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Ein Mädchen ohne Erinnerung und ein verstörender Fund auf einer einsamen Lichtung im Wald: der zweite Fall für Carlotta Weiss und Nils Trojan.
Vor einer Klinik in der Uckermark wird ein schwer verletztes 17-jähriges Mädchen abgelegt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Lilly Steiner, die seit einem Jahr als vermisst galt. Lilly ist traumatisiert und kann keine Aussage dazu machen, wo sie sich aufgehalten hat. Ihre einzige Erinnerung ist, dass sie unter Raben gelebt und angeblich deren Sprache erlernt hat. Carlotta Weiss und Nils Trojan übernehmen die Ermittlungen und machen in einem entlegenen Waldstück, in dem Lilly angefahren wurde, eine unheimliche Entdeckung: Auf einer Lichtung stoßen sie auf sieben lebensgroße Puppen, die in einem Kreis an Bäume angebunden sind. Aber dann kommt es zu einem tiefst verstörenden Ereignis, das alles zunichtemacht, was Carlotta und Nils über Lilly zu wissen glaubten …
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Seitenzahl: 357
Veröffentlichungsjahr: 2025
Vor einer Klinik in der Uckermark wird ein schwer verletztes 17-jähriges Mädchen abgelegt. Wie sich herausstellt, handelt es sich um Lilly Steiner, die seit einem Jahr als vermisst galt. Lilly ist traumatisiert und kann keine Aussage dazu machen, wo sie sich aufgehalten hat. Ihre einzige Erinnerung ist, dass sie unter Raben gelebt und angeblich deren Sprache erlernt hat. Carlotta Weiss und Nils Trojan übernehmen die Ermittlungen und machen in einem entlegenen Waldstück, in dem Lilly angefahren wurde, eine unheimliche Entdeckung: Auf einer Lichtung stoßen sie auf sieben lebensgroße Puppen, die in einem Kreis an Bäume gebunden sind. Aber dann kommt es zu einem tiefst verstörenden Ereignis, das alles zunichtemacht, was Carlotta und Nils über Lilly zu wissen glaubten …
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MAX BENTOW
PSYCHOTHRILLER
OriginalausgabeDer Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Das Gedicht »Der Rabe« wird zitiert nach: Poetry Foundation. Copyright Credit: Public domain. First published by Wiley and Putnam, 1845, in The Raven and Other Poems, Edgar Allan Poe.
Copyright © der Originalausgabe August 2025 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Gaeb & Eggers
Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: nieudacza & Ryzhkov_Sergey & GlobalP / iStock / Getty Images Plus und FinePic®, München
CN · Herstellung: ik
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-30925-1V001
www.goldmann-verlag.de
Der Wald war finster, drohend, still. Das Mädchen kauerte vor einem Baumstumpf, die Arme um sich geschlungen, die Beine angezogen, das Kinn auf ihre Knie gedrückt. Die ganze Nacht hatte sie hier draußen verbracht. Kälte kroch aus dem feuchten Boden herauf, umklammerte sie mit festem Griff.
Wenn der Wind in die Wipfel der Bäume stieß, entstand ein Säuseln, und Geister schienen über ihr zu erwachen, sich wispernd zu ihr herabzuwinden. Da war ein Raunen, Zischeln, als würden sich böse Zungen an ihrem Unheil weiden.
Manchmal war ihr, als würde sie vor Erschöpfung in sich zusammenfallen, in der Erde versinken und unter Würmern ihr Ende finden. Dann aber gab sie sich einen Ruck, riss die Augen auf und versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Sie hoffte, dass bald die Dämmerung heranzog, ihr einen Weg aus diesem Dickicht wies.
Doch um sie herum nichts als Schatten, die Ahnung von einem Gewirr aus Ästen, Zweigen, wie knochige Finger, die nach ihr griffen. Das Mädchen hatte Angst. Ihre Zähne schlugen aufeinander, ein Beben ging durch ihren Körper. Wenn nicht bald der Morgen heraufdämmerte und mit ihm ein fahles Novemberlicht, wenn sie sich nicht endlich aufmachen könnte, um aus dieser düsteren Gegend herauszukommen, würde sie erfrieren.
Sie musste aufstehen, sich bewegen. Unter Mühen streckte sie ihre tauben Glieder. Ihre Hände suchten nach Halt an einem Stamm, um sich hochzuziehen. Erschrocken wich sie zurück, als sie in etwas Weiches fasste. Sie vernahm, wie sie leise aufschrie, und ihr Atem stockte.
Nur Moos, durchfuhr es sie, klamm überwucherte Baumrinde, glitschig vom Regen in dieser Nacht. Als sie aufrecht stand, tastete sie sich weiter voran. Der Waldboden war aufgeweicht, ihre Schuhe waren durchnässt. Sie war zu dünn bekleidet, nur ein Kleid auf ihrer Haut, von Dornen zerrissen, darüber ein Anorak, nicht warm genug für diese Jahreszeit.
Ängstlich spähte sie zum Himmel hinauf. Und endlich erkannte sie einen Streifen Licht. Die Umrisse der Bäume wurden deutlicher, wie knorrige Gestalten standen sie vor ihr, gedrungen, ihr feindlich gesonnen. Dunstig troff es von den Blättern herab, es roch modrig, nach herbstlichem Zerfall. Sie musste raus aus diesem Wald, doch ihr fehlte jegliche Orientierung. Sie war tief hineingeraten, hoffnungslos verirrt. Panik befiel sie, als ihr der Gedanke kam, sie würde es niemals schaffen. Zu entkräftet war sie, mutlos und verzweifelt.
Schließlich aber machte sie im Unterholz einen Pfad aus, dem sie mit schleppenden Schritten folgte. Sie fröstelte, es schüttelte sie. Ermattet vom Aufkeimen eines Fiebers, wankte sie voran. Schneller, dachte sie, nicht stehen bleiben. Doch ihre Beine fühlten sich an, als sei kein Blut mehr in ihnen, und in ihren Lungen war ein Stechen wie von tausend Messerspitzen.
Auf einmal hörte sie etwas. In der Höhe. Weit über den Wipfeln. Krächzende Schreie am Himmel.
Kroaah. Kroaah.
Raben, dachte das Mädchen, hielt inne und starrte nach oben. Da waren sie. Sie erkannte sie an ihren Rufen, ahnte ihre Gegenwart mehr, als dass sie die Vögel durchs Herbstlaub sehen konnte.
Kroaah. Kroaah.
Plötzlich fasste das Mädchen neuen Mut. Wenn Raben in der Nähe waren, sollte das ein Zeichen für sie sein. Bald darauf hatte sie eine Lichtung erreicht.
Und nun erblickte sie die schwarzen Vögel. Hoch oben waren sie. Elegant wirbelten sie durch die Morgendämmerung, kühn tollten sie in der Luft. Stiegen auf, schnell, blitzschnell, um sich dann plötzlich fallen zu lassen. Tiefer stürzten sie, immer tiefer, und dann, akrobatisch, ausgelassen, fingen sie sich wieder. Die Flügel ausgebreitet, schließlich seitwärts, sie wippten am Himmel, schienen zu kippen. Danach überschlugen sie sich, ein Salto, gekonnt turnend über ihr, frei und gelöst, dann wieder in der Senkrechten, aufrecht, im Segelflug.
