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Ein packender Roman über eine Frau, die sich früh in der Männerdomäne der Psychoanalyse behauptet und ein unfassbares Geheimnis aufdeckt
Hamburg 1920: Die Psychoanalytikerin Vera hat die Praxis ihres Mannes im Stadtteil Uhlenhorst übernommen, nachdem er fünf Jahre zuvor im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Ihre Patienten haben die unterschiedlichsten seelische Narben – die meisten aufgrund ihrer Kriegsvergangenheit. Als es unter ihnen zu mysteriösen Todesfällen kommt, bittet Kommissar Bender Vera um Hilfe. Sie soll tiefer in der Vergangenheit der Betroffenen bohren, ein Zusammenhang scheint naheliegend. Dann wird der gesichtsverletzte ehemalige Soldat Willi Schuster von seiner Frau als vermisst gemeldet – wieder ein Patient von Vera. Und ihr wird klar: Offenbar rächt sich jemand an dessen ehemaligem Regiment …
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das Buch:
Hamburg 1920: Die Psychoanalytikerin Vera hat die Praxis ihres Mannes im Stadtteil Uhlenhorst übernommen, nachdem er fünf Jahre zuvor im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Ihre Patienten haben die unterschiedlichsten seelischen Narben – die meisten aufgrund ihrer Kriegsvergangenheit. Als es unter ihnen zu mysteriösen Todesfällen kommt, bittet Kommissar Bender Vera um Hilfe. Sie soll tiefer in der Vergangenheit der Betroffenen bohren, ein Zusammenhang scheint naheliegend. Dann wird der gesichtsverletzte ehemalige Soldat Willi Schuster von seiner Frau als vermisst gemeldet – wieder ein Patient von Vera. Und ihr wird klar: Offenbar rächt sich jemand an dessen ehemaligem Regiment …
Die Autorin:
Melanie Metzenthin wurde 1969 in Hamburg geboren, wo sie auch heute noch lebt und als Fachärztin für Psychiatrie arbeitet. Mit der Vergangenheit ihrer Heimatstadt fühlt sie sich ebenso verbunden wie mit der Geschichte der Medizin, was in vielen ihrer Romane zum Ausdruck kommt.
Melanie Metzenthin
Roman
WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN
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Copyright © 2025 by Melanie Metzenthin
Copyright © 2025 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)
Redaktion: Angela Volknant
Umschlaggestaltung und -motiv: zero-media.net, München, unter Verwendung von Motiven von Trevillion Images (Natasza Fiedotjew), Arcangel (Tanja Luther)
Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg
ISBN 978-3-641-28262-2V001
www.heyne.de
Hamburg, Ende Mai 1920
Selten zuvor war Vera Albers so froh gewesen, einen ihrer Klienten gehen zu sehen. Dicke Regentropfen prasselten an die Scheibe ihres Sprechzimmers, aber das hinderte sie nicht daran, die beiden Fensterflügel weit zu öffnen. Sie musste dringend den Mief der letzten Sitzung vertreiben und genoss die Gischt des reinigenden Regens im Gesicht. Vermutlich stand Hermann Braun noch unten im Treppenhaus und wartete, bis der Regen etwas nachließ. Während Vera die feuchte Frühlingsluft tief einatmete, schweifte ihr Blick über den Kuhmühlenteich zu jener Stelle, an der sich der Eilbek-Kanal auf seinem Weg in die Alster zu einem ansehnlichen Teich verbreiterte. Schon seltsam, dachte sie, wie man einen Menschen doch völlig falsch einschätzen kann.
Sie hatte immer geglaubt, er sei ein unsicherer, nervöser Mensch, der die Schrecken des Großen Krieges noch nicht überwunden hatte. Jemand, der sich stets hinter seiner höflichen Fassade versteckte und seine Erlebnisse verdrängte, um nicht zu zerbrechen. Aber heute hatte sie eine Seite von ihm erlebt, die sie kurz darüber nachdenken ließ, ob sie die Psychoanalyse mit ihm nicht lieber beenden sollte. Wie üblich hatte sie nach der Stunde mit ihm abgerechnet und ihm eine Quittung über die acht Reichsmark ausgestellt.
»Das ist der Unterschied zwischen Ihnen und einer Prostituierten«, hatte er gesagt. »Sie kassieren erst danach, sind aber dreimal so teuer.«
Anscheinend sollte es ein Scherz sein, aber sie hatte sich sehr darüber geärgert.
»Halten Sie diesen Vergleich für angemessen, Herr Braun?«
Vermutlich hatte ihr Blick ihm deutlich gemacht, was sie davon hielt, aber er hatte sich nicht entschuldigt, sondern erstaunlich selbstsicher zurückgefragt: »Verstehen Sie keinen Spaß?«
»Finden Sie es spaßig, mich mit einer Prostituierten zu vergleichen?«
»Nun ja, in beiden Fällen liegt man.« Das süffisante Grinsen, mit dem er in Richtung des Chaiselongue genickt hatte, auf dem ihre Klienten während der Psychoanalyse lagen, bewies ihr, dass es kein ungeschickter Scherz gewesen war, sondern tatsächlich ein Machtspiel, in dem er ihre Integrität als Frau auf die Probe stellen wollte.
Sie war nicht weiter darauf eingegangen, sondern hatte ihm wortlos die Quittung gereicht.
»Sind Sie jetzt gekränkt? So hätte ich Sie gar nicht eingeschätzt, Frau Albers.«
»Sie sollten jetzt gehen. Und ich werde mir überlegen, ob Sie von der Therapie bei mir noch weiter profitieren können oder ob ein Wechsel zu einem männlichen Analytiker besser wäre.«
Nun war er blass geworden. »Sie wollen mich loswerden, nur weil ich einen Scherz gemacht habe?«
»Wir sollten beim nächsten Mal über Ihre Aggressionen sprechen. Es ist ein aggressiver Akt, seine Therapeutin mit einer Prostituierten zu vergleichen. Denken Sie mal darüber nach.« Dann hatte sie unmissverständlich die Tür geöffnet. »Auf Wiedersehen, Herr Braun.«
Noch während sie diese übliche Floskel aussprach, wurde ihr die Bedeutung bewusst. Wollte sie ihn wirklich wiedersehen? Warum hatte dieser sogenannte Scherz sie nur so sehr verärgert? War sie vielleicht zu empfindlich? Als Psychoanalytikerin hatte sie gelernt, ihre eigenen Gefühle als diagnostisches Instrument zu nutzen. Es war diese unvermittelte Entwertung ihrer Person gewesen, versteckt hinter diesem geschmacklosen Scherz. Warum hatte er das getan? Um zu sehen, wie weit er gehen durfte? Nun, da hatte sie ihm recht deutlich eine Grenze gesetzt, aber wie konnte es sein, dass sie ihn in den vergangenen drei Monaten völlig falsch eingeschätzt hatte?
Sie wollte die Fensterflügel gerade wieder schließen, als ihr Blick auf eine junge Dame mit einem eleganten Regenschirm fiel, die mit schnellen Schritten geradewegs auf das Haus zuhielt. Johanna Schuster war stets überpünktlich. Warum sie nur immer so rennt, fragte sich Vera, das passt doch so gar nicht zu ihrer eleganten Erscheinung. Sie mochte die Fünfundzwanzigjährige, die seit einem Monat dreimal in der Woche zu ihr in die Praxis kam. Meist sprach sie über die komplizierte Beziehung zu ihrem Mann Willi, der im Krieg schwer entstellt worden war. Sie liebte ihn, daran ließ sie keinen Zweifel, aber sie verlieh immer wieder ihrer Sorge Ausdruck, sich selbst in dieser Ehe zu verlieren. So ganz hatte Vera die Beziehung der beiden noch nicht durchschaut, denn Johanna war in ihren Erzählungen sehr sprunghaft. Sie erzählte alles, was ihr durch den Kopf ging. Zwar war genau das der Sinn einer Psychoanalyse, schließlich sollten die Klienten ihre Gedanken ungefiltert preisgeben, dennoch hatte Vera stets das Gefühl, Johanna würde sich hinter ihrem leutseligen Erzählen verstecken und wesentliche Dinge auslassen.
Hermann Braun war immer noch nicht aus dem Gebäude gekommen, als Johanna Schuster es betrat. Wir Frauen sind doch robuster als die Männer, dachte Vera. Sie wollen uns immer weismachen, dass sie das starke Geschlecht seien, aber während eine Frau beherzt zum Regenschirm greift, wartet der Angehörige des Heldengeschlechts auf besseres Wetter.
Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Sie hatte sich offenbar stärker über Braun geärgert als gedacht, wenn sie ihn jetzt insgeheim derart entwertete.
Sie schloss das Fenster, dann ging sie aus dem Sprechzimmer durch den Flur zur Wohnungstür. Früher hatte sie sich in diesen sechs Zimmern nie so verloren gefühlt. Damals, als ihr Mann noch lebte und hier seine Hausarztpraxis betrieben hatte. Dann kam der Krieg, und Viktor hatte sich freiwillig gemeldet. Ein deutscher Patriot durch und durch, der meinte, an der Front wäre ein Arzt dem Vaterland nützlicher. 1915 fiel er. Mit gerade einmal sechsunddreißig Jahren. Um über den Verlust hinwegzukommen, hatte Vera damals selbst eine Psychoanalyse begonnen. In den folgenden drei Jahren hatte sie erkannt, dass sie noch nicht bereit war, die Praxis zu vermieten und sich auf ein geruhsames Witwenleben einzustellen. Schließlich war sie damals erst achtundzwanzig gewesen. Doktor Grunewald, ihr Analytiker, hatte ihr dann vorgeschlagen, die Praxis selbst zu nutzen. Sie hätte den Menschen noch immer so viel zu geben, hatte er gesagt. Und wenn sie Unterstützung bei schwierigen Fällen bräuchte, sei er gern bereit, sie zu supervidieren und ihr Mentor zu sein.
