Die Spur des Tel - Jo Zybell - E-Book

Die Spur des Tel E-Book

Jo Zybell

4,8

Beschreibung

Die gigantischen goldenen Statuen, die auf einigen Planeten gefunden wurden, stellen eines der größten Geheimnisse des Universums dar. Auf der Jagd nach der Lösung dieses Rätsels stößt Ren Dhark auf Die Spur des Tel.

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Ren Dhark

Bitwar-Zyklus

 

Band 3

Die Spur des Tel

 

von

 

Uwe Helmut Grave

(Kapitel 12, 14, 16, 18, 20)

 

Achim Mehnert

(Kapitel 11, 13, 15, 17, 19)

 

Conrad Shepherd

(Kapitel 2, 4, 6, 8, 10)

 

Jo Zybell

(Kapitel 1, 3, 5, 7, 9)

 

und

 

Hajo F. Breuer

(Exposé)

Inhalt

Titelseite

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

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Impressum

Prolog

Im Frühsommer des Jahres 2062 gehen drei ruhige Jahre des Aufbaus für die Erde zu Ende. Mit dem aus der Galaxis Orn mitgebrachten Wissen ist es den Menschen erstmals vergönnt, Ovoid-Ringraumer der neusten Entwicklungslinie zu bauen. Doch keinem dieser neuen Schiffe und nicht einmal der legendären POINT OF ist es noch möglich, die Galaxis der Worgun anzufliegen. Irgend etwas verhindert jeden weiteren Kontakt…

Ren Dhark ist nicht länger Commander der Planeten. Dieses Amt bekleidet nun Henner Trawisheim. Eine seiner ersten Amtshandlungen war es, Ren Dhark als Belohnung für dessen unzählige Verdienste um die Rettung der Menschheit zum privaten Eigentümer der POINT OF zu ernennen. Trawisheim glaubte, den unvergleichlichen Ringraumer auch in Zukunft für die Zwecke der terranischen Regierung einsetzen zu können, denn der Unterhalt eines Schiffes dieser Größe übersteigt Ren Dharks finanzielle Möglichkeiten bei weitem.

Doch der Großindustrielle Terence Wallis, der auf der im Halo der Milchstraße gelegenen Welt Eden seinen eigenen Staat gegründet hat, zog Trawisheim mit der Einrichtung der POINT OF-Stiftung einen dicken Strich durch die Rechnung. Denn die großzügigen Finanzmittel der Stiftung schenken Ren Dhark völlige Unabhängigkeit.

Und so bricht er im Frühjahr 2062 zu einem Forschungsflug nach Babylon auf, um endlich das Geheimnis des goldenen Salters ohne Gesicht zu lösen, der dort nun schon mehr als tausend Jahre im Vitrinensaal unter der ebenfalls goldenen Gigantstatue eines Menschen ohne Gesicht ausgestellt ist. Die Spur führt auf die vom Atomkrieg verseuchte Welt der Kurrgen – als die POINT OF einen Notruf erhält: Unbekannte Raumschiffe greifen die Zentralwelt der heute mit den Terranern verbündeten Grakos an. Die auf Grah stationierten Schiffe älterer Bauart sind für den unheimlichen Gegner keine echte Bedrohung. Als Ren Dhark eine Flotte hochmoderner neuer Ovoid-Ringraumer ins Gefecht führt, kommt es zu einer erbitterten Schlacht im All: Der unbekannte Gegner ist wesentlich stärker als vermutet!

Doch schließlich flieht er mit unbekanntem Ziel, und Ren Dhark kann seine Suche nach dem Geheimnis der Goldenen fortsetzen. Die führt ihn zurück auf die Welt der Kurrgen. Zwei Gruppen haben in einem Bunker bzw. in einem Unterwasserkomplex überlebt. Doch dann holt die eine zum letzten, alles entscheiden Atomschlag aus…

Auf Grah soll eine Einheit der Schwarzen Garde die Trümmer der Roboter untersuchen, welche die Fremden zurückließen. Da nähern sich unbekannte Schiffe dem System – und verschwinden wieder. Die Gardisten folgen den Fremden, die über ein völlig andersartiges Antriebskonzept zu verfügen scheinen, mit der HAMBURG. Auf einem scheinbar verlassenen Planeten stoßen sie auf ein Kommando der Utaren, das sich an den Hinterlassenschaften eines verschwundenen Volkes zu schaffen macht. Schon sind die Fremden, die mittlerweile den Namen »Greys« bekommen haben, heran. Offenbar gehörte der Planet ihnen, und sie wollen ihn nicht hergeben. Ohne Vorwarnung schießen sie die HAMBURG ab…

Etwa zur gleichen Zeit hat der legendäre Raumfahrer Roy Vegas, der einst als erster Mensch den Mars betrat, das Kommando über das neue Flottenschulschiff ANZIO übernommen. Der erste Ausbildungsflug führt das Schiff und seine Besatzung auf den öden Wüstenplaneten Sahara. Doch hier machen die Raumsoldaten eine Entdeckung von ungeheurer Tragweite: In einer Höhle entdecken sie eine Einrichtung, die man nur als Jungbrunnen bezeichnen kann. Doch es gibt Kräfte auf Sahara, die diese unglaubliche Entdeckung für sich behalten wollen. Es kommt zum Kampf – und zu einer gigantischen Explosion…

1.

Er schwang sich aus dem Antigravschacht und empfand im selben Augenblick jenes Schaudern, das einen Menschen überkommt, wenn ihn etwas wirklich Großes und Erhabenes berührt. Nun ja, Sergio Scaglietti war bekannt für seine Begeisterungsfähigkeit, um es einmal höflich auszudrücken. Und jetzt, da er hinter Scott die Galerie betrat und das Herz des Schiffes vor ihm lag, fühlte er sich ein wenig an früher erinnert, an gewisse Sonntage seiner Kindheit, wenn er an der Hand seiner Großmutter den Dom von Messina betrat. Ja, wirklich – auch da war ihm immer zumute gewesen, als würde etwas Großartiges ihn empfangen, etwas, dem man nicht anders als mit Andacht begegnen konnte. Meistens rauschte die Orgel schon, weil seine Großmutter unterwegs wieder tausend Leute getroffen hatte, mit denen sie noch plaudern mußte. So zog sie ihn fast immer auf den letzten Drücker durch das große Portal in den Dom, und manchmal stand sogar schon der Erzbischof hinter dem Altar.

