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Nadine und Raphael – zwei Menschen, die sich kennen und lieben lernen mit dem festen Wunsch, den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen zu wollen. Raphael, geprägt durch einen schlimmen Schicksalsschlag aus seiner Vergangenheit, findet Liebe und Halt in seiner Frau Nadine. Dank ihr findet er auch die Antwort auf eine Frage, die ihn jahrelang quält, niedergeschrieben in einem Brief, von dem er nie glaubte, dass er existierte. Bis sie sich selbst von einer Sekunde auf die andere die gleiche Frage stellen muss, wie Raphael damals. Allerdings muss Nadine ihren Schmerz nahezu alleine bekämpfen, denn Raphael kann ihr keinen Halt und keine Hoffnung mehr geben. Oder etwa doch?
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nicole Beisel
Dieser eine Brief
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
Epilog
Impressum
Kapitel 1
Nicole Beisel
Dieser eine Brief
Roman
Nadine und Raphael – zwei Menschen, die sich kennen und lieben lernen mit dem festen Wunsch, den Rest ihres Lebens gemeinsam verbringen zu wollen. Raphael, geprägt durch einen schlimmen Schicksalsschlag aus seiner Vergangenheit, findet Liebe und Halt in seiner Frau Nadine. Dank ihr findet er auch die Antwort auf eine Frage, die ihn jahrelang quält, niedergeschrieben in einem Brief, von dem er nie glaubte, dass er existierte. Bis sie sich selbst von einer Sekunde auf die andere die gleiche Frage stellen muss, wie Raphael damals. Allerdings muss Nadine ihren Schmerz nahezu alleine bekämpfen, denn Raphael kann ihr keinen Halt und keine Hoffnung mehr geben.
Oder etwa doch?
1. Kapitel
„Sie sehen zauberhaft aus in diesem Kleid. Hier und da ein paar Änderungen, und Ihrem schönsten Tag im Leben steht nichts mehr im Wege!“
Wieder einmal hatte Nadine eine junge Frau zu einer glücklichen und zufriedenen Braut gemacht. Seit 3 Jahren schon war es ihr Job, in einem kleinen Brautmodengeschäft mitten in der Stadt aufgeregten Bräuten zum Traumkleid zu verhelfen. Die Arbeit dort machte ihr großen Spaß, auch wenn sie nicht immer unbedingt fröhlich in den Feierabend ging. So oft wünschte sie sich, auch einmal ein großes Brautmodengeschäft betreten und sich zwischen den wunderschönsten Brautkleidern entscheiden zu dürfen. Alle waren so glücklich, aber sie…? Sie hatte niemanden an ihrer Seite. Sie war seit 2 Jahren Single und die männlichen Kontakte beschränkten sich auf einige gute Freunde und ihren Bruder Kai. Kai war 33 und glücklich verheiratet. Er hatte alles was er wollte: Einen tollen Job als Koch, ein großes Haus mit Garten und eine hübsche Frau an seiner Seite. Am Nachwuchs wurde auch schon gearbeitet, allerdings schien sich dieser noch etwas Zeit zu lassen.
„Tanja, ich geh‘ dann mal! Wir sehen uns morgen früh!“ Nadine hatte sich einen halben Tag Urlaub genommen. Der Frühling war endlich da, die ersten Sonnenstrahlen zeigten sich und es war angenehm warm. Außer ihrer Arbeit und dem daraus resultierenden Gehalt am Monatsende hatte sie nicht sonderlich viel, worüber sie sich freuen konnte. So wollte sie wenigstens das tolle Wetter genießen und machte sich auf den Weg in den Park, wo sie sich auf einer Bank niederließ und der warmen Sonne ihr hübsches Gesicht entgegen streckte. Wieder ein Grund mehr, warum Nadine nicht verstand, warum sie immer noch Single war. Sie sah nicht schlecht aus, hatte eine tolle Figur und ein nettes und freundliches Auftreten. Wahrscheinlich hatte sie einfach nur Pech, dachte sie sich im Stillen.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Es war ihr Bruder Kai. Obwohl Nadine sich schon denken konnte, weshalb Kai sie anrief, nahm sie ab.
„Hallo Kai! Lass mich raten, du willst mich an unser gemeinsames Abendessen erinnern!? 19 Uhr, richtig?“ Kai grinste still in sich hinein. „Mensch Nadine, woher weißt du das denn nur?“ „Kai, du bist mein Bruder. Ich kenne dich einfach zu gut!“
Kai bemerkte wieder ein Mal mehr, welch grandioses Verhältnis er zu seiner 6 Jahre jüngeren Schwester hatte, als ihm ein weiterer Grund für seinen Anruf einfiel: „Da gibt es noch etwas, das ich dir kurz mitteilen wollte. Bevor du dich wunderst: Wir essen heute Abend zu viert. Ich habe noch jemanden eingeladen. Du kennst ihn noch nicht. Er heißt Raphael, ist 32 Jahre alt und ebenfalls Single. Wir lernten uns damals in der Ausbildung kennen und haben uns kürzlich zufällig wieder getroffen. Ich dachte, es wäre nett, wenn ihr euch mal kennenlernen würdet.“ Nadine ahnte bereits, worauf die Sache hinauslaufen sollte. „Kai, willst du mich etwa verkuppeln? Danke, aber ich komme ganz gut mit meinem Single-Leben zurecht.“ Kai glaubte ihr kein Wort. Er wusste, wie oft sie sich wünschte, irgendwann einmal vor den Traualter treten zu dürfen. Nur fehlte ihr bislang der richtige Mann dazu und dieses Problem wollte Kai nun lösen. Er wusste, dass es nicht einfach werden würde. Aber es war langsam an der Zeit, dass Nadine wieder lächelte und glücklich war und jemanden an ihrer Seite hatte, mit dem sie alles teilen konnte. „Wir sehen uns um sieben. Bis dann!“ Kai legte auf. Nadine packte ihr Handy wieder ein und war gespannt, wie der Abend verlaufen würde. Nicht nur wegen Kais Freund Raphael, sondern auch, weil Kai angekündigt hatte, dass es Neuigkeiten gab, die er gerne verkünden würde.
