Das fing mit der Bruthitze an, gegen die der Ventilator an der Stuckdecke nicht viel ausrichten konnte, setzte sich mit den Wegweisern mit der Aufschrift Luftschutzraum fort und gipfelte in den Putschgerüchten, die in Windeseile die Runde gemacht hatten. Es lag etwas in der Luft, was genau, war und blieb Gegenstand hitziger Spekulationen. Wie zum Beweis, dass etwas Außergewöhnliches im Gang war, waren überall im Regierungsviertel Militärfahrzeuge aufgefahren, die meisten vor dem Propagandaministerium, wo Ordonnanzen ein und aus gingen und an Panik grenzende Betriebsamkeit herrschte. Kein Zweifel, dies war kein Tag wie jeder andere.

Ein Tag, über den man noch lange reden würde.

»Bitte nimm doch Platz, Helene.« Maximilian von Hardenberg, Major im Generalstab, war sich dessen mehr als bewusst. Im Gegensatz zu den Nachtschwärmern, die sich trotz Tanzverbots amüsierten, war ihm alles andere als nach Feiern zumute. Dennoch oder gerade deswegen gab er sich betont locker, und sei es nur wegen seiner Frau, die ihn mit besorgter Miene musterte. »Ich habe mit dir zu reden.«

»Da bin ich aber gespannt, Max«, gab die adrette, gertenschlanke, wider jegliche Konventionen rauchende und aus dem Rheinland stammende Fabrikantentochter zurück, drückte ihren Dunhill-Zigarillo aus und ließ das Mundstück in die Handtasche aus Krokodilleder gleiten. »Sag mal, was ist denn eigentlich los? Du rufst mich an, sagst, ich soll meine Siebensachen packen, veranstaltest ein Mordstamtam und machst ein Staatsgeheimnis daraus, worum es geht. Du schuldest mir eine Erklärung, findest du nicht auch?«

Von Hardenberg, Mitte 30, 1,90 Meter groß, dunkelblond, drahtig und blauäugig, trotz Geheimratsecken durchaus nicht unansehnlich, legte den Zeigefinger auf die Lippen und rückte so nah wie möglich an seine knapp 31 Jahre alte Ehefrau heran. »So leid es mir tut, Helene«, erwiderte er in gedämpftem Ton und vergewisserte sich, ob der Kellner, der die Rechnung gebracht hatte, außer Hörweite war. »So leid es mir tut – das … das ist unmöglich.«

»Soll das ein Witz sein, Max?«

»Ich wünschte, es wäre so.« Von Hardenberg, eher scheu und darauf bedacht, die Worte sorgsam zu wählen, geriet ins Stocken. »Versteh doch, Helene, ich … ich tue das bestimmt nicht gern.«

»Was tust du nicht gern, Max?«

Um seine Verlegenheit zu überspielen, trank von Hardenberg seinen Cognac aus, an dem er eher lustlos genippt hatte, richtete den Kragen seiner Uniformjacke und schlug einen geradezu beschwörenden Tonfall an: »So nimm doch Vernunft an, Helene. Je weniger du über meine Aktivitäten weißt, desto größer die Chance, dass du über alle Berge bist, wenn sie uns in die Pfanne hauen.«

Die Reaktion auf die Beschwichtigungsstrategie ließ nicht lange auf sich warten. »Sei so gut und spar dir deine Ausweichmanöver, Max«, erwiderte die gelernte Übersetzerin, nicht gewillt, sich einfach abspeisen zu lassen. »Entweder du vertraust dich mir an, oder ich gehe und du siehst mich so schnell nicht wieder.«

»Nichts lieber als das, Helene«, erwiderte von Hardenberg, ergriff die Hand der Frau, auf die er so sehr fixiert war, dass er sich ein Leben ohne sie nicht vorstellen konnte, und ließ die Linke auf ihrem gepflegten Handrücken ruhen. »Nichts lieber als das.«