Hier, im Allerheiligsten der POINT OF, tosten zwar keine Orgelklänge, aber es lag ein kaum wahrnehmbares Summen in der Luft. Auch herrschte ein ähnlich gedämpftes Licht wie früher während der Messe. Die drei, die hinter Sergio aus dem Antigravschacht stiegen, sprachen erst leiser und verstummten dann ganz; genau wie Großmutter und er immer leiser sprachen oder ganz verstummten, wenn sie den Dom betraten.

»Hier bring ich dir unsere Stifte«, sagte Arly Scott in seiner gewohnt knurrigen Art an die Adresse der Frau, die ihnen lächelnd entgegenkam. Und dann, an die vier Fähnriche gewandt: »Und ihr spitzt schön die Ohren, klar?« Als gingen ihn die vier ab sofort nichts mehr an, lehnte Scott sich über die Brüstung und blickte hinunter in die Zentrale.

Dort standen eine Menge Leute um den Sessel, die Instrumentenkonsole und die Bildschirme eines Mannes, den Sergio für den Aufklärungsoffizier aus Mailand hielt; und es war der Aufklärungsoffizier aus Mailand. Sergios Herz machte einen Sprung, als er den weißblonden Schopf des verehrten Commanders unter den Männern und Frauen entdeckte.

»Hallo, wir kennen uns ja schon.« Die Frau, blond, herrlich gebaut – dafür hatte Sergio einen unbestechlichen Blick – und irgendwo Mitte dreißig, drückte ihnen die Hand und spähte dabei auf ihre Namensschilder. Klar, man konnte sich ja nicht auf Anhieb die Namen sämtlicher Neuen merken. Mary-Lou Bakerfield lächelte ihr kühles Lächeln, Timothy Nash, der kahlköpfige Schönling, errötete leicht und nahm Haltung an, und der für einen Offiziersanwärter der terranischen Raumflotte ungewöhnlich massige Bastjan Vanhaaren grinste und wollte die Hand der Chefmathematikerin gar nicht mehr loslassen.

Als Anja Riker zuletzt Sergio begrüßte und er zu ihr aufsah, verschlug es ihm kurz den Atem, denn alles, was er über die Augen von Mrs. Riker gehört hatte, stimmte: Sie waren schlicht und ergreifend bezaubernd.

Auch mit weiblichen Augen kannte sich Sergio Scaglietti übrigens extrem gut aus.

»Kommen Sie bitte.« Dr. Riker drehte sich um und wies auf die Türen gegenüber der Balustrade. Vanhaaren und Nash beeilten sich, an ihrer Seite zu bleiben; der schöne Nash noch immer so steif, als wäre ein Teleskopstab in seinem Körper auseinandergesprungen, als die Riker ihm die Hand gedrückt hatte. »Hier die sanitären Anlagen«, sagte sie, »danach die Privaträume des Commanders und des Ersten Offiziers…«

Täuschte Sergio sich oder sprach auch sie in gedämpfter Tonlage? Und merkwürdig: Sie trug keine Uniform, keinen weißen Labormantel, auch keinen Overall oder etwas in der Art, sondern eine ziemlich enge Freizeithose und einen noch engeren bunten Wollpulli. Er dagegen hatte seine Kombi extra noch mal gebügelt vor diesem Termin. Aber im Gegensatz zu Anja Riker, die wie die gesamte Stammbesatzung der POINT OFZivilistin war, gehörte Sergio als Kadett zur Terranischen Flotte. Er war einer der Besten seines Jahrgangs; die Ausbildung auf dem legendären Ringraumer, für die die TF teuer bezahlen mußte, war eine ganz besondere Auszeichnung für ihn.

Er spähte hinunter, während er neben Mary-Lou den anderen folgte. Im zentralen Kugelhologramm sah man den Planeten, um den die POINT OF seit zwei Tagen kreiste. Sergio erkannte einen Ozean in den Lücken der Wolkendecke. Den Namen des Planeten hatte er vergessen – hatte er überhaupt einen Namen? – er wußte nur, daß ihn eine humanoide Spezies bevölkerte, die sich »Kurrgen« nannte, und daß ein fünfköpfiges Kommandounternehmen dort unten unterwegs war. Es suchte Vertreter einer der beiden einst mächtigen Nationen, die den Planeten vierhundert Jahre zuvor in atomaren Schutt und radioaktive Asche gelegt hatten. Soviel hatte Sergio natürlich mitbekommen. Die Versammlung um den Ortungsoffizier machte keinen besonders entspannten Eindruck, so kam es ihm jedenfalls vor.

Selbstverständlich hatte der Sizilianer die Kommandozentrale schon einmal von innen gesehen – immerhin brach bereits die vierte Woche seines Ausbildungseinsatzes auf dem legendären Ringraumer des berühmten Commanders an –, allerdings nur dreimal und immer nur für wenige Minuten. Jedesmal bekam er eine Gänsehaut, und jedesmal klopfte ihm das Herz.

Daß er erst heute gründlicher in die Geheimnisse der Kommandozentrale eingeführt wurde, lag wohl vor allem am Ausbildungsschwerpunkt des Fähnrichs Sergio Scaglietti: Wenn er die POINT OF wieder verließ, würde er sämtliche gängigen Waffensysteme beherrschen. Einen Flash steuerte er jetzt schon im Schlaf. Mit anderen Worten: Seine Ausbildungsmentoren waren seit vier Wochen die Flashpiloten Pjetr Wonzeff und Arly Scott und der schweigsame Erste Offizier des Gefechtsstandes, Jean Rochard. Sergio kam nur selten aus den Beiboothangars und der Waffenleitzentrale WS-Westin diese Edelregion des Ringraumers.

