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Kamoses anfänglicher Siegeszug gegen den fremden Pharao endet vor den Mauern der uneinnehmbaren Festung Auaris. Als er einer Verschwörung seiner eigenen Verbündeten zum Opfer fällt, scheint es um das Haus Waset geschehen. Doch hat niemand mit den Frauen der Familie gerechnet. Sie schlagen den Aufstand nieder und übernehmen das Regiment, bis Kamoses verwundeter Bruder Ahmose sich vom Krankenbett erhebt, um Ägypten endgültig vom Joch der Fremdherrschaft zu befreien. Mit «Die Straße des Horus» führt Bestseller-Autorin Pauline Gedge ihre große Trilogie aus dem alten Ägypten einem furiosen Ende zu.
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Seitenzahl: 654
Veröffentlichungsjahr: 2017
Pauline Gedge
Roman
Kamoses anfänglicher Siegeszug gegen den fremden Pharao endet vor den Mauern der uneinnehmbaren Festung Auaris. Als er einer Verschwörung seiner eigenen Verbündeten zum Opfer fällt, scheint es um das Haus Waset geschehen. Doch hat niemand mit den Frauen der Familie gerechnet. Sie schlagen den Aufstand nieder und übernehmen das Regiment, bis Kamoses verwundeter Bruder Ahmose sich vom Krankenbett erhebt, um Ägypten endgültig vom Joch der Fremdherrschaft zu befreien.
Mit «Die Straße des Horus» führt Bestseller-Autorin Pauline Gedge ihre große Trilogie aus dem alten Ägypten einem furiosen Ende zu.
Pauline Gedge, geboren 1945 in Auckland, Neuseeland, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in England und lebt heute in Alberta, Kanada. Mit ihren Büchern, die in zahlreiche Sprachen übersetzt sind, gehört sie zu den erfolgreichsten Autorinnen historischer Romane.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, April 2017
Covergestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt
Coverabbildung Umschlagabbildungen: akg/Bildarchiv Steffens; carenas1/iStockphoto.com
ISBN 978-3-644-20026-5
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Ahmose – Fürst von Waset
Aahotep – seine Mutter
Tetischeri – seine Großmutter
Aahmes-nofretari – seine Schwester und Gemahlin
Tani – seine jüngere Schwester
Ahmose-onch – Aahmes-nofretaris Sohn von ihrem ältesten Bruder und ersten Ehemann
Hent-ta-Hent – Tochter von Ahmose und Aahmes-nofretari
Sat-Kamose – Tochter von Ahmose und Aahmes-nofretari
Amunhotep – Sohn von Ahmose und Aahmes-nofretari
Achtoi – Oberster Haushofmeister
Kares – Aahoteps Haushofmeister
Uni – Tetischeris Haushofmeister
Ipi – Oberster Schreiber
Chabechnet – Oberster Herold
Nofreperet – Oberster Schatzmeister
Chunes – Aahmes-nofretaris Schreiber
Ameniseneb – Aahmes-nofretaris Aufseher der Speicher
Emchu – Ahmes-nofretaris Hauptmann der Leibwache
Yuf – Aahoteps persönlicher Priester
Pa-sche – Ahmose-onchs Lehrer
Hekayib – Ahmoses Leibdiener
Isis – Tetischeris Leibdienerin
Hetepet – Aahoteps Leibdienerin
Heket – Tanis Leibdienerin
Raa – Ahmose-onchs Kinderfrau
Senehat – eine Dienerin
Hor-Aha – aus Wawat und Anführer der Medjai
Machu von Achmin
Mesehti von Djawati
Anchmahor von Aabtu
Harchuf, sein Sohn
Sobek-nacht von Mennofer
Antefoker von Iunu
Tetaki – Bürgermeister von Waset
Dagi – Bürgermeister von Mennofer
Paheri – Bürgermeister von Necheb
Amunmose – Hoher Priester Amuns
Turi – Ahmoses Kindheitsfreund und General der Amun-Division
Ramose – Sohn von Aahoteps Verwandten, ein enger Freund Ahmoses und Tanis Verlobter
Baba Abana – ein Schiffsoffizier
Kay (später Ahmose) Abana – sein Sohn, auch Schiffsoffizier
Zaa-pen-Necheb – Kay Abanas jüngerer Vetter
Qar – Kapitän des Schiffes Leben in Ptah
Fürst Ahmose – Oberster Befehlshaber
Turi – General
Anchmahor – Befehlshaber der Angriffstruppe
Idu – Standartenträger
Kagemni – General
Chnumhotep – Befehlshaber der Angriffstruppe
Chaemhet – Standartenträger
Achethotep – General
Baqet – General
Tchanni – Befehlshaber der Angriffstruppe
Pepynacht – Standartenträger
Iymeri – General
Nofreseschemptah – General
Meryrenefer – General
Cheti – General
Anchtifi – Standartenträger
Sobek-chu – General
Awoserra Aqenenre Apophis – der König
Pezedchu – ein General
Hat-Anath – ein weiblicher Höfling
Diese Trilogie ist Fürst Kamose gewidmet, einer der schillerndsten und verkanntesten Gestalten der ägyptischen Geschichte. Ich hoffe, dass sie ein wenig zu seiner Ehrenrettung beiträgt.
An dieser Stelle möchte ich Bernard Ramanauskas, der für mich recherchiert hat, von ganzem Herzen danken, denn ohne sein Organisationstalent und scharfes Augenmerk für Details hätte dieses Buch nicht geschrieben werden können.
Außerdem danke ich Dr. K.F.M. Jackman, M.D., B.F.C., für Rat zur rechten Zeit.
Am Ende der zwölften Dynastie ging den Ägyptern auf, dass sie von einer fremden Macht regiert wurden, die sie Setius, ‹Herrscher des Hochlandes›, nannten. Wir kennen sie unter dem Namen Hyksos. Ursprünglich waren sie aus einem weniger fruchtbaren Land im Osten, nämlich Rethennu, eingewandert, um ihre Herden im üppigen Delta zu weiden. Nachdem sie heimisch geworden waren, folgten die Händler, die nur zu gern an Ägyptens Reichtum teilhaben wollten. Da sie fähige Verwaltungsbeamte waren, entmachteten sie allmählich die schwache ägyptische Regierung, bis sie zu guter Letzt allein regierten. Es war eine weitgehend unblutige Invasion, die mit so subtilen Mitteln wie politischem und ökonomischem Druck geschah. Ihre Könige machten sich wenig aus dem Land an sich, plünderten es zu ihrem eigenen Nutzen aus und äfften die Sitten und Gebräuche ihrer ägyptischen Vorgänger nach. Sie waren darin so erfolgreich, dass sie das Volk größtenteils unterdrücken und einlullen konnten. Gegen Mitte der siebzehnten Dynastie hatten sie sich schon zweihundert Jahre lang fest in Ägypten eingenistet und herrschten von ihrer Hauptstadt Auaris, dem Palast am Nebenarm, aus.
Doch ein Mann im Süden Ägyptens, der von sich behauptete, von dem letzten wahren König abzustammen, rebellierte. Im ersten Band dieser Trilogie, «Der fremde Pharao», wird Seqenenre Tao vom Setiu-Herrscher Apophis gereizt und gedemütigt, kündigt den Gehorsam und wählt den Aufstand. Mit Wissen und Hilfe seiner Gemahlin Aahotep, seiner Mutter Tetischeri und seiner Töchter Aahmes-nofretari und Tani planen er und seine Söhne Si-Amun, Kamose und Ahmose eine Revolte und führen sie auch durch, eine Verzweiflungstat, der kein Erfolg beschieden sein kann. Seqenenre wird von Mersu überfallen, Tetischeris vertrauenswürdigem Haushofmeister, der zugleich als Spion im Haushalt arbeitet. Trotz seiner Verwundung zieht Seqenenre mit seinem kleinen Heer nach Norden, doch in der Schlacht gegen den Setiu-König Apophis und seinen brillanten jungen General Pezedchu erliegt er der Übermacht.
Nun hätte sein ältester Sohn Si-Amun den Titel Fürst von Waset führen sollen. Doch Si-Amun ist Diener zweier Herren, einmal seines Vaters und dessen Anspruch auf den ägyptischen Thron und dann des Setiu-Königs. Überdies hat er den Aufstand seines Vaters verraten. In einem Anfall von Reue bringt er sich um.
Apophis glaubt, dass die Feindseligkeiten ein Ende gefunden haben, reist nach Waset und verkündet ein vernichtendes Urteil gegen die restlichen Familienmitglieder. Er nimmt Seqenenres jüngere Tochter Tani als Geisel mit nach Auaris. Kamose, nun Fürst von Waset, weiß, dass er nur die Wahl hat, den Kampf um die Freiheit Ägyptens fortzusetzen oder völlig zu verarmen und von seiner Familie getrennt zu werden. Er wählt die Freiheit.
Der zweite Band dieser Trilogie, «In der Oase», erzählt, wie Kamose den Kampf seines Vaters mit Unterstützung anderer ägyptischer Fürsten wieder aufnimmt. Seine Notlage zwingt ihn, als erbarmungsloser Rächer vorzugehen, kann er doch Freund und Feind nicht auseinander halten. Sein Wunsch, Ägypten wieder so ruhmreich wie einst zu machen, zerstört das Land, und am Ende wird er von einigen seiner Bündnispartner, die von seinem Vorgehen enttäuscht sind und einen Handel mit Apophis schließen, verraten und ermordet. Zur gleichen Zeit wird Seqenenres jüngster Sohn Ahmose verwundet. Während er auf dem Weg der Genesung ist, übernehmen die Frauen der Familie das Ruder, sie schlagen eine Meuterei nieder und bekommen das Heer wieder unter Kontrolle. Ahmose bleibt es überlassen, eine Strategie zu entwickeln, mit der er die Herrschaft der Setius beenden kann.
