Die VerkörperungEN - Valerie  Fritsch - E-Book

Die VerkörperungEN E-Book

Valerie Fritsch

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Beschreibung

Paris. Die roten Lichter der Freudenhäuser und die weißen Lichter der Krankenhäuser leuchten in dieser Stadt, wenn es um die Krankheiten und die Genüsse geht, die Gewohnheiten ausbleiben, aber die Abschiede einsetzen. Die Protagonistin, früher Hure und heute Ärztin in einer Palliativstation, erzählt von den Körpern als Orte gegenläufigen Erlebens, an denen radikale Entgrenzung und Lust, Zerfall und Heilung gleichermaßen stattfinden. Doch die Wirklichkeit, sagen ihre Patienten, ist manchmal kein guter Ort, um sich zu begegnen. In ihrem Debütroman Die VerkörperungEN entwirft Valerie Fritsch ein Kaleidoskop der letzten Dinge, in dem sich Bilder von sinnlicher Lebensfreude, von Krankheit und Tod irisierend und irritierend zu einem unauflöslichen Ganzen vermischen. Die Nächte: sind Tonüberlappungen, das Ticken der Uhren und das Schlagen der Zeiger, das Geräusch der fallenden Bettdecken und Kühlschranktüren, und die stillen Gebete derer, die Angst haben vor dem nächsten Tag. Es regnet wie Klavierspiel und Du spielst Klavier wie der Regen. Ich bin es leid: an die Liebe zu denken.

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Seitenzahl: 246

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Titelseite

Valerie Fritsch

Die

Verkörperungen

ein bilderbuch

Roman

Leykam

Zitat

Den besten Großeltern der Welt

und den gläsernen Bergen von damals

Das erste und das zweite Fieber.

Im Herbst fällt persischer Regen, der jedes Jahr wieder fremd ist in Paris. Es geht um Haut und Gedanken, die Stadt hat Fieber, die Wolkendecke platzt auf und wächst zusammen wie eine unheilbare Wunde, die Kondensstreifen der Flugzeuge sind über das Blau genäht. Der Himmel schneidert sich unermüdlich neu und das Wetter ist ungesund. Wir sind wochenlang in Paris und die Wochen hören nicht auf.

Wir wohnen in einer kleinen Absteige in einem schmalen Haus. In der Nacht stehen wir Modell für schlechte oder traurige Geschichten. Du entschuldigst Dich an jedem neuen Tag für den vergangenen, Du sagst, dass ich das nicht verdiene und Du mich nicht. Du sagst das immer nur am Abend, wenn es dunkel wird, oder am Morgen, wenn es lange genug dunkel gewesen ist. Wir haben keine gemein­same Vergangenheit, aber wir haben Vergangenheiten, die so ­unterschiedlich sind, dass man einander kaum davon erzählen kann. Wir erzählen uns nichts: wir lieben uns an vielen ­Tagen nicht einmal. Auf den Partys gibt es Koks im Hinterzimmer und auf den Straßen spielen Musikanten und Straßenkünstler. Es gibt Gaukler, Trinker und Diebe. Wir haben uns zufällig getroffen.

Ich bin Ärztin. Ich trage einen wehenden Kittel und Spritzen in den weißen Taschen. Die Neonröhren sind weiß und zittern in der Nacht, die Wände sind mintgrün wie amerikanische Gefängnisgitterstäbe und hellblau wie Plastiksäcke. Hier: sind die Körper die Särge der Herzen. Auch Schaden muss sich entwickeln und die Ruhe ist bedrohlich und mit den leeren Gängen zwischen drei und vier Uhr morgens unterfüttert. Die Ecken sind schmutzig. Die metallenen Mülltonnen im Hinterhof neben den Röntgenkellern heulen, wenn man in der Abenddämmerung die Zigarette ausdrückt und müde daran stößt mit dem Fuß. Der Zement ist eine Mauer am Hinterhof und irgendwo haben sie mit weißer Farbe:Es wird werden wie ein Fest!aufgemalt, und unanständige Strichmännchen und Daten aus den letzten zehn Jahren. Die Frühschicht hat rote und gelbe Morgen, grüne und violette Himmel und an schlechten Tagen: ist alles grau. Im obersten Stockwerk sieht man über die Dächer und die Dächer sind grafit und Pariser rot und die Fenster dunkel und die Patienten sagen: Nichts ist so schwarz wie Fensterscheiben, hinter denen nichts ist, wenn man auf jemanden wartet. Und im Winter sagen sie: sind die Hauskuppen schmerzlich und kahl. Lang sind die Stunden immer, aber an einzelnen Tagen länger als an anderen. Es sollte mehr gute als schlechte Jahre geben, finden sie.

