Die vergessenen Welten 08 - R.A. Salvatore - E-Book

Die vergessenen Welten 08 E-Book

R.A. Salvatore

4,3
6,99 €

Beschreibung

Niemals wollte Drizzt Do'Urden in die Stadt seiner Geburt zurückkehren, niemals wieder wollte er durch das wilde Unterreich und die tückischen Straßen von Menzoberranzan schreiten. Doch um endgültig alle Gefahr für seine Freunde in Mithril-Halle abzuwenden, muß er erneut hinabsteigen in die ewige, sternenlose Nacht, in der ungezählte Gefahren auf ihn lauem. Hier findet der Dunkelelf unerwartete Verbündete - und ein Heer von Feinden, die er längst totgeglaubt hatte...

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Seitenzahl: 513

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Autor

R. A. Salvatore wurde 1959 in Massachusetts geboren, wo er auch heute noch lebt. Bereits sein erster Roman „Der gesprungene Kristall“ machte ihn bekannt und legte den Grundstein zu seiner weltweit beliebten Reihe von Romanen um den Dunkelelf Drizzt Do’Urden. Die Fans lieben Salvatores Bücher vor allem wegen seiner plastischen Schilderungen von Kampfhandlungen und seiner farbigen Erzählweise.

Informationen über den Auor auch unter: www.rasalvatore.com.

Als Blanvalet Taschenbuch von R. A. Salvatore lieferbar:

DIE VERGESSENEN WELTEN: 1. Der gesprungene Kristall (24549), 2. Die verschlungenen Pfade (24550), 3. Die silbernen Ströme (24551), 4. Das Tal der Dunkelheit (24552), 5. Der magische Stein (24553), 6. Der ewige Traum (24554)

DIE SAGA VOM DUNKELELF: 1. Der dritte Sohn (24562), 2. Im Reich der Spinne (24564), 3. Der Wächter im Dunkel (24565), 4. Im Zeichen des Panthers (24566), 5. In Acht und Bann (24567), 6. Der Hüter des Waldes (24568)

DIE VERGESSENEN WELTEN, WEITERE BÄNDE: 1. Das Vermächtnis (24663) [= 7. Band] , 2. Nacht ohne Sterne (24664) [= 8. Band], 3. Brüder des Dunkels (24706) [= 9. Band], 4. Die Küste der Schwerter (24741) [= 10. Band], 5. Kristall der Finsternis (24931) [= 11. Band], 6. Schattenzeit (24973) [= 12. Band], 7. Der schwarze Zauber (24168) [= 13. Band], 8. Die Rückkehr der Hoffnung (24227) [= 14. Band], 9. Der Hexenkönig (24402) [= 15. Band], 10. Die Drachen der Blutsteinlande (24458) [= 16. Band]

DIE RÜCKKEHR DER DUNKELELF: 1. Die Invasion der Orks (24284), 2. Kampf der Kreaturen (24299), 3. Die zwei Schwerter (24369)

DIE LEGENDE VOM DUNKELELF: 1. Der König der Orks (26580) DAS LIED VON DENEIR: 1. Das Elixier der Wünsche (24703), 2. Die Schatten von Shilmista (24704), 4. Die Festung des Zwielichts (24735), 5. Der Fluch des Alchemisten (24736)

DIE DRACHENWELT-SAGA: Der Speer des Kriegers/Der Dolch des Drachen/Die Rückkehr des Drachenjägers. Drei Romane in einem Band! (24314)

Außerdem von R. A. Salvatore: Star Wars: Episode II. Angriff der Klonkrieger (35761), Das Erbe der Jedi-Ritter 1. Die Abtrünnigen (35414)

Inhaltsverzeichnis

AutorWidmungPrologTEIL 1 - Der Ruf der Pflicht
Die EhrgeizigeRätselhafte AbreiseBaenres BluffDas Feuer in hren AugenWiedersehen nach langen JahrenEin göttliches Zeichen
TEIL 2 - Unbeantwortete Gebete
Unerledigte GeschäfteAm falschen OrtHinabAlte FreundeGefangenUngeahnte Kräfte
TEIL 3 - Schatten
Der Hunger der GöttinVerkleidungMaskenMenzoberranzanFeinde überall
TEIL 4 - Im Netz
Vergebliche TapferkeitFalscher StolzPersönliche ZieleDie ersten Schleier werden gelüftetDer Einbruch
TEIL 5 - Das Auge eines Kriegers
Duk-TakMit dem Kopf voranVerzweifelte FluchtCatti-bries ÜberraschungLetzte Enthüllungen
EpilogCopyright

Am ersten Tag schuf Ed die Vergessenen Welten und gab meiner Phantasie einen Platz, in der sie leben konnte.

Für Ed Greenwood, den ich nur bewundern kann.

Prolog

Drizzt strich mit seinen Fingern über die feinen Schnitzereien der Pantherstatuette, deren schwarzer Onyx sogar in den gewellten Teilen des muskulösen Halses vollkommen eben und makellos war. Sie glich Guenhwyvar bis aufs Haar und war ein perfektes Abbild der Katze. Wie konnte er sich nur von ihr trennen, wo er doch vollständig davon überzeugt war, daß er den großen Panther niemals wiedersehen würde?

»Leb wohl, Guenhwyvar«, flüsterte der Waldläufer, und sein Gesicht war traurig, ja fast jammervoll, als er die Figur betrachtete. »Ich kann dich nicht guten Gewissens mit auf diese Reise nehmen, denn ich müßte mir mehr Sorgen um dein Schicksal machen als um mein eigenes.« Sein Seufzer zeugte davon, daß er sich ins Unvermeidliche fügen wollte. Er und seine Freunde hatten lange und hart gekämpft und schwere Opfer gebracht, um diesen Zustand des Friedens zu erlangen, aber Drizzt war zu der Erkenntnis gekommen, daß es ein falscher Sieg war, den sie errungen hatten. Wie gern hätte er diese Einsicht verleugnet, Guenhwyvar wieder in seine Tasche gesteckt und blindlings weitergemacht, immer auf einen glücklichen Ausgang hoffend.

Drizzt seufzte, überwand seine momentane Schwäche und übergab die Figur Regis, dem Halbling.

Regis starrte Drizzt lange schweigend und ungläubig an, während er den Schock darüber verarbeitete, was der Dunkelelf ihm mitgeteilt und von ihm verlangt hatte.

»Fünf Wochen«, erinnerte ihn Drizzt.

Die pausbäckigen, jungenhaften Züge des Halblings legten sich in Falten. Wenn Drizzt in fünf Wochen nicht zurückgekehrt sein würde, sollte Regis Guenhwyvar Catti-brie übergeben und ihr und König Bruenor die Wahrheit über die Abreise ihres Freundes erzählen. Am düsteren Tonfall von Drizzts Stimme mußte Regis erkennen, daß der Drow nicht erwartete, jemals zurückzukehren.

Doch plötzlich hatte der Halbling einen Einfall, warf die Statuette auf sein Bett und fummelte an einer Halskette herum, deren Verschluß sich in den langen, krausen Locken seines braunen Haares verfangen hatte. Schließlich zog er einen Anhänger hervor, an dem ein großer magischer Rubin hing.

Jetzt war es Drizzt, der schockiert war. Er kannte den Wert des Edelsteins und die heftige Liebe des Halblings für das Juwel. Wenn er sich sagte, daß ein derartiges Geschenk nicht Regis’ Charakter entsprach, war das noch eine unglaubliche Untertreibung.

»Ich kann nicht«, wies Drizzt die Gabe zurück und schob den Stein von sich weg. »Möglicherweise kehre ich nicht zurück, und dann wäre er verloren …«

»Nimm ihn!« verlangte Regis scharf. »Nach allem, was du für mich und für uns alle getan hast, verdienst du ihn. Es ist eine Sache, Guenhwyvar zurückzulassen – es wäre wirklich eine Tragödie, wenn der Panther in die Hände deiner üblen Sippe fiele –, aber dies ist nur ein magischer Gegenstand, kein Lebewesen, und er kann dir vielleicht bei deiner Reise von Nutzen sein. Nimm ihn mit, so wie du deine Krummsäbel mitnimmst. « Der Halbling machte eine Pause, und sein sanfter Blick senkte sich in Drizzts purpurne Augen. »Mein Freund.«

Plötzlich schnippte Regis mit den Fingern und beendete damit den Moment der Stille. Er wieselte durch den Raum, wobei seine nackten Füße auf den kalten Steinboden klatschten und sein Nachthemd um ihn her rauschte. Aus einer Schublade zog er einen weiteren Gegenstand, eine recht unscheinbare Maske.

»Ich habe sie zurückgeholt«, sagte er einfach, da er nicht im einzelnen enthüllen wollte, wie er dieses altvertraute Objekt zurückerhalten hatte. Eigentlich hätte er erzählen müssen, daß er Mithril-Halle verlassen und Artemis Entreri gefunden hatte, wie er hilflos von einem vorstehenden Felsen über einem Abgrund hing. Regis hatte den Meuchelmörder ausgeplündert und dann den Saum von Entreris Umhang durchgeschnitten. Mit einer gewissen Genugtuung hatte der Halbling gehört, wie der Umhang, der letzte Halt für den zerschlagenen, beinahe bewußtlosen Mann, zu zerreißen begann.

Drizzt betrachtete die magische Maske lange Zeit. Er hatte sie vor über einem Jahr aus dem Lager einer Todesfee genommen. Mit ihr konnte ihr Besitzer seine Erscheinung verändern und seine Identität verbergen.

»Dies sollte dir helfen, hinein- und wieder herauszugelangen«, sagte Regis hoffnungsvoll. Noch immer stand Drizzt bewegungslos da.