Nur widerwillig verließ Nadine den sonnigen Platz im Stadtpark, um zur nächsten Haltestelle zu laufen und nach Hause zu fahren. Sie wohnte in einer gemütlichen 2-Zimmer-Wohnung nur wenige Haltestellen vom Brautmodengeschäft entfernt. Es wäre unnötig gewesen, mit dem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren.
Zu Hause angekommen, schaute sie erst einmal die Post durch, aber außer ein wenig Reklame und der üblichen Handyrechnung war der Briefkasten leer gewesen. Sie aß eine Kleinigkeit und machte es sich auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem. Anschließend machte sie sich einen Kaffee und ging dann ins Bad, um ausgiebig zu duschen. Die schwarze Hose und die fliederfarbene Bluse für das Essen bei ihrem Bruder hatte sie sich morgens bereits zurechtgelegt. Sie zog sich an, schnappte sich die letzte Weinflasche, die noch im Kühlschrank war und stieg in ihren Peugeot. Mit Wein kannte sie sich nicht sonderlich gut aus und alles, was sie über den Wein wusste, war, dass der Wein aus Frankreich kam. Er war ein Mitbringsel des letzten Frankreich-Urlaubs ihrer Arbeitskollegin Tanja. Ständig schwärmte sie ihrer Kollegin Nadine von der tollen Natur und den schönen Sehenswürdigkeiten Frankreichs vor. Nadines Interesse am Eiffelturm stieg stetig an. Sie überlegte schon seit längerem, ihren nächsten Sommerurlaub in Frankreich zu verbringen. Aber bis Mitte August hatte sie zum Glück noch genügend Zeit zum Überlegen. Nun konzentrierte sie sich eher auf den bevorstehenden Abend bei ihrem Bruder, ihrer Schwägerin und… Raphael.
Nach 20 Minuten Autofahrt hatte Nadine ihr Auto vor der Garage ihres Bruders geparkt. Ein kleines Stück weiter stand ein schicker Renault, den sie vorher in dieser Gegend noch nicht gesehen hatte. Vielleicht war Raphael bereits eingetroffen. Ein wenig aufgeregt war Nadine schon, obwohl sie sich weder Hoffnungen machte noch ehrliches Interesse zeigte, sich von Kai verkuppeln lassen zu wollen.
Kais Frau, Sabine, hatte wohl Nadines Auto kommen hören. Noch bevor sie klingeln konnte, öffnete Sabine ihrer Schwägerin die Tür und begrüßte sie mit einer herzlichen Umarmung. Die beiden verstanden sich schon immer sehr gut und Nadine freute sich für ihren Bruder, eine so tolle Frau wie Sabine gefunden zu haben. Kai stellte gerade die letzte Salatschüssel auf den Tisch, an dem ein gutaussehender, junger Mann saß. Das musste Raphael sein. Er war groß und schlank und hatte dunkle Haare. Kai begrüßte seine Schwester und machte sie sodann mit Raphael bekannt. Er erhob sich von seinem Platz und schüttelte ihr zur Begrüßung die Hand. Nadine schenkte ihm ihr schönstes Lächeln, stellte die Weinflasche auf den Tisch und nahm Platz. Nadines erster Eindruck von dem noch Unbekannten war gar nicht mal so schlecht. Auch Kai schien dies bemerkt zu haben und ging guter Dinge sofort zum Essen über. Kais Ausbildung zum Koch hatte seine Vorteile. Während er dafür sorgte, dass etwas Leckeres zu essen auf dem Tisch stand, konnte Sabine sich um andere Dinge im Haushalt kümmern. Kais Gerichte waren immer ein wahres Gedicht.
Auch an diesem Abend war das Essen wieder sehr lecker. Nadines Wein passte wunderbar zum Essen, was auch Raphael auffiel. Er schien sich mit Weinsorten gut auszukennen. Nun, er hatte eine Ausbildung zum Koch gemacht, wen wundert’s…?
Während des Essens lernten Nadine und Raphael sich ein wenig näher kennen.
„Ihr Bruder hat mir erzählt, dass Sie in einem Brautmodengeschäft arbeiten. Das stelle ich mir sehr interessant vor, man hat sicher ständig glückliche Frauen um sich herum, oder?“ Nadine dachte daran, wie viel Spaß ihr die Arbeit machte, aber auch an solche Momente, in denen sie sich wünschte, selbst so glücklich sein zu dürfen. Trotzdem fand sie ihr Lächeln wieder.
„Ja, es ist sehr interessant zu sehen, wie verschieden die Wünsche und Geschmäcker der einzelnen Bräute sind. Kai erwähnte, dass Sie beide sich während der Ausbildung zum Koch kennenlernten. Sind Sie immer noch als Koch tätig?“
Raphael erzählte ihr, dass er das Kochen an sich aufgegeben hatte und nun ein eigenes Geschäft hatte, in dem er französische Spezialitäten wie Käse, Wein, Kaffee und sündhaft teure Schokolade verkaufte. Das Geschäft war gar nicht weit von Nadines Arbeitsplatz entfernt. Nun wusste sie, welcher Akzent in Raphaels Aussprache steckte. Er musste Franzose sein. Kai hatte gar nichts davon erwähnt. Andererseits war das Telefonat einige Stunden zuvor, als Nadine noch in der Sonne saß, nur kurz gewesen und auch jetzt waren Kai und Sabine sehr still und zurückhaltend gewesen. In diesem Moment fühlte Nadine sich ein wenig beobachtet. Kai schien sich darüber zu amüsieren, wie offen sich Nadine und Raphael unterhalten konnten. Nadine wurde sichtbar rot und versuchte, das Gespräch zunehmend auf Kai und Sabine zu lenken.
„Na, was gibt’s bei euch Neues? Was ist denn nun der wichtige Grund für dieses Essen heute?“ Kai stellte gerade die gute französische Schokolade auf den Tisch, die Raphael zum Nachtisch mitgebracht hatte. Nadine griff sofort zu. Sie liebte Süßes. Die Schokolade war ein Traum. Sehr lecker und zartschmelzend, schön süß und trotzdem voller Geschmack. Gespannt wartete sie auf Kais Antwort auf ihre Frage. Aber es war nicht Kai, der antwortete.
