Die Totentänzerin - Max Bentow - E-Book

Die Totentänzerin E-Book

Max Bentow

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Beschreibung

Sie sind in enger Umarmung vereint. Doch der Totentanz hat längst begonnen ...

Ein Mann und eine Frau, entkleidet und in einer engen Umarmung vereint, die Körper mit einer Schnur aneinander gefesselt. Das Bett, auf dem sie liegen, ist blutdurchtränkt, davor auf bizarre Weise drapiert die Nachtwäsche der beiden Opfer. Dieser schaurige Anblick bietet sich Nils Trojan und seinem Team, als sie in der Wohnung eintreffen, in der sich das grauenhafte Verbrechen ereignet hat. Welcher kranke Geist hat hier gewütet? Wie weit geht Hass, dass er einen Menschen zu einer solchen Tat verführt? Trojan ist schockiert, als ausgerechnet Theresa Landsberg, die Frau seines Chefs, in den Kreis der Verdächtigen gerät. Er will nicht an ihre Schuld glauben, und doch weiß er, dass er jede Spur verfolgen muss. Denn soeben wurde ein weiteres Liebespaar tot aufgefunden ...

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Buch

Ein Mann und eine Frau, entkleidet und in einer engen Umarmung vereint, die Körper mit einer Schnur aneinander gefesselt. Das Bett, auf dem sie liegen, ist blutdurchtränkt, davor auf bizarre Weise drapiert die Nachtwäsche der beiden Opfer. Dieser schaurige Anblick bietet sich Nils Trojan und seinem Team, als sie in der Wohnung eintreffen, in der sich das grauenhafte Verbrechen ereignet hat. Welcher kranke Geist hat hier gewütet? Wie weit geht Hass, dass er einen Menschen zu einer solchen Tat verführt? Trojan ist schockiert, als ausgerechnet Theresa Landsberg, die Frau seines Chefs, in den Kreis der Verdächtigen gerät. Er will nicht an ihre Schuld glauben, und doch weiß er, dass er jede Spur verfolgen muss. Denn soeben wurde ein weiteres Liebespaar tot aufgefunden ...

Max Bentow

Die Totentänzerin

Psychothriller

Page&Turner

Originalausgabe

Page & Turner Bücher erscheinen imWilhelm Goldmann Verlag, München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH.

1. Auflage

Copyright © September 2013

by Page & Turner / Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: plainpicture/Johner; FinePic®, München

ISBN 978-3-641-09142-2

www.pageundturner-verlag.de

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Inhaltverzeichnis

Prolog

Erster Teil

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zweiter Teil

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Dritter Teil

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweinundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Vierter Teil

Dreißig

Einunddreißig

Zweiundreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Epilog

Prolog

Wir müssen leise sein«, sagte sie zu ihm.

Er lächelte. Im halbdunklen Flur schimmerte sein weißes Hemd, den mit Schnee benetzten Mantel hatte er sich über die Schulter geworfen. Er beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Seine Wangen waren kühl, als sei er noch vom Nachtfrost umgeben, der Eisblumen an die Fensterscheiben warf.

Es war kurz vor Weihnachten, sie liebte diese Zeit, sie schmeckte nach Nelken, Orangen und Nüssen. Sie roch sein Rasierwasser, es war würzig und scharf, erwachsen und stark, ein Schauer lief über ihren Rücken, und schon war ihr wieder warm.

»Komm mit«, sagte sie, er streifte sich die Stiefel ab, und sie führte ihn in ihr Zimmer, schloss hinter ihm die Tür. Sie setzten sich auf ihr Bett, er war ihr so nah. Die Nachttischlampe warf ihrer beider Schatten an die Wand. Nur in verworrenen Träumen war das bisher passiert.

Sie merkte ihm an, dass auch er ein wenig nervös war.

»Und deine Eltern kommen wirklich nicht früher zurück ?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Warum sollten sie, eine Ballnacht ist eine Ballnacht.«

»Sie tanzen Walzer ?«

»Bestimmt.«

»Dein Vater kann tanzen ?«

»Was glaubst denn du ?«

»Wenn der wüsste …«

»Weiß er aber nicht.«

»Er bringt mich um.« Sein Lachen war laut.

»Schscht«, machte sie, »du weißt doch, nebenan schläft noch jemand.«

Unsicher blickte sie zu der Wand zum Nebenzimmer hin, wo ihre Poster hingen, alberner Mädchenkram, sie hätte sie vorher abnehmen sollen.

Er strich ihr das Haar aus der Stirn und küsste sie wieder.

Gut, sie war bereit, sie hatte es so beschlossen, und sie würde es tun. Er war ein Freund ihrer Eltern, und er könnte ihr Vater sein, aber das war ihr egal, im Gegenteil, es beflügelte ihre Phantasien. Und sie ließ sich von ihm das Kleid aus­ziehen und knöpfte ihm das Hemd auf. Seine Brust war dicht behaart, sie betrachtete sie fasziniert, wie bei einem Affen, dachte sie, wie im Zoo, und das belustigte sie.

Und dann drückte er sie an sich, und sie sanken beide aufs Bett. Sie knipste das Licht aus, weil es ihr im Dunkeln lieber war, sie hörte das Ratschen seines Reißverschlusses, er stellte sich ungeschickt an, als er sich aus seiner Hose wand, und sie musste kichern.

»Was ist ?«, fragte er.