»Ich möchte, daß du sie hast«, erklärte der Halbling mit Nachdruck, da er das Zögern des Dunkelelfen mißverstand, und hielt sie ihm hin. Regis wußte nicht, welche Bedeutung diese Maske für Drizzt Do’Urden hatte. Der Drow hatte sie einst getragen, um seine Identität zu verbergen, weil ein Dunkelelf in der Welt der Oberfläche große Schwierigkeiten zu befürchten hatte. Doch schließlich hatte Drizzt erkannt, daß die Maske eine Lüge war, und obwohl sie sehr nützlich sein mochte, konnte er sich einfach nicht entschließen, sie wieder zu tragen.

Oder konnte er es doch? Drizzt fragte sich, ob er das Geschenk zurückweisen durfte. Wenn die Maske seiner Sache dienlich sein konnte – einer Sache, die höchstwahrscheinlich auch all jene betraf, die er zurückließ –, durfte er sich dann guten Gewissens weigern, sie zu tragen?

Nein, sagte er sich schließlich, die Maske war nicht so wichtig für seine Sache. Die drei Jahrzehnte, die er aus der Stadt fort war, waren eine lange Zeit, und seine Erscheinung war nicht so auffallend und er sicher nicht so bekannt, daß man ihn erkennen würde. Er lehnte das Geschenk mit einer Geste seiner vorgestreckten Hände ab, und Regis zuckte nach einem weiteren vergeblichen Angebot mit seinen schmalen Schultern und steckte die Maske weg.

Drizzt ging ohne ein weiteres Wort. Es waren noch viele Stunden bis zur Morgendämmerung; die Fackeln in den oberen Bereichen von Mithril-Halle waren tief herabgebrannt, und nur wenige Zwerge waren noch wach. Es schien ruhig zu sein, völlig friedlich.

Die schlanken Finger des Dunkelelfen fuhren sanft und lautlos über die Maserung einer Holztür. Er hatte nicht den Wunsch, die Person in dem Raum dahinter zu stören, obgleich er bezweifelte, daß ihr Schlaf sehr friedlich war. Jede Nacht hatte Drizzt überlegt, zu ihr zu gehen und sie zu trösten, und doch hatte er es nie getan, denn er wußte, daß seine Worte Catti-bries Trauer nicht lindern konnten. Wie in so vielen anderen Nächten, in denen er als wachsamer, hilfloser Wächter vor ihrer Tür gestanden hatte, so wanderte der Waldläufer auch in dieser Nacht schließlich den steinernen Gang entlang, tauchte in die Schatten des tanzenden Fackellichts ein, und seine geschmeidigen Bewegungen verursachten nicht das kleinste Geräusch.

Nach einem kurzen Aufenthalt an einer weiteren Tür, der seines teuersten Zwergenfreundes, verließ Drizzt bald darauf die Wohngebiete. Er betrat die offiziellen Versammlungshallen, in denen der König von Mithril-Halle Botschafter und Gesandte empfing. Ein paar Zwerge hielten sich hier auf – wahrscheinlich Dagnas Soldaten –, aber sie hörten und sahen nichts von dem lautlosen Dunkelelfen.

Drizzt blieb erneut stehen, als er zum Eingang der Halle Dumathoin kam, in der die Zwerge der Heldenhammersippe ihre wertvollsten Schätze aufbewahrten. Er wußte, daß er weitergehen und diesen Ort verlassen sollte, bevor die Sippe erwachte, aber er konnte die Gefühle nicht ignorieren, die sein Herz erfüllten. Seit seine Drowsippe vor zwei Wochen vertrieben worden war, hatte er diese heilige Halle nicht mehr betreten, aber er wußte, daß er es sich selbst niemals vergeben würde, wenn er nicht zumindest einen Blick hineinwarf.

Der mächtige Kriegshammer Aegisfang ruhte auf einer Säule in der Mitte der Gedächtnishalle, auf dem Platz der höchsten Ehre. Das schien ihm gerechtfertigt, denn für Drizzts violette Augen überstrahlte Aegisfang all die anderen Gegenstände: die glänzenden Kettenrüstungen, die großen Äxte und Helme lange toter Helden, den Amboß eines legendären Schmiedes. Drizzt mußte bei dem Gedanken lächeln, daß es nicht einmal ein Zwerg gewesen war, der diesen Kriegshammer geschwungen hatte. Es war die Waffe Wulfgars gewesen, die Waffe seines Freundes, der bewußt sein Leben dafür gegeben hatte, daß andere aus ihrer verschworenen Gemeinschaft leben konnten.

Drizzt starrte die mächtige Waffe lange und intensiv an, betrachtete den glänzenden Kopf aus Mithril, der trotz der vielen heißen Kämpfe, in denen der Hammer geschwungen worden war, keinen Kratzer aufwies und noch immer die vollendet eingravierten Runen des Zwergengottes Dumathoin trug. Sein Blick schweifte über die Waffe und blieb an dem getrockneten Blut hängen, das den Griff aus dunklem Diamantspat bedeckte. Der eigensinnige Bruenor hatte nicht erlaubt, daß es entfernt wurde.

Drizzt wurde es schwer ums Herz, als ihn Erinnerungen an Wulfgar durchfluteten, an die Kämpfe, die er an der Seite des großen und starken Mannes mit den goldenen Haaren und der goldenen Haut ausgefochten hatte. In seinem Geiste blickte er erneut in Wulfgars klare Augen, in denen das eisige Blau des nordischen Himmels zu sehen war und die immer von einem erregten Glitzern erfüllt waren. Wulfgar war noch sehr jung gewesen, sein Geist noch unverdorben durch die harten Realitäten einer brutalen Welt.

Noch sehr jung war er gewesen, und doch hatte er für jene, die er seine Freunde nannte, mit einem Lied auf den Lippen alles geopfert.

»Leb wohl«, flüsterte Drizzt und verließ den Ort. Diesmal lief er, bewegte sich dabei aber ebenso unhörbar wie bei seinem langsameren Schreiten zuvor. In ein paar Sekunden hatte er einen Balkon überquert und war eine Treppenflucht hinuntergeeilt, die ihn in eine große, hohe Kammer führte. Er durchquerte sie unter den wachsamen Augen der acht Könige von Mithril-Halle, deren Abbilder in die Steinwand gemeißelt waren. Die letzte dieser Büsten, jene von König Bruenor Heldenhammer, war die eindrucksvollste. Bruenors Gesicht war darauf finster und zeigte einen grimmigen Ausdruck, der noch verstärkt wurde durch eine tiefe Narbe, die von der Stirn bis zum Kieferknochen reichte, und dadurch, daß seine rechtes Auge fehlte.

Es war mehr verwundet worden als nur Bruenors Auge, wie Drizzt wußte. Mehr als nur der felsenharte und widerstandsfähige Zwergenkörper hatte Narben erhalten. Bruenors Seele war es, die am meisten litt, die durch den Verlust eines Jungen zerrissen worden war, den er seinen Sohn genannt hatte. War der Geist des Zwerges ebenso widerstandsfähig wie sein Körper? Drizzt wußte darauf keine Antwort. In jenem Moment, wo er Bruenors vernarbtes Gesicht betrachtete, hatte Drizzt das Gefühl, daß er bleiben sollte, daß er seinem Freund beistehen und ihm helfen sollte, die Wunden zu heilen.

Es war jedoch nur ein flüchtiger Gedanke. Welche Wunden würden dem Zwerg wohl noch geschlagen werden, fragte er sich. Dem Zwerg und all seinen anderen Freunden?

Catti-brie warf sich herum und krümmte sich und durchlebte erneut jenen schicksalhaften Moment, wie sie es in jeder Nacht tat – zumindest in jeder Nacht, in der erst die Erschöpfung ihr überhaupt erlaubte, Schlaf zu finden. Sie hörte Wulfgars Lied an Tempus, seinen Kriegsgott, und sah den ernsten Blick im Auge des Barbaren, den Blick, der das nahende Ende verleugnete, den Blick, der ihm erlaubte, auf die brüchige Steindecke einzuschlagen, obwohl bereits schwere Granitblöcke auf ihn herabprasselten.

Catti-brie sah Wulfgars klaffende Wunden, das Weiß seiner Knochen, sah, daß seine Haut von seinen Rippen gerissen wurde, zerfetzt von den messerscharfen Zähnen der Yochlol, eines bösen Wesens aus einer anderen Dimension, dessen häßlicher Klumpen wächsernen Fleisches einer halbgeschmolzenen Kerze glich.

Das Krachen, als die Decke über ihrem Geliebten zusammenbrach, schreckte Catti-brie in ihrem Bett auf. Sie saß aufrecht in der Dunkelheit, und ihr dickes, kastanienbraunes Haar klebte ihr mit kaltem Schweiß im Gesicht. Sie brauchte einen langen Moment, bis sie ihren Atem unter Kontrolle bekam, und sagte sich wieder und wieder, daß es nur ein Traum gewesen war, eine schreckliche Erinnerung, aber trotzdem ein Ereignis, das hinter ihr lag. Das Fackellicht, das unter ihrer Tür hereinsickerte, tröstete und beruhigte sie.

Sie trug nur ein leichtes Nachthemd, und beim Herumwälzen hatte sie ihre Decken weggeschleudert. Gänsehaut überzog ihre Arme, und sie zitterte. Sie fühlte sich kalt, von kaltem Schweiß bedeckt und einfach kläglich. Sie griff sich schnell ihre wärmste Decke, wickelte sich bis zum Hals fest darin ein und legte sich dann flach auf den Rücken und blickte in die Dunkelheit hinauf.

Etwas war falsch. Sie spürte, daß etwas nicht in Ordnung war.

Ihre Vernunft sagte der jungen Frau, daß sie sich Dinge einbildete, daß ihre Träume sie nur nervös gemacht hatten. Die Welt war für sie nicht in Ordnung, wahrhaftig nicht, aber sie sagte sich selbst mit Bestimmtheit, daß sie sich in Mithril-Halle befand und von einer Armee von Freunden umgeben war.

Sie sagte sich, daß sie sich Dinge einbildete.