„Ich bin schwanger. Wir bekommen im November ein Baby.“ Während Raphael sich schon von seinem Stuhl erhob, um den beiden zu gratulieren, musste Nadine noch ihren letzten Bissen runterschlucken, der ihr fast im Hals stecken blieb. Kai fragte sie: „Bald bist du Tante. Freust du dich?“ Nachdem Nadine sich wieder einigermaßen gefasst hatte, lächelte sie und sagte: „Natürlich freue ich mich. Ich freue mich wirklich für euch. Herzlichen Glückwunsch!“
Sie umarmte die beiden und bemühte sich, weiterhin zu lächeln. Obwohl ihr, wenn sie ehrlich war, eher nach Heulen zumute gewesen wäre. Aus den beiden wurde eine richtige kleine Familie. Nadine wurde wieder einmal bewusst, wie einsam und trist ihr Leben war. Keinen Mann, keine Kinder um sich herum, kein Krach, keine Spielsachen, die im Weg lagen, kein Babygeschrei, das sie nachts wachhalten würde… Was machte Nadine nur falsch? Die ganze Zeit hatte sie sich eingeredet, dass sie mit ihrem Leben zufrieden war, so, wie es nun mal war. Aber durch Kais Familienzuwachs wurde ihr bewusst, dass sie sich schon lange etwas vormachte. Auch Nadine wünschte sich eine kleine Familie. Einen Mann, der für sie da war. Ein Baby, um das sie sich kümmern und das sie aufwachsen sehen konnte.
Dennoch freute sich Nadine für die beiden. Die Schokolade half ihr immerhin über den ersten großen Schock hinweg. ‚Diese Schokolade ist wirklich verdammt gut‘, dachte sie sich.
„Nadine? Hörst du mir noch zu?“ Nadine fuhr erschrocken hoch. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass Kai sie fragte, ob sie denn gerne die Patentante des Kleinen wäre. Sabine hatte keine Geschwister und Kai hielt es für eine gute Idee, wenn Nadine etwas oder jemanden hatte, worum sie sich kümmern konnte. Nadine war etwas überrascht über das Angebot ihres Bruders, aber sie sagte zu. Es war zwar nicht ihr eigenes Kind, aber immerhin ein Kind, mit dem sie ausreichend Zeit verbringen durfte.
Die vier saßen noch eine Weile beisammen und unterhielten sich über das Baby und die bevorstehende Zeit. Nadine hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Zum einen wurde sie zunehmend müde und andererseits war sie mit ihren Gedanken bei der Schokolade, bei Frankreich und bei Raphaels Augen. Sie konnte es nicht verleugnen, seine Augen und sein Blick hatten sie gefesselt. Noch vor einigen Stunden hatte Nadine gedacht, das Essen unbeschadet zu überstehen. Sie wollte sich nicht von Kai verkuppeln lassen und erst recht wollte sie sich nicht verlieben nur, damit sie jemanden an ihrer Seite hatte.
Da die Schokolade mittlerweile leer war, Nadine ihre Augen nur noch mit Mühe und Not aufhalten konnte und sie am nächsten Morgen wieder früh im Geschäft sein musste, fing sie langsam an, sich von den anderen zu verabschieden. Auch Raphael musste wieder frühzeitig in seinem Laden sein und ging ebenfalls zur Tür. Nadine und Raphael bedankten sich beide für das tolle Essen und liefen gemeinsam ein paar Schritte in Richtung Auto. Sabine hatte die Haustür bereits geschlossen. So standen Nadine und Raphael nun alleine in der noch recht warmen, dunklen Nacht auf der Straße, unsicher, was sie sagen oder tun sollten. Denn auch Raphael schien Gefallen an Nadine zu finden. Er hatte sich in ihrer Gegenwart sehr schnell wohl gefühlt.
2. Kapitel
Das Klingeln von Nadines Handy riss sie aus ihren Träumen. Noch im Halbschlaf stieg sie auf, lief ins Wohnzimmer, um ihr Handy aus der Handtasche zu kramen und wunderte sich, warum es draußen schon so hell war.
„Ja?“ Sofort meldete sich Tanjas Stimme vom anderen Ende der Leitung. „Nadine, wo bleibst du denn? Es ist schon 10 Uhr und der Lieferant mit den bestellten Schleiern ist schon da! Bist du etwa krank?“ Nadine schaute auf die Uhr, die an der Wand über dem Fernseher hing, erschrak und legte ohne jegliche Antwort auf Tanjas Frage einfach auf, um sofort ins Bad zu rennen. Auf halbem Weg drehte sie um, schnappte sich ihr Handy, rief Tanja an und sagte ihr, dass sie unterwegs sei und Tanja versuchen sollte, den Lieferanten aufzuhalten. Nadine musste die Ware überprüfen, bevor sie sie annehmen konnte. Solange dies nicht geschah, konnte der Lieferant nicht weiterfahren.
So schnell sie konnte, machte Nadine sich frisch, zog sich an, schnappte sich ausnahmsweise ihr Auto (die nächste Bahn würde 15 Minuten auf sich warten lassen) und stellte 10 Minuten später ihr Auto auf dem Parkstreifen vor dem Brautmodenladen ab. Nadine nahm die verärgerte Miene von Tanja und die noch mehr verärgerte Miene des Lieferanten wahr. Sie entschuldigte sich für die Verspätung, schaute grob nach, ob die Schleier alle in Ordnung waren und mit der Bestellung übereinstimmten, setzte ihre Unterschrift unter den Lieferschein und atmete tief durch, während der Lieferant zur Tür hinausging.
„Ich dachte, du warst gestern nur bei deinem Bruder zum Essen eingeladen. Du siehst allerdings aus, als hättest du die halbe Nacht durchgefeiert. Ist etwas passiert?“ Nadine bemühte sich immer noch, richtig wach zu werden und steuerte den direkten Weg zur Kaffeemaschine an. „Nein, es ist nichts passiert. Jedenfalls nix Weltbewegendes.“ Schweigen füllte die nächsten 2 Minuten. „Ja, und? Erzähl schon. Du bist doch sonst auch nicht so fertig nach dem Essen bei deinem Bruder.“ Nadine dachte an Sabines Schwangerschaft und an Raphael. „Nun ja, ich werde Tante. Meine Schwägerin Sabine bekommt im November ein Baby.“ „Wow, das sind ja tolle Neuigkeiten! Gratuliere! Weiß man denn schon, was es wird?“
Nadine hatte Tanja schon viel von ihrer Schwägerin erzählt und als Sabine vor 2 Jahren nach einem Hochzeitskleid suchte, hatten sich Nadine und Tanja um den Traum aus weißer Seide gekümmert. „Nein, das wird eventuell die nächste Ultraschall-Untersuchung zeigen.“ Erneut machte sich Wehmut bei Nadine breit. Sie versuchte jedoch, sich nun auf die Schleier zu konzentrieren. Dabei fiel ihr ein, dass sie nach der Arbeit direkt nach Hause wollte, um ein geeignetes Hotelzimmer für ihren Frankreich-Urlaub zu suchen.
