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»›Die Verluste‹ ist ein Familienroman, wie er gegenwärtiger kaum sein könnte: Florian Scheibe schreibt rasant, grandios komisch, unerbittlich genau, aber immer einfühlsam und mit viel Wärme für seine Figuren.« Sönke Wortmann
Braunschweig, Berlin, Bodensee – die Geschichte einer Familie zwischen Zusammenhalt und Lebenslügen, erzählt aus der Sicht ihrer fünf Mitglieder. Klaus Werner, ein wackliger Patriarch, liebäugelt mit der Idee, sich angesichts der Krisen der Welt einen privaten Luxus-Bunker bauen zu lassen; seine Frau Kaja plant lieber die perfekte Familienfeier zum 80. Geburtstag ihres Mannes; die drei Kinder führen ihre eigenen Kämpfe: ein blockierter Schriftsteller, ein wütender Augenarzt und eine verzweifelte Umweltaktivistin. Und über allem thront Großmutter Ruth, die zwei Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Schonungslos und mit entlarvendem Humor erzählt Florian Scheibe in seinem großen Familienroman von den Brüchen unserer Gegenwart.
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Seitenzahl: 641
Veröffentlichungsjahr: 2026
Braunschweig, Berlin, Bodensee – die Geschichte einer Familie zwischen Zusammenhalt und Lebenslügen, erzählt aus der Sicht ihrer fünf Mitglieder. Klaus Werner, ein wackliger Patriarch, liebäugelt mit der Idee, sich angesichts der Krisen der Welt einen privaten Luxusbunker bauen zu lassen; seine Frau Kaja plant lieber die perfekte Familienfeier zum 80. Geburtstag ihres Mannes; die drei Kinder führen ihre eigenen Kämpfe: ein blockierter Schriftsteller, ein wütender Augenarzt und eine verzweifelte Umweltaktivistin. Und über allem schwebt Großmutter Ruth, die zwei Geheimnisse mit ins Grab genommen hat. Mit schonungsloser Genauigkeit und entlarvendem Humor erzählt Florian Scheibe in seinem großen Familienroman von den Brüchen unserer Gegenwart.
Florian Scheibe, geboren 1971 in München, hat Kulturwissenschaft und Geschichte in Bremen und Paris sowie Regie und Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studiert. Seine Texte erschienen in Anthologien und Literaturzeitschriften und wurden, genau wie seine Kurzfilme, mehrfach ausgezeichnet; außerdem hat er mehrere Theaterstücke verfasst. Sein Roman Weiße Stunde war für den Debütpreis im Buddenbrookhaus nominiert. Zuletzt erschien von ihm bei btb Paraiso. Florian Scheibe lebt mit seiner Familie in Berlin.
Florian Scheibe
Roman
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Originalveröffentlichung 2026 btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Copyright © 2026 Florian Scheibe
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Gaeb & Eggers.
Covergestaltung: semper smile, München
Covermotiv: © plainpicture/Ruth Botzenhardt
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-641-32362-2V003
www.btb-verlag.de
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»Children begin by loving their parents; as they grow older they judge them; sometimes they forgive them.«
Oscar Wilde, The Picture of Dorian Gray
»Das Schönste an meinem Bau ist aber seine Stille.«
Franz Kafka, Der Bau
Später würde sie Erklärungen für ihr Verhalten finden.
Sie war verzweifelt gewesen. Einsam. Deprimiert. Die vielen Fehlgeburten hatten ihr jegliche Hoffnung genommen, und das monatelange Bombardement hatte sie mürbe gemacht. Außerdem noch die Ungewissheit: Johann verschollen an der Front, seit Wochen kein Brief mehr von ihm, alle Nachfragen an die Heeresleitung waren unbeantwortet geblieben.
Mit ihren Eltern hatte sie zu diesem Zeitpunkt schon seit Langem keinen Kontakt mehr, und ihre Schwiegereltern waren ein halbes Jahr zuvor nach Essen abgestellt worden, wo ihr Schwiegervater bei Krupp den Bau von Zielfernrohren für Panzer betreuen musste.
Später würde es ihr gelingen, sich mit diesen Erklärungen zu entlasten. Indem sie sich immer wieder sagte, dass sie in schweren Zeiten eine schwierige Phase durchgemacht hatte. Und dass schwierige Phasen und schwere Zeiten nur selten eine gute Kombination waren.
Doch als sie während des Bombenalarms in jener Nacht des 14. Oktober 1944 auf dem Weg zum Bunker einfach stehen blieb, sich an eine Hauswand lehnte und darauf wartete, von den Trümmern begraben zu werden, verhielt sie sich einfach nur wie eine Verrückte.
Sie stand da, die Augen geschlossen, und hörte die Flieger. Das Pfeifen der Bomben. Die Schreie der Menschen. Die Detonationen. Und sie spürte die Erschütterung unter ihren Füßen. Die Erde bebte.
Aber sie rührte sich nicht.
Sie wollte nicht mehr. Sie konnte nicht mehr.
Sie wartete nur auf den Tod.
Aber zugleich war da noch etwas anderes, schwer Greifbares. Ein Vertrauen auf die besonderen Momente, die das Schicksal für den Menschen immer genau dann bereithielt, wenn er am Tiefpunkt angelangt war. Ein Gefühl für Wendepunkte. Die paradoxe Gewissheit, dass das Leben, genau jetzt, wo es doch eigentlich vorbei zu sein schien, nur besser werden konnte. Und dass am Ende vielleicht sogar alles gut werden würde.
Und auf eine verrückte Weise sollte sie damit recht behalten.
So wie sie immer recht behielt.
Von einem Tag auf den anderen kam der Frühling. Gestern war noch alles voller Nebel und Feuchtigkeit gewesen, heute Morgen war da auf einmal die Sonne. Aber der Frühling war kein echter Frühling, sondern einer, der nur so tat, als ob. Ein Fake-Frühling, wie man heutzutage sagen würde, eine Täuschung, ein gedopter Spätwinter. Es war ein Wetter, das es so nur in nördlicher Alpennähe gab. Föhnlage. Trockene Mittelmeerluft, die, über die Berge gedrückt, zu warmen Fallwinden wurde und den Menschen Kopfschmerzen und Stimmungsschwankungen brachte. Der Bregenzerwald wirkte zum Greifen nah. Alles war wie zusammengeschoben. Der See. Die Schwäbische Alb. Konstanz, die Schneegipfel dahinter. Es war ein Blick wie durch einen der Feldstecher, die Klaus mehr als drei Jahrzehnte produziert hatte. Alles war überdeutlich. Alles war unwirklich. Alles war trügerisch. Ein Drogenrausch, den er – bis auf eine Erfahrung mit Absinth vor vielen Jahrzehnten – nie gehabt hatte, den er sich aber genau so vorstellte. Zu hell. Zu klar. Zu warm. Zu schön. Etwas stimmte nicht.
Nichts stimmte.
Mit dem Fake-Frühling war die kleine Welt auf einen Schlag erwacht. Insekten summten. In den Nachbargärten fuhren die Mähroboter. Hunde bellten. Motorräder umrundeten den See. Von den Weinhängen her kam der Geruch der Pestizide, von denen die meisten in der EU längst verboten waren, die aber hier, in der Schweiz, umso willigere Abnehmer fanden.
Das, was der Nebel im Herbst und Winter verhüllte, lag nun offen da, in grellen Farben und überdeutlich gezeichnet. Aber es war nur ein schöner Schein, eine Kulisse. Und dahinter herrschte der Terror.
Die Angst.
Lange Zeit hatte Klaus sie nicht gespürt. Hatte sie nicht wahrgenommen, nicht wahrnehmen wollen. Aber seit einiger Zeit sah er sie überall.
Nicht nur in den Nachrichten, die von nichts anderem mehr berichteten als von Krise, Krieg und drohendem Untergang, sondern auch in den Gesichtern der Menschen. In ihren Gesten, ihren Bewegungen. In ihrer ganzen Haltung. Wie sie ihre Einkaufswagen durch die Migros oder den Coop schoben, immer darauf bedacht, dass ihnen niemand in die Quere kam – die totale Regal-Hoheit war das erklärte Ziel! – oder sie plötzlich von hinten anfiel. Wie sie anschließend ihre Kofferräume beluden, beidhändig, von allem zu viel, alles zu teuer, und doch immer aufs Sparen bedacht, Schnäppchenjäger und -sammler in der Endzeit. Wie sie sich über ihre Zäune hinweg unterhielten, immer auf Abstand bedacht, zwischen Hecken hindurch. Wie sie vor ihren Häusern fegten, Laub sammelten, Schnee schippten. Wie sie ihren Rasen nach Unkraut absuchten. Nach Klee. Nach Löwenzahn, und wenn sie etwas fanden, es sofort herausrupften, es mit der Wurzel ausstanzten, damit es bloß nicht wiederkam. Wie sie ihre Hunde an straffen, kurzen Leinen ausführten. Wie sie spazieren gingen, mit großen schnellen Schritten, wie auf der Flucht.
Er hörte es an ihrem Lachen. An ihren Stimmen. An ihrem Tonfall.
Noch immer redeten sie über die alten Themen. Über das Wetter.
Über ihre Krankheiten. Über die Nachbarn. Über die Kinder und Enkelkinder. Über die kommende Eidgenössische Volksinitiative »Für eine sichere und nachhaltige Altersvorsorge«. Und dann erneut über das Wetter.
Doch eigentlich sprachen sie von etwas anderem: Angst.