Während der restlichen Trauerzeit um Kamose sah Aahmes-nofretari wenig von ihrem Mann. Sie hatte erwartet, dass endlich feierliche Trauer in das Haus einziehen würde, da der Aufstand niedergeschlagen war, doch der Friede glich eher einem stummen Seufzer als einem stillen Tribut an ihren Bruder. Die Bürde der Bitternis und der unstillbare Rachedurst, die Kamose angetrieben hatten, hatten sie an ein Leben mit unterschwelliger Spannung gewöhnt. Jetzt war der Anlass dafür fort, und eigenartigerweise empfanden sie das als reinigend.
Dennoch hatten sie ihn geliebt, und jeder trauerte auf seine Weise. Tetischeri blieb in ihren Gemächern, und der Weihrauch für ihre privaten Gebete vernebelte den Flur vor ihrer Tür. Aahotep bewegte sich so königlich-gelassen wie eh und je durchs Haus, doch oft konnte man sie reglos unter den Bäumen im Garten sitzen sehen. Das Kinn in die Hand gestützt, starrte sie blicklos vor sich hin.
Aahmes-nofretari stellte fest, dass ihre eigenen Sorgen sie ruhelos machten. Sie ging jetzt viel spazieren, während eine Dienerin ihr mit dem Sonnenschirm Schatten spendete und ein geduldiger Getreuer des Königs hinter ihr hertrabte. Bisweilen schlenderte sie den Flussweg zwischen Anwesen und Tempel entlang. Bisweilen wagte sie sich nach Waset selbst hinein. Es war, als befreite sie die ziellose Bewegung von einer Last, die sie niederdrückte, aber überall begleiteten sie Kamoses Lächeln und der Klang seiner Stimme.
Ahmose stand immer früh auf, speiste rasch und verschwand gleich bei Tagesanbruch. Wenn seine Frau ihm Vorhaltungen machte, lächelte er zerstreut, gab ihr einen zarten Kuss, versicherte ihr, dass er sich mit jedem Tag kräftiger fühle, und ging. Früher hätte er geangelt, das wusste sie, aber er hielt sich an seinen Schwur und hatte sogar Lieblingsangel und Netz verschenkt. Gelegentlich kam sie zufällig an den verfallenen Toren zum alten Palast vorbei und erhaschte einen Blick auf Ahmose, wie er die Hände in die Hüfte gestemmt dastand und zu dem Gebäude hinaufstarrte, und einmal tauchte er gerade aus dem Düster des riesigen Empfangssaals auf. Sie fragte sich nicht, was in seinem Kopf vorging. In ihrem war nur Platz für Erinnerungen.
Die sonderbare Gelassenheit dieser Wochen wurde durch Ramoses, Mesehtis und Machus Rückkehr gestört. Eines schönen Nachmittags kamen sie flussaufwärts gefahren, hinter sich eine kleine Flotte Schiffe mit Dienern, und da wusste Aahmes-nofretari, dass die Zeit stiller Einkehr vorbei war. Am Tag zuvor war ein Herold eingetroffen, der Ahmose die Ankunft der Fürsten gemeldet hatte, und dieser wartete jetzt mit Hor-Aha und Anchmahor oben an der Bootstreppe. Aahmes-nofretari war auch zugegen und nahm die steife Haltung und ausdruckslose Miene ihres Mannes sehr bewusst wahr, während dieser zusah, wie das Schiff an der Bootstreppe anlegte und die Laufplanke ausgelegt wurde.
Ramose kam als Erster von Bord, stieg die Stufen hoch, ging auf Ahmose zu, streckte die Arme aus und huldigte ihm mit einer Verneigung. Ahmose winkte ihn zu sich und umarmte ihn. «Mein Freund», sagte er leise. «Willkommen daheim. Ich weiß noch nicht, wie ich die Schuld abtragen kann, die sich seit den Tagen meines Vaters angesammelt hat. Und ich kann dir auch nicht beschreiben, wie ich unter der Hinrichtung deiner Mutter gelitten habe. Ich bin mir sehr wohl bewusst, welche Qualen ein Mensch leidet, wenn er wählen muss, wem er folgen soll, und dir hat man diese Wahl zu oft aufgezwungen. Ich bete darum, dass dir dieser bittere Becher nie wieder gereicht wird.» Ramose lächelte traurig.
«Wie schön, dass du völlig genesen bist, Majestät», antwortete er. «Ich möchte mit Verlaub auf der Stelle ins Haus des Todes gehen und mich davon überzeugen, dass meine Mutter ordnungsgemäß einbalsamiert wird.» Er nahm Aahmes-nofretaris Hand und sagte: «Wieso trägst du noch nicht das Armband des Befehlshabers?» Bei diesen heiteren Worten lachte sie und schloss ihn impulsiv in die Arme.
«Lieber Ramose!», rief sie. «Wir trauern zwar alle, aber ich freue mich, dass du lächelst.»
Die beiden Fürsten hatten stumm hinter Ramose gewartet, und als Ahmose den Blick auf sie richtete, fielen sie auf die Knie. Sie drückten die Stirn auf die Steine, schoben den stets vorhandenen Sand zu einem Häuflein vor sich zusammen und streuten ihn sich über den Kopf, eine Geste der Bußfertigkeit und Unterwürfigkeit. «Sie haben sich rein gewaschen, Ahmose», sagte Ramose leise. «Du hast etwas über die Not gesagt, wenn man zwei Herren treu sein muss. Sie haben gewählt. Sie sind hier, nicht in Auaris. Bitte …» Ahmose hob gebieterisch die Hand.
«Wisst ihr eigentlich», sagte er zu den mit Staub bedeckten Häuptern, «dass die Frau neben mir mehr Mut gezeigt und aus Verzweiflung und Treue mehr Heldentaten vollbracht hat als einer von euch? Dass mein Bruder noch leben könnte, wenn auch nur ein Tropfen dieser Tapferkeit in eurem blauen, verwässerten Blut zu finden wäre!» Er schrie und beugte sich vor. «Aber nein! Ihr habt den Mund gehalten! Ihr habt euch vor der Verantwortung gedrückt und euch weggeschlichen wie zwei Hyänen! Amuns Fluch über euch, ihr Memmen!» Er richtete sich wieder auf. «Steht auf», befahl er ruhiger. «Das heißt, wenn euer schwaches Rückgrat euch das erlaubt. Sagt mir, was soll ich mit euch anfangen?»
«Majestät, du hast in allen Punkten Recht.» Mesehti wagte, ihm zu antworten. «Wir haben auf Meketra und die anderen gehört und das, was wir wussten, nicht an Osiris Kamose weitergegeben. Dennoch haben wir gewählt. Wir haben uns lieber herausgehalten. Wir konnten unsere fürstlichen Brüder nicht unterstützen, obwohl wir ihnen aufgrund unserer gemeinsamen Stellung Treue schuldeten, aber verraten konnten wir sie auch nicht. Falls wir vom Wege abgekommen sind, dann nicht aus Feigheit, sondern aus Unsicherheit.»
«Unsicherheit», wiederholte Ahmose. Er seufzte. «Unsicherheit hat Kamose von Anfang an behindert, und in einem war er sich überhaupt nicht sicher, nämlich was im Herzen seiner Fürsten zu lesen stand.» Er wandte sich jäh an seine Frau. «Aahmes-nofretari, du hast in dieser Sache auch ein Wort mitzureden. Man hat dich gezwungen, auf dem Exerzierplatz dein Leben aufs Spiel zu setzen. Du hast dastehen und den Hinrichtungen zusehen müssen. Das hat dich verletzt und verändert. Was rätst du mir?»
Sie staunte, dass er ihre Bedeutung so großmütig und öffentlich herausstellte und wie feinfühlig er auf ihr aufgewühltes und mittlerweile ruhiges Ka einging. Auf einmal war ihr klar, ihre Antwort würde entscheiden, ob sie diese Bedeutung behielt oder nicht. Ich muss ehrlich und klug sprechen, dachte sie erschrocken. Drei Paar Augen richteten sich auf sie, zwei bänglich forschend, das dritte belustigt, und da merkte Aahmes-nofretari, dass die heftige Beschimpfung der bäuchlings hingestreckten Männer nur gespielt gewesen war. Aber wie weit gespielt?, überlegte sie. Was will er? Noch mehr Vergeltung? Zwei weitere Hinrichtungen? Einen Grund, sie zu begnadigen?
Nein, sagte sie sich entschieden. Ich versuche nicht herauszubekommen, was er von mir will. Ich urteile selbst, ich allein. «Begnadigung kann als Schwäche ausgelegt werden», begann sie vorsichtig. «Dennoch stellt die Maat Gnade über alles, und zusammen mit Gerechtigkeit ist sie eine Eigenschaft, die jeder König besitzen muss.» Sie wandte sich ganz an Ahmose. «Gerechtigkeit ist voll zuteil geworden, Majestät», fuhr sie fort. «Unser Bruder ist tot. Seine Mörder sind hingerichtet. Mesehti und Machu haben die letzten Aufrührer verfolgt und erschlagen und haben sich damit ein Stück Maat neu erworben, das sie vorher fortgeworfen hatten. Erweise dich mit deiner ersten Tat als nachsichtiger König.» Jetzt zwinkerte er ihr zu, und in seinen Augen funkelte es.
«Nachsicht vielleicht, aber nicht Vergebung», gab er zurück. «Noch nicht. Die muss verdient werden. Wo sind eure Soldaten?»
«Die marschieren am Rand der Wüste, Majestät», sagte Machu hastig. «Und dürften morgen eintreffen.»