„Übrigens, ich weiß nun, wo ich meinen Urlaub im August verbringen werde.“ Tanja wurde hellhörig und fragte gleich nach: „So? Wo geht’s denn dieses Jahr hin?“ „Nach Frankreich.“ Tanja wusste nicht, ob sie sich wundern oder lachen sollte. „Wirklich? Das ist ja toll. Du wirst sehen, Frankreich ist wundervoll. Es gibt so viel zu sehen.“ Während Tanja weiter drauflos plapperte, versank Nadine wieder in Gedanken an den gestrigen Abend und an Raphael. Raphael schien doch ein interessanter Mann zu sein. Er war gutaussehend, er war Franzose und er war sehr nett. Noch immer hatte sie den intensiven süßen Geschmack der Schokolade im Mund, der sie unvermittelt lächeln ließ. „Warum grinst du denn so?“
Tanja ahnte, dass Nadines Lächeln nicht nur mit dem Nachwuchs ihres Bruders zusammenhängen konnte. „Na gut, du hast mich erwischt. Beim Abendessen gestern hat Kai mir einen alten Freund vorgestellt. Er heißt Raphael, ist 32 Jahre alt und sehr nett. Er ist Franzose und hat hier in der Nähe einen kleinen Laden mit französischen Spezialitäten. Ich finde ihn sehr sympathisch. Wir haben uns gut unterhalten.“ „So, nur unterhalten, ja?“ Tanja musste grinsen. Nadine konnte sich vorstellen, welche Gedanken nun wohl im Kopf ihrer Kollegin rumschwirren mussten. „Ja, nur unterhalten. Er hatte zum Nachtisch leckere Schokolade mitgebracht. Ich werde demnächst mal in seinen Laden gehen und mir ein wenig von der Schokolade besorgen. Du weißt ja, dass ich eine große Schwäche für Schokolade habe.“ Trotzdem hatte Nadine eine bewundernswerte Figur, auf die Tanja schon immer ein wenig neidisch gewesen war. „Du kannst es ja vertragen, du bist und bleibst schlank. Ich nehme alleine vom Anschauen 2 Kilo zu.“ Nadine wusste, woher sie die schlanke Figur hatte. „Bei mir liegt das wohl an der Veranlagung. Mein Vater war ja immer sehr schmal.“
Nadines Vater starb vor einem Jahr an Krebs. Es ging damals alles ziemlich schnell. Er starb noch bevor sich irgendjemand mit der schlimmen Krankheit abfinden konnte.
Eine Kundin betrat den Laden, so hatte Nadine nun wenigstens ein bisschen Ablenkung, indem sie sich den Wünschen und Vorstellungen der jungen Dame widmete.
„So, der Feierabend ruft. Was hast du heute Abend noch vor?“ Nadine erzählte Tanja von ihrer Hotelsuche. Tanja nannte ihr einige Namen der Hotels, in denen sie selbst die Nächte in Frankreich verbrachte. Nadine war dankbar für die Ratschläge, verabschiedete sich und lief zum Auto. Bei dem Gedanken an die Hotelsuche und an Frankreich fiel ihr die Schokolade wieder ein. Nachdem der Tag für sie so stressig angefangen hatte, wollte sie wenigstens den Abend gemütlich zu Hause ausklingen lassen. Da war Schokolade das Richtige Mittel dafür. Aber sollte sie wirklich heute schon den französischen Laden betreten? War es nicht zu offensichtlich oder gar aufdringlich, wenn sie Raphael nun schon wieder traf, nachdem sie sich keine 24 Stunden zuvor verabschiedet hatten? So hin und her gerissen kannte sich Nadine gar nicht. Da der Wunsch nach Schokolade doch ziemlich stark war, entschied sie sich, zu dem Laden zu laufen. Ein wenig aufgeregt war sie schon. Jedoch rief sie sich ins Gedächtnis, dass sie lediglich Schokolade kaufen wollte.
Nadine stieß die Tür auf und trat ein. Der Laden war nicht sonderlich groß und bot doch eine größere Auswahl an Käsesorten, Wein und natürlich Schokolade. Wie sie sehen konnte, war die Schokolade in einem speziellen Kühlschrank gelagert. Außer ihr war niemand da. Bis auf Raphael. Kaum hatte er sie gesehen, schenkte er ihr sein schönstes Lächeln und begrüßte sie mit einem leichten Händedruck, der ihr sofort ein Kribbeln in die Magengegend verschaffte. Sie befahl sich innerlich, sich zu zügeln und lächelte ihn ebenfalls an.
„Sie kommen sicher, um sich die Schokolade zu holen, die ich Ihnen, wie versprochen, zurückgelegt habe.“ Die Art, wie er mit ihr sprach, ließ sie wie auf Wolken schweben. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das zum letzten Mal gespürt hatte. Wenn überhaupt, musste es schon sehr lange her gewesen sein.
„Ja, genau. Mein Tag heute hat ziemlich stressig angefangen, da brauche ich ein wenig Nervennahrung.“ Raphael nickte leicht. „Das kann ich gut verstehen. Auch ich habe ab und zu solche Momente in denen ich denke, nun gönne ich mir etwas Schönes. Warum hat ihr Tag denn so stressig angefangen?“ Nadine fühlte sich auf seltsame Weise ertappt. Sie konnte ihm doch schlecht sagen, dass sie vor lauter Träumen vergessen hatte, sich den Wecker zu stellen und somit verschlafen hatte. „Ach, wir hatten Probleme mit einem unserer Lieferanten.“ Sie fühlte sich recht unwohl, Raphael anlügen zu müssen. Aber Nadine fiel nichts Besseres ein. Und so ganz ungelogen war das ja auch nicht. Immerhin war der Lieferant verärgert gewesen.