Die Angst war überall und längst in ihm drin. Apps, die ohne Grund von seinem Smartphone verschwanden und dort bedrohliche schwarze Lücken hinterließen, ausgefallene Zähne in einem zuvor makellosen Mund. Woraufhin er wieder mal Stefan anrufen musste, der ihm ungeduldig Begriffe und Sätze sagte, die er nicht verstand: Back-up, App Drawer, Homescreen, Play Store, Google-Account – und ihm parallel irgendwelche Links schickte, die er nicht öffnen konnte.
Sein Laptop, der hängen blieb, nicht mehr »normal bootete«, wie Stefan es ausdrückte, weshalb er ihn im »abgesicherten Modus« hochfahren solle, was er nicht hinbekam, woraufhin Stefans Ungeduld zu einer unterdrückten Wut wurde, kalt und unbarmherzig. Und diese Wut war etwas, das ihn selbst wütend machte, aber nicht kalt, sondern glühend heiß, und er musste sich zusammenreißen, Stefan nicht am Telefon anzuschreien und ihm seine Meinung zu sagen, ihm alles hinzuknallen. Undankbar! Das war es, was er war – nicht mehr und nicht weniger. Alles hatte er von ihnen bekommen: Fürsorge, Liebe, Verständnis. Eine sorglose Kindheit. Eine gute Schule. Nachhilfe in allen erdenklichen Fächern, damit er ein einigermaßen gutes Abitur schaffte. Und anschließend ein teures Medizinstudium in Budapest. Und mit dem Studium auch noch die Absolution, dass es in Ordnung war, wenn er nicht die Firma übernehmen wolle, wie es doch eigentlich immer vorgesehen war. All das hatte er bekommen! Und noch viel mehr! Und nun konnte er nicht einmal zehn Minuten opfern, um seinem fast achtzigjährigen Vater in Ruhe zu erklären, wie man verloren gegangene Apps wiederfand oder mit dem Laptop in den »abgesicherten Modus« kam.
Doch die Angst war viel umfassender. Er hörte sie in dem Bellen der Hunde, dem Miauen der Katzen, dem Rascheln der Blätter und dem Rauschen des Windes. Und sogar im Singen der Vögel. Die Angst war überall, und er war mittendrin. Und heute, an diesem ersten richtigen und zugleich so grundfalschen Frühlingstag, spürte er sie mehr denn je.
Er stand auf dem Balkon. Kaja war bereits im Pool. Sie war auch gestern und vorgestern und vorvorgestern schon im Pool gewesen. Und in der Woche davor. Trotz Nebel und Kälte. Sie bestand darauf, dass der Pool spätestens ab Mitte März befüllt wurde, und sobald er gefüllt war, ging sie schwimmen. Völlig egal, ob das Wasser fünfzehn, dreizehn oder zwölf Grad hatte, sie duschte kalt und stieg dann, ohne zu zögern, die gemauerten Stufen ins Wasser hinab und schwamm ihre fünfzig Bahnen, immer Brust, immer mit der weißen Gummibadekappe, die sie sich vor über zwanzig Jahren im Karstadt in Hannover gekauft hatte.
Karstadt.
Hannover.
Eine andere Zeit.
Eine ferne Welt.
Kajas Bewegungen waren schulmäßig. Von hier oben sah es aus wie in einem Lehrvideo. Arme. Beine. Hände. Füße. Alles perfekt aufeinander abgestimmt.
Zwölf Züge für jede Bahn.
Manchmal elf, manchmal dreizehn. Aber meistens zwölf.
Nun hielt sie sich am Rand fest, schaute hoch und winkte. »Komm! Es ist herrlich!«
»Ja«, rief er zurück. »Ich komme gleich.«
Er hatte keine Lust, zu schwimmen. Die Vorstellung, in dieses Becken mit dem türkisblauen, kalten Wasser zu steigen und darin Bewegungen zu machen, die verhinderten, dass er ertrank, kam ihm vollkommen absurd vor. Aber er wusste, dass kein Weg daran vorbeiführte.
Kaja war misstrauisch. Sie beobachtete ihn. Sie lauerte auf seine Schwächen. Und sobald sie eine entdeckte, biss sie sich daran fest. Quälte, folterte ihn. Er solle weniger essen, aber dafür mehr Gesundes; er solle konzentrierter Auto fahren, früher bremsen, aber nicht so abrupt; er solle nicht so schnell beschleunigen, aber auch nicht so zögerlich anfahren; er solle sich endlich um ein Hörgerät kümmern; er solle sich mehr bewegen, schwimmen, zumindest schwimmen; er solle sich ausnahmsweise einmal auf einen ihrer Reisepläne einlassen: Italien, Venedig, Florenz; er solle mal wieder ein paar Kontakte in der Gemeinde aufnehmen; und Tennis! Warum ging er eigentlich überhaupt nicht mehr zum Tennis?! Er habe Tennis doch immer geliebt!
Manchmal kam er sich vor wie ein altes, schwaches Raubtier, das von einem Rudel Hyänen verfolgt wurde. Und Kaja war das Alphaweibchen innerhalb dieses Rudels, in dem das Matriarchat herrschte. Sie war die Kundschafterin. Und er war das Opfer.
Selbst wenn er Stärke signalisierte, wenn er sich tageweise zusammenriss und alles aus seinem müden, alten Raubtierkörper herausholte, die Oberhyänin durchschaute ihn. Sie spürte seine Angst. Seine Schwäche. Sie roch sie. Erschnüffelte sie mit ihrer feinen Nase und lauerte darauf, ob sie größer werden würde. Und wenn sie groß genug wäre, dann würde sie ihr Rudel rufen. Und dann würde das Rudel ihn von allen Seiten attackieren und Fleischfetzen aus seinem müden, schwachen Körper reißen. Und je mehr er blutete, desto gieriger würden die Hyänen werden, und sie würden erst Ruhe geben, wenn er endlich tot wäre und sie ihn ausweiden konnten.
Er drehte sich um, ging ins Schlafzimmer und zog den Pyjama aus. Einen Moment lang betrachtete er sich im Spiegel. Er war ein alter Mann. Ein Greis.
Angezogen konnte er es vertuschen. Aber nackt, ausgeleuchtet von der falschen Frühlingssonne, lag alles offen: der schlaffe Bauch, die faltigen Arme, die hängenden Brüste. Die Krampfadern, die sich um seine Schienbeine rankten. Er hatte Übergewicht, zehn bis zwölf Kilo, von denen er, egal, was er auch tat, nicht mehr herunterkam. Bis vor einem Jahr war Akira noch da gewesen, die Riesenschnauzer-Hündin. Seit sie gestorben war, musste er sich zum Spazierengehen zwingen, genau wie zu jeder anderen körperlichen Aktivität. Doch das Übergewicht machte ihm weniger zu schaffen als der Verlust an Körperkraft, die Erschlaffung seiner Muskeln. Denn das Übergewicht war theoretisch reversibel. Aber seine Kraft war dahin, egal, was er tat.
Irgendwo hatte er gelesen, dass der Mensch schon ab Anfang dreißig Muskelmasse abbaute und mit achtzig schließlich gut ein Drittel unwiderruflich verloren wäre – unabhängig davon, wie viel Sport er machte und wie viel er sich bewegte. Sein Körpergefühl sagte ihm jedoch, dass mindestens die Hälfte seiner Kraft verschwunden sein musste und sich der Rest unter zu viel Fett versteckte.
Er zog die Badehose an, die er in demselben Karstadt gekauft hatte, aus dem Kajas Kappe stammte, schob seine Füße in die Badesandalen und griff nach den Handtüchern.
Den Gang entlang. An dem Zimmer vorbei, hinter dem seine Mutter die letzten Jahre ihres Lebens verbracht hatte und in dem nun Kajas Sportgeräte standen. Zu seiner Linken das Büro und Annas ehemaliges Zimmer, das nun ein Gästezimmer war, rechts das Bad.
Die Treppe hinunter, wobei er neuerdings, ohne darüber nachzudenken, mit den Fingern den Handlauf entlangfuhr.
Führung. Halt. Sicherheit.
Nur für den Fall der Fälle.
Durch das große Wohnzimmer im Erdgeschoss und hinaus auf die Terrasse.
Die Stufen hinab bis zum Pool.
Hier unten, im Offenen, war es deutlich kühler als auf dem Balkon, und er ärgerte sich, dass er keinen Bademantel angezogen hatte. Andererseits wäre der Bademantel ein Eingeständnis seiner Schwäche gewesen, und es hätte ihn umso mehr Überwindung gekostet, ihn auszuziehen und auf eine der beiden Liegen zu legen.
Jetzt, wo er am Poolrand stand, beachtete Kaja ihn nicht mehr. Vorhin, als er auf dem Balkon stand, hatte sie ihm eine Unterbrechung geschenkt, nun war sie ganz in ihrem Programm. Zwölf Züge hin, Drehung, zwölf Züge zurück, Drehung, zwölf Züge hin. Drehung. Zwölf Züge zurück.
Er griff nach dem Duschhahn und hielt seine Hand in den Wasserstrahl. Es war so kalt, dass er zurückzuckte, doch Zurückzucken war keine Option. Die Kundschafterin schwamm zwar, aber sie lauerte bereits in seinem Rücken.
Also runter! Erst die Arme, dann die Beine. Dann die Brust und schließlich die Schultern.
Stechend kalt. Nass.
Geschafft.