Vera öffnete die Wohnungstür schon, als sie die Schritte im Treppenhaus hörte.
»Bin ich zu früh?« Frau Schuster lächelte schüchtern und bemühte sich, ihren Regenschirm zusammenzufalten.
»Nein, wie immer pünktlich auf die Minute. Kommen Sie, Sie können den Schirm hier in den Ständer stellen.«
»Ich dachte, ich wäre zu früh, weil noch einer Ihrer Klienten im Treppenhaus stand und eine Zigarette rauchte.«
Vera hob die Brauen. »Woher wissen Sie, dass es ein Klient war?«
»Er hat mich angesprochen. Mit der ältesten Masche der Welt. Ich käme ihm bekannt vor, sagte er. Und dann wollte er wissen, ob ich auch bei Ihnen in Behandlung sei.«
»Und haben Sie ihm geantwortet?«
»Nein. Ich empfand es als aufdringlich.«
Vera nickte schwach. Zum zweiten Mal an diesem Tag lernte sie eine neue Seite von Hermann Braun kennen. Der scheinbar so schüchterne Mann konnte tatsächlich aufdringlich sein.
Nachdem Johanna Schuster sich bequem auf der Chaiselongue hingelegt hatte, meinte sie: »Ich weiß gar nicht, womit ich heute beginnen soll.«
»Was geht Ihnen durch den Kopf?«
Die junge Frau schloss die Augen und schien intensiv nachzudenken.
»Dieser Mann im Treppenhaus … er hatte etwas Düsteres an sich«, sagte sie dann. »Er erinnerte mich an die Männer, von denen Willi immer erzählt.«
Vera wartete ab, was Johanna noch sagen würde, aber die schwieg sich aus. Anders als viele andere Analytiker sah Vera nichts Falsches darin, zum rechten Zeitpunkt nachzufragen. Das hatte schon ihr eigener Mentor so gehandhabt. Der Gedankenfluss des Klienten müsse am Laufen gehalten werden, er dürfe nicht versiegen oder gar einschlafen, hatte er immer gesagt.
Nach einer angemessenen Wartezeit fragte sie also: »Was für Männer?«
»Die mit den zwei Gesichtern. Man glaubt, man würde sie kennen, aber dann zeigen sie plötzlich ihr wahres Gesicht und wenden sich um des eigenen Vorteils willen gegen ihre Kameraden.« Sie atmete schwer. »Willi spricht nicht gern darüber, aber ich weiß, dass er seine schreckliche Entstellung dem Verrat seiner Kameraden verdankt.«
»Was hat das mit Ihnen und dem Mann im Treppenhaus zu tun?«
»Ich musste spontan daran denken, als ich diesen Mann sah. Auch er wirkte auf mich wie ein Januskopf.«
Seltsam, dachte Vera. Sie beschreibt dasselbe, was ich vorhin gespürt habe. Kann das ein Zufall sein? Oder interpretiere ich jetzt etwas zu viel in die Sache hinein?
»Was bedeutet Januskopf für Sie?«
»Jemand, der allen lange Zeit nur seine schöne Seite zeigt, aber dann irgendwann kann er seine eigene Bosheit nicht mehr verbergen, und aus dem scheinbar so liebevollen Menschen wird ein Monster.«
Spricht sie wirklich von Braun, oder ist das eine unbewusste Art, über ihren eigenen Mann zu sprechen, durchzuckte es Vera. Aber wenn sie jetzt nachhakte, würde Johanna es sofort von sich weisen und ihre Gedanken in eine andere Richtung lenken.
»Es klingt so, als hätten Sie mit solchen Männern Erfahrung«, sagte sie deshalb neutral. »Wenn Sie jemanden schon aufgrund einer einzigen Begegnung einschätzen können.«
»Auf manche Erfahrungen im Leben hätte ich lieber verzichtet.«
»Mögen Sie davon erzählen?«
Johannas Züge verhärteten sich. »Nein.«
»Warum nicht?«
»Ich … ich möchte das nicht noch einmal in Gedanken erleben.«
»Ist es so schmerzhaft?«
Johanna atmete schwer. »Ja, aber das ist es nicht allein. Wenn ich schlimme Erinnerungen für mich behalte, dann gehören sie nur mir. Ich habe die Kontrolle darüber, wann ich sie ansehe und wann nicht. Aber wenn ich sie mit jemandem teile, bekommt dieser Mensch Macht über mich. Er kann mir jeden fröhlichen Tag meines Lebens unvermittelt vergiften, indem er mich durch eine unbedarfte Bemerkung zwingt, diese Bilder erneut zu betrachten. Oder schlimmer noch, er versucht es vorsätzlich.«
»Das klingt, als hätten Sie damit auch schon traurige Erfahrungen gesammelt.«
»Ja. Und deshalb werde ich heute nicht darüber sprechen.«
»Weil Sie befürchten, ich bekäme Macht über Sie?«
»Klingt das verrückt?«, fragte Johanna zurück.
»Klingt es für Sie verrückt?«, konterte Vera sofort. Es war nicht ihre Aufgabe, Fragen zu beantworten, sondern sie musste die richtigen Fragen stellen, um ihrer Klientin die Möglichkeit zu geben, selbst die richtigen Antworten zu finden. Das war das Erste, was sie gelernt hatte. Der Analytiker bringt den Prozess des eigenen Denkens ins Rollen, und er macht Deutungen, aber er antwortet niemals auf Fragen, die man mit einem einfachen Ja oder Nein abhaken könnte.
Im weiteren Verlauf der Sitzung sprach Johanna darüber, was sie mit dem Begriff »verrückt« verband, aber nicht mehr über ihre eigenen Erlebnisse. Vera respektierte das, sie waren schließlich noch ganz am Anfang, und es ging darum, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Vielleicht würde Johanna sich erst in einem Jahr öffnen, deshalb waren die Sitzungen auch über einen sehr langen Zeitraum ausgelegt. Vertrauen zwischen Klientin und Analytikerin stand an oberster Stelle, es durfte nicht gebrochen werden.
Johanna Schuster war Veras letzte Klientin an diesem Tag. Als sie ging, hatte der Regen bereits aufgehört, und die Sonne strahlte wieder vom Himmel. Vera öffnete noch einmal das Fenster und schaute wieder über den Kuhmühlenteich. Ein Alsterdampfer fuhr vorüber, dicht gefolgt von einem Achter des Ruderclubs, der beinahe den Eindruck erweckte, als wolle er sich ein Wettrennen mit dem Schiff liefern. Der Sonnabend macht seinem Namen alle Ehre, dachte Vera. Sie freute sich auf den freien Sonntag, wenn die Glocken der Gertrudenkirche direkt nebenan sie wie üblich wecken würden. Sie selbst war schon lange nicht mehr in der Kirche gewesen. Zuletzt bei Viktors Trauergottesdienst, der die Beisetzung ersetzte, denn sein Grab lag irgendwo in Frankreich auf einem anonymen Soldatenfriedhof. Sie seufzte und schloss das Fenster wieder, dann griff sie nach ihrem Mantel, um die traurigen Erinnerungen durch den warmen Frühlingswind fortblasen zu lassen. Ihr Weg führte sie in Richtung Außenalster. An der Mundsburger Brücke vorbei zu den beiden Anlegern, die die Alsterdampfer hier mit der Regelmäßigkeit einer Straßenbahn anfuhren, bis zu der Stelle, wo der Kanal in den großen Stadtsee mündete und sie sich entscheiden musste, ob sie in Richtung der Binnenalster abbog oder lieber den Weg zur Schönen Aussicht und dem Uhlenhorster Fährhaus nahm, wo man sehr gut essen und Kaffee trinken konnte. Das Alsterfreibad hatte erst letzte Woche die Badesaison eröffnet und war schon gut gefüllt, obwohl die Sonne gerade erst wieder herausgekommen war. Vermutlich war das Wasser noch recht kühl. Veras Gedanken schweiften ab in ihre Kindheit. Sie war am anderen Alsterufer aufgewachsen, in Harvestehude. An heißen Sommertagen hatte sie stets das Fahrrad nehmen müssen, um das Alsterbad zu erreichen. Ihre Freundinnen waren direkt am Harvestehuder Ufer in die Alster gesprungen, aber Veras Mutter war dagegen gewesen. Nicht nur wegen der Schicklichkeit, auch wenn sie alle züchtige Badeanzüge getragen hatten, die inzwischen immer mehr aus der Mode kamen, sondern auch wegen der Gefahren, die dort lauerten. Wenn man in die Fahrrinne eines Alsterdampfers geriet, konnte einen der Sog schnell unter das Schiff ziehen, und es hatte schon einige tragische Unglücke gegeben. Deshalb hatte man das Alsterschwimmbad gebaut, mit Einfriedungen, die zwar von der Alster geflutet wurden, aber jedem Badegast Sicherheit gaben. Außerdem genügten sie der Schicklichkeit, denn es gab getrennte Bereiche für Männer und für Frauen. Seit sie sich mit Viktor verlobt hatte, war sie jedoch nicht mehr im Alsterschwimmbad gewesen, denn die Geschlechtertrennung galt sogar für Paare. Stattdessen waren sie an die Elbe geradelt, um dort an kleinen einsamen Sandstränden die sommerlichen Sonntage zu verbringen, ungestört von neugierigen Blicken und fern vom Praxistelefon, das Doktor Albers zu dringenden Notfällen rief.