„Solche Tage gibt es öfter mal. Ich hole die meisten meiner Waren selbst in Frankreich ab, das erspart mir Ärger mit den Lieferanten. Aber keine Sorge, mein Tag heute hat auch nicht besser angefangen. Ich habe nämlich verschlafen. Aus irgendeinem Grund habe ich gestern Abend nicht mehr daran gedacht, mir den Wecker zu stellen.“ Nadine traute ihren Ohren kaum. Ihm war das Gleiche passiert, wie ihr. Mit dem Unterschied, dass Raphael ehrlich zu ihr gewesen war. Nadine hingegen hatte ihm verschwiegen, wie ihr Tag wirklich begonnen hatte. Da es ihr recht unsinnig und auch irgendwie kindisch vorkam, ihm im Nachhinein doch die ganze Wahrheit zu sagen, verschwieg sie ihm die Gemeinsamkeit und fragte sich still, ob das ein Wink des Schicksals oder einfach nur Zufall war. Jeder kann doch mal verschlafen, oder nicht?
„Oh, nun ja, das passiert schon mal. Da denkt man nicht dran, sich den Wecker zu stellen, und zack – ist es passiert.“
Ein wenig verlegen versuchte Nadine, ein halbwegs vernünftiges Lächeln aufzusetzen. Raphael schien nichts von ihrem Gefühlschaos zu bemerken. So viele Dinge gingen Nadine nun durch den Kopf. Dass sie beide verschlafen hatten, dass er wohl regelmäßig in Frankreich war… „Das kommt nun davon, wenn man müde und noch dazu mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache ist.“ Nadine fragte sich, was er damit wohl meinen mochte. Aber bevor sie ihre Gedankengänge fortsetzen konnte, hielt er ihr die Tafel Schokolade vor die Nase, die er kurz zuvor aus dem Kühlschrank geholt hatte. „Oh, Dankeschön. Was macht das?“ Raphael winkte ab. „Ich schenke sie Ihnen. Genießen Sie einen ruhigen Abend. Das werde ich nachher auch tun. Wobei ich zartbitter bevorzuge.“
Nadine schien nicht ganz zu verstehen. „Na, Zartbitter-Schokolade. Nougat ist eher weniger mein Geschmack.“ Nadine wusste nicht genau, wo ihr der Kopf stand. „Ach so, ja, natürlich. Ich werde mich nun auch auf den Heimweg machen. Vielen Dank für die Schokolade.“
Raphael befürchtete, dass der Kontakt einfach abbricht oder dass wieder viel Zeit verstreichen würde, bis sie sich wiedersehen würden. Allerdings wollte er auch nicht allzu aufdringlich sein und sie nach der Telefonnummer fragen. Was konnte er bloß tun, damit er sie bald wiedersehen konnte?
„Vielleicht bekommen Sie ja in der Mittagspause mal ein wenig Hunger. Ich biete auch belegte Brötchen und Sandwiches an. Wenn Sie also noch ein wenig mehr Frankreich schmecken möchten, Sie sind hier bei mir ein gern gesehener Gast.“ Viel konnte er damit wohl nicht erreichen, aber einen Versuch war es wert. Etwas Anderes war ihm nicht eingefallen.
„Oh, das ist ja toll. Hört sich gut an. Ich werde darauf zurückkommen!“ Nadine würde den Laden mit Sicherheit in den nächsten Tagen öfter besuchen kommen. Nicht nur wegen der Sandwiches…
Sie lächelte ihn an und reichte ihm zum Abschied die Hand. Sie kämpfte gegen die Gänsehaut an, die sie von Kopf bis Fuß zu ergreifen schien. „Ich freue mich darauf, Sie wiederzusehen.“ Damit war er ehrlich gewesen und hoffte, dass Nadine ihr Wort hielt.
Fröhlich und verwundert zugleich lief Nadine zurück an ihr Auto. Die Schokolade auf dem Beifahrersitz, machte sie sich auf den Heimweg. Zu Hause angekommen, nahm sie eine warme Mahlzeit zu sich und schaute sich im Internet die Hotels an, die Tanja ihr vorgeschlagen hatte. So ganz konnte sich Nadine noch nicht entscheiden, aber man musste auch nichts übers Knie brechen. Sie legte sich in die warme Badewanne und machte es sich anschließend mit der Schokolade bewaffnet auf der Couch gemütlich. Das Fernsehprogramm ließ zu wünschen übrig und so beschloss sie, sich nach langem mal wieder etwas klassische Musik zu gönnen. Zu den Klängen von Chopin und dem feinen süßen Geschmack ließ sie ihren Gedanken freien Lauf. Raphael würde ihr sicher auch einiges über Frankreich erzählen können. Das wäre doch die Idee?! Sie würde ihn bitten, ihr etwas über Frankreich zu erzählen. Vielleicht freute er sich sogar über ihr reges Interesse. Außerdem hatten sie beide somit ein neutrales Thema, über das sie sich unterhalten könnten, ohne dass sie in Verlegenheit kommen konnte. Früher hatte sie kaum einen Gedanken an dieses Land verschwendet. Wie schnell Frankreich doch zu einem wichtigen Thema in ihrem Leben geworden war…
Nadine wunderte sich darüber, dass Kai sich noch nicht gemeldet hatte, um sie über den gestrigen Abend auszufragen. Sie nahm an, dass dieser Anruf spätestens am nächsten Tag erfolgen würde. Nur würde sie Kai nicht sonderlich viel erzählen. Sie wollte sich keine allzu großen Hoffnungen machen. Schon viel zu oft wurde Nadine enttäuscht und die Angst vor einer erneuten Enttäuschung war einfach noch zu groß, obwohl sie bei Raphael ein seltsam gutes Gefühl hatte. Immerhin schien er Wert darauf zu legen, sie möglichst bald wiederzusehen.