Nun musste er hinein, doch etwas in ihm sperrte sich dagegen. Es war nicht die Kälte, und es waren auch nicht die Wellen, die Kaja mit ihrem Schwimmen verursachte. Es war das Wasser an sich, egal, ob warm oder kalt, aufgewühlt oder glatt. Es war die Haltlosigkeit seines eigenen Körpers, sobald er sich von den Stufen abstieß. Kein Boden mehr unter den Füßen. Kein Handlauf, an den er sich zur Not klammern konnte. Nur noch der Beckenrand. Aber der war von der Mitte weit entfernt.
Er machte zwei Schritte und trat auf die erste Stufe. Die Kälte half, genau wie die Wellen und der fehlende Handlauf. Bewegung. Schmerz. Ablenkung. Volle Konzentration auf den nächsten Schritt. Und den übernächsten. Und den überübernächsten.
Und dann war er drin.
Die Kälte nahm ihm die Luft zum Atmen. Die Wellen schwappten ihm ins Gesicht. Er strampelte mit den Beinen, ruderte mit den Armen. Sein Körper wusste nicht mehr, was zu tun war, und sein Kopf erst recht nicht. Er versuchte, sich an dem Schwimmlehrvideo zu orientieren, das er vor ein paar Minuten vom Balkon aus gesehen hatte, aber es half nicht. Er hatte noch alle Bewegungen ganz genau vor Augen, aber es gelang ihm nicht, sie aus dem Gedächtnis nachzuahmen.
Das Wasser war 2,30 Meter tief. Man sollte nirgendwo stehen können, das war ihnen beim Bau des Pools wichtig gewesen. Denn Schwimmen, wenn man irgendwo stehen konnte, war kein Schwimmen. Schwimmen war nur Schwimmen, wenn man auch schwimmen musste!
Doch jetzt, wo er nicht mehr schwimmen konnte, wünschte er sich, sie hätten den Pool nur 1,80 Meter oder 2 Meter tief gebaut, dann wäre es ihm möglich gewesen, Boden unter die Füße zu bekommen oder sich auf die Zehenspitzen zu retten.
Eine weitere Welle schwappte ihm ins Gesicht. Er schnappte nach Luft. Paddelte, genau wie Akira immer gepaddelt war, wenn er ihr Stöckchen in den See geworfen hatte, nur dass ihm die Technik dazu fehlte. Er sank. Er schluckte Wasser. Er hörte Kajas Stimme. Sie rief seinen Namen und etwas, das er nicht verstand, weil seine Ohren bereits unter Wasser waren – oder war das die Schwerhörigkeit, von der Kaja immer sprach?
Er strampelte, ruderte, schnappte nach Luft.
Er ertrank.
Er wartete darauf, dass sein Leben rückwärts vor seinem inneren Auge ablaufen würde: die Jahre in der Schweiz mit Kaja, der Garten, das Boot, Annas Auszug, der Tod seiner Mutter, die ersten schönen Jahre am Bodensee, der Umzug in die Schweiz, der Hausbau, der Kauf des Grundstücks, der Verkauf des Unternehmens, seine Söhne, die beide kein Interesse daran hatten, in seine Fußstapfen zu treten, die erfolgreichen Jahre in Hannover, das späte dritte Kind – ein Mädchen, endlich ein Mädchen! –, der Tod seines Vaters, die Geburten von Stefan und Jonas, die erste, verzauberte Begegnung mit Kaja in der Reinigung, sein Wunsch, Landschaftsarchitekt zu werden, stattdessen Ferngläser, Ferngläser, Ferngläser, seine Mutter, die sich mehr für das vorgezeichnete Schicksal, für Sternbilder und ihr geliebtes Meer interessierte als für alles andere, sein Klassenlehrer, der eine Stimme wie Joseph Goebbels hatte, seine Abenteuerspiele zwischen den Häuserruinen, der Hunger als Kleinkind, die Geburt mitten im Krieg.
Doch sein Leben lief nicht rückwärts vor ihm ab. Denn auf einmal war er obenauf. Das Wasser trug ihn wieder, so wie es ihn seit Jahren verlässlich getragen hatte.
Er schwamm!
Arme, Hände, Beine, Füße – alles in perfekter Koordination.
»Klaus?!«
»Ja«, keuchte er.
Noch drei kräftige Züge, dann griff er nach dem Beckenrand, an dem Kaja sich festhielt. Sie schaute ihn mit großen Augen an.
»Alles in Ordnung?«, fragte sie.
»Ja. Ja …« Er hustete. Sein Atem ging immer noch stoßweise. Aber sein Körper wusste jetzt wieder, was zu tun war. Schwimmen – das verlernte man doch nicht!
»Was war denn los?«, fragte Kaja.
»Ich dachte, es käme noch eine Stufe … Und dann … bin ich … abgerutscht.«
»Es sah schlimm aus. Einen Moment lang hatte ich Angst, du ertrinkst.«
»Unsinn«, sagte Klaus.
Das Wasser war noch immer aufgewühlt von seinem Strampeln und Paddeln.
»Kann ich dich denn allein lassen? Ich bin mit meinen Bahnen durch und würde mich schon mal fertig machen. Um elf ist unser Buchclub-Treffen. Und vorher wollte ich noch ein bisschen in die Stadt.«
»Ja, natürlich. Heute Nachmittag will ich dann den Rasentraktor ausprobieren.«
»Bis dahin bin ich längst wieder da. Die große Einweihung muss ich ja für die Kinder festhalten.«
»Ja …«, sagte Klaus. »Stimmt.« Wie jedes Mal ärgerte er sich darüber, dass Kaja genau wie früher immer noch von den Kindern sprach, auch wenn sie eigentlich nur die Jungs meinte, da sie zu Anna seit über drei Jahren keinen Kontakt mehr hatten – jedenfalls wenn man den Weltuntergangs-Newsletter nicht dazu zählte, in dessen Verteiler Klaus irgendwann einmal gelandet war. Aber wie jedes Mal schluckte Klaus den Ärger hinunter und schwieg. Denn wenn er etwas sagen würde, würde Kaja antworten: »Du weißt doch, was ich meine.« Um dann – an einem guten Tag – noch hinzuzufügen: »Und wer weiß, vielleicht wird Anna irgendwann ja sehen wollen, was sie alles verpasst hat.« Oder – an einem schlechten Tag, sofern es in Kajas Leben überhaupt schlechte Tage gab –: »Ist es dir denn lieber, wenn ich immer nur von Stefan und Jonas spreche? Oder soll ich sagen ›alle außer Anna‹? Das ist doch nur schlechte Energie.« Und schlechte Energie war etwas, das Kaja in ihrem Leben auf keinen Fall haben wollte.
Nun küsste sie ihn auf die Stirn und schwamm dann mit ihren schönen, gleichmäßigen Zügen auf die Stufen zu.
Klaus beobachtete, wie sie aus dem Wasser stieg. Klein. Schlank. Die Muskeln durch das tägliche Yoga trainiert, gepflegt und gedehnt.
Unvorstellbar, dass dieser Körper drei Kinder zur Welt gebracht hatte. Und dass die Frau in diesem Körper bereits siebzig war.
Klaus schloss die Augen und atmete ein paarmal tief ein und wieder aus. Dann stieß er sich von Beckenrand ab, um seine zehn Bahnen zu schwimmen.
Eigentlich liebte er es, in dem Haus und auf dem Grundstück allein zu sein. Kajas Energie wirkte nun irgendwo anders, und er fühlte sich endlich nicht mehr beobachtet. Er konnte sich frei bewegen, in die Holzwerkstatt gehen, in den Garten, in sein Büro. Er konnte den Laptop hochfahren und das Segelforum besuchen, um zu schauen, ob noch jemand einen Beitrag zu seinem selbst gesägten und mit einer speziellen Verzapfung ineinandergesteckten Fernglashalter geschrieben hatte, den er letztens gepostet hatte. Er konnte sich daran freuen, dass niemand in diesem Forum auch nur die geringste Ahnung hatte, dass er früher einmal Ferngläser produziert hatte und dass vermutlich die Hälfte von ihnen eines seiner Ferngläser auf ihren Booten oder in ihren Häusern hatte.
Und anschließend konnte er sich ein bisschen treiben lassen. YouTube-Tutorials zu Laubsägearbeiten, die er ohne Tutorial deutlich besser hinbekam, Gartentipps, von denen viele falsch waren, was ihn freute, weil er vieles wusste, das viele derjenigen, die diese Tutorials mit mehreren Tausend Followern ins Internet stellten, offenbar nicht wussten.
Er konnte aber auch einfach Dinge anfangen, ohne sie zu Ende zu machen. Er konnte etwas irgendwo liegen lassen, wo es eigentlich nicht hingehörte. Er konnte sich selbst einfach irgendwohin hinlegen – auf das Sofa, auf das Bett oder auf einen Liegestuhl – und die Zeitung lesen oder die Wettervorhersagen seiner drei Wetter-Apps miteinander vergleichen, um sich dann aus dem Vorhersagen-Querschnitt, den Daten, die ihm seine Funkwetterstation lieferte, und der Betrachtung des Himmels seine eigene Vorhersage zu basteln.
So war es normalerweise. Aber heute konnte er das Alleinsein nicht genießen. Auf seine Holzwerkstatt hatte er keine Lust, und in den Garten würde er nachmittags ja sowieso noch gehen. Blieb also das Büro. Bis vor ein paar Monaten hatte er noch fast täglich nach Anna gegoogelt, hatte geschaut, ob er irgendwas Neues zu ihr fand. Doch außer den kurzen, gut zwei Jahre alten Videoschnipseln von der Walrettungsmission in der Arktis, den drei Gruppenfotos, die der Piratenverein, in dem Anja seit mittlerweile acht Jahren aktiv war, ins Internet gestellt hatte, und dem Interview, das sie vor einem Dreivierteljahr zur Überfischung der Ostsee gegeben hatte, war da nichts. Inzwischen hatte er es sich verboten, nach ihr zu suchen. Seitdem bekam er nur noch den zweiwöchentlichen Newsletter, den er jedoch meistens nur noch überflog in der vergeblichen Hoffnung, irgendwann auf Annas Namen zu stoßen.