«Dann heraus aus der Sonne und in die Gästezimmer», befahl Ahmose. «Dank eurer Königin habt ihr eine allerletzte Gelegenheit, euch zu bewähren. Versagt nicht noch einmal.» Er kehrte den sich Verneigenden den Rücken, ergriff Aahmes-nofretaris Arm und schlenderte zum Haus.
«Eins verstehe ich nicht, Ahmose», sagte Aahmes-nofretari stockend. «Du schreist sie zornig an, aber ich merke, es ist gespielt. Hast du die ganze Zeit vorgehabt, sie zu verschonen, und ich habe einfach gesagt, was du längst beschlossen hattest?»
«Nein», erwiderte er. «Mein Zorn war echt, aber er sollte gespielt wirken. Falls du ihre Hinrichtung angeraten hättest, ich hätte es getan, doch ich bin froh, dass du weißt, was Macht ist, aber auch in welche Falle man tappen kann, wenn man Gnade walten lässt. Hoffen wir, dass es diesmal keine Falle ist.»
«Das verstehe ich nicht.»
«Dann lass es dir sagen. Ich habe Kamose geliebt», fuhr er langsamer fort. «Er war tapfer und klug und hat Achtung eingeflößt, aber diese Achtung war immer von Angst gefärbt. Das war dumm von ihm. Sein Benehmen war schroff, seine Rache gnadenlos. Die Qualen, die wir gelitten haben, sind unmittelbar durch seine erbarmungslose Besessenheit ausgelöst worden, die Setius auszulöschen. Das hat die kleinen Leute erschreckt und die Fürsten gekränkt. Ich habe ihn geliebt», wiederholte er jetzt mit zitternder Stimme, «aber das Ende seiner schrecklichen Besessenheit war klar vorauszusehen.»
«Ahmose», unterbrach ihn Aahmes-nofretari besorgt. «Willst du damit sagen, dass du den Kampf aufgibst? Ägypten Apophis überlässt?»
«Ihr Götter, nein! So doch nicht. Mein eigener Hass und Rachedurst brennen genauso heiß wie Kamoses. Aber ich gehe anders vor. Ich werde lächeln, lächeln. Ich werde Titel und Beförderungen und Belohnungen verteilen. Die Fehler meines Bruders mache ich nicht, und darum treibe ich alle Setius mit der Peitsche zurück nach Rethennu, wohin sie gehören.»
«Aha, ich verstehe», sagte Aahmes-nofretari zögernd. «Kamose hat eine Zwangsherrschaft ausgeübt, du willst die Fürsten feinfühliger lenken. Aber, Ahmose, wenn unser Bruder Ägypten nicht mit der Peitsche seines Schmerzes und seiner Wut gestraft, wenn er die Fürsten nicht zur Tat getrieben und Ägypten in Blut getaucht hätte, dann würde deine Strategie nicht funktionieren. Er hat das Gift für dich herausgeholt. Er hat den Weg für ein sanfteres Vorgehen frei gemacht.»
«Und das sollte ich ihm danken? Aahmes-nofretari, du hast Angst gehabt, deinen Gedanken zu Ende zu denken. Du hast Recht. Ich verdanke ihm sehr viel. Er war wie ein Bauer, der ein Feld bekommt, das seit Hentis nicht bestellt worden ist. Er musste roden und das Unkraut verbrennen. Das weiß ich. Das erkenne ich an. Aber mehr verdanke ich ihm nicht. Er war ein wenig irre.» Sein beringter Finger legte sich auf die Narbe hinter seinem Ohr und rieb sie zerstreut. Diese Geste wurde ihm zur Gewohnheit, und Aahmes-nofretari sah darin allmählich ein Anzeichen, dass er nachdachte.
«Aber Amun hat ihn geliebt!», platzte sie erschrocken heraus. «Er hat ihm Träume geschickt! Sieh dich vor, Ahmose, dass du keine Gotteslästerung begehst, wenn du dein Herz gegen ihn verhärtest!»
«Er ist gestorben, weil er mir das Leben retten wollte», sagte Ahmose. «Ich habe neben ihm geschlafen, neben ihm gekämpft, und als wir Kinder waren, war er immer da und hat mich beschützt. Mein Herz wird sich niemals gegen ihn verhärten. Die Rede ist von Tatsachen, Aahmes-nofretari, nicht von Gefühlen. Aber jetzt beginnt eine neue Ordnung, und ich schwebe in großer Gefahr, wenn ich gegenüber den Fürsten auch nur andeute, dass ich weiterhin so brutal vorgehen will wie mein Bruder.» Er beugte sich dichter zu ihr. «Ich habe vor, ihnen die Macht zu nehmen, jedem Einzelnen, und dafür sollen sie mir auch noch danken. Ich werde ihnen nie wieder trauen. Und desgleichen habe ich vor, Auaris, dieses stinkende Rattennest, mit der Fackel in Brand zu stecken und damit Kamose gleich zweimal zu rächen.» Er richtete sich auf. «Aahmes-nofretari, dir vertraue ich. In diese Sache habe ich noch keinen eingeweiht. Wenn ich dich bitte, mich zu beraten, dann erwarte ich, dass du das so angstfrei tust wie gerade eben. Für heute Abend habe ich Hor-Aha ins Arbeitszimmer bestellt. Ich möchte, dass ihr beide, du und Mutter, anwesend seid.»
«Ich soll bei einer militärischen Besprechung dabei sein?» Er legte ihr den Zeigefinger unters Kinn, hob ihr Gesicht und küsste sie auf den Mund. «Natürlich», antwortete er.
Aahmes-nofretari wurde ganz schüchtern, als sie diesen Mann ansah, der ihr so inniglich vertraut und dennoch jählings so fremd war. Er schritt den Flur entlang, und sie blickte hinter ihm her. Er hat nichts von Tetischeri gesagt, dachte sie. War das ein Versehen oder Absicht? Wenn er Großmutter vor den Kopf stößt, gibt es Streit im Haus. Dann lachte sie laut, zuckte mit den Achseln und ging ins Kinderzimmer. Ich möchte doch bezweifeln, dachte sie, dass ein Haus, in dem Unfrieden herrscht, Platz in seiner neuen Ordnung hat. Unser König wird auf häuslichem Frieden bestehen.
Als es dämmerte, ging sie zum Arbeitszimmer. Vor der beeindruckenden Tür aus Zedernholz überfiel sie eine Scheu, und sie blieb stehen. Noch nie hatte man sie hierher gebeten, wo ihr Vater und später Kamose die unzähligen Aufgaben erledigt hatten, aus denen die Welt der Männer bestand: Diktieren von Anweisungen an Dorfschulzen, Überprüfen der Korn-, Wein- und Öllisten, Besprechen von Urteilen in den kleinlichen Streitigkeiten der Bauern und später das Ringen um die quälenden Entschlüsse, die zum Aufstand in Waset geführt hatten. Drinnen konnte sie Stimmen hören, die sonore ihres Mannes, gefolgt von Hor-Ahas rauem, seltenem Auflachen.
Aahotep war bereits da, saß still an einem Ende des schweren Tisches. Hor-Aha kehrte der Tür den Rücken zu, und als Aahmes-nofretari das Zimmer durchquerte, stand er auf und machte seine Verbeugung. Ahmose saß ihr gegenüber und Ipi bereits mit gekreuzten Beinen ihm zu Füßen. Ahmose lächelte und winkte sie zu dem leeren Stuhl am anderen Tischende. Der Schein von zwei Lampen in der Ecke und einer Lampe auf Ahmoses Schreibtisch erhellte den karg möblierten Raum. An drei Wänden standen Regale mit Löchern, aus denen die Enden aufgerollter Papyri herausragten, und darunter waren die Truhen mit den Akten, die nicht ständig gebraucht wurden.
Beim Hinsetzen meinte Aahmes-nofretari, einen leisen Hauch der Duftsalbe ihres Vaters zu riechen, eine Mischung aus lieblicher Aguacate und Olibanumöl. Sie faltete die Hände im Schoß und wartete. Ahmose räusperte sich. «Ipi, bist du bereit?», fragte er. Der Schreiber blickte zu ihm hoch und nickte, und Aahmes-nofretari hörte ihn das Gebet zu Thot wispern, während Ahmose schon sprach. «Gut. Wie ihr seht, hat uns Achtoi mit Wein und Süßigkeiten versorgt, aber ihr müsst euch selbst bedienen. Diese Unterhaltung ist nicht für die Ohren von Dienern bestimmt.» Er hatte bereits einen Becher vor sich stehen und trank einen Schluck, ehe er fortfuhr. «Während meiner Genesung, als ich das Bett hüten musste, habe ich viele Stunden darüber nachgedacht, wie meine Regierung aussehen sollte», sagte er. «Und die dringendste Aufgabe erscheint mir eine Neuordnung des Heeres. Ohne eine geeinte, schlagkräftige Streitmacht sind wir nichts. Wir können uns nicht verteidigen, geschweige denn erfolgreiche Feldzüge durchführen. Kamose hat die ungemein schwierige Aufgabe bewältigt, aus ungeschulten Bauern Soldaten zu machen. Er hat mit einer Einheit, den Medjai, und einem bunt zusammengewürfelten Haufen Bauern angefangen. Er hatte Hauptleute, die noch nie ein Schwert geführt hatten, und Befehlshaber, die nur widerwillig befehligt haben. Kurzum, was er erreicht hat, muss ihm das Staunen und den Beifall selbst der Götter eingetragen haben.» Er warf seiner Frau einen kurzen Blick zu. «Aber er wurde behindert, weil ein Bauer im Frühling seinen Acker bestellen will und die Fürsten die Überlegenheit ihres Blutes gewürdigt haben wollten. Der Aufstand hat uns gezeigt, wie gefährlich das ist: Bauern, die in Gedanken bei ihren Aruren sind, und Fürsten, die sehnlichst in den Luxus ihrer Anwesen zurückkehren wollen, kann man nicht vertrauen.»
