Die Schweiz, das Gold und die Toten - Jean Ziegler - E-Book

Die Schweiz, das Gold und die Toten E-Book

Jean Ziegler

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Beschreibung

Vor allem amerikanische Geheimdienstberichte offenbaren die Komplizenschaft der Schweizer Geldinstitute mit den Nazis und berichten von den Guthaben der Holocaust-Opfer in Schweizer Bankkellern.
Der Autor trägt mit seinem Aufsehen erregenden Bericht zur Entzauberung der angeblich so korrekten und Neutralen Eidgenossen bei.

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Bas Buch

Der Zweite Weltkrieg ist ein Verbrechen, welches das Gewissen der Welt immer wieder heimsuchen wird. Schweizer Bankiers haben Hitlers Raubgold gehehlert und gewaschen und dem Reich so die kriegswichtigen Rohstoffkäufe ermöglicht.

Ohne die Schweizer Banken wäre der Zweite Weltkrieg früher zu Ende gegangen und Hunderttausende von Menschen wären am Leben geblieben. Astronomische Kriegsgewinne begründeten die internationale Macht der Schweizer Banken. Gleichzeitig wiesen die Berner Behörden an ihren Grenzen Zehntausende jüdischer Flüchtlinge zurück. Viele von ihnen fielen den SS-Schergen in die Hände.

Neue, vor allem amerikanische Geheimdienstberichte offenbaren die helvetische Komplizenschaft mit den Nazis und die Bestände von sogenannten nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern in Schweizer Bankkellern.

Über fünfzig Jahre hat die helvetische Neutralitälslüge gehalten. Jetzt holt die Vergangenheit die Eidgenossen ein.

Der Autor

Jean Ziegler ist Professor für Soziologie an der Universität Genf, assoziierter Professor an der Sorbonne sowie Nationalrat im Parlament der Schweizer Eidgenossenschaft. Er verfaßte zahlreiche Bücher, vor allem über die Dritte Welt, die ihn international bekannt machten. Sein Buch«Die Schweiz wäscht weißer» stand monatelang auf den Bestsellerlisten. 1996 erschien sein Roman«Das Gold von Maniema».

Dieses Buch ist gewidmet

meinem Freund, dem amerikanischen Künstler und Journalisten Andreas Freund, geboren 1925 in Breslau, im Tessin interniert von 1939 bis 1945, gestorben in Paris am 17. November 1996

dem schweizerischen Theologie-Studenten Maurice Bavaud, der 1939 versucht hatte, Adolf Hitler zu töten. Geboren 1916 in Boudry, Kanton Neuenburg, starb Bavaud unter dem Fallbeil im Berliner Zuchthaus Moabit, am 18. Mai 1941, um 6 Uhr morgens.

Inhaltsverzeichnis

Bas BuchDer AutorErster Teil - Die schuldigen Schuldlosen
I. Der helvetische GedächtnisschwundII. Die AbwehrgemeinschaftIII. HybrisIV. Holt die Schuld uns ein?V. Der BetrugVI. Aufklärung
Zweiter Teil - Hitlers Hehler
I. Der bankrotte FührerII. WiderstandIII. Die GoldwaschmaschineIV. Die unheimlichen EidgenossenV. Vorsätzliches Unwissen
Dritter Teil - Die Mörder
I. Raubzug nach DakarII. Das Gold aus den Vernichtungslagern
Vierter Teil - Der Wirtschaftskrieg
I. Die helvetischen Industrielieferungen an den TyrannenII. Die Gegenmaßnahmen der AlliiertenIII. Henry Morgenthau und sein Safe Haven ProgramIV. Neutralität
Fünfter Teil - Der Sieg über die Sieger
I. AbrechnungII. Der Zorn der KrämerIII. Die schuldlosen Schuldigen
Sechster Teil - Die Holocaust-Beute
I. Die gute Seele EuropasII. Abschreckung an der GrenzeIII. Veruntreuung
Epilog - HoffnungAnhangAnmerkungen
Erster Teil: Die schuldigen SchuldlosenZweiter Teil: Hitlers HehlerDritter Teil: Die MörderVierter Teil: Der WirtschaftskriegFünfter Teil: Der Sieg über die SiegerEpilog: Hoffnung
Anmerkung zum politischen System der SchweizDokument 1Dokument 3DanksagungCopyright

Erster Teil

Die schuldigen Schuldlosen

Merke: Es gibt Untaten, über welche kein Gras wächst.

Johann Peter Hebel

I. Der helvetische Gedächtnisschwund

Eine strahlende Herbstsonne steht über dem Genfer See. Rot, gelb und orange glühen die Bäume. Der Himmel ist kristallklar. Die Gipfel der Savoyer Alpen am Südufer glitzern in der Sonne. Neuschnee ist in der Nacht zuvor auf das Vorgebirge des Mont-Blanc-Massivs gefallen. Ich sitze im Schnellzug Genf-Bern der Schweizerischen Bundesbahnen.

Der Zug rollt durch die Rebberge des Lavaux hoch über dem rechten Seeufer. Goldenes Licht spielt in den Reben. Es ist Montag, der 30. September 1996.