Dr. Riker blieb vor einer halbröhrenförmigen Wandnische stehen, drei Meter hoch und anderthalb Meter im Durchmesser. »Und das hier ist einer unserer Ringtransmitter…« Weiße, halbtransparente Kacheln kleideten die Innenwand der Transmitterröhre aus, dahinter sah man verschwommen ein Geflecht dunkler Drähte. Eine Kuppel schloß das Gerät oben ab, unter ihrem Zenit hing eine metallen glänzende Kugel, aus der zahllose goldfarbene Sensoren ragten. Der Boden funkelte kristallin und sah aus wie eine teure Tortenplatte. »Ich nehme an, Sie alle haben die erste Erfahrung der Ent- und Rematerialisierung bereits hinter sich.«

Die jungen Fähnriche bestätigten, auch Sergio – im Winter 2060 hatte er mit seiner damaligen Freundin Urlaub auf dem Planeten Eden gemacht. Dorthin reiste man in der Regel per Transmitter. Er lehnte sich gegen die Balustrade. Aus den Augenwinkeln nahm er die Hektik wahr, die da unten vor der Bildkugel ausgebrochen war.

»Und der Transmitter hat tatsächlich deine paar Moleküle wieder einsammeln können?« Bastjan Vanhaarens breites Gesicht wurde noch breiter, wenn er feixte, und jetzt feixte er. Mary-Lou lächelte kühl, und der schöne Nash grinste verkrampft. Vanhaaren stand im Ruf, ein Witzbold zu sein, und Sergio vermutete, daß er gerade einen Scherz hatte machen wollen, der auf sein Federgewicht und seine geringe Größe anspielen sollte. Er lächelte tapfer.

Auch Anja Riker lächelte, ziemlich spöttisch allerdings. »Da hätte ich eher bei Ihnen Bedenken, Mr. Vanhaaren. In seltenen Fällen tun sich die Transmitter mit Fettmolekülen etwas schwer.« Sie reckte den Hals Richtung Balustrade, dort unten wurde auf einmal ziemlich laut gesprochen. »Meines Wissens gab es Mitte der fünfziger Jahre sogar zwei Verluste von Übergewichtigen. Sie gingen in die Transmitter, wurden entmaterialisiert, und niemand sah sie je wieder…« Der Fähnrich aus Roermond senkte den Blick, und die Bakerfield konnte plötzlich richtig nett lachen.

Sergio Scaglietti trennten übrigens nur noch drei Tage von seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag. Er hatte Hochenergietechnik und Physik studiert und in letzterem Fach promoviert. Er benutzte Haarspray und trug seine dichte Lockenmähne grundsätzlich reichlich wild und voluminös gestylt, außerdem auffällig hochtoupiert. Seine Großmutter hatte ihm dazu geraten. »Diese Frisur macht dich ein wenig größer, mein Junge«, hatte sie gesagt.

Anja Riker wirkte plötzlich merkwürdig beunruhigt, sie trat an die Balustrade. Etwas stimmte nicht dort unten. Die Spannung war jetzt mit Händen zu greifen. »Was ist denn los?«

»Eine ballistische Rakete!« rief jemand von unten herauf. »Nuklearer Sprengkopf!«

Die blonde Frau wurde leichenblaß. Ohne sich weiter um die Offiziersanwärter zu kümmern, stürmte sie die Wendeltreppe hinunter, die Fähnriche hinterher. »Was hat sie denn?« hörte Sergio den Kollegen Nash hinter sich flüstern.

»Sie hat Angst«, antwortete Mary-Lou Bakerfield. »Ihr Mann führt die Landungstruppe an.«

»Dan und seine Jungs!« rief jemand. »Die Rakete gilt dem Unterseeboot!« Dan Riker und sein Aufklärungstrupp hielten sich auf dem U-Boot auf. »Gefechtsstand an Commander…!« Drunter und drüber ging es plötzlich, alle schrien durcheinander. »Wie soll ich das Miststück aus der Position denn treffen…!« Sergio erkannt die Stimme seines Ausbilders an den Waffensystemen, sie brüllte aus der Bordsprechanlage.

»Commander an alle, festhalten…!« Kaum erreichte Sergio die untere Ebene, ging ein Ruck durch das Schiff. Er taumelte, konnte sich aber am Geländer festhalten. Vanhaaren jedoch, der gerade die letzte Stufe betrat, stolperte und schlug lang hin…

*

Wieso hörte er das Triebwerk nicht mehr summen? Dan Riker arbeitete sich durch eine enge Kriechröhre. »Scheiße!« Legte das U-Boot etwa schon an der Kuppelschleuse der Unterwasserstadt an? »Himmel, nein!« O doch, es gab keine andere Erklärung! Riker fluchte und keuchte. Er stieß sich Schultern und Knie wund, so schnell kroch er durch den Tunnel, ständig schlug der zurückgeklappte Helm seines Schutzanzuges gegen die Röhrenwand. Endlich mündete der schmale Tunnel in einen etwas breiteren und höheren Gang. Riker stand auf, spurtete los, vorbei an Luken und Handkurbelrädern, unter Rohren und Kabelsträngen hindurch. Er dachte an Terra, er dachte an Anja, beide wollte er noch einmal wiedersehen! Er wollte noch lange nicht sterben, verdammt noch mal! Er brüllte so laut, als könnte er mit seinem Gebrüll den Tod und die anfliegende Rakete erschrecken. Der Funkspruch des Commanders hatte ihm seine an sich stabile und optimistische Gemütsverfassung geraubt. Alles umsonst gewesen! Alles vorbei! »Verdammte Scheiße!«

Ein Matrose lag reglos vor der Luke der Kommandobrücke. Dan sprang über ihn. »Gottverdammte Scheiße!« Er stieß die nur angelehnte Luke auf, lehnte gegen den Lukenrahmen, rang nach Luft. »Eine Atomrakete…!« keuchte er und merkte im selben Moment, daß der Minitranslator am Brustteil seines Schutzanzuges nicht aktiviert war. Er schlug mit der flachen Hand darauf. »Noreg, dieser Scheißkerl, hat eine schwere Nuklearrakete abgeschossen!« Jetzt übersetzte das Gerät in die Sprache der Kurrgen. »Ist unterwegs zu uns! Muß jeden Moment einschlagen…!«