Heute übersprang er auch seine YouTube-Channels und ging gleich ins Segelforum, seinem letzten verbliebenen, verlässlichen täglichen Internet-Ritual. Er las die neusten Kommentare zu seinem Fernglashalter und regte sich darüber auf, dass Sigi16 schrieb, dass er »echt schick« aussehe, um dann jedoch anzumerken, dass die Holzverbindung noch eleganter gewesen wäre, wenn Klaus die Zapfen versteckt hätte. Klaus musste sich zusammenreißen, nicht zu antworten, dass dieser Vorschlag absolut schwachsinnig sei, erstens, weil es ja gerade darum ging, die Konstruktion offenzulegen – ähnlich wie bei einem Uhrwerk, das man unter der Lünette oder vom Boden der Armbanduhr beobachten konnte –, und zweitens, weil es überhaupt nicht möglich war, bei nur zweieinhalb Zentimeter dünnen Brettern die Verzapfung zu verstecken.
Die meisten seiner Gesprächspartner in dem Forum zeigten sich über ihren Namen – PADDY 2989, Sailaway forever, Freddy Columbus, NORDLICHT39 oder eben Sigi16 – mit einem Foto auf ihren Booten. Klaus hatte hingegen nur ein Foto von seinem Boot am Bodenseehafen gemacht. Manchmal neckten die anderen ihn ein bisschen, weil er als Einziger aus ihrer engeren Bezugsgruppe nicht auf dem Meer segelte, sondern nur auf einem See – auch wenn der Bodensee mit seinen gut fünfhundertdreißig Quadratkilometern der drittgrößte See Mitteleuropas war. Aber immerhin hatte er seinen Segelschein an der Nordsee gemacht, und sie hatten früher ihre Sommerurlaube auf Norderney verbracht, von wo er regelmäßige Törns unternommen hatte. Er kannte das Meer. Er kannte die Gezeiten. Und auch der Bodensee konnte, je nach Wetter, selbst für geübte Segler eine Herausforderung sein.
Seine Forumskumpel hatte Klaus nie getroffen. Die meisten waren zwischen Mitte sechzig und Mitte siebzig, aber es gab auch zwei oder drei, die älter waren als er. AnkerDanker war zweiundachtzig, und NORDLICHT39 wurde dieses Jahr fünfundachtzig, was er immer wieder betonte und sein Geburtsjahr sogar in seinem Namen offenbarte.
NORDLICHT39 hieß eigentlich Gerd, und beinahe wäre es zwischen ihm und Klaus im Sommer vor zwei Jahren zu einem Treffen gekommen. Gerd hatte sich bei ihm angekündigt. Er und seine Frau wollten für eine Woche ins Tessin und auf dem Weg dorthin einen kurzen Abstecher an den Bodensee machen. Anfangs hatte Klaus die Vorstellung, mit einem Mann, den er nur von einem Foto und den Nachrichten in einem Segelforum kannte, einen kleinen Törn auf dem See zu machen und abends mit ihm, seiner Frau und Kaja in Konstanz essen zu gehen, als reizvoll empfunden. Eine Art Blind Date. Und vielleicht sogar ein Ansporn. Denn so fit, wie Gerd mit Mitte achtzig noch zu sein schien, wollte Klaus in fünf Jahren auch noch oder besser gesagt auch wieder sein. Außerdem war Gerd früher Architekt gewesen, hatte also einen Beruf gehabt, für den Klaus sich interessierte und über den man sich gut unterhalten konnte. Und dann lebte Gerd auch noch in Bremen und damit in Annas Stadt – zumindest in der Stadt, in der Anna sich, soweit Klaus wusste, vornehmlich aufhielt, wenn sie ausnahmsweise mal nicht auf den sieben Weltmeeren unterwegs war.
Kaja war begeistert. Endlich kümmerte er sich mal wieder um soziale Kontakte. Und dann sogar um jemanden, den sie noch nicht kannte! Keiner aus ihrem alten Leben in Hannover, sondern ein neuer Freund! Doch je näher der Termin rückte, desto unwohler fühlte Klaus sich. Das, was er im ersten Moment als reizvoll empfunden hatte, kam ihm nun gefährlich vor, und die Nähe, die durch eine persönliche Begegnung entstehen würde, drohte zum Verlust der verlässlichen Nähe zu werden, die NORDLICHT39 und er selbst, Klaus alias ABENDSTERN, in dem Forum hatten. Was, wenn er Gerd nur anonym und aus der sicheren Distanz interessant fand? Was, wenn er ihm gegenüberstand und merkte, dass er ihn nicht mochte? Was, wenn Gerd seltsame politische Ansichten hatte? Wenn er vielleicht sogar eine Art Verschwörungstheoretiker oder Reichsbürger war? Hatte er nicht einmal geschrieben, dass er die Schweiz bewundere und es unmöglich finde, wie die Bürger in Deutschland gegängelt und die Reichen besteuert wurden? Grundsätzlich konnte Klaus diese Haltung gut verstehen – schließlich waren es ganz ähnliche Gründe gewesen, warum er selbst vor zwanzig Jahren in die Schweiz emigriert war –, aber es gab in dieser Frage eine sensible Grenze, und sobald man die überschritt, befand man sich in einem unguten Umfeld. Und wollte er, dass Gerd erfuhr, dass er und Kaja in einem großen Haus mit einem großen Pool auf einem großen Grundstück mit Bodenseeblick in der – abgesehen von Zürich und dem Genfer See – teuersten Lage der Schweiz wohnten? Wollte er, dass Gerd erfuhr, dass er Klaus Werner war, der ehemalige Inhaber von Werner Optik und er die Firma, die sein Vater 1949 gegründet hatte, 2003 für fünfzehn Millionen Euro verkauft hatte? Dass er sich von dem Geld mit neunundfünfzig zur Ruhe gesetzt und anschließend nichts anderes mehr gemacht hatte, als Tennis zu spielen, zu segeln, an der Börse zu spekulieren, im Garten zu wühlen und seine demente Mutter zu pflegen? Nein, das wollte er ganz bestimmt nicht!
Am Tag bevor Gerd alias NORDLICHT39 anreiste, meldete Klaus sich krank. Inzwischen hatten sie Handynummern ausgetauscht und zur Planung der zwei Tage am Bodensee bereits eine rege Konversation gestartet: Link zum Restaurant, Hafenmarkierung, Hotelempfehlungen, Link zum Archäologischen Landesmuseum, in dem es auch eine Abteilung zu Schifffahrt gab. Doch dann schickte Klaus Gerd eine Nachricht, in der er behauptete, ihn hätte ein schwerer Infekt erwischt – eine Sommergrippe oder sogar zum dritten Mal Covid. Fieber, Schüttelfrost, Husten, Schnupfen. Dazu mehrere Emojis, die seinen Zustand bebilderten. Kaja gegenüber behauptete Klaus hingegen, Gerd habe abgesagt. Seine Schwester sei unerwartet gestorben, und er habe die Reise ins Tessin komplett gecancelt.
Die Bestätigung, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich nicht mit Gerd zu treffen, folgte auf dem Fuß, denn Gerd zeigte sich angesichts der Absage zwar sehr verständnisvoll – »Dommage! Gute Besserung! Dann das nächste Mal, wenn wir in der Gegend sind. Oder ihr bei uns in Bremen!« –, konnte es sich aber auch nicht verkneifen, eine zweite Nachricht hinterherzuschicken: »Covid? Du glaubst doch nicht etwa immer noch an dieses Märchen?« Jetzt, wo es raus war, überraschte es Klaus nicht – er erinnerte sich, wie Gerd während der Pandemie immer wieder Andeutungen gemacht hatte: »Frische Luft hilft!« oder: »Die Menschen müssen mehr segeln, dann werden sie auch weniger krank« –, aber die Heftigkeit schockierte ihn.
Im Tessin war Gerd dann auf die Idee gekommen, die Pläne für die Rückreise zu ändern – eigentlich hatte er vorgehabt, über Baden-Baden wieder zurück nach Bremen zu fahren – und den Besuch spontan nachzuholen, und daher war Klaus zu noch einer Lüge gezwungen gewesen. Inzwischen hatte er sich von seiner Sommergrippe zwar wieder erholt, hatte aber »leider keine Zeit, weil wir da unseren Sohn Stefan und unsere Enkel in München besuchen«.
Seitdem hatte es keine weiteren WhatsApps mehr zwischen ihnen gegeben und auch keine weiteren Versuche, sich gegenseitig zu besuchen – und Klaus spürte, dass das Verhältnis zu Gerd alias NORDLICHT39 auch in der Gruppe deutlich abgekühlt war.
Entgegen seiner Gewohnheit, mindestens eine halbe Stunde im Forum nach interessanten neuen Themen – oder wie Stefan nicht müde wurde ihm immer wieder zu sagen: »Papa, es heißt Threads!« – zu stöbern, blieb Klaus heute nur ein paar Minuten. Er bedankte sich bei Siggi16 für den Kommentar zu dem Fernglashalter, schickte einen Link zu einem bekannten Holzbau-YouTube-Channel, in dem genau die Zapfenverbindung, die er gewählt hatte, als »derKlassiker für filigrane Bretter« beschrieben wurde, und gab einen anerkennenden Kommentar zu Sailaway forevers frisch fertig restaurierter »Dritt-Jolle« ab.