Das vergangene Wochenende habe ich mit der Vorbereitung meiner Parlamentsrede verbracht, zahllose Telefonanrufe besorgter Bürgerinnen und Bürger beantwortet und mit zwei Freunden aus einer Genfer Privatbank meine Dokumentation aufgearbeitet. Jetzt versuche ich meine Notizen zu ordnen, ständig abgelenkt von der schwelgerischen Pracht dieser Landschaft.

Auf dem Bundeshaus in Bern weht die große Schweizerfahne: weißes Kreuz auf rotem Feld. Das Parlament der Eidgenossenschaft tagt. Sitzungsbeginn: 14 Uhr 30. Angesagt ist die große Debatte betreffend »nachrichtenlose jüdische Konten« und Nazi-Gold in helvetischen Bankenkellern.

Kaum betrete ich die Wandelhalle, bemerke ich ungewohnte Nervosität. Kolleginnen und Kollegen stehen in Gruppen herum, tuscheln. Journalisten sprechen gereizt in ihr Handtelefon. Einige protestieren mit lauter Stimme. Andere schütteln bloß ungläubig den Kopf. Aufregung überall. Thomas Reimer, ARD-Korrespondent in der Schweiz, murmelt fassungslos: »Das darf doch nicht wahr sein!«

Herr Bigler, Bundesweibel in grüner Uniform mit goldener Kette, kommt auf mich zu. Wir mögen uns. Bigler ist verlegen: »Es tut mir leid, Sie können heute nicht reden. Es gibt keine Debatte.«

Ich traue meinen Ohren nicht: Über das Wochenende hat der Präsident, unterstützt vom Ratsbüro, beschlossen, eine allgemeine Parlamentsdebatte zu unterbinden. Reden dürfen allein Außenminister Flavio Cotti und je ein vorsortierter Sprecher einer jeden parlamentarischen Gruppe. Gewählte Volksvertreterinnen und Volksvertreter müssen schweigen. Ich stürme zur Präsidententribüne hinauf, protestiere heftig.

Jean-François Leuba, Jurist aus Lausanne und Parlamentspräsident, versteht meine Empörung nicht. Tiefes Erstaunen steht in seinem runden Gesicht. Mit vorwurfsvoller Stimme antwortet er mir: »Vous ne voudriez quand-même pas, que nous nous donnions en spectacle devant tous ces étrangers?« (»Sie wollen doch nicht, daß wir uns hier bloßstellen, vor all diesen Ausländern?«)

Tatsächlich. Da sitzen sie, die Feinde: internationale Journalisten.

Das Bundeshaus, ein Prachtbau aus der Zeit der Jahrhundertwende, beherbergt einen riesigen, holzgetäfelten Plenarsaal, der wie ein Amphitheater konstruiert ist: unten die Parlamentarier, Stimmenzähler, Dolmetscher, Sekretärinnen, die Weibel und die Regierung. Hoch darüber, rings herum abgesondert durch schützende Balustraden, die Tribünen für das Publikum, die Presse und die Diplomaten.

Auf den beiden Pressetribünen drängen sich die amerikanischen, englischen, französischen, deutschen Journalisten. Gleich gegenüber dem Fauteuil des Präsidenten, hoch oben auf der Zuschauertribüne, haben ausländische Fernsehgesellschaften Batterien von Kameras, Mikrophonen und Lichtständern aufgebaut.

Oben rechts im Saal, auf der Diplomatentribüne, sitzen, umgeben von ihren Mitarbeitern, der israelische Botschafter Gabriel Padon und Madeleine Kunin, Botschafterin der Vereinigten Staaten. Gebürtig aus einer jüdischen Familie aus Zürich war Kunin nach dem Krieg in die USA ausgewandert.

Jean-François Leuba gleicht einem der Kurienkardinäle, wie Tiepolo sie malte. Sein Leib ist rund, seine Bewegungen flink und gleichzeitig gemessen. Fröhliche, lebhafte Augen blicken aus seinem runzeligen Gesicht. Er strahlt Gelassenheit aus. Und Würde. Er glaubt an die Reinheit der Reinen. Zweifel sind ihm fremd. Leuba stammt aus dem »Pays de Vaud«, dem Kanton Waadt, der seit Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Einmarsch der napoleonischen Truppen 1798 bernisches Untertanengebiet gewesen war. Gehorsam liegt ihm im Blut.

Das eidgenössische Parlament kennt kein Unvereinbarkeitsgesetz. Zahlreiche meiner Kolleginnen und Kollegen verdienen jährlich Hunderttausende von Franken als Verwaltungsräte der Großbanken und der von diesen abhängigen Konzerne.

Sie strahlen stille Zuversicht aus. Kritisiert wird heute nicht – und sonst nicht oft.

Recht hat er, der große Vorsitzende Leuba mit seiner Zensur. Die Journalisten sind selber schuld, wenn es heute keine Debatte geben darf. Ihre Artikel in den vergangenen Wochen waren alles andere als erfreulich.