»Nichts«, flüsterte sie, »mach weiter.«

Schon war sie unter seinen Händen, die waren rau, anders, als sie sich das ausgemalt hatte, die Art, wie er sie berührte, gefiel ihr nicht, zu fordernd, zu grob, doch sie wollte nicht zimperlich sein, und sie ließ sich von ihm die Unterhose abstreifen, und nun würde alles geschehen, was geschehen sollte, und sie würde keinen Widerstand leisten.

Es ist eine Sünde, hörte sie ihre Mutter sagen, und sie stellte sich dazu das strenge Gesicht des Vaters vor.

Sie überschlug im Kopf noch einmal den Altersunterschied, und der war frappierend, aber es war nun mal ein Abenteuer und als solches geplant. Längst hatte es begonnen, und sie konnte nicht mehr zurück. Vor lauter Aufregung wurde ihr ein bisschen schummrig.

Siehst du, sprach sie in Gedanken zu sich selbst, nun hat das Leben begonnen, das hier, dieser Moment, ist erst der Anfang, alles davor war nur ein endlos langer Kindergartenausflug, knallbunt, aber irgendwie auch nicht real.

Sie hörte, wie er die Packung mit den Kondomen aufriss.

Hier ist die Wirklichkeit, dachte sie.

Und die kam mit Schmerzen einher, sie bat ihn, etwas vorsichtiger zu sein, doch er stöhnte nur, er war so laut, dass sie ihn noch einmal ermahnen musste, ruhiger zu sein.

Er hielt kurz inne und fragte: »Gefällt es dir denn nicht ?«

Sie seufzte bloß, starrte in die Dunkelheit hinein, während er sich wieder auf ihr bewegte. Sie versuchte, den Schmerz zu ignorieren, biss sich auf die Unterlippe. Nichts wäre ihr unangenehmer, als jetzt zu weinen.

Das Bett knarrte, auch das störte sie. Sie hielt sich am Rücken des Mannes fest. Er schwitzte übermäßig, sie verspürte den Impuls, sich die Hände am Laken abzuwischen, aber das gehörte sich wohl nicht.

Plötzlich drang ein Lichtstrahl ins Zimmer. Zunächst glaubte sie, er käme von draußen, durch einen Spalt im Vorhang, der Scheinwerferkegel eines vorbeifahrenden Autos vielleicht. Ja, dachte sie, alles ist gut, wir sind unbeobachtet, allein, ich bin in den Armen eines Mannes, und von nun an bin ich kein Kind mehr. Doch dann fiel ihr auf, dass die Seite nicht stimmte, das Licht kam von der Tür.

Er schien es überhaupt nicht gemerkt zu haben, denn er machte einfach weiter.

Sie wollte etwas sagen, doch sie war so erschrocken, dass sie keinen Ton herausbekam.

Da spürte sie den Lufthauch.

Hör auf, wollte sie flüstern, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Und dann erkannte sie die Hand und den schweren Gegenstand darin.

Schon schnellten Hand und Gegenstand herab.

Sie schrie.

Es gab ein hässliches Geräusch, ein Knacken, ein Bersten, und sie hörte, wie der Mann über ihr aufstöhnte, es war ein anderes Stöhnen als zuvor, endgültig, dumpf, und es traf sie bis ins Mark. Da sackte er auf ihr zusammen und rührte sich nicht mehr.

Mit den Fingerspitzen betastete sie seinen Hinterkopf, aber der war feucht und klebrig, und wieder schrie sie.

Sie zog die Finger weg. Es gab keinen Zweifel: Der Mann über ihr war tot. Und da stand jemand am Bett und starrte auf sie herab.

Sie schrie weiter. Noch nie hatte sie sich selbst so schreien hören.

Und dann erstarb auch ihre Stimme, und unter dem Leichnam vergraben konnte sie sich nicht mehr bewegen.

Dieses Gesicht über ihr, sie sah in die Augen.

Nur in das Weiß der Augen, aufgerissen, starr.

Nichts geschah, es war still um sie herum, totenstill.

Doch bald darauf vernahm sie das Rauschen ihres Bluts in den Ohren, und es klang wie eine Melodie, es erinnerte sie an das Schlaflied, das sie als Kind so sehr gemocht hatte, und sie wünschte sich, sie könnte einschlafen und all das vergessen wie einen bösen Traum.

Aber es war kein Traum.

Sie wusste, von nun an würde sie auf immer so daliegen, hilflos, nackt, und alles in ihr wäre erloschen.

Erster Teil

Eins

Der Wecker ihres Mannes schrillte, und sie zuckte zusammen. Es war halb sieben. Nie hatte sie ein Problem damit gehabt, früh aufzustehen. Nur lagen die Tage, an denen sie pünktlich vor einer lärmenden Schulklasse erscheinen musste, unendlich weit zurück.

Während er im Bad verschwand, drehte sie sich auf die Seite, klopfte ihr Kissen zurecht und versuchte, wieder in ihren Traum zurückzufinden. Er hatte mit dem Ort ihrer Kindheit zu tun, dem Kirchturm und den Einfamilienhäusern, und da hatte dieses weiße Pferd gestanden, sie erinnerte sich an seine großen braunen Augen und die geblähten Nüstern. Im Traum hatte sie überlegt, ob sie das Reiten vielleicht verlernt haben könnte, sie wusste noch, dass sie sich vor Stürzen und Knochenbrüchen gefürchtet hatte, bis sie sich endlich ein Herz fasste, sein weiches Fell streichelte und im Begriff war, sich auf seinen Rücken zu schwingen und mit ihm davonzureiten.

