Wir lassen sie verhungern - - Jean Ziegler - E-Book

Wir lassen sie verhungern - E-Book

Jean Ziegler

4,8
9,99 €

Beschreibung

Provokant, kritisch, kämpferisch

Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Menschen ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert. Dieser Massenvernichtung von menschlichem Leben begegnet die öffentliche Meinung mit eisiger Gleichgültigkeit – solange die alltäglichen Katastrophen nicht allzu aufdringlich »sichtbar« werden, wie etwa die Hungersnot, die seit Sommer 2011 in fünf Ländern am Horn von Afrika eine tödliche Bedrohung darstellt.

Jean Ziegler verbindet seine Erfahrungen aus acht Jahren als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung mit seinem unermüdlichen Kampf für eine friedliche, gerechte Welt. Er erinnert an die dramatische ungleiche Verteilung von Reichtum, an die strukturelle Gewalt unserer Weltordnung, an Milliardenzocker, die Nahrungsmittel monströs verteuern, und er zeichnet das brutale Bild des Hungers.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 452




Jean Ziegler

WIR LASSEN SIE VERHUNGERN

Die Massenvernichtung in der Dritten Welt

Aus dem Französischen übertragen von Hainer Kober

C. Bertelsmann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe ist 2011 unter dem Titel »Destruction massive. Géopolitique de la faim« bei Éditions du Seuil, Paris, erschienen.

© 2011 by Jean Ziegler

© der deutschsprachigen Ausgabe 2012 by C. Bertelsmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: R·M·E Rosemarie Kreuzer und Carla Nagel

Satz: Uhl+Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-07957-4V002

www.cbertelsmann.de

Gewidmet ist dieses Buch dem Andenken von

Facundo Cabral, ermordet in Guatemala-Stadt

Michel Riquet, S. J.

Didar Fawzy Rossano

Sebastiâo Hoyos

Isabelle Vichniac

Chico Mendes, ermordet in Xapuri, Brasilien

Edmond Kaiser

Resfel Pino Alvarez

Juliano Mer Khamis,

ermordet in Jenin, Palästina

»Und wer von uns verhungert ist,der fiel in einer Schlacht.Und wer von uns gestorben ist,der wurde umgebracht.«

Bertolt Brecht

INHALT

Die Kinder von Saga

ERSTER TEIL

Das Massaker

1. Geographie des Hungers

2. Der unsichtbare Hunger

3. Dauerkrisen

Nachtrag 1: Das Getto von Gaza

Nachtrag 2: Die Hungerflüchtlinge aus Nordkorea

4. Der Weg zum Himmel

5. Gott ist kein Bauer

6. »In der Schweiz hungert doch niemand«

7. Die Noma-Tragödie

ZWEITER TEIL

DAS ERWACHEN DES BEWUSSTSEINS

1. Der Hunger als SchicksalMalthus und die natürliche Auslese

2. Josué de Castro, Epoche eins

3. Hitlers »Hungerplan«

4. Ein Licht in der Nacht: die Vereinten Nationen

5. Josué de Castro, Epoche zwei: Ein sehr lästiger Sarg

DRITTER TEIL

DAS RECHT AUF NAHRUNG UND SEINE FEINDE

1. Die Kreuzritter des Neoliberalismus

2. Die apokalyptischen Reiter

3. Wenn der Freihandel tötet

4. Savonarola am Ufer des Genfer Sees

VIERTER TEIL

DER RUIN DES WFP UND DIE OHNMACHT DER FAO

1. Das Entsetzen eines Milliardärs

2. Der große Sieg des Raubgesindels

3. Die neue Selektion

4. Jalil Jilani und ihre Kinder

5. Dioufs Niederlage

Nachtrag: Der Mord an den irakischen Kindern

FÜNFTER TEIL

DIE GEIER DES »GRÜNEN GOLDES«

1. Die Lüge

2. Die Obsession des Barack Obama

3. Der Fluch des Zuckerrohrs

Nachtrag: Die Hölle von Gujarat

4. Rekolonisierung

SECHSTER TEIL

DIE SPEKULANTEN

1. Die »Tigerhaie«

2. Genf, Welthauptstadt der »Tigerhaie«

3. Raub des Bodens, Widerstand der Verdammten

4. Die westlichen Staaten als Komplizen

Die Hoffnung

Danksagung

Personenregister

Sachregister

Die Kinder von Saga

Ich erinnere mich an einen klaren Tagesanbruch während der Trockenzeit in dem kleinen Dorf Saga, etwa 100 Kilometer südlich von Niamey, im Niger. Die ganze Region ist notleidend. Dabei wirken mehrere Faktoren zusammen: eine Hitze, wie es sie seit Menschengedenken nicht gegeben hat, bis zu 47,5 Grad im Schatten, eine seit zwei Jahren herrschende Dürre, eine schlechte Hirseernte, zur Neige gehende Futtervorräte für das Vieh, eine Überbrückungszeit1 von mehr als vier Monaten und sogar eine Heuschreckenplage. Die Mauern der Hütten aus Banco2, die Strohdächer, die Böden sind glühend heiß. Die Kinder werden von der Malaria, von Fieberanfällen und Schüttelfrost gepeinigt. Menschen und Tiere leiden unter Hunger und Durst.

Ich warte vor dem Ambulatorium der Schwestern der Mutter Teresa. Den Termin hat der Vertreter des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Niamey verabredet.

Drei weiße Gebäude mit Wellblechdächern. Ein Hof mit einem riesigen Affenbrotbaum in der Mitte. Eine Kapelle, Lagerschuppen und rund herum eine Betonmauer mit einem Eisentor.

Ich warte vor dem Tor, inmitten der Menge, von Müttern umgeben.

Der Himmel ist rot. Die große, purpurfarbene Sonnenscheibe schiebt sich langsam über den Horizont.

Vor dem grauen Eisentor drängen sich die Frauen, Angst ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Einige mit hektischen Bewegungen, andere dagegen mit leeren Augen und unendlicher Mutlosigkeit. Alle halten sie ein Kind im Arm, manchmal zwei, mit Lumpen bedeckt. Diese Stoffbündel heben sich im Rhythmus des Atmens. Viele Frauen sind die ganze Nacht gegangen, manche sogar mehrere Tage. Sie kommen aus Dörfern, über die die Heuschrecken hergefallen sind, 30 bis 50 Kilometer entfernt. Offensichtlich sind sie erschöpft. Vor dem hartnäckig verschlossenen Tor können sie sich kaum aufrecht halten. Die kleinen, zum Skelett abgemagerten Geschöpfe, die sie in ihren Armen halten, scheinen ihnen eine unverhältnismäßige Last zu sein. Fliegen umschwirren die Lumpen. Trotz der frühen Stunde ist die Hitze drückend. Ein Hund läuft vorbei und wirbelt eine Staubwolke auf. Schweißgeruch hängt in der Luft.

Dutzende Frauen haben eine oder mehrere Nächte in Löchern verbracht, die sie mit bloßen Händen in den harten Savannenboden gegraben haben. Am Vortag oder am Tag davor zurückgewiesen, versuchen sie an diesem Morgen ihr Glück mit unendlicher Geduld von neuem.

Endlich höre ich Schritte im Hof. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss.

Eine Schwester europäischer Herkunft mit schönen, ernsten Augen erscheint und öffnet das Tor einen Spalt weit. Die Menschentraube gerät in Bewegung, vibriert, drängt nach vorn, klebt am Tor.

Die Schwester nimmt einen Stofffetzen hoch, dann noch einen und noch einen. Mit einem raschen Blick versucht sie, die Kinder herauszufinden, die noch eine Überlebenschance haben.

Leise, in perfektem Hausa, spricht sie zu den verängstigten Müttern. Schließlich werden etwa fünfzehn Kinder und ihre Mütter hereingelassen. Die deutsche Ordensschwester hat Tränen in den Augen. Die etwa hundert Frauen, die an diesem Tag abgewiesen werden, bleiben stumm, würdevoll, aber völlig verzweifelt zurück.

In der Stille bildet sich eine Kolonne. Diese Mütter geben den Kampf auf. Sie gehen wieder in die Savanne. Sie kehren in ihr Dorf zurück, in dem es noch immer keine Nahrung gibt.

Eine kleine Gruppe beschließt, sich nicht von der Stelle zu rühren, in diesen mit ein paar Zweigen oder einem Stück Plastik gegen die Sonne geschützten Löchern auszuharren.

Die nächste Morgendämmerung wird kommen. Ein neuer Tag wird beginnen. Das Tor wird sich wieder einen Spalt und einen Augenblick lang öffnen. Und sie werden abermals ihr Glück versuchen.

Bei den Schwestern der Mutter Teresa in Saga braucht ein Kind, das unter schwerer Unter- und Mangelernährung leidet, höchstens zwölf Tage für seine Genesung. Auf einer Matte liegend, wird es in regelmäßigen Abständen intravenös mit einer Nährlösung versorgt. Unermüdlich verjagt seine fürsorgliche Mutter, im Schneidersitz an seiner Seite, die großen glänzenden Fliegen, die in den Baracken umherschwirren.