Drizzt hatte Mithril-Halle bereits weit hinter sich gelassen, als die Sonne aufging. An diesem Tag setzte er sich nicht hin und genoß den Sonnenaufgang, wie es sonst seine Gewohnheit war. Er blickte das aufsteigende Tagesgestirn kaum an, denn es erschien ihm jetzt wie eine falsche Hoffnung auf Dinge, die nicht sein konnten. Als der erste Lichtschein sich ausgebreitet hatte, blickte der Dunkelelf nach Süden und Osten, weit über die Berge hin, und erinnerte sich.

Seine Hand fuhr an seinen Hals, und er berührte den hypnotisierenden Rubinanhänger, den Regis ihm gegeben hatte. Er wußte, wie sehr sich Regis auf diesen Edelstein verließ, wie sehr er ihn liebte, und ermaß noch einmal den Wert dieses Opfers, des Opfers eines wahren Freundes. Drizzt hatte wahre Freundschaft erfahren; sein Leben war reich gewesen, seit er in jenes abgeschiedene Land Eiswindtal gekommen war und Bruenor Heldenhammer und seine Adoptivtochter Catti-brie getroffen hatte. Der Gedanke, daß er vielleicht keinen von ihnen jemals wiedersehen würde, schmerzte ihn.

Der Drow war jedoch froh darüber, den magischen Anhänger bei sich zu haben, denn er würde es ihm vielleicht erlauben, Antworten zu erhalten und zu seinen Freunden zurückzukehren. Gleichzeitig warf er sich aber vor, daß es falsch gewesen war, Regis von seiner Abreise zu unterrichten. Dieser Entschluß erschien Drizzt wie eine Schwäche, ein Bedürfnis, sich auf Freunde zu verlassen, obwohl diese ihm in so finsteren Zeiten wenig geben konnten. Er konnte es jedoch vor sich selbst als eine notwendige Schutzmaßnahme für die Freunde rechtfertigen, die er zurückließ. Er hatte Regis angewiesen, Bruenor die Wahrheit in fünf Wochen mitzuteilen, so daß sich die Sippe Heldenhammer zumindest auf die Finsternis vorbereiten konnte, die auf sie zukommen konnte, falls seine Reise erfolglos sein sollte.

Das alles war wohlüberlegt gewesen, aber Drizzt mußte sich eingestehen, daß er es Regis aus einem ganz anderen Bedürfnis heraus erzählt hatte: Weil er es jemandem hatte sagen müssen.

Und was war mit der magischen Maske? fragte er sich. War es ebenfalls Schwäche gewesen, sie zurückzuweisen? Das mächtige magische Objekt hätte Drizzt, und damit auch seine Freunde, schützen können, aber er hatte nicht die Stärke besessen, es zu tragen oder auch nur zu berühren.

Zweifel umgaben den Dunkelelfen, schwebten vor ihm in der Luft und verspotteten ihn. Drizzt seufzte und rieb den Rubin zwischen seinen schlanken, schwarzen Händen.Trotz all seiner Gewandheit mit der Klinge, trotz all seiner Prinzipientreue und seines Waldläufer-Gleichmuts, brauchte Drizzt Do’Urden doch seine Freunde. Er warf einen Blick zurück auf Mithril-Halle und fragte sich, ob er recht getan hatte, diese Unternehmung allein und im geheimen anzutreten.

Aber auch das war Schwäche, sagte sich der eigensinnige Dunkelelf. Er ließ den Rubin los, wischte die in seinem Geist herumspukenden Zweifel beiseite und fuhr mit der Hand in seinen waldgrünen Reiseumhang. Aus einer seiner Taschen zog er ein Pergament hervor, eine Karte der Lande zwischen den Bergen des Grates der Welt und der Großen Wüste von Anauroch. In der unteren rechten Ecke hatte Drizzt einen Ort markiert. Es war die Lage einer Höhle, aus der er einst gekommen war, eine Höhle, die ihn nach Hause bringen würde.

TEIL 1

Der Ruf der Pflicht

Keine Rasse in den Reichen versteht das Wort Rache besser als die Drow. Rache ist die Süße, die sie auf ihren schmunzelnden Lippen schmecken, als sei sie das allergrößte, köstlichste Vergnügen. Und aus Hunger danach kamen die Drow hinter mir her.

Ich kann dem Zorn und der Schuld nicht entkommen, die ich wegen des Verlusts von Wulfgar empfinde, auch nicht der Wut über die Schmerzen, welche die Feinde aus meiner dunklen Vergangenheit jenen Freunden zugefügt haben, die mir so teuer sind. Immer wenn ich in Catti-bries Augen blicke, sehe ich eine tiefe und anhaltende Traurigkeit, die dort nicht sein sollte, eine Bürde, die keinen Platz hat in den glänzenden Augen eines Kindes.

Ich, der ich gleichermaßen verwundet bin, kann ihr keinen Trost spenden und bezweif le, daß es Worte gibt, die ihr helfen können. So bleibt mir denn nur, fortzufahren, meine Freunde zu beschützen. Mir ist klargeworden, daß ich weiter blicken muß als nur bis zu meinem eigenen Gefühl des Verlustes, weiter als bis zu der momentanen Traurigkeit, die die Zwerge von Mithril-Halle und die Menschen von Siedelstein ergriffen hat.

Catti-bries Bericht über jenen schicksalhaften Kampf zufolge handelte es sich bei der Kreatur, gegen die Wulfgar focht, um eine Yochlol, eine Dienerin Lloths. Diese düstere Information ist es, die mich dazu gebracht hat, weiter zu blicken als bis zu der momentanen Trauer und jene Traurigkeit zu bedenken, von der ich fürchte, daß sie erst noch kommen wird.

Ich verstehe nicht all die chaotischen Spiele der Spinnenkönigin – ich sage mir, daß wohl nicht einmal die bösen Hohepriesterinnen die wahren Absichten der üblen Kreatur kennen –, aber in dem Auftauchen einer Yochlol liegt eine Bedeutsamkeit, die selbst ich, der ich nur wenig über die Religion der Drow weiß, nicht übersehen kann. Das Erscheinen der Dienerin verrät, daß die Jagd von der Spinnenkönigin gebilligt worden war. Und der Umstand, daß die Yochlol in den Kampf eingriff, verheißt nichts Gutes für die Zukunft von Mithril-Halle.

Das sind natürlich alles nur Vermutungen. Ich weiß nicht, ob meine Schwester Vierna in Absprache mit irgendeiner der anderen dunklen Mächte von Menzoberranzan gehandelt hat, oder ob durch Viernas Tod, den Tod meiner letzten Verwandten, meine Verbindung mit der Stadt der Drow endgültig abgeschnitten ist.

Wenn ich in Catti-bries Augen blicke, wenn ich Bruenors schreckliche Narben ansehe, so werde ich daran erinnert, daß hoffnungsvolle Vermutungen eine schwache und gefährliche Angelegenheit sind. Meine üble Sippe hat bereits einen meiner Freunde von mir genommen.

Mehr werden sie nicht bekommen!

In Mithril-Halle werde ich keine Antworten finden, werde ich niemals mit Gewißheit erfahren, ob die Dunkelelfen noch immer nach Rache dürsten, bis irgendwann eine weitere Streitmacht aus Menzoberranzan an die Oberfläche kommt, um sich mein Kopfgeld zu verdienen. Wie könnte ich jemals wieder nach Silbrigmond oder einer anderen Stadt in der Nähe reisen, wie könnte ich meine früheren Gewohnheiten wieder aufnehmen, solange diese Wahrheit mir die Schultern beugt? Wie könnte ich ruhig schlafen, während ich mir in meinem Herzen der Furcht nur allzu bewußt bin, daß die Dunkelelfen bald wiederkommen und meine Freunde erneut bedrohen werden?

Die scheinbare Ruhe in Mithril-Halle, die brütende Stille, wird mir nichts über die zukünftigen Pläne der Drow verraten. Und doch muß ich, um meiner Freunde willen, ihre finsteren Absichten kennen. Ich fürchte, es gibt nur einen Ort, wo ich dies in Erfahrung bringen kann.

Wulfgar gab sein Leben, damit seine Freunde überleben konnten. Wie könnte da mein eigenes Opfer geringer ausfallen?

Drizzt Do’Urden

Die Ehrgeizige

Der Söldner lehnte an der Säule, die die große Treppe von Tier Breche stützte, daß sich an der Nordseite der großen Höhle befand, die Menzoberranzan beherbergte, die Stadt der Drow. Jarlaxle nahm seinen breitkrempigen Hut ab und strich sich mit der Hand über die glatte Haut seines kahlen Kopfes, während er ein paar Flüche vor sich hin murmelte.

Viele Lichter brannten in der Stadt. Fackeln flackerten in den hohen Fenstern von Häusern, die aus den Stalagmiten herausgemeißelt worden waren. Lichter in der Stadt der Drow! Viele der reichgeschmückten Strukturen waren seit langem von dem sanften Leuchten des Feenfeuers umschmeichelt worden, meist in purpurnen und blauen Schattierungen, aber dies war etwas anderes.

Jarlaxle schob sich zur Seite und zuckte zusammen, als er sein Gewicht auf sein kürzlich verwundetes Bein verlagerte. Triel Baenre selbst, die Leitende Oberin von Arach-Tinilith, die zu den ranghöchsten Priesterinnen in der Stadt gehörte, hatte die Wunde behandelt, aber Jarlaxle vermutete, daß die heimtückische Priesterin ihre Arbeit absichtlich nicht zu Ende gebracht hatte, sondern ein wenig Schmerz übriggelassen hatte, um den Söldner daran zu erinnern, daß er bei der Ergreifung von Drizzt Do’Urden versagt hatte.