Der Himmel wird auf- und abgeblendet. Die Vögel haben schwarze Därme, die manches Mal neben den Tonnen im Schnee liegen, und von unten weit ausgebreitete Schwingen, rabenschwarz und fledermausfarben. Der Putzdienst hat gewechselt. In der Nacht arbeiten nun spanische Mädchen mit guten Gesichtern, die alle Menschen versöhnlich anschauen, und der Putzdienst wird nur noch als bereits eingearbeitete Gruppe aufgenommen. Sie beten in ihren Pausen auf Spanisch und: schnell. Eine Spanierin hat Haar, das ohrenlang ist, und liest neben dem Kreis, während die anderen beten. Die Bücher wechseln jede Woche und sind sauber und ungeknickt und die Einbände haben alle Farben. Als ich gefragt habe, ob das ihr Buch oder es geliehen sei, hat sie gesagt: Ein gutes Buch zu kaufen ist eine Frage der Höflichkeit.

Wir wohnen über einem Geschäft, das Vögel verkauft. In Paris ist alles groß, aber die Wohnungen klein. Die Vogelkäfige und Volieren sind zierlich und die Vögel bunt und nah an den Stäben. Die Stäbe sind als senkrechte Gitter und Streben über die Papageien und die Kanarienvögel gespannt und die Stäbe vergittern die Vögel, aber das Geschrei und das Singen gehen weiter bei Tagesanbruch und hören nicht auf. In der Früh singen die Vögel im Takt und um Mitternacht nur, wenn sie sich fürchten. Wenn die Nacht im Morgengrauen nicht aufhört, lese ich auch, aber die Seiten meiner Bücher werden fleckig und knittrig, wenn ich mich an ihnen festhalte in den frühen Stunden. Ich mag den Morgen nicht, in der Früh: werden die Tiere geschlachtet und die Menschen verurteilt, in der Früh sind die Patienten: gestorben.

Früher: bin ich Hure gewesen. Die Mädchen sagen, das Schlimmste an Prostitution ist, dass dich niemand von der Arbeit abholen kann. Die Stunden als Hure sind gewichtig. Die Brüste der dickeren Nutten werden gewogen und manche Kunden bestellen die Brüste per Kilo. Die Pariser kaufen Blumen und stellen sie auf den Tisch. Ich habe Nächte verkauft. Wer verkauft seine dunkelsten Stunden.

Prinzessinnen sterben vor Traurigkeit, ihnen ist immer schwindlig, weil sie spüren, wie die Erde sich dreht. Als Kind habe ich gedacht, dass ich eine Prinzessin bin, bei manchen Freiern ist mir immer schwindlig geworden, und in der Kühlabteilung der Supermärkte hat es erst die kalte Luft und das Surren des Kühlregals gegeben und schlussendlich einen sanften Kopfschmerz. Wetterfühlig und übersensibel hat es meine Großmutter genannt. Früher: bin ich Hure gewesen und heute: eine Ärztin, die die Toten küsst.