Das Wort verwendet er jetzt häufig, dachte Aahmes-nofretari. Es beschäftigt ihn, hoffentlich wird es nicht zur Besessenheit. «Darum will ich ein stehendes Heer haben und brauche eine Antwort von euch.» Aahotep zog den Weinkrug zu sich heran und schenkte sich gemessen ein.
«Ägypten hat noch nie ein stehendes Heer gehabt», sagte sie langsam. «Die Bauern sind immer nur vorübergehend eingezogen worden, entweder für den Krieg oder für Bauvorhaben des Königs oder der Tempel. Sie haben stets gewusst, dass sie am Ende wieder nach Haus gehen dürfen. Falls man ihnen jetzt sagt, dass sie nie wieder nach Haus kommen, hast du eine Meuterei nach der anderen.»
«Das hängt ganz davon ab, wie man es macht», hielt Aahmes-nofretari dagegen.» Es wäre doch möglich, einen Kern aus Berufssoldaten mit eigenen Dörfern zu schaffen, und während des Hochwassers stoßen noch mehr dazu. Oder vielleicht eine Zählung aller Männer durchzuführen und die auszunehmen, die dringend zur Bestellung der Äcker gebraucht werden. Die Eingezogenen müssten dann von der königlichen Schatzkammer ernährt und bewaffnet werden. Dafür müsstest du neue Kasten von Schreibern und Hofmeistern schaffen, die nichts anderes mehr tun. Und ganz Ägypten müsste dir steuerpflichtig sein.»
«Hor-Aha?» Ahmose blickte seinen General an, der mit gesenktem Kopf zugehört hatte.
«Es könnte funktionieren. Ich denke da zuerst an meine Medjai. Ich kenne sie, Majestät. Sie würden durchaus ihre Dörfer verlassen und sie in die Obhut ihrer Frauen geben, wenn sie jedes Jahr mehrere Wochen zu ihren Frauen zurückkehren könnten und ausreichend Bier und Brot bekämen. Was den Rest angeht, so hast du mit deinem Waset-Kontingent schon den Kern eines Heeres.» Er bewegte sich, und Aahmes-nofretari sah, wie er tief und langsam Luft holte. «Aber welche Befehlshaber hast du?», fragte er höflich, zu höflich, dachte Aahmes-nofretari. «Willst du die Söhne der Verstorbenen dazu befördern?»
«Du meinst der für Hochverrat Hingerichteten?», gab Ahmose zurück. «Nein, deren Sprösslinge möchte ich nicht in der hohen Kunst des Befehlshabens ausbilden. Ein Berufsheer braucht an seiner Spitze auch Berufsoffiziere. Ich möchte aus dem Mannschaftsglied befördern.» Aber das ist nicht der wahre Grund, sagte sich Aahmes-nofretari im Stillen. Den hast du mir bereits gesagt. Du wirst nie wieder einem Edelmann vertrauen.
«Aus dem Mannschaftsglied?», wandte Aahotep ein. «Aber, Ahmose, kein gemeiner Soldat hat Achtung vor einem Befehlshaber, der kein blaues Blut hat!»
«Da denke ich etwas anders, Mutter», sagte Ahmose freundlich. «Vielleicht vertraut der gemeine Mann eher den Befehlen von jemandem, den er schon in der Schlacht erlebt hat. Vielleicht träumt er auch von eigener Beförderung. Wie auch immer, es lohnt den Versuch. Kamose hat es auf die überlieferte Art gemacht. Er hat Apophis viel geschadet, aber uns hat er damit beinahe vernichtet. Wir haben nichts zu verlieren, wenn wir die Spielregeln ändern.»
«Ich möchte noch einmal auf die Sache mit dem Unterhalt zurückkommen», sagte Aahmes-nofretari. «Seit Kamose die Bauern mitgenommen hat, haben wir zwei Ernten gehabt, und die Speicher füllen sich wieder, aber wir können in unserer Lage keine zusätzlichen Kosten übernehmen. Noch nicht. Fordern wir die Katastrophe nicht heraus, wenn wir die Mäuler von Tausenden von Soldaten stopfen müssen, die nach Beendigung des Krieges untätig sind?»
«Ein gutes Argument», antwortete Ahmose. «Erstens: Ich denke nicht, dass diese Soldaten untätig sein werden. Mit ihrer Ausbildung werden sie in Städten und Dörfern als Wachsoldaten von unschätzbarem Wert sein, sie können Karawanen begleiten, und wir können sie sogar an die Tempel ausleihen, natürlich nur, wenn wir sie alle rotieren lassen.»
«Majestät, dürfen sie auch Privatleuten dienen?», unterbrach ihn Hor-Aha.
«Wenn Ägypten gesäubert ist und wieder Frieden herrscht, braucht niemand ein Privatheer», antwortete Ahmose mit der übertriebenen Leutseligkeit, hinter der er Missbilligung, Ärger oder Langeweile zu verbergen pflegte. Mutter und Tochter wechselten einen Blick, doch Hor-Aha schien nicht zu spüren, dass Ahmose aufgemerkt hatte. «Begleitmannschaften jedoch sollten zulässig sein, obwohl sie nicht privat angeworben oder mit Hauptleuten versehen werden dürfen, die mir nicht unterstehen. Das ist eine Einzelheit, Hor-Aha.» Und an seine Frau gerichtet: «Zweitens: Ich habe keineswegs die Absicht, Ägypten zu seiner Errettung auszuquetschen! Vergiss die Goldstraßen nicht, Aahmes-nofretari. Das Gold gelangt nicht mehr ins Delta. Wir können es uns jetzt nehmen. Außerdem will ich Gesandte nach Keftiu schicken. Die Keftius sind ein ungemein praktisch denkendes Volk. Sie scheren sich nicht um unsere inneren Streitigkeiten. Sie handeln gern, und der Handel mit Auaris ist fast zum Erliegen gekommen, seit Kamose die Schatzschiffe gekapert hat. Gewiss schließen sie gern neue Verträge mit Ägypten, vor allem nach dem nächsten Feldzug, auf dem ich hoffentlich das Delta von Truppen säubern kann, die sich aus Rethennu hereinschleichen.»
«Vor Hentis hat unser Vorfahr Senwasret zwischen dem Delta und Rethennu die Fürstenmauer errichten lassen, die sollte die Setius fern halten und die Horusstraße nach Osten hin sichern», dachte Aahotep laut. «Er konnte sich nicht vorstellen, dass die Setius trotz seiner Verteidigungsmauer eindringen würden, erst als Schafhirten und dann als Händler, und dass sie durch ihren Handel Herrscher über Ägypten werden würden. Vielleicht kannst du sie mit Handel langsam erdrosseln, mein Sohn. Was für eine Ironie des Schicksals!»
«Diese Waffe habe ich durchaus in Betracht gezogen», bestätigte Ahmose. «Aber Apophis’ so genannte Brüder wollen Ägypten nicht kampflos aufgeben. Wir liefern Rethennu zu viel Reichtümer. Spione im Delta berichten, dass von dort noch immer Soldaten einsickern.»
«Vielleicht müssen wir am Ende gegen sie kämpfen, auch wenn Ägypten überschwemmt ist», meinte Hor-Aha.
«Darum hat Kamose ja auch auf einer Bootstruppe bestanden», bemerkte Ahmose. «Und darum, General, brauche ich ein Heer, das sich nicht jedes Jahr auflöst und in alle Winde zerstreut.» Hor-Aha legte die Stirn in Falten.
«Ich glaube nicht, dass wir sie in diesem Jahr schlagen, Majestät», meinte er.
«Ich auch nicht», gestand Ahmose. «Aber ich kann den Griff um ihre feisten Hälse verstärken. Ipi, kommst du mit?», fragte er.
«Ja doch, Majestät, aber hoffentlich habe ich ausreichend Papyrusblätter.»
«Ah, Papyrus», meinte Ahmose. «Also das ist etwas, worauf die Keftius scharf sind.» Er blickte in die Runde. «Ich möchte jetzt auf die Neuordnung unserer Streitmacht zu sprechen kommen. Uns stehen noch immer fünfundfünfzigtausend Mann, also elf Divisionen, zur Verfügung, nicht wahr, General? Abgesehen von den paar hundert, die Ramose, Mesehti und Machu während der Meuterei verfolgt und getötet haben.»
«Ja, Majestät. Aber hier ist nur eine Division im Quartier.»
«Ich weiß. Ich möchte, dass du zusammen mit Schreibern jede Nomarche bereist und jeden Offizier befragst, wer gut im Umgang mit Waffen ist und Führungseigenschaften besitzt. Desgleichen überprüfe die Fähigkeiten aller Hauptleute und merze aus, wer noch zu einem der Fürsten hält. Bis das Delta völlig gesäubert ist, brauche ich alle elf Divisionen, aber fünf Divisionen Fußsoldaten und eine Division Bootsleute, deren Hauptleute nur mir als Oberbefehlshaber unterstehen, möchte ich auf Dauer behalten.»
«Darf ich die Medjai einbeziehen?», fragte Hor-Aha so zögernd, wie es Aahmes-nofretari noch nie erlebt hatte, und Ahmose schüttelte den Kopf.