»Dann stimmt es also, was man sich erzählt.«

Von Hardenberg wurde aschfahl. »Was immer man sich bei euch im Außenministerium erzählt, Helene«, stieß er in ungewohnt barschem Tonfall hervor, »sieh zu, dass du es für dich behältst. Ich will nicht, dass du für mich den Kopf hinhalten musst, ist das denn so schwer zu verstehen? Bring dich in Sicherheit, Helene, was mich angeht, mach dir keine Gedanken.«

»Steht es denn so schlimm, Max?«

»Schlimm?« Der Major wich dem Blick der herb anmutenden Schönheit aus. »Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich nicht, was du damit …«

»Bist du aber nicht, Max!«, fuhr Helene von Hardenberg ihrem Mann über den Mund. Und ließ den Befürchtungen, die sie hegte, freien Lauf: »Glaubst du im Ernst, ich habe nicht gemerkt, was da am Laufen ist, Max? Seit Wochen bist du kaum noch ansprechbar, und wenn man Konversation betreiben will, muss man dir die Worte aus der Nase ziehen. Alles, was recht ist, mein Lieber: Um zu erahnen, dass etwas im Busch ist, braucht man kein Hellseher zu sein. Dazu warst du viel zu oft weg, vor allem während der vergangenen acht Tage.«

»Umso besser, dann weißt du ja Bescheid.«

»Kein Grund, eingeschnappt zu sein. Ich mache mir Sorgen, ist das etwa verboten?«

»Stell dir vor, ich auch. Vor allem um dich.«

»Jetzt sag schon, Max: Was geht da drüben im Bendlerblock vor?«

»Na schön, wenn’s denn unbedingt sein muss.« Die Stimme des Majors sank zu einem Flüstern herab, und während er sprach, legte sich ein Schatten über das längliche Gesicht. »Jetzt, wo alles den Bach runtergeht, kann ich es dir ja sagen: Stauffenberg hat ein Attentat auf den Führer verübt.« Von Hardenberg wich den Blicken seiner Frau aus. Im Hinblick auf die Rolle, die er dabei gespielt hatte, war dies nicht einmal die halbe Wahrheit, aber darüber wollte der Generalstäbler, der immer noch mit verdeckten Karten spielte, lieber nicht nachdenken. Schließlich war er es gewesen, der von Quirnheim den Befehl erhalten hatte, Walküre-Alarm auszulösen, ein Befehl, mit dem er selbst schon gar nicht mehr gerechnet hatte. Bereits sehr früh, das heißt kurz vor zwei, war nämlich durchgesickert, dass beim Attentat auf Hitler etwas schiefgelaufen war. Wie es sein konnte, dass der größte Verbrecher aller Zeiten überlebt hatte, war ihm nicht ganz klar, aber darauf kam es jetzt, wo ihnen die Felle davon schwammen, auch nicht an. Beinahe stündlich waren neue Hiobsbotschaften eingetroffen, unter anderem, dass nach Stauffenberg gefahndet wurde. Doch damit nicht genug. Kurz nach sechs, also vor gut zweieinhalb Stunden, war bekannt geworden, dass Himmler zum Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt und mit der Untersuchung der Vorgänge in der Bendlerstraße betraut worden sei. Heinrich Himmler, Reichsminister des Inneren, Chef der Deutschen Polizei und Reichsführer-SS: Wer jetzt nicht wusste, was die Stunde geschlagen hatte, dem war wirklich nicht zu helfen. Schon ging nämlich das Gerücht, dass Remer, Kommandant des Wachbataillons, von Goebbels umgedreht worden sei, und wenn das stimmte, war alles Hoffen und Bangen vergebens gewesen. »Und jetzt kommt’s: Das Attentat ist fehlgeschlagen.«

»Und was nun, Maximilian?«

Von Hardenberg hatte verstanden. Immer, wenn Helene mit sich, der Welt im Allgemeinen oder ihrem Gatten im Besonderen nicht im Reinen war, schlug sie genau diesen Tonfall an. Ein Tonfall, der nicht nur Unmut, sondern vor allem eins signalisierte: Ratlosigkeit.