Dann loggte er sich aus dem Segelforum wieder aus, klappte den Laptop zu und verließ das Büro.
Im Wohnzimmer griff er nach der NZZ, legte sich aufs Sofa und begann zu lesen, obwohl er wusste, dass es besser wäre, es nicht zu tun.
Krieg. Aufrüstung. Unsicherheit. USA. Israel. Iran. Russland. China. Europa im Zerfall. Ein Volksbegehren, ob die Schweiz noch mehr F-35-Kampfflugzeuge produzieren solle. Die Ankündigung, dass Deutschland endlich wehrfähig werden müsse. Die Angst der Polen vor einem russischen Überfall. Das Jahr 2023 war das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Die Immobilienpreise stagnierten. Die Wirtschaft befand sich weiter in der Abwärtsspirale. Künstliche Intelligenz übernahm ganze Branchen.
Manchmal lag er nachts wach, nachdem er das dritte Mal hatte pinkeln müssen, griff nach seinem Handy und verschlang Katastrophenmeldungen.
Es gab einen Nachbarn, mit dem er einige Zeit zusammen im Gemeinderat gesessen hatte, der sein gesamtes Vermögen in Gold und Silber angelegt hatte und der seit Jahren vom Untergang sprach. Davon, dass die Wirtschaft schon bald kollabieren werde – auch und gerade hier in der Schweiz – und dass es nun darum gehe, Vorsorge für den großen Knall zu treffen.
Er legte die Zeitung beiseite, schloss die Augen, atmete tief ein und dann wieder aus.
Er versuchte, an etwas anderes zu denken als an die Katastrophen der Welt, mit dem zweifelhaften Ergebnis, dass er daran dachte, was ihm vorhin beim Schwimmen widerfahren war. Es beunruhigte ihn zutiefst. Zwar versuchte er sich einzureden, dass die Behauptung Kaja gegenüber – »Ich dachte, es käme noch eine Stufe, da bin ich abgerutscht« – nicht nur eine Ausrede war, denn immerhin war er danach ja ohne Probleme zehn Bahnen geschwommen, aber er glaubte es sich selbst nicht. Einen Moment lang hatte sein Körper vergessen, was er tun musste, um über Wasser zu bleiben.
Nun griff er doch wieder nach der Zeitung, blätterte weiter.
Passend zur Weltlage beschäftigte sich das heutige Dossier der NZZ mit dem weltweiten Bunkerboom. Der private Schutzraum wurde zum neuen Standard. Keine neue Luxusimmobilie mehr, die ohne Bunker gebaut wurde. Und die Menschen, die es sich nicht leisten konnten, ließen sich strahlengeschützte Container in den Garten setzen oder verbuddelten sie sogar selbst.
Auf der dritten Seite des Dossiers ging es um einen Schweizer Unternehmer slowakischer Herkunft aus Zürich, der sich mit seiner Firma mit dem sprechenden Namen Castrum auf den Bau von Luxusbunkern spezialisiert hatte. Der Mann hieß Daniel Szabo. Er war Anfang vierzig. Er sah sympathisch aus. Kompetent. Und in dem Interview, das eine ganze Seite einnahm, sagte er kluge Sätze. »Um uns von diesen krisenhaften Zeiten nicht verrückt machen zu lassen, brauchen wir einen Ort, an dem wir uns sicher fühlen können. Unsere Bunker sind ein solcher Ort. Selbst wenn sie nicht zum Einsatz kommen, können sie zu einer inneren Zuflucht werden.«
Klaus stand vom Sofa auf und ging mit der Zeitung in sein Arbeitszimmer.
Er googelte die Firma und schaute sich die Webseite von Castrum an. Die Bilder waren atemberaubend. Riesige unterirdische Bunker, die wirkten wie fensterlose Suiten in Luxushotels. Je nach Ausführung mehrere Schlafzimmer, Pool, Kräutergarten mit UV-Bestrahlung. Sogar eine Empfangshalle, eine Kunstgalerie, ein Kino und ein Fitnessraum waren in dem teuersten Paket enthalten, knapp sechshundert Quadratmeter Wohnraum in sieben Metern Tiefe! Alles nach höchsten Design-Maßstäben eingerichtet. Und alles komplett autark, Wasser, Sauerstoff, Strom. Angeblich konnte man sich bis zu einem Jahr darin aufhalten. Das Luxusmodell kostete fünfzig Millionen Euro.
Mehrfach schaute Klaus sich das Werbevideo an. Es war wie eine Satire auf die totale Dekadenz. Gut aussehende, gut angezogene, durchgehend lächelnde Darsteller. Ein Mann Mitte siebzig, der sich eine Zigarre ansteckte. Whisky an der Bar. Die ganze Familie gemeinsam unter Tage. Drei Generationen vereint. Gemeinsam geschützt, dank Castrum. Das Video stieß ihn ab, aber zugleich zog es ihn auch an. Er stellte sich vor, wie es wäre, dort unten zu leben, während überirdisch das Chaos herrschte.
Keine Sonne. Kein Föhn. Keine Insekten. Keine Nachbarn. Keine Hunde. Keine Rasenroboter. Kein Pool. Kein Segelforum.
Keine Angst mehr.
Stattdessen fensterlose Stille. Geborgenheit.
Er merkte, wie sein Atem ruhig wurde bei der Vorstellung. Er ertappte sich bei dem Gedanken, hinunter in den Keller zu gehen, die alte Luftmatratze aufzupumpen und in der Waschküche einen Mittagsschlaf zu machen. Währenddessen klickte er sich durch die kleineren Bunkervarianten von Castrum. Zwei oder drei Räume, die nachträglich an den Keller angeschlossen werden konnten. Bestimmt auch kein Schnäppchen, aber was war das heutzutage schon?
Die Schweiz war das einzige Land auf der Welt, das im Kriegsfall jedem Einwohner einen Platz in einem Bunker garantierte. Entsprechend wurde der Bunkerbau von den Gemeinden steuerlich gefördert – je größer, desto mehr Förderung –, und wenn man es geschickt anstellte, konnte man seine Baukosten dadurch deutlich reduzieren. Im Gegenzug verpflichtete man sich dazu, im Kriegsfall die Sammelbunker innerhalb von vierundzwanzig Stunden leer zu räumen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.
Als sie vor zwanzig Jahren das Haus hier gebaut hatten, hätten auch sie die Möglichkeit gehabt, ihren Keller durch einen Bunker zu erweitern. Entweder einen kleinen nur für den engsten Familienkreis oder einen Sammelbunker mit bis zu vierzig Plätzen für die gesamte Nachbarschaft.
Aber Krise und Krieg waren vor zwanzig Jahren noch reichlich abstrakt gewesen. Außerdem hatte Klaus schon damals die Vorstellung, dass auf einmal alle Nachbarn bei ihnen einfielen, sie sich gemeinsam auf Liegen quetschen mussten und er gezwungen sein würde, vor allen anderen aufs Klo zu gehen, als Horror empfunden. Heute war es für ihn vollkommen unvorstellbar. Lieber würde er zu Atomstaub zerfallen.
Hinzu kam die praktische Umsetzbarkeit. Er kannte Sammelbunker in der Nachbarschaft, die zu Weinkellern umfunktioniert worden waren, in denen Tischtennisturniere veranstaltet wurden oder die zu einem unterirdischen Auslagerungsbereich des eigenen Lebens geworden waren. Kinderspielzeug, Bücher, Möbel, eingemachte Marmeladen. Er hatte sogar von einem Vierzig-Personen-Bunker gehört, in den der Hausbesitzer eine Kegelbahn gebaut hatte. Aber selbst wenn diese Bunker schnell genug leer geräumt werden würden, wie lange würde man es in diesen kahlen Dingern aushalten? Eine Woche? Zwei? Und was wäre mit der Angst? Vermutlich wäre sie schlimmer denn je.
Nein, wenn er einen Bunker wollte, dann einen eigenen, in dem man zur Not auch ein paar Monate verbringen konnte. Und wenn schon nicht einen Bunker mit allen Annehmlichkeiten inklusive eines Kräutergartens, so doch mit einer abschließbaren Toilette.
Noch einmal betrachtete Klaus das Foto von Daniel Szabo. Ein guter, klarer Blick. Selbstbewusst. Ein Unternehmer, der seine Bestimmung gefunden hatte.
Er nahm das Dossier aus der Zeitung heraus, packte es in seine Schreibtischschublade und ging wieder hinunter ins Wohnzimmer.
Als er die Haustür hörte, stellte er mit Schrecken fest, dass er auf dem Sofa eingeschlafen war, was bedeutete, dass nicht nur er selbst immer noch herumlag, sondern auch all die Dinge, die nach der Benutzung nicht mehr den Weg zurück an die Orte gefunden hatten, an die sie eigentlich gehörten.
Aber er hatte Glück, denn Kaja rief nur ein kurzes »Hallo, da bin ich wieder!« in die Tiefen des Hauses und zog dann die Badezimmertür hinter sich zu. Er sprang auf und räumte die Zeitung weg, das leere Schüsselchen, aus dem er das Studentenfutter gegessen hatte, das Glas, die Kaffeetasse, den Zucker und den Joghurtbecher.
