Verlag: Saga Egmont Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Die Sonnenflöte - Hans Leip

Der Hafenbaumeister Tidemut hat nach Fertigstellung seines Lebenswerkes körperlich und seelisch Schiffbruch erlitten; seine Frau hat sich von ihm getrennt. Auf der stillen Insel im Chiemsee sucht er, zur Ruhe zu kommen. Doch stellt sich heraus, dass er dort gar nicht so ruhig ist. Er begegnet dem Maler Lorns und dem Matrosen Kulli Wupp. Und insbesondere ist dort das Mädchen Silwe, mit dem Tidemut über den grünen See kreuzt. Wieder klingen bei Hans Leip die Motive Fernweh und Abenteuerlust an, die seine Bücher so unverwechselbar machen. AUTORENPORTRÄT Hans Leip (1893–1983) war der Sohn eines ehemaligen Seemanns und Hafenarbeiters im Hamburger Hafen. Leip wuchs in Hamburg auf. Ab Ostern 1914 war er Lehrer in Hamburg-Rothenburgsort. Im Jahre 1915 wurde er zum Militär einberufen; nach einer Verwundung im Jahre 1917 wurde er für dienstuntauglich erklärt. Leip kehrte in seinen Lehrerberuf zurück, gleichzeitig begann er, in Hamburger Zeitungen Kurzgeschichten zu veröffentlichen. 1919 fand die erste Ausstellung von Leips grafischen Arbeiten statt, der zu dieser Zeit das Leben eines Bohemiens führte. In den zwanziger Jahren unternahm Leip ausgedehnte Reisen, die ihn u. a. nach Paris, London, Algier und New York führten. Seinen literarischen Durchbruch erzielte er 1925 mit dem Seeräuberroman "Godekes Knecht". Während des Zweiten Weltkriegs lebte er ab 1940 dann vorwiegend am Bodensee und in Tirol. 1945 kehrte er für kurze Zeit nach Hamburg zurück, ließ sich jedoch dann im Schweizer Thurgau nieder. Hans Leips literarisches Werk besteht aus Romanen, Erzählungen, Gedichten, Theaterstücken, Hörspielen und Filmdrehbüchern; vorherrschende Themen sind das Meer und die Seefahrt. Sein Nachruhm beruht allerdings hauptsächlich auf dem Gedicht "Lili Marleen", das Leip 1915 verfasst und 1937 in den Gedichtband "Die kleine Hafenorgel" aufgenommen hatte; in der Vertonung von Norbert Schultze, interpretiert von der Sängerin Lale Andersen und verbreitet durch den Soldatensender Belgrad erlangte das Lied während des Zweiten Weltkriegs eine ungemeine Popularität nicht nur bei den Angehörigen der deutschen Wehrmacht.

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E-Book-Leseprobe Die Sonnenflöte - Hans Leip

Hans Leip

Die Sonnenflöte

Roman

Saga

1

Als Tidemunt den Abend nach Hause kam, ließ er den Wagen nicht warten. Er gedachte, es sich endlich einmal gemütlicher zu machen und nicht, wie zumeist in den letzten Monaten, auch noch die halbe Nacht im Büro zuzubringen. Was zu schaffen war, schien ihm weitgehend gediehen. Seine sämtlichen Pläne für das neue Hafengelände waren bis auf wenige Kleinigkeiten in allen Instanzen genehmigt.

Behaglich schnaufend polterte er ins Treppenhaus. Die Stufen ächzten unter der Wucht seiner Statur. Doch dann verhielt er. Geigentöne zirpten durch den Schlund der Stockwerke. Oho, sie übt noch! dachte er zärtlich und stieg die letzten Stufen zum Dachgeschoß sehr behutsam hinan. Hier klangen die Geigentöne heftiger durch die dünnen Bauwände; unermüdlich wiederholte sich immer das gleiche Thema, es klang wie hastige Schreie. Nun, nun! dachte er: Nimms gelinde, Perchta! Der alte Brahms tats auch.