Die Schwestern sind freundlich, sanft und rücksichtsvoll. Sie tragen einen Sari und das weiße, mit drei blauen Streifen geschmückte Kopftuch, das durch Mutter Teresa, die in Kalkutta wirkende Gründerin des Ordens der Missionarinnen der Nächstenliebe, bekannt wurde.

Das Alter der Kinder liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Die meisten sind zu Skeletten abgemagert. Unter der Haut zeichnen sich die Knochen ab, und bei einigen sieht man das rötlich-bräunliche Haar und den aufgeblähten Bauch des Kwashiorkor – neben Noma eine der schlimmsten durch Unterernährung hervorgerufenen Krankheiten.

Einige haben die Kraft zu lächeln. Andere liegen zusammengekrümmt und stoßen ein leises, kaum hörbares Röcheln aus.

Über jedem hängt ein Plastikbeutel mit der Infusionslösung, die tropfenweise über einen dünnen Schlauch zur Kanüle in dem kleinen Arm gelangt.

Auf den Matten der drei Baracken sind rund sechzig Kinder in Dauerbehandlung.

»Sie werden fast alle gesund«, informiert mich voller Stolz eine junge Schwester aus Sri Lanka, die die Kinder auf der in der Mitte der Hauptbaracke hängenden Waage täglich wiegt.

Sie bemerkt meinen ungläubigen Blick.

Auf der anderen Seite des Hofs, am Fuß der kleinen weißen Kapelle, sind zahlreiche Gräber zu sehen.

Trotzdem beharrt sie: »In diesem Monat haben wir nur zwölf verloren, im letzten Monat acht.«

Als ich später im Süden durch Maradi komme, wo die Ärzte ohne Grenzen (MSF) gegen die Geißel der schweren Unter- und Mangelernährung im Kindesalter kämpfen, erfahre ich, dass die Sterblichkeitsziffer bei den Schwestern von Saga im Vergleich zum Landesdurchschnitt tatsächlich sehr niedrig ist.

Die Ordensschwestern arbeiten Tag und Nacht. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich einige am Rande vollkommener Erschöpfung befinden.

Sie kennen keine Hierarchie. Jede geht ihrer Aufgabe nach. Keine übt irgendeine Befehlsgewalt aus. Es gibt weder Äbtissin noch Priorin.

Drückende Schwüle herrscht in der Baracke. Das Stromaggregat und die wenigen Ventilatoren, die es betreibt, sind ausgefallen.

Ich gehe in den Hof hinaus. Die Luft flirrt vor Hitze.

Aus der Küche unter freiem Himmel weht der Geruch des Hirsebreis herüber, den eine junge Schwester für das Mittagessen bereitet. Die Mütter der Kinder und die Schwestern sitzen auf den Matten der Mittelbaracke und essen gemeinsam.

Mich blendet das weiße Licht des Sahelmittags.

Unter dem Affenbrotbaum steht eine Bank. Erschöpft sitzt dort die deutsche Schwester, die ich am Morgen gesehen habe. Sie spricht in ihrer Muttersprache mit mir. Die anderen Schwestern sollen sie nicht verstehen. Sie befürchtet, sie zu entmutigen.

»Haben Sie gesehen?« fragt sie mich mit müder Stimme

»Habe ich.«

Sie schweigt, die Arme um ihre Knie geschlungen. Ich frage:

»Ich habe in jeder Baracke leere Matten gesehen … warum haben Sie heute Morgen nicht mehr Mütter und Kinder hereingelassen?«

»Die Infusionsbeutel sind teuer«, sagt sie. »Niamey ist weit. Und dann die schlechten Straßen. Die Lastwagenfahrer verlangen horrende Transportgebühren … Unsere Mittel sind begrenzt.«

Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts.

Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert …

In ihrem augenblicklichen Zustand könnte die Weltlandwirtschaft problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren, was gegenwärtig fast der doppelten Weltbevölkerung entspräche.

Insofern ist die Situation alles andere als unabwendbar.

Ein Kind, das am Hunger stirbt, wird ermordet.

Dieser Massenvernichtung begegnet die öffentliche Meinung des Westens mit eisiger Gleichgültigkeit. Allenfalls reagiert sie mit zerstreuter Aufmerksamkeit, wenn die Katastrophen besonders »sichtbar« werden – wie die Hungersnot, die seit dem Sommer 2011 für mehr als zwölf Millionen Menschen in fünf Ländern am Horn von Afrika eine tödliche Bedrohung darstellt.

Gestützt auf zahlreiche Statistiken, Diagramme, Berichte, Resolutionen und andere sorgfältige Studien der Vereinten Nationen, der UN-Sonderorganisationen, anderer Forschungsinstitute, aber auch etlicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs), widme ich mich im ersten Teil des Buchs der Aufgabe, die Katastrophe zu beschreiben, das Ausmaß der Massenvernichtung zu bestimmen.

Fast ein Drittel der 56 Millionen zivilen und militärischen Toten während des Zweiten Weltkriegs gehen auf das Konto des Hungers und seiner unmittelbaren Folgen.

1942/43 ist fast die Hälfte der weißrussischen Bevölkerung an der von den Nazis organisierten Hungersnot zugrunde gegangen.3 In ganz Europa starben Millionen Kinder, Männer und Frauen an Unterernährung, Tuberkulose und Anämie. In den Kirchen von Amsterdam, Rotterdam, Den Haag stapelten sich im Winter 1944/45 die Särge der Hungertoten.4 In Polen und Norwegen aßen die Menschen Ratten und Baumrinde,5 um zu überleben. Viele starben.

Wie die biblische Heuschreckenplage sind die Nazi-Plünderer über die besetzten Länder hergefallen und haben Lebensmittelvorräte, Ernten, Vieh beschlagnahmt.

Für die KZ-Häftlinge hatte Adolf Hitler, noch bevor er mit der systematischen Vernichtung der Juden und Zigeuner begann, einen Hungerplan entwickelt, der den Zweck hatte, durch vorsätzlichen und andauernden Nahrungsentzug eine möglichst große Zahl von Häftlingen zu vernichten.

Doch die kollektive Leidenserfahrung der hungernden europäischen Völker hatte in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch positive Folgen. Plötzlich erlebten bedeutende Forscher – geduldige Propheten, auf die zuvor niemand oder fast niemand gehört hatte –, dass ihre Bücher zu Hunderttausenden verkauft und in viele Sprachen übersetzt wurden.

Einer der bekanntesten Vertreter dieser Bewegung ist Josué Apolônio de Castro, ein Arzt europäisch-indianischer Herkunft aus dem verarmten Nordosten Brasiliens, dessen Buch Geopolitik des Hungers aus dem Jahr 1951 (deutsch 1973) in der ganzen Welt gelesen wurde. Später haben auch andere – Angehörige einer jüngeren Generation und verschiedener Nationen – das Kollektivbewusstsein des Westens nachhaltig beeinflusst: Tibor Mende, René Dumont, Abbé Pierre und andere.

Die im Juni 1945 geschaffene Organisation der Vereinten Nationen (UNO) gründete schon bald die Food and Agricultural Organization (FAO, Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) und, etwas später, das World Food Programme (WFP, Welternährungsprogramm).

1946 begann die UNO ihren ersten weltweiten Feldzug gegen den Hunger.

Am 10. Dezember 1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Pariser Palais de Chaillot die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die in Artikel 25 das Recht auf Nahrung feststellt.

Im zweiten Teil des vorliegenden Buchs geht es um die Bedeutung dieses bemerkenswerten Augenblicks – das Erwachen des westlichen Gewissens.

Doch leider war es nur ein sehr kurzer Augenblick. Innerhalb des Systems der Vereinten Nationen, aber auch innerhalb zahlreicher Mitgliedstaaten gab es (und gibt es) mächtige Feinde des Rechts auf Nahrung.

Der dritte Teil des Buchs entlarvt sie.

Ohne ausreichende Mittel für den Kampf gegen den Hunger fristen FAO und WFP unter schwierigsten Bedingungen ihr Dasein. Während es dem WPF heute mehr schlecht als recht gelingt, einen Teil der Nahrungshilfe zu leisten, deren die notleidenden Bevölkerungen dringend bedürfen, ist die FAO beinahe am Ende. Der vierte Teil des Buchs legt die Gründe für diesen Niedergang dar.

Seit kurzem werden die hungernden Völker der südlichen Hemisphäre von neuen Geißeln heimgesucht: Landraub durch Biotreibstoff-Trusts und Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel.

Die erdumspannende Macht der transkontinentalen Agrokonzerne und der Hedgefonds – der Fonds, die auf Nahrungsmittelpreise spekulieren – übersteigt die der Nationalstaaten und aller zwischenstaatlichen Organisationen. In den Führungsetagen dieser Unternehmen wird über Leben und Tod der Bewohner unseres Planeten entschieden.

Der fünfte und sechste Teil des Buchs widmet sich der Frage, warum und wie es kommt, dass sich heute die Profitwut, die Geldgier, die grenzenlose Habsucht der räuberischen Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals in der öffentlichen Meinung und den Bewertungen der Regierungen gegen alle anderen Erwägungen durchsetzen und damit die weltweite Mobilisierung des Widerstands behindern.