Um einen weiteren stressigen Tag zu vermeiden, ging sie ins Schlafzimmer, stellte sich den Wecker und legte sich hin. So entspannt, wie sie nun war, würde sie sicher etwas Schönes träumen. Sie würde träumen von Frankreich, vom Eiffelturm und von Raphael. Sie würde träumen, wie sie beide gemeinsam durch Paris schlendern, Arm in Arm, wie sie vor dem Eiffelturm standen und sich küssten… Nadine konnte sich nichts mehr vormachen: Sie war eindeutig in Raphael verliebt. Aber was, wenn er nicht das selbe für sie empfinden konnte? Wenn sie sich wieder zu viele Hoffnungen machte? Wenn er einfach nur nett zu ihr war, ohne weitere Hintergedanken oder ernste Gefühle für sie zu haben? Nadine wollte jetzt aber keine Angst haben. Die Angst hatte Zeit bis morgen oder übermorgen oder… Na ja. Nun war es jedenfalls Zeit zu schlafen und zu träumen. Träume, die ihr niemand nehmen kann und die sie versuchen würde, mit aller Kraft in die Wirklichkeit umzusetzen.
3. Kapitel
Nur widerwillig erwachte Nadine am nachfolgenden Morgen aus ihren Träumen. Das Klingeln des Weckers hatte sie auf den Boden der Realität zurückgeholt. Nadine stieg auf und ging ins Bad um anschließend eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor sie zur Arbeit musste. Eine neue Kundin hatte sich angekündigt, die noch nach dem richtigen Brautkleid suchte. Nadine hatte in Erinnerung, dass der Name der Frau ebenfalls französisch war aber sie wusste nicht mehr, wie der Name genau lautete. Da Tanja jedoch alles fein säuberlich im Terminkalender notiert hatte, konnte Nadine schnell nachschauen, um die Kundin persönlich ansprechen zu können.
Nadine machte sich auf den Weg zur Haltestelle und wartete auf die Bahn, die sie ins Geschäft bringen sollte. Tanja begrüßte sie wie an jedem Morgen freundlich mit einem fröhlichen Lächeln im Gesicht. Sie ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen und schien nie wirklich müde zu sein. Auf direktem Wege lief Nadine zum Verkaufstresen und suchte im Kalender nach dem Namen der Dame, die in wenigen Minuten hier eintreffen würde. Cécile Beissac. Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor, aber sie wusste nicht genau, zu wem er gehören sollte.
Nadine schaute auf, als eine hübsche junge Frau mit perfekter Figur und langen, dunklen Haaren auf sie zulief. Sie stellte sich vor und sagte, dass sie einen Termin habe. Nadine kümmerte sich intensiv um Cécile. Der französische Akzent war kaum zu erkennen, während sie Nadine ihre Wünsche und Vorstellungen darlegte. Gemeinsam suchten sie verschiedene Modelle aus, die Cécile ca. eine halbe Stunde später eins nach dem anderen anprobierte. Schließlich hatte sie sich für einen recht klassischen Zweiteiler mit perlenbesticktem Oberteil entschieden. Auch Schleier, Schmuck, Unterwäsche und Schuhe wurden ausgesucht und in die Bestellung mit aufgenommen. Cécile schien bislang mit dem Service, den Nadine ihr darbot, sehr zufrieden zu sein. Nadine fragte Cécile, ob denn der Bräutigam eventuell ebenfalls noch nach einem passenden Anzug suchte. Cécile setzte sie davon in Kenntnis, dass der Bräutigam bereits ausgestattet war, allerdings würde ihr Bruder, der ebenfalls der Trauzeuge ihres Verlobten war, noch auf der Suche nach einem schicken Anzug sein. Cécile würde ihrem Bruder raten, mal bei Nadine vorbei zu schauen. Vielleicht würde er ja tatsächlich fündig. Die beiden Frauen vereinbarten einen Termin zur weiteren Anprobe für Mitte Juni. Bis dahin sollte das Kleid in der richtigen Größe geliefert sein. Cécile bedankte sich herzlich bei Nadine und verabschiedete sich.
So sehr Nadine auch nachdachte, es wollte ihr einfach nicht einfallen, wo sie diesen Namen schon einmal gehört hatte. Sie machte sich weiter an die Arbeit während sie über die Auswahl ihres Hotels für ihren Frankreichurlaub nachdachte. Dabei schweiften die Gedanken wieder ein Mal mehr zu Raphael ab. Heute Mittag war sie essenstechnisch bereits versorgt; Tanja und sie wollten sich etwas beim Italiener bestellen. Dann stand auch schon das Wochenende an, diesen Samstag war es an Tanja, den Laden alleine zu schmeißen. Das würde bedeuten, dass Nadine frühestens in der darauffolgenden Woche die Möglichkeit hatte, eines von Raphaels Sandwiches zu probieren. Vorher würde sie ihn auch nicht mehr sehen.
Nadine hatte keinen Grund, in den Laden zu gehen und ihn aufzusuchen. Sie fragte sich, ob sie es so lange aushalten konnte, Raphael nicht zu Gesicht zu bekommen. Nun, sie würde sich ablenken. Sie würde das tun, was sie auch an den bisherigen Wochenenden immer tat. Sie würde einkaufen gehen, sich um den Haushalt kümmern, fernsehen, lesen,… Es würde ausreichend Beschäftigung geben, die sie davon abhalten würde, an Raphael zu denken.
Nadine suchte gerade im Lager nach einem bestimmten Paar Schuhen, als Tanja ein kleines Päckchen in ihren Händen haltend auf sie zu kam.
„Nadine? Das hat gerade jemand für dich abgegeben. Es war ein recht gutaussehender schlanker Mann Anfang 30, schätze ich, mit kurzen dunklen Haaren. Viel gesagt hat er nicht, er hat auch nicht nach dir verlangt. Er bat mich nur, dir das hier zu überreichen.“ Nadine schaute überrascht auf die liebevoll verpackte Schachtel und dachte bei Tanjas Beschreibung sofort an Raphael. Sie nahm es an sich, bedankte sich bei Tanja und stellte es zu Ihrer Handtasche. „Willst du denn gar nicht wissen, was drin ist?“ Nadine lächelte leicht verträumt.
„Ich glaube, ich weiß es schon. Ich werde es zu Hause öffnen. Ich bin hier sowieso noch eine Weile beschäftigt.“ Tanja dachte sich ihren Teil und kehrte in den Verkaufsraum um. Nadine fand es schade, dass sie gerade jetzt hinten im Lager war und nicht vorne im Verkaufsraum. Sie hätte ihn sehen und sich mit ihm unterhalten können und ihm sagen, wie dankbar sie ihm für das Präsent war. Bis zum Feierabend kreisten ihre Gedanken nur noch um Raphael. Sie schnappte sich ihre Tasche und das kleine Päckchen und verabschiedete sich von Tanja.