Leise drehte er den Schnepper im Schloß. Auf Zehenspitzen ging er ins Wohnzimmer, ganz und gar eingeduscht — so war ihm — von den raschen Triolen und Doppelgriffen. Der Geigerin — sie übte wie gewöhnlich nebenan im Schlafzimmer — wollte es anscheinend nicht nach Bedarf und sauber genug gelingen, ihre Anläufe erfolgten ohne Pause, immer wieder in jäher Disharmonie zerbrechend.

Tidemunt knipste kein Licht an. Er ließ sich, den Atem dämpfend, in einem Sessel nieder und wartete geduldig. Die Türritzen faßten das kleine fiebernde Motiv, das ungestört sich weiter mühte, in eine schmale Goldleiste. Er starrte darauf hin. Er meinte, sie vor sich zu sehen wie damals in ihrem ersten Konzert, so jung, so leidenschaftlich, so schmal und todesbleich, von Beifall umrauscht. Seine Zuneigung zu ihr hatte danach lange Zeit gehabt, sich zu prüfen. Erst nach dem Kriege, als er völlig allein dagestanden, allein wie sie, hatte er sie geheiratet, immer noch voll Bewunderung.

Tidemunt zündete sich, so sachte es ging, eine Zigarre an. Er war neugierig, wie lange ihre Kraft reichen werde, so verbissen sich mit der Hörbarmachung eines Komponisteneinfalls zu plagen. Welche Zähigkeit! Aber auch welch steigende Verzweiflung! Man sollte dazwischenfahren! dachte er, aber er wußte zu gut, welch saure Wege zurückzulegen sind, bis etwas Vollendetes entsteht. Er strich ergeben mit der Handkante über den Tisch, der heute ungedeckt geblieben war, so, als werde niemand erwartet. Die Geige hats verspielt! knurrte er.

Abschein von Schiffslampen wanderte über die niedrige Stubendecke, durchflackert vom Gegrell der Werftbrenner. Lärm von Verkehr und Betrieb drang gegen die Fenster, aber die Akkorde der Geige warfen sich dagegen, sie beherrschten den Raum, sprangen gegen die Wände, scheiterten und setzten von neuem an. Es sind ein paar großartig gebaute Takte, sagte sich Tidemunt duldend, aber die gehäufte Wiederholung selbst der Schönheit zerstört den Genuß. Sie quält sich, man sollte sie erlösen. So dachte er gemartert. Aber eine im Dunkeln aufquellende Müdigkeit lähmte ihn. Ihm war, als sitze er in einer Badewanne voll Quecksilber, und quecksilbern regnete ihm die Geigenstrophe aufs Gehirn. Die Überarbeitung der letzten Zeit, ja, der letzten Jahre machte sich bemerkbar. Er lachte kurz auf, seiner Leistung, seiner Erfolge jäh und ermunternd bewußt, und schlug sich die Hand vor die Lippen, bestürzt, zu laut gewesen zu sein. Sitze ich hier nicht glücklich und bequem? knurrte er sich an, und wohne dem Werden eines großen Konzertes bei? Wie sehr doch liebe ich sie, die sich so inbrünstig der Erweckung der sonderlichen Gebeine opfert, die da Noten heißen.

So saß er da, gewillt, anzuerkennen und gutzuheißen, so wie er selber sich anerkannte und Anerkennung beanspruchte. Aus dem Übermüdeten hervor, das in ihm lauerte, aber erhob sich ein dürres nüchternes Auge und stellte sich neben ihn und betrachtete ihn. Du siehst grau und schlaff aus, stellte dieses Auge fest, du hast nicht nur zuviel gearbeitet, sondern auch im Übermaß in dich hineingeschlungen an Üppigkeiten und Freuden aller Art, gierig und wahllos, aufs törichteste vermischt mit Aufregung und Ehrgeiz, Hast und Ärger. Gestehe nur, du ahntest sehr wohl, wie dein Können nachgelassen hat, wie du drei Stunden brauchtest für Überlegungen, die du vormals in wenigen Minuten bewältigt. Du wolltest dich anfeuern und aufmöbeln und tatest überall so rauschend sicher und gewaltig, und jeder hat es geglaubt, sogar deine Frau. Sogar deine Frau?