Wir haben uns zufällig getroffen, in der ersten Woche, als ich nach Paris gekommen bin. Wir haben miteinander geschlafen. Ich: bin zerstört gewesen und hauchdünn, kaum eine Handbreit und jede zweite inoffizielle Minute kurz davor zu weinen. Der langbeinige Barbesitzer hat mit jedem Auge in eine andere Richtung geschaut und ist Ire gewesen. Die Fenster sind groß gewesen wie Türen und dunkel wie Sonnenbrillen. Unter den Tischen sind Straßenhunde gelegen und haben den hereingetragenen Regen vom Boden geleckt mit langen Zungen. In dem Fernseher schräg hinter der Theke neben dem Wein sind Soldaten durch Lima gelaufen mit wilden Traurigkeiten in den Gesichtern, und ein junger Mann hat den Dokumentarfilmer angespuckt vor den niedergebrannten Häusern und der Speichel ist bitter gewesen und braun. Der Ton: war abgedreht und der Film schwarzweiß. Der Barbesitzer hat auf den Bildschirm geschaut mit einem einzelnen Auge und die Gäste haben geraucht mit zitternden Fingern. Léo Ferré hat aus den Löchern der dunklen Holzdecke gesungen und die Musik ist aus den Lautsprechern geraucht. Ein schwarzer Albino hat aus dem Fernseher geschaut mit der farblosen Haut Europas und dem wulstige Profil der Afrikaner und das Haar ist kraus gewesen. Die Augen der Gäste sind zugeschwollen mit den Stunden und Nächten und die Fingernägel der Damen haben geleuchtet im Dunklen. In der Nacht: war ich betrunken und ängstlich und es hat geregnet. Du bist maßlos und verzweifelt gewesen und in Deinen Gläsern hat sich der Whisky stets bewegt, weil Du sie so selten abgesetzt hast. Meine Tränen haben Dich verwirrt und Du bist unwillig gewesen und schlecht gelaunt. Deine Freunde haben Dir verboten mit mir zu schlafen und irgendwann sind sie gegangen. Es gibt Gesellschaft, die macht Dich einsam. Du hast mich huldvoll angesehen und die Eiswürfel in den Getränken sind geschmolzen. Auf der Theke sind meine Haare schwarz neben meinem Kopf gelegen und ein paar einzelne: sind heruntergefallen. Um Mitternacht ­haben wir Luft geholt auf der Straße und um Mitternacht ist Dein Kokain in eine Pfütze gefallen und der Regen in langen Schnüren. Die Straße ist ein grauer Fluss gewesen und weiß gezuckert, pudrig und aufgerieben, und die Lichter der Fenster sind abgestürzt in die Lacken. Koks: wie Milchspuren und Streusel. Du hast Deine Nase in den Asphalt gedrückt und das Regenwasser hochgezogen und Du hast gehustet, als ein alter Hund vorübergegangen ist an Dir. Der Regen ist aufbrausend gewesen und unkontrolliert und ich habe nur gezuckt mit den Schultern. Du hast genickt und mich nachdenklich betrachtet. Das Haar: klebrig und aufgepufft vom Rauch und die Haut nass und kalt im Regen. Du hast mir die Hand gereicht und wir sind einander gefolgt durch Paris und die Irrgärten der Stadt. Die Begegnung ist eine ­Audienzsituation gewesen und die Stunden sind gewachsen wie Riesen nach Mitternacht: dem Morgen entgegen.

Damals ist die Nacht verschwunden wie ein Schrei, der aufgehört hat. Der Himmel war mädchenaugenblau über ­Paris. Jardin de Luxembourg. Zwischen den Orangerien und den Kinderkarussellen sind die Toiletten Chalets d’Aisance ge­wesen und die ersten Schachspieler haben ihre Figuren auf die schwarzen und weißen Felder geordnet im Morgengrauen. In den Wasserbecken des Schlosses sind die Boote der Kinder untergegangen in der Nacht und bäuchlings im Wasser getrieben in der Früh. Es hat nach Wiese und Haut gerochen und wir haben Sex gehabt in den Häuschen der Erleichterung am helllichten Tag. Ich habe gebückte Frauen in den blühenden Gärten gesehen durch die Toilettenfenster und Du hast Fingerabdrücke auf den Waschbeckenspiegeln hinterlassen und auf mir. Das Gras ist feucht gewesen und ein Rasenmäher hat Lärm gemacht. Was sind gescheiterte Helden.

Im Krankenhaus. Es gibt Patienten, im Winter die Vergletscherung der Welt, und die Erleichterung des Bürgerlichen, dass man in schlimmen Zeiten Trauer tragen darf. Es gibt ein formelhaftes Leben, in dem man sich gute Besserung und bessere Jahre wünscht. Wo man wünscht, ist nichts linear und die Menschen beginnen sich dort zu begegnen, wo sie einander ansonsten ausweichen.

Die Menschen: sind baufällig geworden. Die Haut ist alt und traurig, die Haut trägt Trauer und Falten, der Atem ist laut. Ich bin Ärztin. Die, die geheilt werden, fragen nicht, ob man Arzt ist.

