Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der zwölfbändige Zyklus »Ein Tanz zur Musik der Zeit« — aufgrund seiner inhaltlichen wie formalen Gestaltung immer wieder mit Marcel Prousts »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« verglichen — gilt als das Hauptwerk des britischen Schriftstellers Anthony Powell und gehört zu den bedeutendsten Romanwerken des 20. Jahrhunderts. Inspiriert von dem gleichnamigen Bild des französischen Barockmalers Nicolas Poussin, zeichnet der Zyklus ein facettenreiches Bild der englischen Upperclass vom Ende des Ersten Weltkriegs bis in die späten sechziger Jahre. Aus der Perspektive des mit typisch britischem Humor und Understatement ausgestatteten Ich-Erzählers Jenkins — der durch so manche biografische Parallele wie Powells Alter Ego anmutet — bietet der »Tanz« eine Fülle von Figuren, Ereignissen, Beobachtungen und Erinnerungen, die einen einzigartigen und aufschlussreichen Einblick geben in die Gedankenwelt der in England nach wie vor tonangebenden Gesellschaftsschicht mit ihren durchaus merkwürdigen Lebensgewohnheiten. Im sechsten Band bildet der Vorabend des Zweiten Weltkriegs den historischen Hintergrund, die Zeit also zwischen Münchner Abkommen und Hitler-Stalin-Pakt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 406
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Anthony Powell
Die Wohlwollenden
Roman
Ein Tanz zur Musik der Zeit –Band 6
Aus dem Englischen übersetzt von Heinz Feldmann
Elfenbein
Die Originalausgabe erschien 1962unter dem Titel
»The Kindly Ones« bei William Heinemann, London.
Band 6 des Romanzyklus »A Dance to the Music of Time«
The Kindly Ones
©John Powell and Tristram Powell, 1962
© 2016 Elfenbein Verlag, Berlin
Einbandgestaltung: Oda Ruthe
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-941184-81-7 (E-Book)
ISBN 978-3-941184-41-1 (Druckausgabe)
1
Albert – feist, bleich, mit bläulichem Kinn, schwer atmend, ein wenig schwitzend – schob eine Eisenstange in die Halterungen an den beiden Seiten der Holzläden, die er gerade vor dem letzten Fenster des Stallgebäudes geschlossen hatte. Aufgerollte Hemdsärmel und eine grüne Friesschürze verliehen ihm das irreführende Aussehen eines kleinen Geschäftsinhabers, das jedoch sogleich durch die unsagbare Schäbigkeit der Hauspantoffeln, die seine großen, chronisch kränkelnden Füße umschlossen, konterkariert wurde. Jede Art von Arbeit außer Kochen verabscheuend, verrichtete er die notwendigen Handgriffe mit einer Aura der Lustlosigkeit, ja fast der Verzweiflung. Er muss damals Mitte bis Ende dreißig gewesen sein. Wir kamen gut miteinander aus, obwohl er Kinder eigentlich nicht besonders mochte. Jetzt wollte ich ihm dabei helfen, die Nebengebäude für die Nacht zu verschließen – eine Aufgabe, die aus einem unbekannten Grund fast immer schon am späten Nachmittag erledigt wurde. Bis zu diesem Augenblick hatte ich jedoch nichts anderes getan, als mir ein farbiges Bild anzusehen, das mit vier rostenden Heftzwecken an der Wand befestigt war. Es zeigte eine stilisierte Darstellung des Schatzkanzlers Lloyd George, wie er gerade eine enorme, scharlachrote Zunge herausstreckt, auf deren nass glänzender Oberfläche ein Dienstmädchen in Häubchen und Schürze herzlich lachend, so als ob ihr dieser Kontakt riesigen Spaß bereite, mit kräftigen Bewegungen die Gummierung einer Klebemarke der gesetzlichen Krankenversicherung anfeuchtet. Ich war noch in dieses lebhafte Bild staatlich unterstützter sozialer Fürsorge vertieft – das in gewisser Weise auf ein ungehöriges, ja ganz und gar unzulässiges Betragen hinzudeuten schien –, als die Nacht, so als ob sie zu dieser viel zu frühen Stunde durch Alberts lethargische Verrichtungen willkürlich eingeleitet sei, abrupt in den nun durch die Läden geschlossenen Raum fiel und plötzlich die Umrisse der politischen Allegorie des anonymen Künstlers verwischte. Albert verließ umständlich die uns nun umgebende Dunkelheit, und ich folgte ihm in das helle Tageslicht des Hofes, wo hohe Pinien mit ihrem harzigen, irgendwie fremdartigen Duft die Sommerluft erfüllten – ein sanftes Desinfiziens, wie in den Gärten eines Sanatoriums außerhalb Englands.
»Wir wollen doch nicht, dass eine von diesen Jungfrau Marias herkommt und uns abbrennt«, sagte Albert.
Mich überkam ein leichter Schreckensschauer angesichts einer so monströsen, rätselhaften und in dem ketzerischen Gebrauch des Plurals sicher sündigen Eventualität. Ich bat um eine Erklärung.
»Suffragetten.«
»Aber sie kommen doch nicht hierher?«
»Man kann nie wissen.«
»Glaubst du doch?«
»Man kann überhaupt nicht sagen, was diese Flittchen nicht noch alles anstellen.«
Ich fühlte eine tiefe Übereinstimmung mit Albert darin, dass die Unsicherheiten des Lebens grenzenlos seien. Ich dachte über seinen ersten Satz nach. Er war beunruhigend. Warum hatte er die Suffragetten ›Jungfrau Marias‹ genannt? Dann erinnerte ich mich an etwas, das vielleicht Licht in diese Dunkelheit bringen konnte. Im Schulunterricht an jenem Morgen – das Thema war klassische Mythologie gewesen – hatte Miss Orchard davon gesprochen, dass die Griechen, weil sie eine so große Furcht vor den Furien gehabt hätten, diese ›Eumeniden‹ – Wohlwollende – nannten, um mit jener schmeichelnden Bezeichnung ihren schrecklichen Zorn zu besänftigen. Alberts Redewendung in Bezug auf die Suffragetten war zweifellos mit ähnlicher Absicht gebraucht. Er war von Natur aus ein ängstlicher Mann, sprach auch gerne in Rätseln. Ich erinnerte mich an Miss Orchards Bericht über die Furien. Sie vollstrecken die Rache der Götter und bringen in ihrem Gefolge Krieg, Pestilenz und Zwietracht auf die Erde; und auch Gewissensqualen. Allein diese letzte Eigenschaft, das verstand ich sehr wohl, machte sie zu äußerst unwillkommenen Gästen. Sie waren so sehr gefürchtet, hatte Miss Orchard gemeint, dass kein Mensch je ihren Namen erwähnte oder seine Blicke auf ihre Schläfen richtete. Wenigstens in dieser Hinsicht unterschieden sich die Furien von den Suffragetten, deren Niedertracht ein dauernder Gesprächsgegenstand von Personen wie Edith und Mrs. Gullick war, zumal die Erstere der beiden sogar Suffragetten während ihrer Umzüge mit ihren mauve-grünen Transparenten gesehen hatte. Andererseits ließ sich die Aggressivität der Suffragetten insofern sehr wohl mit der der Furien – auch femininen Geschlechts, soweit man das sagen konnte – vergleichen, als jene ebenfalls als Vorboten von Feuer und Zerstörung auftraten. Die Gedanken an sie brachten mich dann auf andere, nicht weniger Furcht einflößende, in gewisser Weise sogar faszinierendere Schrecken örtlicher Natur, gegen die es sich vielleicht während der Stunden der Nacht zu behaupten galt.