Tidemunt knurrte ungemütlich. Sollten hier etwa Zweifel gehegt werden an seiner, des geachteten Oberbaurates und Hafenbaumeisters Arnold Tidemunt unverbrüchlichen und anständigen Ehe und allerinnigsten Herzensbindung? Das Herz pochte ihm gegen die Gurgel. Die Saiten nebenan wurden immer schärfer hergenommen. Das holde Klingen schien sich zu wandeln in das Kreischen einer Kreissäge. Perchta! keuchte er verhalten: Wohin entfernst du dich! Ach, bleib doch!

Und auf einmal hob er die Faust, oder vielmehr etwas in ihm, etwas Uraltes und Böses hob ihm die Faust, um sie entgegen aller liebenden Höflichkeit auf den leeren Tisch zu donnern. Doch drüben, im gleichen Wimperschlag und mitten im wildesten Tempo, platzte schrill eine Saite und milderte den niederschmetternden Hall der Männerfaust, und wie ein Echo polterte die Geige in den Kasten. Es war plötzlich still bis in den Hafen hinein.

2

Tidemunt war drauf und dran, sich in diesem Augenblick davonzustehlen. Er fühlte, sein Gesicht hatte die Fähigkeit verloren, freundlich auszusehen. Da jedoch öffnete sich die Tür, Licht ergoß sich, und seine Frau stand da, groß und füllig, dunkel auf goldenem Grund. Ihre Figur hatte sich mit den Jahren der seinen aufs dekorativste angeglichen. Das hatte er oft gepriesen. Nun schien sie erschreckend aufzuragen, und ein halb unterdrückter Aufschrei war vernehmbar. Tidemunt spürte, es klang nicht echt. Er hörte heraus, daß sie ihn längst bemerkt, und sei es durch den Duft der schwarzen Corona, der sich zu ihr durchs Schlüsselloch gefädelt hatte. Nun schaltete sie auch die Lampen des Wohnzimmers ein. Hier war nichts zu verbergen. Sie war in einem grauen soliden Jackenkleid. Als erwache sie aus einer Hypnose, blickte sie auf ihre Armbanduhr und verglich sie mit der Standuhr auf der Kredenz. Dann blickte sie fassungslos auf den ungedeckten Tisch. Es war, als erröte sie vom Kinn herauf, wo der Druck der Geige eine Spur hinterlassen. Sie schüttelte den Kopf, ihr Haar tanzte verwirrt, noch immer strohfarben wie einst. Tidemunt empfand einen trockenen Schmerz unterm Zwerchfell. Sie war im Reisekleid, sie wollte sichtlich von dannen. Er sah es, und sie wußte, daß er es sah. Es war nichts darüber zu reden. „Perchta“, sagte er darum so leichthin und so rasch es ihm von der Zunge wollte: „Am einfachsten gehen wir jetzt irgendwo essen.“

Ihre Züge belebten sich. Ihre runden blassen Augen irrten an ihm vorbei an die vom Dunkel entblößten vier Wände, entlang an dem mancherlei Kleinkram, der aufgescheucht umherstand und umherhing, allerlei exotisches Schnitzwerk, Bastgeflecht, Negerfetische, Amulette, wunderliche Gefäße, Waffen, Löffel und Bootsriemen, was alles um so fremdartiger wirkte, als die Möbel des Raumes äußerst schlicht und einige Ölbilder höchst impressionistisch anmuteten. Tidemunt griff mit einem Ruck ins Jackett und zog einen vergilbten zierlichen Elefanten aus Elfenbein hervor. Er lobte die frühe indische Arbeit und äußerte angestrengt, es handle sich um ein glückbringendes Symbol übermenschlicher Kraft.