»Das Leuchten schmerzt meine Augen«, erklang hinter ihm eine sarkastische Bemerkung. Jarlaxle wandte sich um und erblickte die älteste Tochter von Oberin Baenre, eben jene Triel. Sie war kleiner als die meisten Drow, Jarlaxle war einen ganzen Fuß größer, aber ihre aufrechte Haltung strahlte unbestreitbar Würde aus. Der Söldner kannte ihre Kräfte (und ihr wankelmütiges Temperament) besser als die meisten, und er behandelte die zierliche Frau mit der größten Vorsicht.

Die Stadt mit düsterem Blick aus zusammengekniffenen Augen anstarrend, stellte sie sich neben ihn. »Verdammtes Leuchten«, murmelte sie.

»Es geschieht auf den Befehl Eurer Mutter«, erinnerte Jarlaxle sie. Sein gesundes Auge vermied ihren Blick; das andere lag unter einer Klappe aus schattenhaftem Stoff, der hinter seinem Kopf verknotet war. Er setzte seinen großen Hut wieder auf und zog ihn sich tief hinab, um das Grinsen zu verbergen, das angesichts der Grimasse, die sie jetzt zog, über sein Gesicht gehuscht war.

Triel verstand sich nicht mit ihrer Mutter. Das hatte Jarlaxle von dem Moment an gewußt, als Oberin Baenre Andeutungen über ihre Pläne machte. Triel war möglicherweise die fanatischste aller Priesterinnen der Spinnenkönigin und würde nicht gegen Oberin Baenre, die Erste Mutter Oberin der Stadt, vorgehen – nicht, solange Lloth es ihr nicht befahl.

»Kommt mit«, knurrte die Priesterin. Sie wandte sich um und schritt zu dem größten und prunkvollsten der drei Gebäude der Akademie der Drow, einem riesigen Komplex, dessen Form einer gigantischen Spinne ähnelte.

Jarlaxle stöhnte hörbar auf, während er sich humpelnd bewegte, und mit jedem Schritt vergrößerte sich der Abstand zu der Frau vor ihm. Sein Versuch, ein wenig mehr Heilmagie zu erlangen, hatte jedoch keinen Erfolg, denn Triel blieb einfach am Eingang zu dem großen Komplex stehen und wartete mit einer Geduld auf ihn, die sehr ungewöhnlich für sie war. Jarlaxle wußte, daß Triel niemals auf irgend etwas wartete.

Sobald er den Tempel betreten hatte, wurde der Söldner von einer Myriade vielfältiger Gerüche überwältigt, vom Weihrauch bis hin zum trocknenden Blut des letzten Opfers, und Gesängen, die aus jedem Seitenschiff zu ihm drangen. Triel achtete auf nichts davon; sie zuckte nur kurz mit den Achseln, als die wenigen Schüler, die sie auf ihrem Weg durch die Korridore sahen, sich vor ihr verbeugten.

Die zielbewußte Tochter von Baenre stieg in die höheren Stockwerke, zu den Privatgemächern der Lehrerinnen der Schule, und schritt einen kurzen Gang entlang, dessen Fußboden vor krabbelnden Spinnen wimmelte, von denen einige Jarlaxle bis zu den Knien reichten.

Triel blieb zwischen zwei Türen stehen, die beide mit dem gleichen Muster verziert waren, und bedeutete Jarlaxle mit einer Geste, durch die rechte zu schreiten. Der Söldner blieb stehen, und es gelang ihm auch, seine Verwirrung zu verbergen, doch Triel hatte sie erwartet.

Sie packte Jarlaxle an der Schulter und riß ihn grob herum. »Ihr wart schon einmal hier!« beschuldigte sie ihn.

»Nur während meiner Abschlußprüfung an der Schule der Kämpfer«, sagte Jarlaxle und wand sich aus dem Griff der Frau, »wie alle Absolventen von Melee-Magthere.«

»Ihr wart in den oberen Stockwerken«, knurrte Triel und blickte Jarlaxle fest an. Der Söldner lachte leise.

»Ihr habt gezögert, als ich Euch anwies, die Kammer zu betreten«, fuhr Triel fort, »weil Ihr wißt, daß der Raum auf der linken Seite mein Privatgemach ist. Ihr nahmt an, daß wir dorthin gehen würden.«

»Ich habe nicht erwartet, überhaupt hierhergeführt zu werden«, erwiderte Jarlaxle und versuchte, das Gesprächsthema zu wechseln. Er war tatsächlich ein wenig davon überrumpelt worden, daß ihn Triel so genau beobachtete. Hatte er ihre Besorgnis über die neuesten Pläne ihrer Mutter unterschätzt?

Triel starrte ihn lange mit verkniffenen Zügen an, ohne zu blinzeln.

»Ich habe meine Quellen«, gab Jarlaxle schließlich zu.

Es verging ein weiterer langer Augenblick, und noch immer blinzelte Triel nicht.

»Ihr habt mich gebeten zu kommen«, erinnerte Jarlaxle sie.

»Ich habe es befohlen«, korrigierte Triel ihn.

Jarlaxle machte eine tiefe, übertriebene Verbeugung, riß sich den Hut vom Kopf und streckte ihn weit von sich. Die Augen der Tochter von Oberin Baenre blitzten vor Ärger.

»Genug!« rief sie.

»Und genug von Euren Spielen!« schoß Jarlaxle zurück. »Ihr habt mich gebeten, zu der Akademie zu kommen, an einen Ort, der mir nicht besonders angenehm ist, und daher bin ich gekommen. Ihr habt Fragen, und ich habe, vielleicht, Antworten. «

Bei der Einschränkung, die er in seinem letzten Satz machte, verengten sich Triels Augen. Wie jeder andere in der Stadt der Drow wußte sie, daß Jarlaxle stets ein gerissener Gegner war. Sie hatte viele Geschäfte mit dem Söldner abgewickelt und war sich noch immer nicht sicher, ob sie dabei nicht zugesetzt hatte. Sie wandte sich um und bedeutete ihm, in das Zimmer zur Linken einzutreten. Er machte eine weitere elegante Verbeugung und trat in einen Raum, der üppig mit weichen Teppichen und vielerlei Zierat versehen war und von einem sanften, magischen Licht erleuchtet wurde.

»Zieht Eure Stiefel aus«, wies Triel ihn an und schlüpfte aus ihren eigenen Schuhen, bevor sie auf den plüschigen Teppich trat.

Jarlaxle stand vor der mit Wandteppichen behangenen Wand direkt neben der Tür und blickte unsicher auf seine Stiefel hinab. Jeder, der Jarlaxle kannte, wußte, daß ihnen magische Kräfte innewohnten.

»Na gut«, gab Triel nach, schloß die Tür und rauschte an ihm vorbei, um sich auf einen riesigen, gepolsterten Stuhl niederzulassen. Hinter ihr stand vor einem der vielen Wandbehänge ein Rollpult. Auf dem Teppich wurde die Opferung eines riesigen Oberflächenelfen durch eine Horde tanzender Drow dargestellt. Über dem Oberflächenelfen schwebte der fast durchscheinende Geist einer Kreatur, die halb Drow und halb Spinne war und deren wunderschönes Gesicht ernst herabblickte.

»Ihr mögt die Lichter Eurer Mutter nicht?« fragte Jarlaxle. »Aber Ihr beleuchtet Euren eigenen Raum.«

Triel biß sich auf die Unterlippe, und ihre Augen wurden noch schmaler. Die meisten Priesterinnen erleuchteten ihre Privatgemächer mit einem matten Schimmer, damit sie ihre Bücher lesen konnten. Wärmespürende Infravision war von geringem Nutzen, wenn man Runen in einem Folianten entziffern wollte. Es gab zwar Tinte, die über mehrere Jahre ein gewisses Maß an Wärme ausstrahlte, aber sie war teuer und selbst für die mächtige Triel nur schwer zu bekommen.

Jarlaxle musterte den grimmigen Ausdruck auf ihrem Gesicht. Triel war immer über irgend etwas verärgert, dachte der Söldner bei sich. »Die Lichter scheinen mir für das, was Eure Mutter plant, durchaus angebracht«, fuhr er fort.

»In der Tat«, erwiderte Triel mit beißendem Spott. »Und Ihr seid so arrogant zu behaupten, daß Ihr die Motive meiner Mutter verstehen könnt?«

»Es geht um Mithril-Halle, sie will dorthin zurückkehren«, sagte Jarlaxle offen, da er wußte, daß Triel längst zu der gleichen Schlußfolgerung gelangt war.

»Wird sie das?« fragte Triel lauernd.

Ihre rätselhafte Reaktion alarmierte den Söldner. Er machte einen Schritt auf einen zweiten, weniger stark gepolsterten Stuhl zu, und seine Absätze schlugen laut auf, obwohl er über einen unglaublich dicken und weichen Teppich ging.

Triel grinste; sie ließ sich von seinen magischen Stiefeln nicht beeindrucken. Jeder wußte, daß Jarlaxle auf jeder Oberfläche so laut oder leise gehen konnte, wie er wollte. Die Juwelen, Armreifen und Schmuckstücke, die er reichlich trug, schienen ebenfalls verzaubert zu sein, denn auch sie klimperten oder gaben keinen Laut von sich, wie der Söldner es gerade wollte.

»Wenn Ihr ein Loch in meinen Teppich gemacht habt, werde ich es mit Eurem Herzen stopfen«, versprach Triel, als Jarlaxle sich bequem in einem gepolsterten steinernen Stuhl zurücklehnte. Ungerührt glättete er eine Falte an der Armlehne, so daß der Stoff ein deutliches Abbild einer schwarz-gelben Gee’antu-Spinne zeigte, der Unterreichsversion einer Tarantel.

»Warum vermutet Ihr, daß Eure Mutter nicht dorthin gehen wird?« fragte Jarlaxle und überhörte angelegentlich ihre Drohung. Da er Triel Baenre kannte, fragte er sich jedoch insgeheim, wie viele andere Herzen mittlerweile in die Fasern des Teppichs eingewoben waren.

»Tue ich das?« fragte Triel.