»Hat Billson den Geist wieder gesehen?«
Albert schüttelte den Kopf und gab mir zu verstehen, dass er das Thema Gespenster weit weniger interessant finde als ich. Er bewohnte eines der zwei oder drei kleinen Zimmer jenseits der Pferdeboxen, wo er weit weg von dem übrigen Haushalt schlief. Die gelegentliche Belegung eines anderen dieser Zimmer im Pferdestallgebäude durch Bracey bot nur geringe Unterstützung, wenn es um Geister ging. Bracey wohnte nur in unregelmäßigen Abständen dort, und das Kameradschaftsgefühl zwischen den beiden war sowieso nicht ausreichend genug entwickelt, um einen soliden Widerstand gegen derartige Visitationen bilden zu können. Es war deshalb ganz vernünftig von Albert, dass er, da er ein so einsames Quartier bewohnte, es vorzog, dass nicht dauernd von der Möglichkeit übernatürlicher Erscheinungen die Rede war, auch wenn sich diese vielleicht nur im Wohnhaus selbst ereignet hatten. Um die Wahrheit zu sagen, auch während des Tages lag immer etwas leicht Furchterregendes über dem Stallgebäude. In meiner Fantasie hatte ich die hölzerne Nacktheit seines Inneren lustvoll in eine Holzhütte oder Palisade mit Schießscharten und Einschusslöchern umgestaltet, die gegen Zulus oder Indianer verteidigt werden musste. An solch einem Ort mochte selbst der Tapferste einer namenlosen Furcht vor der okkulten Welt nachgeben – einer Welt, die gewiss mehr zu fürchten war als eine krude physische Attacke seitens der Suffragetten, deren äußerst weit hergeholte Manifestationen von Bosheit und Unvernunft sich wohl kaum zu Brandanschlägen auf die Stallgebäude von Stonehurst ausweiten würden.
Andererseits waren die ›Geister‹ von Stonehurst ein anerkanntes Merkmal, in meinen Augen nahezu ein fester Bestandteil, des Hauses, etwas weit Realeres als die Suffragetten. Billson, das Stubenmädchen, war nur ein oder zwei Wochen zuvor früh morgens aufgewacht und hatte eine weiße Gestalt von immenser Größe vor ihrem Bett stehen sehen, die dann sogleich wieder verschwand, ehe Billson voll zu sich gekommen war. Für sich allein genommen hätte das als bloße Einbildung abgetan werden können, als etwas, das eher Anlass zu Neckereien gibt, als dass es Sympathie oder Interesse weckt. Billson aber gestand, dass sie schon bei einer früheren Gelegenheit dieser oder einer sehr ähnlichen anderen Erscheinung begegnet sei, einem Gespenst, von dem unglücklicherweise von Billsons unmittelbarer Vorgängerin in fast den gleichen Worten berichtet worden war. Kurz gesagt, es sah ganz danach aus, dass unser Haus eines war, in dem es eindeutig spukte. Dienstmädchen, die auch bereit waren, in dem Haus zu wohnen, waren in einem so abgelegenen Ort wie Stonehurst ohnehin sehr schwer zu bekommen. Geister bildeten da keine besondere Empfehlung. Vielleicht war es ein Zufall, dass zwei außergewöhnlich leicht erregbare Personen unmittelbar nacheinander dasselbe Dienstmädchenzimmer bewohnt hatten. Weder Albert selbst noch Mercy, das Hausmädchen, waren allerdings je einem solchen Martyrium ausgesetzt gewesen. Andererseits hatte mein Kindermädchen Edith (vor meiner Geburt selbst ein Hausmädchen) von Zeit zu Zeit ein rätselhaftes Klopfen im Kinderschlafzimmer gehört, Geräusche, die nicht – wie zunächst angenommen wurde – mir selbst zugeschrieben werden konnten. Außerdem bekannte sich meine Mutter zu der manchmal auch während des Tages wiederkehrenden unbehaglichen Empfindung, dass noch jemand in ihrem Schlafzimmer anwesend sei. In der Nacht sei sie dort einige Male von einem unerklärlichen Gefühl des Unheils und Schreckens überwältigt aufgewacht. Ich berichte diese Dinge nur als eine damals bei uns durchaus akzeptierte Situation. Solche Gegebenheiten wären vielleicht in einer rationaler ausgerichteten Familie völlig ignoriert worden; in einer, die metaphysisch weniger flexibel war, hätten sie möglicherweise starke Erregungen ausgelöst; in meiner eigenen wurden sie ohne Skepsis, aber gleichzeitig auch ohne unangemessene Beklommenheit einfach hingenommen. Alle Diskussionen über dieses Thema fanden gewöhnlich hinter verschlossenen Türen statt, und zwar aus dem simplen Grund zu vermeiden, dass das Haus einen Ruf erlangte, der die Quellen, aus denen Dienstpersonal geschöpft werden konnte, vielleicht völlig austrocknen würde. Es wurde nichts unternommen, um solche Gespräche von meinen Ohren fernzuhalten. Meine Mutter hatte – als sie und ihre Schwestern noch unverheiratet waren – zusammen mit diesen stets einer Neigung nachgegeben, die ›Unsichtbare Welt‹ zu erforschen – einer Neigung, die auch die drohenden Unannehmlichkeiten der ›Stonehurst-Geister‹ nicht gänzlich zu unterdrücken vermochten. Mein Vater, nicht in gleichem Maße vertraut mit den verborgenen Kräften, war deshalb aber nicht weniger erfüllt von dem Glauben an sie. Kurz gesagt, die ›Geister‹ waren ein integraler, ein essentieller Teil des Hauses, ja sein herausragendes Merkmal.
Dennoch, Geistererscheinungen waren kaum zu erwarten in diesem ziegelroten Bungalow, der aufgrund seiner extremen, unnatürlichen Ausdehnung fast geräumig war, oder jedenfalls schien es mir damals so. Er war erst dreizehn oder vierzehn Jahre zuvor – um 1900, genauer gesagt – von einem pensionierten Soldaten gebaut worden, der in seiner endgültigen Zurückgezogenheit Wert darauf legte, sich eine anschauliche Erinnerung an seinen Dienst in Indien zu erhalten, gleichzeitig aber von der Architektur erwartete, dass sie alles vermied, was beunruhigend auf den exotischen Glanz östlicher Fabelwelt hindeuten könnte. Es stimmte, das Äußere Stonehursts mochte einen leicht bedrohlichen, sogar einen unheilvollen Eindruck hinterlassen, aber ganz gewiss keinen exotischen. Seine Struktur erinnerte an eine lange, niedrige Arche Noah, die unsicher auf einem mit Heidekraut und Koniferen bewachsenen Ausläufer des Berges Ararat zur Ruhe gekommen war, an eine Arche Noah, die, wenn man ihren Deckel hätte abheben können, mich selbst, meine Eltern, Edith, Albert, Billson, Mercy, eine Reihe von Hunden und Katzen und, zu gewissen Zeiten, Bracey und Mrs. Gullick zum Vorschein gebracht hätte.
»Sag ihr, sie soll damit aufhören«, sagte Albert, auf das Thema Billson und ihren ›Geist‹ zurückkommend. »Zu viel kaltes Schweinefleisch und Pickles. Das ist alles. Hat’s sich mit den Verdauungskollegen verdorben oder ist übergeschnappt. Eins von beiden. Die kommt noch in die Klapsmühle, wenn sie so weitermacht.«
»Billson sagt, sie kündigt, wenn es noch mal passiert.«
»Kündigen? Glaub ich nicht.«
»Meinst du nicht?«
»Solange ich hier bin, kündigt die nicht. Das glaub man nicht.«
Albert schüttelte einen seiner uralten Hauspantoffeln vom Fuß und zog die dicke schwarze Wollsocke an deren Spitze zurecht, wo der nicht allzu saubere Nagel des großen Zehs aus einem Loch hervorlugte. Albert war ein seltsamer Kauz, ein außergewöhnliches Mitglied des Haushalts, nicht nur was ihn selbst und seine Aufgaben betraf, sondern auch in Beziehung zu dem Gesamtcharakter des kleinen Reichs meiner Eltern. Er hatte sein Leben als Page in dem Haus der Eltern meiner Mutter begonnen und war später dort zum Diener aufgestiegen. Nach dem Tod meiner Großmutter – dem Untergang einer Epoche, wie sich deren Ableben in Alberts Erinnerung immer ausnahm – war er, meistens unglücklich, von einer Anstellung zur nächsten gedriftet. Manchmal hatte er Streit mit dem Butler gehabt; manchmal waren ihm die Arbeitszeiten zu lang gewesen; manchmal, und das war das Schlimmste, hatte sich die Köchin oder eins der Dienstmädchen in ihn verliebt. Liebe bedeutete natürlich in solchen Fällen Heirat. Albert war, glaube ich, überhaupt nicht an einer irregulären Art von Liebesaffären interessiert, verspürte jedoch auch nicht im Geringsten den Wunsch, sich eine Frau zu nehmen. In dieser Hinsicht fühlte er sich chronisch von Frauen verfolgt, speziell von einer besonders entschlossenen unter seinen Peinigerinnen, die ihm lange, drohende Briefe zu schreiben pflegte und die er immer ›die Frau aus Bristol‹ nannte. Wahrscheinlich war seine ständige Furcht vor den Belästigungen durch das andere Geschlecht an diesem Abend die Erklärung für seine Angst vor einer Attacke der Suffragetten.