Der Kapitän der TANAR, ein bulliger Kurrge namens Perdon, fuhr herum. Der Funker, neben dessen Arbeitsplatz er stand, sprang auf und machte ein Gesicht, als würde ihm gleich der Schädel platzen. Artus, zu Rikers Überraschung ebenfalls auf der Kommandobrücke, drehte langsam seinen Metallschädel. »Was sagen Sie da…?« flüsterte Perdon. »Eine ballistische Rakete…? Auf uns…?« Grau wie sein Schutzanzug wurde sein breites Gesicht. Riker sah ihm an, woran er dachte: An seine Heimat dachte er, an die unterseeische Stadt da draußen unter der Schutzkuppel und an die Abertausende seines Volkes darin, und an seine Liebste vermutlich, genau wie er selbst.

»Und warum schießen eure tollen Freunde da oben im Weltall das Ding nicht ab?!« Wut verzerrte auf einmal Perdons Gesicht. »Ich dachte, ihr seid uns technisch so wahnsinnig überlegen?!«

»Schreien Sie mich hier nicht an, Mann!« blaffte Riker zurück. »An den Ortungsgeräten waren sie so sehr mit unserer Überwachung beschäftigt, daß sie kein Auge mehr für die andere Seite Ihres maroden Planeten übrig hatten. Und jetzt ist die Schußposition einfach nur noch beschissen…!«

»Ein Peiltorpedo«, schnarrte Artus. »Er hat sich von der Bordwand der TARANTOR gelöst und ist dem Schraubengeräusch der TANAR gefolgt…«

»Was redest du, Maschine!« Perdons Stimme zitterte plötzlich. »Wir haben es doch eliminiert…«

»Sein Signal hatte uns längst verraten, Kurrgenschädel!«

»Wir müssen aussteigen!« Der Funker wollte losrennen, sein Kapitän hielt ihn fest. »Wir müssen doch die Kuppelzentrale alarmieren! Unsere Leute müssen evakuiert werden…!« Der Kurrge war außer sich.

»Viel zu spät!« stöhnte Riker. »Die verfluchte Rakete hat längst ihren Zenit überschritten! Ein paar Minuten höchstens noch, dann ist sie….!« Was für ein Unglückstag! Erst am Hafen der Schuß auf ihn, dann die Explosion auf der TARANTOR, und jetzt das! Dan Riker kam sich vor wie ein Mann, der mit knapper Not einem Kampfhund entkommen war, dabei in einen Abgrund zu stürzen drohte, und sich gerade noch festhalten konnte – an einem Starkstromkabel. »Koppeln Sie Ihr Schiff von der Schleuse ab!« schrie er. »Versuchen wir, soviel Distanz wie möglich zwischen uns und die Kuppelstadt zu bringen!«

»Sinnlos…« Der Kapitän sank in den Sessel des Funkers – von einer Sekunde auf die andere ein gebrochener Mann. »General Noreg verschießt keine Wunderkerzen, kapieren Sie das? Selbst wenn eine seiner schweren Atomraketen uns um fünf Kilometer verfehlen würde – die Druckwelle der Explosion würde nicht nur die Kuppelkolonie, sondern auch jedes Unterwasserfahrzeug im Umkreis von achtzig, neunzig Kilometern zerstören…« Er verbarg das grobschlächtige Gesicht in seinen großen Händen. »Es ist vorbei…«

Der Funker ballte die Fäuste, biß hinein und murmelte Sätze, die zu leise und zu verwaschen waren, als daß der Translator sie zu übersetzen vermochte. Am Lukenrahmen entlang rutschte Dan Riker auf den Boden. Artus setzte sich in Bewegung. »Ich versuch’s wenigstens…« Er stapfte an Dan Riker vorbei. »Mein Körper ist stabil, vielleicht hält er die Explosion aus…«

»Mach dir nichts vor, Blechmann!« brüllte der Kapitän hinter ihm her. »Hab ich nicht eben gesagt, daß nicht mal ein U-Boot…?« Er unterbrach sich und winkte ab.

Riker hob den Arm, um sein Vipho zu aktivieren, vielleicht blieb ihm wenigsten die Zeit, sich von Anja und Ren zu verabschieden. Ren Dharks Gesicht jedoch erschien auf dem Minibildschirm, noch bevor er die Taste berührt hatte. Gleichzeitig tönten schrille Pfeiftöne aus dem Funkmodul des U-Boots. Kapitän Perdon zuckte zusammen und griff nach den Kopfhörern. Hastig zerrte er sie über seinen Schädel. »TANAR hört«, bellte er in das Mikro, und dann konnte Riker zusehen, wie seine Gesichtszüge sich entspannten. »Danke!« Er riß sich die Kopfhörer ab. »Die Kuppelzentrale! Die Rakete ist von den Radarschirmen verschwunden!«

»Bitte?« Riker sprang auf. »Komm zurück, Artus!« Er starrte auf sein Vipho. »Wie habt ihr das geschafft, Alter!?«

»Mit einem waghalsigen Flugmanöver und einem Duststrahl«, sagte Dhark. »Aber buchstäblich in letzter Sekunde.« Riker sah seinen Freund tief durchatmen und den Kopf schütteln. »An Bord haben jetzt ein paar Leute blaue Flecken und lädierte Gelenke, und auf der idyllischen Kurrgenwelt fliegt statt einer Interkontinentalrakete eine radioaktive Staubwolke ins Meer.«

»Gott sei Dank!« Riker wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich sah schon das andere Ufer des Jordans!« Irgendwo hinter ihm im Gang stampfte Metall über Metall. Artus kam zurück.