Jarlaxle gab einen langen Seufzer von sich. Er hatte zwar vermutet, daß dies lediglich ein Sondierungstreffen werden würde, bei dem Triel versuchen würde, herauszufinden, wie viele Informationen der Söldner bereits besaß, während sie selbst im Gegenzug so wenig wie möglich preisgeben würde. Und doch hatte Jarlaxle insgeheim auf etwas Handfesteres gehofft, als Triel darauf bestanden hatte, daß der Söldner zu ihr kam, statt daß sie wie gewöhnlich Tier Breche verließ, um ihn zu treffen. Es wurde Jarlaxle plötzlich jedoch klar, daß der einzige Grund, warum Triel ihn in Arach-Tinilith hatte treffen wollen, der war, daß an diesem sicheren Ort nicht einmal die allgegenwärtigen Ohren ihrer Mutter zu lauschen vermochten.

Und nach all diesen bedeutungsschweren Vorbereitungen stellte sich das Treffen als ein nutzloses Geplänkel heraus.

Triel schien das jedoch gleichermaßen zu stören. Sie lehnte sich plötzlich in ihrem Stuhl nach vorn, und ihr Gesicht hatte einen wilden Ausdruck angenommen. »Sie will ein Vermächtnis hinterlassen!« erklärte die Dunkelelfin.

Jarlaxles Armreifen klapperten, als er die Finger gegeneinandertippte und dachte, daß sie nun endlich vorankamen.

»Die Herrschaft über Menzoberranzan ist der Oberin Baenre nicht mehr genug«, fuhr Triel etwas ruhiger fort und lehnte sich wieder zurück. »Sie will ihre Machtsphäre ausdehnen. «

»Ich hatte angenommen, daß die Vision Eurer Mutter von Lloth eingegeben wurde«, bemerkte Jarlaxle, und er war von der offenkundiger Verachtung auf Triels Gesicht ernsthaft verwirrt.

»Vielleicht«, gab Triel zu. »Der Spinnenkönigin wird die Eroberung von Mithril-Halle willkommen sein, insbesondere, wenn dies zur Wiederergreifung jenes abtrünnigen Do’Urden führt. Aber es gibt noch anderes zu bedenken.«

»Blingdenstone?« fragte Jarlaxle und meinte damit die Stadt der Svirfnebli, der Tiefengnome, die schon immer Feinde der Drow waren.

»Das ist ein Punkt«, erwiderte Triel. »Blingdenstone liegt nicht weit von den Tunneln entfernt, die zu Mithril-Halle führen.«

»Eure Mutter hat erwähnt, daß man sich mit den Svirfnebli auf dem Rückweg angemessen befassen werde«, erwähnte Jarlaxle, der sich sagte, daß er Triel einen kleinen Brocken hinwerfen müsse, wenn er wollte, daß sie weiterhin so offen mit ihm sprach. Der Söldner nahm an, daß Triel zutiefst aufgebracht war, weil sie ihn einen so ehrlichen Blick auf ihre privatesten Gefühle und Ängste werfen ließ.

Triel nickte und nahm die Neuigkeit gleichmäßig und ohne Überraschung zur Kenntnis. »Es sind noch andere Dinge zu bedenken«, wiederholte sie. »Das Unternehmen, das Oberin Baenre sich vorgenommen hat, ist gewaltig und erfordert viele Verbündete, möglicherweise sogar illithidische Verbündete.«

Diese Überlegung erschien Jarlaxle durchaus begründet. Oberin Baenre hatte seit langem einen illithidischen Vertrauten, eines der häßlichsten und gefährlichsten Biester, die Jarlaxle jemals gesehen hatte. Er fühlte sich in der Umgebung dieser Humanoiden mit den Oktopus-Köpfen niemals wohl. Jarlaxles Stärke bestand darin, daß er seine Feinde verstehen und ihre Absichten erraten konnte, aber seine Fähigkeiten waren bei Illithiden absolut unzulänglich. Die Gedankenschilder, wie die Mitglieder dieser üblen Rasse genannt wurden, dachten einfach nicht auf die gleiche Art wie andere Rassen und handelten nach Prinzipien und Regeln, die niemand außer den Illithiden selbst zu verstehen schien.

Trotzdem waren die Dunkelelfen schon öfter recht gut mit der Illithidengemeinschaft zurechtgekommen. Menzoberranzan beherbergte zwanzigtausend ausgebildete Kämpfer, während es kaum hundert Illithiden in der näheren Umgebung gab. Triels Ängste schienen ein wenig übertrieben zu sein.

Das sagte ihr Jarlaxle jedoch nicht. Angesichts ihrer düsteren und sprunghaften Stimmung zog der Söldner es vor, zuzuhören, anstatt selbst zu sprechen.

Triel schüttelte mit ihrer typischen verärgerten Miene den Kopf. Sie sprang von ihrem Stuhl auf, und ihre schwarzpurpurne Robe, die mit Spinnen verziert war, raschelte, als sie in einem engen Kreis auf und ab schritt.

»Es wird nicht nur das Haus Baenre sein«, erinnerte Jarlaxle sie und hoffte sie damit zu beruhigen. »In vielen Häusern sieht man Licht in den Fenstern.«

»Mutter hat es hervorragend verstanden, die Stadt zu einen«, gab Triel zu, und das Tempo ihres nervösen Hin-und-Her-Laufens verlangsamte sich.

»Aber Ihr habt noch immer Befürchtungen«, meinte der Söldner. »Und Ihr benötigt Informationen, damit Ihr auf jede nur denkbare Konsequenz vorbereitet sein könnt.« Jarlaxle konnte sich ein leises, ironisches Lachen nicht verkneifen. Er und Triel waren so lange Feinde gewesen, keiner hatte dem anderen getraut – und das aus gutem Grund! Jetzt brauchte sie ihn. Sie war eine Priesterin in einer Schule, die abgeschirmt und abgeschnitten war von den geflüsterten Gerüchten der Stadt. Normalerweise hätten ihre Gebete zu der Spinnenkönigin sie sicherlich mit allen Informationen versorgt, die sie benötigte, aber jetzt, falls Lloth die Pläne ihrer Mutter guthieß (und dies schien offensichtlich der Fall zu sein), tappte Triel wahrhaftig im dunkeln. Sie brauchte einen Spion, und in Menzoberranzan gab es nichts, was sich mit Jarlaxle und seinem spionierenden Netzwerk Bregan D’aerthe hätte vergleichen lassen.

»Wir brauchen einander«, erwiderte Triel betont und blickte dem Söldner fest in die Augen. »Mutter hat sich auf gefährliches Gebiet begeben, so viel ist gewiß. Bedenkt, wer die Führung des Herrschenden Hauses übernehmen wird, falls sie stürzt.«

Nur zu wahr, gab ihr Jarlaxle im stillen recht. Triel war als älteste Tochter des Hauses unstrittig die nächste hinter Oberin Baenre, und als Leitende Oberin von Arach-Tinilith besetzte sie in der Stadt die mächtigste Position nach den Mutter Oberinnen der acht Herrschenden Häuser. Triel hatte sich bereits ein beeindruckendes Machtgefüge geschaffen. Aber in Menzoberranzan, wo der Anschein von Gesetz nur eine Fassade war, hinter der sich das Chaos verbarg, was allem zugrunde lag, neigten Machgefüge dazu, sich ebenso schnell zu verlagern wie Lavateiche.

»Ich werde erfahren, was ich kann«, antwortete Jarlaxle und erhob sich, um zu gehen. »Und ich werde Euch mitteilen, was ich erfahre.«

Triel erkannte die List in den Worten des gerissenen Söldners, aber sie mußte sein Angebot annehmen.

Kurze Zeit später wanderte Jarlaxle offen die breiten, gewundenen Straßen Menzoberranzans entlang und passierte dabei die wachsamen Augen und gezückten Waffen der Hauswachen, die auf fast jedem Stalagmitenhügel postiert waren – und auf den Balkonen vieler tiefhängender Stalaktiten ebenso. Der Söldner hatte keine Angst, denn seinen breitkrempigen Hut kannte jeder in der Stadt, und keines der Häuser wünschte sich einen Konflikt mit Bregan D’aerthe. Sie war von allen Banden am meisten von Geheimnissen umwittert, nur wenige konnten die Zahl ihrer Mitglieder auch nur abschätzen, und ihre Schlupfwinkel verbargen sich in den vielen Winkeln und Rissen der großen Höhle. Die Gemeinschaft galt jedoch etwas in der Stadt und wurde von den Herrschenden Häusern toleriert. Die meisten Bewohner der Stadt zählten Jarlaxle zu den mächtigsten männlichen Dunkelelfen von Menzoberranzan.

Daher war er so unbekümmert, daß er die verstohlenen Blicke der gefährlichen Wachen kaum wahrnahm. Er war in Gedanken versunken und versuchte, die unterschwelligen Botschaften zu entschlüsseln, die bei dem Treffen mit Triel übermittelt worden waren. Der Plan, Mithril-Halle zu erobern, erschien sehr vielversprechend. Jarlaxle war bis zu der Zwergenfeste vorgedrungen und hatte ihre Verteidigungsmaßnahmen begutachtet. Obwohl sie beeindruckend waren, schienen sie gegen die Stärke einer Drowarmee doch dürftig zu sein. Wenn Menzoberranzan mit Oberin Baenre an der Spitze Mithril-Halle eroberte, würde Lloth ungemein erfreut sein, und das Haus Baenre würde den Gipfel seines Ruhmes erreichen.

Wie Triel es ausgedrückt hatte, strebte Oberin Baenre damit die Über-Macht an.

Den Gipfel der Macht? Der Gedanke setzte sich in Jarlaxles Geist fest. Er blieb neben Narbondel stehen, der großen Säulenuhr Menzoberranzans, und ein Lächeln breitete sich auf seinem ebenholzfarbenen Gesicht aus.

»Der Gipfel, die Über-Macht?« flüsterte er laut.