Dann schob er das Mitgebrachte zart und bedeutsam über die blanke Ahornplatte des Tisches zu ihr hin, so, als ziehe er eine Verbindungslinie auf dem Reißbrett nach.

Die Geigerin achtete nur flüchtig auf seine Bewegung und sagte, wie sie es so oft gesagt hatte: „Das ist lieb von dir, Arnus.“ Und fuhr dann ohne Übergang klagend fort: „Du mußt verzeihen, wenn du dich heut vernachlässigt findest. Ich war so versessen, das D-dur-Konzert endlich sauber hinzukriegen, aber dieser dritte Satz ...“

Sie stockte, an Tränen schluckend, und er warf begütigend ein: „Allegro giocoso, Perchta, nimms scherzhaft, wie es sein soll! Was schuftest du dich damit ab? Willst du auf Tournee oder wohin geht sonst die Reise?“

Sie fiel ihm ins Wort: „Mir ist nicht scherzhaft. Immer sitz ich hier und warte, und dann kommst du, schlingst dein Essen hinunter und gehst wieder.“

„Und gerade heute wollte ich ...“ Er brach ab, sie nicht zu kränken, brummelte verlegen, er müsse tatsächlich bald wieder ins Büro.

„Mag sein, Arnus“, entgegnete sie: „Heute zufällig wolltest du vielleicht einmal daheim sein, das hast du oft gewollt; aber dann, selbst wenn es möglich war, dich mit ins Theater oder ein Konzert zu lotsen und ein bißchen Nachfeier oder Besinnung fällig gewesen wäre, dann fiel dir plötzlich spät noch etwas ein, irgendeine Kurve, die geändert werden mußte, ein Sandhaufen, der anders zu berechnen war, und du sahst und hörtest nichts mehr und murmeltest kaum eine Entschuldigung und hetztest zurück in dein Amt mitten in der Nacht, und wenn du nach Stunden wiederkamst, warst du mürrisch und zu Tode erschöpft und schliefst hier im Sessel ein, indes ich schon lange schlief oder nicht schlafen konnte und aufwachte oder noch wach lag und dich mit Mühe zu überreden hatte, dich vernünftig niederzulegen. Und früh ging dann die gleiche Hetze von neuem los, Tag für Tag, Woche für Woche, kaum daß ein Sonntag dir notgedrungen etwas Interesse für deine Wohnung oder gar für mich abnötigte ...“

„Ich weiß, Perchta“, murrte er zerknirscht, hob dann aber die Stimme, kam ihr einen Schritt näher, hob auch die Hände ein wenig, diese Hände, die sie zu lieben immer vorgegeben hatte, denn sie waren feiner, als sie eigentlich zu seiner massigen Erscheinung paßten. „Aber jetzt ist es geschafft, mein Deern, nur noch ein paar Nichtigkeiten sind durchzupauken, und auch das ist für die Katz. Die Bagger sind schon beordert, ich werde mich an Ort und Stelle noch einmal von den abgesteckten Vermessungen zu überzeugen haben; es ist alles auf dem Sprung zu beginnen, damit ich endlich einmal Ferien machen kann.“

„Das hast du schon vor einem Jahre gesagt, Arnold“, erwiderte sie, und da sie seinen Namen nicht wie gewöhnlich abwandelte, ermaß er ihre Entschlossenheit, sich nicht zurückhalten zu lassen. Seine Hände, noch eben bereit, sie so zärtlich als besitzanzeigend an den Schultern zu packen, sanken bleiern nieder, indes sie hastig fortfuhr: „Und so wird es immer weitergehen. Du wirst verstehn, daß ich endlich einmal einen anderen Inhalt brauche, als nur von fern und immer ferner von deiner Arbeit zu hören.“

„Ich wollte dich damit verschonen“, antwortete er dumpf.