In diesem Moment hatte sich der Weckalarm gemeldet.

Es war zwecklos, sie konnte nicht mehr einschlafen. Wieder einmal zerbrach sie sich den Kopf darüber, ob sie ihren Job als Lehrerin nicht doch zu voreilig aufgegeben hatte. Damals aber war ihr alles zu viel geworden, und sie hatte dringend eine Auszeit gebraucht.

Und daraus war ein Dauerzustand geworden, sie hatte einfach nicht mehr die Kraft aufgebracht, in den Beruf zurückzukehren. Ihr Mann wurde nicht müde zu betonen, dass sie doch allein von seinem Gehalt wunderbar leben konnten. Also bestand ihre Aufgabe darin, Einkaufslisten zu schreiben, die Möbel zu verrücken, Staub zu saugen und zweimal in der Woche einen Tanzkurs zu belegen.

Sie hörte, wie er in der Küche rumorte. Kaffeeduft stieg ihr in die Nase, der Geruch seiner Morgenzigarette.

Sie durfte diesen einen Gedanken nicht zulassen, und schon war er da: Wenn sie damals das Kind nicht verloren hätte, wäre nicht die Krise gekommen. Wäre die Krise nicht gewesen, hätte sie ihren Job nicht aufgegeben. Wäre das Kind am Leben, wüsste sie, wozu es sich lohnte aufzustehen.

Stopp, dachte sie, nicht wieder damit anfangen. Dem Gedankenkarussell Einhalt gebieten, sofort !

Mit einem Mal spürte sie, dass er am Bett stand. Auch mit geschlossenen Augen bemerkte sie sein Zögern. Er hatte die Wahl, sich zu ihr hinabzubeugen und sie zum Abschied auf die Wange zu küssen, auch auf die Gefahr hin, sie zu wecken, oder sich einfach leise aus der Wohnung zu stehlen.

Ein Kuss, dachte sie, tu es einfach.

Doch schließlich vernahm sie bloß das leise Klacken der Wohnungstür.

Nach einer Weile stand sie auf und ging ins Bad. Sie duschte heiß und ausgiebig, so heiß, wie es ihre Haut nur ertrug. Sie brauchte einfach dieses Brennen am ganzen Körper. Es gab ihr das Gefühl, noch am Leben zu sein.

In der Küche bereitete sie ihren gewohnten Obstsalat zu, und als sie eine Grapefruit schälte, fiel ihr Blick auf den Messerblock. Einer plötzlichen Laune folgend zog sie das größte hervor und stach damit auf die Frucht ein. Der Saft spritzte ihr in die Augen, und sie stach gleich noch einmal zu.

Sie hielt kurz inne. Dann wischte sie die Spritzer weg, polierte die Arbeitsfläche, häufte die Obststücke in die Schale, goss Kaffee ein, zog den Morgenmantel fester zu und setzte sich kerzengerade an den Küchentisch, um zu frühstücken.

Kaum begann sie zu überlegen, wie sie ihren Tag gestalten sollte, meldete sich das gewisse Kribbeln in ihrem Bauch. Es war diese Aufregung, die sie schon als Kind verspürt hatte, wenn sie an etwas Verbotenes dachte.

Sie musste die Regeln brechen, sonst blieb ihr Leben trostlos und trüb.

Als sie vorm Spiegel im Schlafzimmer den Morgenmantel fallen ließ, sich kritisch beäugte und dann die besondere Spitzenunterwäsche anzog, die den Augen ihres Mannes für immer verborgen bleiben sollte, summte sie selbstvergessen eine Melodie. Sie schminkte sich, zog Strümpfe und ein rotes Kleid an und öffnete ihre Handtasche.

Da war das seidene Etui, und darin befand sich ein Ring mit zwei Schlüsseln.

Es kribbelte in ihrem Nacken, als sie den Ring berührte, wohlige Schauer liefen ihr den Rücken hinab. Sie wählte ein Paar Pumps mit hohen Absätzen aus, zog sich eine leichte Lederjacke über, steckte das Seidenetui mit den Schlüsseln zurück in die Handtasche und verließ die Wohnung.

Ihr Gang war anders als sonst, federnd, beschwingt, sie genoss die Spätsommersonne auf ihrer Haut, den leichten Wind, das Gefühl, etwas unter ihrem Kleid zu tragen, das niemand kannte außer sie selbst. Sie liebte es, etwas zu tun, was kein Mensch von ihr erwarten würde.

Sie nahm sich ein Taxi und bat den Fahrer, sie nach Kreuzberg zu bringen. Am Görlitzer Bahnhof ließ sie sich absetzen. Sie durfte nicht zu früh kommen, also spazierte sie noch eine Weile durch den Park. Sie fand es aufregend, die dunkelhäutigen Dealer zu beobachten, die auf den Wegen herumlungerten und auf Kundschaft warteten. Einer pfiff ihr sogar nach, und das erfüllte sie mit Stolz, schließlich hatte sie die vierzig gerade überschritten.

Es war gegen halb elf, als sie in die Lausitzer Straße einbog. Das Haus Nummer zwölf befand sich kurz vor der Ecke zum Paul-Lincke-Ufer. Vorsichtig sah sie sich um, dann wanderte ihr Blick zu den Fenstern im zweiten Stockwerk hinauf.

Die purpurnen Vorhänge waren geöffnet, dahinter befand sich das Schlafzimmer. In dem anderen Fenster, wo das Wohnzimmer war, hing das Windspiel.