»Um deiner selbst willen, Helene: Tu, was ich dir jetzt sage.« Der Major lockerte den Griff, mit dem er die Hand seiner Frau umklammert hielt, griff in die Innentasche seiner Uniformjacke und zog einen sorgsam verschlossenen Umschlag hervor. »Hier«, fügte er hinzu, nicht ohne einen Blick über beide Schultern zu werfen. »Eine Fahrkarte erster Klasse ab Anhalter Bahnhof nach Leipzig. Ich denke, das verschafft dir einen Vorsprung. Bei meiner Cousine bist du fürs Erste sicher. Und nicht vergessen: Sobald du dir ihre Adresse eingeprägt hast, musst du sie vernichten. Mit der Gestapo ist nicht zu spaßen. Die ist schon mit ganz anderen Kunden fertig geworden als mit uns. Tu mir den Gefallen und hör auf mich, Helene. Wenn du in der Prinz-Albrecht-Straße landest, ist es zu spät.«

»Und du, Max? Was wird aus dir?«

»Du erwartest doch nicht, dass du eine Antwort erhältst, oder?«

»Nein, mein Stockpreuße – nicht wirklich.« Wider Willen musste die Frau mit der schwarzen Kostümjacke, dem knielangen Rock aus schwarzem Taft und dem ebenfalls dunklen Pillbox-Hut samt dazugehörigem Schleier lächeln. »Treue, Vaterlandsliebe und Pflichterfüllung bis zum Letzten. Dagegen komme ich nicht an.« Tränen im Gesicht, beugte sich die Tochter aus betuchtem Haus über den Tisch, nahm den Kopf ihres Mannes zwischen die Hände und küsste seine Stirn. »Auf bald, Max – ich hoffe, du weißt, was du tust.«

Die Uniformmütze in der Hand, die er mit geistesabwesender Miene musterte, ging von Hardenberg nicht darauf ein. »Verzeih mir die Bemerkung, Helene«, rückte er nur zögerlich mit der Sprache heraus, aus Angst, ausgerechnet jetzt falsch verstanden zu werden. »Aber … aber weißt du, was ich sehr bedaure?«

»Dass du mich geheiratet hast?«

Der Blick des Majors trübte sich. »Mir ist nicht nach Frotzeleien zumute, Helene. Ich meine es ernst.«

»War nicht so gemeint, Max. Was wolltest du sagen?«

»Ich wollte dir sagen, wie sehr ich es bedaure, dass wir keine Kinder haben.« Von Hardenberg wusste nicht, wohin mit seinen Blicken. »Wer weiß, vielleicht wäre vieles anders gelaufen.«

Die 31-Jährige, auf der in diesem Moment sämtliche Augenpaare ruhten, erhob sich, umrundete den Tisch und strich ihrem Mann über die Wange. »Tu deine Pflicht, Max«, sagte sie, richtete den Blick zur Tür und stieß einen gequälten Seufzer aus. »Nur darauf kommt es jetzt an. Adieu, alter Kommisskopf – und pass auf dich auf!«

26 TAGE SPÄTER

Kapitel 3

Berlin-Schöneberg, Kammergericht in der Elßholzstraße

│11.50 h

»Eines Tages, Herr Präsident, wird man Sie und Ihresgleichen zur Verantwortung ziehen. Dessen bin ich mir gewiss.«

Alle im Saal hielten den Atem an. Der Wachtmeister rechts von ihm, die sechs Mitangeklagten, der Beisitzer und seine drei Kollegen, der Protokollant, die Verteidiger und das übrige Personal. Sie alle schwiegen, und es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.

Der Vorsitzende des Volksgerichtshofes schwieg jedoch nicht. Er tat genau das, was er bei seinen Weggefährten auch getan hatte: Er schrie, dass es im Sitzungssaal von den Wänden widerhallte. »Sie sind ja ein schäbiger Lump! Zerbrechen Sie unter der Gemeinheit – ja oder nein?«

Maximilian von Hardenberg verzog keine Miene. Er war hier, um die Wahrheit zu sagen, und nicht, um sich von dem geifernden, tobenden und sämtliche Gepflogenheiten missachtenden Schreihals in der roten Robe einschüchtern zu lassen. Er war hier, um ein Beispiel zu geben, ganz gleich, was mit ihm geschehen würde.