Noch während sie darüber sinnierte, hatten ihre Füße sie wie von selbst in Richtung des Uhlenhorster Fährhauses getragen.
Viele Hamburger nutzten den warmen Sonnabend zum Flanieren, und auf der Alster waren unzählige Ruderboote zu sehen. Beim Uhlenhorster Fährhaus legten nicht nur die Alsterdampfer an, sondern man konnte dort auch Boote mieten, aber das hatte Vera seit Viktors Tod nicht mehr getan. Es war ohnehin nicht üblich, dass eine Frau allein mit einem Ruderboot unterwegs war, auch wenn es einige junge Damen gab, die sich nicht scheuten, ein Boot zu mieten. Insgeheim beneidete Vera diese Frauen um ihr Selbstbewusstsein, denn anzügliche Sprüche waren die Regel, und oft drängten sich fremde Männer als Begleiter auf, weil sie glaubten, so einem Blaustrumpf damit einen Gefallen zu tun.
Ob Hermann Braun wohl auch so ein Mann ist? Verdammt, dieser unverschämte Kerl beschäftigte sie noch immer. Nein, korrigierte sie sich. Nicht die Unverschämtheit, sondern die Erkenntnis, dass ich ihn falsch eingeschätzt habe.
Während sie langsam auf dem gepflegten Sandweg in Richtung des Fährhauses wanderte, immer darauf bedacht, den kleinen Pfützen auszuweichen, die der Regen hinterlassen hatte, betrachtete sie die Menschen um sich herum. Anders als am Sonntag, wenn die Bevölkerung ihre feinsten Kleider ausführte, sah sie neben den gutbürgerlichen Damen, die von einem straffen Korsett in Form gehalten wurden, auch zahlreiche Arbeiter, die vermutlich auf dem Weg zu einem Umtrunk im Fährhaus waren. Keine schmuddeligen Hafenarbeiter oder abgerissene Gestalten, wie man sie auf St. Pauli traf, und doch war erkennbar, dass sie ihr Geld mit ihrer Hände Arbeit verdienten. Anstelle von Anzügen mit Weste trugen sie schlichte Hosen und Jacken oder einfach nur Pullover.
Unwillkürlich musste Vera wieder an Hermann Braun denken. Er kam stets im Anzug. Drei Monate kam er nun schon zu ihr und hatte viel über seine Ängste erzählt, das ständige Zittern zum unpassenden Zeitpunkt, aber wenig über seinen gegenwärtigen Beruf. Sein Onkel hätte ihm Arbeit gegeben und würde ihm auch die Therapiesitzungen zahlen. Der habe ein Transportunternehmen. Nichts Großes, nur Transporte innerhalb der Stadt, Umzüge oder Möbellieferungen. Falls sie mal jemanden suche, der sich mit den Umzügen höhergestellter Haushalte auskenne, könne sie sich gern an ihn wenden. Er hatte ihr die Karte seines Onkels regelrecht aufgedrängt. Sie hatte kurz überlegt, ob sie sie zurückweisen sollte, schließlich war es wegen der therapeutischen Abstinenz unangemessen, irgendeine Dienstleistung von einem ihrer Klienten in Anspruch zu nehmen, aber sie hatte sie dennoch eingesteckt, denn es konnte nicht schaden, den Namen des Menschen zu kennen, der für die Sitzungen aufkam. Braun hatte erwähnt, wie sehr er darunter leide, dass sein Onkel ihm wegen seiner Zitteranfälle nicht erlaubte, den neu erworbenen Lastkraftwagen zu fahren, sondern ihn in die Buchhaltung verbannt habe. Mehr musste sie nicht wissen. Sie interessierte sich eher für seine Vergangenheit. Hatte er sich freiwillig an die Front gemeldet, oder war er eingezogen worden? Was hatte er erlebt? Welche der alten Erlebnisse tauchten immer wieder in seinen Erinnerungen auf und brachten ihn zum Zittern?
Sie hatte bisher nie einen seiner Zitteranfälle mitbekommen. Er wirkte bei ihren Sitzungen stets gefasst, etwas verschüchtert, immer höflich.
Was hatte ihn geritten, dass er heute so einen geschmacklosen Scherz gemacht hatte?
Ein Hund bellte hinter ihr und riss sie aus ihren Gedanken. Ein kleiner Pinscher, der sich wie der Herr der Straße fühlte, gefolgt von einer wuchtigen, schwer atmenden Matrone, deren Korsett an die Grenzen seiner Belastbarkeit gekommen war.
»Primo, sei artig! Platz!«, rief sie, doch der Kläffer ignorierte sie und lief mit giftigem Blick und gefletschten Zähnen auf Vera zu. Sie drehte sich vollends um, innerlich bereit, die spitzen Zähnchen mit einem kräftigen Fußtritt abzuwehren. Vermutlich ahnte die kleine Gifttöle, dass sie sich mit Vera lieber nicht anlegen sollte, denn sie blieb ebenfalls stehen, bellte aber unbeirrt weiter.
»Bitte entschuldigen Sie«, keuchte die Matrone. »Primo tut nichts, er will nur spielen.«
»Sie sollten ihn lieber an die Leine nehmen, nicht, dass er von jemandem, der weniger geduldig ist als ich, noch einen Tritt kassiert.«
»Wer würde denn so etwas Grausames einem armen kleinen Hündchen antun?« Hastig zog sie die Leine hervor und versuchte, sie am Halsband zu befestigen. Primo wusste das zu verhindern, wich ihr immer wieder aus, beinahe so, als wolle er sein plumpes Frauchen dazu provozieren, sich anderthalbmal um ihre eigene Achse zu drehen. Doch schlussendlich gelang es ihr.
»Bitte entschuldigen Sie nochmals, er ist ein lieber Junge, mein kleiner Primo. Nur etwas wild. So wie Jungs nun mal sind, nicht wahr?«
Vera verkniff sich ein Lächeln. Beinahe hätte sie gesagt: »Sie reden über den Hund, als wäre er Ihr Sohn«, aber sie hielt sich gerade noch rechtzeitig zurück. Sie hatte die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich derart auf ihre Haustiere fixierten, entweder scheue Sonderlinge waren oder aber so einsam, dass sie jede Form von menschlicher Zuwendung wie ein ausgetrockneter Schwamm in sich aufsogen und dann wie ein lästiger Blutegel an einem hängen blieben. Deshalb nickte sie nur und ging dann mit festem Schritt weiter in Richtung des Fährhauses, während die kurzatmige Hundemutti sich auf einer Bank niederließ und Primo auf den Schoß nahm, wo er sich wie ein fetter, zufriedener Säugling auf den Rücken legte und sich von ihr schaukeln ließ.
Ob sie wohl schon immer so gewesen war, fragte Vera sich. Nahm der Hund die Stelle nicht vorhandener Kinder ein, oder hatte die Frau ihre Familie im Großen Krieg verloren und suchte nun einen Ersatz, den sie unter den Menschen nicht mehr fand?
Schon als Kind hatte Vera sich ausgemalt, welche Geschichten hinter den Menschen steckten, und als Psychoanalytikerin fragte sie sich, wie sie zu den Personen geworden waren, die sie nun vor sich sah. Ihre Mutter hatte sie oft gescholten, wenn sie ihrer Fantasie freien Lauf ließ, aber ihr Vater hatte es gefördert. Schon als sie noch klein war, hatte er ihr Geschichten erzählt und mit ihr über den Sinn des Lebens philosophiert. Er besaß eine kleine Zeitung, den Hamburger Boten, deren Chefredakteur er selbst war, und hatte sie schon früh dazu angehalten, alles um sie herum genau zu beobachten. Die Zeitung brachte ihm nicht viel Geld ein, ihre Mutter hatte oft geschimpft und gesagt, er solle sie verkaufen und lieber bei einer der großen Zeitungen arbeiten, das würde ihm mehr einbringen, aber ihr Vater hing an seinem Blatt. Nach Veras Abitur hatte er sie als Volontärin eingestellt. Ihre Mutter hatte es hingenommen, auch wenn sie es lieber gesehen hätte, wenn Vera die Hauswirtschaftsschule besucht hätte. Schließlich lag die wahre Erfüllung einer Frau in ihren Augen in der Ehe und der Mutterschaft. Als ihre Tochter ihnen Viktor vorstellte, war sie außer sich vor Freude. Ein Arzt hielt um Vera an! Etwas Besseres hätte dem Mädchen mit den vielen Träumen im Kopf nicht passieren können. Ihr Vater schien jedoch traurig, dass er sein kleines Mädchen an einen anderen Mann verlieren würde. Wenn ihr einmal nach Schreiben zumute sei, hatte er gesagt, in seiner Zeitung wäre immer Platz dafür.
Doch das Leben an Viktors Seite hatte ihr nicht viel Zeit dazu gelassen. Sie kümmerte sich gemeinsam mit ihm um seine Praxis und arbeitete als Sprechstundenhilfe. Ein Leben, das ihr gefiel und sie sehr ausfüllte. Vielleicht ein wenig zu sehr, denn zum Bedauern ihrer Mutter ließen Kinder auf sich warten.