Ihr Herz klopfte heftig, als sie die Schlüssel aus dem Etui nahm und die Haustür aufschloss. Sie hielt den Kopf gesenkt, glücklicherweise kam ihr niemand im Treppenhaus entgegen. Um ganz sicherzugehen, klingelte sie an der Wohnungstür im zweiten Stock, doch wie zu erwarten öffnete niemand.

Ihre Knie zitterten leicht, als sie eintrat.

Im Flur drückte sie die Tür leise wieder ins Schloss.

Sie hielt inne, registrierte das Pochen ihrer Halsschlagader. Ihre Erregung war so stark, dass sie das Gefühl hatte, jemand greife mit beiden Händen nach ihr und streiche an ihrem Körper entlang.

Sie ließ den Atem ausströmen.

Dann inspizierte sie die Räume, aber das Paar war nicht daheim. Nach den Informationen, die sie über die beiden gesammelt hatte, waren sie zur Arbeit gefahren und würden erst am Abend zurückkommen.

Und doch musste sie wachsam sein, äußerst wachsam.

Sie ging in das Schlafzimmer und zog die Vorhänge zu. In der Mitte des Raumes blieb sie stehen und atmete den fremden Geruch ein, da war der Moschusgeruch von ihr und die etwas strengere Note von ihm. Sie musste sich mehr auf die Frau konzentrieren, den Gedanken an ihn verjagen.

Sie wollte sein wie Mara, jung und unbeschwert.

Mara. Sie mochte den Namen. Mara, sie war jetzt Mara. Das hier war ihr Zimmer, ihr Spiegel, ihr Bett.

Sie zog sich bis auf die Unterwäsche aus, dann öffnete sie den Kleiderschrank. Maras Sachen waren hübsch, ihre Finger betasteten die T-Shirts, Tops, Hosen, Röcke und Kleider, verharrten auf den Dessous, glitten über die Stoffe, prüften, suchten, sehnten sich. Ihre Nerven waren aufs Äußerste gespannt, aber auf eine angenehme, verlockende Art, und als sie das transparente Negligé sachte aus der hintersten Ecke des Schrankes hervorzog, schien ihr Herzschlag zu flattern, so dass es ihr für einen Moment den Atem verschlug.

Schließlich streifte sie sich das Negligé über.

Nun trug sie etwas von dieser jungen Frau. Als wäre sie gleichsam in ihre Haut geschlüpft.

Aber es fehlte noch etwas.

Sie fuhr mit beiden Händen unter die Wäsche im Schrank, sie wusste, dass sich dort ein Geheimnis von Mara verbarg. Ihr Freund sollte es nicht entdecken.

Da war es. Ihre Finger hatten es schon erspürt.

Sie nahm es hervor und spielte damit. Es war ein rotes Halsband, an dem eine tropfenförmige Perle hing. Die Perle hatte einen besonderen Schliff, so dass sich das Licht in ihr brach und sie zum Funkeln brachte. Auf der Rückseite hatte sie einen Kratzer in der Form eines M.

Es gefiel ihr so sehr. Sie musste es haben.

Entschlossen legte sie sich das Band um. Sie betrachtete sich lange verzückt im Spiegel, nun war sie eine Fremde im Negligé, darunter die Spitzenunterwäsche und am Hals dieses Schmuckstück.

Sie beäugte sich von allen Seiten. Dann ging sie zum Bett und schlug die Decke zurück. Die Laken waren kühl, und als sie sich hineinlegte, durchrieselte sie ein Glücksgefühl. Sie nahm Maras Kopfkissen – sie wusste, dass sie auf der linken Seite schlief – und roch daran.

Sie schloss die Augen.

Ihr war schwindlig vor Aufregung, ihr Atem ging stoß­weise.

Und dann träumte sie doch noch einmal von dem weißen Pferd, sie war an seinen Rücken geschmiegt und ritt mit ihm davon, sie hatte keine Angst hinabzustürzen, konnte sich ganz auf seine Stärke verlassen, spürte unter sich das Spiel seiner Muskeln, den kräftigen Atem in seinen Flanken und roch seinen Schweiß. Sie wünschte sich, dass dieses Abenteuer niemals enden würde.

Plötzlich vernahm sie etwas, das nicht in diesen Traum pass­te. Ein monotones Brummen, mechanisch, laut. Sie schlug die Augen auf und erschrak.

Zunächst wusste sie nicht, wo sie war. Erst dann sah sie das Handy auf dem Nachttisch, es vibrierte. Endlich fiel ihr ein, dass sie vorsorglich den Alarm eingestellt hatte, falls sie einschlafen würde. Sie durfte doch nicht in dem fremden Bett erwischt werden. Sie schaltete das Handy aus.

Auf einmal meinte sie, Stimmen zu hören.

War da jemand ?

Rasch setzte sie sich auf. Um Himmels willen, kam da etwa jemand zur Tür herein ? Vor Scham und Angst konnte sie sich nicht rühren.

Schließlich entfernten sich die Stimmen wieder, vermutlich eine Unterhaltung im Treppenhaus.

Sie lauschte.

Jetzt war es still.

Sie stieß die Luft aus.

Stand auf, strich das Laken und die Bettdecke glatt. Sie tat es mit viel Sorgfalt, bis sie sicher war, dass keine Falte sie verraten würde. Die Kissen schüttelte sie auf und legte sie an ihren alten Platz. Alles musste so sein wie vorher.