«Nein. Die Medjai werden keine ständige Streitmacht, sondern werden mit ihren eigenen Hauptleuten je nach Lage der Dinge eingesetzt. Alle Medjai-Hauptleute, die augenblicklich Ägypter befehligen, werden ersetzt. Und ehe du protestieren willst, Hor-Aha, überlege es dir gut. Ein Großteil der Unzufriedenheit, die daraufhin übergekocht ist, rührte aus Groll gegen beide, dich und die Medjai. Ägyptische Soldaten sind noch nicht so weit, dass sie Leuten mit schwarzer Haut vertrauen, und ägyptische Edelleute schätzen dich in jeder Hinsicht geringer als sich selbst.» Er beugte sich über den Tisch und packte Hor-Ahas Arm. «Die Rede ist von harten Tatsachen, mein Freund, und ich muss darüber sprechen. Für mich bist du Ägypter, und nicht nur Ägypter, sondern einer der besten. Ich liebe dich. Ich nehme dir den Fürstentitel nicht fort, den mein Bruder dir verliehen hat, gebrauche ihn jedoch nicht, bis ich die Doppelkrone auf dem Haupt trage. Verzeih mir und verstehe mich bitte.»
«O ja, ich verstehe schon», sagte Hor-Aha mit rauer Stimme. «Ich habe mein Leben für deine Familie riskiert. Dein Vater hat mir tatsächlich mehr bedeutet als mein eigenes Leben, und ich habe ihn innig geliebt. Und dafür werde ich mit Verachtung belohnt. Das tut weh, Ahmose.» Er schluckte. «Dennoch bin ich der beste Taktiker, den du hast.» Er musterte Ahmose mit kaltem Blick. «Vergiss nicht, dass ich Ägypter bin. Meine Mutter Nihotep war Ägypterin. Trotz meiner Hautfarbe gehöre ich hierher, und deswegen vertraue ich darauf, dass du zu gegebener Zeit das Versprechen hältst, das Kamose mir gegeben hat, und bis dahin kannst du mir befehlen. Du brauchst mich.» Jetzt entzog er Ahmose seinen Arm, schob seinen silbernen Armreif an die Stelle, wo Ahmoses Finger ihn gepackt hatten, und der lehnte sich zurück.
«Natürlich brauche ich dich», wiederholte er heftig. «Was kann ich sonst noch sagen? Diese Sitzung ist beendet. Komm morgen, ehe du aufbrichst, zu mir, Hor-Aha. Du hast einen Monat Zeit, die gewünschten Informationen einzuholen. Sowie Kamose bestattet ist, möchte ich ins Delta aufbrechen.» Er erhob sich und die anderen auch. Hor-Aha verbeugte sich, verließ eilig den Raum und schlug die Tür hinter sich zu.
«Ihr Götter, Ahmose, hoffentlich hast du dir unseren wertvollsten Verbündeten nicht zum Feind gemacht. Vertraust du ihm denn nicht mehr?», fragte Aahotep.
«Ich liebe ihn, Mutter», sagte Ahmose müde. «Ich liebe ihn, aber ich vertraue ihm nicht. Ich habe bei ihm schon oft einen Stolz gespürt, den man zügeln muss. Er schluckt ihn hinunter, aber ohne eine feste Hand geht er mit ihm durch und vernichtet ihn.» Sie kam um den Tisch herum und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
«Ich staune über den Weitblick und die Klugheit, die du heute Abend bewiesen hast», sagte sie. «Das sollte ich eigentlich nicht, schließlich habe ich dich geboren und aufgezogen, und trotzdem. Ägypten ist bei dir wohl aufgehoben. Schlaf gut, Majestät.» Dieses Mal schloss sich die Tür leise.
«Ich bin auf einmal sehr müde», murmelte Ahmose. «Mein Kopf hämmert. Heute Abend nehme ich Mohnsaft, aber ich möchte, dass du bei mir schläfst, Aahmes-nofretari. Ich muss deinen Leib spüren. Ich hätte dich gern geliebt, aber dazu fehlt mir die Kraft.»
«Wir können doch Seite an Seite liegen und so tun als ob», neckte sie ihn. Dann nüchterner: «Ahmose, warum hast du Ramose nicht hinzugezogen?»
«Seltsam, und dabei ist Ramose der einzige Mensch, dem ich völlig vertraue», antwortete er. «Aber er ist kein Soldat. Außerdem trauert er um seine Mutter.» Aber wir trauern auch um Kamose, hätte sie gern erwidert. Stattdessen sagte sie: «Schickst du ihn als Spion nach Auaris? Und was ist mit Mesehti und Machu? Und übrigens auch Anchmahor?» Eng umschlungen gingen sie zur Tür.
«Ich brauche keinen Spion in Auaris», sagte er, als sie aus dem Arbeitszimmer traten. «Hor-Aha hat Recht. Die Stadt fällt bei diesem Feldzug nicht. Sie wird gut verteidigt. Ich konzentriere mich darauf, die Setius umzubringen, die ins Delta einsickern. Was die beiden Fürsten angeht, so biete ich ihnen neue Titel und behalte sie in meiner Nähe, aber ihre Divisionen habe ich ihnen bereits weggenommen, was sie jedoch noch nicht wissen. Und Anchmahor …» Sie kamen am Eingang zum hinten gelegenen Garten vorbei und schritten langsamer, weil sie die duftende Brise genießen wollten, ehe sie weitergingen. «Anchmahor ist ein Juwel. Er bleibt Befehlshaber der Getreuen des Königs und der Angriffstruppe der Amun-Division. Bei ihm mache ich eine Ausnahme. Möchtest du die Hauswachen befehligen, Aahmes-nofretari?» Er lächelte, und seine Augen blitzten trotz der Finsternis.
«Ja, gern», antwortete sie sofort. «Allmählich kenne ich unsere einheimischen Soldaten gut. Wenn ich sie selbst aussuchen darf, fühle ich mich vollkommen sicher. Aber einige davon werden Medjai sein, Ahmose.»
«Das ist mir recht», sagte er. «Dir, liebste Schwester, vertraue ich bedingungslos! Achtoi, heißes Wasser und den Arzt, ich brauche Mohnsaft. Aahmes-nofretari, komm so schnell du kannst zurück.»
In dieser Nacht träumte sie, wie Ramoses Mutter gestorben war, und erwachte schweißnass und zitternd in stickiger Dunkelheit. Sie setzte sich auf und wischte sich Hals und Brust mit dem zerknüllten Laken und war dankbar, dass sie nicht allein war. «Was ist?», brummelte Ahmose. «Geht es dir schlecht?»
«Ein böser Traum, mehr nicht», flüsterte sie, suchte Trost an seinem weichen Fleisch und fand die Rundung seiner Hüfte. «Ahmose, warum schläfst du nicht?»
«Ich habe geschlafen», sagte er jetzt deutlicher. «Bis dein Gebrummel mich aufgeweckt hat.»
«Tut mir Leid.» Sie legte sich wieder hin. «Kannst du wieder einschlafen?» Er bewegte sich und drehte sich zu ihr um.
«Ich könnte schon», sagte er. «Aber meine Kopfschmerzen sind fort. Aahmes-nofretari, wir wollen uns lieben. Möchtest du? Das wird ein einmaliges Erlebnis. Schließlich habe ich noch nie einen Soldaten geliebt.»
Der erwartete Ausbruch Tetischeris erfolgte nicht, was Aahmes-nofretari ungemein verwunderte. Vielleicht hatte ihre Großmutter nicht gemerkt, dass eine Sitzung stattgefunden hatte, was sie jedoch bezweifelte. Tetischeri zeigte ihr Missfallen jedoch, als sie Ahmose eines Abends beim Essen fragte, wie es um Kamoses Grabmal stünde. «Du bist so oft nicht zu Haus gewesen», sagte sie abrupt zu ihm, als er gerade den Hund Behek mit einem Häppchen gebratener Ente fütterte. Ahmose tat, als hörte er Tetischeri nicht, zupfte weiter Fleisch von den Knochen auf seinem Teller und schob es Behek zwischen die kräftigen Zähne, aber sie wich und wankte nicht. «Hast du überprüft, ob Kamoses Grabmal fertig gestellt ist?»
«Nein, Großmutter», sagte er schließlich geduldig. «Ich musste mich um Angelegenheiten im Tempel kümmern.»
«Angelegenheiten, die wichtiger sind als die letzte Ruhestätte deines Bruders?», bohrte sie weiter. «Möchtest du, dass er inmitten von Steinbrocken und unvollendeten Inschriften ruht?» Ahmose richtete sich auf. «Du unterstellst mir ziemlich viel», tadelte er sie milde. «Das hättest du wohl gern, ich und so kleinliche Rache nehmen. Du hast dir immer eingebildet, dass ich eifersüchtig auf Kamose bin, aber das ist nicht wahr. Wir waren in vielem nicht einer Meinung, doch ich habe ihn genauso lieb gehabt wie du.»
«Was ich bezweifeln möchte», gab sie bissig zurück.
«Ich bin zweimal beim Grabmal gewesen», sagte er gelassen. «Es wird nicht rechtzeitig fertig, aber daran ist niemand schuld. Kamose hat nicht gedacht, dass er so früh sterben könnte. Die Handwerker arbeiten bis zur völligen Erschöpfung, aber es gibt Grenzen, Tetischeri.»
«Dann werden also Gebete und Beschwörungsformeln seinen Leichnam umgeben, aber seine Taten sind nicht dargestellt», knurrte sie. «Das ist eine Katastrophe.»
«Gebete um göttlichen Schutz sind weitaus wichtiger», gab Ahmose zurück. «Du bist mit Absicht unleidlich, Tetischeri», sagte Aahotep jetzt. «Ist es dir lieber, Kamose ist vor Bösem im nächsten Leben beschützt oder aber verloren, weil Ahmose darauf besteht, seine Taten schildern zu lassen? Für beides reicht die Zeit nicht.»