»Ja oder nein, eine klare Antwort: Zerbrechen Sie darunter?«

»Nein.«

»Sie können auch nicht mehr zerbrechen!«, brüllte Freisler in das Mikrofon, nur eine Armlänge von ihm entfernt und auf volle Lautstärke gestellt. So laut, dass seine Stimme in den Ohren schmerzte: »Denn Sie sind ja nur noch ein Häufchen Elend, das vor sich keine Achtung mehr hat!«

Von Hardenberg hielt dem Blick des Medusenhauptes stand. Er wusste, dass er auf verlorenem Posten stand, und er wusste auch, dass das Urteil über ihn und seine Weggefährten längst gesprochen war. Hier ging es nicht darum, Recht zu sprechen, sondern darum, das Recht in den Dienst einer Bande von Mördern und Verbrechern zu stellen.

Ein Blick auf die Wand hinter dem Tribunal, und man war im Bilde. Die Hitlerbüste und die drei Hakenkreuzbanner sprachen für sich. »Machen wir es kurz, Sie ekeln mich an, Angeklagter.« Freisler kramte in seinen Papieren, blickte sich Beifall heischend um und herrschte ihn an: »Trifft es zu, dass Sie an dem Komplott vom 20. Juli dieses Jahres beteiligt waren, ja oder nein?«

Ja oder nein. Von Hardenbergs Mundwinkel kräuselten sich. Etwas anderes gab es für diesen Tobsüchtigen anscheinend nicht. Entweder du bist für uns oder gegen uns.

Entscheide dich.

Ob Galgen oder KZ, was ihn betraf, war die Entscheidung längst gefallen. Er würde nicht um Gnade winseln, keine Ausflüchte oder Manöver machen, um die eigene Haut zu retten. Er würde zu dem, was er getan hatte, stehen. Ohne Wenn und Aber. Und wenn es das Letzte war, das er in diesem Leben tat. »Ich habe Sie etwas gefragt, Angeklagter. Waren Sie an der sogenannten Operation Walküre beteiligt, ja oder …?«

»Ja.«

»Lauter, ich kann Sie nicht verstehen.«

Die Hand auf dem Stuhl, vor dem er stand, nahm von Hardenberg die Gehilfen des Blutrichters ins Visier. Wie bei derlei Anlässen üblich, war zu Freislers Linken ein Beisitzer postiert, die drei Laien, einer davon in SS-Uniform und die beiden Kollegen in Zivil, zu seiner Rechten. Der Pflichtverteidiger hatte ihm zugeflüstert, wie sie hießen, eine Information, die keinerlei Bedeutung besaß. Ob SS-Hauptsturmführer, Beisitzer oder die zwei Zivilisten: Sie alle, Freisler mit eingeschlossen, dienten nur einem Zweck, nämlich ihn und die Gefährten, die ihr Leben in die Waagschale geworfen hatten, auszutilgen. Auf dass in Zukunft niemand den Versuch wagen möge, gegen Unrecht und Willkür aufzustehen. »Sind Sie taub, Hardenberg, oder was ist mit Ihnen los? Reden Sie schon, ich habe nicht ewig Zeit!«

»Ich war daran beteiligt, das trifft zu.«

»Trifft es weiterhin zu, dass Sie derjenige waren, der den Alarm ausgelöst hat, um die Maßnahmen zur Mobilisierung des Ersatzheeres einzuleiten?«

»Ja, Herr Vorsitzender.«

»Darf man fragen, was Sie sich dabei gedacht haben? Wie fühlt man sich, wenn man Führer, Volk und den eigenen Kameraden, die in heldenhaftem Abwehrkampf stehen, in den Rücken fällt? Na, was fällt Ihnen dazu ein, Herr Major?«

Abwehrkampf. So konnte man es natürlich auch formulieren. Seit Stalingrad war Rückzug angesagt, nicht nur im Osten, sondern seit gut zwei Monaten auch im Westen, wo die Wehrmacht den Alliierten kaum noch etwas entgegenzusetzen hatte. Rückzug an allen Fronten, und dieses Großmaul redete von Heldentum. Das einzig Vernünftige wäre gewesen, sofort Frieden zu schließen, aber davon wollten Einpeitscher wie dieser Freisler nichts wissen. Mit fliegenden Fahnen in den Untergang, lautete die Parole, egal, wie viele Landser auf der Strecke blieben. Das war nicht nur naiv, das war verbrecherisch.