Dann streifte sie das Negligé über den Kopf, nahm das rote Halsband ab und verstaute beides wieder im Schrank, genau dort, wo sie es hervorgeholt hatte. Sie glättete behutsam einige Kleidungsstücke und schloss die Schranktür.

Als sie die Vorhänge aufzog, blendete sie das Sonnenlicht. Es war bereits früher Nachmittag, sie musste sich beeilen, schließlich könnten Mara und ihr Freund auch früher als gewöhnlich nach Hause kommen.

Sie überprüfte noch einmal genau die Position des Vorhangs, bis sie schließlich ihre eigenen Sachen wieder anzog. Sie ließ ein letztes Mal den Blick durch den Raum gleiten, dann verließ sie die Wohnung und schloss von außen ab.

Jemand kam die Treppe herauf, eilig wandte sie sich von der Tür ab und kramte aus der Handtasche ihre Sonnenbrille hervor. Sie zog die Schultern hoch, setzte die Brille auf und ging grußlos an dem Hausbewohner vorbei. Erst auf der Straße konnte sie wieder aufatmen.

Am Kottbusser Damm winkte sie ein Taxi heran und ließ sich nach Hause fahren. Nur für den Fall, dass ihr Mann irgendwelche Fragen stellte, hatte sie einen Termin bei ihrer Kreuzberger Heilpraktikerin im Kalender notiert.

Sie lächelte. Alles lief nach Plan.

Es war nicht viel los im Büro. Nils Trojan war überwiegend mit Papierkram beschäftigt, mittags holte er für sich und seinen Kollegen Ronnie Gerber vom Laden an der Ecke Döner Kebab, den sie direkt aus der Alufolie verspeisten. Schließlich tippten sie weiter an den Abschlussberichten vergangener Mordfälle, eine Tätigkeit, die sie beide nicht sonderlich mochten.

Am frühen Abend – Gerber war längst heimgefahren – kämpfte Trojan noch immer gegen das Chaos liegen gebliebener Akten und Asservate auf seinem Schreibtisch an, als ihn Hilmar Landsberg in sein Büro rief.

Schon an der Miene seines Chefs bemerkte er, dass etwas mit ihm nicht stimmte.

»Nils, ich hätte da eine persönliche Bitte an dich.«

Landsberg wollte sich von seinem Stuhl erheben, doch da verzog sich vor Schmerz sein Gesicht.

»Was ist los, Chef ?«

Er atmete tief durch. »Der Rücken macht mir zu schaffen.«

»Die Bandscheiben ?«

»Oder der Ischias. Verdammt, das ist so überflüssig wie ein Kropf.«

»Du solltest dringend zum Orthopäden gehen.«

»Um die Zeit gibt’s keine Termine mehr.«

»Wie ist das denn passiert ?«

Wieder versuchte er aufzustehen, aber er sank stöhnend auf seinen Stuhl zurück.

»Eine unkontrollierte Bewegung, und das war’s.«

»Hört sich ganz nach einem Hexenschuss an.«

»Möglich, ja. Also pass auf, Nils, ich muss in die Ambulanz, die sollen mir eine Spritze geben.«

»Soll ich dich begleiten ?«

»Nein, nein, darum geht es nicht. Es ist mir ein bisschen unangenehm, aber … Nun, um es kurz zu machen, ich hab meine Dienstwaffe zu Hause vergessen.«

»Die brauchst du doch jetzt nicht.«

»Natürlich nicht. Aber ich möchte verhindern, dass …« Er schluckte. »Dass sie Theresa in die Hände fällt.«

Trojan zog die Augenbrauen hoch.

Sein Chef hatte schon früher einmal Andeutungen gemacht, dass der seelische Zustand seiner Frau nicht ganz einwandfrei sei. Dabei hatte er sogar erwähnt, sie würde Stimmen hören.

»Hast du Angst, sie könnte … ?«

Er wagte es nicht auszusprechen. Mein Gott, wie schlecht stand es um sie ? Sollte Hilmar ernsthaft befürchten, sie könnte sich mit seiner Dienstwaffe das Leben nehmen ? Oder schlimmer noch, auf andere damit losgehen ?

»Nils, das ist mir noch nie passiert, ich muss heute Morgen völlig von der Rolle gewesen sein. Und das Furchtbare ist, dass es mir eben erst aufgefallen ist. Ich könnte mich ja, gleich nachdem ich in der Klinik war, darum kümmern, aber wer weiß, wie lange ich dort warten muss.«

»Ich verstehe.«

»Kannst du die Waffe für mich aus der Wohnung holen ?«

»Natürlich, Chef.«

»Danke, Nils. Aber das bleibt unter uns.«

»Klar.«

»Es ist nur so ein Gefühl, eine Vorahnung. Also, Theresa ist …«

Er brach ab.

»Ich kümmere mich darum.«

Landsberg nahm seinen Schlüsselbund aus der Hosen­tasche und reichte ihn Trojan. »Der mit dem schwarzen Gummi­ring ist für die Haustür, der mit dem roten für oben, nur für den Fall, dass sie nicht öffnet oder nicht daheim ist. Die Waffe liegt unter dem Sofakissen, das Magazin bewahre ich natürlich getrennt auf. Du findest es in der zweiten Schublade von links in der Anrichte im Wohnzimmer.«

»Okay.«

»Ich wollte mir eigentlich schon längst für zu Hause einen Waffenschrank anschaffen, nur hab ich’s immer wieder aufgeschoben.«

»Kein Problem, Hilmar.«

»Ich hab schon mehrmals versucht, sie anzurufen, aber wenn sie gerade ihre Stimmungen hat, geht sie oft nicht ans Handy.«

»Mach dir keine Sorgen, ich bring die Waffe in Sicherheit.«

»Und ich kann mich darauf verlassen, dass du nichts den Kollegen erzählst ?«

»Klar doch.«

Trojan verspürte ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken. Was meinte er bloß mit Stimmungen ?