Ich war der erste UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Mit Hilfe meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, junger Männer und Frauen von außergewöhnlicher Kompetenz und Hingabe, habe ich dieses Mandat acht Jahre lang wahrgenommen. Ohne diese jungen Akademiker wäre das nicht möglich gewesen.6 Das vorliegende Buch lebt von diesen acht Jahren gemeinsamer Erfahrungen und Kämpfe.

Häufig beziehe ich mich auf Dienstreisen in die Hungergebiete der Welt – Indien, Niger, Bangladesch, Mongolei, Guatemala und so fort. Unsere Berichte von damals zeigen mit aller Deutlichkeit, welche Verheerungen der Hunger unter den Bevölkerungen dieser besonders betroffenen Gebiete anrichtet. Sie enthüllen auch, wer für diese Massenvernichtung verantwortlich ist.

Aber man hat uns das Leben nicht immer leicht gemacht.

Mary Robinson ist ehemalige Staatspräsidentin der Republik Irland und ehemalige Hochkommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen. Dieser eleganten und hochintelligenten Frau mit den schönen grünen Augen können nur wenige UN-Bürokraten den ihr eigenen, grimmigen Humor verzeihen.

2009 haben im Genfer Palais de Nations, dem Hauptsitz der Vereinten Nationen in Europa, 9923 internationale Konferenzen, Expertentreffen, Sitzungen multilateraler Verhandlungen stattgefunden.7 2010 und 2011 war die Zahl noch größer. Bei vielen dieser Zusammenkünfte ging es um die Menschenrechte, vor allem um das Recht auf Nahrung.

Während ihres Mandats hatte Mary Robinson für die meisten dieser Zusammenkünfte wenig übrig. Allzu häufig, meinte sie, ähnelten sie dem Choral Singing. Der Begriff ist fast unübersetzbar: Er bezeichnet den alten irischen Brauch dörflicher Chöre, die am Ersten Weihnachtstag von Haus zu Haus ziehen und die immer gleichen eintönigen und naiven Liedchen singen.

Es gibt nämlich Hunderte von Bestimmungen des internationalen Rechts, von zwischenstaatlichen Institutionen, Nichtregierungsorganisationen, deren Daseinszweck die Eindämmung von Hunger und Mangelernährung ist.

Tatsächlich betätigen sich auf allen Kontinenten Tausende von Diplomaten das ganze Jahr hindurch als Choral Singer in Sachen Menschenrechte, ohne dass sich jemals das Geringste im Leben der Opfer verändert. Warum ist das so?

Ich vermag nicht zu sagen, wie oft ich in Diskussionen im Anschluss an meine Vorträge in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien Einwände hörte wie etwa: »Würden die Afrikaner nicht so hemmungslos Kinder in die Welt setzen, hätten sie auch weniger Hunger!«

Die Ideen von Thomas Malthus sterben eben nicht aus.

Und was ist von den Verantwortlichen zu halten? Den Herren der Nahrungsmittelkonzerne, den gewichtigen Führern der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds (IWF), den westlichen Diplomaten, den Spekulationshaien und den Geiern des »grünen Goldes«, die behaupten, der Hunger sei ein natürliches Phänomen, das nur von einem total liberalisierten und privatisierten Weltmarkt besiegt werden könne? Der schaffe zwangsläufig Reichtümer, in deren Genuss dann ganz von alleine auch die vielen Millionen Hungernden kämen …

In Shakespeares gleichnamigem Stück äußert König Lear eine pessimistische Weltsicht. Zum Grafen von Gloucester sagt er, sich auf den elenden Zustand der Welt (wretched world)beziehend: »Kann man doch sehn, wie es in der Welt hergeht ohne Augen« (a man may see how this world goes with no eyes).8 König Lear irrt. Alles Bewusstsein ist vermittelt. Die Welt ist nicht »selbstevident«, sie gibt dem Auge nicht unmittelbar preis, wie sie wirklich ist – selbst dem gesunden Auge nicht.

Die Ideologien verschleiern die Wirklichkeit. Und das Verbrechen breitet sich im Schutz dieser Tarnung aus.

Die deutschen Marxisten der Frankfurter Schule – Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse, Walter Benjamin –, aber auch Ernst Bloch haben viel nachgedacht über die vermittelte Wahrnehmung der Wirklichkeit durch den Einzelnen und die Prozesse, kraft derer das subjektive Bewusstsein durch die Doxa eines sich immer aggressiver und autoritärer gebärdenden Kapitalismus entfremdet wird. Sie haben beschrieben, wie sich die herrschende kapitalistische Ideologie auswirkt, das heißt, wie sie den Menschen von Kindheit an dazu bringt, sein Leben freiwillig ihm weit entrückten Zwecken – insbesondere der Warenproduktion – unterzuordnen, und ihm auf diese Weise die Möglichkeit persönlicher Autonomie nimmt, durch die sich Freiheit manifestiert.

Einige dieser Philosophen sprechen von einer »doppelten Geschichte«: auf der einen Seite die sichtbare, alltägliche Ereignisgeschichte und auf der anderen die unsichtbare Geschichte des Bewusstseins. Wie sie zeigen, wird das Bewusstsein von der Hoffnung auf die Geschichte, den Geist der Utopie, den aktiven Glauben an die Freiheit beeinflusst. Diese Hoffnung besitzt eine weltlich-eschatologische Dimension. Sie speist eine Untergrundgeschichte, die der real existierenden Gerechtigkeit eine einklagbare Gerechtigkeit entgegensetzt.

Horkheimer schreibt, »dass nicht nur der unvermittelte Zwang diese Ordnung jeweils aufrechterhalten hat, sondern dass die Menschen selbst sie bejahen lernten.«9 Um die Wirklichkeit zu verändern, die Freiheit im Menschen zu befreien, müssen wir wieder an dieses »antizipierende Bewusstsein« anknüpfen,10 diese historische Kraft, die Utopie heißt, Revolution.

Das eschatologische Bewusstsein macht Fortschritte. Vor allem in den weltbeherrschenden Gesellschaften des Westens werden immer mehr Frauen und Männer zu Aufständischen, die gegen die neoliberale Doxa von der Unausweichlichkeit des Massensterbens kämpfen. Dabei zeigt sich eines immer deutlicher: Der Hunger ist das Werk von Menschen und kann von Menschen besiegt werden.

Bleibt die Frage: Wie erschlagen wir das Ungeheuer?

Vorsätzlich totgeschwiegen von der öffentlichen Meinung des Westens, erwachen in der ländlichen Bevölkerung der südlichen Hemisphäre vor aller Augen revolutionäre Kräfte. Transnationale Bauerngewerkschaften, Zusammenschlüsse von Landwirten und Viehzüchtern, kämpfen gegen die Geier des »grünen Goldes« und die Spekulanten, die ihnen ihr Land stehlen wollen. Zugleich verweigern immer mehr Menschen im Herzen der Herrschaftsgesellschaften den neoliberalen Wahnideen ihre Gefolgschaft und stellen sich der kannibalischen Weltordnung entgegen.

Im Epilog komme ich zurück auf diese Kämpfe und die Hoffnung, die sie nähren. Und auf unsere Pflicht, sie zu unterstützen.

1 Als Überbrückungszeit bezeichnet man die Periode, die zwischen dem Aufbrauchen der letzten Ernte und der neuen Ernte liegt – ein Zeitraum, in dem die Bauern Lebensmittel auf dem Markt kaufen müssen.

2 Ziegelsteine aus einer Mischung von Lehm, sandigem Laterit und Kuhfladen.

3 Timothy Snyder, Bloodland, New York, Basic Books, 2010.

4 Max Nord, Amsterdam timjens den Hongerwinter, Amsterdam, 1947.

5 Else Margrete Roed, »The food situation in Norway«, Journal of American Dietetic Association, New York, Dezember 1943.

6 Unter anderen Sally-Anne Way, Claire Mahon, Ioana Cismas und Christophe Golay. Unsere Website: www.rightfood.org. Vgl. auch Jean Ziegler, Christophe Golay, Claire Mahon, Sally-Anne Way, The Fight for the Right to Food. Lessons Learned, London, Éditions Polgrave, Mac Millan, 2011.

7 Blaise Lempen, Laboratoire du XXIe siècle, Genf, Éditions Georg, 2010.

8 König Lear, 4. Aufzug, 6. Szene.

9 Max Horkheimer, Traditionelle und kritischeTheorie, Frankfurt am Main, S. Fischer 1992, S. 145.

10 Diesem widmet sich Ernst Bloch im zweiten Teil seines Buches Das Prinzip Hoffnung.

ERSTER TEIL

Das Massaker

1

Geographie des Hungers

Das Recht auf Nahrung, wie es sich aus Artikel 11 des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte11 ergibt, ist folgendermaßen definiert:

»Das Recht auf Nahrung ist das Recht, unmittelbar oder durch finanzielle Mittel einen regelmäßigen, dauerhaften und freien Zugang zu einer qualitativ und quantitativ ausreichenden Nahrung zu haben, die den kulturellen Traditionen des Volkes entspricht, dem der Verbraucher angehört, und die ein physisches und psychisches, individuelles und kollektives, befriedigendes und menschenwürdiges Leben ermöglicht, das frei ist von Angst.«

Von allen Menschenrechten ist das Recht auf Nahrung dasjenige, welches auf unserem Planeten sicherlich am häufigsten, am zynischsten und am brutalsten verletzt wird.