Im Hamburger Spiegel stand zu lesen (Nr. 38, 1996): »Hitlers willige Hehler – Im Tausch gegen geraubtes Gold finanzierten die Schweizerische Nationalbank und die Bank für Internationalen Zahlungsverkehr die Angriffskriege der Nazis.«

»Räuberhöhle Schweiz« betitelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 26.9.1996 eine Analyse der helvetischen Mithilfe zu den nationalsozialistischen Kriegsverbrechen. Und eine Woche zuvor die gleiche FAZ, ironisch diesmal: »Wenn die Wirklichkeit jeden Schmöker übertrifft ...« Die Zeit schrieb am 13.9.1996 in gewohnt distinguierter Art vom »langen Schatten des Holocaust«, der die Schweiz endlich eingeholt hätte.

Dieselbe Ausgabe von Die Zeit berichtete auch genüßlich von Hitlers eigenem Konto bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, Filiale Bern, wohin seit 1926 bis zum Kriegsende die Tantiemen von »Mein Kampf« flossen, treuhänderisch verwaltet vom SS-Obersturmbannführer Max Amann.

Schlimmer noch gebärdeten sich die Angelsachsen. Von der »Helvetischen Neutralitätslüge« schrieb die New York Times, und im Londoner Evening Standard vom 13.9.1996 stand zu lesen: »Swiss neutrality: just an excuse to get rich.« Im Unterhaus war ein Labour-Abgeordneter aufgestanden und hatte die Eidgenossenschaft als »Paria Europas« beschimpft. Die Financial Times (13.9.1996) höhnte: bisherige Rechtfertigungsversuche der Schweizer Regierung seien bloß eine fieberhafte, aber vergebliche Übung in »damage limitation« (Schadensbegrenzung).

Selbst die einheimische Presse zeigte sich ungewohnt kritisch: Im Hebdo, der wichtigsten Wochenzeitung der französischsprachigen Schweiz, stand zu lesen: »Ohne die Hilfe der Schweiz wäre Deutschland bereits im Oktober 1944 besiegt gewesen ... Die Schweiz hat Nazi-Deutschland tatkräftig unterstützt: indem sie den Nazis die Nord-Süd-Verbindungen durch den Gotthard offenhielt, ihnen große Mengen hochwertigen Präzisionsmaterials, optische Instrumente etc. lieferte und die gestohlenen Vermögenswerte der Nazis weiß wusch, insbesondere durch den Umtausch des geraubten Goldes in nützliche Devisen.«

Auch aus Zürich, der Finanzmetropole des Landes, kamen böse Stimmen. Die Weltwoche (Nr.40, 1996): »Weshalb die Banken im Umgang mit der Vergangenheit versagen: Lemminge vor dem Abgrund.« In derselben Nummer der Weltwoche eine zweite Analyse zum Raubgold und den »nachrichtenlosen Vermögen«, unter dem Titel: »Wie unvergleichlich war die Raffgier der Gnomen?«

Über Vorvergangenes referierte Cash (Nr.39 und Nr.40, 1996), die größte Wirtschaftszeitung der Eidgenossenschaft: »Die Gier kannte keine Grenzen. Noch im März 1945 holte sich die Nationalbank Raubgold aus Deutschland. Mit Hilfe von Bestechung.«  ... Und weiter: »Der Bundesrat [die Regierung] hat gelogen ... Holocaust-Gelder: Parlament getäuscht, vor den Banken gekuscht.« Ein anderer Cash-Titel: »Helvetias Kriegsgewinnler: Ohne die Golddrehscheibe Schweiz wäre der Krieg in Europa viel früher zu Ende gewesen.«

Die mit Abstand größte Schweizer Zeitung ist der Sonntags-Blick. Sie gehört dem Medienkonzern Ringier. Ringier-Generaldirektor und Starkolumnist des Hauses, Frank A. Meyer, schreibt in gewohnt prägnanter Sprache am 22. September 1996: »Die Schweiz hat die vor den Nazis flüchtenden Juden an der Grenze abgewiesen und so in den Tod geschickt. Das Gold, das die Nazis den toten Juden aus den Zähnen brachen, hat die Schweiz willig akzeptiert und gewaschen.«

Wer nährt diese internationale Sturzflut von Enthüllungen? Fanatische Schweizfeinde? Greise Exkommunisten mit einem unbändigen Haß auf die Schweizer Banken? Junge, wirre Linksextremisten, verbissen in ihren Kampf gegen das Kapital?

Nein, fast einzige – aber seit Sommerbeginn 1996 stets sprudelnde - Quelle dieser Dokumentenflut ist die amerikanische Regierung. Die Forscher (»investigators«) der Bankenkommission des amerikanischen Senats und des Jüdischen Weltkongresses gruben und graben in Washingtons Kriegsarchiven jede Menge belastender Dokumente aus. Sie schleusten und schleusen sie mit schöner Regelmäßigkeit in die Weltpresse.