Plötzlich verstand Jarlaxle Triels Besorgnis. Sie befürchtete, daß ihre Mutter ihre Grenzen überschreiten und für eine Neuerwerbung ein breites, beeindruckendes Reich aufs Spiel setzen könnte. Noch während er über diesen Gedanken nachdachte, verstand Jarlaxle die tiefere Bedeutung des Ganzen. Angenommen, Oberin Baenre war erfolgreich und eroberte Mithril-Halle und anschließend Blingdenstone, grübelte er. Welche Feinde wären dann noch übrig, die die Stadt der Drow bedrohen und damit das empfindliche Machtgefüge in Menzoberranzan zusammenhalten konnten?

Was das anbetraf, warum war es denn Blingdenstone, einem feindlichen Ort, all die Jahrhunderte erlaubt worden, so nahe bei Menzoberranzan zu überleben? Jarlaxle kannte die Antwort. Er wußte, daß die Gnome, ohne es zu wollen, der Leim waren, der Menzoberranzans Häuser zusammenhielt. Wenn ein gemeinsamer Feind so nahe war, mußte die ständigen Kämpfe der Drow untereinander unter Kontrolle bleiben.

Aber jetzt hatte Oberin Baenre möglicherweise vor, diesen Leim zu entfernen, indem sie ihr Reich so weit ausdehnte, daß es nicht nur Mithril-Halle, sondern auch die unruhestiftenden Gnome mit einschloß. Triel fürchtete nicht, daß die Drow besiegt werden könnten; ebensowenig hatte sie Angst vor einer Allianz mit der kleinen Illithiden-Kolonie. Sie befürchtete, daß ihre Mutter Erfolg haben und eine derartige Über-Macht hinterlassen könnte. Die Oberin Baenre war alt, uralt selbst nach den Maßstäben der Drow, und Triel war die nächste Anwärterin auf ihren Sitz. Gegenwärtig war dies sicherlich ein angenehmer Sitz, aber er würde viel wackliger werden, wenn Mithril-Halle und Blingdenstone eingenommen sein würden. Den gemeinsamen Feind, der die Häuser verband und bei der Stange hielt, gäbe es dann nicht mehr, und Triel müßte sich über einen Zusammenschluß mit der Oberflächenwelt Sorgen machen, die so weit von Menzoberranzan entfernt war, denn Gegenmaßnahmen durch die Verbündeten von Mithril-Halle wären unvermeidbar.

Jarlaxle verstand jetzt, was Oberin Baenre vorhatte, aber gleichzeitig fragte er sich, was Lloth, die die Pläne der verwelkten alten Frau unterstützte, im Sinn hatte.

»Chaos«, sagte er sich. In Menzoberranzan war es eine sehr lange Zeit verhältnismäßig ruhig gewesen. Einige Häuser hatten miteinander gekämpft – das war unvermeidlich. Die Häuser Do’Urden und DeVir, die beide zu den Herrschenden Häuser gezählt hatten, waren ausgelöscht worden, aber die grundlegende Struktur der Stadt war nicht erschüttert worden.

»Ah, aber Ihr seid entzückend«, sagte Jarlaxle und sprach damit seine Gedanken über Lloth laut aus. Er hatte plötzlich den Verdacht, daß es Lloth nach einer neuen Ordnung verlangte, nach einem erfrischenden Hausputz in einer Stadt, die langweilig geworden war. Kein Wunder, daß Triel, die sich anschickte, das Erbe ihrer Mutter anzutreten, nicht besonders fröhlich war.

Der kahlköpfige Söldner, der selbst ein Freund von Intrigen und Chaos war, lachte herzhaft auf und blickte zu Narbondel hinüber. Die Hitze der Uhr war bereits stark zurückgegangen und zeigte damit an, daß die Nacht im Unterreich bereits weit fortgeschritten war. Jarlaxles Absätze klapperten auf dem Pflaster, und er machte sich auf den Weg zum Qu’ellarz’orl, dem Hochplateau an der Ostwand von Menzoberranzan, einer Region, die das mächtigste Haus der Stadt beherbergte. Er wollte nicht zu spät zu seinem Treffen mit Oberin Baenre kommen, der er über sein »geheimes« Treffen mit ihrer ältesten Tochter berichten sollte.

Jarlaxle grübelte darüber nach, wieviel er der verhutzelten Oberin Mutter erzählen konnte und wie er seine Worte verdrehen mußte, damit sie ihm den größten Nutzen brachten.

Wie er die Intrige liebte!

Rätselhafte Abreise

Catti-brie, deren Augen nach einer weiteren schlaflosen Nacht entzündet und verquollen waren, zog eine Robe über, durchquerte ihre kleine Kammer und hoffte, im Tageslicht Trost zu finden. Ihr volles, kastanienbraunes Haar war auf der einen Seite ihres Kopfes flachgedrückt worden, während es auf der anderen wild abstand, aber das kümmerte sie nicht. Damit beschäftigt, sich den Schlaf aus den Augen zu reiben, wäre sie beinahe über die Türschwelle gestolpert und blieb plötzlich stehen, da sie etwas spürte, was sie nicht verstand.

Sie fuhr mit den Fingern über das Holz der Tür und war verwirrt und wurde fast überwältigt von demselben Gefühl, das sie schon in der vergangenen Nacht erschreckt hatte. Es war das Gefühl, daß etwas nicht in Ordnung war, daß etwas nicht stimmte. Sie hatte vorgehabt, direkt zum Frühstück zu gehen, hielt es jetzt aber für wichtiger, Drizzt aufzusuchen.

Die junge Frau hastete den Korridor zu Drizzts Kammer entlang und klopfte an. Nach ein paar Augenblicken rief sie »Drizzt?«, und als der Dunkelelf immer noch nicht antwortete, drückte sie zaghaft den Griff hinunter und schob die Tür auf. Catti-brie sah sofort, daß Drizzts Krummsäbel und sein Reiseumhang verschwunden waren, aber noch bevor sie darüber nachdenken konnte, richtete sie ihre Augen auf das Bett. Die Lagerstatt war gemacht und die Überdecken sorgfältig festgesteckt, aber das war für den Drow nicht ungewöhnlich.

Catti-brie ging zum Bett hinüber und überprüfte die Falten. Sie waren ordentlich, aber nicht sehr fest, und ihr wurde klar, daß dieses Bett bereits vor längerer Zeit gemacht worden war und in der letzten Nacht niemand darin geschlafen hatte.

»Was hat das alles zu bedeuten?« fragte die junge Frau. Schnell ließ sie ihren Blick noch einmal durch den ganzen Raum schweifen und ging dann wieder in den Gang hinaus. Drizzt hatte bereits früher Mithril-Halle ohne Ankündigung verlassen, und er war auch oft nachts weggegangen. Er reiste gewöhnlich nach Silbrigmond, jener glanzvollen Stadt, die einen Wochenmarsch weit im Osten lag.

Warum hatte sie dann diesmal das Gefühl, daß etwas nicht stimmte? Warum kam ihr diese gar nicht so ungewöhnliche Situation diesmal so falsch vor? Die junge Frau versuchte es abzuschütteln, versuchte, die Befürchtungen, die sie tief in ihrem Herzen quälten, zu ignorieren. Sie war einfach nur ängstlich, sagte sie sich selbst. Sie hatte Wulfgar verloren und war jetzt übermäßig besorgt wegen ihrer anderen Freunde.

Catti-brie ging weiter, während sie über eine Erklärung nachsann, und blieb schließlich vor einer anderen Tür stehen. Sie klopfte leise, und als keine Antwort kam (obwohl sie sich sicher war, daß der Bewohner dieses Zimmers noch nicht aufgestanden sein würde), pochte sie härter. Ein Stöhnen drang aus dem Raum.

Catti-brie schob die Tür auf, durchquerte den Raum, kniete sich neben das winzige Bett und riß grob die Bettdecken von Regis, während sie ihn gleichzeitig unter den Achseln kitzelte, als er aufwachte und sich zu winden begann.

»He!« rief der Halbling, der sich von den Qualen, die ihm Artemis Entreri bereitet hatte, bereits erholt hatte. Er wurde vollständig wach und griff verzweifelt nach den Decken.

»Wo ist Drizzt?« fragte Catti-brie und riß ihm mit etwas mehr Gewalt die Decken weg.

»Woher soll ich das wissen?« protestierte Regis. »Ich habe mein Zimmer heute noch nicht verlassen!«

»Steh auf!« Catti-brie war selbst überrascht von der Schärfe ihrer Stimme und der Dringlichkeit ihres Befehls. Die unangenehmen Gefühle zerrten erneut an ihr, und diesmal waren sie noch stärker geworden. Sie sah sich in dem Raum um und versuchte zu ergründen, was ihre plötzliche Unruhe ausgelöst hatte.

Und dann sah sie die Pantherstatuette.

Catti-brie starrte das Objekt, Drizzts teuersten Besitz, unbewegt an. Was tat es im Zimmer von Regis? fragte sie sich. Warum war Drizzt ohne die Figur gegangen? Allmählich begann sich der Verstand der jungen Frau im Einklang mit ihren Gefühlen zu bewegen. Sie sprang über das Bett, begrub Regis in einem Haufen von Decken (die er sofort fest um seine Schultern wickelte) und packte den Panther. Dann sprang sie wieder zurück und zerrte erneut an dem Decken-Kokon des sturen Halblings.

»Nein!« widersetzte sich Regis und entzog sich ihr. Er warf sich mit dem Gesicht nach unten auf die Matratze und zog die Ecken des Kissens über sein sommersprossiges Gesicht.

Catti-brie packte ihn im Genick, zerrte ihn vom Bett, schleifte ihn durch den Raum und setzte ihn dann auf einen Holzstuhl an einem kleinen Tisch. Regis hielt das Kissen immer noch in den Händen, preßte es fest gegen sein Gesicht und ließ schließlich seinen Kopf einfach auf den Tisch fallen.