Albert hatte, nachdem er von London in die Provinz, von der Provinz wieder zurück nach London, dann hinauf nach Cumberland und hinunter nach Cardigan gezogen war, schließlich an meine Mutter, die in regelmäßigem Kontakt mit fast jedem stand, der je für sie gearbeitet hatte, geschrieben und vorgeschlagen, dass er, da sie bald eine Köchin verlieren würde, in diesen Beruf wechseln möchte, der ihn schon immer angezogen habe, denn die Kochkunst liege ihm, von beiden Elternteilen her, im Blut. Er war, selbst während seiner Zeit als Diener, in der Tat für sein hervorragendes Kochen bekannt, das er fast mit der Muttermilch eingesogen zu haben schien. Sein Angebot wurde deshalb trotz einiger, in kleinem Kreis geäußerter, Bedenken, er könne sich möglicherweise zu einem ›Problem‹ entwickeln, sofort angenommen. In gewisser Weise war er wirklich ein ›Problem‹, obwohl sein Kochen, wie sich bald herausstellte, keineswegs enttäuschte. Die Frage, warum er es vorzog, für eine Familie zu arbeiten, die auf einem gesellschaftlich so einfachen Niveau lebte, wo es ihm doch sicher ein Leichtes gewesen wäre, eine Anstellung mit mehr Geld und größerem Prestige in vornehmeren Kreisen zu finden, war nicht leicht zu beantworten. Mangel an Unternehmungsgeist; körperliche Trägheit; die Vorliebe für die Routine einer kleinen häuslichen Gemeinschaft – alles das spielte ohne Zweifel eine Rolle. Aber vielleicht war es auch das Überbleibsel aus einer lange vergessenen Vergangenheit, ein in seinen Knochen schlummerndes, nie völlig abgestorbenes Sekret feudaler Treue, das ihn zu einer Familie zog, mit der er in der Frühzeit seines Dienerdaseins verbunden gewesen war. Das war durchaus möglich. Gleichwohl waren solche Gefühle, wenn sie denn existierten, bei ihm keineswegs in einer romantisch besonders ausgeprägten Form vorhanden. Albert hatte, wenn überhaupt, nur wenige Illusionen. Zum Beispiel war er von Stonehurst als Wohnsitz überhaupt nicht begeistert. Das Haus entsprach gar nicht seinem Geschmack, und er sagte das auch häufig. Mit dieser Auffassung traf er allerdings kaum auf heftigen Widerspruch von anderer Seite. Ja, alle Beteiligten stimmten darin überein, es sei eigentlich ganz gut, dass wir nicht für immer in Stonehurst würden leben müssen, denn der Bungalow war ›möbliert‹ nur für die Zeit gemietet, während der das Bataillon meines Vaters im Kommandobereich Aldershot stationiert war.
Die Immobilie stand in einer Landschaft, die sich in ihrem allgemeinen Charakter nicht von der Umgebung jener einzigartig abscheulichen Stadt unterschied, nur wilder, verlassener war als deren unmittelbare Randgebiete. Man konnte das auf dem Gipfel eines steilen Hügels gebaute Haus über eine steinige Straße – deren unebene, tückische Oberfläche aus Kieselsteinen möglicherweise den Namen ›Stonehurst‹ erklärte – erreichen, die auf halbem Weg den Abhang hinauf einen rechten Winkel vollzog und durch ein Ödland aus Stechginster und Farn verlief, aus dem gelegentlich eine efeugewürgte Ilex oder eine verdorrte Kiefer hervorragte – ein Gebiet scheinbar absichtlicher Vernachlässigung und bewussten Verzichts auf jedwede landschaftliche Gestaltung. Im Winter schoss das Wasser in Sturzbächen über die Steine und durch die Rillen in dieser rutschigen Piste nach unten und machte sie zu einer Gefahr für alle, die wie General Conyers den Versuch unternahmen, sie in den Autos jener Zeit zu befahren. Auf dem Gipfel des Hügels zog sie sich, das Tor zu Stonehurst passierend, für etwa zwei- oder dreihundert Yards dahin, ehe sie sich gabelte und in der einen Richtung auf ein paar kaum sichtbare Dächer, die sich am fernen Horizont aneinanderkauerten, und in der anderen auf eine kleine Pinienplantage zulief, wo Gullick, der Gärtner von Stonehurst (den Edith einmal in meiner unbeobachteten Gegenwart faszinierenderweise als »außerhalb des Ehestandes geboren« bezeichnet hatte) zusammen mit Mrs. Gullick in einem kleinen Häuschen wohnte. Hier verengte sie sich zu einem Weg und ging dann schließlich in einen schmalen Pfad über, der durch ein riesiges Heidegebiet führte, dessen gräuliche und rötliche Töne das ganze Jahr über von den hellgelben Flecken des Ginsters durchsetzt waren: ein Terrain, das in heißen Sommern leicht Feuer fing.
Die äußerste Begrenzung des Stonehurst-Anwesens wurde von einem ausgedehnten, eingezäunten Stück Brachland gebildet, das ganz den Verheerungen durch eine gewaltige Schar von Hühnern der verschiedensten Rassen überlassen war. Jenseits von ihm erstreckte sich das Heidegebiet (dessen Kraut kleine Wellen wie ein großer, schilfbedeckter See schlug) bis in eine verschwommene Ferne. Hühner und Haus waren durch eine Fläche von etwa fünfzehn Morgen, die aus dem Garten, Blumenbeeten, einem Stück Wald und zwei Tennisplätzen bestand, voneinander getrennt. Der Bungalow selbst lag, zurückgesetzt von der Straße, zwischen hohen Pinien. Hinter ihm, unterhalb einer mit Lorbeerbäumen und irischen Eiben bepflanzten Böschung, ging es entlang der an Spalieren gezogenen Rosen hinunter zu einem Küchengarten, in dem sich Gullick, als grübele er düster über das Missgeschick seiner Geburt nach, gewöhnlich zwischen dem Gemüse zu schaffen machte und eine schlechte Saison für die Sorte vorhersagte, mit der er jeweils gerade beschäftigt war. Jenseits der weißen Johannisbeersträucher begann wieder das wilde Land, das von der Stonehurst-Zivilisation nur durch eine tiefe, mit Rasen bedeckte Böschung getrennt war. Diese bildete die Grenze zu einem Gebiet, das ich, da es wie das Stallgebäude Abenteuer verhieß, äußerst faszinierend fand. Dunkel brütende Baumgruppen; steile, sandige Abhänge; weiche, samtige Flächen von grünem Moos, über denen Kaninchen und Wiesel unaufhörlich ihren dringenden Geschäften nachjagten: ein Terrain wie geschaffen für die ewigen Kampagnen kriegführender Armeen, deren unablässige Operationen die Stilisierung von Alberts Schlafquartier zu den Außenbefestigungen einer Verteidigungsanlage oder Palisade rechtfertigten, die in permanenter Kampfbereitschaft gehalten werden musste. Hier, in diesen Wäldchen und auf diesen Lichtungen, vermittelten Sand und Farn, die Stille und der Geruch der Pinien mir eine Art Öffnung des Herzens; und auch ein tiefes Verlangen nach etwas – nach etwas, das mehr war als Schlachten, vielleicht nichts mit Schlachten zu tun hatte; etwas, das mir selbst damals als nebulös, beseligend, fast unerreichbar bewusst war: ein Gefühl tiefer, beklemmender Unruhe, seltsam beglückend manchmal, aber manchmal auch so schmerzlich, dass ich es kaum zu ertragen vermochte.