»Tut mir leid, Dan. Wir hatten uns ganz darauf konzentriert, eure aktuelle Position und eure Umgebung zu überwachen, und plötzlich zeigt uns der Checkmaster die Rakete am Horizont.«

»Schon okay, alter Freund.« Mit einer Geste gab Dan Artus zu verstehen, daß die Gefahr gebannt war. »Wer rechnet denn auch mit ballistischen Geschossen? Der Teufel soll diesen verdammten Noreg holen!«

»Ich knöpf ihn mir vor, Dan! Verlaß dich drauf…!«

»Was hast du vor, Mann?«

»Irgendwas lasse ich mir schon einfallen, da mach dir mal keine Sorgen, alter Freund!«

»Paß bloß auf, Ren! Ich habe dir das Kommando für den Spähtrupp nicht abgeschwatzt, damit du dir einen noch größeren Scheißhaufen zum Reintreten ausguckst. Ist das klar?«

»Schon klar, Junge. Und ihr macht weiter da unten, okay?« Riker brummte zustimmend. Dharks Antwort beruhigte ihn nicht besonders. »Versucht Kontakt zu den Häuptlingen dieser Kuppelgesellschaft zu bekommen. Wir müssen herausfinden, warum der Gigasender auf Babylon ausgerechnet diesen verwüsteten Planeten angepeilt hat.«

»Das werden wir, Ren. Und wenn sie hier keine Ahnung von Gigasendern und Babylon haben, werden sie wenigstens etwas von goldenen Skulpturen ohne Gesichtern gehört haben. Das verheißt mir meine innere Stimme.« Der Kapitän blickte auf. Er merkte, daß über seinesgleichen gesprochen wurde.

Auf dem Vipho blickte Ren Dhark zur Seite. »Einen Moment noch, Dan, deine Gattin wünscht dich zu sprechen. Sie glaubt immer noch nicht, daß sie doch keine Witwe geworden ist…«

Inzwischen hatte sich Rikers restliche Truppe vor der Luke zu Kapitän Perdons Brücke versammelt. Leutnant Hornig, Fähnrich Häkkinen und Percival »Val« Brack, der Cyborg. »Was ist passiert?« fragte Hornig. »Ist euch schlecht? Ihr habt so grüne Gesichter.«

»Erstens habe ich niemals weder ein grünes noch ein bleiches Gesicht«, verkündete Artus in der ihm eigenen Unaufgeregtheit. »Dergleichen kann mir einfach nicht passieren. Und zweitens habt ihr etwas Unbezahlbares verpaßt.« Die drei runzelten die Stirn, ihre Gesichtszüge verwandelten sich in Fragezeichen. »Ihr wart hundertfünfzig Sekunden lang so gut wie tot…«

*

Große Erleichterung herrschte in der Zentrale der POINT OF. Zunächst in der Gruppe um Tino Grappa an der Ortung. Von dort sprach sich die Sache blitzschnell in der ganzen Zentrale herum – zuerst das jähe Auftauchen der Nuklearrakete und dann ihre Vernichtung. An allen Arbeitsplätzen erhob sich lautes Stimmengewirr, man schlug sich auf die Schultern, umarmte sich gar. Einige rieben sich allerdings noch die Knie oder die Schädel oder den Hintern. Dharks Blitzmanöver hatte den einen oder anderen zu Boden gerissen oder gegen Wände, Konsolen und festmontierte Sessel geschleudert. Um die Rakete doch noch rechtzeitig abfangen zu können, hatte der Commander das Schiff mit Notleistung fast aus dem Stand heraus mit Irrsinnswerten beschleunigt. Die Andruckabsorber hatten erst einen Millisekundenbruchteil zu spät reagieren können, weil ihnen nicht genug Energie zur Verfügung stand. Die kurzfristig durchbrechenden Andruckkräfte waren nicht wirklich gefährlich, hatten aber den einen oder anderen, den sie unvorbereitet überraschten, von den Füßen gerissen.

Anja Riker sprach über Bordfunk mit ihrem Mann. Drei Fähnriche standen ein wenig verloren um einen vierten, der sich ächzend auf die Knie stemmte. Grappa hing in seinem Sessel wie ein angezählter Boxer in den Seilen. Er haderte mit sich, weil er die Rakete nicht rechtzeitig geortet hatte. Chris Shanton versuchte ihn aufzurichten.

Der Commander aber war einfach nur zornig. »Noreg, dieser verfluchte Hund!« Er schlug sich mit der Faust gegen den Handballen. »Ein verdammter Mörder und ein General von Mördern!« Er tigerte zwischen Bildkugel und Kommandostand hin und her. »Ihren ganzen Planeten haben sie kaputtgebombt! Auf dem Meeresgrund müssen sie leben wie die Muschelkrebse! Unter der Erde wie die Maulwürfe! Und dieser wahnsinnige Hohlkopf macht immer noch weiter!«

Nach und nach verebbten die Gespräche. Männer und Frauen verfolgten den Wutausbruch ihres Kommandanten. Die Fähnriche hatten sich auf die ersten Stufen der Wendeltreppe zurückgezogen. Allzu oft kam es auf der POINT OF nicht vor, daß man den Chef explodieren sah.

»Ich hätte ihn umgebracht, wenn er Riker und seine Leute erwischt hätte, das schwöre ich euch! Scheißkerl, verdammter! Wozu trägt so einer ein Hirn mit sich herum?!« Dhark stieg auf den Kommandostand und warf sich in seinen Sessel.

»Wahrscheinlich kam er mit einem nuklearen Sprengkopf unter der Schädeldecke zur Welt«, sagte Manu Tschobe und machte ein todernstes Gesicht dabei. Doorn und Shanton grinsten, und Ren Dharks Wut kühlte ein wenig ab. »Der Bursche braucht eine Lektion.« Dhark schlug die Beine übereinander. »Und er kriegt eine Lektion!« Er stützte das Kinn auf die Faust und grübelte.

»Willst du runterfliegen und seine Bergbunkertür eintreten?« fragte Amy.

»Keine schlechte Idee eigentlich«, murmelte Dhark.