«Ich weiß, was du denkst.» Ahmose hatte sich zu seiner Großmutter umgedreht und musterte sie kühl. «Insgeheim hast du Angst, dass ich Kamoses Siege, all seine großen Bemühungen, uns zu befreien, all seine Seelenqualen für mich beanspruche. Aber selbst wenn ich das wollte, ginge es nicht. Die Archive sind voll von Briefen und Depeschen an dich, und nur wenn ich die alle verbrenne, könnte ich die traurige Geschichte meines Bruders mit Beschlag belegen. Außerdem würden die Götter eine solche Unehrlichkeit nicht billigen.» Er seufzte. «Du tust mir Leid, Tetischeri. Du denkst so schlecht von mir, dass du den Kopf nicht heben und mich oder Kamose so sehen kannst, wie wir wirklich sind. Aber sei gewarnt. Ich bin jetzt der König und dein Großsohn. Hüte dich und zügele deine Zunge, falls du das bei deinen Gedanken nicht schaffst, sonst wirft man dir eines Tages noch Gotteslästerung vor.» Sie funkelte ihn böse an, dann sank sie in sich zusammen.
«Du hast Recht», quälte sie sich mit steifen Lippen ab. «Ich entschuldige mich, Majestät. Ich bin ein widerborstiges altes Weib.»
«Vergib ihr», bat Aahotep. «Sie grämt sich schrecklich wegen Kamose.»
«Gram entschuldigt vieles, aber nicht alles.» Mehr sagte er nicht.
Eines Morgens stand Aahmes-nofretari spät auf und bat darum, dass man ihr das erste Mahl des Tages in den Garten brachte, und nachdem sie gebadet, angekleidet und geschminkt worden war, ging sie zum Teich, traf dort jedoch Ahmose an, der rücklings unter einem sich blähenden Sonnensegel lag. Eine nackte Hent-ta-Hent ruhte auf seinem Bauch und schlief tief und fest, hatte einen winzigen Daumen im Mund, und die Brise bewegte ihr weiches schwarzes Haar. Ahmose hatte eine Hand unter ihre runde Kehrseite geschoben, damit sie nicht herunterrutschte, mit der anderen winkte er in Richtung Hor-Aha, der mit gekreuzten Beinen neben ihm saß. Als Ahmose-onch sie über den Rasen kommen sah, tapste er strahlend auf sie zu, die Hände zur Schale geformt. «Sieh mal, sieh mal!», rief er schrill und aufgeregt. «Der Frosch ist mir auf den Fuß gesprungen!» Aahmes-nofretari ging in die Hocke, gab ihm einen Kuss auf die Pausbacke und bewunderte seinen Fang.
«Aber du musst ihn in den Teich zurückwerfen», ermahnte sie ihn. «Wenn du ihn zu lange in der Hand hast, wird seine Haut trocken und heiß, und davon wird er krank. Er ist etwas Besonderes, Ahmose-onch, du darfst ihm nichts tun. Frösche sind das Symbol der Wiedergeburt, und wir ehren sie.» Er zuckte die Achseln, war bereits gelangweilt, dann zog er eine Schnute, tat jedoch, was man ihn geheißen hatte, blieb am Rand des Teiches stehen und streichelte das Geschöpf, ehe er es sorglos hineinwarf.
«Flicht seine Kinderlocke», sagte Aahmes-nofretari zu der Dienerin. «Er sieht sehr unordentlich aus. Und binde ihm ein Lendentuch um. Er zählt inzwischen drei Lenze und muss sich daran gewöhnen, Kleidung zu tragen.» Ahmose hatte ihr den Kopf zugewandt, als sie näher kam, er lächelte von einem Ohr zum anderen, und Hor-Aha war aufgestanden, um ihr zu huldigen.
«Hor-Aha ist letzten Abend mit seinen Listen zurückgekehrt», sagte Ahmose, während sie in den Schatten unter dem Sonnensegel trat. «Der Morgen war zu schön, um ihn im Dunkel des Arbeitszimmers zu verbringen, also höre ich mir alles hier draußen an. Später muss ich noch die höheren Hauptleute befragen, die ich selbst vorschlage, aber ich kann mich nicht rühren, ehe Hent-ta-Hent nicht aufgewacht ist.» Liebevoll betrachtete er seine Tochter. «Ich glaube, sie zahnt, Aahmes-nofretari. Sie hat viel gesabbert und geschrien, und das Kindermädchen konnte sie nicht beruhigen. Was hast du heute vor?»
«Ich wollte mir eine Sänfte nehmen und mich zu den Feldern tragen lassen», antwortete sie. «Ich möchte sehen, wie das diesjährige Korn steht.» Dann lachte sie schallend. «Ahmose, du siehst mit der Kleinen auf dem Bauch lächerlich aus, ganz und gar nicht wie ein König!»
«Ja, aber mein Herzschlag beruhigt sie, und die Wärme ihres Leibes stimmt mich friedlicher», entgegnete er. «Dein Essen kommt, Aahmes-nofretari. Setz dich zu mir und iss, während ich das Geschäftliche beende. Danach könnte ich dich wohl begleiten. Die Hauptleute ziehen in die Kasernen ein. Mit denen kann ich mich auch noch heute Abend unterhalten.»
Überrascht und erfreut nahm sie sein Angebot an und genoss ihr Mahl mit Blick auf das Spiel von Licht und Schatten im grünen, frühlingsprächtigen Garten. Ahmose hatte Posten in elf Divisionen zu besetzen, das hieß alles vom Befehlshaber bis zum Standartenträger, vom Wagenlenker bis zu den Hauptleuten der Hundert, vom Obersten der Fünfzig bis zu den Lehroffizieren.
Viele Ränge waren ihr völlig neu, und da ging ihr auf, dass Ahmose sie während dieser Beratung erst schuf. Das Heer würde tatsächlich anders sein, streng gegliedert und vollkommen unter seiner Kontrolle. Dieses Wissen vermittelte ihr einen gewissen Frieden, aber auch Trauer. Kamose hatte getan, was er konnte, doch für eine Neuordnung hatte er entweder nicht die Zeit oder den Durchblick gehabt. Er hatte seinem Bruder den Weg bereitet, hatte einen unbeholfenen Anfang gemacht, doch Ahmose würde alles verfeinern und vervollkommnen, auf der Grundlage weiterbauen, die Kamose geschaffen hatte, und vielleicht würde Kamoses Beitrag im Lauf der Zeit vergessen werden. Schließlich war er für seine Familie ein Rätsel gewesen, für seine Edelleute ein Gewaltherrscher und für die Bauern, deren Dörfer er zerstört hatte, ein Ungeheuer. Falls Ahmose es schaffte, Ägypten Freiheit und Wohlstand zu bringen, würde sein Bruder möglicherweise zum schmählichen Andenken werden. Du wärst kein guter König geworden, liebster Kamose, dachte sie zum ersten Mal. Das haben die Götter gewusst, und darum haben sie dich benutzt. Du musstest die Erde pflügen, und dann haben sie dich uns genommen. Herrschen war dir nicht bestimmt.
Hent-ta-Hent war jetzt wach, bewegte sich unruhig unter den Händen ihres Vaters, und Aahmes-nofretari stand auf. «Die Kinderfrau soll sie fortbringen, ehe sie dich nass machen kann», sagte sie zu Ahmose. «Ich bestelle die Sänften und warte am Flussweg auf dich.» Er nickte, reichte das quengelnde Kleinkind der geduldigen Dienerin hoch, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen, und Aahmes-nofretari überließ die Männer ihren Überlegungen.
Ein paar kostbare Stunden lang wurden sie und Ahmose über das Anwesen getragen, unterhielten sich unbeschwert über den Abstand zwischen ihren Sänften hinweg darüber, wie grün und gesund das Korn stand, und beugten sich hinaus und betrachteten ihr verschwommenes Spiegelbild in den Kanälen, welche die Äcker kreuz und quer durchzogen.
Später stiegen sie aus und spazierten Hand in Hand am palmenbeschatteten Fluss entlang, redeten über die Boote, die vorbeikreuzten, über die zierlichen, langen Beine der weißen Ibisse, die reglos im seichten Wasser standen, über die schimmernde Hitze auf den nackten Felsen, die sie am Westufer ausmachen konnten. «Das hier werden wir, glaube ich, nicht mehr oft tun», sagte Ahmose, als sie sich ihrer Bootstreppe näherten. «Es ist nicht gut, wenn der König für das Volk so sichtbar und verfügbar ist. Natürlich muss er bereit sein, sich ihre Probleme mittels seiner Richter anzuhören, aber in diesen Zeiten ist es besser, wenn sie sich ihn nicht mit verdreckten Füßen und schweißfleckigem Schurz vorstellen. Während ich fort bin, lässt du die Mauer um das Anwesen erhöhen, Aahmes-nofretari, und oberhalb der Bootstreppe ein festes Tor anbringen, Vorbeigehende dürfen den Garten nicht mehr einsehen.»
«Du planst viele Veränderungen, nicht wahr, Ahmose?», sagte sie, und er nickte ernst.
«Ja, aber zunächst muss ich es mit dem Feind im Delta aufnehmen. Das kommt für mich an erster Stelle.» Er zog ihren Arm durch seinen, und zusammen bogen sie vom Fluss ab und strebten dem Haus zu, das vertraut und einladend in der Nachmittagshitze stand.
Am zwanzigsten Tage im Pharmuthi versammelten sich die Familie und das gesamte Gesinde an der Bootstreppe des Westufers, um Kamose zu seinem Grabmal zu geleiten. Er hatte keinen Gedanken an das Meißeln eines Sarkophages verschwendet, und die Lager im Haus des Todes boten keinen passenden, daher hatten die Sem-Priester seinen balsamierten Leib in einen schlichten Holzsarg gelegt, der die Form eines Mannes hatte, mit Zügen, die irgendwie Kamoses ähnelten, und dem Abbild eines Königsbartes am Kinn. Sein Name stand nicht in der Königskartusche. Aahmes-nofretari, die zugesehen hatte, wie der Sarg vom Fluss auf den Schlitten verladen wurde, entsetzte sich über so viel namenlose Armseligkeit. Er hat Besseres verdient, dachte sie zornig. «Hast du den ausgesucht?, flüsterte sie ihrem Mann über dem Gekreisch der blau gekleideten Frauen ringsum zu.