Palliativstation. Die Patienten leben vierundzwanzig Stunden am Tag nur für den geringsten Schmerz und sie wissen, welche Bewegung die beste dafür ist. Der Schmerz ist ein Nebel hinter den Fenstern und erlischt manches Mal, wenn sie in den Erinnerungen versinken und die Stifte so fest ansetzen, dass sie die Lösungen der Kreuzworträtsel auf die Haut tätowieren ohne es zu bemerken. Das Licht trägt blutige Male und Narben und schmerzfreie Minuten gibt es nicht in den Zimmern. Wenn das Licht Narben trägt, sind die Zeiten schlecht. Makellos ist nichts mehr. Die Welt hat ihre Makellosigkeit verloren und den Nachgeschmack, sagen sie. In ihren Leibern rumort es und sie hören, wie die Körper kaputtgehen, und der Schmerz ist Regisseur akustischer Welten. Die Infusionen machen keinen Ton und der letzte Tropfen des Tages klingt wie der erste Tropfen. Überhaupt: ist es still direkt unter dem Dach. Es ist das oberste Stockwerk und eine flache Dachterrasse liegt am Ende jedes klinischen Ganges, auf der die Sonne scheint im Winter. Aus ihren Fenstern sehen sie die aufgeplatzten Himmel und den Krebs in den Höhlen und krebsgeschwürige Wolken in den Sonnenuntergängen, eitrig, und dann: den Himmel gebeizt und irgendwann leer. Nicht alles, was still ist, ist auch harmlos. Über den Tod gibt es viele Gerüchte. Im fünften Stock riecht es nach Haut und man sieht die Körper in schadhafte Hüllen gestopft und spiegelglatte Schädel. Im fünften Stock ist Haut ein Gesetz, dem man nicht entkommt, und manches Mal sind keine Gläser, aber rosa Häute eingesetzt in die Spiegel. Haare gibt es wenige und man kann beobachten, wie die Krankenschwestern öfter als sonst nach hinten greifen in ihre Pferdeschwänze: zur Vorsicht. Im Schwesternzimmer bürsten sie ihr Haar nach jedem Arbeitstag und zählen die ausgegangen Strähnen und werfen sie in Knäueln in den Mistkübel oder binden es schnell wieder zusammen, vor dem Spiegel und: eilig. Der Spiegel ist klein und in eine Ecke ­gelehnt, er spiegelt wie das Meer und die Risse im Glas sind Seesterne und Seeigelstacheln. Schwarz ist eine hungrige Farbe und im Spiegel sind die Doppelgänger-Bilder der Welt mit Sprüngen versehen.

Im Sommer sitzen die Ärztinnen in ihren Mittagspausen mit bloßen Füßen und lackierten Zehnägeln und einem Eiskaffee aus der Cafeteria am Boden an die Wänd gelehnt in der Sonne und bräunen sich neben den Zimmern der Todkranken. Manche Menschen außen: aufwendig und schön, und innen: dann immer schlicht oder enttäuschend. Abends: sind die Tage schwer, abends: sind die Tage schwer gewesen von der Hitze, abends: ist es schwer und der Himmel noch heiß. Im Sommer ist es heiß. Im Herbst gibt es Schatten von ­Libellen an der Wand.

Damals: ein paar Tage und Wochen: habe ich Dich geliebt, weil es das Beste gewesen ist und ich kaum einen Menschen in der Stadt gekannt habe, bei dem man weinen kann und der in der Nacht auch nicht schläft. Damals habe ich geahnt: Paris ist alleine zum Verzweifeln geeignet. In den Nächten hat es gut getan, sich gegenseitig zu heilen. Es ist eine Freundschaft, die sich nicht beherrscht hat, gewesen. Ich habe mit Dir geschlafen, weil ich jemanden gebraucht habe, der mit mir wach ist. Ich habe viel gezittert und am Tag mühsam mit einem neuen Leben im Krankenhaus begonnen. Du bist ehrlich gewesen und hast nicht viel gesagt und Du hast mir um Mitternacht die Kanarienvögel erschreckt, damit sie für mich singen. Ich wollte nur in einem übergroßen Pullover in einer Ecke sitzen und nicht allein sein und Du hast meine Knochen gezählt und meine Rippen sind ein Waschbrett gewesen und wenn meine Tränen über meinen Bauch geronnen sind, hat es gerattert. Es ist Traurigkeit auf Vorschuss gewesen. Ich habe gewusst, dass Du verschwenderisch bist, Deine Küsse waren großmäulig und spitzzüngig und manchmal rücksichtslos und nach ein paar Tagen hast Du mir ohne zu fragen Deinen Schwanz in den Hintern geschoben. Wenn Du geweint hast, ist es nur der Regen gewesen. Wenn wir spazieren gegangen sind, haben wir uns auf dem kleinen Platz getroffen: an der Pestsäule.

Dann: sind die Nächte verschwunden und ich bin einsam gewesen und Du hast Dich nie wieder gemeldet. Paris. Meine Mutter ist drei Wochen tot gewesen und die Mädchen haben nicht aufgehört anzurufen und von ihren neuen Nachtclubs zu erzählen, auf meinem Anrufbeantworter. Alles hat gefehlt. Die Massaker waren dicht und seicht. Unsere Orgien: verklemmt und bemüht. Du bist gegangen und geblieben sind in Deiner Wohnung meine Handtücher und Tampons und das Stethoskop, das mir meine Mutter nach Ende der Facharztausbildung geschenkt hat. In meinem Leben: alles hat gefehlt, alles ist verschwunden. Ich habe herausgefunden, wie man sich verhält,wenn etwas verschwindet. Das Hirn schwillt an und drückt gegen die Schädeldecke und nimmt den Platz ein, der frei geworden ist.Enttäuschung ist nur eine Frage der Vorbereitung. Wenn man Dich gehen lässt: musst Du gehen.