Sie lachte trübe auf. „Ich weiß, du meinst, ich habe keine Ahnung, und wirklich ist es mir auch gleichgültig, ob der neue Hafen drei oder zehn Kilometer lang wird und die Kaimauern aus Basalt oder Beton oder grünem Käse bestehen. Ich habe keinen Hafen, sondern dich geheiratet.“

„Das ist dasselbe“, knurrte er hilflos.

„Das hast du mir anfangs zu verschleiern gewußt“, sagte sie bitter: „Was bleibt mir denn übrig? Ich hab mich notgedrungen auf meinen Hafen besonnen, und das ist die Musik, und mein Schiff die Violine. Aber hier, in diesem verärgert mithorchenden Haus und in diesem Leerlauf des vergeblichen Bereitseins für dich und zwischen diesen von allen Börtern und Wänden grinsenden Abgeltungen deiner Verbundenheit und dem kalten Andenken deines Zigarrenqualms, hier kann ich nicht spielen, kann nicht üben, kann nicht, kann nicht ...“

Sie begann verhalten zu schluchzen, und dann, im Takt der erstorbenen Geigenschreie, versetzte sie hastig: „Das ist es, dein Mißtrauen, das bedrückt mich all die Jahre schon. Immer hast du von meinem ersten Konzert geschwärmt, bis ich fürchtete, nie wieder so gut spielen zu können und mir selber nichts mehr zutraute und es schließlich ganz aufgab. Aber nun, wo ich in meiner Verlassenheit mein Instrument wieder hervorgeholt habe, da will und muß ich es noch einmal zwingen. Hörst du? Ich muß es noch einmal zwingen, so wie damals, vor zwanzig, vor dreiundzwanzig Jahren.“

Tidemunt, mit niedergeschlagenen Augen, knurrte etwas Trostwilliges. Sie aber blickte ihn an, als wolle er sie hindern, und als spreche sie mit sich selber, sagte sie: „Und darum fahre ich jetzt zu meinem alten Lehrer nach Salzburg. Da wird sich hier jemand freuen, endlich ohne Uhrzeit und Heimweg und Trost-Souvenirs und hilflose Entschuldigungen irgendwo nach Belieben zu essen und meinswegen im Büro zu übernachten.“ In Tidemunt schoß ein Unwetter hoch. Er zwang es nieder und lachte gutmütig: „Aber Perchta, bloß wegen der albernen Doppelgriffe und Dissonanzen ...“

Nun senkte sie die Lider und erwiderte schluckend: „Danach wird es vielleicht wieder weniger langweilig sein zwischen uns.“

Er versuchte, sie zu packen, aber sie wandte sich ab, ging an den kleinen Tisch, wo das Telefon stand, wählte nervös und bestellte eine Taxe. Ihre Stimme war gefestigt. Danach sagte sie über die Schulter hin: „Du wirst verstehen, daß ich deinen Amtswagen nicht privat benutzen möchte.“

„Er ist auch schon weg“, sagte er abgekühlt. Er starrte auf die Asche seiner Zigarre, machte eine Handbewegung, als suche er eine Notbremse, setzte sich dann ächzend wieder in den Sessel. Sie schien auf einen Zornausbruch oder eine Tirade zu warten. Jetzt ein gutes, hartes, klares, erlösendes Wort, dachte er, und sie bleibt. Aber er vermochte das rechte nicht zu finden. Und dann sagte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig: „Vielleicht hast du auch schon längst Ersatz.“

Er schnaufte betroffen. Sie ließ ihm keine Zeit zur Entgegnung. Ein letztes Ventil war gelockert, eine letzte Scheu verflog. Sie warf ihm vor, sein Herz hafte zumindest an irgendeiner Vergangenheit, an ihrer früh verstorbenen Vorgängerin, an der Tochter, die in Kanada geheiratet hatte, an dem Sohn, der aus dem Kriege nicht heimgekehrt war. Und sie beklagte sich — was sie nie zuvor getan — selber keine Kinder zu haben, und warf ihm vor, daß er es nicht entbehre und womöglich bewußt schuld habe.