Und ihre Rufe. So jubelnd, laut, dass es weit durch den Wald hallte, als wollten sie dem Mädchen etwas mitteilen.
Kroaah. Kroaah. Gib nicht auf. Gib nicht auf.
Einige Zeit sah sie ihnen staunend zu, bis sie wieder die Kälte in ihren Knochen spürte. Sie hastete weiter, verließ die Lichtung. Auf einmal war ihr, als würden die Raben ihr den Weg weisen. Während sie sich durch das Gestrüpp arbeitete, hörte sie ihre Laute über sich. Ein ganzer Schwarm schien über die Baumwipfel hinwegzugleiten. Ihr war, als riefen sie: Voran. Voran.
Und das Mädchen beeilte sich. Sie lief, so schnell sie nur konnte. Schwer atmend rannte sie durch den dichten Wald, vorbei an uralten Buchen, behangen mit Flechten, graugrün im Zwielicht, hoch ihre Stämme, morastig das abgeworfene Laub.
Je enger die Bäume beieinanderstanden, desto schlechter die Sicht. Blasser Dämmer am Himmel, doch weiter unten mehr Düsternis als Licht. Verschwommen, wie Schattenrisse, das Wirrwarr im Dickicht links und rechts des Trampelpfads. Mühselig kämpfte sich das Mädchen vorwärts, den Blick auf den Boden gerichtet, dem Wurzelwerk ausweichend, zittrig im Fieber, erschöpft.
Einmal hob sie den Kopf, und plötzlich, dicht an einem Baum, tauchte vor ihr eine Fratze auf. Dunkel, groß und ausgehöhlt die Augen, grässlich weit aufgerissen der Mund. So unheimlich und nah, dass dem Mädchen die Luft wegblieb.
Mit einem erstickten Schrei schreckte sie zurück.
Sie verlor das Gleichgewicht, strauchelte, fing sich wieder und rannte in die andere Richtung. Doch wie aus dem Nichts erschien eine weitere Grimasse vor ihr. Das Mädchen duckte sich weg und hastete tiefer ins Unterholz.
Nur nicht umdrehen, durchfuhr es sie. Bloß weg von hier. Was waren das für Gestalten? Waren sie hinter ihr her? Wer lauerte hinter den Bäumen auf sie? Oder hatte sie sich getäuscht? Nur ein Ergebnis ihrer Angst? Halluzinierte sie etwa?
Und die Raben? Sie hörte sie nicht mehr.
In diesem Moment stolperte sie über eine Wurzel und schlug lang hin. Ein heftiger Schmerz in ihren Knien. Für einen Moment war ihr, als könnte sie nicht mehr aufstehen. Doch sie wusste, wenn sie nun liegen blieb, würde sie es nicht mehr schaffen.
Also weiter. Sie rappelte sich auf. Ihre Kräfte schwanden, nach einer Weile aber merkte sie an ihren keuchenden Atemzügen und den raschelnden Schritten im Laub, dass es sie wie von selbst vorantrieb.
Schließlich erreichte sie einen Forstweg und verschnaufte. Der Himmel war um eine Spur heller geworden. Ratlos blickte sie sich um. Welche Richtung sollte sie einschlagen? Wie kam sie am ehesten aus dieser einsamen Gegend heraus?
Schon waren sie wieder da. Die Raben. Wild rufend näherten sie sich von oben. Tollkühn schwebten sie heran. Ein Zeichen, dachte das Mädchen. Die Vögel beschützen mich.
Kroaah. Kroaah. Hier entlang. Hier.
Sie folgte dem Schwarm. Mobilisierte ihre letzten Energien, nahm den Forstweg nach rechts. Schnurgerade führte er durch den Wald. Über ihr das Krächzen, müde schlurfte sie dahin. Schneller, dachte sie erneut, doch es half nichts, ihre Glieder waren bleischwer. Zuweilen kreisten die Vögel am Himmel und schienen auf sie zu warten. Dann wieder schossen sie voran.
Schließlich machte der Weg einen Knick, und es ging leicht bergab. Das Mädchen meinte nun, dass sich der Wald allmählich lichtete. Wie weit war es noch? Würde sie irgendwann auf eine Ortschaft stoßen?
Die Raben schrien, das Mädchen trottete weiter. Endlich erreichte sie eine Landstraße. Abermals blieb sie stehen, unsicher, ob sie sich nach links oder rechts wenden sollte. Und wieder achtete sie auf die Vögel.
Kroaah, kroaah, lärmten sie und flogen nach links.
Das Mädchen folgte ihnen.
Es nieselte, feucht glänzte der Asphalt. Sie schleppte sich am Straßenrand entlang, begann in Gedanken die Begrenzungspfähle abzuzählen, doch irgendwann geriet sie durcheinander. Weiter, dachte sie, nur nicht aufgeben. Ihr sank der Kopf aufs Kinn, so ausgezehrt war sie, beobachtete ihre eigenen Schritte.
Aus der Ferne vernahm sie plötzlich ein Rauschen. Sie hob den Blick. Rasch näherten sich Scheinwerfer. Ein Auto raste heran. Es fuhr schnell, viel zu schnell.
Das Mädchen wollte ausweichen, doch schon war sie von den Lichtern geblendet.
Die Straße eng, der Seitenstreifen schmal.
Kurz darauf hörte sie das Kreischen von Bremsen. Der Wagen schoss auf sie zu.
Nein!, dachte sie. Doch es war zu spät.
Sie spürte den Aufprall, wurde durch die Luft gewirbelt.
Hart schlug sie auf dem Asphalt auf.
Sie war benommen. Alles drehte sich um sie herum. Sie schmeckte Blut auf ihrer Zunge. Starrte zum Himmel hinauf. Über ihr die Raben. Zuckende Flügel.
Da vernahm sie ein Türenschlagen, das leise Brummen eines Motors. Hatte der Wagen gehalten? Sie hörte Schritte. Jemand kam und beugte sich über sie.
Sie starrte in ein männliches Gesicht.
Das Mädchen spürte, wie ihr der Blick verschwamm.
»He«, sagte der Mann, »bleib bei mir. Sieh mich an.«
Er ging vor ihr in die Hocke, musterte sie.
Er schien zu zögern. Worauf wartete er denn noch? Ich will nicht sterben, durchfuhr es sie.
Das Mädchen wollte etwas sagen, doch es gelang ihr nicht. Nicht sterben, dachte sie erneut.
Schließlich bemerkte sie, wie der Mann beide Arme unter sie schob und sie anhob.
Sie sah das Auto am Straßenrand. Er trug sie hin, öffnete die Tür und wuchtete sie auf die Rückbank.
Ihr Atem war knapp. Dann gingen die Lichter aus.