Nun würde er so tun, als ob er gerade dabei wäre, endlich die CDs im Wohnzimmer um die von Kaja eingeforderten zwei Drittel zu reduzieren, um anschließend die aussortierten CDs – nämlich diejenigen, die er Kajas Maßgabe zufolge seit mindestens einem Jahr nicht mehr gehört hatte – an ein Konstanzer Antiquariat zu spenden. Doch Klaus hätte den Verlust keiner einzigen seiner gut tausend CDs ertragen können, ganz egal, ob er sie ein Jahr oder sieben Jahre nicht gehört hatte. Und aus diesem Grund verteilte er die aussortierten CDs in Wirklichkeit nur innerhalb des Hauses um, zum Beispiel indem er sie heimlich ins Büro im ersten Stock wandern ließ, wo er sie in Schubladen, hinter Regalen, in leeren Ordnern oder auf den Aktenschränken versteckte. Oder gleich oben auf den Dachboden, der schon voller Kartons mit vermeintlich aussortierten CDs und Büchern war.
Sein Glück im Pech hielt an. Als Kaja aus dem Bad kam, klingelte ihr Handy. Telefonierend ging sie in den Garten, lachte ihr schönes Kaja-Lachen und spazierte in Richtung der Eiche. Also ein längeres Telefonat, und da ein längeres Telefonat bei Kaja ohne Weiteres eine halbe Stunde dauern konnte, hatte er genug Zeit gewonnen, um noch ein bisschen etwas zu tun, damit es am Ende so aussah, als hätte er die ganze Zeit etwas getan.
Er ging zu dem Regal neben der Anlage und packte einen ganzen Karton voller CDs.
Als er auf dem Weg nach oben an der Kellertreppe vorbeikam, hielt er inne.
Er blieb stehen und schaute hinunter.
Die Dunkelheit zog ihn an. Die Stille. Die Kühle.
Er stellte sich vor, wie es wäre, dort unten einen eigenen Raum zu haben, fensterlos und klimatisiert. Mit einer dicken Stahltür, die er hinter sich zuziehen konnte. Er stellte sich vor, wie er in diesem strahlengeschützten Raum in einem Sessel saß und eine seiner tausend CDs hörte. Die Klaviersonaten 19 bis 21 von Schubert, gespielt von Alfred Brendel. Oder die Klavierkonzerte von Beethoven, gespielt von Martha Argerich – zurückgelehnt und mit geschlossenen Augen.
Mindestens eine halbe Minute stand er am Treppenabsatz und starrte in das dunkle Keller-Rechteck. Dann hob er den Kopf und stieg, den Karton mit den CDs unter dem Arm, seufzend die Stufen zu seinem Arbeitszimmer hinauf.
»Ich mache eine Bewegung mit der Hand«, sagte Kaja, »dann ziehst du die Abdeckung herunter.«
Sie waren in der kleinen Garage neben der Werkstatt. Das Tor stand offen, trotzdem waren die Neonleuchten an. Kaja hielt ihr Handy vor ihr Gesicht. Sie tippte mit dem Daumen auf das Display, hob dann ihre Hand und nickte.
Klaus griff nach der Abdeckhaube, die angeblich zwar regendicht war, sich aber anfühlte wie aus Seide, und zog sie schwungvoll von dem Rasentraktor. Am Lenkrad blieb die Haube mit einer Ecke hängen, doch mit einem zweiten Ruck löste sie sich, und der Rasentraktor stand nun in seiner ganzen glänzenden Pracht in dem Mischlicht aus kaltem Neon und der warmen Frühlingssonne, die durch das Garagentor hereinfiel.
Kaja machte eine Geste mit der linken Hand, die Klaus so interpretierte, dass er sich näher an den Traktor heranbewegen sollte. Er machte einen Schritt darauf zu, den Blick in Richtung Kamera gewendet. Er zögerte kurz, dann legte er seine Hand auf die Lehne und versuchte zu lächeln.
»Sehr schön!«, sagte Kaja, nachdem sie erneut auf das Display getippt hatte. »Nun mache ich noch ein paar Fotos von dir und dem Traktor im Garten und zum Abschluss noch ein Video, wie du mähst.«
Er startete den Motor, setzte einen halben Meter zurück und fuhr dann langsam aus der Garage.
Auf dem Traktor fühlte sich Klaus wie auf einem fahrenden Thron. Zugleich hatte er die Anmutung eines Formel-1-Wagens. In der Mitte des sportlichen Lenkrads war ein Display eingelassen, auf dem man alle wichtigen Funktionen steuern konnte. Der Traktor verfügte über zwei Scheinwerfer und beschleunigte von null auf dreizehn Stundenkilometer innerhalb von eineinhalb Sekunden. Der Antrieb lief über sechs Zwölf-Ampere-Akkus, und bei voller Ladung konnte man laut Hersteller einen Rasen von zehntausend Quadratmetern mähen. Die Typenbezeichnung des Wundergeräts lautete Ego Z6 Zero Turn, und der Name war Programm. Es war möglich, sich mit dem Traktor komplett um die eigene Achse zu drehen, wie ein Eiskunstläufer.
Der Rasentraktor war bereits vor zwei Wochen von einer Spedition geliefert worden, hatte jedoch bisher nur versteckt unter der Abdeckhaube gestanden. Ab und zu hatte Klaus die Haube entfernt und sich probehalber auf den wuchtigen Ledersitz gesetzt. Er hatte nach dem Lenkrad gegriffen und schon mal vorgefühlt. Der Sitz kam ihm bequemer vor als jeder Sessel, den sie im Haus hatten. Schon in der Garage darauf zu sitzen und gegen die Wand zu starren, hatte Klaus glücklich gemacht, wie würde es dann erst sein, wenn er damit mähte? Kein Rasenroboter wie seine Nachbarn, der bei seinem wilden, englischen Garten sowieso keine Chance gehabt hätte. Aber auch kein mühsamer Gang mehr mit dem Handmäher, mit dem das Mähen trotz der Schnittbreite von zweiundsechzig Zentimetern viereinhalb Stunden dauerte und mindestens fünfzehntausend Schritte erforderte, eine anstrengende Wanderung, von der er noch am Folgetag vollkommen erschöpft war. Stattdessen würde er nun thronend auf dem schwarzen Ledersessel fast lautlos und ohne Abgase durch den Garten cruisen und die ganze Arbeit vermutlich innerhalb von weniger als zwei Stunden erledigen. Er konnte es kaum erwarten.
Eigentlich war der Rasentraktor das gemeinsame Geschenk von Kaja und den Kindern zu Klaus achtzigstem Geburtstag. Doch da sein Geburtstag für die Gartensaison äußert ungünstig auf dem 25. September lag, hatten sie sich darauf geeinigt, dass er den Rasentraktor schon im Voraus bekam, um dann am ersten richtigen Frühlingstag seinen ersten Rasenschnitt damit zu machen. Und heute war dieser erste Frühlingstag, auch wenn es Klaus nach wie vor wie ein falscher Frühling vorkam.
Eine besondere Tücke des Geschenks lag darin, dass es nicht nur kein Geschenk von Kaja und den Kindern war, weil Anna davon ja überhaupt nichts wusste, sondern dass es genau genommen gar kein Geschenk war. Der Rasentraktor hatte inklusive der Akkus gut siebentausend Schweizer Franken gekostet. So wie er Stefan kannte, der ständig über die hohen Lebenshaltungskosten klagte – die monatlichen Raten für das Haus und für die Praxis, die neuen medizinischen Geräte, die drei Kinder, die ihnen die Haare vom Kopf fraßen – und der zudem schon immer geizig gewesen war, hatte er höchstens fünfhundert Euro dazugegeben. Jonas, Stefans jüngerer Bruder, der in Berlin in einer völlig unklaren – und aus Klaus’ Sicht spätestens nach der Scheidung von Lilya sogar prekären – Existenz als freier Autor lebte, hatte, wenn überhaupt, einen symbolischen Beitrag geleistet. Also kam der Großteil der siebentausend Franken von Kaja. Und alles, was von Kaja kam, kam von ihm selbst. Der Rasentraktor war also letztlich ein Geschenk, das er sich selbst gemacht hatte, damit Kaja und die Kinder – die in diesem Fall nur seine beiden Söhne waren – das Gefühl haben konnten, ihrem Mann und Vater eine angemessen große Gabe zu seinem großen, runden Geburtstag hatten zuteilwerden lassen.
Kaja hatte all das genau geplant. Und sollte Anna sich eines Tages wider Erwarten doch noch einmal bei ihnen melden, würde Kaja es vermutlich noch schaffen, auch sie im Nachhinein mit einem symbolischen Betrag mit in das große Rasentraktor-Boot zu holen, wofür sie das Video von der Garagen-Enthüllung bekäme und die Fotos und Videos, die nun noch gemacht werden würden.
Der Rasentraktor fuhr sich wie ein Luxuswagen, schnell, wendig, weich, leise. Mit ausgeschaltetem Mähwerk steuerte Klaus sein neues Gefährt zwischen den Hartriegel-Sträuchern hindurch und glitt den Hügel in Richtung Pool hinunter. An der steilsten Stelle bremste er testweise, und der Ego Z6 Zero Turn blieb wie festgetackert stehen. Er fuhr einen Meter weiter, bremste erneut und fuhr wieder weiter. Es war erstaunlich. Trotz der starken Steigung konnte er sich problemlos mit dem Traktor fortbewegen.
»Dorthin«, rief Kaja.
Er steuerte auf die Birke zu, wendete und nahm den Fuß vom Gas.
»Du machst dich gut darauf«, sagte Kaja und lachte.