Die Vorgeschichte: New York beherbergt nicht nur die größte jüdische Gemeinde der Welt, hier wohnen auch viele kritische Intellektuelle jeglicher Provenienz. Seit langem schon riefen sie nach einer vollständigen Aufklärung der Nazi-Verbrechen – insbesondere der Wirtschaftsverbrechen. Allen voran zwei New Yorker Parlamentarier nahmen sich der Sache an: der republikanische Senator (und Präsident der Bankenkommission) Alfonse D’Amato und die demokratische Abgeordnete des 14. Distrik (Upper East Side), Carolyn Maloney. Nichts ist wirksamer im amerikanischen politischen System als ein »bi-partisan-plea«, eine von den beiden großen Parteien unterstützte Forderung.

Am 3. Januar 1996 stimmten Repräsentantenhaus und Senat einstimmig einer Resolution zu, die die Offenlegung der gesamten Kriegsvergangenheit verlangt. Ich zitiere Auszüge:

»Während des 104. Kongresses feierten die Amerikaner den 50. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges und das Ende des Holocaust, eine der schlimmsten Tragödien der menschlichen Geschichte.

Es ist wichtig, daß wir alles, soweit möglich, aus dieser schrecklichen Epoche in Erfahrung bringen, um zu verhindern, daß sich eine derartige Katastrophe je wiederholt. Der kalte Krieg ist zu Ende.

Zahlreiche Nationen, inklusive jene der einstigen Sowjetunion, öffnen ihre Archive betreffend die Nazi-Kriegsverbrechen, wie auch Verbrechen, die durch Behörden ihrer eigenen Staaten begangen worden sind.

[ ...]

1996 begehen wir den 30. Jahrestag der Annahme des Freedom of Information Act.

Behörden der amerikanischen Regierung besitzen Informationen über Personen, welche Nazi-Kriegsverbrechen befohlen, angestiftet oder sonstwie unterstützt haben.

Einige dieser Behörden haben bisher routinemäßig den Freedom of Information Act verletzt und es abgelehnt, Informationen über Personen, die Nazi-Kriegsverbrechen begangen haben, herauszugeben.

[ ...]

Es ist legitim, bestimmte Materialien aus Regierungsdossiers nicht zu veröffentlichen, wenn ihre Veröffentlichung auf seriöse und nachweisbare Art die derzeitigen oder zukünftigen Interessen der Landesverteidigung, der Geheimdiensttätigkeit oder der Außenbeziehungen der Vereinigten Staaten gefährden könnten.

Die Veröffentlichung der meisten Informationen betreffend Nazi-Kriegsverbrechen gefährdet nicht die nationalen Interessen der Vereinigten Staaten.

[ ...]

Es ist deshalb der Wille des Kongresses [›The sense of Congress ‹], daß sämtliche Behörden, welche Informationen besitzen über Personen, die verdächtig sind, Nazi-Kriegsverbrechen begangen zu haben, diese der Öffentlichkeit zugänglich machen.«

Unter republikanisch-demokratischem Druck unterschrieb Präsident Clinton den War Crimes Disclosure Act. Dieses Gesetz öffnete nicht nur die letzten Geheimarchive des Zweiten Weltkrieges, es schuf auch einen effizienten Forschungsapparat, bewilligte Stellen und ein Budget. Kurz: Das Gesetz sorgte dafür, daß bisher unveröffentlichte Dokumente über die Nazi-Verbrecher und ihre (willentlichen oder unwillentlichen) Komplizen nicht nur zur wissenschaftlichen Erforschung freigegeben, sondern von der Öffentlichkeit auch tatsächlich zur Kenntnis genommen werden konnten.

Für Clintons Unterschrift unter den War Crimes Disclosure Act liefert Peter Bichsel eine ebenso wichtige wie plausible Erklärung: »Präsident Clinton ist wohl der erste Präsident der Vereinigten Staaten, der kein Konto in Zürich hat.«1

Was die Erkundung der helvetischen Goldwäscherei und der Handels- und Kapitalhilfe an Hitler-Deutschland anbelangt, sind vor allem zwei amerikanische Geheimdienstinstanzen von Wichtigkeit: Henry J. Morgenthau, Finanzminister und persönlicher Freund von Präsident Roosevelt, war der eigentliche Motor der weltweiten Wirtschaftsblockade gegen Hitler. Zusammen mit Churchill (und dem Londoner Ministery for Economic Warfare) organisierte Morgenthau den Wirtschaftskrieg. Er schuf den Economic War Board und den internen Geheimdienst des Finanzministeriums. 1943 organisierte er das Safe Haven Program: den Geheimdienstkrieg gegen deutsche Tarngesellschaften, international tätige deutsche Geschäftsleute und ausländische, vor allem schweizerische Geschäftsanwälte, Treuhänder, Bankiers, welche den Nazis zur Hand gingen.

Die zweite Quelle amerikanischer Geheimdienstdokumente, welche heute Auskunft geben über die Methoden und Wege, mit welchen die Schweiz Hitlers Angriffskriege finanzierte, kommt aus dem sogenannten »Dulles-Network«.

Der schwerreiche, politisch erfahrene Wallstreet-Anwalt Allen Welsh Dulles wurde 1942 vom Chef des Auslandsspionagedienstes OSS (Office of Strategic Services), William J. Donovan, mit der Eröffnung einer Filiale in der Schweiz betraut.