Catti-brie nahm das Ende des Kissens fest in die Hand, stand leise auf und riß dann plötzlich daran. Es entglitt dem Griff des überraschten Halblings, so daß seine Stirn hart auf dem nackten Holz aufschlug.

Stöhnend und vor sich hinmurmelnd, richtete sich Regis auf seinem Stuhl auf und fuhr sich mit seinen Stummelfingern durch seine krausen braunen Locken, die durch die lange Nachtruhe nicht gelitten hatten.

»Was ist?« wollte er wissen.

Catti-brie knallte die Pantherfigur vor dem Halbling auf den Tisch. »Wo ist Drizzt?« fragte sie noch einmal mit ruhiger Stimme.

»Wahrscheinlich in der Unterstadt«, grummelte Regis und fuhr mit der Zunge über seine Zähne, die sich dumpf-wollig anfühlen. »Warum fragst du nicht Bruenor?«

Die Erwähnung des Zwergenkönigs nahm Catti-brie erst einmal den Wind aus den Segeln. Ich soll Bruenor fragen? spottete sie im stillen. Bruenor wollte überhaupt mit kaum jemandem sprechen, und er war so in Verzweiflung versunken, daß er es wahrscheinlich nicht mal bemerkt hätte, wenn seine gesamte Sippe über Nacht mit Sack und Pack verschwunden wäre!

»Also hat Drizzt Guenhwyvar zurückgelassen«, meinte Regis und versuchte die ganze Sache herunterzuspielen. Seine Worte klangen für die Ohren der aufmerksamen jungen Frau jedoch ein wenig zu linkisch, und Catti-bries Augen wurden schmal, als sie den Halbling scharf beobachtete.

»Was ist?« fragte Regis erneut in unschuldigem Ton, während er die flammenden Blicke dieser unnachgiebigen Musterung auf sich spürte.

»Wo ist Drizzt?« fragte Catti-brie, und ihre Stimme klang dabei gefährlich ruhig. »Und warum hast du die Katze?«

Regis schüttelte den Kopf, wimmerte hilflos und ließ seine Stirn dramatisch wieder auf den Tisch fallen.

Catti-brie durchschaute die Manöver jedoch. Sie kannte Regis zu gut, um noch von seinem schlauen Charme eingewickelt zu werden. Sie griff sich eine Handvoll krauser Haare und zog seinen Kopf hoch, dann packte sie ihn mit der anderen Hand vorn an seinem Nachthemd. Ihre Grobheit erschreckte den Halbling, wie sie deutlich an seinem Gesichtsausdruck erkennen konnte, aber sie gab nicht nach. Regis flog von seinem Stuhl. Catti-brie trug ihn drei schnelle Schritte weit und schmetterte ihn dann gegen die Wand.

Catti-bries finsteres Gesicht wurde für einen kurzen Augenblick weicher, und ihre freie Hand fummelte lange genug an dem Nachtgewand des Halblings herum, daß sie feststellen konnte, daß Regis seinen magischen Rubinanhänger nicht trug, ein Schmuckstück, das er nie ablegte, wie sie wußte. Das war ein weiterer seltsamer und eindeutig ungewöhnlicher Umstand, der ihren wachen Verstand verwirrte und sie noch stärker vermuten ließ, daß irgend etwas ganz schrecklich verkehrt war.

»Hier geht eindeutig etwas vor, das nicht so ist, wie es sein sollte«, sagte Catti-brie, und ihr Gesicht verfinsterte sich erneut. Diesmal wurde es noch zehnmal düsterer als zuvor.

»Catti-brie!« erwiderte Regis und sah auf seine pelzbedeckten Füße hinab, die zwanzig Zoll über dem Boden baumelten.

»Und du weißt etwas darüber«, fuhr Catti-brie fort.

»Catti-brie!« wimmerte Regis erneut und versuchte die feurige junge Frau wieder zur Besinnung zu bringen.

Catti-brie ergriff jetzt das Nachtgewand des Halblings mit beiden Händen, zog ihn von der Wand weg und rammte ihn dann wieder hart dagegen. »Ich habe Wulfgar verloren«, sagte sie grimmig und erinnerte Regis damit deutlich daran, daß er es mit jemandem zu tun hatte, der vielleicht nicht vernünftig denken konnte.

Regis wußte nicht, wie ihm geschah. Bruenor Heldenhammers Tochter war immer die Vernünftigste der Truppe gewesen, es war ihr beruhigender Einfluß gewesen, der die anderen zur Besinnung gebracht hatte. Selbst für den kühlen Drizzt war Catti-brie häufig der ruhende Pol gewesen. Aber jetzt …

Regis erkannte jetzt auch den Schmerz in den Tiefen von Catti-bries tiefblauen, zornigen Augen.

Sie zog ihn erneut von der Wand weg und schmetterte ihn wieder dagegen. »Du wirst mir sagen, was du weißt«, sagte sie in ruhigem Ton.

Regis’ Hinterkopf pochte von den vielen Schlägen. Er fürchtete sich, er fürchtete sich und sorgte sich sehr. Und zwar ebensosehr um Catti-brie wie um sich selbst. Hatte ihre Trauer sie zu diesem Punkt der Verzweiflung getrieben? Und warum steckte er plötzlich mitten dazwischen? Alles, was Regis vom Leben verlangte, waren ein warmes Bett und eine noch wärmere Mahlzeit.

»Wir sollten zu Bruenor gehen und …«, begann er, wurde aber abrupt unterbrochen, als ihn Catti-brie ins Gesicht schlug.

Er hob eine Hand zu der schmerzenden Wange und spürte dort einen Striemen. Er blinzelte nicht einmal, sondern starrte die junge Frau nur ungläubig an.

Catti-bries gewalttätige Reaktion hatte sie anscheinend ebensosehr überrascht wie Regis. Der Halbling sah, wie sich Tränen in ihren sanften Augen sammelten. Sie zitterte, und Regis wußte wirklich nicht, was sie als nächstes tun würde.

Der Halbling überdachte seine Situation eine Weile und fragte sich schließlich, was ein paar Tage oder Wochen schon ausmachen konnten. »Drizzt ist auf dem Weg nach Hause«, sagte der Halbling sanft, immer bereit, das zu tun, was die Situation von ihm verlangte. Über die Konsequenzen würde er sich später Gedanken machen.

Catti-brie entspannte sich etwas. »Hier ist doch sein Zuhause«, meinte sie. »Du meinst doch nicht etwa Eiswindtal?«

»Menzoberranzan«, berichtigte Regis sie.

Hätte Catti-brie einen Armbrustbolzen in den Rücken bekommen, so hätte dieser sie nicht härter treffen können als dieses eine Wort. Sie ließ Regis auf den Fußboden gleiten, stolperte rückwärts und ließ sich auf die Kante seines Bettes fallen.

»Er hat Guenhwyvar eigentlich für dich zurückgelassen«, erklärte Regis. »Du und die Katze, ihr seid ihm so unendlich teuer.«

Seine besänftigenden Worte vermochten es nicht, den Ausdruck des Grauens von Catti-bries Gesicht zu vertreiben. Regis bedauerte, daß er nicht den unfehlbaren Zauber seines Rubinanhängers dazu verwenden konnte, die junge Frau zu beruhigen.

»Du darfst es Bruenor nicht sagen«, fügte Regis hinzu. »Außerdem kommt Drizzt vielleicht gar nicht erst so weit.« Der Halbling dachte sich, daß eine Ausschmückung der Wahrheit nicht verkehrt sein konnte. »Er sagte, er wolle erst Alustriel besuchen, um dann zu entscheiden, wie er weiter vorgehen wird.« Das war nicht so ganz die Wahrheit – Drizzt hatte nur erwähnt, daß er vielleicht in Silbrigmond haltmachen würde, um zu sehen, ob seine Befürchtungen bestätigen würden –, aber Regis war der Meinung, daß er Catti-brie ein wenig Hoffnung machen mußte.

»Du darfst es Bruenor nicht sagen«, sagte der Halbling erneut und mit mehr Nachdruck. Catti-brie sah zu ihm hoch; ihr Gesichtsausdruck war wahrhaftig einer der jammervollsten, die Regis jemals gesehen hatte.

»Er wird zurückkommen«, versuchte er sie zu beruhigen und eilte schnell an ihre Seite. »Du kennst doch Drizzt. Er wird zurückkommen!«

Es war mehr, als Catti-brie verkraften konnte. Sanft nahm sie Regis’ Hand von ihrem Arm und stand auf. Sie blickte noch einmal zu der Pantherfigur, die auf dem kleinen Tisch stand, aber sie hatte nicht die Kraft, sie mitzunehmen.

Lautlos wankte Catti-brie aus dem Zimmer und zurück in ihre eigene Kammer, wo sie sich kraftlos auf ihr Bett fallen ließ.

Drizzt verbrachte den Mittag damit, in den kühlen Schatten einer Höhle viele Meilen von dem östlichen Tor von Mithril-Halle entfernt zu schlafen. Die Luft des Frühsommers war warm, und die Brise, die von den kalten Gletschern der Berge herübertrieb, hatte nur wenig Kraft gegen die machtvollen Strahlen der Sonne, die von einem wolkenlosen Sommerhimmel herabschien.

Der Dunkelelf schlief weder lange noch besonders gut. Seine Rast war erfüllt von Gedanken an Wulfgar, an all seine Freunde, und sie war erfüllt von sehr alten Bildern, Erinnerungen an jenen schrecklichen Ort, der Menzoberranzan hieß.

Schrecklich und wunderschön. Wie die Dunkelelfen, die ihn erschaffen hatten.

Drizzt glitt zum Eingang der kleinen Höhle, um seine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Er sonnte sich in der Wärme des strahlenden Nachmittags und lauschte auf die Geräusche der vielen Tiere. Wie sehr unterschied sich dies doch von seiner Heimat im Unterreich! Wie wunderbar war es doch!

Drizzt ließ seinen Zwieback zu Boden fallen und schlug mit der Faust neben sich auf den Fels.