Als habe er seine Gedanken gelesen, sagte Landsberg: »Es ist nicht so schlimm, wie du vielleicht denkst, Nils. Sie ist manchmal ein bisschen durcheinander, mehr nicht. Es gibt schwierige Phasen, und es gibt …« Er vergrub das Gesicht in den Händen. »Scheiße, was erzähle ich dir da nur ?«

»Es bleibt unter uns, versprochen.«

»Gut.«

»Soll ich dir die Waffe in die Ambulanz bringen ?«

Landsberg schüttelte den Kopf. »Es reicht, wenn du sie hier in meinem Schreibtisch deponierst, zusammen mit den Schlüsseln. Ich komme heute Nacht auf jeden Fall noch mal her und schließe sie dann ordentlich weg.«

»Okay.«

Es wunderte Trojan, dass Landsberg nach seinem Kliniktermin nicht gleich nach Hause fahren wollte, denn zurzeit war es recht ruhig im Kommissariat. Er schien vorzuhaben, im Büro auf der Klappliege zu übernachten, was er öfter tat, selbst wenn die Arbeit es nicht verlangte. Um seine Ehe schien es jedenfalls nicht besonders gut bestellt zu sein. Nur sollte er nicht, wenn es Theresa so schlecht ging, wenigstens später einmal nach ihr schauen ?

Trojan traute sich nicht, danach zu fragen, das Gespräch war für Hilmars Verhältnisse ohnehin erstaunlich vertrauensvoll verlaufen.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Landsberg hob ab, murmelte etwas in den Hörer, legte auf und sagte: »Mein Taxi ist da. In diesem verdammten Zustand kann ich ja nicht mal Auto fahren.«

»Das wird schon wieder.«

Trojan half ihm aufzustehen und brachte ihn bis hinunter zur Straße, wo das Taxi wartete. Danach schwang er sich auf sein Rad, um nach Charlottenburg zu fahren.

Ein einziges Mal war er bisher in den Privaträumen seines Chefs gewesen, als der ihm nach einem Einsatz in der Nähe stolz seine neue Wohnung gezeigt hatte. Trojan wusste nicht mehr genau die Hausummer, also fuhr er die Suarezstraße bis zum Ende hinauf, wo sie an die Friedbergstraße grenzte. Dort erkannte er das Gebäude an der Jugendstilfassade.

Eine schöne Gegend, dachte er, dicht am Lietzensee.

Er klingelte bei Landsberg.

Niemand öffnete.

Als sich auch nach dem zweiten Versuch nichts tat, schloss er auf und betrat das Treppenhaus.

Im vierten Stockwerk läutete er an der Wohnungstür. Wieder nichts. Er klingelte noch einmal, wartete einen Moment, dann schloss er auf.

»Frau Landsberg ?«, fragte er und trat ein.

Am Ende des Flurs war ein Lichtschein zu erkennen, wo er die Küche vermutete.

Er rief noch einmal nach ihr.

Es kam keine Antwort. Langsam ging er voran.

Als er die Küche erreicht hatte, hörte er ein gepresstes Atmen.

Er wandte sich um, da blitzte eine Klinge auf.

Jemand sprang auf ihn zu.

Zwei

Trojan riss schützend die Arme hoch. Eine Frau schrie etwas, was er nicht verstand. Er packte sie am Handgelenk und verdrehte es, bis sie das Messer fallen ließ.

Erschrocken wich sie vor ihm zurück.

Ihr Atem war gehetzt, das Haar hing ihr wirr im Gesicht. Da erst erkannte er sie.

In ihren Augen flackerte die nackte Angst.

»Frau Landsberg, ich bin es doch, Nils Trojan !«

Er musterte sie. Nur ein paar Mal war er ihr bisher auf dem Revier begegnet, wenn sie ihren Mann abgeholt hatte.

Sie rührte sich nicht, war wie erstarrt.

Schließlich fragte sie ihn, wie er hereingekommen sei.

»Hilmar hat mir den Schlüssel gegeben.«

»Warum ?«

»Er hat vergeblich versucht, Sie anzurufen.«

Ein Zittern durchlief sie.

Ihre Stimme war rau. »Ich hab Sie für einen Einbrecher gehalten. Wie können Sie mich nur so erschrecken !«

»Aber ich hab doch an der Tür geklingelt. Mehrmals. Haben Sie mich denn nicht gehört ?«

Sie beäugte ihn misstrauisch.

»Nils Trojan, ja ?«

Er nickte.

»Sie sind ein Kollege von Hilmar.«

Wieder nickte er, dann bückte er sich und hob das Messer auf. Er sah den Holzblock auf der Küchenablage und schob es hinein.

Theresa Landsberg umschlang ihre Schultern.

»Was wollen Sie von mir ?«

»Ihr Mann hat seine Waffe vergessen.«

Sie straffte die Schultern. »Tatsächlich ?«

»Er bat mich, sie für ihn zu holen. Leider musste er in die Klinik.«

»Warum das denn ? Was ist passiert ?«

Sie trug ein elegantes Etuikleid in einem dunklen Grün, dazu passende Strümpfe und schwarze Pumps, sie schien zum Ausgehen bereit zu sein. Doch warum hatte sie ihm nicht geöffnet ? Waren das die Stimmungen, von denen Hilmar sprach ?