»Was ist, haben Sie die Sprache verloren?«

»Ich denke, es ist höchste Zeit, Frieden zu schließen. Sonst wird es eine Katastrophe geben, von der wir uns nie wieder …«

»Wir?«, schrie Freisler und hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. »Habe ich eben richtig gehört? Sie wagen es, sich als Teil unserer Volksgemeinschaft zu betrachten? Soll ich Ihnen sagen, was Sie sind? Sie sind der schäbigste Halunke, der mir seit Langem untergekommen ist. Aber damit, Sie Pestbeule, ist jetzt Schluss. Und zwar ein für alle Mal. Sie und Ihresgleichen werden schon sehen, wozu es führt, wenn man Verrat an unserem Führer übt. Das garantiere ich Ihnen. Denken Sie etwa, Sie kommen damit durch?«

»Ob Sie es wahrhaben wollen oder nicht: Der Krieg ist verloren. Je früher Sie die Konsequenzen ziehen, desto besser.«

»Mal ehrlich, Sie Judas: Haben Sie denn überhaupt kein Ehrgefühl im Leib?«

Bitte nicht schon wieder. Nicht schon wieder dieses Gefasel von Ehre, Pflichtgefühl und Opfermut, auf das nicht nur er, sondern Millionen seiner Landsleute hereingefallen waren. Davon hatte er genug, seit geraumer Zeit schon. »Es war mir eine Ehre, meinem Vaterland einen Dienst zu erweisen. Falls es das ist, worauf Sie anspielen.«

»Genug.« Binnen Sekunden war das Gekreische des Vorsitzenden einem drohenden Knurren gewichen, ein untrügliches Zeichen, dass sich die Farce ihrem Ende zuneigte. »Haben Sie noch etwas zu sagen, Angeklagter?«

Von Hardenberg verneinte.

»Na schön, wie Sie wollen.« Wie auf Kommando erhoben sich Freisler und die Mitglieder des Tribunals von ihren Sitzen. Fast gleichzeitig ergriff der Blutrichter das Wort. »Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil«, hallte es durch den voll besetzten Saal, in dem es niemanden gab, der sich über das Schicksal der Angeklagten Illusionen machte. Am allerwenigsten der Major im Generalstab von Hardenberg, der mit unbewegter Miene vor dem Richtertisch stand. »Bernhard Klamroth, Hans-Georg Klamroth, Egbert Hayessen, Wolf Heinrich Graf Helldorf, Dr. Adam von Trott zu Solz sowie Maximilian Freiherr von Hardenberg werden mit dem Tode bestraft, Verräter an allem, wofür wir leben und kämpfen.«

Verräter. So nannte man das also. Von Hardenberg schlug die Augen nieder, ohne Blick oder Ohren für die Begründung, die der Vorsitzende im Rekordtempo herunterleierte. Was, fragte er sich im Stillen, würde aus seiner Frau werden, aus seinen Eltern, denen untersagt wurde, der Verhandlung beizuwohnen? Mutter würde es das Herz brechen, umso mehr, da sein jüngerer Bruder an der Ostfront als vermisst gemeldet worden war. Und Helene? Von ihr, die er vor knapp drei Wochen zum letzten Mal gesehen hatte, fehlte jede Spur. So zumindest berichtete sein Vater, dem das Kunststück geglückt war, eine Besuchserlaubnis in Tegel zu erhalten.