Nach einer abenteuerlichen Reise über die Bahamas, die Azoren, Lissabon, Madrid, Perpignan und Marseille entstieg Dulles im Morgengrauen des 8. November 1942 dem französischen Bummelzug im Bahnhof von Annemasse. Es war der Tag der alliierten Landung in Nordafrika. Hitler reagierte mit der militärischen Besetzung Südfrankreichs. Dulles war der letzte Amerikaner, der (abgesehen von den abgeschossenen und flüchtigen Bomberpiloten) auf dem Landweg die Schweiz erreichte.2

In der Bahnhofsbaracke der französischen Polizei- und Zollbehörden stand bereits die Gestapo. Ein Zöllner, der der Resistance angehörte, half Dulles über die Grenze nach Genf.

In der Berner Altstadt, nahe dem Münster, hoch über der Aare, in der Herrengasse Nummer 23, richtete Dulles seine OSS-Basis ein. Offiziell figurierte er als »special assistant« des amerikanischen Gesandten in der Schweiz.

Dulles war ein Spion der atypischen Sorte: Er suchte nicht die Anonymität, sondern die Popularität. Seine direkten Beziehungen zu William Donovan und Präsident Roosevelt waren bald stadtbekannt.

In der Bar des Hotel Bellevue, im Restaurant Du Theätre, in seinem Büro an der Dufourstraße empfing Dulles jeden und jede. Als international bekannter Wallstreet-Anwalt unterhielt er beste Beziehungen zu den Generaldirektoren der schweizerischen Großbanken, zu den international tätigen Geschäftsleuten, die Rohstoffe für Hitler einkauften, und zu den Zürcher, Basler und Berner Geschäftsanwälten, die weltweit als Strohmänner für die Nazis arbeiteten. Zahlreiche helvetische Bankbeamte, die mit den Geschäftspraktiken ihrer Direktoren nicht einverstanden waren, deponierten regelmäßig ihre Insider-Berichte in der Herrengasse.

Das geheime OSS-Netzwerk dagegen wurde von Dulles erstem Assistenten Gerry Mayer geführt. Dank eines raffinierten Code-Systems, das weder von der Abwehr noch der Gestapo je geknackt wurde, telefonierte Dulles beinahe jede Nacht mit der OSS-Zentrale in Washington.

Zwei außerordentliche Frauen spielten im geheimen Netzwerk eine wichtige Rolle. Beide waren (nacheinander) Geliebte von Dulles. Mary Bancroft, eine junge Intellektuelle aus Massachusetts, die abwechslungsweise in Zürich und Ascona lebte, empfing die Kuriere der französischen Widerstandsorganisationen. Mary Bancroft war Doktorandin beim Zürcher Psychologen Carl Gustav Jung.

Wally Toscanini, Gräfin Castelbarco – Tochter des Dirigenten und Antifaschisten Arturo Toscanini – überwachte die Zahlungen, die Kommunikationsnetze und die Lieferungen in Richtung der norditalienischen Partisanen. Beide Frauen besaßen Charme, Klugheit und einen verwegenen Mut.

Dank den beiden Netzwerken – dem öffentlichen, mondänen Kontaktsystem und der geheimen Spionageorganisation – erwarb Dulles in Rekordzeit genaueste Kunde von fast allen Finanz-, Handels- und Waffentransaktionen der Schweiz mit dem Dritten Reich.

Unter den vielen hundert Menschen, die Dulles Zuträgerdienste leisteten, ist einer von besonderer Bedeutung: der deutsche Vizekonsul und Abwehragent in Zürich, Hans Bernd Gisevius. Von Admiral Canaris mit dem Aufbau der Abwehrbasis in der Schweiz betraut, besaß Gisevius intimste Kenntnis über fast jeden helvetischen Bankier, Anwalt, Waffenhändler, Maschinenindustriellen, Exporteur, Treuhänder etc., der im Dienste der Nazis stand.

Gisevius war ein baumlanger Preuße, elitär und konservativ, ein Reaktionär und ein Snob. Er war ein effizienter Spion. Und er haßte, verachtete Hitler und dessen Kumpane als kulturlose, rohe Gesellen, die Deutschland ins Verderben trieben.

Eines Nachts erschien er in der Herrengasse, unangemeldet, aber betraut mit einem Auftrag des deutschen Abwehrchefs Canaris. Gisevius wollte mit Dulles einen Sonderfrieden zwischen den Alliierten und dem nationalen deutschen Widerstand aushandeln. Roosevelt lehnte ab. Trotzdem blieb Gisevius bis zum Kriegsende für Dulles eine Informationsquelle von unschätzbarem Wert.

Als Dulles sich von Mary Bancroft ab- und der Gräfin Castelbarco zuwandte, wurde die amerikanische Spionin die intime Freundin des Preußen ... und arbeitete weiterhin für Dulles. Sie starb dreiundneunzigjährig am 19. Januar 1997 in New York.

Dank Clintons War Crimes Disclosure Act und der Kongreß-Resolution werden in den nächsten Monaten auch die geheimsten Dokumente aus dem Finanzministerium und den OSS-Archiven an die Öffentlichkeit gelangen.