„Morgen sollte die neue Brautschuh-Kollektion eintreffen. Ich habe dir die Kopie des Bestellscheins neben den Kalender gelegt, damit du morgen früh nicht lange suchen musst. Wir sehen uns am Montag! Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.“ Tanja war schon auf dem Weg zu ihrem Auto. „Alles klar, Dankeschön. Dir auch ein schönes Wochenende. Lass es mich wissen, wenn es etwas Neues gibt! Bis dann!“ Nadine schüttelte nur lächelnd den Kopf und lief zur Haltestelle. Warum waren immer alle so neugierig?
Der einzige, der wohl gar nicht neugierig war, war ihr Bruder Kai. Noch immer hatte er sich nicht gemeldet, um sie auszufragen. Auch, als sie abends frisch geduscht aus dem Badezimmer kam, hatte er nicht angerufen. Ihr war das ganz recht, so musste sie sich keinen unangenehmen Fragen aussetzen. Auf dem Weg ins Wohnzimmer fiel ihr Blick auf den Küchentisch, auf dem noch immer das kleine Päckchen stand. Sie nahm es mit ins Wohnzimmer, setzte sich auf die Couch und entfernte das Geschenkpapier.
Zum Vorschein kam eine kleine Auswahl an Pralinen. Auch war ein kleines Kärtchen beigefügt. Behutsam las sie die Zeilen: ‚Ich hoffe, mein kleines Präsent hilft Ihnen, das Wochenende zu genießen. Eine kleine Aufmerksamkeit, die von Herzen kommt. Raphael.‘ Nadine lächelte und bemerkte, dass er eine sehr ordentliche Handschrift hatte. Sie freute sich sehr über die Mühe, die er sich gemacht hatte und darüber, dass er offensichtlich an sie dachte. Sie nahm eine der Pralinen aus der Schachtel und ließ sie sich auf der Zunge zergehen. Den Rest packte sie wieder weg, schließlich hatte das Wochenende erst begonnen und sie wollte die Schokolade nicht sinnlos verschlingen.
Das restliche Wochenende verbrachte Nadine mit ihren gewohnten Hobbies und wunderte sich weiterhin, warum Kai sich bislang noch nicht gemeldet hatte. Hoffentlich war mit Sabine und dem Baby alles in Ordnung. Aber sicher hätte ihr jemand Bescheid gegeben, wenn etwas vorgefallen wäre. So startete sie recht unbekümmert in die neue Woche. Montags hatte das Brautmodengeschäft länger geöffnet als sonst und da Tanja meistens die Frühschicht übernahm, konnte Nadine den Tag mit einem schönen gemütlichen Frühstück beginnen, ehe sie vormittags zur Arbeit fuhr. Tanja fragte wie immer nach den Neuigkeiten.
Nadine erzählte ihr, dass sie kürzlich im Internet ein Hotel ganz nah an der Seine entdeckt hatte und dass sie darüber nachdachte, telefonisch dort anzufragen, ob für August noch ein Zimmer frei war. Über das Päckchen jedoch hatte sie nichts verlauten lassen. Tanja würde sonst nur unnötige Fragen stellen, die Nadine nur ungerne beantworten wollte. Während Nadine weiterhin ihrer Arbeit nachging überlegte sie, ob sie nach Feierabend bei Raphael vorbeischauen und sich für die leckeren Pralinen bedanken sollte. Kurz darauf fiel ihr jedoch ein, dass der französische Laden bereits schließen würde, bevor Nadine in ihrem wohlverdienten Feierabend kam. Tanja würde gleich nach Hause gehen und solange sie noch da war, wollte Nadine sich noch eben schnell einen Kaffee einschenken.
Tanja kam auf Nadine zugelaufen und bat sie, nach vorne in den Verkaufsraum zu kommen.
„Nadine, vorne wartet ein netter junger Mann auf dich. Er sagt, seine Schwester hätte hier letzte Woche ihr Kleid gekauft und ihm unseren Laden empfohlen, weil er noch einen Anzug sucht.“ Das musste der Bruder von Cécile Beissac sein. Ohne Tanja ihre Rede, die eine nähere Beschreibung der wartenden Person beinhaltete, zu Ende bringen zu lassen lief Nadine auf den Verkaufsraum zu. Tanja wollte ihr eigentlich noch erzählen, dass dies genau der Mann sei, der ihr am Freitag das kleine Päckchen in die Hand gedrückt hatte, aber dazu kam sie gar nicht mehr. Nadine blieb wie angewurzelt stehen und konnte kaum glauben, wen sie da stehen sah. Endlich fiel ihr wieder ein, woher sie diesen Nachnamen kannte: Es war Raphaels Nachname. Nun wusste sie, dass er eine Schwester hatte, die Cécile hieß, bildhübsch war und in einigen Monaten heiraten würde. Raphaels Blick nach zu urteilen, war er weniger überrascht, sie zu sehen. Immerhin wusste er, dass sie hier arbeitete. Nadine hatte es ihm beim gemeinsamen Essen bei Nadines Bruder Kai erwähnt und nur deshalb konnte Raphael ihr auch die Pralinen zukommen lassen. Als Cécile ihm das Brautmodengeschäft empfohlen hatte wusste er genau, bei wem er da landen würde.
„Hallo! Schön, Sie wieder zu sehen! Sie sehen sehr überrascht aus, mich hier zu sehen.“ Nadine versuchte, sich zu fangen. „Ja, ein wenig überrascht bin ich schon. Hallo. Sie werden also der Trauzeuge Ihres zukünftigen Schwagers sein, ja?“ „Cécile hat Ihnen davon erzählt? Nun, meinen Namen scheint sie allerdings nicht erwähnt zu haben. Ich habe gerade Mittagspause und dachte, ich könnte einen Termin vereinbaren. Ginge das?“
Nadine musste sich bemühen, ihren Blick von Raphaels Augen abzuwenden um im Terminkalender nach einem geeigneten Termin zu finden. „Wie wäre es nächste Woche Dienstag?“ Raphael fiel auf, dass bis zum Termin einige Tage verstreichen würden, in denen er sie wohl nicht sehen würde. Aber er sagte zu.