Tidemunt ließ alles über sich ergehen. Er saß geduckt und regungslos in der Zange der Sessellehnen. Sie schien noch lange nicht zu Ende, indes Tränen über ihre Wangen liefen, aber da schrillte das Telefon, und sie nahm, jäh abbrechend, den Hörer. Tidemunt vermeinte, in der näselnden Muschel ein männliches Organ zu vernehmen. Er hörte seine Frau mit veränderter, mit freundlicher Stimme antworten: „Ja, ja, gut! Zum nächsten Zug bin ich bestimmt rechtzeitig da.“

Danach, ohne das klagende Gespräch fortzusetzen, beeilte sie sich, vorm Spiegel nebenan die Tränenspuren zu tilgen. Zwängte dann die Geigenschachtel in eine graue Regenhülle, setzte einen Hut auf, einen schlichten, aber neuen braunen Filz. Ihr Mann hatte sich wiederum erhoben. Er wollte ihr in den Mantel helfen, kam aber schon zu spät. Man vernahm von der Straße herauf das gellende Taxisignal. „Du trägst mir den Koffer wohl eben hinunter?“ bat sie geschäftig.

Es war kein großes Gepäck. Sie kommt bald zurück, dachte er, und ihm war, als sei er belauert von der fremden Stimme im Telefon. „Hast du denn deine Fahrkarte?“ fragte er: „Und wie ist es mit Geld?“

„Du denkst plötzlich an alles“, lächelte sie, nahm die Geige und ging hinaus. Schon auf der Treppe sagte sie: „Sogar Schlafwagen. Der kleine Lorns hat alles besorgt. Er hat ein paar Bilder an die Amerikaner verkauft und legt es erst aus. Er fährt sowieso nach München, zur Ausstellung.“

Der kleine Lorns war einer ihrer Schüler gewesen, hatte aber umgesattelt. Tidemunt hatte Gemälde von ihm im Kunstverein bewundern müssen, hatte auch eine Landschaft zu Bertas Geburtstag gekauft, und sie hing im Schlafzimmer. Die wilden Meeresstrandstudien im Wohnzimmer waren seine eigenen frühen Erzeugnisse.

Im Hausflur, dort, wo die Töne der Geige dem nach Hause Kommenden so zirpend begegnet waren, drehte die Künstlerin sich leichthin um. „Ich wollte es dir erst im letzten Augenblick sagen, Arnus; wollte dich nicht in deiner Arbeit stören, hätte dir auch lieber einen Zettel hingelegt, als so mit dir zu streiten, und fast hätte ichs überhaupt verschwitzt, wenn du nicht so unversehens gekommen wärst.“

Tidemunt gab den Koffer an den Taximann. Dann sagte er höflich: „Gestritten haben wir nicht, wir waren einseitig deutlich, Berta. Aber ich bring dich trotzdem zum Bahnhof und kann dann gleich weiter ins Büro. Geld schicke ich dir nach Salzburg auf die Post.“

Sie versetzte rasch: „Nein, heute bleibst du zu Haus, gehst in die Küche, dort steht alles, was du für ein vernünftiges Abendbrot brauchst, und Tee steht noch warm auf der Heizung und eine Flasche Bier in der Speisekammer. Nun ... leb wohl und grüß deinen Hafen!“

Sie kam dicht an ihn heran, schob den Schleier hoch, legte die behandschuhte Rechte auf seinen Arm, schnupperte, als wolle sie seinen Tabakduft mit auf die Reise nehmen, und hauchte einen Kuß an sein Ohr hin, stand dann eine Sekunde wie versteint, so, als verpresse sie ein lautes Aufweinen. Schon war er im Begriff, sie ungeachtet des Taxikutschers an sich zu reißen, da löste sie sich, sagte leise und bitter: „Daß es so weit kommen mußte ...“ und verzog sich, den Geigenkasten wie einen Schild vor sich haltend, rücklings in den Wagen.