»Davon würde ich abraten«, ließ der Checkmaster sich vernehmen und begann seine Argumente abzuspulen. »Erstens: Einem Individuum, das trotz zerstörtem Lebensraum weiterhin derartige Waffen einsetzt, muß grundsätzlich irrationales und somit gefährliches Verhalten unterstellt werden. Zweitens: Ein Individuum, das unsere technische Überlegenheit kennt und dennoch…«

Dhark hörte nicht zu. Den Blick auf die Bildkugel gerichtet, wo die Wolken über einen Ozean der Kurrgenwelt trieben, dachte er nach. Irgendwann stand er auf, ging in die Mitte der Zentrale und sah zur Galerie hinauf. Dort lehnte ein gutes Dutzend Männer und Frauen über die Balustrade. Unter ihnen der Mann, dessen Gesicht Dhark Minuten zuvor schon erkannt hatte. »Hey, Arly Scott – habe ich doch richtig gesehen. Hören Sie, Arly, ich brauche Flash 003. Machen Sie mir die Maschine fertig, okay?«

»Aye, Commander.« Scott grüßte lässig, stieß sich von der Brüstung ab und marschierte Richtung Antigravschacht.

»Hey, Ren, was hast du vor?« Amy stand aus ihrem Sessel vor dem Funkmodul auf und ging zu ihm hin.

»Ich werde da runtergehen.« Dharks ausgestreckter Arm stach Richtung Bildkugel und dem Planeten der Kurrgen. »Ich werde da runtergehen und Noreg den Nuklearsprengkopf hinter der Stirn entschärfen.«

»Das wirst du nicht tun!« Die Fäuste in die Hüften gestemmt, baute sie sich vor ihm auf.

»Man muß ihm aufs Maul schlagen, sonst kommt diese Welt da unten nie mehr zur Ruhe! Also gehe ich runter und schlage ihm aufs Maul!«

»Du warst schon unten bei General Noreg und hast keine besonders gute Figur gemacht!« Alle lauschten atemlos. Niemand sonst hätte sich erlaubt, den Commander derart zu provozieren, nur seine Freundin durfte sich das herausnehmen. Jeder an Bord wußte ja, wer den Commander samt der ersten Landungstruppe aus den Kerkern des Betonkopfs Noreg herausgehauen hatte: Amy Stewart, sie allein.

Ren Dharks Augen blitzten. Er preßte die Lippen zusammen, und für einen Moment sah es nach Wutanfall Teil II aus. Aber er wandte sich ab und sagte nur: »Ich brauche einen Prallfeldgenerator, so ein Ding, das man zur Not tragen kann.« Arc Doorn nickte und beugte sich über sein Mikro. »Sie sollen den Generator gleich an Bord der 003 schaffen.« Doorn gab den Wunsch des Kommandanten an die Ausrüstungsverwaltung weiter. Amy Stewart seufzte so laut, daß sie es auch oben auf der Galerie hören konnten. Sie resignierte.

»Und dann brauche ich…« Ren Dhark drehte sich langsam um sich selbst, seine Blicke wanderten über die Männer und Frauen in der Zentrale und oben auf der Galerie. »Und dann brauche ich jemanden, der mit mir geht.«

»Ich gehe mit«, sagte Amy. »Was fragst du noch!«

»Nein, nein, mein Herz.« Er berührte sie an der Schulter, flüchtig, aber mit zärtlicher Geste. »Ich brauche jemanden, der…« Sein Blick fiel auf die Gruppe der Fähnriche. »Genau.«

Er ging auf die vier Offiziersanwärter zu. Bastjan Vanhaaren trat plötzlich von einem Fuß auf den anderen, Timothy Nash nahm Haltung an, Mary-Lou Bakerfield versteckte sich hinter lässigem Lächeln, und der zierliche Sizilianer zog seine buschigen Augenbrauen hoch. Auf ihn deutete der Commander. »Ich brauche einen wie Sie!«

»Sir?« Sergio Scaglietti tippte sich an die Brust und blickte nach links und rechts, erst zu Nash, dann zur Bakerfield. »Mich?« Er schien an eine Verwechslung zu glauben.

»Ja, Mann! Sie sind doch der Physiker, den Scott und der Erste Waffenoffizier unter ihre Fittiche genommen haben, Sergio Scaglietti.«

»Ja, Sir, der bin ich.« Sergio lächelte nach links und rechts, aber weder Mary-Lou noch die beiden Männer lächelten zurück. »Also, Sie meinen wirklich, ich soll mit Ihnen…«

»Einen kleinen Ausflug zu diesem Gammastrahlenplaneten machen, genau.« Mit einer Kopfbewegung deutete Ren Dhark zum Hologramm und der Kurrgenwelt in seinem Zentrum. »Wir besuchen General Noreg und plaudern ein wenig mit ihm.« Der Commander legte dem Sizilianer die Hand auf die Schulter, blickte auf ihn und seine wilde Schwarzlockenmähne hinunter und schnitt eine unternehmungslustige Miene. »Was ist, Scaglietti – fliegen Sie mit mir?«

»Klar, Sir!« Sergio sah hinauf in die braunen Augen des verehrten Mannes. Einen Moment hatte er geglaubt, nicht recht zu hören. Jetzt kam er sich vor, als hätte das Schicksal oder ein Gott oder der Papst persönlich seinen Geburtstag um drei Tage vorgezogen. »Klar fliege ich mit Ihnen!«

*

Gigantische Greifarme hatten die TANAR umklammert und zogen das U-Boot in die Schleusenkammer. Dan Riker hing am Periskop. Hinter ihm standen Brack, Häkkinen und Hornig. Alle waren sie gleichermaßen scharf darauf, einen Blick auf das Innere der Kuppel werfen zu können, aber keiner traute sich, den Kommandeur um den Platz am Periskop zu bitten.

Ein Problem, das Artus nicht drückte – er hatte sich drahtlos in die relativ primitive Elektronik des Bordrechners eingeschaltet. Sein Kunsthirn verarbeitete bereits die Daten der Ortung, des Archivs und der Außenkameras zu hinreichend scharfen Bildern.

Häkkinen trat neben Dan Riker. »Und? Was sehen Sie, Sir?« Die Neugier siegte über die Schüchternheit des finnischen Fähnrichs.