Große schwarze Vögel flatterten um ihn herum. Ihre Rufe waren krächzend und laut. Daniel fuchtelte mit den Armen, um sie zu vertreiben, doch sie ließen sich nicht in die Flucht schlagen. Immer wieder stießen sie ihre durchdringenden Schreie hervor. Als hätten sie eine Botschaft für ihn, dringlich und drohend. Aber es waren nur Tierlaute, wie sollte er sie verstehen?
Dann schreckte er hoch. Er rang nach Luft. Der Pyjama klebte schweißnass an seiner Haut. Nur ein Albtraum, dachte er. Allmählich kam er zu Atem.
Doch plötzlich hörte er es wieder. Rau und aufgeregt.
Kroaah. Kroaah.
Es kam von draußen.
Daniel erhob sich von seinem Bett und ging ans Fenster. Er zog die Vorhänge auf. Für einen Moment traute er seinen Augen nicht. Die novemberkahle Magnolie im Garten war voll von diesen Vögeln. Da hockten sie in der dunstigen Dämmerung. Reckten die Schnäbel und lärmten. Als sei sein Traum Wirklichkeit geworden.
Ob das Krähen waren? Nein, die hatten in dieser Gegend graue Flecken im Gefieder. Diese Vögel aber waren komplett schwarz.
Waren es etwa Raben?
Ihm war, als äugten sie zu ihm herüber.
Kroaah, kroaah, riefen sie.
Daniel konnte nicht den Blick von ihnen lassen. Raben hatte er hier in Berlin noch nie gesehen. Wie seltsam.
Dann fiel ihm ein, was für ein Tag heute war. Seine Eltern warteten sicher schon auf ihn. Er sollte halbwegs gefasst wirken, einen munteren Eindruck machen. Es gab zu viel Trübsal in diesem Haus.
Er ging ins Bad, duschte und zog sich an. Schließlich stieg er die Treppe hinunter. Seine Eltern saßen bereits am Frühstückstisch. Als er hereinkam, standen sie beide auf, wie auf Kommando.
Seine Mutter hatte Ringe unter den Augen. Ihr Gesicht war schmal und bleich. Vermutlich hatte sie wieder die ganze Nacht nicht geschlafen. Sein Vater bewegte sich gebückt, als sei er um Jahre gealtert. Sein Haar war frühzeitig ergraut.
Die Mutter kam auf Daniel zu und umarmte ihn. »Herzlichen Glückwunsch«, sagte sie mit tonloser Stimme. »Alles Liebe zu deinem 18. Geburtstag.«
»Danke, Mama.«
Auch der Vater drückte ihn an sich. »Alles Gute, mein Junge.«
»Danke.«
Er spürte die Anspannung von beiden, ihre Traurigkeit. Er versuchte zu lächeln, was blieb ihm auch anderes übrig.
Der Tisch war für vier Personen gedeckt. An seinem Platz lag ein eingewickeltes Geschenk. Es hatte ungefähr die Größe eines Smartphones, offenbar genau das, was er sich gewünscht hatte.
Der Stuhl neben ihm würde leer bleiben. Allerdings befand sich dort ebenfalls ein Päckchen mit roter Schleife. Als er es sah, versetzte es ihm einen Stich. Es war für Lilly, seine Zwillingsschwester. Natürlich war es auch ihr Geburtstag heute.
Doch Lilly war nicht da. Seit knapp einem Jahr war sie spurlos verschwunden. Es war nicht einmal sicher, ob sie noch lebte.
Die Mutter schien seinen Blick auf das andere Geschenk bemerkt zu haben.
»Ich hab mir gedacht, falls sie wiederkommt. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.«
Schon fing sie an zu weinen.
Sofort hatte Daniel das Gefühl, er müsste sie trösten. »Schon gut, Mama.«
»Heute sind es 333 Tage, seit sie fort ist.«
Daniel nickte. Auch er zählte die Tage. Hilflos sah er zu seinem Vater hin. Versteinerte Miene. Gekrümmte Schultern.
Da hörte er wieder das Krächzen der Vögel draußen. Er schaute in den Garten hinaus. Sie flatterten von den Ästen der Magnolie auf, schwangen sich in die Luft, kreisten eine Weile und flogen schließlich davon.
Daniel setzte sich an den Tisch. Seine Eltern nahmen ebenfalls Platz.
»Kaffee?«, fragte die Mutter.
»Gern.«
Sie schenkte ihm ein.
Er zog das Geschenk zu sich heran, öffnete die Schleife und wickelte es aus. Es war tatsächlich ein neues Handy. Schlagartig musste er an das verschollene Smartphone seiner Zwillingsschwester denken, das seit 333 Tagen nicht mehr auf Anrufe reagierte.
Die Ermittler gingen von einer Entführung aus. Niemand konnte ihnen sagen, ob sie noch lebte oder nicht.
Er bedankte sich artig bei seinen Eltern. Wieder versuchte er zu lächeln. Doch Mutter und Vater bemerkten es nicht einmal. Sie blickten nur stumm auf das unberührte Paket für Lilly.
Der Beginn der Morgenschicht war hektisch. Schon die Übergabe mit dem Nachtdienst hatte sich verzögert. Es gab ein paar Unstimmigkeiten im Protokoll. So blieb weniger Zeit für die ersten Tätigkeiten. Patienten waschen, Frühstück ans Bett bringen, Medikamente austeilen, Blutdruck, Temperatur und Puls messen. Einige von ihnen mussten für die OP vorbereitet werden.
Eigentlich sollte Angelika Braband nun die Patientendaten dokumentieren. Doch der Wunsch, eine Zigarette zu rauchen, war stärker. Sie zog sich eine Jacke über ihren Kittel, fuhr mit dem Aufzug ins Erdgeschoss hinunter und trat vors Klinikgebäude.
Draußen war es nasskalt und ungemütlich. Die Wolken hingen so tief, dass es wahrscheinlich gar nicht richtig hell werden würde. Sie zündete sich eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug.
Angelika rauchte hastig. Allzu lange durfte sie nicht bleiben, sonst würde sie Ärger kriegen. Die Stationsschwester hatte ohnehin schon ein Auge auf sie. Immerzu war sie am Herumnörgeln. Nichts ging ihr schnell genug.
Zerstreut beobachtete Angelika ein Auto, das im Schritttempo an der Klinik vorbeifuhr. Schließlich gab der Fahrer Gas und verschwand.
Sie drückte ihre Kippe gerade in dem mit Sand befüllten Behälter aus, als der Wagen wiederkam. Offenbar war er einmal ums Karree gefahren. Diesmal hielt er etwa 50 Meter vom Eingang entfernt. Der Fahrer stieg aus, öffnete die hintere Tür und trug eine junge Frau heraus, die mehr noch eine Jugendliche war.
Angelika meinte, Blut an ihrem Kopf zu erkennen.
War das ein Notfall?
Der Mann aber schien zu zögern.
»Brauchen Sie Hilfe?«, rief sie ihm zu.
Es war noch recht dunkel, sie konnte ihn nicht genau erkennen, sah nur, dass er zusammenzuckte.
Rasch legte er das Mädchen auf dem Gehweg ab, eilte auf sein Auto zu, sprang hinein und fuhr los.