Der Hunger ist ein organisiertes Verbrechen.

In der Bibel steht zu lesen: »Der Arme hat nichts denn ein wenig Brot; wer ihn darum bringt, der ist ein Mörder. Wer einem seine Nahrung nimmt, der tötet seinen Nächsten. Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht gibt, der ist ein Bluthund.«12

Nach Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO / Food and Agriculture Organization) belief sich die Zahl der permanent schwerst unterernährten Menschen 2010 auf 925 Millionen, gegenüber 1023 Millionen im Jahr 2009. Fast eine Milliarde der 7 Milliarden Menschen, die den Planeten bevölkern, leidet also dauerhaft Hunger.

Der Hunger ist ein recht einfaches Phänomen.

Nahrung (oder Lebensmittel), egal, ob pflanzlichen oder tierischen (manchmal auch mineralischen) Ursprungs, wird von Lebewesen zu energetischen oder nutritionellen Zwecken verzehrt. Flüssige Elemente (darunter auch Wasser mineralischen Ursprungs), mit anderen Worten, Getränke (im Fall von Suppen, Soßen etc. zur Nahrung gezählt), werden aus dem gleichen Grund aufgenommen. Aus einer Vielzahl dieser Elemente besteht das, was wir Nahrung nennen.

Nahrung liefert die Lebensenergie des Menschen. Die Einheit, in der diese Energie gemessen wird, ist die Kilokalorie. Mit ihr lässt sich die für die Wiederherstellung des Körpers erforderliche Energiemenge messen. Eine unzulängliche Energiezufuhr, ein Kalorienmangel, bewirkt erst Hunger und dann den Tod.

Der Kalorienbedarf verändert sich mit dem Alter: 700 Kilokalorien pro Tag für einen Säugling, 1000 für ein Kleinkind zwischen ein und zwei Jahren, 1600 für ein Kind von fünf Jahren. Die Bedürfnisse des Erwachsenen betragen je nach dem Klima, in dem er lebt, und der Schwere der Arbeit, die er verrichtet, zwischen 2000 und 2700 Kilokalorien am Tag.

Für Erwachsene hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Existenzminimum von 2200 Kilokalorien festgesetzt. Darunter kann der Erwachsene seine Lebenskraft nicht mehr ausreichend wiederherstellen.

Der Hungertod ist qualvoll. Der Todeskampf ist lang und verursacht unerträgliche Schmerzen. Er führt zu einer langsamen Zerstörung des Körpers, aber auch der Psyche. Angst, Verzweiflung und ein panisches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit begleiten den körperlichen Verfall.

Schwere, permanente Unterernährung bewirkt heftiges und schmerzhaftes körperliches Leiden. Der Betroffene wird antriebslos und büßt nach und nach seine geistigen und motorischen Fähigkeiten ein. Soziale Ausgrenzung, Verlust der wirtschaftlichen Selbständigkeit und, natürlich, Dauerarbeitslosigkeit infolge der Unfähigkeit, einer regelmäßigen Arbeit nachzugehen, sind die Folgen. Am Ende wartet unvermeidlich der Tod.

Der Todeskampf des Hungernden weist fünf Stadien auf.

Von seltenen Ausnahmen abgesehen, kann ein Mensch normalerweise drei Minuten leben, ohne zu atmen, drei Tage, ohne zu trinken, drei Wochen, ohne zu essen. Mehr nicht. Dann beginnt der körperliche Verfall.

Bei unterernährten Kindern kündigt sich der Todeskampf sehr viel früher an. Zunächst verbraucht der Körper seine Reserven an Zucker und dann an Fett. Die Kinder werden lethargisch. Sie verlieren rapide an Gewicht. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Wie kleine Tiere rollen sie sich im Staub zusammen. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod.

Beim Menschen bilden sich die Gehirnzellen bis zum fünften Lebensjahr. Erhält das Kind während dieser Zeit keine angemessene, ausreichende und regelmäßige Nahrung, bleibt es sein Leben lang ein Krüppel.

Muss hingegen ein Erwachsener über einen längeren Zeitraum auf Nahrung verzichten, weil er zum Beispiel bei einer Sahara-Durchquerung eine Autopanne hat, und wird er erst im letzten Augenblick gerettet, kann er sein normales Leben ohne Schwierigkeiten wieder aufnehmen. Eine unter ärztlicher Aufsicht durchgeführte intravenöse »Realimentation« bringt ihn wieder in den Vollbesitz seiner körperlichen und geistigen Kräfte.

Ganz anders, wenn einem Kind unter fünf Jahren angemessene und ausreichende Nahrung vorenthalten wird. Selbst wenn ihm im späteren Leben eine Reihe märchenhaft günstiger Umstände zuteil werden – wenn sein Vater Arbeit findet, es von einer liebevollen Familie adoptiert wird und so fort – ist sein Schicksal besiegelt. Sein frühkindliches Stigma, die hirnorganische Schädigung, bleibt ihm ein Leben lang erhalten. Keine therapeutische Realimentation kann ihm ein normales, befriedigendes und würdevolles Leben verschaffen.

In sehr vielen Fällen verursacht Unterernährung sogenannte Hungerkrankheiten: Noma, Kwashiorkor etc. Außerdem führt sie zu einer gefährlichen Schwächung der Immunabwehr ihrer Opfer.

In seiner umfassenden Aids-Erhebung zeigt Peter Piot, dass Millionen Erkrankte, die an Aids sterben, gerettet werden könnten – oder zumindest mehr Widerstandskraft gegen die Geißel erwerben könnten –, wenn sie Zugang zu regelmäßiger und ausreichender Nahrung hätten. Piot: »Regelmäßige und angemessene Nahrung bildet die erste Verteidigungslinie gegen Aids.«13

In der Schweiz liegt – Männer und Frauen zusammengefasst – die Lebenserwartung bei der Geburt etwas über 83 Jahre. In Frankreich bei 82 Jahren. In Swasiland, einem kleinen, von Aids und Hunger verwüsteten Königreich im Süden Afrikas, beträgt sie 32 Jahre.14

Der Fluch des Hungers reproduziert sich biologisch. Jahr für Jahr bringen unterernährte Frauen Millionen Kinder zur Welt, die von Geburt an verurteilt sind. Der Mangel hat diese kleinen Geschöpfe vom ersten Tag ihres Lebens an fest im Griff. Schon während der Schwangerschaft überträgt die Mutter diesen Fluch auf ihr Kind. Die pränatale Unterernährung verursacht dauerhafte Invalidität, Hirnschädigungen, motorische Behinderungen.

Eine hungernde Mutter kann ihren Säugling nicht stillen. Sie verfügt auch nicht über die Mittel, um Milchersatzstoffe zu erwerben.

In den Ländern des Südens sterben jährlich über 500000 Mütter bei der Geburt, die meisten wegen längeren Nahrungsentzugs während der Schwangerschaft.

Der Hunger ist mit Abstand der Hauptgrund für Tod und Verlust auf unserem Planeten. Jährlich verliert die Menschheit im Durchschnitt ein Prozent ihrer Substanz. Im Jahr sterben also rund 70 Millionen Menschen, davon 18 Millionen durch Hunger und Unterernährung.

Auf welche Weise ermittelt die FAO diese Hungerdaten?

Den Analytikern, Statistikern und Mathematikern der Organisation wird generell eine hohe Kompetenz bescheinigt. Das Modell, das sie bereits 1971 entwickelten und seither Jahr für Jahr verfeinern, ist außerordentlich kompliziert.15

Auf einem Planeten, der von 7 Milliarden Menschen bewohnt wird und in 194 Staaten unterteilt ist, lassen sich keine Einzelerhebungen durchführen. Daher bedienen sich Statistiker einer indirekten Methode, die ich hier absichtlich vereinfache.

Erster Schritt: Für jedes Land erfassen sie die Nahrungsproduktion sowie den Import und Export von Lebensmitteln, wobei sie in jedem Fall den Kaloriengehalt festhalten. Beispielsweise zeigt sich, dass Indien zwar fast die Hälfte aller schwer und permanent unterernährten Menschen der Welt aufweist, in manchen Jahren aber trotzdem Hunderttausende Tonnen Getreide exportiert. So belief sich die Gesamtmenge dieser Exporte von Juni 2002 bis November 2003 auf 17 Millionen Tonnen.

Auf diese Weise erhält die FAO (die UN-Organisation für Ernährung, Landwirtschaft, Fischerei und Forstwesen) die in jedem Land zur Verfügung stehende Kalorienmenge.

Zweiter Schritt: Die Statistiker ermitteln für jedes Land die demographische und soziologische Struktur der Bevölkerung. Wie erwähnt, verändert sich der Kalorienbedarf mit der Altersklasse. Eine weitere Variable ist das Geschlecht: Aus einer ganzen Reihe von soziologischen Gründen verbrennen Frauen weniger Kalorien als Männer. Die Arbeit, die jemand verrichtet, seine sozioprofessionelle Situation, bildet eine weitere Variable: Ein Stahlgießer an einem Hochofen verbraucht mehr Kalorien als ein Rentner, der seinen Tag damit verbringt, geruhsam auf einer Bank zu sitzen.