»Wir gleiten gerade an der Kuppelwand vorbei. Himmel noch mal, die ist mindestens dreieinhalb Meter dick. Ich fasse es nicht! Wie haben die diese Megaglocke gebaut, und wie haben die das Ding auf den Meeresgrund gebracht?«

»Die Kuppel ist fast vierhundertachtzig Jahre alt.« Rikers Minitranslator war noch aktiviert, der Kapitän hatte mithören können. »Die Regierung der großen Nation von Thein hat die Kuppel sechsundsiebzig Jahre vor dem Atomkrieg in eigens errichteten Stahlwerken an der Küste bauen lassen. Die einzelnen Stahlwaben wurden von Spezialschiffen an Ort und Stelle gebracht, versenkt und unter Wasser verschweißt. Die Basis des Kuppelkomplexes liegt übrigens in fünfhundert Metern Wassertiefe.«

»Unglaublich!« Riker hatte keine konkrete Vorstellung von den Ausmaßen der Unterwasserkuppel, er ahnte nur, daß sie gigantisch sein mußte. »Das war ja wohl ein Generationenwerk, oder?«

»Stimmt«, entgegnete Perdon knapp. »Drei Generationen von Ingenieuren, Physikern und Technikern haben daran gearbeitet. Vier Jahre vor dem Großen Krieg wurde Arkena fertig.«

»Was sehen Sie jetzt, Sir?« drängte der Fähnrich.

»Das Außenschott schließt sich, ein merkwürdiges Licht flimmert überall, violett irgendwie…«

»Das Wasser im Schleusenbecken und mein Schiff werden dekontaminiert«, erklärte der Kapitän. Seit dem abgewehrten Raketenangriff hatte Perdon seine schroffe Art abgelegt und zeigte sich von einer erfreulich kooperativen Seite; richtig höflich war er auf einmal.

»Jetzt sehe ich das Innenschott, es geht auf. Ich bin gespannt auf die Innenkuppel und die Stadt!«

»Darf ich auch mal?« Endlich faßte sich der Finne ein Herz.

»Bitte.« Anstandslos trat Riker zur Seite und ließ den Fähnrich ans Periskop.

»Weiter als bis in die Innenschleuse fahren wir nicht«, sagte Perdon. »Von dort aus verlassen wir das Schiff über einen Teleskoptunnel und eine Personenschleuse. Dort wird jeder von uns ein zweites Mal dekontaminiert.«

So kam es. Perdon übergab das Kommando seinem Ersten Offizier, der angekündigte Tunnel dockte an, und angeführt von Perdon gingen sie samt der Mannschaft der zerstörten TARANTOR und ihres Kapitäns Arrgol von Bord. Der Teleskoptunnel führte in einen verchromten Raum, der sich als Aufzug entpuppte und sie aus dem Schleusenbecken über die Wasseroberfläche hinauf in eine Halle trug, die Riker an einen U-Bahnhof zu Hause auf Terra erinnerte, in Paris oder München.

Einzeln passierten sie kleinere Dekontaminierungskammern und fuhren anschließend über eine Art Rolltreppe in einen gläsernen Kuppelbau von knapp zwanzig Metern Durchmesser und acht Metern Höhe. Über dem Glasdach sahen die fünf Männer der POINT OF nichts als glänzenden Stahl und Licht, das sich in glänzendem Stahl spiegelte. »Der Kuppelzenit liegt hundert Meter über der Basis«, kommentierte Perdon die staunenden Blicke seiner Gäste. »Ihr Durchmesser beträgt genau eintausendeinhundertzehn Meter.« Außerhalb der Glaskuppel, hinter einer Art Terrassenbrüstung, sahen sie Massen von Kurrgen. Die jubelten, winkten und skandierten eine Art Sprechgesang.

»Was wollen die denn?« entfuhr es Val Brack, dem Cyborg.

»Einwohner von Sektion zwei«, erklärte Kapitän Perdon. »Die haben sich spontan hier an den U-Docks eingefunden und feiern den Abschuß der Rakete. Vermutlich hat sich herumgesprochen, daß Ihr Raumschiff uns vor dem atomaren Ende bewahrt hat.«

»Sie wissen von uns und von unserem Schiff?« staunte Riker.

»Was denken Sie denn, Mann!« knurrte Arrgol, der hünenhafte Kapitän des gesunkenen U-Boots. »Glauben Sie etwa, ich nehme Figuren wie Sie an Bord, die behaupten, von einem anderen Planeten zu stammen, und informiere meine Basis nicht?« Zwischen den Kapitänen schritt Riker durch ein Bogenportal ins Freie. Sehr hell war es – Kunstlicht natürlich – und wärmer als an Land. Die Menge jubelte.

»Außerdem sind wir nicht ganz so blöd, wie Sie denken mögen, Riker«, raunte ihm Perdon ins Ohr. »Wir haben Metalldetektoren und wissen, was sie so alles an Gerätschaften mit sich herumtragen. Und selbstverständlich verfügen wir über eine leistungsfähige Ortungstechnik. Wir wissen seit zwei Tagen, was für ein Gigaring von Raumschiff da um unseren Planeten kreist.«

Über einen mit Kunststoff gepflasterten Weg erreichten sie die Terrasse mit den vielen Kurrgen. Einige sprangen über die Brüstung, liefen zu Perdon, Arrgol, Riker und den anderen Terranern, klopften ihnen freundschaftlich auf die Rücken und die Gesäße. Nur Artus gegenüber verhielten sie sich äußerst zurückhaltend. Einige zuckten regelrecht zurück, als sie seinen Maschinenkörper zum ersten Mal bewußt wahrnahmen.

Uniformierte drängten sich zwischen Brüstung und Bevölkerung. Während sie an der Terrasse vorbei in ein großes, flaches Gebäude gingen, winkten Riker, Leutnant Hornig sowie Perdon und klatschten Hände ab, die sich ihnen entgegenstreckten.