»He, warten Sie!«
Angelika rannte ihm nach. Sie versuchte, das Nummernschild zu entziffern. Schon bog das Auto mit quietschenden Reifen um die nächste Straßenecke.
Ein Blick auf das Mädchen und sie wusste, was zu tun war. Sie eilte zurück, stürmte in die Notaufnahme und wandte sich an eine Kollegin: »Eine Trage, schnell, schwer verletzte Person draußen!«
Für einen Moment kam sie wieder zu sich. Sie war verwirrt. Wo war sie? Über ihr eine lange Reihe von Neonröhren. Sie schienen sich zu bewegen. Um sie herum waren Menschen. Auch diese waren in Bewegung. Weiße Kittel. Besorgte Gesichter.
Sie lag auf einer Art Bett und wurde geschoben. Die Lichter waren zu grell. Rasant zogen sie an ihr vorbei. Ihr war schwindlig. Und sie hatte Angst.
Ihr Blick begann zu flackern.
Eine Frau beugte sich im Laufen über sie. »Ganz ruhig. Schau mich an.«
Das Mädchen versuchte, die Augen der Frau zu fixieren. Dann glitt ihr Blick ab und blieb an ihrem weißen Outfit hängen. Alles um sie herum roch klinisch, steril, und das verursachte einen Brechreiz bei ihr.
»Wie heißt du?«, fragte die Frau, wahrscheinlich eine Ärztin oder eine Krankenschwester.
Das Mädchen holte Luft. In ihrem Mund war ein Geschmack wie von Eisen oder Kupfer, so metallisch und ungesund.
»Wie ist dein Name?«, versuchte es die Frau wieder.
Das Mädchen wollte antworten. Es kostete sie Kraft. Schließlich gelang es ihr.
»Lilly«, brachte sie leise hervor.
»Gut, Lilly. Und dein Nachname?«
»Steiner.«
»Lilly Steiner.«
»Ja, das bin ich.«
»In Ordnung. Wir bringen dich jetzt in den Operationssaal.«
»Aber warum? Was ist passiert?«
Eine automatische Tür sprang auf.
Lilly hörte, wie sie nach einer Weile hinter ihr zufiel. Und dann versank sie in einem schwarzen Loch.
Auf einmal war selbst ein trüber Novembermorgen schön. Trojan hatte sich auf seinem Handy einen fröhlichen Popsong als Weckalarm gespeichert, und als um sechs Uhr früh die Melodie erklang, stand er gut gelaunt auf, duschte, zog sich an und bereitete das Frühstück zu.
Draußen war es noch dunkel. Nieselregen. Die Linden in der Forster Straße warfen allmählich ihr Laub ab. Früher hatte ihn der Spätherbst deprimiert. Mittlerweile ertappte er sich bei dem Gedanken, dass er sich eigentlich zu jeder Jahreszeit wohlfühlen konnte. Es hing nur von seiner Einstellung ab. Und von den Menschen, mit denen er sich umgab.
Seine Wohnung war nicht mehr leer, wenn er nach Hause kam. Und öfter waren die Räume von Gelächter und einer Stimme erfüllt, die ihn einfach nur glücklich machte.
Er backte Brötchen auf. Kurz darauf hörte er, wie ihre Tür aufging und sie im Bad verschwand. Als sie wenig später mit noch etwas verschlafener Miene in der Küche auftauchte, die blonden Locken feucht von der Morgendusche, strahlte er über das ganze Gesicht.
»Hallo, Emily.«
»Morgen, Paps.«
»Gut geschlafen?«
»Hmm. Und du?«
»Bestens.«
Während sie sich setzte, schenkte er ihr Kaffee ein. Danach holte er die Brötchen aus dem Ofen, legte sie in einen Korb, den er mit rot-weiß karierten Servietten drapiert hatte, und reichte ihn ihr. Sie nahm sich dankend eines heraus, schnitt es auf und bestrich es mit Margarine und Marmelade.
Er setzte sich zu ihr und trank einen Schluck Kaffee.
»Du lächelst ja schon die ganze Zeit, Paps. Was ist los mit dir? So kenne ich dich gar nicht.«
»Ich freue mich einfach, dass du hier bist. Und das nicht nur zu Besuch und auf kurze Zeit, sondern … na ja, solange es dir eben recht ist.«
»Was meinst du, soll ich mir vielleicht eine eigene Wohnung suchen?«
»Nein, nein. Also nur, wenn du möchtest. Wenn es nach mir geht«, er grinste und nahm sich ebenfalls ein Brötchen, »kannst du für immer bleiben.«
Sie legte die Stirn in Falten. Doch dann lächelte sie auch. »Für immer sicherlich nicht. Aber im Moment finde ich es ganz praktisch.«
»Na also.«
»Die Mietpreise sind extrem hoch.«
»Und hier wirst du verwöhnt.«
Sie lachte. »Ich kann mich nicht beklagen. Danke, Pa.«
»Sehr gerne, Emily.«
Trojan spürte, wie sich seine Brust weitete. Er atmete tiefer. Seit seine Tochter nicht mehr im fernen Kanada weilte, fühlte er sich in jeder Hinsicht gut. Er war weniger stressanfällig, sein Schlaf war besser, und in ihm erwachten neuen Energien. Letztlich wurde ihm klar, dass er wohl ziemlich einsam gelebt hatte. Emily hatte zwar recht, ihre Wohngemeinschaft war keine Dauerlösung, aber für den Moment kam es ihm sehr gelegen.
Nur ihre beruflichen Pläne überraschten ihn ein wenig. Er war leicht skeptisch, ob sie sich wirklich für das Richtige entschieden hatte. Emily hatte sich an der Polizeiakademie beworben und auf Anhieb die schweren Aufnahmeprüfungen bestanden.
Eigentlich war Polizeiakademie nicht der korrekte Ausdruck, sondern eher eine saloppe Bezeichnung von Trojan. Genau genommen war es die Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, an der seine Tochter nun im Fachbereich Polizei und Sicherheitsmanagement einen Bachelor-Studiengang absolvierte und sich so zur Kriminalkommissarin ausbilden ließ. Schon des Öfteren hatte sie erwähnt, dass sie sich insbesondere für die Mordkommission interessierte.
Emily in dem harten Job, der ihn selbst regelmäßig an die Grenzen der Belastbarkeit brachte? Sie hatte zwar die Grundvoraussetzungen dafür, war hochintelligent, verfügte über einige Menschenkenntnis, war überdies mutig und selbstbewusst. Aber wenn er ganz ehrlich war, hatte er doch Sorge, dass der Beruf für sie zu gefährlich sein könnte. Immer wenn er darüber nachdachte, meldeten sich seine väterlichen Beschützerinstinkte. Er wollte sie vor den schlimmsten menschlichen Abgründen bewahren. Andererseits musste er einsehen, dass Emily längst kein Kind mehr war, sondern mit Anfang 2o eine eigenständige Persönlichkeit, die durchaus auf sich aufpassen konnte.
»Wann musst du los?«, fragte er.