Diese Daten verändern sich wiederum mit der Region und Klimazone, die betrachtet wird. Lufttemperatur und meteorologische Verhältnisse im Allgemeinen beeinflussen den Kalorienbedarf.

Nach Abschluss des zweiten Schritts können die Statistiker diese beiden Werte korrelieren. Denn sie kennen nun für jedes Land den Kalorienmangel insgesamt und sind infolgedessen in der Lage, die theoretische Zahl der schwer und dauerhaft unterernährten Menschen zu bestimmen.

Allerdings geben diese Ergebnisse keine Auskunft über die Kalorienverteilung innerhalb einer gegebenen Bevölkerung. Deshalb verfeinert man das Modell durch gezielte Erhebungen auf Stichprobenbasis. Es geht darum, besonders gefährdete Gruppen zu bestimmen.

Bernard Maire und Francis Delpeuch kritisieren dieses mathematische Modell.16

Zunächst einmal stellen sie die Parameter in Frage. Ihr Einwand: Die Statistiker in Rom bestimmen die Defizite anhand der Kalorien, das heißt, der Makronährstoffe (Proteine, Kohlehydrate, Fette), die die Kalorien, also Energie, liefern. Dabei klammern sie jedoch die Defizite an Mikronährstoffen aus – den Mangel an Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen. Fehlt es nun aber in der Nahrung an Jod, Eisen, Vitamin A und C (neben anderen, für die Gesundheit unentbehrlichen Elementen), müssen jedes Jahr Millionen Menschen erblinden, zu Krüppeln werden und sterben.

Mit ihrer mathematischen Methode kann die FAO also erfassen, wie viele Menschen an Unterernährung leiden, nicht aber, wie viele der Mangelernährung zum Opfer fallen.

Außerdem bezweifeln die beiden Wissenschaftler die Zuverlässigkeit dieser Methode, da sie ganz und gar auf der Qualität der von den betreffenden Staaten gelieferten Daten beruht.

Nun verfügen aber nur wenige Staaten der südlichen Hemisphäre über einen zuverlässigen statistischen Apparat. Doch gerade in diesen Ländern füllen sich die Massengräber am schnellsten mit den Opfern des Hungers.

Trotz dieser – mir durchaus einleuchtenden – Kritik am mathematischen Modell der FAO-Statistiker meine ich, dass wir dank seiner beobachten können, wie sich auf unserem Planeten die Zahlen der unterernährten Menschen und der Hungertoten über einen langen Zeitraum entwickeln.

Jean-Paul Sartre schreibt: »Den Feind erkennen, den Feind bekämpfen.« Selbst wenn die ermittelten Zahlen zu niedrig sein sollten, wird die Methode doch Sartres Forderung gerecht.

Gegenwärtig ist es das Ziel der UNO, die Zahl der Hungernden bis 2015 um die Hälfte zu verringern.

Als die UN-Generalversammlung in New York diese Entscheidung im Jahr 2000 feierlich traf – es handelte sich um das erste der acht Millennium-Enwicklungsziele (MDGs)17 –, hat sie 1990 als Bezugsjahr gewählt. Also geht es darum, die Zahl der Hungernden aus dem Jahr 1990 um die Hälfte zu reduzieren.

Dieses Ziel wird natürlich nicht erreicht. Denn statt sich zu verringern, wächst die Pyramide der Leidenden. Das räumt auch die FAO ein:

»Nach der neuesten Statistik sind gewisse Fortschritte bei der Verwirklichung der MDGs erzielt worden. Angesichts des fortgesetzten (wenn auch im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten verlangsamten) Bevölkerungswachstums kann sich hinter dem prozentualen Rückgang der Hungernden aber auch ein Anstieg ihrer absoluten Zahl verbergen. Tatsächlich hat sich die Zahl der Hungernden in den Entwicklungsländern insgesamt erhöht (von 827 Millionen im Zeitraum 1990–92 auf 906 Millionen im Jahr 2010).«18

Um die Geografie des Hungers, die Verteilung dieser Massenvernichtung auf unserem Planeten, besser erfassen zu können, müssen wir eine erste Unterscheidung vornehmen, an der sich auch die UNO und ihre Sonderorgane orientieren: zwischen dem »strukturellen Hunger« einerseits und dem »konjunkturellen Hunger« andererseits.

Der strukturelle Hunger resultiert aus den unzulänglich entwickelten Produktionsstrukturen der Länder des Südens. Er ist permanent, erregt wenig Aufsehen und reproduziert sich biologisch: Jedes Jahr bringen Millionen unterernährte Mütter körperlich und geistig behinderte Kinder zur Welt. Struktureller Hunger bedeutet psychische und physische Zerstörung, Verlust der Würde, endloses Leid.

Der konjunkturelle Hunger dagegen springt ins Auge. Regelmäßig erscheint er auf unseren Fernsehschirmen. Er bricht plötzlich aus, wenn sich eine Naturkatastrophe ereignet, das heißt, wenn eine Region von Heuschrecken, Trockenheit, Überschwemmungen verwüstet wird oder wenn ein Krieg das soziale Gefüge zerreißt, die Wirtschaft ruiniert und Hunderttausende von Opfern in Vertriebenenlager im Land oder in Flüchtlingslager jenseits der Grenzen treibt.

In all diesen Situationen kann weder ausgesät noch geerntet werden. Die Märkte sind zerstört, die Straßen blockiert, die Brücken eingestürzt. Die staatlichen Institutionen funktionieren nicht mehr. Dann ist für Millionen von Opfern das Welternährungsprogramm (WFP) die letzte Chance.

Nyala, in der Region Darfur gelegen, ist das größte der siebzehn Vertriebenenlager in den drei Provinzen des Westsudans, die seit 2008 von Krieg und Hunger heimgesucht werden.

Von afrikanischen – vor allem ruandischen und nigerianischen – Blauhelmen bewacht, drängen sich über 100000 unterernährte Männer, Frauen und Kinder in dem riesigen Lager aus Zelt- und Kunststoffbehausungen. Eine Frau, die sich etwa 500 Meter von dem umzäunten Bereich entfernt – um sich etwas Brennholz oder Brunnenwasser zu holen –, läuft Gefahr, den Dschandschawid, den arabischen Reitermilizen im Dienst der islamistischen Diktatur von Khartoum, in die Hände zu fallen, was mit Sicherheit ihre Vergewaltigung, vielleicht auch Ermordung, bedeutet.

Wenn die weißen Toyota-Lastwagen des WFP mit der blauen UNO-Flagge nicht alle drei Tage mit ihren hochgeschichteten Reis- und Mehlsäcken, Wasserbehältern und Medikamentenkisten einträfen, würden die Zaghawa, Massalit und Fur hinter den von Blauhelmen bewachten Stacheldrahtzäunen in kurzer Zeit zugrunde gehen.

Noch ein Beispiel für konjunkturellen Hunger: 2011 drängen sich 450000 stark unterernährte Frauen, Männer und Kinder, die vor allem aus Südsomalia kamen, im Lager Dadaab, das die UNO auf kenianischem Boden errichtet hat. Regelmäßig verweigern die Vertreter des WFP anderen hungernden Familien den Zutritt zum Lager, weil nicht genügend Mittel vorhanden sind.19

Wer ist vor allem vom Hunger betroffen?

Die drei besonders gefährdeten Personengruppen sind – in der Terminologie der FAO – die arme Landbevölkerung (rural poors), die arme Stadtbevölkerung (urban poors) und die bereits erwähnten Katastrophenopfer. Betrachten wir die beiden ersten Kategorien.

Die arme Landbevölkerung: Die Mehrheit der Menschen, die nicht genug zu essen haben, gehört den Gemeinschaften der armen Landbevölkerung in den Ländern des Südens an. Viele verfügen weder über Trinkwasser noch Elektrizität. Auch Gesundheitsdienste, Bildungsinstitutionen und Sanitäreinrichtungen sind in den allermeisten Fällen nicht vorhanden.

Von den 7 Milliarden Menschen, die den Planeten bewohnen, lebt etwas weniger als die Hälfte in ländlichen Gebieten.

Seit unvordenklichen Zeiten ist die ländliche Bevölkerung – Ackerbauern und Viehzüchter (sowie Fischer) – besonders anfällig für Not und Hunger: Von den 1,2 Milliarden Menschen, die heute nach den Kriterien der Weltbank von »extremer Armut« betroffen sind, leben 75 Prozent auf dem Land.

Zahlreiche Bauern befinden sich aus einem der folgenden Gründe in dieser Notlage: Die einen sind Wanderarbeiter ohne Land oder Teilpächter, die von den Grundbesitzern gnadenlos ausgebeutet werden. So müssen die muslimischen Teilpächter im Norden Bangladeschs an ihre landlords, in Kalkutta lebende hinduistische Grundeigentümer, vier Fünftel ihrer Ernten abführen. Andere besitzen zwar Land, können aber ihr Eigentumsrecht nicht hinreichend belegen. So ergeht es den brasilianischen Posseiros, die auf kleinen unwirtschaftlichen oder brachliegenden Landflächen leben, die sie nutzen, ohne Dokumente zu besitzen, die sie als Eigentümer ausweisen. Eine dritte Gruppe lebt auf eigenem Land, das aber so klein oder so schlecht ist, dass sie damit ihre Familien nicht hinreichend ernähren kann.

Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (International Fund for Agricultural Development/IFAD) beziffert die Zahl der landlosen Landarbeiter auf ungefähr 500 Millionen, was 100 Millionen Haushalten entspricht. Das sind die Ärmsten der Armen dieser Erde.20

Für Kleinbauern, ausgebeutete Teilpächter, landwirtschaftliche Tagelöhner, Wanderarbeiter empfiehlt die Weltbank neuerdings die »marktgestützte Landreform« (Market-Assisted Land Reform), die sie 1997 zum ersten Mal für die Philippinen vorgeschlagen hat. Der Großgrundbesitzer wäre gezwungen, sich von einem kleinen Teil seiner Ländereien zu trennen, doch der Landarbeiter müsste seine Parzelle mit Hilfe eines Weltbankkredits erwerben.

Angesichts der vollkommenen Mittellosigkeit der »landlosen« Familien erweist sich die »marktgestützte Landreform«, die von der Weltbank überall propagiert wird, als Heuchelei der schlimmsten Sorte, wenn nicht gar schlicht und einfach als Zynismus.21

Die Befreiung der Bauern ist nur von den Bauern selbst zu leisten. Wer Gelegenheit hat, ein Assentamento oder Acampamento (Ansiedlung oder Lager) der Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (MST22) in Brasilien zu besuchen, wird tief beeindruckt und voller Bewunderung sein. Die MST ist zur bedeutendsten sozialen Bewegung Brasiliens geworden, die sich einsetzt für Agrarreform, Ernährungssouveränität, für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Freihandel und dem vorherrschenden agroindustriellen Produktions- und Verbrauchsmodell, für Nahrungsmittelanbau, Solidarität und Internationalismus.

Die internationale Bauernbewegung Via Campesina umfasst weltweit 200 Millionen Teilpächter, Kleinbauern (1 Hektar oder weniger), landwirtschaftliche Saisonarbeiter, nomadische oder sesshafte Viehzüchter, Berufsfischer. Ihr Hauptsitz befindet sich in Djakarta, Indonesien. Via Campesina ist heute eine der beeindruckendsten revolutionären Bewegungen der Dritten Welt. Wir werden darauf zurückkommen.

Nur wenige Männer und Frauen auf der Erde arbeiten so viel, unter so widrigen klimatischen Bedingungen und für so geringe Erträge wie die Bauern in der südlichen Hemisphäre. Ganz selten nur können einige von ihnen Ersparnisse anlegen, um gegen die stets drohenden Klimakatastrophen, Heuschrecken und sozialen Unruhen gewappnet zu sein. Selbst wenn einige Monate lang Nahrung im Überfluss vorhanden ist, sodass die Festtrommeln erklingen und prachtvolle Hochzeiten gefeiert werden, bei denen die Fülle brüderlich geteilt wird, ist die Bedrohung allgegenwärtig.

90 Prozent der Bauern im Süden müssen sich bei der Arbeit mit Hacke, Machete und Sense begnügen.

Mehr als eine Milliarde Bauern haben weder Zugtier noch Traktor.

Mit der Verdoppelung der Zugkraft verdoppelt sich auch die bebaute Fläche. Ohne zusätzliche Zugkraft können sich die Ackerbauern des Südens nicht aus ihrem Elend befreien.

Im Sahel liefert ein Hektar Anbaufläche 600 bis 700 Kilogramm Getreide. In der Bretagne, in der Beauce, in Baden-Württemberg, in der Lombardei lässt sich auf einem Hektar ein Ertrag von 10 Tonnen, also 10000 Kilogramm, erzielen. Dieses Produktivitätsgefälle resultiert natürlich nicht aus unterschiedlichen Fähigkeiten. Die Landwirte der Bambara, Wolof, Mossi oder Tukulur verrichten ihre Arbeit mit der gleichen Energie und Intelligenz wie ihre europäischen Kollegen. Sie unterscheiden sich lediglich hinsichtlich der sogenannten Inputfaktoren, über die sie verfügen. In Benin, Burkina Faso, Niger oder Mali müssen die Ackerbauern ohne Bewässerungssystem auskommen, auch mineralischen Dünger, selektioniertes Saatgut oder Pestizide gegen Schädlinge können sie nicht einsetzen. Wie seit 3000 Jahren müssen sie sich mit der Regenwirtschaft begnügen.

Nur 3,8 Prozent des subsahelischen Bodens werden künstlich bewässert.23

Nach Schätzung der FAO haben 500 Millionen afrikanische Bauern keinen Zugang zu selektioniertem Saatgut, mineralischem Dünger, Stallmist (oder anderem Naturdünger), da sie keine Tiere besitzen.

Weltweit werden laut FAO jedes Jahr 25 Prozent der Ernten durch ungünstige Witterungseinflüsse oder Nager vernichtet.

In Schwarzafrika, Südasien und im Andenhochland sind Silos selten. Folglich sind die bäuerlichen Familien im Süden von der Vernichtung der Ernten zuerst und am härtesten betroffen.

Ein weiteres großes Problem ist die Beförderung der Ernten zu den Märkten.

2003 habe ich in Äthiopien eine absurde Situation erlebt: In Mek’ele in Tigray, auf den windgepeitschten Hochebenen, dort, wo der Boden rissig und staubig ist, bedrohte der Hunger das Leben von sieben Millionen Menschen.

Doch in Gondar, 600 Kilometer weiter westlich, verdarben Zehntausende von Tonnen Teff, einer Hirseart, in den Speichern, weil es weder Straßen noch Lastwagen gab, die das rettende Nahrungsmittel hätten transportieren können …

In Schwarzafrika, Indien, in den Aymara- und Otavalo-Gemeinschaften auf den Hochebenen Perus, Boliviens und Ecuadors gibt es natürlich keine landwirtschaftlichen Genossenschaftsbanken. Nur einheimische Wucherer geben Kredite. Daher hat der Bauer keine Wahl: In der Regel muss er seine Ernte zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen, das heißt, wenn er sie gerade eingebracht hat und die Preise im Keller sind.

Sobald er in die Überschuldungsspirale geraten ist – sich weiter verschulden muss, um die Zinsen früherer Kredite zu bezahlen –, ist er gezwungen, künftige Ernten zu veräußern, um die Lebensmittel, die seine Familie in der Überbrückungszeit braucht, zu dem von den Herren der Nahrungsmittelindustrie festgesetzten Preisen zu kaufen.

Auf dem Land, vor allem in Mittel- und Südamerika, in Indien, Pakistan und Bangladesch, ist die Gewalt endemisch.

Zusammen mit meinen Mitarbeitern habe ich vom 26. Januar bis 5. Februar 2005 eine Untersuchungsmission in Guatemala durchgeführt.24 Während unseres Aufenthalts hatte mich Frank La Rue, Menschenrechtskommissar der guatemaltekischen Regierung und selbst ehemaliger Widerstandskämpfer gegen die Diktatur von General Rios Montt, über die Verbrechen unterrichtet, die in seinem Land Tag für Tag gegen Bauern begangen wurden.

Am 23. Januar stiehlt ein Landarbeiter auf der Finca Alabama Grande etwas Obst. Drei Sicherheitskräfte der Finca ertappen ihn dabei und bringen ihn um.

Die Familie, die wie alle Peonfamilien in einer Hütte am Rande des Gutes lebt, sorgt sich am Abend, als der Vater nicht zurückkehrt. Von Nachbarn begleitet begibt sich der vierzehnjährige Sohn zum Haus der Besitzer. Die Wachen fangen ihn ab. Es kommt zum Streit. Der Ton wird hitzig. Die Wachen schießen den Jungen und vier seiner Begleiter nieder.

In einer anderen Finca fassen andere Wachen einen jungen Burschen, dessen Taschen mit Cozales, einer einheimischen Frucht, gefüllt sind. Sie beschuldigen ihn, sie auf dem Land des Besitzers gestohlen zu haben, und führen ihn zu diesem … der den Jungen mit einem Pistolenschuss tötet.

Frank La Rue meinte zu mir: »Gestern hat es dir Eduardo Stein Barillas, der Vizepräsident der Republik, im Präsidentenpalast erklärt: 49 Prozent der Kinder unter zehn Jahren sind unterernährt … 92000 von ihnen sind im letzten Jahr verhungert oder an Hungerkrankheiten gestorben … du musst das verstehen, nachts, die Väter, die Brüder … sie gehen in den Obstgarten der Finca … sie stehlen ein wenig Obst, Gemüse …«

2005 wurden 4793 Morde in Guatemala begangen, 387 im Laufe unseres kurzen Aufenthalts.

Unter den Opfern befinden sich auch vier junge Bauerngewerkschaftler – drei Männer und eine Frau –, die von einem Fortbildungslehrgang im schweizerischen Fribourg zurückkamen. Die Mörder haben ihr Fahrzeug in der Sierra de Chuacas durchlöchert, auf der Route zwischen San Cristóbal Verapaz und Salama.