»General Conyers und seine Frau kommen nächste Woche«, sagte ich.
»Das hab ich dir doch erzählt«, sagte Albert.
»Wirst du was Besonderes für sie kochen?«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
»Etwas ganz Besonderes?«
»Eine Mousse, glaub ich.«
»Werden sie die mögen?«
»Sicher werden sie das.«
»Was hat Mrs. Conyers’ Vater mit dir gemacht?«
»Hab ich dir doch schon erzählt.«
»Erzähl’s mir noch mal.«
»Ist Jahre her. Als ich bei den Alfords angestellt war.«
»Als du ihm in seinen Mantel halfst …«
»Hatte ’ne Maus in dem Ärmel versteckt.«
»Eine richtige?«
»Natürlich nicht – eine aufziehbare.«
»Was hast du gemacht?«
»Laut aufgeschrien.«
»Haben sie alle gelacht?«
»Und wie.«
»Warum hat er das gemacht?«
»Er sagte immer so zum Scherz: ›Ich bin sauer auf dich, Albert. Du verhältst dich mir gegenüber nicht korrekt. Du sagst mir immer, ihre Ladyschaft sei nicht zu Hause, wenn ich sie ganz dringend sehen will. Ich werde es dir heimzahlen.‹ Und das hat er dann ja eines Tages auch gemacht.«
»Vielleicht spielt General Conyers ja Bracey einen Streich.«
»Nicht der.«
»Warum nicht?«
»Es war nicht General Conyers, der die Maus in den Ärmel gesteckt hat. Das war Lord Vowchurch. Niemand macht so etwas mit Bracey – und schon gar nicht General Conyers.«
»Wann kommt Bracey aus dem Urlaub zurück?«
»Übermorgen.«
»Wo war er?«
»Luton.«
»Was hat er denn da gemacht?«
»Hat seine Schwägerin besucht.«
»Nach seinem letzten Urlaub sagte Bracey, er sei froh, dass er wieder zurück sei.«
»Diesmal wird er es nicht sein, wenn er hört, was der Captain dazu zu sagen hat, dass er die Tunika der zweitbesten Galauniform falsch verpackt hat.«
Bracey war der Bursche meines Vaters, ein Mann, der immer wie aus dem Ei gepellt daherkam. Seine äußere Erscheinung erinnerte an einen Foxterrier, einen aufziehbaren Foxterrier vielleicht (wie Lord Vowchurchs aufziehbare Maus), denn er hatte etwas von einem Automaten an sich, besonders wenn er auf seinem Fahrrad ankam. Manchmal war er, wie ich schon sagte, bei Albert in dem Stallgebäude untergebracht. Bracey und Albert kamen, wie zu erwarten war, nicht besonders gut miteinander aus. Ja, es war ein »Wunder« – so hatte ich einmal meine Eltern übereinstimmend sagen hören –, dass die beiden überhaupt, so gut es ging, zusammenarbeiteten, »was allerdings nicht viel heißen wollte«. Feindseligkeiten zwischen dem Offiziersburschen und den anderen männlichen Mitgliedern des Haushalts waren natürlich Tradition. Was noch schlimmer war: Es konnte zu amourösen Verbindungen zu dem weiblichen Personal kommen. In der Tat war dies auch in gewissem Maße in Stonehurst der Fall, wo die einer einsamen Lage innewohnenden Schwierigkeiten durch die Beschwernisse, die Braceys Naturell – launisch wie das Alberts, doch auf eine völlig andere Art – verursachte, noch vergrößert wurden.
Rückblickend meine ich, dass Bracey jünger als Albert gewesen sei, obwohl ihn sein in Stonehurst getragener großer Schnurrbart und sein vom heftigen Scheuern und Rasieren glänzendes Gesicht als stärker von der Zeit gezeichnet erscheinen ließen. Er war unverheiratet und einer jener Berufssoldaten alter Schule ohne oder mit nur geringer Schulbildung – kaum fähig zu lesen oder zu schreiben und deshalb von allen Beförderungen ausgeschlossen –, dessen über Jahre hin makelloses Äußeres und absolute Zuverlässigkeit in weniger bedeutenden Angelegenheiten ihm einen gewissen Status und große Nachsicht im Hinblick auf seine eigenen Idiosynkrasien eingebracht hatten. Diese Idiosynkrasien konnten manchmal ziemlich beschwerlich sein. Bracey war ein Opfer der Melancholie. Niemand schien die genaue Ursache dieses Leidens zu kennen: irgendein frühes emotionales Unglück; Vererbung; außer Kontrolle geratene Eigenliebe – alles das mochte diesen Zustand herbeigeführt haben. Er kam aus einer großen, weitverstreuten Familie, von der die meisten Mitglieder auf respektable Weise ihren Lebensunterhalt verdienten, obwohl ich einmal Edith und Billson miteinander flüstern hörte, dass eine Schwester ertrunken im Themsedelta aufgefunden worden sei. Ein Bruder war Maurer in Cardiff, ein anderer Droschkenkutscher in Liverpool. Bracey mochte keinen der beiden. Er hat mir das selbst gesagt. Er zog ihnen seine Schwägerin in Luton vor, die, glaube ich, Witwe war. Das war der Grund, warum er dort seinen Urlaub verbrachte.
Braceys periodisch wiederkehrende Zustände tiefer Bedrücktheit wurden von uns seine ›komischen Tage‹ genannt. Manchmal bekam er einen von ihnen, wenn er Dienst in unserem Haus tat. Dann waren alle immer ganz entsetzt. In der Kaserne, also in einer weniger intimen, geräumigeren Unterkunft, konnte ein ›komischer Tag‹, wie anstrengend er auch für seine Kameraden sein mochte, sicher nicht ebenso provozierend gewirkt haben. Vielleicht hatte Bracey beschlossen, Offiziersbursche zu werden, damit seine ›komischen Tage‹ ihre ganze Kraft entfalten konnten. Wenn er in Stonehurst einen dieser Anfälle bekam, saß er gewöhnlich auf einem der Stühle in der Küche, starrte die Wand an, sprach mit niemandem und war bewegungslos wie jemand, der in einen Zustand der Katalepsie verfallen ist. Dies geschah natürlich immer nur, wenn er die ihm aufgetragene Arbeit erledigt hatte, denn er war von Natur aus bedingungslos pflichtbewusst. Die Last seiner Melancholie machte vor allem seinen Kollegen, weniger meinen Eltern zu schaffen. Diese hatten nur die allgemeine Atmosphäre unheilbaren Trübsinns auszuhalten, die sich über das ganze Haus verbreitete und sich erst auf sie konzentrierte, wenn sie sich an Bracey selbst wandten. Mein Vater pflegte manchmal gegen diese aggressive, ja ansteckende Depression – die ihm selbst nicht fremd war – aufzubegehren, und dann kam es gewöhnlich zu einem heftigen Streit. Das geschah jedoch selten. In der Küche dagegen gab es vor Bracey kein Entrinnen. Bei solchen Gelegenheiten wurde er, wenn gerade eine Mahlzeit anstand, gewöhnlich von Billson gefragt, ob er etwas zu essen wünsche. Schweigen war immer die Antwort. Bracey pflegte nicht einmal seinen Kopf zu wenden.
»Albert hat ein Irish Stew gemacht«, sagte – wie mir Edith berichtete – Billson dann etwa. »Es ist ein gutes Stew. Wollen Sie es nicht mal probieren, Schütze Bracey?«
Bracey pflegte zunächst nicht zu antworten. Billson wiederholte dann vielleicht die Frage und erweiterte sie durch die Erkundigung, ob er denn etwas von dem Stew, oder um welches Gericht auch immer es gerade ging, essen würde, wenn sie es ihm selbst auflege. Dieses Ritual konnte sich dann einige Minuten lang hinziehen, wobei Billson allerdings mit wachsender Nervosität kicherte, denn ein Element in Braceys Traurigkeit hatte mit ihr persönlich zu tun. Dieses bestand in der Tatsache, dass er, wie jeder wusste, in Billson ›verknallt‹ war, sie aber sein Werben zurückgewiesen hatte. Einerseits geschmeichelt durch Braceys Interesse war sie wahrscheinlich gleichzeitig durch seine melancholischen Anfälle beunruhigt, besonders da sie selbst von nervöser Natur war. Jedenfalls war sie immer äußerst unsicher, was ›Männer‹ anging.