Riker fiel auf, daß alle Männer außer den Greisen Uniformen trugen, sogar die halbwüchsigen Knaben. Frauen, alte Männer und Kinder waren in bunte Anzüge oder Ponchos gekleidet. Aus Kunstleder, vermutete Riker, weil die farbenfrohe Kleidung das indirekte Licht reflektierte, das die Kuppel und das Gebäudeinnere taghell erleuchtete.

Aus dem Flachbau gelangten sie auf einen Platz. Auch hier applaudierten Hunderte von Kurrgen. Die Männer und der Roboter von der POINT OF waren gerührt. Sicherheitskräfte sorgten für ein Spalier. Riker und die Kapitäne überließen es bald ihren Leuten, zu winken und die Hände abzuklatschen, die sich von allen Seiten nach ihnen ausstreckten.

Zum ersten Mal sah Riker die Silhouette der Unterwasserstadt: Runde Hochbauten in erster Linie ragten dem Kuppeldach entgegen, fast alle gleichhoch und unübersehbar zahlreich. Nur vereinzelt entdeckte er Kuppel- und noch seltener Rechteckformen. Riker machte sich klar, daß der begrenzte Platz hier unten die Kurrgen zum Hochbau gezwungen hatte. »Wie viele Leute leben hier?« wollte er wissen.

»Hier, in Segment II, nicht ganz zwölftausend«, antwortete Perdon.

»Segment II?« Riker verstand nicht gleich.

»Arkena ist ein Komplex aus fünf solcher Kuppeln.« Hatten sie also auch einen Namen für ihr Unterwasserasyl. »Ihre Basen berühren sich jeweils, und Portale und Tunnel verbinden sie miteinander. Insgesamt leben zur Zeit etwa achtzigtausend Menschen in Arkena.« Jetzt erst fiel es Riker auf: Perdon modulierte deutlich vernehmbar »Kurrgen«, der Translator aber übersetzte: »Menschen«.

Hinter den U-Bootkapitänen und ihren außerkurrgischen Gästen schloß die Menschenmenge das Spalier. Dutzende breitschultriger und grimmig dreinschauender Sicherheitskräfte schirmten sie ab. Sie erreichten eine Straße, kaum fünf Meter breit. Rechts und links wuchsen, eng aneinandergebaut, die Wohntürme in die Höhe; achtzig Meter, schätzte Riker. Überall war das Raumproblem augenfällig, überall herrschte Enge. »Ich würde Platzangst kriegen«, raunte Hornig seinem Kommandanten ins Ohr.

Schaulustige näherten sich von allen Seiten. Lauter untersetzte, kleinwüchsige Gestalten, uniformiert oder in bunten Kleidern. Aus großen Augen bestaunten sie die langen und dürren Terraner. Riker suchte die Straße nach irgendwelchen Vehikeln ab. Er konnte sich nicht vorstellen, daß man hier unten ausschließlich zu Fuß unterwegs sein sollte.

»Wie versorgt ihr euch mit Energie?« wollte Artus wissen.

»Atomenergie«, sagte Arrgon. »Wenn Sie zwischen den Wohntürmen Kuppelbauten sehen, dann befindet sich entweder eine Produktionsstätte oder ein Kernreaktor darunter.«

Masten ragten zwischen den Wohntürmen aus der Menschenmenge. Sie waren Riker zunächst gar nicht aufgefallen. Mindestens fünfzehn Meter hoch gabelten sie sich nach dem zweiten Drittel ypsilonförmig in zwei Tragbalken, zwischen denen armdicke Stahlseile gespannt waren. Alle fünfzig Meter entdeckte er so einen Y-Pfeiler.

»Und Trinkwasser?« Artus ließ seiner Neugier die Zügel schießen. »Ihr verfügt sicher über mächtige Entsalzungsanlagen.«

»Entsalzungsanlagen?« Perdons runzelte die Stirn. »Was redest du für ein Blech, Maschinenmann?«

»Könnt ihr denn Salzwasser genießen?« staunte Artus.

»Wieso Salzwasser, beim Arsch des Generals!« Arrgon blieb bei einem der Y-Pfeiler stehen. Vor der Rundfront des gegenüberliegenden Gebäudes hatten die Sicherheitskräfte für einen freien Platz gesorgt. Uniformierte strömten aus dem Gebäude. Sie schleppten längliche Koffer mit sich.

»Wahrscheinlich haben sie hier Süßwassermeere«, flüsterte Riker dem Roboter zu. »Ich habe das Wasser nicht gekostet, werde mich hüten, kontaminiertes Wasser zu trinken.« Die Uniformierten mit den Koffern stellten sich nach und nach zu einer rechteckigen Formation aus sechs Reihen auf.

»Vielleicht verfügen sie auch über einen anderen Mineralstoffwechsel als ihr Menschen«, sagte Artus. »Daß Intelligenzen humanoid aussehen, muß ja nicht heißen, das ihre Physiologie den Gesetzen der Humanmedizin gehorcht.«

»Schon möglich«, brummte Riker. »Aber darum geht’s jetzt nicht, würde ich sagen.« Mißtrauisch spähte er zu der Formation aus Uniformierten hinüber. Die öffneten ihre Koffer. »Passen Sie auf, Perdon, ich muß einen eurer Anführer sprechen.« Stäbe, Rohre und brezelförmige Geräte wurden ausgepackt, fast alle aus rötlichem Metall. »Einen Kommandanten, einen Präsidenten, einen König – sowas in der Art habt ihr doch sicher auch, oder? Mir brennen da ein paar Fragen unter den Nägeln, falls Sie wissen, was ich meine.« Er deutete zu der Phalanx aus Uniformierten hinüber. Dort machte man sich an den Geräten zu schaffen. »Was gibt das, wenn es fertig ist?« Eine Ahnung beschlich ihn.

Zum ersten Mal grinste Kapitän Perdon. »Lassen Sie sich überraschen, Dan Riker…«

2.

Roy Vegas hatte noch den Notruf des Soldaten in den Ohren, der vor der Katastrophe warnte, als auch schon ein ungeheurer Blitz den Himmel aufriß, dessen Glanz mühelos das Licht von Munros Stern überstrahlte.

Er schloß unwillkürlich die Augen vor dem grellen Schein.

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