«Nein!», zischte er zurück. «Man hat mir gesagt, dass er nicht für seinen Sarg vorgesorgt hat und die Zeit nicht reichte, einen ordentlich gemeißelten und geschmückten herzustellen. Arme Tetischeri. Für sie beleidige ich Kamose schon wieder.»
«Es ist eine Beleidigung, selbst wenn du nicht daran schuld bist», sagte sie leise. «Ach, Kamose! Verzeih uns allen!» Ahmose gab keine Antwort. Der Priester an der Spitze setzte sich in Bewegung, stimmte jetzt den schwermütigen und schönen Trauergesang an. Dann kam der Schlitten, von zwei roten Ochsen gezogen, Aahotep, Tetischeri, Ahmose und Aahmes-nofretari folgten.
Die Kinder waren mit Raa daheim geblieben. Sie wären eine Verheißung auf neues Leben inmitten dieses schrecklichen Todes gewesen. Ramose fehlte auch. Er war nach Chemmenu gefahren und bereitete die Bestattung seiner Mutter vor. Hinter der Familie drängten sich die Diener, und den Schluss bildeten die Klageweiber, die jammerten und Sand aufhoben und ihn sich aufs zerzauste Haar streuten. Sie wurden dafür bezahlt, und man maß die Bedeutung eines Toten an der Zahl der Weiber, die um ihn klagten. Aahotep hatte zweihundert eingestellt, alles was Waset zu bieten hatte, und ihr Schluchzen und wildes Gejammer wehte über den Fluss und wurde von Tausenden von Stadtbewohnern aufgenommen, die sich am Ostufer drängten, um ihrem König und Beschützer Lebewohl zu sagen.
Wenigstens Waset hat ihn geliebt und ehrt ihn, dachte Aahmes-nofretari. Auf einmal fing sie an zu weinen, bückte sich im Gehen, hob eine Hand voll ägyptische Erde auf, drückte den heißen Sand in ihrer Hand, ehe sie ihn über die Stirn rieseln ließ und sich ins Gesicht rieb.
Kamoses kleine Pyramide lag am südlichen Rand der Begräbnisstätte, ihr Vorhof öffnete sich nach Osten, damit er die aufgehende Sonne empfangen konnte. Dahinter erhob sich der viel größere Totentempel und das Grabmal seines Vorfahren Osiris Mentuhotep-neb-hapet-Re unmittelbar am Fuß der schroffen Felsen von Gurn. Als der Sarg vom Schlitten gehoben und aufrecht an die Wand des Grabmals gelehnt wurde, blickte sich Aahmes-nofretari um. Du befindest dich in guter Gesellschaft, lieber Kamose, sagte sie zu ihm. Hier ruhen die Götter glücklicherer Zeiten. Du verdienst es, mitten unter ihnen zu liegen, denn wie sie hast auch du Ägypten geliebt und die Maat verehrt und für beides dein Leben gegeben.
Die Mitglieder des Trauerzuges schwiegen, als der Deckel des Sarges entfernt wurde. Aahmes-nofretari stockte der Atem, sie hob die Augen zu der Gestalt, die im Dunkel des Holzkastens stand. Im Geist durchdrang sie Lage um Lage von fest und kunstvoll gewickelten Binden und die Schutzamulette bis zu dem geliebten Menschen darunter, wie sie ihn hatte schlafen sehen, auf dem Rücken liegend, die Hände auf der sich sacht hebenden und senkenden Brust, das Gesicht reglos, aber dennoch still-belebt. Sie wusste, es war ein Trugbild, wusste, dass Kamose in Wirklichkeit etwas Braunes und Ausgetrocknetes und Steifes war, doch dem mochte sie noch nicht ins Auge sehen. Amunmose begann jetzt mit der Mundöffnungszeremonie und befreite damit die Sinne ihres Bruders. «Er war erst fünfundzwanzig», sagte sie lauter, als sie vorgehabt hatte. Sie spürte, wie Ahmose ihre Hand ergriff, seine Finger waren feucht, und da wusste sie, dass auch er weinte.
Als der Hohe Priester geendet hatte, klagten die Weiber wieder, und dann kniete sich ein Mitglied der Familie nach dem anderen hin und küsste die mit Leinen umwickelten Füße, die nach Myrrhe und Konservierungsbalsamen dufteten. Der Sarg wurde aufgehoben, und endlich trug man Kamose den langen, kahlen Gang entlang in den kleinen Raum, den kein Lebender je wieder sehen würde. In der Mitte war ein Steinsockel, auf dem er ruhen würde, und drum herum stellte man seine Möbel und seine persönliche Habe auf, die er brauchen würde. Es war erbärmlich wenig.
Aahmes-nofretari hatte einen Arm voll Frühlingsblumen, die sie ihm auf die Brust legte, und seine Mutter ließ Blumen aus dem Garten auf ihn herabregnen, doch Tetischeri stand steif da, und die Tränen liefen ihr über die runzligen Wangen. «Ich habe dem Lebenden alles gegeben», hatte sie vorher gesagt, «der Tote bekommt nichts von mir. Diesen Tag gibt es nicht für mich.» Ahmose trat zu ihr, legte ihr mitleidsvoll und zärtlich den Arm um die zerbrechlichen Schultern, und zu Aahmes-nofretaris Verwunderung entzog sie sich ihm nicht, sondern ließ sich von ihm stützen, als der Deckel aufgelegt und verschlossen wurde, dann wandten sie sich endgültig ab. Aahmes-nofretari warf einen Blick zurück. Kamose lag bereits im Dunkeln, der Sarg mit seinem leblosen Inhalt war nur noch ein sperriger Umriss, der für immer reglos in diesem Dunkel bleiben würde.
Drei Tage lang hielten sich Gesinde und Familie in der Nähe des Vorhofes auf, speisten und tranken in seinem Andenken und beteten für die wohlbehaltene Reise seines Kas. In der zweiten Nacht nach der Bestattung konnte Aahmes-nofretari nicht schlafen. Schließlich stand sie auf, griff sich einen Umhang und verließ ihr Zelt. Die Nacht war still und kalt. Auf der anderen Seite des Flusses war Waset an wenigen schwachen goldfarbenen Lichtern zu erkennen, und der Nil strömte beschaulich dahin.
Es waren nur ein paar Schritte zur niedrigen Mauer des Hofes, und sie überquerte den unebenen, dunklen Boden rasch und ging zu dem gähnenden schwarzen Loch in der Seite der Pyramide, das morgen zugeschüttet und versiegelt werden würde.
Hier sank sie nieder, zog die Knie an und fing an zu flüstern, erzählte ihrem Bruder, wie sehr sie ihn geliebt hätte, erinnerte ihn an die gemeinsame Kindheit, fasste in Worte, was sie empfunden hatte, wenn seine Stimme aus einem anderen Raum drang, während sie den Flur entlangging, in den Garten trat, hochblickte und ihn reglos auf dem Dach des alten Palastes sah, wie sein seltenes Lächeln sie gewärmt hatte. «Du bist unser Fels gewesen, unser Prüfstein, beharrlich und unnachgiebig, und ich habe nicht gemerkt, wie sehr wir uns alle auf dich gestützt haben», sagte sie leise. «Irgendwie war es selbstverständlich für uns, dass gerade deine Halsstarrigkeit uns immer schützen würde. Jetzt ist Ahmose König, und er macht es anders als du. Das war schon immer so, und das weißt du, lieber Kamose. Dennoch glaube ich, wenn Ahmose die Sache angefangen hätte, es wäre schief gegangen. Das kann nun nicht mehr geschehen, weil seine Zeit gekommen ist, aber du hast das Richtige, das einzig Richtige getan, und das wird dich vor den Göttern rechtfertigen.
Weißt du noch, wie wir einmal, als wir noch ganz klein waren, am neunzehnten Tag im Thot zu seinem Festtag nach Chemmenu zu Mutters Verwandten gefahren sind? Und wie mich Si-Amun in unserer ersten Nacht auf dem Schiff aus Versehen in den Nil geschubst hat und ich noch nicht schwimmen konnte? Der Fluss war gerade etwas angestiegen. Die Diener sind schreiend durcheinander gelaufen, und Si-Amun hat geweint, und Vater ist aus der Kabine gekommen und hat nicht gewusst, was der ganze Tumult sollte. Da bist du einfach die Laufplanke hinuntergelaufen, bist ins seichte Wasser gewatet und hast mich ans Ufer gezogen. Ich habe gehustet und gespuckt. ‹Du Dummchen›, hast du gesagt. ‹Schwimmen ist leicht. Das bringe ich dir bei, und wenn wir wieder zu Haus sind, bist du schneller als die Fische.› Selbst damals hast du schon für unsere Sicherheit gesorgt. Ich lasse nicht zu, dass du vergessen wirst. Ich lasse nicht zu, dass dein Andenken verzerrt wird. Die ägyptische Geschichte darf nicht …»
Doch die Worte erstarben ihr vor Entsetzen in der Kehle, denn im Dunkel des Eingangs zum Grabmal bewegte sich etwas. Eine Gestalt löste sich aus der Leere, kam japsend auf sie zu, und erleichtert erkannte sie Behek, der ihr den grauen Kopf in den Schoß legte. Sie nahm ihn in die Arme. «Wie bist du über den Fluss gekommen?», schalt sie ihn. «Hast du dich in die Dienerboote gedrängt? Was hast du da drinnen zu suchen gehabt? Morgen früh hätte man dich eingeschlossen, und niemand hätte gewusst, was aus dir geworden ist. Aber ich verstehe dich. Ach, ich verstehe dich.» Und sie barg das Gesicht an seinem warmen Hals und begann zu schluchzen.