Vera erreichte die Schöne Aussicht, jenen Flecken am Alsterufer, von dem aus man die Silhouette der Stadt aus der Ferne erkannte, den Turm des Rathauses, eingerahmt zwischen den großen Kirchtürmen, allen voran dem vom Michel und von der stolzen Nikolaikirche. Nun waren es nur noch ein paar Schritte bis zum Uhlenhorster Fährhaus, auf dessen Terrasse es um diese Zeit kaum noch freie Plätze gab. Die Hamburger liebten ihre Alster und genossen es, den Abend vor dem Sonntag bei schönem Wetter ausklingen zu lassen.
Auf einmal stutzte sie. War das wirklich Hermann Braun, der dort auf der Terrasse zusammen mit einem schwarz gekleideten Mann saß, beide zwei große Biergläser vor sich auf dem Tisch und sichtlich in ein angeregtes Gespräch verwickelt? Sie schaute ein zweites Mal hin. Ja, kein Zweifel, er war es.
Plötzlich war ihr die Lust auf einen Kaffee im Fährhaus vergangen. Wenn Hermann Braun sie sah, würde er womöglich auf sie zukommen und sie begrüßen. Sie könnte ihn natürlich darauf hinweisen, dass sie außerhalb der Sitzungen grundsätzlich keine Kontakte pflegte, aber nach dem Vorfall heute wollte sie ihren Feierabend nicht mit noch einer Begegnung belasten. Und so machte sie auf dem Absatz kehrt, obwohl sie sich zugleich über ihre eigene Feigheit ärgerte. Warum um alles in der Welt räumte sie diesem Mann nur so große Macht ein?
Am Dienstagmorgen fühlte Vera sich unwohl. Sie brauchte eine Weile, bis ihr bewusst wurde, dass dieses grummelnde Gefühl in den Eingeweiden keine körperliche Ursache hatte, sondern es der bevorstehende Besuch von Hermann Braun war, der ihr schwer im Magen lag. Wovor fürchtete sie sich? Ihn mit seiner Aggression zu konfrontieren? Was konnte schlimmstenfalls passieren? Ich muss dringend mit Doktor Grunewald darüber sprechen, dachte sie bei sich. Gleich heute Abend suche ich ihn auf, damit ich endlich erfahre, welchen wunden Punkt dieser Mann bei mir getroffen hat, dass ich ihm wegen seiner geschmacklosen Äußerung am liebsten aus dem Weg gehen würde.
Zehn Minuten vor zehn klingelte es. Vera zuckte regelrecht zusammen. Braun kam normalerweise nie zu früh. Sie atmete zweimal tief durch, dann öffnete sie die Tür. Doch es war nicht Hermann Braun. Vor ihr stand ein fremder Mann in einem grauen Anzug, grauem Hut und ebenso grauem Mantel. Er war schlank und glatt rasiert, sie schätzte ihn auf Anfang dreißig.
»Frau Doktor Albers?«
»Nur Albers, ohne Doktor«, erwiderte sie.
»Mein Name ist Karl Bender, Kriminalpolizei.« Er hielt ihr eine blecherne Marke entgegen, die ihn als Kommissar auswies. »Darf ich reinkommen?«
Was um alles in der Welt wollte die Polizei von ihr? Und dann auch noch die Kriminalpolizei? »Ähm, ich erwarte gleich meinen nächsten Klienten, ich habe eigentlich keine Zeit.«
»Ist Hermann Braun Ihr nächster Klient?«
»Ja«, erwiderte sie erstaunt. »Woher wissen Sie das?«
»Er wird nicht kommen.«
Veras Herz schlug schneller. »Ist ihm etwas passiert?«
»Die genauen Umstände würde ich nur ungern zwischen Tür und Angel erörtern. Also, darf ich reinkommen?«
Vera trat einen Schritt zurück und ließ ihn eintreten.
»Möchten Sie Hut und Mantel ablegen?« Sie wies auf die Garderobe. Der Kommissar nahm die Möglichkeit dankbar an. Dann führte sie ihn in ihr Sprechzimmer, wo sie ihm einen Platz an dem kleinen runden Tisch mit den beiden Korbstühlen anbot. Hier führte sie für gewöhnlich die Vorgespräche mit ihren Klienten, um abzuklären, ob für ihre Störung überhaupt eine Psychoanalyse infrage kam. Kommissar Bender setzte sich und ließ seinen Blick interessiert durch den Raum schweifen.
»Sie haben eine Schwäche für Impressionisten?« Er wies mit dem Kinn in Richtung der Wandbilder.
»Mein Mann hat sie gesammelt. Dies war früher seine Praxis.«
»Ja, Doktor Albers, ich erinnere mich.« Er senkte den Blick. »Es tut mir sehr leid, dass er im Krieg geblieben ist.«
»Danke.« Vera zögerte kurz. »Also, was haben Sie so dringend mit mir zu besprechen, und woher wissen Sie, dass Herr Braun heute nicht kommen wird?«
Der Kommissar räusperte sich. Seine Hände ruhten verschränkt auf dem Tisch. Er hatte manikürte Fingernägel. Auf dem Ringfinger sowie dem kleinen Finger seiner rechten Hand steckte jeweils ein Ehering. Das Zeichen der Witwerschaft. Unwillkürlich warf Vera einen Blick auf ihren eigenen nackten Ringfinger. Viktors Ehering war im Krieg verloren gegangen, und so hatte sie sich entschieden, auch ihren eigenen abzulegen. Der Bund war durch den Tod gelöst.
Sie hätte gern Benders Geschichte ergründet. Er war noch jung, hatte er seine Frau durch einen Unfall oder eine Krankheit verloren? Oder war sie gar im Kindbett verstorben? Bevor sie sich diesen Überlegungen weiter hingeben konnte, rissen seine Worte sie zurück in die Gegenwart.
»Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Hermann Braun gestern tot aufgefunden wurde.«
»O mein Gott!« Mit allem hatte sie gerechnet, aber nicht damit. »Hatte er einen Unfall?«
»Nein, er wurde ermordet. Ein Stich in den Nacken.«
Veras Wangen wurden heiß. »Ermordet? Aber … wer würde so etwas tun?«
»Deshalb bin ich hier. Brauns Onkel hat mir erzählt, dass er sich seit drei Monaten bei Ihnen in Behandlung befindet. Hat er Ihnen gegenüber vielleicht irgendetwas über Feinde berichtet?«
Vera senkte den Blick. »Alles, was er mir berichtet hat, unterliegt der Schweigepflicht.«
»Gewiss. Aber Hermann Braun ist tot. Und sein Mörder läuft noch frei herum. Glauben Sie nicht, dass es auch in seinem Sinne wäre, wenn Sie mir einige Fragen beantworten?«
»Die Schweigepflicht gilt über den Tod hinaus.«
»Das gilt für Ärzte. Sie sind Psychoanalytikerin, nicht wahr?«
»Auch für mich gilt die Schweigepflicht. Ich darf sie nur brechen, wenn dadurch ein Verbrechen verhindert werden kann, aber nicht, um eines aufzuklären.«
»Und was wäre, wenn es sich um keinen Einzelfall handelt?«, fragte Bender. »Wenn der Täter vorhat, weitere Menschen umzubringen? Ein Stich in den Nacken spricht für Heimtücke, es gab keine Kampfspuren. Ein Streit unter Männern mit einer Tötung im Affekt erscheint angesichts der Umstände als ausgeschlossen.«
»Es tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Wegen der Schweigepflicht, oder weil Sie nichts wissen?«
»Beides«, erwiderte sie.
»Nun, vielleicht sollten Sie im Hinterkopf behalten, dass Sie selbst ins Visier des Mörders geraten könnten.«
»Wie kommen Sie denn darauf?«
»Wenn wir nicht wissen, wer der Täter ist, kennen wir seine Motive nicht. Es ist kein Geheimnis, dass Braun bei Ihnen in Behandlung war. Vielleicht fürchtet der Täter, er könnte Ihnen etwas Wichtiges verraten haben. Und dann könnte er versuchen, Sie ebenfalls zum Schweigen zu bringen.«
Vera musterte den Kommissar aufmerksam. Er wich ihrem Blick nicht aus. Seine klaren blauen Augen, die in deutlichem Kontrast zu seinem kurzen dunklen Haar standen, schienen sie regelrecht festzunageln. Er versucht, mir Angst zu machen, dachte sie. Er will mich auf jeden Fall dazu bringen, alles zu offenbaren, was ich weiß. Ist es gerechtfertigt, die Schweigepflicht unter diesen Umständen zu bewahren?
»Ist Ihnen bei seinem letzten Besuch etwas aufgefallen?« Bender fühlte sich von ihrem Zögern anscheinend ermuntert, weiterzufragen.
»Was meinen Sie damit?« Gegenfragen waren immer gut, um Zeit zu gewinnen, vor allem, weil seine Argumentation etwas für sich hatte.
»Nun, hatte er Angst, oder war er unruhig? War irgendetwas anders als sonst?«
Vera senkte den Blick. Sollte sie die Schweigepflicht brechen und von dem ungebührlichen Scherz am Ende der Sitzung erzählen? Strenggenommen war die Sitzung ja schon beendet gewesen.
»Er ist mir immer als ein sehr zurückhaltender, höflicher junger Mann erschienen«, sagte sie also. »Allerdings hat er sich am Sonnabend nach der Sitzung einen Scherz erlaubt, der mein Bild von ihm ins Wanken brachte.«
»Erzählen Sie mir davon.«
Vera nickte und wiederholte das unangenehme Gespräch. Der Kommissar hörte ernst zu, allerdings hatte Vera auf einmal das Gefühl, in seinen Augen ein schalkhaftes Blitzen zu sehen, so als müsse er sich ein Lächeln verkneifen.