Von Hardenbergs Atem ging rascher, und während er sich die Zusammenkunft mit ihr vergegenwärtigte, krampfte sich dem 36-jährigen Generalstäbler das Herz zusammen. Ob es ihr gelungen war, irgendwo unterzutauchen, war mehr als ungewiss, und wenn es etwas gab, das ihn quälte, dann die Frage, welches Schicksal sie erleiden würde. »Ihr Vermögen verfällt dem Reich.«

Schluss, aus, vorbei. Das war es also gewesen. Die Hand des Wachtmeisters auf der Schulter, stierte von Hardenberg ins Leere. Jetzt hieß es Haltung zeigen, mochte es angesichts dessen, was ihm bevorstand, auch noch so schwer erscheinen. In ein paar Stunden, womöglich auch Tagen, würde alles vorbei sein.

Endstation Plötzensee.

Und was kam danach?

22 JAHRE SPÄTER

ERSTES KAPITEL

(Dienstag, 16. August 1966)

»Es lebe das heilige Deutschland!«

(Ausruf Stauffenbergs kurz vor seiner Exekution im Hof des Bendlerblocks in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1944)

Kapitel 4

Berlin-Charlottenburg, Gelände des Strafgefängnisses Plötzensee│05:20 h

»Alles, was recht ist, Süße: Allmählich habe ich die Faxen dicke.«

»Aber, aber, wer wird denn hier gleich eingeschnappt sein.« Die Adressatin der Unmutsäußerung, eine Femme fatale Anfang 20, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nein, so hatten sie nicht gewettet. Ganz bestimmt nicht. Wenige Meter vor dem Ziel würde sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Das war sie sich und all jenen, die dieser Möchtegern-Playboy auf dem Gewissen hatte, schuldig. »So kenne ich dich ja gar nicht.«

Armer alter Mann!, dachte sie, stieß ein laszives Kichern aus, um ihre Beute in Sicherheit zu wiegen, und schloss die Tür des lang gestreckten Schuppens auf, an dem auf den ersten Blick nichts Auffälliges war. Außenmauern aus rotem Ziegelstein, ein nur mäßig geneigtes Dach und eine Reihe von vergitterten Bogenfenstern. Das war es dann auch schon. Gebäude von dieser Bauart gab es wie Sand am Meer, und wenn nicht hier, hätte die Halle auch woanders stehen können.

Dass der Schein trog, war der jungen Frau bewusst. Hier waren Dinge geschehen, die niemals hätten geschehen dürfen. Gräuel, die sie bis in den Schlaf verfolgten, schweißüberströmt aufwachen und an der gesamten Menschheit verzweifeln ließen. Schandtaten, die ihrem Leben eine unerwartete Wendung gegeben und dafür gesorgt hatten, dass nichts mehr so war wie vor ein paar Monaten.

Damals, kurz vor ihrem 21. Geburtstag, war sie noch eine ganz normale junge Frau gewesen. Na ja, so normal nun auch wieder nicht. Immerhin hatte sie bereits an einer Vietnamdemo teilgenommen, wodurch sie sich eine Menge Ärger eingehandelt hatte. Davon abgesehen war ihr Leben in geordneten Bahnen verlaufen, und sie hatte alle Hände voll zu tun gehabt, um ihr Jura-Studium an der FU zu finanzieren. Dank eines Jobs bei Siemens, wo sie 20 Stunden pro Woche am Fließband stand, war ihr dies auch gelungen. Kurzum, sie hatte sich durchgebissen, ohne fremde Hilfe.

Damals, als sie ihr Leben noch im Griff und sie das Gefühl gehabt hatte, nichts könne sie aus der Bahn werfen.

Genau das aber war vor vier Monaten und drei Tagen geschehen. Und das Schicksal wollte es, dass das Dreckschwein, das nur eine Armlänge von ihr an der Mauer lehnte, maßgeblichen Anteil daran besaß.

Der Grund, weshalb sie Vergeltung üben würde. Beherrscht, kühl und kaltherzig. All jene, die er auf dem Gewissen hatte, stets vor Augen.

Das Urteil lautete auf schuldig.

Schuldig im Sinne der Anklage.