Damals ist Heimat für mich gewesen: ein wandernder Punkt auf der Landkarte und immer verteilt und immer auf Deiner Höhe. Ich habe gelacht und die Sekunden gezählt, in denen man so glücklich ist, und ich habe die Silben gezählt, von den Wörtern, die Du gesagt und von den Wörtern, die Du verschwiegen hast. Ich habe noch lange an Phantomschmerz gelitten und später an Phantomglück. Irgendwann habe ich das Rotlicht vermisst.

Damals: war ich unglücklich. Heute: sind die Nächte gut. Nach einer Spätschicht höre ich die Kanarienvögel im Treppenhaus singen und Dich schlafen und wenn Du nicht da bist, höre ich Dich nicht da sein. Und trotzdem schmecken die Küsse nach Wundsekret in manchen Monaten, weil unser Leben aneinander krankt: ausgesondert, sehnsüchtig, festgefahren. Wir leben und unsere Winter sind alle kalt, und wenn sich die Straßen vereisen, werden die Luftschlösser zu Eispalästen. Manches Mal vermisse ich Dich unheimlich, unheimlich: ich kann kein Geheimnis draus machen.

Ich bin in Paris. Die Autos strömen durch die Avenuen und an manchen Wagen kleben Fischbilder an den Heckscheiben und die Fische bedeuten, dass man die letzte Ölung will bei einem Unfall. Die Metro ist überall. Es rattert wie Tag und Nacht in den verfliesten Wartehallen, es spielt Musik und der Geiger ist ein Metrogeiger. Die Lichter sind schwarz und rot. Die Stadt gefriert zu Bildern. Paris. Im Theater am Wochenende läuft ein ernsthaftes Wildschwein über die Bühne und hat sie rechtzeitig überquert, wenn der Vorhang fällt und alle klatschen, bis sie nicht mehr können. Paris. Die Straßen sind lang und wenn man ein Pornokino verlässt, bevor die Vorstellung zu Ende ist, läuft dir der Pornokinobesitzer nach auf die Straße und fragt: Hat es Ihnen etwa nicht gefallen. Paris. Ein betrunkener Engländer steht in der Nacht knietief im Wasser der Seine und singt traurige Lieder, durchbrochen von Weinkrämpfen und Schluchzern und Händeringen und den Blitzen der Photokameras im Dunklen. Paris ist zum Verzweifeln geeignet.

Die Arrondissements schaffen Ordnung in der Zivilisation. Jedes Arrondissement hat Charakter und im 19. Jahrhundert hat es für jedes einzelne eine eigene Verwaltung gegeben. Die Rathäuser und Polizeistationen sind die größten Gebäude der Viertel gewesen und die Briefkästen vor den Postämtern postgelb. Im neunzehnten Jahrhundert hat ein Baron seine Illusionen auf die Stadt gelegt und er hat große Gedanken gehabt. Er hat Paris gemacht: die breiten Boulevards, die großen Parks und das System der Bezirke, er hat Paris Großzügigkeit geschenkt und den Platz für große Gedanken und heute spricht man nur noch hinter vorgehaltener Hand von ihm.

Die Nächte: sind einzigartig französisch und dunkelrot in der Stadt. Die Häuser sind grau wie Soldatenlieder. Die schwarzen Katzen verblassen im Dunklen und in der Küche werden die Schatten eine Stadt. Die Pfefferstreuer werden Türme, verfallen, die Blumenvasen Moscheen aus dem Morgenland, die Strohhalmbecher werden zum Geysir. Der Tag stirbt in den Abend hinein. In der Dusche ist das Wasser heiß und das Glas beschlägt wie errötend, der Spiegel errötet und Mondschein braucht man immer. Die Seifenschalen sind silberne Löwen. Die Nächte sind schwarze Fieberschübe, spleenig und creepy und manchmal wunderschön. Die Nächte sind dunkel glatt gerührte Masse und seidig wie Teufelshaut, sagt die alte Dame auf Zimmer 506 im fünften Stock. Die Nächte sind wundersame Orte und die Geräusche Soundtracks der Möglichkeiten und des pathetischen Scheiterns. In den Nächten will ich einen schönen Platz finden und verloren gehen. Vieles, was man in den Nächten denkt, ist im Tag nicht zuhause und schon gar nicht gültig. Die Nacht ist die Zeitzone der Schriftsteller und Künstler und die der wirren Geschichten. Es spricht nichts dafür, es spricht nichts dagegen, nichts was mich hält, nichts, was mich treibt, ich sitze und warte, dass meine Haare länger wachsen. Ich bin: knietief in Paris.