»Finden Sie das etwa lustig?«, fragte sie ihn deshalb. Ihre Stimme war wohl strenger, als sie gedacht hatte, denn Bender zuckte unwillkürlich zusammen.
»Nein, natürlich nicht. Es ist eine grobe Unhöflichkeit.« Er räusperte sich. »Und das war alles?«
»Wie ich Ihnen schon eingangs sagte, ich kann Ihnen keine weiteren Auskünfte geben.«
»Weil es da nichts gab oder wegen der Schweigepflicht?«
»Das sagte ich Ihnen ebenfalls schon. Beides.«
Bender nickte. »Gibt es sonst noch etwas, das Sie für wichtig halten?«
»Nein. Es tut mir leid, aber ich kann nichts weiter zu dem Fall beitragen.«
Der Kommissar atmete tief durch. »Vielen Dank, Frau Albers. Sollte Ihnen doch noch etwas einfallen, haben Sie hier meine Karte. Mein Büro ist im Polizeigebäude in der Oberaltenallee im ersten Stock.«
Vera nahm die Karte. Natürlich kannte sie das Polizeihaus, das keine fünf Minuten Fußweg von ihrer Praxis entfernt lag. Sie besuchte oft das Café Mundsburg schräg gegenüber.
Als der Kommissar sich erhob, schoss ihr etwas in den Kopf.
»Warten Sie«, rief sie. »Ich habe Herrn Braun am Sonnabend noch einmal im Uhlenhorster Fährhaus gesehen. Er saß auf der Aussichtsterrasse mit einem dunkel gekleideten Mann, und sie tranken zusammen Bier.«
Bender stockte in der Bewegung und setzte sich wieder.
»Können Sie diesen Mann näher beschreiben?«
»Mir ist vor allem seine dunkle Kleidung aufgefallen, so als wäre er gerade von einer Trauerfeier gekommen. Er hatte einen Schnurrbart.«
»Wissen Sie noch, welche Haarfarbe er hatte?«
»Dunkelblond oder hellbraun. Auf jeden Fall heller als sein Anzug.«
»Und seine Statur?«
»Schwer zu sagen. Durchschnittlich. Nicht besonders dünn, aber auch nicht dick.«
»Athletisch?«
»Das kann sein, aber ich habe ihn ja nur von der Seite gesehen. Als ich Braun erkannte, habe ich darauf verzichtet, ins Fährhaus zu gehen. Ich wollte ihm an diesem Tag nicht noch einmal über den Weg laufen.«
»Hatten Sie Angst vor ihm?«
Diese Frage irritierte Vera. »Warum sollte ich Angst vor ihm haben?«, fragte sie zurück, aber zugleich musste sie sich eingestehen, dass ihr seltsames Unbehagen seit jenem taktlosen Scherz tatsächlich so etwas Ähnliches wie Angst ausgelöst hatte. Dabei hatte Braun ihr nichts getan. Woher also dieses Gefühl? Sie hatte noch nie Angst vor einem ihrer Klienten gehabt.
»Das weiß ich nicht«, erwiderte der Kommissar. »Aber ich finde es bemerkenswert, dass sich eine gestandene Frau lieber zurückzieht, anstatt unbeirrt ein Gasthaus zu betreten. So verhalten sich normalerweise nur Menschen, die Grund zur Vorsicht haben. Hatten Sie einen Grund, vorsichtig zu sein?«
Er fragt mich auf dieselbe Weise wie ich meine Klienten, dachte Vera. Aber er bringt mich zugleich dazu, mich selbst zu hinterfragen.
»Nein«, sagte sie schließlich. »Jedenfalls nicht vor ihm. Aber je länger ich darüber nachdenke, umso mehr fürchte ich mich vor der Erkenntnis, dass ich etwas übersehen habe. Einen Aspekt seiner Persönlichkeit, der möglicherweise jetzt auch eine Rolle bei seinem gewaltsamen Tod spielte.« Noch während sie das sagte, staunte sie über sich selbst. Normalerweise konnte sie ihre Gedanken nur gegenüber Doktor Grunewald so offen und frei äußern.
»Das ist interessant«, sagte der Kommissar. »Könnte es sein, dass er womöglich ein Doppelleben führte?«
»Das wäre eine Spekulation, die über eine normale Zeugenbefragung hinausgeht, finden Sie nicht auch?«
»In der Kriminalistik muss man spekulieren, wenn man gerissenen Tätern auf die Schliche kommen möchte. Ist das in Ihrem Metier nicht so ähnlich? Spekulieren Sie nicht auch, um den verborgenen Geheimnissen der Menschen auf die Spur zu kommen?«
Unwillkürlich musste Vera lächeln. »Da haben Sie aber eine völlig falsche Vorstellung vom Ablauf einer Psychoanalyse. Es geht vielmehr darum, den Klienten zu helfen, ihre Gedanken zu ordnen. Deshalb liegen sie auch entspannt auf der Chaiselongue, ohne mich zu sehen. Ich sitze am Kopfende. Dadurch sind die Menschen freier in ihren Gedanken, sie sollen einfach sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Und ich versuche dann, die Bilder zu sortieren und die richtigen Fragen zu stellen, die den Menschen helfen, ihre Gedanken selbst zu ordnen und die richtigen Lösungen für ihre Probleme zu finden. Manchmal biete ich auch Deutungen an, wenn die Klienten selbst nicht wissen, wie sie Dinge einordnen sollen.«
»Und das haben Sie seit drei Monaten bei Herrn Braun gemacht?«
»Ja.«
»Warum machen Sie sich dann Vorwürfe, dass Sie ihn nicht vollends durchschaut haben?«
Nun musste Vera wirklich lachen. »Sie reden, als wären Sie selbst ein Therapeut. Lernt man das als Kriminalkommissar?«
Er lächelte und wirkte dadurch gleich viel weicher und verletzlicher. Beinahe jungenhaft.
»Es ist eher die Berufserfahrung«, erwiderte er. »Die Anwesenheit eines Polizisten schüchtert die Menschen oft ein. Also ist es wichtig, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen, damit die Zeugen sich sicher fühlen. Vielleicht sollte ich es auch mal mit einer Chaiselongue versuchen.« Sein Lächeln wurde offener.
»Haben Sie denn schon eine Vermutung über Herrn Braun, die Sie bestätigt haben wollen?«, fragte Vera.
»Wenn es so wäre, dürfte ich die nicht mit Ihnen teilen. Auch die Polizei hat eine Schweigepflicht, sie ist zwar nicht gesetzlich festgeschrieben, aber sie ist notwendig, damit der Täter nicht erfährt, was wir schon wissen oder ahnen.«
»Befürchten Sie, ich könnte mich verplappern, oder gehöre ich selbst zum Kreis der Verdächtigen?« Sie meinte es nicht ernst, sondern sah ihn mit einem koketten Augenaufschlag an.
»Es gibt Prinzipien, an die ich mich halte. So wie Sie auch.«
Dieses schelmische Blitzen in seinen Augen irritierte Vera. War es eine Retourkutsche für ihr Schweigen oder ein Angebot, Wissen gegen Wissen zu teilen? Aber so viel wusste sie ja gar nicht.
»Vielen Dank für Ihre Karte«, sagte sie noch einmal. »Ich melde mich bei Ihnen, wenn mir noch etwas einfallen sollte.«
Der Kommissar erhob sich erneut, und Vera begleitete ihn bis zur Wohnungstür.
Nachdem sie ihn verabschiedet hatte, brauchte sie eine Weile, um ihre Gedanken zu ordnen. Hermann Braun war tot. Ermordet. Eigentlich hätte sie darüber erschüttert sein müssen, aber ganz tief in ihrem Innersten verspürte sie eine unangemessene Erleichterung. Und wieder kam ihr die Frage des Kommissars in den Sinn, ob sie Angst vor ihm hatte. Sie musste darüber dringend mit ihrem Mentor sprechen.
Nachdem der Kommissar gegangen war, hatte Vera eine Pause, denn ihre nächste Klientin kam erst in zwei Stunden. Deshalb nutzte sie die Gelegenheit, Doktor Grunewald zu besuchen. Er praktizierte sowohl als Nervenarzt als auch als Analytiker, aber er trennte beides streng und bot nur am Mittwoch und Sonnabend Analysen an. Er war ein begehrter Analytiker, der viel mehr Anfragen als Kapazitäten besaß. Manchmal fragte Vera sich, ob das auch ein Grund gewesen war, warum er ihr zugeraten hatte, selbst Analytikerin zu werden, denn er vermittelte ihr einige seiner Patienten, vor allem solche, von denen er glaubte, dass sie bei einer Frau besser aufgehoben wären. Eine seltene Einstellung unter Psychoanalytikern, glaubten doch die meisten nach wie vor, Frauen wären flatterhafte Wesen, die nicht die notwendige Abstinenz als Analytikerin wahren könnten. Ungeachtet dessen hatte sie sich einen guten Ruf erworben, und die weitaus meisten Klienten stellten sich inzwischen direkt bei ihr vor. So auch Hermann Braun.
Doktor Grunewalds Praxis lag direkt an der Alster, nur zwei Häuser weit entfernt vom prächtigen Hotel Atlantic. Das schöne Wetter lud geradezu ein, die knapp zweieinhalb Kilometer zu Fuß zurückzulegen. An einem Dienstagvormittag sah man hier überwiegend alte Menschen flanieren, die sich ihren Ruhestand redlich verdient hatten, oder Mütter mit kleinen Kindern. Im Alsterschwimmbad waren nur wenige Badegäste, die hier ruhig ihre Bahnen zogen. Der große Lärm würde erst nach Schulschluss losbrechen.