Ich erfuhr davon bei einem Diner in der Schweizer Botschaft. Der Botschafter, ein entschlossener Mann, der Guatemala liebt und gut kennt, versprach mir, am nächsten Tag beim Außenminister mit aller Entschiedenheit zu protestieren.

An diesem Diner nahm auch die Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu teil, eine großartige Maya-Frau, die während der Diktatur des Generals Lucas García ihren Vater und einen ihrer Brüder verlor, als sie bei lebendigem Leibe verbrannt wurden.

Beim Hinausgehen flüsterte sie mir an der Tür zu: »Ich habe Ihren Botschafter beobachtet. Er war bleich … Seine Hand hat gezittert … Er ist wütend. Das ist ein guter Mensch. Er wird protestieren … Aber nützen wird es nichts!«

In der Nähe der Finca Las Delicias, einer riesigen Kaffeeplantage im Municipio d’El Tumbador, spreche ich mit streikenden Peonen und ihren Frauen. Seit sechs Monaten hat der Besitzer seine Arbeiter nicht bezahlt, angeblich weil der Kaffeepreis auf dem Weltmarkt eingebrochen ist.25 Eine von den Streikenden organisierte Demonstration wurde gerade von der Polizei und den Sicherheitskräften der Finca gewaltsam unterdrückt.

Bischof Ramazzini von San Marco, Präsident der Interdiözesanen Landpastorale (PTI), hatte mir berichtet: »Häufig kommt die Polizei nach einer Demonstration nachts zurück und verhaftet wahllos junge Leute … Nicht selten verschwinden sie.«

Meine Mitarbeiter und ich sitzen auf einer Holzbank, vor einer Hütte. Die Streikenden und ihre Frauen stehen im Halbkreis um uns herum.

In der feuchten Hitze der Nacht betrachten uns die Kinder mit ernstem Blick. Die Frauen und jungen Mädchen tragen leuchtend bunte Kleider.

In der Ferne bellt ein Hund.

Das Firmament ist sternenübersät. Der Duft der Kaffeesträucher mischt sich mit dem der roten Geranien, die hinter dem Haus wachsen.

Offensichtlich haben diese Menschen Angst. Ihre schönen braunen Maya-Gesichter verraten es … sicherlich bedingt durch die nächtlichen Verhaftungen und die vielen Menschen, die die Polizei, wie Bischof Ramazzini mir berichtete, »verschwinden« lässt.

Ich komme mir wie ein Idiot vor, während ich meine UN-Visitenkarten verteile. Als wären sie ein Talisman, pressen die Frauen sie ans Herz.

Noch während ich ihnen von den Menschenrechten und einem möglichen Schutz durch die UNO erzähle, weiß ich, dass ich sie verrate.

Denn die UNO wird natürlich gar nichts tun. In ihren Villen in Ciudad Guatemala residierend, begnügen sich die UN-Funktionäre damit, kostspielige Pläne auszuarbeiten, die als Entwicklungsprojekte deklariert sind und von denen die Großgrundbesitzer profitieren. Aber vielleicht wird ja Eduardo Stein Barillas, der Frank La Rue noch aus alten Jesuitentagen kennt, die Polizei von El Tumbador doch verwarnen, damit sie nicht noch mehr junge Streikende »verschwinden« lässt …

Die größte Gewalt, die Bauern angetan wird, ist natürlich die ungerechte Landverteilung. 2011 befanden sich in Guatemala 57 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Besitz von 1,86 Prozent der Bevölkerung.

So gibt es in diesem Land 47 Großgrundbesitzungen mit jeweils 3700 Hektar oder mehr, während 90 Prozent der Bauern ihr Leben auf Parzellen von einem Hektar oder weniger fristen.

In Hinblick auf die Gewalt gegen Bauerngewerkschaftler und streikende Demonstranten hat sich die Situation nicht verbessert. Im Gegenteil: Es sind seit meiner Mission in Guatemala mehr Leute verschwunden oder ermordet worden.26

Am 6. November 2011 wurde Otto Pérez Molina, Ex-General und Vorsitzender der Patriotischen Partei, zum Präsidenten von Guatemala, dem bevölkerungsreichsten Staat Zentralamerikas, gewählt. Dieses Amt trat er am 14. Januar 2012 in einem Land an, das erschüttert wird von der Gewalt der Bandenkriminalität, der Drogenmafia, der Morde an Bauernführern und -gewerkschaftern – und dabei eine Aufklärungsrate von nicht mehr als drei Prozent aufweist. Straflosigkeit ist dort ebenso an der Tagesordnung wie die Diskriminierung von Nachkommen der indigenen Maya-Gruppen, obwohl sie über 60 Prozent der guatemaltekischen Bevölkerung stellen.

Otto Pérez Molina wird verantwortlich gemacht für die Massaker an Maya-Gemeinschaften Anfang der Achtzigerjahre, als bei der Niederschlagung eines bewaffneten Konflikts durch das Militär mehr als 200000 Menschen getötet wurden, und für das gewaltsame Verschwinden zahlreicher Menschen während seiner Amtszeit als Chef des Nachrichtendienstes in den Neunzigerjahren. Er hat gelobt, das Land mit eiserner Hand, mano dura, zu regieren.

Die arme Stadtbevölkerung: In den Calampas von Lima, den Slums von Karachi, den Favelas von São Paulo oder den Smoky Mountains von Manila müssen sich die Hausfrauen beim Kauf der Lebensmittel äußerst einschränken. Die Weltbank schätzt, dass 1,2 Milliarden Menschen in »extremer Armut« leben, das heißt, weniger als 1,25 Dollar pro Tag zur Verfügung haben.

In Paris, Genf oder Frankfurt gibt eine Hausfrau im Durchschnitt 10 bis 15 Prozent des Familieneinkommens für den Kauf von Lebensmitteln aus. Im Budget einer Frau in den Smoky Mountains von Manila nehmen die Lebensmittel 80-85 Prozent der Gesamtausgaben ein.

In Lateinamerika leben laut Weltbank 41 Prozent der Kontinentalbevölkerung in »informellen Siedlungen«. Die geringste Erhöhung der Marktpreise führt in den Slums zu Angst, Hunger, Familienzerfall, Katastrophen.

Die Grenzlinie zwischen armer Stadt- und armer Landbevölkerung ist nicht so eindeutig, wie es zunächst scheinen mag, weil, wie gesagt, 43 Prozent der 2,7 Milliarden Saisonarbeiter, Kleinbauern, Teilpächter, die die große Mehrheit der notleidenden Landbevölkerung stellen, zeitweilig ebenfalls Lebensmittel auf dem Markt des nächstgelegenen Dorfs oder Marktfleckens kaufen müssen, wenn die letzte Ernte nicht ausreicht, um die Familie bis zur nächsten durchzubringen. Dann trifft auch die Landbevölkerung die ganze Härte der überhöhten Preise für die Lebensmittel, die sie unbedingt erwerben muss.

Yolanda Areas Blas, eine temperamentvolle und sympathische Delegierte der Via Campesina in Nicaragua, nennt ein Beispiel: Der Staat Nicaragua stellt jährlich die Canasta básica, zusammen, den »Korb« mit den vierundzwanzig Grundnahrungsmitteln, die eine sechsköpfige Familie im Monat braucht, um zu überleben. Im März 2011 kostete der Korb in Nicaragua 6250 Cordoba, entsprechend 500 Dollar. Doch der gesetzliche Mindestlohn eines Landarbeiters belief sich damals auf 1800 Cordoba, oder 80 Dollar.27

Die geografische Verteilung des Hungers in der Welt ist außerordentlich ungleich.28 2010 sah sie folgendermaßen aus:

Die folgende Tabelle zeigt, wie sich die Gesamtzahl der Opfer im Laufe der letzten Jahrzehnte zeitlich verändert hat:

Entwicklung der Zahl (in Millionen) und des Prozentsatzes unterernährter Menschen zwischen 1969 und 2007

2005–2007

848

Millionen (13 %)

2000–2002

833

Millionen (14 %)

1995–1997

788

Millionen (14 %)

1990–1992

843

Millionen (16 %)

1979–1981

853

Millionen (21 %)

1969–1971

878

Millionen (26 %)

Die folgende Tabelle zeigt die Entwicklung der Katastrophe in den verschiedenen Erdregionen zwischen 1990 und 2007, also ungefähr während einer Generation:

Entwicklung der Zahl (in Millionen) unterernährter Menschen nach Regionen zwischen 1990 und 2007