»In zehn Minuten.«
»Was steht als Erstes an?«
»Kriminalistik.«
»Zufrieden mit dem Dozenten?«
»Geht so. Ich finde, er könnte den Stoff anschaulicher rüberbringen.«
Trojan nickte. Der praktische Teil würde Emily sicher mehr interessieren. Doch wenn sie erst einmal als Kriminalkommissar-Anwärterin in der Stadt unterwegs war, kam sie mit der rauen Wirklichkeit in Kontakt. Dann warteten Nachtdienste und erste gefährliche Einsätze auf sie.
Er beschloss, den Gedanken vorerst beiseitezuschieben und sich einfach weiter daran zu erfreuen, dass seit ihrer Rückkehr frischer Wind und neue Hoffnung in sein Leben gekommen waren. Zugleich verschaffte es ihm eine gewisse Genugtuung, dass Emily bei ihm und nicht ihrer Mutter eingezogen war, auch wenn er keinesfalls mit Friederike in Konkurrenz um ihre gemeinsame Tochter treten wollte. Letztlich aber schien er den intensiveren Kontakt zu ihr zu haben.
Gerade setzte er zu einer weiteren Frage zur Polizeiakademie an, als sein Handy läutete. Es war Landsberg.
Er entschuldigte sich bei Emily und hob ab. »Hallo, Hilmar.«
»Morgen, Nils.« Der Chef kam gleich zur Sache. »Es geht um Folgendes: Die vor knapp einem Jahr spurlos verschwundene Lilly Steiner ist überraschend wiederaufgetaucht. Erinnerst du dich noch an den Fall?«
»War das nicht die Jugendliche, die im Alter von 17 Jahren auf dem Weg zur Schule verschwand?«
»Richtig.«
»Man ging von einer Entführung aus.«
»Genau.«
»Was ist passiert?«
»Sie wurde heute Morgen von einem unbekannten Autofahrer vor einer Klinik in Templin abgelegt. Der Fahrer ist danach geflüchtet.«
»Templin? Ist das nicht in der Schorfheide?«
»Im Umland, ja. Jedenfalls konnte Lilly Steiner den Ärzten noch ihren Namen nennen, dann verlor sie das Bewusstsein und musste operiert werden. Sie ist noch nicht ansprechbar. Da sie damals aus Berlin verschwunden ist, liegt der Fall in unserem Zuständigkeitsbereich. Sobald sie aus der Narkose erwacht, sollte sie dringend befragt werden.«
Trojan spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. »Gib mir die Adresse der Klinik. Ich fahre sofort hin.«
Knapp zwei Stunden später wanderte Trojan ungeduldig im Flur der chirurgischen Abteilung in Templin auf und ab. Er hatte bereits einiges herausgefunden. Nun wartete er auf Carlotta, die er von unterwegs informiert hatte. Sie fuhr einen angerosteten Bulli aus den 70er-Jahren. Warum hatte sie sich nicht längst um einen Dienstwagen bemüht? Wenn sie im Kommissariat nur ein wenig Druck machen würde, könnte ihr Landsberg einen BMW aus dem internen Fuhrpark zuteilen. Sie aber war noch immer am liebsten mit ihrem altersschwachen Camper unterwegs.
Trojan sah zur Uhr. Wahrscheinlich brauchte sie für die Strecke in die Schorfheide nordöstlich von Berlin mindestens eine halbe Stunde länger. Er hätte sie abholen sollen, das wäre schneller gegangen. Aber eigensinnig wie sie nun mal war, hätte sie wahrscheinlich trotzdem darauf bestanden, den VW-Bus zu nehmen, den sie liebevoll Luisa nannte, in Erinnerung an ihre früh verstorbene Mutter, von der sie das Auto geerbt hatte.
Carlotta brauchte das sonderbare Gefährt als ihren Rückzugsort. Es war ihr fahrendes Büro, gelegentlich auch ihr Schlafzimmer und ein Platz zum Nachdenken. Sie hatte ihre Eigenheiten, die ihn manchmal anstrengten, dennoch war sie für ihn aus der fünften Mordkommission nicht mehr wegzudenken. Ihre Fähigkeiten waren überragend, außerdem mochte er sie, selbst wenn sie nicht besonders teamfähig war.
Endlich sah er, wie sie hinter der Glastür im Treppenhaus auftauchte und zu ihm eilte. Mit ihrer zierlichen Figur und dem fein geschnittenen Gesicht, umrahmt von ihrem rotbraunen Haar, wirkte sie beinahe zu zerbrechlich für diesen Job, aber sie war eine gestandene Kriminalpsychologin und Hauptkommissarin, und ihr Scharfsinn und untrüglicher Instinkt überraschten ihn jedes Mal aufs Neue.
»Hallo, Nils«, sagte sie leicht abgehetzt, »bitte entschuldige die Verspätung. Ich musste unterwegs tanken, mir ist das Benzin ausgegangen.«
»Schon gut, kein Problem.«
»Konntest du inzwischen mit Lilly Steiner sprechen?«
»Sie ist gerade erst aus der Narkose aufgewacht. Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt, doch sie war vermutlich noch zu benommen. Ich konnte bisher nichts aus ihr herauskriegen.«
»Wurden ihre Eltern informiert?«
»Ja, sie sind auf dem Weg hierher.«
»Jemand hat Lilly also einfach vor dieser Klinik abgelegt?«
»So ist es. Die Krankenschwester, die das beobachtet hat, Angelika Braband, sagte mir, sie habe sich zumindest einen Teil des Kennzeichens vom Wagen des Unbekannten merken können.«
»Sehr gut.«
»Ich habe das bereits weitergeleitet. Die Kollegen wollen mir gleich eine Liste mit allen Fahrzeugen schicken, die infrage kommen.«
»Das ist wenigstens ein Anhaltspunkt.«
»Ja.«
»Ist das Mädchen schwer verletzt?«
»Sie hat ein paar Prellungen, eine Platzwunde am Kopf und eine Gehirnerschütterung. Außerdem ist ihr Schienbein gebrochen. Nach Meinung der Ärzte hat sie großes Glück gehabt. Ihr Zustand ist stabil.«
»Woher stammen die Verletzungen?«
»Man hat mir ihre Kleidungsstücke gezeigt. Die müssen noch von den Forensikern im Labor untersucht werden. Aber mir fielen bereits winzige Lackpartikel daran auf. Roter Autolack, denke ich, wahrscheinlich von einem Kotflügel.«
»Also ist sie wohl angefahren worden.«
»Das vermute ich auch.«
»Sprechen wir mit ihr.«
Trojan nickte. Er wies mit dem Kopf zu der Tür zum Krankenzimmer, in dem sich Lilly Steiner befand, und ging mit Carlotta darauf zu.
»Sie ist übrigens heute 18 Jahre alt geworden«, sagte er.
»Ausgerechnet an ihrem Geburtstag taucht sie wieder auf?«
»Ja. Ob das nun Zufall ist oder nicht.«
»Und sie hat sich noch nicht dazu geäußert, was ihr zugestoßen ist?«
»Nein. Das müssen wir erst herausfinden.«
Trojan drückte die Türklinke, und sie traten ein.