»So?«, fragte Klaus und versuchte, den Gesichtsausdruck eines stolzen Feldherrn zu imitieren.
»Vielleicht noch ein bisschen lächeln.«
Er lächelte ein wenig gezwungen.
»Sehr schön!«, sagte Kaja.
Sie machte Fotos.
»Und jetzt noch ein Video.«
»Wie ich fahre?«
»Ja. Und mähst.«
Und Klaus mähte.
Er setzte den wichtigen ersten Rasenschnitt der Saison mit seinem neuen Spielzeug. Seinem Geburtstagsgeschenk. Von dem es letztlich keine Rolle spielte, ob er es sich selbst gemacht hatte oder Kaja und dieKinder oder nur Kaja und Stefan und Jonas – oder ob es am Ende sein Vater war, dem er alles verdankte, was er hatte: das Haus, das Grundstück, das viele Geld.
Das Mähen war eine Offenbarung, und er fragte sich, wie es sein konnte, dass er all die Jahre all die Mühsal auf sich genommen hatte, diesen großen, wilden, unwegsamen Garten zu Fuß zu stutzen.
Die Angst, die am Morgen auf dem Balkon noch so deutlich spürbar gewesen war, war mit einem Mal verschwunden. Der Föhn war nicht länger bedrohlich, die Vögel zwitscherten nicht mehr wild durcheinander, sondern sie sangen. Die bedrückenden Nachrichten über die Krisen in der Welt waren nicht viel mehr als das, was sie immer gewesen waren: Meldungen, die keinen wirklichen Einfluss auf sein Leben hatten. Sogar die Panik beim Schwimmen war in weite Ferne gerückt, beinahe so, als ob sie nicht heute, sondern irgendwann in seiner Kindheit stattgefunden hätte.
Er fühlte sich eins mit dem Gerät, das exakt das machte, was er von ihm verlangte. Er umkurvte die Sträucher. Steuerte auf die alte Eiche zu, bremste, fuhr rückwärts, drehte sich auf der Stelle, mähte den schmalen Bereich zwischen den Rosen und dem Hartriegel und steuerte auf das Schilf zu, das den kleinen Teich umgab.
Doch dann war da plötzlich etwas in der Luft. Ein seltsames Geräusch. Ein Zischen, direkt über ihm, aber zugleich überall. Er hob den Kopf, während er sich instinktiv duckte. Das Zischen wurde lauter, schwoll wie im Zeitraffer an und verschluckte alle anderen Geräusche. Und dann wurde es mit einem Mal zu etwas Großem, Bösem, und ein Kampfjet schoss direkt über das Grundstück, machte eine Wende über dem See und flog wieder zurück ins Landesinnere.
All das vollzog sich in gerade mal einer Sekunde, aber Klaus kam es so vor, als ob der Tag von Anfang an auf diesen einen Moment hingearbeitet hätte. Als ob dieser Angriff – denn genau das war es: ein Angriff! – bereits in dem Föhn angelegt gewesen war, dem falschen Frühling, dem feindlichen Wasser und den schlechten Nachrichten aus aller Welt.
Klaus schnappte nach Luft. Er klammerte sich an das Lenkrad. Er versuchte sich aufzurichten. Versuchte, von dem Rasentraktor abzusteigen, um Luft zu holen. Aber seine Brust war wie von einem Eisenring umspannt. Sein Atem kollabierte, und sein Herzschlag setzte aus, einmal, zweimal, dreimal. Er wollte nach Kaja rufen. Er brauchte Hilfe! Doch er hatte keine Stimme mehr. Und für Hilfe war es zu spät. Denn im selben Moment fiel das Universum in sich zusammen, und alles wurde schwarz.
Es war ein wunderschöner Morgen. Frühling. Die Sonne blinzelte durch die Zweige vor dem Fenster. Die Vögel zwitscherten. Der Berliner Straßenverkehr befand sich noch im samstäglichen Dämmerschlaf. Es waren perfekte Bedingungen. Jonas saß mit seinem Laptop auf dem Schoß im Bett, die Beine ausgestreckt, den Rücken gegen die Wand gelehnt, und betrachtete das weiße Word-Blatt, rechts unten die Seitenzahl: 569.
Passend zur Jahreszeit würde er endlich ein neues Kapitel anfangen, einen neuen Teil. Den letzten Teil. Schlussspurt.
Er war früh aufgewacht. Um keine*n seiner sieben Mitbewohner*innen zu wecken, hatte er sich durch die langen Gänge der riesigen Fabriketagen-WG aufs Klo geschlichen und anschließend in die Küche. Er hatte die große Espressokanne ganz hinten aus dem Schrank geholt und sich einen Kaffee gekocht.
Am Abend hatte er extra noch ein bisschen aufgeräumt. Er hatte die Umzugskartons zugemacht und übereinandergestellt, die Bierflaschen in Dreierreihen zwischen die Böcke des Schreibtischs geschoben, die Bücher aufrecht an die Wand gestellt und die dreckige Wäsche in den grauen Müllsack gestopft, den er seit einem halben Jahr dafür benutzte.
Nun schaute er vom Bett aus auf die ordentlich gestapelten Kartons, die leer geräumte Tischplatte und die Buchrücken auf dem Boden.
Natürlich wirkte es immer noch provisorisch. Aber mehr sollte es ja auch nicht sein: ein Übergang zu etwas Neuem, Besserem, Stabilerem.
Er trank einen Schluck Kaffee. Stellte die Tasse wieder ab.
Er schaute zum Fenster. Beobachtete zwei Tauben, die in dem Ahorn saßen.
Seine Hände lagen auf dem kühlen Aluminium des Laptops unterhalb der Tastatur.
Er wartete. Darauf, dass der Satz kam, mit dem er das neue Kapitel beginnen konnte, der Startschuss zum Schlussspurt.
Aber er kam nicht.
Mindestens eine Viertelstunde saß er so.
Schließlich seufzte er und bewegte sich ein paar Kapitel zurück zu einer älteren Baustelle, an der er schon seit ein paar Wochen immer mal wieder arbeitete.
Er löschte ein bisschen, formulierte einen Satz um und setzte einen Punkt. Der Satz fühlte sich richtig an. Stimmig. Er hängte zwei neue Sätze daran und fügte eine Leerzeile ein. Er las mit halblauter Stimme, was er gerade geschrieben hatte. Es war gut. Besser als vieles, was er in den Wochen und Monaten zuvor zustande gebracht hatte.
Zufrieden öffnete er den Browser und tat das, was er sich inzwischen nur noch zweimal pro Woche erlaubte: Er googelte nach seinem Namen und nach seinem Debütroman, der acht Jahre zuvor erschienen war.
Jonas Werner, Die Delinquenten.
Er fand drei neue Amazon-Bewertungen. Zuvor waren es 479 gewesen, nun 482. Leider waren alle ohne Text, aber was die Sterne anging, durchaus brauchbar. Einmal fünf, zweimal vier. Sein Sterneschnitt lag stabil bei 4,3.
Er scrollte in den Google-Ergebnissen weiter runter, überflog noch einmal ein paar der alten Presse-Rezensionen, obwohl er sie alle auswendig kannte. Die Hymne aus der FAZ, die sehr positive Besprechung aus der Süddeutschen und die ein wenig väterlich lobende aus der ZEIT, die aber dafür viele zitierfähige Sätze enthielt. Zum Schluss noch die von Spiegel Online, die seine Lieblingsrezension war, weil er das Gefühl hatte, dass sie den Kern seines Romans am besten erfasste.
Er landete bei einem Video. Jonas Werner auf der Frankfurter Buchmesse auf dem Blauen Sofa. Er blieb dabei hängen und war erstaunt, was für viele kluge, wohlformulierte Sätze er gesagt hatte, an die er sich überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Er ging zur Seite des Deutschen Buchpreises. Betrachtete das Cover seines Romans auf der Longlist. Anschließend wechselte er zur Bildersuche. Preisverleihung Mara-Cassens-Preis. Nominierung Bayerischer Buchpreis. Sein Roman auf Englisch, Französisch, Italienisch.
Anfangs hatte er schlicht aus Zeitmangel nichts Neues angefangen. Lesereisen. Einladungen von Goethe-Instituten. Partys. Beiträge zu Anthologien. Lilyas Schwangerschaft. Die Geburt von Mika.
Ein Jahr, zwei Jahre, zweieinhalb Jahre.
Nach der Zeitmangel-Phase hatte es eine kurze Euphorie-Phase gegeben. Er hatte sich förmlich in den neuen Roman hineingestürzt und wie in einem Rausch in wenigen Monaten mehrere Hundert Seiten geschrieben. Aber wie bei einem Rausch so üblich, war bald darauf die Ernüchterung gefolgt. Denn mit dem neuen Projekt hatten auch die Erwartungen angeklopft, den alten Erfolg mindestens noch einmal wiederholen, wenn nicht gar übertreffen zu müssen.
Damit hatte die lange, ermüdende Phase des Drucks eingesetzt. Schreiben gegen den Widerstand. Sich etwas abzwingen, das eigentlich nicht da war. Auf das weiße Word-Blatt starren. Mit durchgestreckten Fingern die Tastatur bearbeiten wie mit bloßen Händen einen Steinbruch.
Mitten in diese Phase war die Trennung von Lilya gekommen, und der Druck war zur Lähmung geworden. Und nun? Seit der Eigenbedarfskündigung der Wohnung, dem Einzug in das Übergangs-WG-Zimmer und dem vergeblichen Versuch, eine neue, dauerhafte Bleibe zu finden, befand er sich in der Zerstörungsphase, in der er höchstens mal ein bisschen was umschrieb, aber eigentlich nur noch löschte.