3

Tidemunt ging wieder hinauf. Er meinte keinen Schmerz zu spüren. Der Zigarrendunst im Wohnzimmer war gemischt mit dem süßlichen Juchtenduft, den sie als Parfüm liebte. Tidemunt stieß das Fenster auf, blickte über die Dächer auf den nächtigen Hafen. Der Reigen der festen und wandernden Lichter dort und deren Spiegelungen, die Konturen der Kaianlagen, Schuppen, Höfte, Molen, Stege, Silos, Kräne und Speicher, das war seine Welt. Er spähte in das ziehende, vom Hafenabschein entzündete Nachtgewölk gen Westen, wo hinter dem Rumor der Werften der Strom ins Breite graute. Dort hinten lag das neue Gelände seiner Planung. Er vermeinte, das Gestöhn der Bagger schon zu vernehmen, die dort in wenigen Tagen anfangen sollten, die neuen Hafenbecken in die Sände und Uferwiesen zu fressen.

Lange stand er da. Schlotqualm beizte herein. Aber hindurch wehte ein Hauch der erwachenden Heidewälder von jenseits des Stromes. Der Wind kam über Süd, noch kühl, als komme er weither von verschneiten Gipfeln. Und diesem Wind entgegen nun knatterte ein Fernzug über die Elbbrücke. Tidemunt dachte es und sah seine Frau im Gespräch mit dem Schlafwagenschaffner. Sie bestellte sich einen Sauerbrunnen und sagte dann dem kleinen Lorns gute Nacht. Ja, gute Nacht! Gute Nacht! ... Tidemunt meinte, das Geräusch der Räder und Geleise trotz des Hafenlärms zu erkennen. Es klang wie eine Salve, die gegen ihn gerichtet war, gegen das in ihm, was er so lange Jahre als unabänderliche Gemeinschaft, als Glück und als Liebe, als ein Beständiges empfunden hatte, als ein geheiligt Gewohntes, das einer Bestätigung nicht bedurft.

4

Sein Arbeitseifer hatte nicht gelitten. Einen Tag lang weilte er mit seinen Beamten und mit den Beauftragten der Bau- und Lieferfirmen bis in die Nacht draußen im Gelände, um die endgültigen Anordnungen für die Errichtung der Werkschuppen, Zufahrtswege und Lagerplätze zu treffen und die schon überall abgesteckten Trassen noch einmal zu überprüfen. Er scheute keinen Dreckspritzer und zog die Herren unermüdlich durch die frühlingsweichen Wiesen, um keinen Meter unbegutachtet und unklar zu lassen.

Er verstand, die immer fröstelnder sich hinter ihm dreinschleppende Schar mit saftigen und grimmigen Redensarten bei Laune zu halten und ließ, als es endlich dunkel wurde, im nächsten Dorfwirtshaus eine gewaltige Mahlzeit auftischen, nicht ohne im gleichen Krug, der zugleich ländliche Gemischtwaren führte, die nötige Anzahl frischer dicker Bauemsocken für die nassen Füße seiner Mitarbeiter und Gäste zu besorgen, soweit sie nicht, wie er selber, in geeigneten hohen Stiefeln gekommen waren.

Den Tag darauf stand er wieder am Reißbrett und saß wieder über seinen Berechnungen, knurrend, pfeifend, qualmend und lebhaft wie je, der abschließenden gewissenhaftesten Revision hingegeben und in die umfänglichen, aber übersichtlichen Tabellen, die den gesamten Arbeitsgang des Vorhabens bis ins kleinste auf volle zwei Jahre enthielten, die allerletzten Feinheiten einfügend.