Carlotta hatte kaum Zeit gehabt, sich in die Akte des Vermisstenfalls einzulesen. Als sie in Templin angekommen war, hatte sie in ihrem Bulli das Wesentliche aus der Datei herauszufiltern versucht, die ihr Trojan aufs Handy geschickt hatte. Alles sah damals nach einer Entführung aus. Je länger nach Lilly gesucht wurde, desto unwahrscheinlicher wurde es, sie lebend wiederzufinden. Sollte sie einem Triebtäter zum Opfer gefallen sein, musste man laut Statistik befürchten, dass sie innerhalb von 48 Stunden getötet wurde. Allerdings gab es Fälle, in denen Täter ihre Opfer über einen längeren Zeitraum gefangen hielten, manchmal sogar über Jahre.
Auch die Aussageprotokolle von Lillys Eltern hatte sie überflogen. Diese zeigten sich geschockt und verzweifelt. Nicht zu wissen, ob ihre Tochter noch am Leben war oder nicht, ständig zwischen Hoffnung auf ein Wiedersehen und der furchtbaren Ahnung zu schwanken, sie könnte grausames Leid erfahren haben und längst tot sein, zermürbte zunehmend die Nerven der Angehörigen.
Und nun ihre überraschende Rückkehr. Wie aus dem Nichts. In dieser einsamen Gegend. Irgendwo in der Schorfheide.
Darum war Carlotta aufs Äußerste gespannt, als sie in dem kleinen Krankenhaus mit Trojan zu Lilly ans Bett trat. Was war dem Mädchen widerfahren? Durch welche Hölle war sie gegangen?
Trojan bedeutete Carlotta mit einem Kopfnicken, dass er es für besser hielt, wenn sie das Gespräch führte. Sie beschloss, dabei extrem behutsam vorzugehen. Ein Blick in die tief umschatteten Augen des Mädchens, und ihr wurde das Ausmaß ihrer Traumatisierung bewusst.
Lilly war bleich. Ihr Kopf war bandagiert. Ihr rechtes Bein war hochgelagert und steckte ebenfalls in einem Verband. Zudem trug sie eine Halskrause, eine sogenannte Zervikalstütze für die Halswirbelsäule.
Carlotta zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an das Krankenbett. Trojan blieb stehen.
Sie räusperte sich. »Ich bin Carlotta Weiss und arbeite als Kriminalpsychologin. Meinen Kollegen Nils Trojan kennst du ja bereits. Wir sind beide vom LKA Berlin und haben ein paar Fragen an dich.«
Lilly zeigte keinerlei Regung.
»Wir vermuten, dass du von einem Auto angefahren wurdest. Ist das richtig?«
Die Stimme der 18-Jährigen war brüchig. »Ich weiß nicht.«
»Ein unbekannter Mann hat dich hierhergebracht. Du warst schwer verletzt. Doch er hat dich nur vor der Klinik abgelegt und fuhr wieder weg. Erinnerst du dich daran?«
»Nein.«
»Du weißt nichts von einem Unfall?«
Lilly atmete hörbar aus. Offenbar hatte sie Schmerzen.
»Weißt du denn, wo du bist?«, hakte Carlotta vorsichtig nach.
Keine Antwort.
»Du befindest dich in Templin, das ist eine kleine Stadt in der Schorfheide.«
Ein ängstliches Augenflackern. »Was ist passiert?«
»Das versuchen wir herauszubekommen.« Carlotta lehnte sich vor. »Lilly, hör mit gut zu. Du bist vor knapp einem Jahr spurlos verschwunden. Die Polizei hat nach dir gesucht. Kannst du uns erzählen, wo du warst?«
Es entstand eine lange Pause. Carlotta wartete gespannt ab. Doch Lilly schaute sie nur mit großen Augen an.
»Bist du entführt worden?«
Stille. Keine weitere Reaktion.
Trojan trat von einem Bein auf das andere.
Carlotta musterte das Mädchen. »Denk genau nach. Du warst lange fort. Vor mehr als elf Monaten wurdest du das letzte Mal gesehen. Du warst in Berlin auf dem Weg zur Schule. Doch dort bist du nicht angekommen. Bist du überfallen worden? Wurdest du irgendwo gefangen gehalten?«
Lilly schluckte. »Ich weiß es nicht.«
»Du wurdest gerade wegen einer Schienbeinfraktur operiert. Hast mehrere Prellungen. Und eine Gehirnerschütterung. Mein Kollege fand Spuren von Lack an deiner Kleidung. Vermutlich Autolack. Bist du vor Kurzem von einem Wagen angefahren worden?«
Lilly Steiner schaute sie bloß an.
Carlotta ließ ein wenig Zeit verstreichen. Schließlich versuchte sie es erneut: »Heute Morgen. Jemand fuhr dich zu dieser Klinik. Ein unbekannter Mann. Er ist flüchtig. Was geschah davor? War es ein Unfall?«
Schweigen.
»Bist du vor deinem Entführer weggelaufen? Konntest du fliehen? Kam es dabei zu den Verletzungen?«
»Ich weiß nicht«, murmelte Lilly. »Ich habe Angst.«
»Schon gut.« Carlotta drückte für eine Weile ihre Hand. »Du stehst wahrscheinlich unter Schock.«
»Was haben Sie vorhin gesagt? Wie lange war ich weg?«
»Fast ein Jahr.«
Lilly schaute sie ungläubig an. »So lange?«
»Ja.«
»Wo sind meine Eltern?«
»Man hat sie angerufen. Sie müssten bald hier sein.«
»Und mein Bruder?«
In diesem Moment schaltete sich Trojan in das Gespräch ein. »Du hast einen Zwillingsbruder, nicht wahr? Er heißt Daniel. Das weiß ich aus der Vermisstenakte.«
Ihre Stimme klang wehmütig. »Daniel, ja.«
»Er kommt sicher auch gleich«, sagte Trojan.
»Ich habe große Angst.«
»Wovor?«, fragte Carlotta.
»Vor diesem Zustand. Es ist wie ein schwarzes Loch, in dem ich verschwunden bin. Ich weiß nicht mehr, was geschehen ist.«
»Wir vermuten, dass du entführt wurdest. Das war im letzten Herbst.«
»Der wievielte ist heute?«
Carlotta nannte ihr das Datum.
Lilly hob die Augenbrauen. »Mein Geburtstag?«
»Ja. Du bist heute volljährig geworden.« Carlotta überlegte, ob es angemessen war, ihr unter diesen Umständen zu gratulieren. »Meinen Glückwunsch«, murmelte sie kaum hörbar.
Da lief Lilly eine Träne übers Gesicht. »Was ist passiert? Warum kann ich mich denn nicht erinnern?«
»Vielleicht liegt es an dem, was heute Morgen geschehen ist. Ein schwerer Sturz. Das kann zu einem zeitweiligen Gedächtnisverlust führen.«
Lilly atmete schwer.
Erneut drückte Carlotta ihre Hand. »Keine Sorge, das gibt sich wieder.«
Trojan kam einen Schritt näher. »Lilly, kann es sein, dass du vor deinem Entführer geflohen bist? Heute früh oder in der Nacht?«
»Ich weiß nicht.«
»Hast du eine Ahnung, wie du in die Schorfheide gekommen bist?«, fragte er.