»Ich werde es essen, wenn es mein Recht ist«, pflegte Bracey schließlich mit einer Stimme zu antworten, die kaum mehr als ein Flüstern war.
»Soll ich Ihnen dann einen Teller reichen, Schütze Bracey?«
»Wenn es mein Recht ist, werde ich einen Teller nehmen.«
»Dann gebe ich Ihnen also etwas von dem Stew?«
»Wenn es mein Recht ist.«
»Soll ich?«
»Nur wenn es mein Recht ist.«
Solange der ›komische Tag‹ anhielt, pflegte sich Bracey zu keiner anderen Freundlichkeitsbekundung als zu diesen Worten, die er sprach, als rezitiere er einen Zauberspruch oder eine magische Formel, verpflichtet zu fühlen. Kein Wunder, dass die Küche verunsichert war. Dieses Verhalten war so ganz anders als Alberts sardonische, weltliche Unzufriedenheit mit dem Leben, so anders als Alberts chronische Beschwerden darüber, von Frauen verfolgt zu werden.
»Ich habe schon lange nicht mehr einen meiner komischen Tage gehabt«, sagte Bracey manchmal, über seine eigene Lage nachdenkend.
Gewöhnlich folgte, nachdem ihm die Selbsterforschung diese Tatsache bewusst gemacht hatte, dann auch sehr bald ein weiterer ›komischer Tag‹. Ja, man konnte diese Bemerkung als eine positive Warnung davor ansehen, dass in Kürze ein ›komischer Tag‹ zu erwarten sei. Mein Vater, der in Bracey vielleicht etwas von seiner eigenen unausgeglichenen, interesselosen Natur wiedererkannte, hielt große Stücke auf ihn. Wie ich schon sagte, kam es von Zeit zu Zeit zu Explosionen: schreckliche Szenen, nach denen Bracey immer befohlen wurde, innerhalb von vierundzwanzig Stunden zum Regiment zurückzukehren. Gewöhnlich geschah das, nachdem eine Reihe von ›komischen Tagen‹ den Aufenthalt in der Küche so unerträglich gemacht hatte, dass auch das sonstige Leben von einer nervösen Spannung ernsthaft vergiftet wurde. Am Ende wurde ihm aber immer wieder vergeben. Noch wochenlang danach polierte Bracey dann immer jeden Gegenstand, der ihm in die Hände fiel und dem nur irgendwie Glanz zu vermitteln war, so sehr, dass er erstrahlte wie nie zuvor, ja sich beinahe auflöste von seinem energischen Reiben.
»Der gute alte Bracey«, pflegte mein Vater zu sagen. »Er hat natürlich seine Fehler, aber er weiß, was Einsatz heißt. Ich hab noch nie jemanden getroffen, der Stiefel so zum Glänzen bringen kann wie er. Die glitzern geradezu.«
»Ich bin sicher, für dich würde er alles tun«, pflegte meine Mutter dann zu antworten.
Sie hatte ihre eigene, weniger enthusiastische Meinung von Bracey, die sie allerdings nie laut werden ließ.
»Er betet dich an«, pflegte sie hinzuzufügen.
»Ach Unsinn.«
»Doch, bestimmt.«
»Natürlich nicht.«
»Ich sage es dir.«
»Das ist doch Blödsinn.«
Diese scheinbar gegenteilige Ansicht meines Vaters – die Abfolge der Sätze änderte sich nie – drückte keineswegs einen starken Meinungsunterschied zu der von meiner Mutter geäußerten Auffassung aus. Ja, sie hatte die Lage wahrscheinlich sehr treffend beschrieben. Bracey hatte ohne Zweifel eine große Hochachtung vor meinem Vater. Es besteht jedoch zwangsläufig immer eine unendliche Diskrepanz zwischen einer wortwörtlichen Beschreibung und der beschriebenen Sache selbst, und Übertreibung und Untertreibung treffen manchmal die Wahrheit eher als eine platte Darstellung der nackten Tatsachen. Unter Berücksichtigung des Faktums, dass es ein fast hoffnungsloses Unterfangen ist, die Windungen und Verwicklungen des menschlichen Charakters und der menschlichen Emotionen akkurat wiederzugeben, hätte man sehr wohl mit einiger Authentizität gesagt haben können, dass Billson von Bracey geliebt wurde, während Billson selbst Albert liebte. Albert wiederum, der nicht ohne eine Spur jenes Narzissmus war, den man manchmal bei Künstlern jedweden Mediums findet – denn Albert war ganz gewiss ein Kochkünstler –, Albert liebte offensichtlich niemanden außer sich selbst. Solche plumpen Erklärungen über ein äußerst feingesponnenes Netzwerk von Beziehungen abzugeben, ohne sie durch alle möglichen Bedeutungseinschränkungen abzusichern, hieße, einen völlig falschen Eindruck von der Küche in Stonehurst zu vermitteln. Die Situation muss sich aber im Grunde zu etwas entwickelt haben, das sich angemessen mit diesen eindeutigen Begriffen beschreiben lässt: eine Dreiecksbeziehung, die wegen ihres ihr innewohnenden schrecklichen, ewig unglückseligen Charakters von den am meisten Betroffenen fast als etwas völlig Zwangsläufiges betrachtet werden konnte. Ihre Implikationen bestätigten sozusagen die schlimmsten Befürchtungen, das innerliche Unbefriedigtsein jedes einzelnen dieser drei Menschen, Billson, Bracey und Albert: Albert, der, mit gewissem Recht, glaubte, dass »die Frauen wieder hinter ihm her« seien; Bracey, der in seiner eigenen unerwiderten Zuneigung eine Entschuldigung für zusätzliche ›komische Tage‹ sah; Billson, die in der Gleichgültigkeit Alberts und dem Werben Braceys eine Bestätigung für ihre glühende, unerschütterliche Verachtung für die Männer und ihre beklagenswerten Machenschaften fand.
»Typisch Mann«, pflegte Billson zu sagen, wenn es um die Bezeichnung eines menschlichen Verhaltens in seiner niedrigsten, verachtenswertesten Form ging.
Trotz der kurzen Zeit – vielleicht zwei oder drei Monate –, die Billson bis dahin in Stonehurst verbracht hatte, hatte sie bei uns eine Menge an Erfahrung gesammelt, und zwar sowohl emotionaler als auch übersinnlicher Natur. Wie Albert muss sie Ende dreißig gewesen sein, obwohl meine Mutter immer sagte, sie sehe »sehr jung für ihr Alter« aus. Wie Bracey kam auch Billson aus einer großen Familie, der sie aber, anders als Bracey, sehr ergeben war. Sie sprach ohne Ende über ihre Verwandten, von denen die meisten in Suffolk lebten. Billson erzählte Edith oft, dass ihre Leute »viel von sich selbst hielten«. Blond und keineswegs schlecht aussehend hatte sie etwas Altersloses an sich. Das war mir selbst als Kind schon bewusst. Sie hatte in einer Anzahl von ›guten‹ Häusern in London Anstellungen gehabt – der einzige Grund, so pflegte Albert anzudeuten, warum er selbst so nachsichtig ihren Launen gegenüber sei. Es war bekannt, dass ihr in jungen Jahren eine ›Enttäuschung‹ – es soll ein Butler gewesen sein – sehr nahe gegangen war und sie zu einem Nervenbündel gemacht hatte, das allzu sehr dazu neigte, sich Sorgen um seine Gesundheit zu machen. Einer der vielen von ihr immer wieder konsultierten Ärzte hatte ihr geraten, eine ›Stellung‹ auf dem Land anzunehmen, wo sie, so der Mediziner, weniger von Übelkeitsattacken und Schwächeanfällen geplagt werden würde. Billson pflegte oft darüber zu klagen, dass sie die Londoner Luft nicht vertragen könne. Dieser schwächliche Gesundheitszustand und besonders ihre ›Nerven‹ erklärten Billsons Gegenwart in Stonehurst, wo Hausmädchen mit ihrer Erfahrung nur sehr schwer zu bekommen waren.