Am Morgen wurden die letzten Gesänge gesungen, die Zelte abgeschlagen und die Essensreste vergraben. Maurer warteten an dem Eingang, der kalte Einsamkeit in die funkelnde Luft zu verströmen schien. «Amunmose kümmert sich darum, dass man die Siegel anbringt, wenn die Männer fertig sind», sagte Ahmose zu einer stillen Aahmes-nofretari. «Es ist vorbei, wir müssen gehen. Die Boote warten schon. Es gibt viel zu tun. Wie ist Behek hierher gekommen?» Aahmes-nofretari stieg in ihre Sänfte und zog die Vorhänge zu.
Nachdem sie das Ostufer erreicht hatten, verschwand Ahmose in Richtung Tempel, und die Frauen trennten sich vor ihren Gemächern. Aahmes-nofretari kam das Haus gereinigt vor und bar aller Unterströmungen von Gefühlen, und auf einmal war sie erschöpft. Sie legte sich auf ihr Lager, schloss die Augen und schlief tief und traumlos.
Abends wurde sie in die Gemächer ihrer Mutter gebeten, wo Ahmose bereits saß, Wasser trank und mit Aahotep plauderte. Er stand auf und begrüßte sie mit einem Kuss. «Du siehst besser aus», sagte er, nachdem er sie kritisch gemustert hatte. «Kamose ist jetzt fort. Sein Herz ist gewogen worden, er hat den Gerichtssaal verlassen und seinen Platz in der Heiligen Barke neben unseren Vorfahren eingenommen. Spürst du es nicht?»
«O doch», sagte sie. «Darum kommt mir das Haus wie … wie gesäubert vor.» Sie zog die Stirn in Falten. «Ramose tut mir Leid. Er muss Nofre-Sachuru nach Chemmenu begleiten und ihre Bestattung überstehen. Ist er schon zurück, Ahmose?»
«Ja. Nofre-Sachuru ist vollständig einbalsamiert, aber ich kann Ramose die nächsten Tage noch nicht freigeben. Morgen ist der letzte Tag im Pharmuthi. Für den ersten Tag im Pachons, den Sommeranfang, plane ich eine großartige Zeremonie im Tempel, und dabei muss Ramose anwesend sein. Ich kann nicht zum König gekrönt werden», fuhr er bedrückt fort. «Die Atef-Krone und die Doppelkrone befinden sich in Auaris. Aber ich habe vor, mich mit jedwedem feierlichen Reinigungs- und Ernennungsritual zum König von Ober- und Unterägypten ausrufen zu lassen und den Tag meines Kommens auf den ersten Tag des Sommers festzusetzen. So gehört es sich.» Er lächelte unvermittelt. «Jeder von Bedeutung in Waset, jeder neue Offizier, jeder Beamte wird mir Treue schwören müssen, darunter auch Ramose. Danach kann er reisen. Wenn ich mit dem Heer unterwegs nach Norden bin, fordere ich den gleichen Schwur von den Statthaltern der Nomarchen und den Söhnen derer, die Kamose verraten haben, und auch von der Bootstruppe. Du, Liebste, wirst im Tempel als meine Königin neben mir sitzen und die Huldigung aller entgegennehmen.» Er liebkoste ihre Wange. «Sorge dafür, dass Raa Ahmose-onch so prächtig wie nur möglich herausputzt. Er kann als deutlich sichtbarer Falke-im-Nest zwischen uns stehen. Wir müssen unsere Macht nach außen hin zeigen.»
Dann wurde er sachlich und wandte sich an seine Mutter. «Aahotep, ich möchte, dass du so viel Schmuck anlegst und Pracht entfaltest, wie du möchtest, aber trage bitte das Hemdkleid, in dem du Meketra erstochen hast. Ich weiß, du hast es noch.»
«Ahmose!», entsetzte sie sich. «Nein! Niemals! Ich ertrage es nicht auf meinem Körper!»
«Ich will, dass alle den Triumph der Taos sehen. Ich will, dass sie unseren Sieg sehen, einen Sieg, der nicht mit schönen Worten und harmlosen Gesten errungen wurde, sondern im Kampf. Untreue bedeutet Tod. Ich will, dass alle das endlich begreifen.»
«Es gibt tausend andere Arten, wie du ihnen das vermitteln kannst», wehrte sich Aahotep hitzig. «Das ist nicht nur völlig geschmacklos, Ahmose, es riecht nach Wahnsinn. Nein. Ich trage es nicht.» Da stand er bedächtig auf und verschränkte die Arme.
«Ich weiß, dass du dich bei dem Gedanken ekelst», entgegnete er fest, «aber ich habe mehr als nur einen Grund für diese Bitte. Es ist nicht die Bitte deines Sohns, Aahotep. Es ist ein Befehl deines Königs.» Sie wurde sehr blass.
«Und wenn ich mich weiterhin weigere?»
«Dann ziehst du dir nicht nur mein äußerstes Missfallen zu, sondern verdirbst mir auch die Überraschung, die ich für dich habe. Bitte, vertraue mir, Mutter. Ich liebe dich mehr, als je ein Sohn seine Mutter geliebt hat, denn du hast mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es auch vor der Keule des Meuchelmörders bewahrt. Vertraue mir und weigere dich nicht.» Sie blickte ihn lange und prüfend an, die Hände locker vor dem Leib verschränkt, und allmählich wurde ihre Miene weicher.
«Niemand außer deinem Vater hätte mich um so etwas bitten, geschweige denn es fordern dürfen und damit Erfolg gehabt», sagte sie schließlich. «Na schön, Ahmose, ich trage das Hemdkleid.» Er strahlte auf einmal, ging zur Tür und war verschwunden.
Die beiden Frauen blickten sich an. «Der Schlag auf seinen Kopf …», fing Aahotep stockend an, doch Aahmes-nofretari unterbrach sie mitten im Satz.
«Nein, das glaube ich nicht. Bislang ist er in allem, was er seit seiner Genesung gesagt und getan hat, sehr vernünftig gewesen. Er weiß, was er dir abverlangt und warum.»
«Trotzdem ekle ich mich davor», sagte Aahotep und fröstelte. «Bleibe ein Weilchen bei mir, Aahmes-nofretari. Wir könnten doch Senet spielen oder uns unterhalten.»
Der Morgen des ersten Tages im Pachons dämmerte herauf und versetzte das Haus in Aufregung. Ahmose hatte die Nacht in einem der Vorzimmer des Tempels verbracht, hatte Achtoi und seinen Leibdiener mitgenommen, weil er in den dunklen Stunden beten und meditieren, gereinigt werden und Amunmose zum letzten Mal bei den ersten Waschungen des Gottes zusehen wollte. Wenn er erst König war, hatte er das Vorrecht, das Allerheiligste allein zu betreten und sich anstelle des Hohen Priesters um die Bedürfnisse des Gottes zu kümmern, falls es ihm so beliebte, doch an diesem wichtigen Tag wollte er den letzten Rest seiner Jugend genießen.
Das war ein merkwürdiger Satz, und Aahmes-nofretari dachte darüber nach, während Raa das rote, golddurchwirkte Hemdkleid herauslegte, das sie tragen wollte, und die Kosmetikerin mit kundiger Hand einen Tropfen Wasser auf das schwarze Kohlpulver in dem Tiegelchen tropfte. Für seine Frau war es Meketras Hieb gewesen, der Ahmoses Jugend beendet hatte, und die kleinen, jedoch deutlichen Veränderungen waren nicht zu übersehen. Er ist erst zwanzig, überlegte sie und schloss die Augen, als die Kosmetikerin sie leise darum bat. In den letzten fünf Jahren ist so viel geschehen, dass wir uns allesamt verändert haben. Bisweilen vergesse ich, dass ich noch nicht so uralt wie Tetischeri und mindestens fünfundsechzig bin, und gehe davon aus, dass Ahmose ähnlich empfindet.
Sie hatte für das Hemdkleid einen Gürtel aus dünnen Goldgliedern gewählt, dazu weiße, mit Jaspis besetzte Ledersandalen. Ihre Perücke war schwer, fünfzig Zöpfe fielen ihr fast bis auf die Hüfte und stießen sacht an die mit goldenen Armbändern geschmückten Arme. Um einen Oberarm schlang sich ein Band mit den Flügeln von Mut, der Geiergöttin, der Schutzgöttin der Königinnen, deren Raubtierschnabel nach hinten gerichtet war, um Aahmes-nofretari vor allen Angriffen zu beschützen. In Gold gefasste grüne Skarabäen zierten ihre Finger, und in ihren Ohrläppchen hingen blaue Skarabäen aus Lapislazuli.
Ehe man ihr die Perücke aufsetzte, hatte Raa ihr behutsam ein schweres Pektoral auf die Brust gelegt, das ihr Ahmose am Tag zuvor geschenkt und das sie verwundert entgegengenommen hatte. «Tut mir Leid, dass kein Silber darin ist», hatte er sich entschuldigt. «Ich habe das ganze Silber, das ich auftreiben konnte, für andere Zwecke gebraucht. Trotzdem ist es schön. Die Goldschmiede im Tempel haben lange darüber geschwitzt. Trage es als Königin, die du bist.»
Sie war zu benommen, um nachzufragen, was er mit dem Silber gemacht hatte, denn das war ein wegen seiner Seltenheit hoch geschätztes Metall und knapp in Waset, doch als das Pektoral jetzt auf dem durchsichtigen Kleid auf ihrer Brust lag, fiel ihr die unausgesprochene Frage wieder ein.
Ahmose hatte sie gebeten, kein Geschmeide auf dem Kopf zu tragen. Aber ich komme mir damit bei einer so feierlichen