Vera liebte den Weg an der Alster entlang, vor allem wenn der Himmel so blau und wolkenlos wie heute war. Sie betrachtete, wie die Alsterdampfer ihre Runden zogen, nicht nur zum Vergnügen ihrer Passagiere, sondern auch, um die Menschen an ihr Ziel zu bringen. Zurück würde sie wohl auch den Alsterdampfer nehmen, der direkt vor dem Hotel Atlantic eine Anlegestelle hatte und dann bis zur Kuhmühle fuhr. Ein Luxus, den sie sehr genoss, weder die Straßenbahn noch die Hochbahn brachten sie dichter an ihr Zuhause.
Doktor Grunewalds Praxis lag im ersten Stock. Es gab sogar einen Aufzug, aber Vera hatte keine Lust, auf ihn zu warten, und nahm lieber die Treppe. Die Tür zur Praxis war während der Sprechzeiten unverschlossen. Fräulein Hagen, die junge Sprechstundenhilfe, die erst seit wenigen Monaten hier arbeitete, sortierte gerade die Krankenkartei, als Vera an den Tresen trat.
»Guten Tag, Fräulein Hagen. Glauben Sie, dass Doktor Grunewald heute Vormittag kurz Zeit für mich hätte?«
Die junge Frau sah auf. »Guten Tag, Frau Albers. Ja, gewiss. Ich werde ihn gleich fragen. Mögen Sie solange im Wartezimmer Platz nehmen?«
»Vielen Dank, das werde ich.«
In Doktor Grunewalds Wartezimmer saß nur ein Patient. Ein alter Mann mit einem starken Tremor in Händen und Beinen. Er war zu alt, um als Kriegszitterer zu gelten, außerdem passte die Art seines Zitterns nicht dazu. Vermutlich hatten Menschen wie er den Begriff des Tattergreises geprägt, dachte sie bei sich und musste sich ein Lächeln verkneifen. Es war unangemessen, sich über die Leiden anderer zu amüsieren, auch wenn die Wortschöpfung lustig klang.
Um sich abzulenken, griff sie nach einer Ausgabe von Die Woche, die in dem Einband des Lesezirkels auf dem kleinen Tisch im Wartezimmer lag. Viktor hatte früher ebenfalls Zeitschriften beim Lesezirkel für das Wartezimmer bestellt, aber sie hatte den Vertrag nach seinem Tod gekündigt. Da sie immer nur Einzeltermine vergab, mussten ihre Klienten nie lange warten.
Sie hatte die Zeitschrift gerade erst aufgeschlagen, als der alte Mann von Fräulein Hagen aufgerufen wurde. Vera vertiefte sich indes in einen Artikel, in dem es um die Vorzüge des Automobils ging. Für die meisten war es immer noch unerschwinglich, selbst große Speditionen bevorzugten den Pferdewagen. Der Onkel von Hermann Braun hatte allerdings schon einen Lastkraftwagen, einen Benz-Gaggenau, wie Braun ihr in einer der Sitzungen einmal stolz erzählt hatte. Und auch von seiner Scham, da sein Onkel ihm untersagt hatte, das Fahrzeug zu lenken. Er befürchte, sein Neffe könnte den kostbaren Wagen zu Schrott fahren, wenn er im Führerhäuschen einen seiner Zitteranfälle bekäme. Das war der eigentliche Grund gewesen, warum er sich in ihre Behandlung begeben hatte, nachdem er zuvor bei zahlreichen Ärzten gewesen war, die sein Leiden allesamt nicht ernst genommen hatten.
Seufzend legte sie die Zeitschrift zurück auf den Tisch. Ganz gleich, wie sehr sie versuchte, sich abzulenken, ihre Gedanken führten immer wieder zu Hermann Braun. Da war die Erkenntnis, dass sie seine aggressiven Anteile bis dahin übersehen hatte, und nun auch noch der Mord. Hing das eine mit dem anderen zusammen? Und falls ja, hätte sie es verhindern können, wenn sie aufmerksamer gewesen wäre?
Die Tür zum Wartezimmer ging erneut auf, und der alte Mann kam zurück, um seinen Mantel von der Garderobe zu holen. Fräulein Hagen war ihm gefolgt und half ihm beim Anziehen, weil er so sehr zitterte.
»Doktor Grunewald erwartet Sie, Frau Albers«, sagte sie dabei in Veras Richtung. Vera nickte und erhob sich.
Doktor Grunewalds Sprechzimmer bot eine seltsame Mischung aus einem klassischen Arztzimmer und einem Therapieraum. Es gab sowohl eine Untersuchungsliege als auch eine gepolsterte Therapieliege. Am Kopfende der Therapieliege stand ein bequemer Sessel, und er war so ausgerichtet, dass Doktor Grunewald einen freien Blick auf die Außenalster hatte, während er seinen Patienten zuhörte. Ob er wohl auch ab und zu mit seinen Gedanken abschweifte? Darüber hatte sie oft nachgedacht, aber ihn aus Respekt niemals gefragt. Bemerkenswerterweise stand die Liege so, dass die Patienten, sofern sie nicht an die Decke starrten oder die Augen schlossen, direkt auf die Halterung mit dem menschlichen Skelett schauen mussten. Als Vera selbst bei ihm in Behandlung gewesen war, hatte dieses Skelett ihre Blicke jedes Mal magisch angezogen, und sie hatte sich gefragt, woher es wohl stammte. Es waren echte Knochen, die sterblichen Überreste eines wirklichen Menschen. Hatte er seinen Körper zu Lebzeiten der Forschung vermacht, und hätte er es als Ehre angesehen, nun seinen Dienst im Sprechzimmer eines Arztes zu verrichten? Oder waren seine Gebeine von Grabräubern auf dem Friedhof gestohlen und verkauft worden? Vera kannte eine Menge schauriger Geschichten, die sich damit befassten; manche mündeten in Geistergeschichten, in denen der Tote keine Ruhe fand und des Nachts in der Nähe seiner Gebeine spukte. Natürlich war das alles Unsinn, aber einen heimlichen Grusel hatte sie dennoch verspürt. Seltsamerweise verspürte sie heute nichts dergleichen. Das Skelett war einfach nur ein Teil des Mobiliars, nicht mehr und nicht weniger.
»Was kann ich für Sie tun, Frau Kollegin?« Doktor Grunewald lächelte sie väterlich an. Seit sie seinem Rat nachgekommen war und selbst als Psychoanalytikerin arbeitete, nannte er sie stets Frau Kollegin, obwohl sie ja keine richtige Ärztin war und nur Fortbildungen besucht hatte. Ein üblicher Weg, den viele weibliche Analytikerinnen gingen, weil es Frauen nach wie vor schwer gemacht wurde, Medizin zu studieren, und die wenigen, die es taten, widmeten sich dann lieber der Kinder- oder Frauenheilkunde.
»Ich brauche Ihren Rat als Mentor«, begann sie. Und dann erzählte sie ihm, was vorgefallen war, angefangen bei der unangemessenen Bemerkung ihres Klienten bis hin zum Besuch von Kommissar Bender.
Doktor Grunewald hörte ihr gebannt zu. Er schien derart mitzufiebern, dass seine Brillengläser beschlugen.
»Das ist ja eine dolle Geschichte«, sagte er, während er die Brille abnahm, um die Gläser zu putzen. »Ein richtiger Krimi.«
»Was raten Sie mir? Darf ich meine Schweigepflicht brechen, um der Polizei eventuell bei der Suche nach dem Mörder zu helfen?«
»Das ist Ihnen in diesem Fall völlig freigestellt, Frau Albers. Es liegt in Ihrem Ermessen, und Sie müssen ja keine schutzwürdigen Inhalte preisgeben, die dazu geeignet wären, ein schlechtes Licht auf den Klienten zu werfen. Es geht einzig um Details, die zur Ergreifung des Mörders beitragen können.« Er setzte die Brille wieder auf und strich einmal kurz über sein Kinn. Eine Angewohnheit, die aus den Zeiten stammte, als er noch einen Vollbart getragen hatte. Mittlerweile war der dem Rasiermesser zum Opfer gefallen. Fräulein Hagen hatte ihm gesagt, dass er glatt rasiert jünger aussehen würde. Natürlich hatte sie damit recht, aber Vera hatte ihren Mentor nie für eitel gehalten. Oder versuchte er etwa, der jungen Sprechstundenhilfe auch als Mann zu gefallen? Immerhin lag der Tod seiner Frau nun schon zwei Jahre zurück. Unwillkürlich dachte sie wieder an Kommissar Benders Finger mit den beiden Eheringen. Doktor Grunewald hatte seinen Ehering kurz nach dem Tod seiner Frau abgelegt.
»Aber woher soll ich wissen, welche Details wichtig sind?«, fragte sie zurück. »Manchmal sind es ja gerade die Kleinigkeiten, die einem entgehen, wenn man krampfhaft nachdenkt.«
»Ja, das ist wohl wahr«, erwiderte Grunewald. »Aber hat Braun Ihnen denn so schwerwiegende Dinge anvertraut, die dazu geeignet wären, sein Andenken über den Tod hinaus zu schädigen?«
»Nein«, gestand sie. »Und hätte er diese seltsame Bemerkung nicht gemacht, dann würde ich vermutlich gar nicht so viel über ihn nachdenken und wäre einfach nur erschüttert.«
»Warum hat Sie diese Bemerkung denn so verletzt?«
»Darüber denke ich seit Tagen nach. Ich fühlte mich entwertet.«
»Sich selbst oder Ihre Arbeit?«, hakte Grunewald nach.