Hinter ihrem Rücken pflegte Albert sie (in Anspielung auf die angebliche Armut an intellektuellen Ressourcen in der Grafschaft ihrer Herkunft) ›Simpel Suffolk‹ zu nennen und sich über ihre Schwerfälligkeit zu beklagen, die in der Tat auffällig war. Im persönlichen Umgang betrug er sich ihr gegenüber respektvoller; nicht, wie ich glaube, aus Ritterlichkeit, sondern weil er fürchtete, allzu heftige Spötteleien seinerseits könnten sich nachteilig für ihn selbst auswirken, weil sie Billson indirekt die Gelegenheit bieten würden, die Vertrautheit zwischen ihnen zu vergrößern. Trotz – oder vielleicht wegen – ihrer oft geäußerten Geringschätzung für die Männer (selbst ihre Liebe zu Albert hatte einen hämischen Anstrich) schätzte sie ihre eigene Fähigkeit, Verlangen in ihnen zu erregen, hoch ein. Sie wäre zum Beispiel nie die Stufenleiter hochgestiegen (um etwa die Gardinen im Salon umzuhängen), wenn sich mein Vater, Albert oder Bracey zufällig in dem Zimmer aufhielten. Anschließend legte sie stets Wert darauf zu erklären, dass die Schicklichkeit – die Gefahr, auch nur einen winzigen Teil des weiblichen Beins vor dem männlichen Auge zu entblößen – der Grund gewesen sei, diesen Aufstieg nicht auszuführen. Ich habe nie erfahren, welche Form Billsons ›Hinter-Albert-her-Sein‹, über das selbst Edith, eine im Allgemeinen sehr diskrete Person, gelegentlich witzelte, genau angenommen hatte. Und ebenso wenig war mir die Methode bekannt – von der Edith gleichfalls wusste –, mit der Bracey um Billson warb. Ich bemerkte nur, dass Bracey ihr manchmal anbot, das Silber für sie zu putzen – ein Job, den er sicherlich besser erledigte als sie. Und ich bemerkte auch, wie sie Albert manchmal dadurch aufzog, dass sie ihn ihrem unwandelbaren, allumfassenden Pessimismus aussetzte. Sie konnte natürlich ihren Pessimismus auch auf Braceys Angelegenheiten anwenden, aber sie tat das in einem weit weniger interessierten Ton.
»Wie schade, dass es jetzt bald regnen wird, wo Sie doch gleich ihren freien Nachmittag haben, Albert«, pflegte sie zu sagen. »Nicht dass Sie sehr wünschen können, nach Aldershot zu gehen, wo Sie doch ihr Geld bei Pferderennen verloren haben. Also, Sie müssen völlig pleite sein. Wenn Sie sich nicht beeilen, werden Sie wieder den Bus verpassen.«
Bracey gegenüber pflegte sie förmlicher zu sein.
»Ich nehme an, Sie werden wieder an einem dieser Geländemärsche teilnehmen müssen, Schütze Bracey. Jetzt, wo das heiße Wetter kommt.«
Billson pflegte Albert ziemlich regelmäßig alle paar Wochen durch ihre ängstlichen Vorahnungen böser Ereignisse ganz aus der Fassung zu bringen. Einmal, als sie den örtlichen Polizisten die Auffahrt heraufstapfen sah, war sie in einem Zustand völliger Auflösung in die Küche gerannt.
»Albert!«, hatte sie gerufen. »Was haben Sie getan? Da ist ein Polizist an der Tür.«
Albert war, wie ich schon sagte, selbst ein furchtsamer Mensch. Bei dieser Gelegenheit wurde er, so berichtete Edith, »kreideweiß«. Zur allgemeinen Erleichterung stellte sich dann heraus, dass der Anlass für den Besuch nichts Schlimmeres als eine Hundemarke war. Mir war all dies natürlich damals nicht bewusst, besonders nicht die relative Heftigkeit der Emotionen, die unter der Oberfläche der täglichen Abläufe in Stonehurst schwelten. Selbst jetzt bleibt vieles bloße Vermutung. Edith und ich erfreuten uns natürlich einer von dieser Welt abgesonderten Existenz, die auf die Grenzen meines Schlaf- und meines Spielzimmersbeschränkt war. Zudem gab es Miss Orchard, die ebenfalls einen Teil meiner Zeit einnahm. Sie unterrichtete alle Kinder der Nachbarschaft und besuchte regelmäßig unser Haus. Vernünftigerweise war Edith der Auffassung, dass sich ihr Aufsichts- und Pflichtbereich nicht dadurch zu sehr erweitern sollte, dass ich in die Routine des Küchenlebens eindrang. Außerdem beanspruchten Miss Orchards ›Unterrichtsstunden‹ einen wichtigen Abschnitt meines Tages. Dennoch, ich war nicht damit einverstanden, völlig von einer Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, in der sich das Leben mit einer solchen Intensität abspielte. Alle drei bis vier Wochen litt Edith an schrecklichen, Billsons Übelkeitsattacken ähnlichen »Brechkopfschmerzen« und »kleinen Qualen und Schmerzen, an denen niemand stirbt«, wie sie selbst sie nannte, so dass sich – Edith außer Gefecht gesetzt, meine Eltern nicht zu Hause und Miss Orchard irgendwo anders unterrichtend – der Schleier für eine kurze Spanne von den vielen Dingen lüftete, die er normalerweise verborgen hielt. Als Kind wird einem in gewisser Weise schärfer als nach Beendigung der Kindheit bewusst, was Menschen füreinander empfinden.
Aus diesem Grunde glaubte ich immer, Billson würde es Albert (um ihr Lieblingswort zu gebrauchen) ›heimzahlen‹ wollen, dass er sie ›Simpel Suffolk‹ nannte, obwohl ich damals natürlich noch nicht wusste, dass ihre Aggressivität ihre Wurzeln in der Liebe hatte. Ja, ich war so weit davon entfernt, die wahren Verhältnisse zu erahnen, dass ich, in meinem Wunsch, die mir bekannte Welt in ein klares Muster zu ordnen, Billson einmal vorschlug, dass sie Bracey heiraten solle. Sie lachte so herzlich (wie das Dienstmädchen, das die Klebemarke der gesetzlichen Krankenversicherung auf der Zunge von Mr. Lloyd George anfeuchtete) über diesen zweifellos anmaßenden Vorschlag und versicherte mich mit solcher absoluten Offenheit ihres Entschlusses, für immer unverheiratet zu bleiben, dass ich – nicht zum letzten Mal in vergleichbaren Zusammenhängen – völlig getäuscht wurde.
»Außerdem«, sagte Billson, »ich würde nie einen Soldaten nehmen. Keiner in meiner Familie würde sich je nach einem Soldaten umsehen. Also, die würden mich verstoßen.«
Ihre strikte Weigerung, je einen Berufssoldaten als möglichen Ehemann ins Auge zu fassen, konnte nicht deutlicher ausgedrückt werden. Ja, Billsons Worte bei dieser Gelegenheit gaben dem aufbegehrenden Charakter, den Braceys Anfälle von Trübsinn annahmen, einen substantiellen Grund. Man konnte sehr wohl in Depressionen verfallen, wenn es das war, was Frauen über seinen Beruf dachten. Ein ähnliches Vorurteil selbst gegen die Freundschaft mit einem Soldaten, von einer Heirat mit ihm ganz zu schweigen, wurde auch von Edith geteilt.
»Nette Mädchen gehen nicht mit Soldaten aus«, sagte sie.