Kehren wir zurück zum großen Vorsitzenden Leuba. Er übte an jenem 30. September 1996 Zensur nicht nur, weil die Publikumstribünen im Bundeshaus mit »feindlichen Ausländern« garniert waren, sondern noch aus einem anderen, tieferen Grund: Vergangenheitsverdrängung hat Tradition in der Eidgenossenschaft. Freie Rede, schüchterne Kritik gar, war und ist verpönt, besonders wenn helvetische Beihilfe zu nazistischen Kriegsverbrechen zur Sprache zu kommen droht. Einige Beispiele aus der Vergangenheit:

Vom amerikanischen Geheimdienst wurde im April 1946 eine Liste mit 34 Namen von Zürcher Rechtsanwälten veröffentlicht, die angeblich von Nazis geraubte Vermögenswerte und Konten von Holocaust-Opfern verwaltet und sich später angeeignet hatten. Der Zürcher Kantonsrat (das Parlament des Kantons Zürich) setzte eine Untersuchungskommission ein. Diese tagte geheim. Den Vorsitz führte der freisinnige (freidemokratische) Wirtschaftsanwalt Hans Pestalozzi. Er stand selbst auf der amerikanischen Liste.

Im Juni 1949 verlangte der sozialdemokratische Kantonsrat Walther Böckli eine öffentliche Debatte über den Untersuchungsbericht und die Machenschaften der »landesverräterischen, frontistischen und nationalsozialistischen Rechtsanwälte«. Die Zürcher Regierung hielt dagegen und übte stramme Zensur: Die Parlamentsdebatte wurde verboten, kein offenes Wort drang in die ausländische (und Zürcher) Öffentlichkeit.

Auf Geheiß des Obergerichts des Kantons Zürich untersuchte die Aufsichtskommission für Rechtsanwälte neun Fälle (von den 34) »auf Zutrauenswürdigkeit und Ehrenhaftigkeit«. Drei Rechtsanwälten wurde das Patent entzogen. Auch dieses Verfahren blieb geheim.

Ein weiteres Beispiel für den helvetischen Umgang mit der ungemütlichen Vergangenheit: Anfang der achtziger Jahre erschienen in der Weltpresse erste Artikel zum schweizerischen Bankenbanditismus während des Zweiten Weltkriegs. Die Nationalbankdirektion mußte antworten. Ihr Archivar, Robert Urs Vogler, verfaßte einen Bericht unter dem unverdächtigen Titel: »Der Goldverkehr der Schweizerischen Nationalbank mit der Deutschen Reichsbank 1939-1945«.

Der Bericht war äußerst vorsichtig abgefaßt. Die Einleitung liest sich wie folgt: »Zwischen 1939 und 1945 erwarb die Nationalbank von der Deutschen Reichsbank Gold in Milliardenhöhe. Ins Kreuzfeuer der Kritik – vor allem der Alliierten – gerieten diese Transaktionen weniger wegen ihres Umfangs, sondern deshalb, weil bereits während des Krieges der Verdacht bestand, daß das deutsche Gold teilweise aus den von Deutschland besetzten Gebieten stammte und von der Reichsbank unter grobem Verstoß gegen das Völkerrecht requiriert worden war.«3

Robert Urs Vogler ist ein angesehener Wissenschaftler. Sein Bericht war im Prinzip öffentlich. Jedoch: Jede öffentliche Debatte  – sei es in der Presse, sei es im Parlament – wurde erstickt. Die Nationalbankdirektion zensierte den Bericht. Vogler demissionierte von seinem Posten als Archivar.

Ein letztes Beispiel für den obrigkeitlich verordneten Gedächtnisschwund: Ein Pionier der kritischen Geschichtsschreibung der Schweiz für die Epoche 1933-1945 heißt Hans Ulrich Jost. Er ist Professor für neuere Geschichte an der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Lausanne. 1983 veröffentlichte er in einem Sammelband einen Beitrag unter dem unverdächtigen Titel »Menace et repliement 1914-1945« (Bedrohung und Rückzug 1914-1945).4

In diesem fast hundert Seiten starken Beitrag bargen ganze zwei Seiten politischen Sprengstoff. Diese wurden geschrieben, nachdem ein im Bundesarchiv arbeitender Freund von Jost zufällig auf überraschende Dokumente gestoßen war – und Jost alarmiert hatte. Es handelte sich um die folgenden Informationen (nach dem französischen Text zitiert):

»Die Schweiz war jetzt [1940] de facto in den Reichsdeutschen Wirtschaftsraum integriert ... Für die Jahre 1941-1942 schätzt man, daß 60 Prozent der schweizerischen Waffenindustrie, 50 Prozent der optischen Industrie und 40 Prozent der Maschinenindustrie für das Reich arbeiteten ...

Die schweizerischen Industrieexporte ins Reich wurden nicht vollständig durch deutsche Lieferungen abgegolten: die Eidgenossenschaft stellte Berlin Kredite zur Verfügung, sogenannte Kompensationskredite ... Am Ende des Krieges beliefen sich diese Kredite auf 1,119 Milliarden Schweizer Franken ...