Er versuchte, von ihrem Gesicht abzulesen, ob sie vielleicht unter Medikamenteneinfluss stand. Instinktiv spürte er, dass diese Frau etwas vor ihm verbarg.

»Er hatte starke Rückenschmerzen und konnte sich kaum mehr bewegen.«

»Das ist der Stress. Hilmar arbeitet zu viel.«

Sie blickten sich eine Weile schweigend an.

»Bitte«, sagte er dann, »ich möchte wirklich nicht länger stören, wenn ich nur die Waffe …«

»Wozu braucht er sie jetzt noch ?«, unterbrach sie ihn scharf. »Es ist spät.«

»Er wollte Ihnen das sicherlich am Telefon selbst erklären. Haben Sie vielleicht Ihre Mailbox nicht abgehört ?«

Er erhielt keine Antwort. Schließlich gab sie sich einen Ruck und führte ihn ins Wohnzimmer. Alles war geschmackvoll und gediegen eingerichtet. Sie hob eines der Sitzkissen der weißen Couch an und nahm die Sig Sauer hervor. Das Versteck war ihr also bekannt.

»Die Munition bewahrt er getrennt auf.« Sie ging zur Anrichte, öffnete eine Schublade, nahm das Magazin heraus und schob es ein. Er zuckte zusammen, als sie den Lauf direkt auf ihn richtete.

»Nicht doch !« Schon war er bei ihr und entriss ihr die Waffe. »Bitte, das ist gefährlich.« Er zog das Magazin heraus und steckte es in seine Jackentasche.

Sie machte eine verächtliche Handbewegung.

»Sie brauchen mich nicht zu belehren, Herr Trojan, in all den Jahren, in denen ich mit Hilmar verheiratet bin, konnte ich beobachten, wie man mit einer Waffe umgeht.« Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Und Sie haben Glück. Wenn ich gewusst hätte, dass die Pistole hier ist, hätte ich mich gleich damit verteidigt.«

»Das dürfen Sie nicht.«

»Sie haben kein Recht, mich so zu erschrecken.«

»Es tut mir wirklich leid, aber ich sagte Ihnen doch …«

Er brach ab und stieß die Luft aus.

Durfte er sie in diesem Zustand überhaupt allein lassen ?

Und dann fragte er: »Warum gehen Sie nicht an die Tür, wenn jemand klingelt ?«

»Ich habe Angst.«

»Wovor ?«

Doch Theresa Landsberg schwieg. Sie ist eine attraktive Frau, dachte er, aber da war etwas Dunkles, das sie umgab.

Erst jetzt registrierte er den Geruch aus der Küche, süßlich und warm, als hätte sie gerade einen Kuchen gebacken. Um diese Zeit noch ? Was hatte sie vor ? Sie wirkte auf ihn, als stünde sie unter Zeitdruck und müsste dringend noch etwas erledigen. Er sah das Handy auf dem Couchtisch liegen, daneben einen Zettel, auf dem hastig eine Adresse gekritzelt war, er konnte die Schrift nicht genau entziffern.

Sie bemerkte seinen Blick. »Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen.«

Er nickte, steckte die Waffe ein. »Ich nehme den Wohnungsschlüssel wieder mit.«

»Das ist nicht nötig, geben Sie ihn mir.«

Trojan zögerte. »Er hat es mir so aufgetragen.«

Es zuckte um ihre Mundwinkel. »Er will im Kommissariat übernachten, das ist es.«

Trojan dachte an die Liege in Hilmars Büro und schwieg betreten. Schließlich reichte er ihr seine Karte: »Wenn irgendetwas ist, können Sie mich anrufen.«

»Warum sollte ich das tun ?«

»Vielleicht wegen Ihrer Angst ?«

Für einen Moment schien etwas in ihr nachzugeben, dann straffte sie wieder die Schultern.

»Gehen Sie jetzt.«

Trojan nickte ihr zum Abschied zu und verließ die Wohnung.

Carlotta Torwald war eine leidenschaftliche Schwimmerin, in den warmen Monaten fuhr sie regelmäßig mit der S-Bahn hinaus zum Schlachtensee. Zum Ende des Sommers wurde sie stets etwas wehmütig, denn nun nahte die Zeit, da es zum Baden zu kalt wurde, und die öffentlichen Hallenbäder verabscheute sie.

An diesem Dienstag Ende September hatte sie den See wieder an seiner breitesten Stelle durchpflügt. Dabei hatte sie sich vorgenommen, mit dem Schwimmen bis Ende Oktober durchzuhalten, auch wenn das einige Überwindung kosten würde. Das Gefühl aber, erfrischt und gereinigt aus dem klaren Wasser inmitten des Waldes zu steigen, wollte sie so lange wie möglich auskosten.

Nun war sie wieder daheim in Neukölln in der Nansenstraße, wusch ihren Bikini aus und legte ihn auf die Heizung zum Trocknen. Sie hatte geduscht und sich zurechtgemacht, föhnte sich vorm Spiegel das Haar und freute sich auf den späteren Abend, wenn Paul von der Arbeit zurückkam.

Schon im See war sie voller Lust und Sehnsüchte gewesen, der Sommer schwand, und die Winter in Berlin konnten rau und abweisend sein, also wollte sie sich mit Paul unter der Bettdecke zusammenkuscheln und an all die schönen Tage denken, die sie bisher zusammen verbracht hatten.