»Warum nicht?«
»Sie tun’s nicht.«
»Wer sagt das?«
»Das sagt jeder.«
»Aber warum nicht?«
»Da kannst du jeden fragen.«
»Auch nicht mit jemanden von der Leibgarde?«
»Nein.«
»Auch nicht mit einem von der berittenen Garde?«
»Soldaten sind alle gleich.«
Was Bracey betraf, schienen damit die Dinge endgültig geklärt zu sein. Augenscheinlich gab es keinerlei Hoffnung für ihn. Da war zwar noch Mercy, das Hausmädchen, doch selbst meine so leichtfertigen Pläne, eines jeden persönliche Angelegenheiten je nach Laune in bestimmte Bahnen zu lenken, schlossen ein solches Schicksal für Bracey nicht ein. Ich sah sehr wohl, dass das keine vernünftige Möglichkeit, ja völlig ausgeschlossen war. Dafür gab es verschiedene Gründe. Zum einen spielte Mercy selbst nur eine kleine oder gar keine Rolle in dem Beziehungsgeflecht der Persönlichkeiten, die die Küche in Stonehurst bewohnten – zumindest keine emotionale Rolle. Mercy hegte auch ganz gewiss nicht den Wunsch, das zu tun. Sie war ein ziemlich junges Mädchen aus einem der Dörfer in der Nachbarschaft. Mrs. Gullit hatte sie für meine Mutter gefunden. Zusammen mit ihren Eltern gehörte sie einer kleinen örtlichen religiösen Sekte an, die nur etwa zwanzig Personen umfasste, die alle miteinander verwandt waren.
»Sie glauben nicht, dass irgendjemand außer ihnen in den Himmel kommt«, sagte Edith von dieser Gemeinschaft.
»Überhaupt niemand?«
»Keine einzige Seele.«
»Warum nicht?«
»Sie sagen, sie seien die Einzigen, die gerettet werden.«
»Warum?«
»Sie nennen sich selbst ›die Erwählten‹.«
»Sie sind nicht die einzigen Menschen, die in den Himmel kommen.«
»Das glaub ich bestimmt auch nicht.«
»Wenn sie das sagen, sind sie dumm.«
»Dumm, ohne Zweifel.«
Billson ging in der gleichen theologischen Frage noch einen Schritt weiter als Edith.
»Dieses Mädchen wird selbst nicht gerettet werden«, sagte sie. »Nicht, wenn sie weiter solche Sachen über ihre Nachbarn sagt. Gott wird sie gar nicht wollen.«
Der positivistische Charakter von Mercys religiösen Überzeugungen, ganz besonders im Hinblick auf die kategorische Verdammnis des Rests der Menschheit, fand Ausdruck in ihrer Wortkargheit, die Edith als »einfach unmanierlich« beschrieb. Ihr Glaube verbot ihr zweifellos jede oberflächliche Form des Anstands. In ihrer persönlichen Erscheinung war sie ebenso streng, fast absichtlich unsympathisch.
»Mit ihrem Gesicht hat sie sicher kein Glück gehabt«, hatte Albert einmal bemerkt, als Mercy nach einer Auseinandersetzung über das Abwaschen beleidigt die Küche verlassen hatte.
Selbst Bracey hatte, trotz all seiner unausgesprochenen Missbilligung Alberts, über diese witzige Bemerkung, über die Angemessenheit dieser Beobachtung lachen müssen. Zwischen seinen ›komischen Tagen‹ war Bracey sowieso immer guter Laune. Wenn seine Stimmung auf dem Tiefpunkt war, war der in der Tat sehr tief. Aber zu anderen Zeiten konnte sie zu Höhen aufsteigen, die die Alberts nie erreichte. Bei solchen Gelegenheiten, wenn er sich verhältnismäßig eins fühlte mit der Welt, pflegte er leise vor sich hin zu summen:
»Montag, Dienstag, Mittwoch, Don’stag
Habe fröhlich ich gelacht.
Doch ich heirate am Sonntag
Ach, ich wünscht’’s wär Sonntagnacht.«
Anfang des Jahres, während einer dieser Ausbrüche guter Laune, hatte er mir angeboten, mich zu einem Fußballspiel mitzunehmen. Das war eine unerwartete und höchst willkommene Einladung gewesen. Ich hielt es immer für beklagenswert, dass wir, obwohl mein Vater Soldat war, in Stonehurst praktisch so gut wie nichts von der Armee sahen, das heißt: von der Armee als solcher. Wir wohnten auf dem Gipfel dieses abgelegenen Hügels, meilenweit entfernt von den täglichen Aktivitäten der Truppe, die von uns nur sehr selten, etwa anlässlich irgendeiner örtlichen Übung, die glücklicherweise Teil der Sommermanöver war, gesichtet wurde. Selbst die Umrisse eines einzelnen Angehörigen der Militärpolizei, wie er auf seinem Pferde über das Heidekraut trabte – ein kräftiger Pinselstrich von Dunkelblau, gekrönt von einem winzigen Klecks von Purpur, der sich in der Sonne durch eine Vuillard-Landschaft aus rötlichen, von gelben und silbernen Streifen durchzogenen Grautönen bewegt –, war ungewöhnlich. Ich hatte Bracey auf einen dieser einsamen Reiter aufmerksam gemacht. Seine Reaktion war ohne Wärme.
»Diese Rotmützen sind nicht besonders beliebt.«
»Nein?«
»Ganz sicher nicht.«
»Was machen sie denn?«
»Die schnappen sich einen, wenn er sie nur ansieht.«
»Weshalb?«
»Die finden immer was.«
»Und was passiert dann mit ihm?«
»Kommt ’ne Zeitlang in den Knast.«
»Was ist das?«
»Kommt hinter Gitter.«
»Aber sie lassen ihn doch bald wieder raus?«
»Nach achtundzwanzig Tagen vielleicht, wenn er Glück hat.«
»Im Gefängnis?«
»Einige zahlen’s ihnen heim, wenn sie wieder rauskommen.«
»Wie?«
»Warten in einer dunklen Nacht hinter einer Hecke auf sie.«
»Und dann …«
»Überraschen die Rotmütze. Überfallen ihn aus dem Hinterhalt. Verhauen ihn anständig.«
Ich nahm dieses Bild gelockerter Disziplin in dem gleichen Geist auf, in dem Bracey es dargeboten hatte, nämlich ohne einen Ausdruck des Lobs oder Tadels. Er hatte zweifellos einen Aspekt des Soldatenlebens beschrieben, der im Allgemeinen im Hintergrund gehalten wird – eine Welt brutaler Gewalt, von der Stonehurst auf ewig ausgeschlossen zu sein schien.
Wir waren aber nicht nur geografisch von der Armee getrennt. Kontakte zu anderen Angehörigen des Militärs verminderten sich auch durch meiner Mutter Abneigung gegen – fast morbiden Horror vor – Offiziersgattinnen, die ›regimentsbezogen‹ waren – Damen also, die darüber spekulierten, welche Chancen das Bataillon habe, den Cup zu gewinnen, oder die mit allzu genauem Wissen die häuslichen Krisen im Leben von Mrs. Hauptfeldwebel Jones diskutierten. Es machte meiner Mutter eigentlich nie Freude ›auszugehen‹, ganz gleich ob der Anlass nun militärischer oder ziviler Natur war. Vor ihrer Ehe hatte sie mit Begeisterung Partys und Bälle besucht, aber da mein Vater so gut wie keinen Geschmack an solchen Amüsements fand, vergaß sie sie bald und entwickelte dann eine noch größere Aversion gegen sie als er selbst. Auch in jenen fernen Tagen führten meine Eltern schon ein Leben, das durch ihre eigenen häuslichen Interessen völlig begrenzt war. Aber es gab natürlich ein gewisses Maß an ›Routinebesuchen‹: Subalternoffiziere kamen zu Tennisturnieren, Kinder zu Kinderpartys.
Braceys Einladung zu dem Fußballspiel war deshalb sehr willkommen – nicht so sehr, weil ich besonders an Fußball interessiert gewesen wäre, sondern vielmehr weil mir der Ausflug einen engeren Kontakt zum Soldatenleben bot. Ich bat um Erlaubnis für die geplante Exkursion, und die elterliche Amtsgewalt erteilte sie auch. Bracey und ich machten uns in einer zweirädrigen Kutsche auf den Weg. Bracey trug seine blaue Ausgehuniform und hatte die Spitzen seines Schnurrbarts mit Wachs leicht nach oben gezwirbelt – eine eitle Schwäche, der er bei wichtigen Anlässen gerne nachgab. Ich hatte gehofft, er werde mit einem Bajonett bewaffnet sein, wurde aber enttäuscht. Es schien mir wichtig genug, ihn zu fragen, ob er es vergessen habe.