Die Schweiz spielte für das Reich eine wichtige Rolle auf dem Goldmarkt. Deutschland brauchte Devisen, um strategische Rohstoffe aufzukaufen, sogar von seinen Alliierten wie Rumänien. Die meisten Staaten, unter ihnen auch die neutralen wie Schweden und Portugal, weigerten sich, das deutsche Gold anzunehmen. Blieb also bloß noch die Schweiz, um mit dem Reich Gold- und Devisengeschäfte zu tätigen.

1943 wurden Goldbestände im Wert von 529 Millionen Schweizer Franken gegen freie Devisen umgetauscht. All das fand statt unter der Kontrolle der Nationalbank und mit der ausdrücklichen Bewilligung des Bundesrates ...«

Jost schreibt weiter:

»Ein guter Teil des deutschen Goldes war Raubgold. Insbesondere Gold, das den Opfern der Konzentrationslager abgenommen wurde. Die schweizerischen Behörden wußten um das Problem des gestohlenen Goldes ... Sie verschanzten sich hinter dem lächerlichen [wörtlich: dérisoire] Argument der schweizerischen Neutralität. Sie glaubten sich gezwungen, dieses Gold annehmen zu müssen, ohne Kritik vorzubringen. Diese Art von Leistungen waren sicher ein Trumpf, der die Existenz der Schweiz gewährleistete ... Lassen wir die Frage offen, ob die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit – die sowieso schon stark reduziert war – sich rechtfertigen läßt durch Handlungen, die moralisch dermaßen zweifelhaft sind.«

Ein Gewitter von Beleidigungen, polizeilichen Ermittlungen, bürokratischen Schikanen, persönlichen Angriffen ging über Jost nieder. Der amtierende eidgenössische Finanzminister Georges-André Chevallaz, selbst ein angesehener Historiker, Die Neue Zürcher Zeitung, kurz alles, was in der Schweiz Rang, Namen und Einfluß hatte, schrie Zeter und Mordio. Jost wurde als Ketzer, als Mensch ohne Scham, als Un-Schweizer gebrandmarkt.

Hans Ulrich Jost sitzt der Schrecken noch heute in den Knochen. Den Redakteuren der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, die ihn im Oktober 1996 zu jener fast dreizehn Jahre zurückliegenden Ächtung befragen, gibt er zu Protokoll: Obschon Professor und dazu noch Oberstleutnant der Luftwaffe mit 2600 Flugstunden, hätte ihn die Bundespolizei überwacht, sein Telefon abgehört und ihn als Staatsfeind verdächtigt.5

Und nun, im September 1996, die abgewürgte Parlamentsdebatte zur helvetischen Komplizenschaft mit Hitler. Abgewürgt mit der präsidialen Begründung, vor Ausländern könne man die nationale Vergangenheit nicht diskutieren.

II. Die Abwehrgemeinschaft

Warum die Unfähigkeit zu trauern? Wieso die konsequente, stetige Verdrängung jeglicher Scham? Warum die ständige Verweigerung jeder Selbstkritik in einem so faszinierenden Land, wo vier große Kulturen seit Jahrhunderten zusammenleben, wo Sprache geehrt und wo Moral, Toleranz und Treue zur Wahrheit hochgehalten werden?

Sind die Eidgenossen Fremdenhasser, Ausländerfeinde, Xenophoben? Rassisten gar? Natürlich nicht. Zwar gibt es in der Schweiz wie überall einige Verrückte, die Hakenkreuze auf Friedhofsmauern malen und Brandsätze in Asylantenheime werfen. Diese wenigen sind ein Problem für die Psychiatrie und die Polizei, nicht für die Politik.

Eine alemannische und drei lateinische Kulturen leben seit Jahrhunderten schlecht und recht auf den 42 000 Quadratkilometern Schweizer Boden zusammen. Als mehr oder weniger freundliche Nachbarn. Warum dann die schweizerische Furcht vor dem Ausland? Der immer wieder durch Volksentscheid bekräftigte Wille zur Isolation? 1986: Volk und Stände verwerfen den UNO-Beitritt der Schweiz. 1992: Die Schweizer stimmen über den Beitritt, beileibe nicht zur Europäischen Union, sondern bloß zum Europäischen Wirtschaftsraum ab. Resultat: nein. Die Schweizer wollen keinerlei institutionelle Beziehungen zu dieser von deutschen Christdemokraten beherrschten Supermacht Europa.

In seinen »Mémoires d’un Européen« stellt Denis de Rougemont fest: »Die Schweiz ist kein Staat – sie ist eine Abwehrgemeinschaft.«6 Das stimmt. Historisch entstand die Eidgenossenschaft durch den langsamen, graduellen, organischen Zusammenschluß von Landschaften, Tälern, reichsfreien Städten, ehemaligen Untertanengebieten und aufständischen Kommunen. Ende des 12. Jahrhunderts begann der eidgenössische Baum zu wachsen. Sechshundert Jahre später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte der Baum seine maximale Höhe erreicht.