Ländergruppen

1990–1992

1995–1997

2000–2002

2005–2007

Erde

843,4

787,5

833,0

847,5

entwickelte Länder

16,7

19,4

17,0

12,3

Entwicklungs-länder

826,6

768,1

816,0

835,2

Asien und Pazifik1

587,9

498,1

531,8

554,5

Ostasien

215,6

149,8

142,2

139,5

Südostasien

105,4

85,7

88,9

76,1

Südasien

255,4

252,8

287,5

331,1

Zentralasien

4,2

4,9

10,1

6,0

Westasien

6,7

4,3

2,3

1,1

Lateinamerika und Karibik

54,3

53,3

50,7

47,1

Nord- und Zentralamerika

9,4

10,4

9,5

9,7

Karibik

7,6

8,8

7,3

8,1

Südamerika

37,3

34,1

33,8

29,2

Naher Osten und Nordafrika

19,6

29,5

31,8

32,4

Naher Osten

14,6

24,1

26,2

26,3

Nordafrika

5,0

5,4

5,6

6,1

Schwarzafrika

164,9

187,2

201,7

201,2

Zentralafrika

20,4

37,2

47,0

51,8

Ostafrika

76,2

84,7

85,6

86,9

südliches Afrika

30,6

33,3

35,3

33,9

Westafrika

37,6

32,0

33,7

28,5

Die Daten, die bis 2007 reichen, müssen auf die weltweite demografische Entwicklung bezogen werden; hier also die nach Kontinenten aufgeschlüsselten Zahlen aus dem Jahr 2007: Asien, 4,03 Milliarden (entsprechend 60,5 Prozent der Weltbevölkerung); Afrika, 965 Millionen (14 Prozent); Europa, 731 Millionen (11,3 Prozent); Lateinamerika und Karibik, 572 Millionen (8,6 Prozent); Nordamerika, 339 Millionen (5,1 Prozent); Ozeanien, 34 Millionen (0,5 Prozent)

Hier die Entwicklung der globalen Katastrophe über eine längere Dauer – von 1969 bis 2010, also über zwei Generationen:

Wir müssen die genannten Zahlen natürlich auf die weltweite globale demografische Entwicklung dieser Jahrzehnte beziehen: 1970 gab es 3,696 Milliarden Menschen auf dem Planeten; 1980 waren es 4,442 Milliarden; 1990 5,279 Milliarden; 2000 6,085 und 2010 6,7 Milliarden.

Ab 2005 stieg die globale Kurve der Hungeropfer katastrophal an, während das demografische Wachstum, rund 400 Millionen Menschen alle fünf Jahre, konstant blieb.

Der steilste Anstieg wurde zwischen 2006 und 2009 verzeichnet, obwohl in diesen Jahren nach den Daten der FAO auf der ganzen Welt gute Getreideernten eingebracht wurden. Dass die Zahl der Unterernährten trotzdem so heftig zugenommen hat, liegt an der Preisexplosion bei den Grundnahrungsmitteln und an der Krise, mit der ich mich im sechsten Teil des Buchs beschäftigen werde.

Die untenstehende Grafik vermittelt ein genaueres Bild von den Veränderungen, die sich zwischen 1990 und 2010 in den Entwicklungsländern vollzogen.

In diesen letzten Jahren beherbergten die Entwicklungsländer 98 bis 99 Prozent aller Unterernährten dieses Planeten.

In absoluten Zahlen bleiben Asien und der Pazifikraum die Regionen mit den meisten Hungernden, weisen aber einen Rückgang von 12 Prozent auf (von 658 Millionen 2009 auf 578 Millionen 2010), womit sie im Wesentlichen für die Verbesserung von 2010 verantwortlich sind. Dagegen blieb in Schwarzafrika der Prozentsatz der Hungernden auch 2010 am höchsten: Bei 30 Prozent ist dort fast jeder Dritte unterernährt.

Auch wenn die Mehrheit der Hungernden in den Entwicklungsländern zu finden ist, so bleiben die Industriestaaten doch vom Hunger nicht verschont. In Osteuropa und in der ehemaligen Sowjetunion leben Millionen schwer und permanent unterernährte Menschen. Besonders schlimm ist die Situation in zahlreichen Waisenhäusern, wo Erzieher die Kinder manchmal verhungern lassen. Ein Beispiel: Im Waisenhaus von Torez in der Ukraine verhungerten in den letzten drei Jahren im Jahresdurchschnitt 12 von 100 Kindern – wobei es sich meist um behinderte Kinder handelte, die nur mit Hilfe von Erwachsenen Nahrung einnehmen konnten.29 Auch Westeuropa bleibt nicht verschont. Im Mai 2012 veröffentlichte die Unicef ihren Bericht über die Lage der Kinder in Spanien. Wegen der von Bundeskanzlerin Angela Merkel der EU aufgezwungenen Austeritätspolitik reduzierte die Regierung Rajoy massiv die Sozialleistungen für 9 Millionen extrem arme Familien. Das Resultat: 2011 waren in Spanien 2,2 Millionen Kleinkinder schwerst, permanent unterernährt.

Als Grundnahrungsmittel bezeichnen wir Reis, Weizen und Mais, die zusammen rund 75 Prozent des weltweiten Lebensmittelverbrauchs ausmachen, wobei der Reis allein 50 Prozent dieser Menge stellt. In den ersten Monaten des Jahres 2011 sind die Weltmarktpreise für Nahrungsmittel erneut – wie schon 2008 – explodiert. Im Februar 2011 schlug die FAO Alarm: 80 Länder befänden sich jetzt am Rande der Ernährungsunsicherheit.

Am 17. Dezember 2010 erhob sich das tunesische Volk gegen die Räuber in Karthago. Zine el-Abidine Ben Ali, der mit seinem Familienclan und seinen Komplizen Tunesien dreiundzwanzig Jahre lang terrorisiert und ausgeplündert hatte, floh mit seiner Familie am 14. Januar 2011 nach Saudi-Arabien. Die Wirkung der tunesischen Erhebung auf die Nachbarländer ließ nicht lange auf sich warten.

In Ägypten begann die Revolution am 25. Januar mit der Versammlung von fast einer Million Menschen auf dem Tahrir-Platz im Herzen Kairos. Seit Oktober 1981 hatte der Luftwaffengeneral Hosni Mubarak unter israelisch-amerikanischem Schutz mit Folter, Polizeiterror und Korruption in Ägypten geherrscht. Während der drei Wochen vor seinem Sturz haben die Scharfschützen seiner Geheimpolizei von den Dächern der Häuser am Tahrir-Platz über 800 junge Leute – Männer und Frauen – ermordet und etliche Hundert weitere in Folterkammern des Regimes »verschwinden« lassen.

Das aufständische Volk hat Mubarak am 12. Februar gestürzt.

Die Unzufriedenheit griff auf die ganze arabische Welt über, im Maghreb wie im Maschrek: in Libyen, Jemen, Syrien, Bahrain etc.

Die Revolutionen in Ägypten und Tunesien haben komplexe Ursachen – der bewundernswerte Mut der Aufständischen speist sich aus tiefen Wurzeln. Aber der Hunger, die Unterernährung, die Angst vor den rasch steigenden Preisen des täglichen Brots waren ein mächtiger Beweggrund der Revolte.

Seit der Zeit des französischen Protektorats ist die Baguette das Grundnahrungsmittel der Tunesier, während es für die Ägypter das Fladenbrot ist. Im Januar 2011 verdoppelte sich plötzlich der Weltmarktpreis der Tonne Weizen. Im Januar 2011 kletterte er auf 270 Euro.

Der riesige Landstrich, der sich von der Atlantikküste Marokkos bis zu den Emiraten am Arabisch-Persischen Golf erstreckt, ist weltweit der wichtigste Importeur von Nahrungsmitteln. Egal, ob es sich um Getreide, Zucker, Rindfleisch, Geflügel oder Speiseöl handelt, die Länder des Maghrebs und des Golfs führen Nahrungsmittel in großen Mengen ein.

Um seine 84 Millionen Einwohner zu ernähren, importiert Ägypten mehr als zehn Millionen Tonnen Weizen pro Jahr, Algerien fünf Millionen, Iran sechs Millionen. Marokko und der Irak kaufen jährlich je drei bis vier Millionen Tonnen Weizen, während sich Saudi-Arabien auf dem Weltmarkt rund sieben Millionen Tonnen Gerste pro Jahr beschafft.

In Ägypten und Tunesien hat die Gefahr einer Hungersnot ganz außerordentliche Folgen gehabt, das Gespenst des Mangels hat unerhörte Kräfte freigesetzt, die wesentlich zur Blüte des »Arabischen Frühlings« beigetragen haben. Doch in den meisten anderen von Ernährungsunsicherheit unmittelbar bedrohten Ländern werden Leid und Angst auch weiterhin still ertragen.

Dazu muss man wissen, dass Frauen in den ländlichen Gebieten Asiens und Afrikas eine dauerhafte Diskriminierung erleiden, die mit ihrer Unterernährung zusammenhängt; in bestimmten Gesellschaften der Sudan-Sahelzone und Somalias bekommen Frauen und Mädchen nur die Reste, die die Männer und Jungen bei ihren Mahlzeiten übriglassen.

Die gleiche Benachteiligung erfahren alle Kleinkinder. Noch schlimmer ist die Diskriminierung von Witwen beziehungsweise Zweit- und Drittfrauen.

In den somalischen Flüchtlingslagern auf kenianischem Boden kämpfen die Vertreter des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge tagtäglich gegen diese abscheuliche Sitte: Bei den somalischen Nomaden rühren die Frauen die Hirseschüssel oder das gegrillte Hammelfleisch nicht an, bevor die Männer ihre Mahlzeit beendet haben.30