Ich habe einen Kuchen gebacken zu Deinem Geburtstag, und mein Kuchen ist hässlich wie die Nacht. Die Schokolade hat den Glanz von schwarzen Pferden im Dunklen und: Risse in der Glasur. Der Herd ist schwarz von verbrannter Butter und in der Abwasch klebt Backkakao mit Rum verrührt und dazu gibt es Versteinerung und Klaviermusik, wenn die Torte am Fensterbrett kalt wird. Am Balkon haben wir Pusteblumen in den Trögen. Im Hof nehmen die Frauen die Teppiche, die sie ausgelüftet haben, mit aus der Dämmerung die Treppen hinauf und manche hängen sie auf ihre Geländer oder zum Fenster hinaus. Am Hintereingang trinkt der räudige Kater weiße Milch und die Milch ist eiskalt im Frühling. Im Sommer: gibt es Balkonblumengeruch, rhythmisierte Farben und Pfefferstürme, wenn wir im Dunklen zu Abend essen unterm Himmel am Balkon.

Du fütterst an Deinem Geburtstag die Kanarienvögel selbst und ganz alleine und die Papageien singen festlicher als sonst. Abend wird es langsam. Ich bin in Berlin gewesen, in Amsterdam und Barcelona, die Sonnenuntergänge sind dort extravagant und hier milde, in den Vergnügungsvierteln von Bangkok spielen die Mädchen Pingpong mit ihren Vaginas und hier: liebt man sich auf Französisch. Ob Dein oder mein Alltag schlimmer ist, ist heute nicht wichtig. Heute: heute möchte ich Dich lieben und heute schaust Du mit so traurigen Augen, dass man denkt, nur ein Kuss kann Dich trösten, und dann noch einer und noch einer. Und heute, heute: habe ich die weichsten Brüste der Welt und sich ergießende Sinne und spindeldürre Moralvorstellungen, aber viel Geist zum Spiel. Du schneidest die Torte nur an, weil es Dich rührt, dass ich für Dich backe, und Du verbietest mir ein Photo davon zu machen. Die Küche wird finster über den Geburtstagskerzen. Die Stimmung ist durch den Fleischwolf gedreht im Sog Deiner Arme, es flimmert dunkel, die Schatten sind Krabbenfüße, die Schatten sind heute überall, und man sieht Pusteblumen in der Nacht. Wir umarmen uns neben den Tellern mit Kuchenstücken wie beim Kindergeburtstag. Ansonsten gibt es Gedanken von der Vergangenheit zwischen den Zähnen und zahnstochernde Kategorien, zwischen mir und Dir, aber heute gibt es nur ausreichend australischen Wein und die Zunge ist eingelegt: in Schnaps. Ich erschrecke: wie die Kanarienvögel und der Schrecken ist bloß die Tatsache, wie sehr Glück mit Dir weh tut, und die Tatsache, wie sehr Glück mit Dir glücklich macht. Die Pusteblumenkugeln sehen aus wie Ikealampen.

Später: die Kerzen werden flach und verbrennen in der Schokoladeglasur.

Die Dachschräge im Vorzimmer trägt eine türkise Borte und in der Dunkelheit ist sie petrol. Die Badewanne steht im Eck des Nebenzimmers und die Zimmerpflanzen wachsen zu den Fenstern hinaus. Eine Puderdose ist auf den Boden gefallen und auf dem Glasregal liegt ein Haufen bunter Zahnbürsten, die sich biegen im Wind. Ich habe eine weiße Badewanne. Auf einem Photo von damals bin ich sechzehn und ich rauche fingerdünne Zigaretten neben meinem kleinen Bruder in der Badewanne mit feuchten Lippen. Ich habe kleine weiße Brüste und die schweinchenrosa Nippel sind versteckt unter den nassen Haaren. Ich habe Sommersprossen, weil es Sommer gewesen ist, und blaue Augen und schwarze Augenbrauen. Der Blitz der Kamera ist im Spiegel und gleißend und die Haut so hell, als würde sie verdunsten. Auf dem Photo bin ich ein gläserner Mensch, bleich und durchsichtig, mit einem entflammten Gesicht, das am Rauch vorbei etwas zu meiner Großmutter sagt, die die Kamera an ihre Brillengläser drückt. Die Asche ist in die Kloschüssel gefallen und meine Mutter hat meine Zigaretten schlussendlich stets ausgedämpft im Badewasser. Mein Bruder war vier. Meine Mutter hat ihm erklärt: Schicksal ist nie sporadisch, wenn seine Hamster gestorben sind. Die Hamster sind ihm sehr am Herzen gelegen, in ihren letzten Stunden hat er die Tiere auf seinem Schoß stundenlang gestreichelt und sie sind erkaltet in den Händen und irgendwann: ausgekühlt und wie in Gips erstarrt. Wir haben sie neben dem Schwimmbad vergraben, und wenn es Winter gewesen ist, haben wir heißes Wasser auf den gefrorenen Boden geschüttet. Meine Großmutter hat pausenlos Vanilletorte mit himbeerrotem Staubzucker gebacken und gesungen:Wie einst Lilli Marleen. Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe zu weinen, wenn einer der Hamster gestorben ist.