Wahrhaftig: Wie wunderbar war diese Hoffnung, die vor seinen verzweifelten Augen aufgetaucht war. Alles, was er in seinem Leben gewollt hatte, war, nichts mehr mit den Machenschaften seines Volkes zu tun zu haben, sondern in Frieden leben zu können. Dann war er an die Oberfläche gekommen, und schon bald hatte er entschieden, daß dieser Ort – dieser Ort mit seinen summenden Bienen, zwitschernden Vögeln, mit seinem warmen Sonnenlicht und dem verlockenden Schein des Mondes – seine Heimat sein sollte und nicht die ewige Finsternis jener Tunnel weit unter ihr.

Drizzt Do’Urden hatte die Oberfläche gewählt, aber was bedeutete das? Sie bedeutete, daß er neue, teure Freunde gefunden hatte, die er durch seine bloße Gegenwart mit seinem finsteren Erbe belasten würde. Es bedeutete, daß Wulfgar durch die Beschwörungen von Drizzts eigener Schwester gestorben war und daß sich schon bald alle, die in Mithril-Halle lebten, in Gefahr befinden würden.

Es bedeutete, daß seine Wahl ein Fehler gewesen war und daß er nicht bleiben durfte.

Der disziplinierte Dunkelelf beruhigte sich schnell und nahm noch etwas Nahrung zu sich, zwang sie an dem zornigen Kloß vorbei, der sich in seiner Kehle gebildet hatte. Während er aß, überlegte er, welchen Weg er einschlagen wollte. Die Straße vor ihm führte aus dem Gebirge hinaus und an einem Dorf namens Pengallen vorbei. Drizzt war erst kürzlich dort gewesen und verspürte kein Verlangen, dorthin zurückzukehren.

Er würde der Straße überhaupt nicht folgen, beschloß er schließlich. Welchen Sinn hatte es schon, nach Silbrigmond zu gehen? Drizzt hatte Zweifel, daß sich die Herrin Alustriel jetzt, wo die Handelssaison richtig begonnen hatte, dort aufhielt. Selbst wenn sie da war, was konnte sie ihm schon sagen, was er nicht bereits selber wußte?

Nein, Drizzt hatte bereits entschieden, wie er vorgehen wollte, und er brauchte Alustriel nicht, damit sie ihn darin bestärkte. Er sammelte seine Habseligkeiten ein und seufzte, als er erneut darüber nachsann, wie leer die Straße ohne seinen lieben Panther als Begleiter war. Er ging in den hellen Tag hinaus, verließ die Straße, die nach Südosten verlief, und wandte sich direkt gen Osten.

Ihr Magen beschwerte sich nicht darüber, daß sie das Frühstück – und das Mittagsmahl – versäumt hatte, und sie lag noch immer bewegungslos auf ihrem Bett und war gefangen in einem Netz aus Verzweiflung. Nur wenige Tage vor der geplanten Hochzeit hatte sie Wulfgar verloren, und nun war auch Drizzt, den sie genauso liebte, wie sie den Barbaren geliebt hatte, von ihr gegangen. Es erschien ihr, als fiele ihre ganze Welt auseinander. Ein Fundament, das wie aus Stein errichtet war, verwehte auf einmal wie Sand im Wind.

Catti-brie war ihr ganzes junges Leben lang eine Kämpferin gewesen. Sie erinnerte sich nicht an ihre Mutter und hatte kaum noch Erinnerungen an ihren Vater, der bei einem Goblinüberfall in Zehnstädte getötet wurde, als sie noch sehr jung gewesen war. Bruenor Heldenhammer hatte sie aufgenommen und als seine eigene Tochter aufgezogen, und Catti-brie hatte ein gutes Leben unter den Zwergen von Bruenors Sippe geführt. Doch abgesehen von Bruenor waren die Zwerge nur Freunde, aber nicht ihre Familie gewesen. Catti-brie hatte eine neue Familie um sich gesammelt, die immer mehr gewachsen war – zuerst Bruenor, dann Drizzt, dann Regis und schließlich Wulfgar.

Jetzt war Wulfgar tot, und Drizzt hatte sie verlassen und war in sein bösartiges Heimatland zurückgekehrt, woraus es für ihn, nach Catti-bries Ermessen, kaum eine Chance auf erneutes Entkommen gab.

Catti-brie fühlte sich so fürchterlich hilflos bei all diesen Geschehnissen! Sie hatte mitansehen müssen, wie Wulfgar gestorben war, hatte gesehen, wie er auf sich eine Felsendecke hatte herabstürzen lassen, damit sie nicht einer monströsen Yochlol in die Klauen fiel. Sie hatte versucht, ihm zu helfen, aber dabei versagt, und am Ende waren nur noch ein Steinhaufen und Aegisfang übriggeblieben.

In den Wochen danach hatte sie ständig kämpfen müssen, die Kontrolle über sich selbst zu bewahren, und vergeblich versucht, die betäubende Trauer zu verleugnen. Sie hatte häufig geweint, aber es war ihr immer gelungen, einen Tränenausbruch nach ein paar Schluchzern mit einem tiefen Atemholen und gewaltiger Willenskraft zu unterdrücken. Der einzige, mit dem sie hatte sprechen können, war Drizzt gewesen.

Jetzt war Drizzt weg, und jetzt weinte Catti-brie auch. Eine Flut von Tränen lief ihr über das Gesicht, und Schluchzer erschütterten ihren so zerbrechlich wirkenden Körper. Sie wollte Wulfgar zurückhaben! Sie klagte bei allen Göttern, die ihr zuhören mochten, daß er zu jung gewesen war, um ihr genommen zu werden, und daß so viele große Taten vor ihm gelegen hatten.

Ihr Schluchzen wurde zu seinem wilden Wutausbruch, einem wilden Protest. Kissen flogen durch den Raum, und Catti-brie raffte ihre Decken zu einem Haufen zusammen und schleuderte diesen ebenfalls von sich. Dann warf sie ihr Bett um, nur um sich an dem Geräusch zu erfreuen, als der hölzerne Rahmen auf den Steinboden krachte.

»Nein!« Das Wort kam tief aus ihrem Innersten. Der Verlust von Wulfgar war nicht gerecht, aber es gab nichts, was Catti-brie dagegen tun konnte.

Drizzts Abreise war nicht gerecht, so sah es jedenfalls Catti-bries verletzter Geist, aber es gab nichts …

Der Gedanke setzte sich auf einmal in ihrem Kopf fest. Noch immer zitternd stand sie neben dem umgeworfenen Bett, nachdem sie sich wieder unter Kontrolle hatte. Sie verstand jetzt, warum der Drow heimlich gegangen war, warum Drizzt, wie es typisch für ihn war, die ganze Bürde auf sich allein genommen hatte.

»Nein!« sagte die junge Frau erneut. Sie zog ihr Nachthemd aus, griff nach einer Decke, um sich den Schweiß abzutrocknen und zog dann Hosen und ein Hemd an. Catti-brie verschwendete keine Zeit damit, über ihr Vorhaben nachzusinnen. Sie fürchtete, daß sie ihre Meinung ändern könnte, wenn sie vernünftig über alles nachdachte. Sie schlüpfte schnell in eine geschmeidige Kettenrüstung aus dünnem Mithril, die so fein gearbeitet war, daß sie kaum zu erkennen war, nachdem sie ihre ärmellose Tunika übergeworfen hatte.

Mit fieberhaften Bewegungen streifte sie ihre Stiefel über und eilte zu ihrem Schrank. Dort fand sie ihren Schwertgürtel, den Köcher und Taulmaril, den Herzenssucher, ihren verzauberten Bogen. Sie ging nicht, sondern rannte von ihrer Kammer zu der des Halblings und pochte nur einmal kurz an die Tür, bevor sie hineinstürzte.

Regis befand sich – was für eine Überraschung! – schon wieder in seinem Bett, und sein Bauch war gut gefüllt mit einem Frühstück, das ohne Unterbrechung in ein Mittagsmahl übergegangen war. Er war jedoch wach und nicht allzu glücklich, als Catti-brie erneut auf ihn einstürmte.

Sie zog ihn hoch, und er musterte sie neugierig. Tränenspuren zogen sich über ihre Wangen, und ihre wunderbaren blauen Augen wurden von zornigen roten Adern durchzogen. Regis hatte den Großteil seines Lebens als Dieb gelebt, hatte überlebt, da er andere Leute verstanden hatte, und es fiel ihm nicht schwer, die Ursache für das plötzliche Feuer zu erkennen, das in der jungen Frau loderte.

»Wo hast du den Panther hingetan?« fragte Catti-brie.

Regis blickte sie lange an, während sie ihn grob schüttelte.

»Schnell, sag’s mir«, verlangte sie. »Ich habe schon viel zuviel Zeit verloren.«

»Wozu?« fragte Regis, obgleich er die Antwort kannte.

»Gib mir einfach nur die Katze«, sagte Catti-brie. Regis blinzelte unbewußt zu seinem Schreibpult hinüber, und Catti-brie stürzte darauf zu, riß es auf und leerte eine Schublade nach der anderen.

»Drizzt wird das nicht wollen«, sagte Regis ruhig.

»Dann zu den Neun Höllen mit ihm!« schoß Catti-brie zurück. Sie fand die Statuette, hielt sie sich vor die Augen und bewunderte ihre wunderschöne Gestalt.

»Du glaubst, daß dich Guenhwyvar zu ihm führen wird.« Es war mehr eine Feststellung, als eine Frage.

Catti-brie ließ die Statuette in einen Gürtelbeutel fallen und machte sich nicht die Mühe einer Erwiderung.

»Angenommen, du holst ihn ein«, fuhr Regis fort, als die junge Frau in Richtung der Tür ging. »Wie sehr wirst du Drizzt in einer Stadt voller Dunkelelfen wohl helfen können? Eine Menschenfrau wird dort unten vielleicht ein wenig auffallen, meinst du nicht?«