In jeder historischen Epoche marschierten die Schweizer gegen den Umzug. Sie machten stets das genaue Gegenteil dessen, was ihre Nachbarvölker unternahmen. Ende des 11. Jahrhunderts entstanden die großen Feudalmonarchien Europas; sie erlebten ihre Blütezeit im 14. und 15. Jahrhundert. Die Eidgenossen dagegen jagten ihre einheimischen oder ausländischen Feudalherren davon und schufen – zuerst im Gotthardmassiv, dann in den Tälern gegen Norden, Osten und Westen – genossenschaftliche Selbstverwaltungsbetriebe. Genauer: Bauernstaaten. Später kam die Verbrüderung mit den aufständischen Kommunen der reichsfreien Städte, mit den Landschaften im Mittelland. Die interne Organisation dieser Sozialformationen war oft grundverschieden: Die direkte Demokratie der Landsgemeinde regierte die Bauernstaaten der Urschweiz. Zünfte oder Patriziat beherrschten die Städte. Während sechs Jahrhunderten war der einzige Zweck der Eidgenossenschaft der wechselseitige Beistand gegen außen, die wechselseitige militärische Hilfe gegen die Angriffe durch die übermächtigen Feudalmonarchien von jenseits des Jura und jenseits des Rheins, gemeinsame Verteidigung lokaler Freiheitsrechte.

Schweizer Ungleichzeitigkeit auch im 19. Jahrhundert. In ganz Europa festigten sich die souveränen, zentralgelenkten Nationalstaaten. Wiederum taten die Eidgenossen genau das Gegenteil: Sie schufen einen Bundesstaat, der vor allem ein Bund und kaum ein Staat ist. Die Verfassung von 1848 – sie gilt noch heute – beläßt entscheidende Souveränitätsrechte bei den Kantonen: Steuerhoheit, Schulwesen, Gerichtsbarkeit und Polizeihoheit etc. Der Bund übt nur jene Kompetenzen aus, welche die Kantone ihm per Verfassung ausdrücklich übertragen. Jeder Kanton hat seine eigene gewählte Regierung, sein Parlament. Ich kenne Kollegen, die sich weigern, für den Nationalrat (das eidgenössische Parlament) zu kandidieren. Sie wollen Kantonsrat (auch Großrat genannt) bleiben, weil nach ihrer Ansicht wirkliche Politik nur in den Kantonen gemacht wird.

Die schweizerische Bundesverfassung beginnt mit den Worten: »Im Namen Gottes des Allmächtigen, die Eidgenossenschaft, im Willen die Allianz zwischen den Eidgenossen zu festigen, die Einheit, die Kraft und die Ehre der schweizerischen Nation zu erhalten und zu befördern, hat folgende Verfassung angenommen ...«

Nation als Allianz zwischen weitgehend autonomen Völkern, von denen jedes seine Sprache, seine Kultur, seine Religion, seine Geschichte besitzt. Eine Eidgenossenschaft eben, deren Einheit nur durch Druck von außen kommt. Eine Genossenschaft zur gemeinsamen Selbstverteidigung.

Ein europäischer Mythos suggeriert, daß die Eidgenossenschaft von ihrer Multikulturalität lebt.

Diese Multikulturalität ist aber eine Fiktion! Es gibt sie nicht. Die großen Hochkulturen des Romantsch, des Französischen, des Alemannischen, des Italienischen koexistieren zwar auf kleinstem Raum nebeneinander. Aber Lichtjahre trennen einen Winzer an den Ufern des Genfer Sees von einem Urner Schafhirten, einen Luganeser Geschäftsanwalt von einem Mönch in Sankt Gallen. Ein Jäger aus dem Bernina-Gebiet ist von einem Basler Chemiearbeiter oder Zürcher Bankangestellten so verschieden wie ein Eskimo von einem Pygmäen.

Der Vielvölkerstaat Schweiz ist eine Illusion. Aus einem doppelten Grund: weil die Völker nicht zusammen, sondern in gegenseitiger Ignoranz (und Toleranz) nebeneinander leben und weil die Schweiz kein Nationalstaat im üblichen Sinne ist. Sie ist eine Abwehrgemeinschaft. Wir brauchen die Ausländer. Sie allein bewahren die Eidgenossenschaft vor dem Auseinanderbrechen. Genauer: Ausländer müssen dämonisiert werden. Wenn sie keine Gefahr mehr darstellen, wer erzeugte dann den Druck von außen, den wir brauchen, um unsere Allianz im Innern zu festigen?

Die Angst vor dem Ausland, vor fremder Kritik entsprechen historischer Logik, immanenter Notwendigkeit.

III. Hybris

Die Schweiz ist dem Zweiten Weltkrieg entgangen dank energischer, schlauer, organisierter Komplizenschaft mit dem Dritten Reich. Von 1940 bis 1945 war die Schweizer Wirtschaft weitgehend in den großdeutschen Wirtschaftsraum integriert. Die Zürcher, Basler und Berner Gnomen waren die Hehler und die Kreditherren Hitlers. Was sind eigentlich Gnomen? Das Grimmsche Wörterbuch gibt eine wunderbar treffende Definition: »zwerghafte Elementargeister der Erde; in der Erde und den Metallen als in ihrem Lebenselement wohnend; Hüter der unterirdischen Schätze«. Vor allem letzteres.

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