Das Badezimmer hat Fliesen wie ein Schwimmbecken, hellblau und blass, mit schwarzen Haarrissen wie Adern und verstaubten Fugen. Der Schrank ist eine Biedermeierkommode: zwergenhaft und überladen und die Handtücher liegen in Stapeln neben dem Kasten. Eine Bettdecke ist um einen Polster gewickelt für jene Nächte, in denen ich in der Badewanne schlafe, und die Zimmerpflanzen wachsen bis in Genitalhöhe oder zu den Fenstern hinaus. Ich schlafe in der Badewanne und nur im Schlaf oder im Sterben: ist das Haar nass vom Schweiß. Draußen gibt es eine späte Dämmerung und in den Himmel hat man Aspirin geworfen und er ist aufgebraust, als hätte man heißes Wasser darauf gegossen. Auf der Straße gehen zwei Menschen durch die Dunkelheit mit schneeweißen Regenschirmen. Ein Hundeschwanz ragt über den Balkonrand im dritten Stock. Das einzige Schicksal, das einem je zuteilwird, ist die Wirklichkeit, pflegt Madame P. auf 506 zu sagen. Ich schaue aus dem Fenster und die Pusteblume spuckt Samen im Wind.

Du telefonierst ununterbrochen im Schlafzimmer. Die Geburtstagsglückwünsche nimmst Du misstrauisch und leger entgegen und gleichgültig, weil sie Dir zustehen. Dein Misstrauen hat Dich immer vor den schönsten Verführungen bewahrt und die Realität ist selten das Problem. Du läufst auf und ab vorbei an den Scheiben und schaltest das Licht nicht ein, aber lachst manchmal im Dunklen. Du wirfst einen Schatten in der Türe und der Boden ist spiegelglatt unter Deinen Füßen. Dein Körper: das sind Kleinigkeiten und Barthaare an der richtigen Stelle, die millimetergenau bemessen ist, ein verblassendes Army Tattoo und innen: ein abgebrühter Charakter.

Die Männer lieben meinen Körper, weil sie sich nicht sicher sind, ob sie ihn berühren können, ohne dass er sich auflöst. Das Zögern der Formen ist verspielte Sinnlichkeit und die Welt ist sich manchmal nicht sicher, ob es mich gibt, weil ich so wenig Platz einnehme. Mein Körper: ein Strichmännchen umwickelt mit Gedanken und Formen, die so merkwürdig zaghaft sind, dass man sie ohne Unterlass auf ihre Zerbrechlichkeit prüfen möchte. Zwischen meinen Schlüsselbeinen ist eine Kluft und die Kluft ist groß genug für eine Zungenspitze, und mein Hals ist ein Flaschenhals und schmal. Ich bin blass, weil die Knochen so nah unter der Haut liegen, und die Knochen sind knochenweiß. Mein Haar rastert den Rücken schwarz, wenn es sich zwischen den Schulterblättern verklemmt. Mein Körper knistert, wenn er sich auf Deinem zusammenfaltet, und mein Körper rutscht ölig über Deinen, wenn es geregnet hat. Ich rutsche, bis ich an Deinem Tattoo kleben bleibe. Ich liebe die Aufregung der Haut: sie fröstelt oder sie glüht unter den Händen und die Pigmentflecken leuchten im Sonnenlicht und die Muttermale im Mondschein, und das Narbengewerbe wird rot unter der Dusche. Du bist eines meiner Probleme und unsere Beziehung ein Auswuchs, den wir übersehen haben. Du bist gerne nackt und der kleinste Mann, mit dem ich je zusammen gewesen bin. An unseren Körpern erkennen wir uns wieder, auch wenn wir tagelang geschwiegen oder uns nicht gesehen haben.

Ich habe erste Falten. Es klingt Jailhouse-Rock in der Wohnung und ich schminke mich zum Ausgehen in Sphinxblau und Gold. Ich trage Ohrringe und Papageien an den Ohren: lange schlafende Vögel in Rot und in Gelb und in Blau mit Schwanzfedern, die die Schultern berühren.