Sie liebte ihren Paul, und er liebte sie, das war spürbar. Nun waren sie bereits fünf Jahre zusammen, fünf glückliche Jahre, und das Kribbeln in ihrem Bauch, das sich einstellte, wenn sie an ihn dachte, wollte einfach nicht vergehen. Am Anfang hatte sie noch befürchtet, die Tatsache, dass Paul um einiges älter war als sie, könnte zu Problemen führen, aber das Gegenteil war der Fall. Seine Reife gab ihr Sicherheit.

Carlotta malte sich gerade vorm Spiegel die Lippen an, als es an der Tür klingelte. Gedankenverloren drückte sie auf den Summer im Flur, ohne durch die Sprechanlage zu fragen, wer da sei. Kurz darauf läutete es wieder, gleichzeitig klopfte jemand an die Tür.

Sie warf einen raschen Blick durch den Spion. Im Treppenhaus stand eine Frau um die vierzig, sie hielt einen in Alufolie gewickelten rundlichen Gegenstand in den Händen.

Carlotta öffnete.

»Ja bitte ?«

Die Frau hatte sich ein Kopftuch umgebunden und trug eine Sonnenbrille, sehr imposant und irgendwie chic, fand Carlotta. Sie hatte ja selbst ein Faible für Brillen, ihre neueste Errungenschaft war eine weiße schlitzförmige Hornbrille, die sie, leicht kurzsichtig, wie sie war, in diesem Moment aufsetzte, um die Besucherin besser betrachten zu können.

Diese öffnete ohne Umschweife die Folie und präsentierte ihr mit einem angedeuteten Knicks einen Kuchen. »Ich komme von Happy Cake und soll Ihnen das hier bringen. Ihr Freund hat mich beauftragt.«

Carlotta runzelte die Stirn. »Mein Freund ?«

Die andere nickte.

»Happy Cake, ist das ein Lieferservice ?«

Abermals nickte die Frau mit dem Kopftuch.

Sie war ihr nicht unsympathisch, und deshalb fragte sie, ob sie nicht für einen Moment hereinkommen wolle.

Die andere zögerte einen Moment, dann übertrat sie die Schwelle. Carlotta bat sie in die Küche, wo sie den Kuchen abstellte.

»Das ist Schokolade, nicht ?«

Sie musste lachen. Was für eine nette Geste von Paul, der wusste, dass sie eine Naschkatze war. Sie bewunderte den Zuckerguss. Ein Herz mit Pfeil. Amors Pfeil. Carlotta war auf einmal sehr beschwingt. Das war ein Liebesbeweis, ein echter Liebesbeweis.

»Und das ist wirklich kein Irrtum ? Ich meine, Sie haben sich nicht in der Tür geirrt ?«

»Nein, nein, ich hab mir die Adresse genau notiert, Car­lotta Torwald in der Nansenstraße. Ihr Freund sagte am Telefon, es solle eine Überraschung sein.«

Sie lächelte. Wie entzückend von ihm. »Backen Sie auch selbst, oder fahren Sie die Kuchen nur aus ?«

»Dieser Kuchen ist von mir«, sagte die Frau ernst und seltsam bedeutungsvoll.

Carlotta brach sich ein kleines Stück ab und kostete davon. »Hmm, der ist wirklich lecker.«

Den Rest wollte sie heute Abend mit Paul im Bett verspeisen, sie malte sich aus, wie er ihr süße Bröckchen in den Mund schob, von der Vorstellung wurde sie ganz kribbelig.

»Außerordentlich lecker. Happy Cake, sagten Sie ? Haben Sie vieleicht eine Karte ? Ich würde Sie gerne weiterempfehlen.«

»Oh«, die Frau zuckte ein wenig zusammen, »eine Karte, nein.«

Carlotta plauderte munter drauflos, nahm ihre Brille ab und legte sie auf den Küchentisch.

Sie erzählte von ihrer Lust auf Süßes und dass es überhaupt kein Problem mit den Kalorien gäbe, wenn man sich ansonsten ausgewogen ernähre, gerade Kakao sei gut fürs Herz, erst neulich habe sie in einem Artikel gelesen, dass Menschen, die viel Schokolade äßen, nicht nur gesünder lebten, sondern auch bei weitem unbeschwerter seien.

Die Frau vom Backservice schien ihr aber gar nicht richtig zuzuhören, und schließlich sagte sie, sie habe noch einige andere Liefertermine, verabschiedete sich eilig von ihr und ging.

Aufgeregt rief Carlotta ihren Freund auf dem Handy an und bedankte sich überschwänglich bei ihm.

»Was meinst du, Liebes ? Von welcher Überraschung sprichst du ?«

»Na, der Kuchen, du Frecher. Schickst mir eine verführerische Vorspeise, bis ich dich als meinen Hauptgang empfange !«

»Wie ?«

Carlotta wurde ungeduldig. »Happy Cake!«

»Ich verstehe nicht ganz.«

Sie versuchte, sich ihre Verärgerung über seine Begriffsstutzigkeit nicht anmerken zu lassen, und erzählte ihm lang und breit von dem überraschenden Besuch.

Doch als Paul sagte, er habe gar keinen Kuchen für sie bestellt, wurde ihr plötzlich flau im Magen.

Sie legte auf und fuhr den Rechner hoch, um nach dem Lieferservice zu googeln. Dabei fiel ihr auf, dass sie ihre Brille vermisste.

ENDE DER LESEPROBE