Und so ging es die nächsten Tage. Nur eben zur Mittagszeit verließ er das Büro und erledigte, was er sonst nie getan, während des Essens noch ausstehende Verhandlungen mit verschiedenen Behörden- und Firmenvertretern. Diese zogen vor, statt im Büro stundenlang zu warten, seinem Tafelbehagen beizuwohnen. Fräulein Macke, seine Sekretärin, hatte unterdessen, halb ehrfürchtig, halb familiär an der Seite des Chefs sitzend, unauffällig die denkwürdigsten Wendungen der Gespräche in Kurzschrift festzuhalten. Und da sie Vegetarierin war und sich mit geringen Mengen begnügte, behielt sie die nötige Muße für ihre Aufgabe. Sie schien dazu da zu sein, die strotzende Naturhaftigkeit des Hafenbaumeisters, die — so sah es aus — jeden Augenblick über die Schranken brechen konnte, durch eine gehaltene Gegenwart sanft davor zu bewahren. Die Kellner begegneten beiden mit einem gemischten Ausdruck von Respekt und Besorgnis.

Nie hatte Tidemunt seine Sekretärin anders als geschäftlich gewürdigt, nie einen Blick oder gar ein Wort an ihre Aufmachung verschwendet. Sie war seit Jahren bei ihm tätig, saß in seinem Vorzimmer, siebte die Besucher, öffnete alle Posteingänge und erledigte das Unwesentlichere selbständig. Unter vier Augen pflegte sie knappe beratende Äußerungen zu wagen, niemals aber in Gegenwart anderer.

Ihre Verläßlichkeit, Pünktlichkeit und Verschwiegenheit hatte Tidemunt als selbstverständlich und nicht der Rede wert hingenommen und auch, sie zum Essen mitzunehmen, keineswegs als besondere Ehre, sondern nur zu seiner Bequemlichkeit gedacht. Nun merkte er, wie ihr Blick unsachlich aufzublühen begann, als melde sich da ein längst fälliger, aber zurückgestellter Anspruch auf offene Anerkennung der Unersetzlichkeit und als sei mit diesen Mahlzeiten privater als gedacht damit begonnen.

Es kam noch etwas anderes hinzu, Fräulein Mackes längst zur Ruhe gelegtes Herz zu bedrängen. Tidemunt hatte sie beauftragt, da er nicht mehr nach Hause wollte, bei einer Wäschefirma das Geeignete zu bestellen und in seinem kleinen Schreibzimmer und Privatbüro, das zwischen seinem Zeichensaal und ihrem Zimmer, dem Vorzimmer lag, das Ledersofa für notdürftige Übernachtung herzurichten.

Und so hauste er auch des Nachts wie ein Feldmarschall neben seinen Schlachtplänen; der Vergleich stieg ihm selber auf, und er überlegte, was denn so ungeheuer friedlich an dem sei, was er da baute anstatt zu zerstören. Es wird die Zerstörer locken, sagte er sich, es wird die Friedlichen veranlassen, es in hitzigem Wettbewerb solange zu mißbrauchen, sich zu bereichern und andern den Wind aus den Segeln zu nehmen, bis es denen zuviel wird und sie zu Gegenmaßnahmen hinreißt und der Krach da ist und alles wieder vor die Hunde geht und — wenn noch einer nachbleibt — der Turnus von neuem anläuft. Er fand es witzig, daß er dennoch so zäh dabei blieb. Er hatte so sonderbare Zweifel wie jetzt über seine Arbeit nie gefühlt. Und gedachte deswegen doch nicht, sie zu vernachlässigen.

5

Es ging heiß her in dieser bemerkenswerten Woche. Nirgends vernahm man außerhalb der Pausen das Knittern von Butterbrotpapier oder sah jemanden sich auf die Korridore zu raschem Verbrauch einer Zigarette verdrücken. Während der Bürozeit zu rauchen, war Vorrecht des Chefs. Wohl kam er kaum öfter als sonst durch die Säle gebraust. Aber es strahlte etwas Unheimliches von ihm aus und war überall.

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