Vera schluckte. »Er hat mir durch diesen Vergleich das Gefühl gegeben, dass er nicht zwischen meiner Person und meinem Beruf unterscheidet.«
»Weshalb?«
»Weil eine Prostituierte immer eine Prostituierte ist, auch wenn sie ihrer … Tätigkeit gerade nicht nachgeht. Sie ist eine Ausgestoßene. Eine ehrlose Frau, vor der niemand Achtung hat und die nur benutzt wird.«
»Fühlten Sie sich von ihm benutzt?«
Vera holte tief Luft. Der Gedanke war ihr noch gar nicht gekommen. »Nun ja, jetzt, wo Sie fragen. Man könnte natürlich sagen, dass er mich benutzt hat, um sein Wohlbefinden zurückzubekommen. Vielleicht war er enttäuscht, dass die Behandlung noch keine Fortschritte gebracht hat. Und seinen Groll darüber wollte er dann an mir auslassen.«
»Das wäre eine Möglichkeit. Gab es denn in den drei Monaten keine Verbesserung?«
Vera dachte lange nach, bevor sie antwortete.
»Eigentlich ging es in unseren Gesprächen nur am Anfang um das Zittern«, sagte sie dann. »Dass er deswegen nicht den teuren Lastwagen seines Onkels fahren durfte. Sein Onkel hat ihn nicht mehr als ganzen Mann betrachtet. Und dann ging es um die Männlichkeit und wie ein Mann sie definiert.«
»Da kommen wir der Sache also schon näher«, sagte Doktor Grunewald. »Es ging um Männlichkeit. Sie haben mit ihm an der Definition der Männlichkeit gearbeitet. Viele Männer verbinden Männlichkeit ausschließlich mit Sexualität und Dominanz. Genau darum ging es in diesem Vergleich. Er hat Sie gekränkt, aber vermutlich ist das aus seinem Unterbewusstsein heraus geschehen. Er dachte, er macht einen Scherz, in Wirklichkeit erprobte er jedoch eine Art von Männlichkeit. Sie haben mir gesagt, dass er erschrocken wirkte, als Sie daraufhin einen männlichen Analytiker ins Spiel brachten?«
»Ja, in gewisser Weise wirkte er da wie ein Junge, der von seiner Mutter getadelt wird.«
»Das passt«, sagte Grunewald. »Männer kennen drei Archetypen des Weiblichen. Die Mutter, die Ehefrau und die Prostituierte. Als Analytikerin übernehmen Sie in der Übertragung oft eine mütterliche Rolle. Und mir scheint, sein Unbewusstes rebellierte dagegen wie ein halbwüchsiger Junge. Wenn es nicht zu diesem bedauerlichen Tod gekommen wäre, hätten Sie mit ihm daran arbeiten können. Die Loslösung von der Mutterfigur.«
»Wie Sie das sagen, klingt es so einfach.«
»Nun, das ist ja der Vorteil einer Supervision. Ich bin nicht selbst emotional verstrickt. Allerdings bringt uns diese Erkenntnis natürlich auch nicht weiter, was seinen Tod angeht. Obwohl …« Doktor Grunewald schob seine Brille mit dem Zeigefinger etwas höher auf die Nase und ließ seinen Blick aus dem Fenster über die Alster schweifen.
»Möglicherweise hat er auch auf anderen Ebenen versucht, seine Männlichkeit zu definieren und auf eine unpassende Art darzustellen. Wir wissen ja leider nicht besonders viel über die Wunde, die zum Tode führte. Aber ein Stich in den Nacken spricht für Heimtücke. Und wer neigt zur Heimtücke? Jemand, der im offenen Kampf unterlegen gewesen wäre.«
»Denken Sie an eine Frau?«
»Wer weiß das schon. Oder vielleicht geht es in eine ganz andere Richtung. Vielleicht war es ein Knabe? Hat er Ihnen gegenüber jemals etwas über seine Beziehungen erzählt? Hatte er eine Frau oder Verlobte?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Wenn er ein Problem mit der Männlichkeit hatte, sollte man auch die Knabenliebe in Betracht ziehen. Dieses … Leiden ist weitaus häufiger zu beobachten, als man glaubt. Weil darauf Strafe steht, wird diese Form der Liebe jedoch nur im Verborgenen ausgelebt.«
»Das herauszubekommen wird dann wohl die Aufgabe der Polizei sein.«
»Ja, da haben Sie ganz recht. Aber wissen Sie, was ich gerade denke?«
Vera sah ihn erwartungsvoll an, sagte aber nichts.
»Ich denke, Sie sollten noch einmal mit Kommissar Bender sprechen und ihm von unserem Gespräch erzählen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie ihm eine große Hilfe sein könnten, in eine neue Richtung zu ermitteln. Manchmal braucht auch die Polizei einen kleinen Anstoß. In Berlin konsultiert die Kriminalpolizei regelmäßig die Mitglieder der psychoanalytischen Gesellschaft, wenn sie versucht, sich über einen Mord ein Bild zu machen. Und für Sie, meine liebe Frau Albers, wäre es doch eine ganz besondere Möglichkeit, Ihre Position als Analytikerin noch weiter zu festigen. Zeigen Sie es den Männern.« Da war es wieder, dieses väterliche Lächeln.
»Das klingt so, als wollten Sie mich gegen Ihre Geschlechtsgenossen ins Feld schicken«, erwiderte sie ebenfalls lächelnd.
»Nein, im Gegenteil, ich will meinen Geschlechtsgenossen helfen, zu erkennen, wozu Frauen fähig sind. Dieses Jahrhundert, meine Liebe, wird das Jahrhundert der Frauen. Und ein kluger Mann wie ich schlägt sich rechtzeitig auf die richtige Seite.«
Sein Zuspruch, so echt und warmherzig, überzeugte Vera davon, erneut Kontakt zu Kommissar Bender aufzunehmen. Und in gewisser Weise war auch ihre Abenteuerlust geweckt. Sie wollte zu gern wissen, was hinter Hermann Brauns Tod steckte.
Für den Rückweg nahm Vera wie geplant die Alsterfähre. Am Kuhmühlenteich musste sie sich sputen, um noch rechtzeitig vor Frau Schuster ihre Praxis zu erreichen, die sie schon von Weitem an ihrem forschen Schritt erkannte, obwohl es heute gar nicht regnete. Die beiden Frauen kamen gleichzeitig am Hauseingang an.
»Oh, waren Sie auswärts zu Tisch?« Johanna schenkte ihr ein freundliches Lächeln. Eigentlich waren Fragen nach dem privaten Umfeld der Analytikerin nicht angemessen, schließlich bedeutete die therapeutische Abstinenz auch, nichts von sich preiszugeben, um die Analyse nicht zu gefährden. Die Klienten sollten nicht unbewusst versuchen, ihrer Analytikerin zu gefallen. Aber der Grat zwischen unhöflicher Schweigsamkeit und therapeutischer Abstinenz war schmal, und so erwiderte Vera ihr Lächeln. »Ich brauche manchmal frische Luft zwischen zwei Sitzungen.«
»Und dann nehmen Sie den Alsterdampfer?«
»Das haben Sie gesehen?«
»Wenn ich Sie nicht gesehen hätte, bräuchte ich eine Brille. Und wenn dem so wäre, würde ich gewiss nicht zu den eitlen Frauen gehören, die darauf verzichten.«
»Ganz bestimmt nicht«, erwiderte Vera und hielt ihr die Haustür auf. Gemeinsam stiegen sie in den ersten Stock. Vera fiel auf, wie behände Johanna Schuster die Treppen nahm und staunte über so viel überschäumende Vitalität.
Während Johanna im Flur der Praxis ihren kleinen Hut abnahm und anschließend ihren Mantel an die Garderobe hängte, dachte Vera darüber nach, was sie über ihre Klientin bereits wusste. Seit dem frühen Tod ihrer Mutter war der Vater ihre ganze Welt gewesen. Nach dessen Tod hatte sie ein Haus im Hofweg mit vier Wohnungen geerbt, von denen sie drei vermietete, in der vierten lebte sie mit ihrem Mann Willi. Sie hatte ihn im Krieg kennengelernt, als sie nach dem Tod ihres Vaters bei ihrer Tante in München weilte, um dort der Einsamkeit zu entfliehen. Willi war bereits schwer entstellt gewesen, als sie ihm das erste Mal begegnet war, aber das hatte sie nicht abgeschreckt. Sie hatte sich in ihn verliebt und ihn geheiratet, obwohl er völlig mittellos war. Ihre Tante hatte sich darüber sehr aufgeregt, hielt das für eine ihrer Flausen, die ihr von ihrem gutmütigen Vater niemals ausgetrieben worden waren. »Du könntest jeden Mann haben, so hübsch und wohlhabend, wie du bist. Warum willst du dich an diese verunstaltete Monstrosität binden?«, hatte sie immer wieder gesagt.