»Schorfheide?«
»Kennst du das Gebiet? Es gibt hier große Wälder. Ein Biosphärenreservat. Es ist dünn besiedelt.«
Carlotta registrierte eine winzige Reaktion. Als würde eine verschwommene Erinnerung auftauchen.
»Der Wald«, sagte das Mädchen leise. »Der dunkle Wald.« Sie schloss die Augen. Ihre Lider zitterten.
»Lilly?«, fragte Carlotta nach einer Weile.
Die Hände der Jugendlichen krallten sich ins Bettlaken. Dann schaute sie Carlotta an. »Mir ist schwindlig.«
»Das könnten die Nachwirkungen der Narkose sein. Möchtest du ein Gas Wasser trinken?«
»Ja, bitte.«
Carlotta nahm einen Becher vom Nachttisch, der mit Mineralwasser gefüllt war, und reichte ihn Lilly.
Nachdem sie getrunken hatte, wandte sich Trojan an sie. »Erinnerst du dich an einen Wald?«
Schweigen.
»Du sprachst eben von einem dunklen Wald.«
»Ich weiß nicht genau.«
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Eine Frau in den 40ern stürmte herein, gefolgt von einem etwa 50-jährigen Mann und einem Teenager.
»Lilly, mein Kind«, stieß die Frau hervor und eilte auf das Bett zu.
Carlotta erhob sich von ihrem Stuhl. »Sind Sie die Mutter?«, fragte sie.
Die Frau ließ ihren Tränen freien Lauf. Carlotta fürchtete, sie könnte der verletzten Lilly Schmerzen bereiten, so fest drückte sie sich an sie.
Schließlich warf sie Carlotta einen kurzen Blick zu. »Ja, Miriam Steiner mein Name.«
Auch der Mann hatte sich nun dem Bett genähert. Er stand eher verloren da, schien nicht zu wissen, wo er seine Hände lassen sollte.
»Ich bin Robert Steiner«, sagte er. »Der Vater von Lilly.« Er wies auf den Jungen neben sich. »Und das ist mein Sohn Daniel.«
Miriam Steiner hatte unterdessen auf dem Bettrand Platz genommen. »Was ist passiert, Lilly?«, fragte sie sichtlich ergriffen. »Wo warst du nur so lange?«
Trojan machte einen Schritt auf sie zu. »Wir müssen Sie bitten, noch einen Augenblick draußen zu warten. Wir sind mitten in einer Vernehmung.«
Sie reagierte mit einer unwilligen Kopfbewegung. »Wer sind Sie überhaupt? Was wollen Sie von meiner Tochter?«
Nils räusperte sich. »Wir sind vom Landeskriminalamt Berlin.« Er nannte ihr seinen Namen und den Dienstgrad. »Das ist meine Kollegin Carlotta Weiss. Sie ist Kriminalpsychologin.«
Lillys Mutter zeigte sich davon wenig beeindruckt. Erneut umarmte sie ihre Tochter.
»Du tust mir weh«, brachte Lilly erstickt hervor.
Carlotta wurde ungeduldig. »Tun Sie bitte, was mein Kollege gesagt hat.«
Miriam Steiner schaute empört auf. »So lange waren wir im Ungewissen, und jetzt schicken Sie uns vor die Tür?«
»Sprechen Sie draußen mit den Ärzten. Danach können Sie zu ihr.«
Endlich stand sie auf. Dafür trat der Bruder ans Bett.
Lillys Miene hellte sich ein wenig auf. »Daniel«, sagte sie erfreut.
Er berührte sie sachte an der Schulter. »Ich bin so froh, dass du wieder da bist.«
Es brauchte noch eine Weile, bis Carlotta und Trojan die Familie des Mädchens überzeugt hatten, dass ihre Vernehmung zunächst Vorrang hatte. Nachdem Nils die drei vor die Tür begleitet hatte, kam er ins Zimmer zurück und nickte Carlotta aufmunternd zu.
Sie versuchte, den Faden wieder aufzunehmen.
»Lass uns gedanklich einen Schritt zurückgehen«, sagte sie behutsam zu Lilly. »Dieser Wald, den du gerade erwähnt hast, löst der vielleicht eine Erinnerung in dir aus?«
Das Mädchen sah sie abermals nur schweigend an. Offenbar war sie von dem Wiedersehen mit ihrer Familie sehr aufgewühlt.
»Denk bitte genau nach. Wo warst du, bevor du in diese Klinik gebracht wurdest?«
»Ich sagte doch schon, dass ich es nicht weiß. Und das macht mir große Angst.«
Carlotta musterte sie besorgt. Wie schlimm stand es um sie? Wie erheblich war ihr Gedächtnisverlust? Sollte sie tatsächlich von einem Auto angefahren worden sein, könnten auch ihre Kopfverletzungen eine wesentliche Rolle dabei spielen. Sie musste dringend mit den Ärzten darüber reden.
Sie holte Luft. »Also schön. Vielleicht ist es das Beste, wenn du dich erst einmal ausruhst. Du standest in der Zeit, als du vermisst wurdest, wahrscheinlich unter großem Stress. Das kann ebenso dazu führen, dass in deinem Gehirn gewisse Bereiche ausgeblendet werden. Es ist gewissermaßen eine Schutzfunktion des Hirns.«
»Wann werde ich mich denn wieder erinnern können?«
»Das braucht Zeit. Ich helfe dir dabei.«
Lilly nagte an ihrer Unterlippe.
Carlotta überlegte, wie sie ihr Mut machen könnte.
»Du bist jetzt an einem sicheren Ort. Was auch immer geschehen ist, nun ist es durchgestanden.«
Lilly schien davon wenig überzeugt zu sein. Die Angst hatte sie offenbar noch immer fest im Griff.
Carlotta sah Trojan an. Sein Gesichtsausdruck bedeutete ihr, dass er es ebenfalls für angebracht hielt, Lilly vorerst mit weiteren Fragen zu verschonen.
Darum verabschiedeten sie sich von ihr und wandten sich zur Tür.
Als sie draußen auf dem Gang waren, eilte Miriam Steiner auf sie zu.
»Was hat Ihnen meine Tochter erzählt?«, fragte sie atemlos.
»Nicht viel«, entgegnete Carlotta. »Sie ist sehr verstört.«
»Wo war sie denn?«
»Wir wissen es noch nicht«, sagte Trojan.
»Was hat man ihr angetan?«
»Bitte beruhigen Sie sich.«
Miriam Steiner presste die Hand an ihren Mund. Die Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wenigstens ist sie am Leben.«
»Ja. Und haben Sie Geduld mit ihr«, murmelte Trojan. »Sie braucht jetzt sehr viel Ruhe.«
Drei Stunden später war Trojan noch immer in der Schorfheide unterwegs. Von den Kollegen hatte er die Liste der infrage kommenden Fahrzeughalter erhalten. Die Krankenschwester hatte sich die Buchstaben BAR gemerkt. Das stand für den Landkreis Barnim. Hinter dem Bindestrich hatte sie ein K erkennen können. Nach ihrer Aussage folgten noch zwei oder drei weitere Ziffern. Doch diese konnte sie nicht mehr benennen. Auch die Marke des Autos war ihr unbekannt. Wahrscheinlich war seine Farbe Rot, aber selbst hierbei war sie sich nicht sicher.