„Um wieviel Uhr könnten sie denn vorbeikommen? Immerhin haben Sie ja Ihr Geschäft.“ Raphael winkte ab. „Meine Schwester vertritt mich, wenn ich in Frankreich meine Ware holen muss oder aufgrund von Terminen nicht im Laden sein kann. Und da der Grund für meine Verhinderung nun mal ihre Hochzeit ist, wird sie sicher für mich einspringen. Sagen wir, 14 Uhr?“ Nadine trug den Termin im Kalender ein und wandte sich wieder Raphael zu. „Ich wollte mich noch ganz herzlich bei Ihnen für die leckeren Pralinen bedanken. Das war sehr nett von Ihnen. Vielen Dank.“
Raphael freute sich, ihr eine Freude gemacht zu haben. „Gern geschehen. Sie mögen Schokolade und ich wollte Ihnen gerne etwas Gutes tun.“ Nadine wusste nicht so recht, was sie darauf antworten konnte. „Tja, hätten sie die Schokolade vorletztes Wochenende nicht zum Abendessen mitgebracht, wäre ich nie auf die Idee gekommen, Ihren Laden zu besuchen und die Schokolade zu probieren. Nun bin ich doch recht froh, dass ich um die Schokolade weiß.“
Nadine und Raphael dachten beide für sich, wie froh sie doch waren, dass sie sich bei Kai begegnet waren und sich etwas näher kennengelernt hatten. „Gut, ich muss auch wieder zurück in den Laden. Dann sehen wir uns nächste Woche Dienstag. Ich freu mich.“ „Ich freue mich auch. Bis dann.“ Er kehrte um und verließ den Laden.
Da sich Tanja in der Zwischenzeit bereits verabschiedet hatte, musste sich Nadine nicht wegen ihres breiten Grinsens rechtfertigen. Einige Stunden später saß sie zufrieden in der Bahn auf dem Weg nach Hause. ‚Hm, wie mag er wohl aussehen in einem feinen Anzug?‘ dachte Nadine im Stillen. In einer Woche würde sie es wissen. Bis dahin konnte sie nur weiterhin träumen. Aber das tat sie momentan sowieso ständig.
Als Nadine tags darauf von der Arbeit nach Hause kam, wählte sie die Nummer ihres Bruders Kai. Sabine hob ab.
„Hallo Sabine. Ich bin’s, Nadine. Sag mal, ist bei euch alles in Ordnung? Ich mache mir ein wenig Sorgen.“ Sabine wirkte etwas verwundert. „Ja, es ist alles in Ordnung. Warum fragst du?“ „Ach, mich wundert nur, dass Kai sich seit dem Essen nicht mehr gemeldet hat. Ich dachte, es könnte womöglich etwas passiert sein.“ Sabine hatte für Kais Verhalten jedoch eine plausible Erklärung. „Ach, Kai arbeitet im Moment sehr lange. Wenn er abends nach Hause kommt, schlafe ich meistens schon. Die Schwangerschaft macht mich sehr müde und auch Kai ist ziemlich fertig wenn er Feierabend hat. Mach dir keine Sorgen.“
Nadine war erleichtert, dass es „nur“ das war. „Du Nadine, hast du heute Abend noch etwas vor?“ Nadine überlegte kurz, aber wie sonst auch hatte sie an diesem Abend nichts mehr geplant. „Nein, ich habe heute nichts mehr vor. Wieso?“ Sabine fragte Nadine, ob sie Lust habe, vorbei zu kommen. „Ich habe hier noch einige Baby-Kataloge und ich dachte, du hättest vielleicht Lust, sie mit mir durchzublättern. Kai hat zwar heute frei, aber er wollte etwas mit Raphael unternehmen.“
So, Kai traf sich heute mit Raphael… Würden die beiden sich über sie unterhalten? Darüber, dass sie Raphael in seinem Laden aufgesucht und Schokolade gekauft hatte? Oder dass er ihr Pralinen hat zukommen lassen? Oder würde Raphael ihn über seinen Termin bei ihr informieren? Würde Kai ihn ausfragen wollen? Würde er wissen wollen, ob Raphael in irgendeiner Weise erfolgreich bei ihr landen konnte?
„Nadine? Bist du noch dran?“ Nadine wurde aus ihren Gedanken gerissen. „Ähm, ja, ich bin noch dran. Klar, ich komme gerne vorbei. Ich bin in etwa einer halben Stunde bei dir. Bis dann.“
Nachdem die beiden aufgelegt hatten, machte Nadine sich ein wenig frisch und griff erneut ihre Gedanken auf, die sie während dem Gespräch mit Sabine hatte. Worüber würden Kai und Raphael sprechen? Sicher würde sie selbst ein Thema sein, über welches sie reden würden. Vielleicht hatte sich Kai deshalb noch nicht bei ihr gemeldet. Klar, er mochte beruflich im Stress gewesen sein, aber nahm er an, dass Raphael ihm mehr Informationen geben könnte, weil er ihm mehr verraten würde als Nadine selbst?
„Hallo, da bist du ja. Komm rein. Kai ist schon unterwegs.“ Nadine zwang sich, zu lächeln. Zu groß war ihre Neugier auf Kais Treffen mit Raphael. „Hallo. Na, dann zeig mal her.“ Die beiden schnappten sich die neuesten Baby-Kataloge und setzten sich auf die Couch. Stundenlang erzählte Sabine von den vielen tollen Sachen, die sie nach und nach besorgen wollte. Bis zur Geburt waren es noch 6 Monate und bis dahin sollte alles Nötige vorhanden und das Zimmer fertig eingerichtet sein.
Nadine freute sich mit Sabine. Auch sie wünschte sich ein Baby. Aber ohne Mann konnte sie in dem Punkt nicht viel ausrichten. Immerhin wurde sie Tante. Genau genommen sogar Patentante. Wenigstens ein kleiner Trost für Nadine die bereits befürchtete, niemals in den Genuss eines Kindes in ihrem näheren Umfeld zu kommen. Wie gut also, dass es da noch Kai und Sabine gab.
Nadine wurde langsam müde und wollte sich schon auf den Heimweg machen. Sabine begleitete Nadine zur Tür und riss diese gerade auf, als Kai vor ihnen stand. „Huch, hallo Schatz!“
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