»Er ist keine Monstrosität, er ist das Opfer eines grausamen Krieges, der ganz andere Monster schafft«, hatte sie erwidert. »Nicht das Äußere erschafft ein Monster, sondern die Handlungen der Menschen. Willi mag gezeichnet sein, aber er ist ein liebenswerter, loyaler Mensch und der beste Mann, den ich mir vorstellen kann.«
Darauf beharrte Johanna in jeder Sitzung. Willi war der beste Mann, der einzige, den sie sich vorstellen konnte. Woher diese bedingungslose Liebe rührte, hatte Vera noch nicht durchschaut. Was faszinierte eine junge Frau an einem Mann, der vom Krieg verunstaltet war und keiner geregelten Arbeit nachging? Nach allem, was sie über Johannas Mann erfahren hatte, verdichtete sich bei ihr immer mehr der Eindruck, er habe sich bei der jungen Frau ins gemachte Nest gesetzt, um von ihren Rücklagen zu leben. Die Vorteile, die es für ihn hatte, mit ihr zu leben, waren klar erkennbar. Aber was hatte Johanna davon? Zu gern hätte sie direkt danach gefragt, aber das war in einer Analyse nicht angemessen. Sie musste warten, bis Johanna selbst so weit war, darüber zu sprechen.
»Ich weiß gar nicht, womit ich heute anfangen soll«, sagte Johanna, als sie auf der Chaiselongue lag.
»Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Sie unsere Sitzungen jedes Mal mit diesem Satz beginnen?«, fragte Vera zurück.
»Ist das schlimm?« Johannas Stimme klang auf einmal wie die eines kleinen Mädchens, das getadelt wird.
»Ist es für Sie wichtig, eine Feststellung umgehend zu bewerten?«, fragte Vera zurück.
Johanna holte tief Luft. »Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich hier immer im Liegen reden muss. Manchmal habe ich das Gefühl, sobald ich mich hinlege, würden mir die Gedanken aus dem Kopf gesaugt, die ich sonst ständig habe. Sobald ich liege, sind sie weg.«
»Und was denken Sie jetzt gerade?«
»Was ich Ihnen erzählen sollte, wenn doch alle Gedanken weg sind und da nur ruhige Leere ist.«
»Sie müssen nicht sofort etwas sagen. Betrachten Sie diese Leere, warten Sie ab, bis sie vergeht. Und dann erzählen Sie mir von dem ersten Bild, das Sie sehen.«
Johanna schloss die Augen, und ihr Atem wurde ruhiger. Einen Moment lang befürchtete Vera schon, ihre Klientin wäre eingeschlafen, aber sie hielt die Stille aus, wollte Johanna den versprochenen Raum geben.
»Ich liege normalerweise nie auf einer Chaiselongue«, sagte sie schließlich. »Das letzte Mal war ich noch ein Kind. Ich meine, bevor ich zu Ihnen kam. Wenn ich als Kind krank war, musste ich nicht allein in meinem Kinderbettchen bleiben. Meine Mutter hat mich dann immer ins Wohnzimmer geholt, wo sie mich mit ihrem eigenen Federbett zudeckte. Sie saß dann oft in ihrem Sessel und strickte. Und immer, wenn sie aufsah, hat sie mich gefragt, ob ich etwas bräuchte. Damals dachte ich, so wie das Federbett meiner Mutter würden sich auch die Wolken im Himmel anfühlen, und die Engel wären genauso aufmerksam wie sie.«
»Das ist eine schöne Erinnerung.«
»Ja, da gab es nur Liebe und Geborgenheit. Aber irgendwann kommt der Tag, an dem wir aus dem Paradies vertrieben werden.« Johanna atmete schwer. »Auf einmal war meine Mutter selbst krank, und dann starb sie. Aber ich war noch zu klein, um ihr eine Wolke im Wohnzimmer zu schaffen und ihr guter Engel zu sein. Sie konnte das Bett bald nicht mehr verlassen und wurde immer dünner und blasser. Ich hatte große Angst, sie würde sich irgendwann ganz auflösen. Doch bevor sie vollends verschwinden konnte, verließ die Seele ihren Körper. Und von dem Tag an waren mein Vater und ich allein. Wir hatten keinen Engel mehr an unserer Seite, uns blieb nur die harte, grausame Einsamkeit.«
»Sie hatten noch einander.«
»Ja, aber mein Vater war oft weg. Er war Oberst der Reichswehr. Ein hoher Offizier, der sich immer einen Sohn gewünscht hatte, aber nun mit einer kleinen Tochter allein zurückgeblieben war.«
»Hat er sie seine Enttäuschung spüren lassen?«
»Nein, im Gegenteil. Er hat mir all das erlaubt, was er auch einem Knaben gestattet hätte. Ich war gern bei den Pferden, und er ließ mir Reitunterricht geben. Nicht im Damensattel, sondern in Hosen, so wie ein Junge. Es war ihm egal, was die Leute sagten, er wollte einfach nur, dass ich glücklich war.«
»Und waren Sie glücklich?«
»Wenn ich auf dem Pferderücken saß und im Galopp den frischen Wind um die Nase spürte, dann war ich glücklich«, bestätigte sie. »Nichts sonst konnte dieses wunderbare Kribbeln in meinem Bauch auslösen wie der schnelle Hufschlag eines Pferdes unter mir. In diesen Augenblicken wusste ich, dass ich alles erreichen konnte. Es gab keine Hindernisse. Ich war unbesiegbar.«
Johanna schwieg, schien noch eine Weile in dieser angenehmen Erinnerung zu schwelgen, und Vera ließ ihr Zeit, wollte sie nicht aus der heilen Welt zurückholen. Das würde Johanna gewiss bald selbst tun, denn irgendeinen Grund musste es ja geben, dass sie sich Hilfe bei einer Psychoanalytikerin gesucht hatte.
Aber in dieser Stunde verharrte Johanna in der Welt der glücklichen Kindheit, auch wenn der Tod der Mutter einen Schatten über dieses Paradies geworfen hatte. Seltsamerweise spürte Vera diesen Schatten nur selten in Johannas Erzählungen. Die Freiheiten, die der Witwer seinem einzigen Kind zugestanden hatte, obwohl es ein Mädchen war, schienen ausreichend gewesen zu sein, um den Schatten zu vertreiben. Zumindest wollte Johanna diesen Eindruck erwecken.
Beschwört sie diese Idylle für sich selbst herauf, oder will sie mir zeigen, wie schön ihr Leben war, fragte sich Vera. Und auf einmal war da wieder dieses Gefühl, dass Johanna ihren Gedanken nicht wirklich freien Lauf ließ, sondern selbst in ihren Erinnerungen die Kontrolle bewahrte. War das der wirkliche Grund, warum sie zu Beginn immer wieder erklärte, dass sie gar nicht wisse, was sie sagen solle? Möglicherweise bedeuteten diese Worte etwas ganz anderes. Womöglich, dass sie gar nicht wisse, was sie sagen dürfe?
Nein, ich muss offen bleiben und mich vor vorschnellen Spekulationen hüten, dachte Vera. Ich spüre, dass da etwas ist, aber irgendwann wird sie es mir von sich aus anvertrauen. Und ich bin bereit, so lange zu warten.
An diesem Nachmittag hatte Vera noch zwei weitere Klienten und anschließend ihre offene Sprechstunde, die sie jeden zweiten Dienstag im Monat abhielt und zu der sich Interessenten an einer Psychoanalyse bei ihr vorstellen konnten. Das waren die einzigen beiden Tage im Monat, an denen sie wirklich Zeitschriften im Wartezimmer hätte brauchen können. Für sie war es jedes Mal anregend, neue Menschen mit ihren Problemen kennenzulernen. Natürlich waren es überwiegend Frauen oder Männer aus gehobenen Schichten, die sich ihre Arbeitszeit einteilen konnten, um mehrmals in der Woche zur Analyse zu kommen. Hermann Braun war auch hier eine Ausnahme gewesen, aber in gewisser Weise war er genauso privilegiert, immerhin gehörte seinem Onkel der Betrieb, in dem er arbeitete. Oder gearbeitet hatte … Sein Tod hatte einiges in ihrer Haltung ihm gegenüber verändert. Er war zum Opfer eines heimtückischen Mordes geworden. Doktor Grunewalds Verdacht, das Opfer könnte schwächer gewesen sein und hätte deshalb zu dieser Methode gegriffen, klang logisch. Aber das bedeutete zugleich, dass er vermutlich jemanden sehr verärgert hatte und dieses kurze Aufblitzen von Aggressionen, das sie bei ihrem letzten Treffen wahrgenommen hatte, häufiger vorgekommen war. Hätte sie das erkennen können? Noch während sie sich diese Frage stellte, wurde ihr bewusst, dass sie sich auf einmal für ihn verantwortlich fühlte, mehr, als es ihre Rolle verlangte. Vielleicht so wie eine Mutter für ihr ungezogenes Kind, das aufgrund mangelnder Erziehung in Schwierigkeiten geraten war? Das passte auch dazu, was Doktor Grunewald gesagt hatte, dass er die Mutterrolle auf sie übertrug. Dadurch hatte Braun sie womöglich fürs Erste vor seinen negativen Gedanken geschützt, aber dann war die Zeit gekommen, in der er sich ablösen wollte, ohne dass sie bereits zum Kern seines Konflikts gekommen waren. War das vielleicht auch ein Grund für sein Verhalten gewesen? Hatte er die Beziehung zu ihr unbewusst zerstören wollen, um seine tiefsten inneren Gedanken und Ängste für sich zu behalten?
Wie auch immer, es war müßig, länger darüber nachzugrübeln, er war tot. Tot … Sie konnte nichts mehr daran ändern.
Sie schob den Gedanken weg und überlegte, wer sich wohl heute vorstellen und um einen ihrer Therapieplätze bewerben würde.