Laut Eintrag im Register konnten einige Personen dafür relevant sein. Trojan fuhr die Adressen einzeln ab, jedoch bisher ohne Ergebnis.
Er hatte gerade in der Ortschaft Vietmannsdorf einen fast 80-jährigen Fahrer befragt, der allerdings glaubhaft versichern konnte, seinen Wagen schon seit Wochen nicht mehr benutzt zu haben. Er war kränkelnd und bettlägerig. Trojan bezweifelte, dass er kräftemäßig überhaupt dazu in der Lage war, eine verletzte 18-Jährige auf die Rückbank seines Autos zu hieven.
Also steuerte Nils die nächste Adresse an. Der Regen hatte aufgehört, doch die Wolken hingen weiterhin tief. Auf der Landstraße, die durch einen dichten Wald führte, bediente er den Bordcomputer und wählte Carlottas Nummer. Sie war für weitere Befragungen bei Lilly in der Klinik geblieben.
Nach dem dritten Freizeichen hob sie ab. »Hallo, Nils.«
»Hallo. Wie sieht es bei dir aus?«
Sie seufzte. »Aus dem Mädchen ist einfach nichts herauszukriegen.«
»Keine weiteren Einzelheiten?«
»Leider nicht. Sie hat inzwischen zwei Stunden geschlafen. Danach war sie zwar etwas lebhafter. Doch das Gespräch mit ihr ergab nicht mehr als zuvor. Immerhin konnte ich ihre Eltern überzeugen, wieder nach Hause zu fahren und erst morgen wiederzukommen.«
»Der Besuch ihrer Familie hat Lilly angestrengt.«
»Ja, das war offensichtlich.«
»Merkwürdig, dass sie keine verwertbaren Aussagen treffen kann.«
»Ich fürchte, dass sie unter einer Amnesie leidet.«
»Und was bedeutet das in ihrem Fall genau?«
»Es scheint bei ihr ein partieller Gedächtnisverlust zu sein. Ihre Erinnerungen an die vergangenen Monate sind wie ausgelöscht.«
»Könnte das an ihren Verletzungen liegen?«, fragte Trojan, als er gerade auf die linke Spur ausscherte, um einen Lkw zu überholen.
»Das habe ich auch schon in Betracht gezogen«, antwortete Carlotta. »Gleich nachdem du weggegangen bist, hatte ich deswegen ein Gespräch mit dem behandelnden Chefarzt.«
»Und was sagt er?«
»Die Ergebnisse ihres Hirnscans sind so weit in Ordnung. Sie hat zwar eine Gehirnerschütterung, aber keine weiteren Auffälligkeiten.«
»Es gibt also keine organische Ursache?«
»Der Arzt schließt das aus.«
Trojan fädelte sich wieder auf der rechten Spur ein und kontrollierte sein Navi. »Woran liegt es dann?«
»Es ist wohl eher eine psychogene Amnesie, ausgelöst durch heftigen Stress. Vielleicht hat sie auch einen Schock erlitten. Du hast sie ja erlebt. Sie wirkt völlig verängstigt. Ich nehme an, sie hat in dem Jahr ihres Verschwindens Schreckliches durchgemacht.«
Trojan dachte für einen Moment nach. »Gehen wir mal davon aus, dass sie im letzten Herbst tatsächlich entführt wurde. Wenn sie nun ihrem Kidnapper entkommen konnte …«
»… steht sie höchstwahrscheinlich noch immer unter seinem Einfluss«, ergänzte Carlotta.
»Ist das der Grund ihrer Angst?«
»Das ist durchaus möglich. Wir müssen in Betracht ziehen, dass ihr mutmaßlicher Entführer alles daransetzen wird, sie zum Schweigen zu bringen oder zu sich zurückzuholen.«
»Ich habe bereits angeordnet, dass sie rund um die Uhr bewacht wird. Ein uniformierter Kollege müsste demnächst auf der Krankenstation eintreffen und vor ihrem Zimmer Stellung beziehen.«
»Sehr gut. Was macht deine Suche nach dem Fahrzeughalter?«
»Ich bin dran.«
»Halt mich auf dem Laufenden.«
»Mach ich.«
Sie legten auf.
Kurz darauf verließ er die Straße und bog auf einen Schotterweg ein. Etwa 200 Meter weiter hielt er vor einem abseits gelegenen Haus. Flachdach, eingeschossig, die Farbe an den Fensterläden war abgeblättert. Ein Stück davon entfernt befand sich ein alter Schuppen.
Trojan stieg aus. Der Vorplatz war vom Regen aufgeweicht. Überall Matsch. Reifenspuren. Ein Schäferhund an einer Kette empfing ihn mit lautem Gebell.
Nils ging auf das trostlose Gebäude zu und drückte auf den Klingelknopf. Nichts geschah.
Schließlich klingelte er ein zweites Mal. Dann hämmerte er mit der Faust gegen die Tür.
Der Hund kläffte wie wild.
Nach einer Weile wurde geöffnet. Ein Mann in den 40ern, in Jeans und Wollsocken, löchriger Pullover, Halbglatze, starrte ihn aus eng zusammenstehenden Augen an. »Ja?«
Nils zückte seinen Dienstausweis. »Ich bin Hauptkommissar Nils Trojan, LKA Berlin. Sind Sie Gerd Weigand?«
Der Mann mit der Halbglatze antwortete mit einer Gegenfrage. »Was wollen Sie von mir?«
»Heute Morgen wurde eine 18-Jährige, die vor knapp einem Jahr aus Berlin verschwunden ist, schwer verletzt vor dem Krankenhaus in Templin abgelegt. Eine Zeugin hat beobachtet, wie das Mädchen aus einem Wagen getragen wurde. Sie konnte sich einen Teil des Kennzeichens merken.«
»Und was hab ich damit zu tun?«
»Das Nummernschild könnte mit Ihrem übereinstimmen. Sie sind doch der Fahrzeughalter Gerd Weigand?«
Keine Reaktion.
»Ich deute das mal als ein Ja.«
Der Hund zerrte an der Kette, fletschte die Zähne.
Weigand rührte sich nicht.
»Wo waren Sie heute Morgen?«
»Bei der Arbeit.«
»In welcher Stadt sind Sie beschäftigt?«
»In Eberswalde.«
»Wann sind Sie losgefahren?«
»Gegen halb sieben.«
»Kann ich Ihr Auto mal sehen?«
Er tat, als hätte er ihn nicht gehört.
»Sind Sie schwer von Begriff?«
Weigand hob das Kinn. »Ich hab es verliehen.«
»An wen?«
»An einen Freund.«
»Und wo ist dieser Freund jetzt?«
»Er ist damit nach Berlin gefahren.«
»Tatsächlich?«
Pause.