Das waren also seine letzten acht Jahre gewesen: Zeitmangel, Euphorie, Druck, Lähmung, Zerstörung.
Aber heute war ein neuer Tag. Ein guter Tag!
Frühling!
Und das war ja das Tolle am Beruf des Schriftstellers: Jeder Tag bot eine neue Chance! Ja, mehr noch, jeder Satz. Jedes Wort. Jeder Buchstabe! Jeder kleine Flow konnte zu einem großen Flow führen! Drei Wörter zu einem ganzen Roman. Man konnte jahrelang nichts zustande bringen, und dann kam plötzlich der Durchbruch. Der große Wurf. Catcher in the Rye. Das Parfum. Madame Bovary. Die Verwandlung. The Great Gatsby. Das Einzige, was man dafür tun musste, war dranbleiben. Und er blieb dran, verdammt noch mal!
Entschlossen klickte er den Browser weg, und die Word-Seite erschien wieder auf dem Bildschirm.
Erwartungsvoll las er den Satz, den er zwanzig Minuten zuvor umgeschrieben hatte. Aber aus irgendeinem Grund hatte er den Zauber verloren. Und die drei Sätze, die er an ihn herangehängt hatte, waren einfach nur schlecht. Holprig. Banal. Ohne Emotion. Tot.
Er setzte sich aufrecht. Er spannte seine Bauchmuskeln an.
Er begann noch einmal von vorne. Feilte an dem Ursprungssatz. Fand ihn zwischendurch ziemlich gut, richtig gut sogar, formulierte ihn dann trotzdem noch einmal ein wenig um, fand ihn schlecht, richtig schlecht sogar, kehrte wieder zu der vormals richtig guten Zwischenversion zurück, die ihm nun jedoch vollkommen misslungen vorkam – und fing noch einmal ganz von vorn an.
Und schließlich – wie viel Zeit war inzwischen vergangen? Eineinhalb Stunden oder sogar zwei? – löschte er auch den Ursprungssatz ganz und den gesamten Absatz drumherum ebenfalls.
Nun war der Morgen bereits weit fortgeschritten. Der Verkehr war lauter geworden. Die Vögel zwitscherten dagegen an. Die WG war erwacht.
Jonas stellte den Laptop beiseite und legte sich hin. Einen Powernap und dann noch mal mit frischer Energie von vorn. Dorthin zurück, wo er eigentlich hatte beginnen wollen. Mit dem neuen Kapitel. Dem letzten Teil. Dem Schlussspurt!
Als er nach einer guten Stunde aufwachte, hatte er Kopfschmerzen und musste pinkeln. Er ging zur Tür und lauschte. In den Fluren der WG war viel los. Sehr viel.
Alle waren wach. Alle liefen zwischen der Küche und ihren Zimmern hin und her. Das war selbst für einen Samstag ungewöhnlich. Was machten sie alle hier? Warum waren sie alle miteinander im Kontakt? Riefen, lachten? Und jetzt hatte auch noch jemand Musik in der Küche angemacht!
Ihm fiel ein, dass Josi letztens gesagt hatte, dass sie doch mal wieder alle gemeinsam frühstücken sollten. War das vielleicht heute? Hatte sie Samstag gesagt? Er wusste es nicht mehr.
Er griff nach seinem Smartphone und wischte sich zu der WG-WhatsApp-Gruppe, die in aufdringlichen Versalien ETAGE hieß.
Er suchte »breakfast« und fand es zwei Wochen zuvor, geschickt von Bee, selbst ernannte Videokünstlerin, achtundzwanzig und – wie sollte es anders sein?! – bi.
Hey folks! Big Breakfast on the 14th of April?
Alle hatten geantwortet – great idea, I’m on it, yeah, cool, think I can, I’ll text again on monday etc. –, nur er nicht.
Seine Blase drückte. Seit ein paar Jahren musste er ständig aufs Klo, und ab einem gewissen Grad war der Harndrang kaum noch auszuhalten. Lilya hatte ihn noch vor der Trennung dazu überredet, zu einem Urologen zu gehen, und der hatte eine für sein Alter deutlich vergrößerte Prostata diagnostiziert. Ihm waren Tabletten verschrieben worden, deren Nebenwirkungen drei klein bedruckte Seiten auf der Packungsbeilage ausmachten, inklusive Schwindel, Bluthochdruck, Schlaflosigkeit und Erektions- und Ejakulationsstörungen. Und da auch die Kapseln mit Kürbissamenextrakt nichts gebracht hatten, musste er mit dem verstärkten Harndrang leben.
Und jetzt musste er pinkeln!
Aber wenn er jetzt pinkeln ging, würde ihn eine*r seiner Mitbewohner*innen auf dem Gang zu fassen bekommen und zu dem gemeinsamen Frühstück in die Küche zwingen. Und alles, was dann passierte, entzog sich komplett seiner Kontrolle.
Das war seine bittere Realität. Er zahlte für ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer sechshundert Euro und traute sich nicht, aufs Klo zu gehen. Er hatte das Gefühl, in einem Kriegsgebiet zu leben. Überall lauerten Bedrohungen. Die Etage war riesig und unübersichtlich, und sein winziges Zimmer lag mittendrin. Egal, wohin er sich bewegte, jederzeit konnte eine*r seiner Mitbewohner*innen plötzlich aus einer der unzähligen Türen springen und ihn attackieren. Ihn grüßen, anlächeln, ihm Fragen stellen, ihn in ein Gespräch verwickeln. Aber über was sollte er mit ihnen sprechen, außer über das letzte Plenum, das er mal wieder verpasst hatte, und seine mangelnde Beteiligung am Putzplan? Sie hatten keine gemeinsamen Themen. Er hatte einen Sohn im schulpflichtigen Alter, er war nicht bei Instagram oder TikTok und hatte, wenn überhaupt, nur ein recht oberflächliches Interesse am intersektionalen Feminismus, war nicht linksautonom und nicht einmal polygam – auch wenn er sich mit Letzterem durchaus hätte anfreunden können. Er nahm keine Drogen – nicht mehr –, er ging nicht auf Partys – nicht mehr –, nicht in Clubs – nicht mehr – und auf keine Demos – auf die war er nie gegangen.
Stattdessen hockte er den ganzen Tag in seinem Zimmer, angeblich, um an einem Roman zu schreiben, was ihm inzwischen aber kaum noch jemand glaubte – und am allerwenigsten er sich selbst –, und ab siebzehn Uhr trank er Bier. Doch selbst wenn er und sein Gegenüber bei einer zufälligen Begegnung im Flur entgegen jeder Wahrscheinlichkeit ein gemeinsames Thema fanden, war es ihm vollkommen unmöglich, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, weil er sich so alt vorkam. So gescheitert. Weil jedes Gespräch wie ein Brandbeschleuniger für seine Depression wirkte. Der Älteste seiner Mitbewohner*innen, Victor, ein schwuler Däne, war sieben Jahre jünger als er, während die Jüngste – Julie, eine nonbinäre Französin – mit zwanzig ohne Weiteres seine Tochter hätte sein können – oder wie auch immer man ein Kind nannte, das sich keinem der beiden klassischen Geschlechter zugehörig fühlte, vielleicht einfach nur »Kind«?
Eine Möglichkeit, zu pinkeln, ohne das Zimmer zu verlassen, waren die Bierflaschen, die sich seit gestern Abend unter den Böcken seiner Tischplatte in militärischer Ordnung zu Dreierreihen formierten. Bayerisches Helles, ein halber Liter, das es inzwischen in jedem Berliner Spätkauf in unzähligen Varianten gab. Mindestens zehn davon hatte er bereits durchprobiert. Seit ein, zwei Monaten trank er ausschließlich Hasen Hell. Ursprünglich hatte er sich das Bier vor allem wegen des Namens und des Etiketts gekauft, auf dem ein weißer Hase im Sprung in einem roten Kreis abgebildet war. Aber auch weil es eine lange Brautradition gab – die Gründung der Brauerei datierte auf das Jahr 1464 – und das Bier nicht aus dem überkandidelten München, dem trendigen Voralpenland oder dem Wagner-verseuchten Bayreuth kam, sondern aus Augsburg, der vermutlich unsexiesten Stadt Bayerns.
Wenn er abends pinkeln musste, war es nicht so schlimm, denn dann war er betrunken genug, um mögliche Begegnungen an sich abprallen zu lassen. Auch mittags oder vormittags bekam er es gut hin. Dann tat er beschäftigt, schützte Eile vor – ein wichtiger Termin, den er nicht hatte, da er nie irgendwelche Termine hatte –, oder er hielt sich das Handy ans Ohr und tat so, als ob er telefonierte.
Aber heute, am Samstag um 9:47 Uhr, war das nicht möglich. Also blieb nur der Weg in den Abgrund unkalkulierbarer Begegnungen inklusive eines Frühstücks, das zweifellos seinen ganzen Tag ruinieren würden – oder die Bierflaschen.
Das Problem mit den Bierflaschen bestand darin, dass es schwierig war, in sie hineinzupinkeln. Die Öffnungen waren nicht groß genug. Um es ohne Verluste zu schaffen, musste er seine Eichel direkt auf den Lochmund der Flasche drücken und dann laufen lassen. Aber wenn sein Schwanz klein und schlaff war, dann bestand die Gefahr, dass er danebenpinkelte, weil er nicht genug Druck erzeugen konnte und dadurch keine gute Verbindung hinbekam. Eine andere Möglichkeit bestand darin,