»Nur Feldwebel tragen Seitengewehre mit der Ausgehuniform.«
»Warum?«
»Vorschrift.«
»Trägst du es nie?«
»Bei der Parade.«
»Sonst nie?
»Ich glaube, wenn die Deutschen kommen, dann doch.«
Ich hatte schon oft Leute im Spaß von der Möglichkeit einer deutschen Invasion sprechen hören. Manchmal pflegte auch mein Vater – obwohl meine Mutter dieses Thema, selbst wenn darüber nur im Scherz gesprochen wurde, aufs Äußerste missbilligte – auf einen so lächerlichen, aber gleichzeitig auch ziemlich sinisteren, bestimmt jedoch grob beleidigenden Überfall als etwas in der Zukunft Unvermeidliches – wie einen Besuch beim Zahnarzt oder die schließlich notwendige Abreise zur Schule – hinzuweisen.
»Du wirst immer ein Bajonett tragen, wenn die Deutschen kommen?«
»Darauf kannst du dich verlassen.«
»Du wirst es brauchen.«
»Im Krieg ist ein Bajonett der beste Freund des Mannes«, sagte Bracey.
»Und ein Gewehr?«
»Und ein Gewehr«, räumte Bracey ein. »Gewehr und Bajonett sind die besten Freunde des Mannes, wenn er in die Schlacht zieht.«
Ich dachte hinterher viel über diese Bemerkung nach. Ihre Implikationen warfen ohne Zweifel wichtige moralische Fragen auf, wenn nicht sogar einander widersprechende Urteile. Zum Beispiel beschäftigte mich stark die Skepsis, die ihr zugrunde zu liegen schien und die so sehr von dem höchsten Vertrauen in die Ansprüche heroischer Kameradschaft abwich, das in all den Abenteuergeschichten, die ich gelesen hatte, dargestellt war. (Dreißig Jahre später sagte mir Sunny Farebrother – im Widerspruch zu Bracey –, dass er, obwohl er sich sonst nichts aus Büchern mache, manchmal »For Name and Shame; or Through Khyber Passes« wiederlese, einfach weil ihm George Alfred Hentys Geschichte so lebhaft die Kameradschaft ins Gedächtnis zurückrufe, der er selbst sich als Soldat erfreut habe.) Bracey teilte keines der erhebenden Gefühle in den Abenteuergeschichten. Das war offensichtlich. Selbst bei meiner damals sehr begrenzten Erfahrung musste ich, wenn auch ungern, zugeben, dass vielleicht auch einiges für Braceys Ansichten sprach. Aber ich wusste auch, dass er keine eigenen Kampferfahrungen hatte. Seine Meinungen zu diesem Thema waren also rein theoretischer Natur. Kurz gesagt, die Tür zu einem romantischen Zugang war nicht unwiderruflich verschlossen. Darüber freute ich mich. Während der übrigen Zeit unseres Ausflugs zu den Kasernen ging Bracey jedoch nicht weiter auf das Thema Waffen oder Freundschaft ein.
Am Tor unterhielten wir uns kurz mit dem diensthabenden Unteroffizier, brachten das Pony in den Stall und überquerten dann den asphaltierten Exerzierplatz, der völlig verlassen dalag. Nur an seinem äußersten Ende sah man drei Figuren, die forsch und eng beieinander daherschritten, so als ob sie versuchten, sich in dem scharfen Wind des beginnenden Frühlings warmzuhalten. Dieses Trio marschierte ohne Unterlass hin und her und machte jeweils an denselben Punkten seiner Strecke kehrt. Die beiden äußeren Soldaten trugen volle Uniform, während der in der Mitte ohne Gürtel war und einen weißen Verband an seiner rechten Hand hatte.
»Wer ist das?«
»Ein Gefangener und seine Eskorte.«
»Was machen die da?«
»Sie bewegen den Mann, der unter Arrest steht.«
»Was hat er getan?«
»Hat sich den Zeigefinger abgehackt.«
»Ein Unfall?«
»Natürlich nicht.«
»Wie denn dann?«
»Mit einem Beil.«
»Absichtlich?«
»Worauf du dich verlassen kannst.«
»Warum denn nur?«
»Hat seinen Namen auf dem Marschbefehl nach Indien gesehen.«
»Warum wollte er das nicht?«
»Dachte, das Klima wäre nicht gut für ihn, glaub ich.«
»Aber ihm fehlt jetzt ein Finger.«
»Aber er muss auch nicht nach Indien.«
»Warst du überrascht?«
»Nicht besonders.«
»Warum nicht?«
»Es gibt nichts, was diese Kerle nicht tun würden.«
Auch diesmal sagte Bracey nicht, was er über einen so brutalen Akt wirklich dachte, aber ich meinte, bei ihm jetzt doch ein Gefühl der Missbilligung zu entdecken, das stärker war als das, was er sich im Zusammenhang mit Angriffen auf Angehörige der Militärpolizei erlaubt hatte. Hier gab es ohne Zweifel wieder etwas, das einen nachdenklich machen musste. Ich erkannte, dass der sich unter Arrest befindende Soldat eine äußerst heftige Abneigung gegen die Vorstellung empfunden haben musste, als Angehöriger der Armee im Osten zu leben. Sonst hätte er nicht einen so extremen Schritt getan, um dem Dienst dort zu entgehen. Im Gegensatz dazu hatte sich der Erbauer von Stonehurst durch die Einrichtung und Architektur seines Hauses ausdrücklich an seine Zeit in Indien erinnern lassen wollen. Wie Braceys Bild von den aus dem Hinterhalt überfallenen Rotmützen demonstrierten die drei Gestalten in Khaki, so wie sie an der gegenüberliegenden Seite des Platzes immer wieder scharf hin- und hermarschierten, die zwielichtige, bedrohliche Seite des Lebens in der Armee – eine Seite, die zu einem gewissen Grade vielleicht die niedrige Meinung erklärte, die Edith und Billson von Soldaten als Ehemännern hatten. Diese willkürlichen – ja entschieden unehrenhaften – Aspekte des Militärdienstes stießen mich keineswegs völlig ab; im Gegenteil, sie gaben mir den zusätzlichen Kick unbehaglicher Erregtheit. Gleichzeitig aber erkannte ich auch, dass es solche Episoden gewesen sein mussten, die Bracey zu der Auffassung geführt hatten, dass die menschliche Natur letztlich unzuverlässig sei und er sich lieber auf Bajonette als auf Kameraden verlassen wolle. Ja, seine unausgesprochene Haltung gegenüber diesem schmerzlichen, unendlich peinlichen Ereignis stimmte vollkommen mit jener Philosophie überein. Welchen Nutzen, so schien Bracey implizit vorzubringen, würde dieser bandagierte Soldat als Kamerad im Kriegseinsatz haben, wenn er den Verlust eines Zeigefingers der Ausführung seiner militärischen Verpflichtungen vorzieht, falls deren Umstände für ihn persönlich unpassend zu werden drohen? Das war Braceys Art, die Dinge zu sehen, seine innere Welt, und in gewissem Maße vielleicht auch der Grund für seine ›komischen Tage‹. Von weit her tönte ein Militärhorn schrill und doch verzweifelt traurig zu uns herüber.
»Was bläst er?«
»Antreten zum Strafappell.«
Wir gingen an Barackenunterkünften entlang zu dem Fußballplatz.
»Albert hat sich neulich in den Finger geschnitten«, sagte ich. »Es gab sehr viel Blut.«
»Und auch großes Getue.«
Das stimmte. Alberts Gefühlswelt war von der Braceys völlig verschieden. Er war ein ängstlicher Mensch und verabscheute Gewalt, Blut, Suffragetten – alles dieser Art. Er wollte immer, dass Frieden herrschte in der Küche, auch wenn seine bissigen Kommentare den Ärger erst angefacht hatten.
»Ich möchte keinesfalls dem Captain in irgendeiner Weise den Appetit verderben«, hatte er einmal meiner Mutter gegenüber bemerkt, als sie besprachen, welche Vorspeise zum Abendessen serviert werden sollte.