Ich habe ägyptische Augen und wir trinken in einer Kellerbar Wodka und Bier. Alter ist nicht wichtig, sagt der Barkeeper, aber irgendwann: fühlt man sich verpflichtet seinem faktischen Alter nachzualtern und den steigenden Zahlen und richtig alt zu werden und müde. Er gibt dem Geburtstagskind einen aus und lacht in die Runde, und als seine Frau später vorbeikommt, legt er ihr die Hand auf die Schulter hinter der Theke und lässt sie beim Servieren helfen. Die Cocktails: heißen blue moon und in der Nacht werden die Buchstaben kleiner aber die Wörter größer. Es raucht und die Luft ist grau und schwer von den Schlieren der Zigaretten. Die Augen werden rot und die Tränen: sind schwarz. Ich weine schwarze Tränen vom Rauch und der Wimperntusche und das Tränenwasser bleibt stehen in den Lachfalten der Augen. Auf einem Wandregal hängt ein Käfig mit einem Goldhamster und das Tier atmet schwer zwischen den ­Zigaretten. Du wischst meine Tränen aus meinen Augen mit Deiner Zunge und Deinen Fingern und Deine Freunde denken sich, dass wir uns irgendwann lieben werden, und es ist der einzige Moment, in dem ich mir das auch denke an diesem Abend. In der Nacht sind irgendwann alle betrunken gewesen.Als irgendjemand vorschlägt, den Hamster in Sekt zu baden und der Wirt den Kopf schüttelt, hast Du gebrüllt, er solle Dir nur einen guten Grund nennen, es nicht zu tun.Es ist schlecht für den Charakter, hat der Besitzer gesagt. Sein Schnauzbart hat gezittert und es ist dunkel gewesen.

Das Bett ist kalt und nass am Morgen, weil das Fenster offen steht.Eine dicke schwarze Fliege sitzt auf dem Computerbildschirm, und der Computerbildschirm flimmert hell im Dunklen.Wir schlafen nach dem Reißverschlussprinzip miteinander, bis mir alles weh tut und Dein Schwanz stumm und reglos ist. Du hast keinen Orgasmus, aber es sind übermächtige Augenblicke und Du schläfst schnell und in Dich hineinsinkend ein mit zugeschwollenen Augen und hauchdünnen Lidern. Dann: ich esse schläfrig Schokoladenkekse. Ich glaube nicht, dass mich Macht glücklich macht. Vor allem, weil ich mich in den glücklichsten Momenten recht ohnmächtig fühle.

Paris. Die Busse sind zwei- oder dreistellig, je nachdem wohin sie fahren und woher sie kommen. Vor der Arbeit mache ich einen Spaziergang. Wenn die Welt für mich an Wundern verliert, gehe ich spazieren, bis ich staune oder mich in winzig kleinen Geschichten verliere. Ich sammle Reize und es gibt keine Chronologie, aber Gleichzeitigkeit in der Welt. Die Fabrikhallen sind grau und die Gläser wie Menschenhaut in die Fenster gespannt im rosa Licht, aber der Teer und die Zuliefereinfahrt anthrazit. Ich folge den Gleisen, die metallenen Streben sind in die Welt gebogen und die kleinen Züge erdbeerrot im Sonnenaufgang und die kleinen Züge enden in der Halle mit kreischenden Rädern. Hier: habe ich Zeit zu denken und für aufregende Geschichten. Die Gesichter der Arbeiter sind rußig. Die Genese von Teer und Fabeln läuft parallel an den Morgen. Die Gedanken laufen waagrecht. Der Zeithorizont wandert mit der Gegenwart mit und macht die Vergangenheit weder besser noch schlechter. Ich denke an Dich und mich und wie leise die Morgen sind, an denen wir uns nicht begegnen. Ich habe den Gedanken, wie etwas sein könnte und sollte, oft mit einem schönen Gefühl verwechselt, am häufigsten mit der Liebe. Wahrheit wird veränderlich: mit den Erfahrungen.

Neben den Fabriken lehnen die Vorstadthäuser und die geriatrischen Zentren in den ruhigen Farben und der Ruß der Gesichter wiederholt sich in den schwarzen Kajalstrichen der Besucherinnen.

Ich mache Besuche im Seniorenheim. Es ist schlimm zu wissen, dass man manches Mal das letzte Mal kommt. Die Augen laufen dir nach, wenn man durch die Stuhlreihen in den Gängen geht, wo die Menschen vor ihren Türen sitzen, um etwas zu sehen: vom Leben, das übrig geblieben ist. Manche lesen in derPraline, einem Pornomagazin mit vielen Bildern, und reißen die Seiten auf mit ihren unregelmäßigen Fingernägeln. Sie schieben sich die Zeitschriften zu und kichern unter der Hand, und sie tauschen ihre Orangen vom Mittagessen mit faltigen Fingern. Jeden Dienstag erscheint diePraline