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Lilly Jenkins ist 26 Jahre alt und lebt in Nordirland – zumindest sind das die persönlichen Daten, die die Behörde ihr zugeteilt hat seit sie im Krankenhaus erwacht ist. Niemand scheint sie zu kennen oder sie zu vermissen, und auch sie selbst weiß aufgrund eines tätlichen Angriffs nicht mehr, wer sie ist oder zu wem sie gehört. Getrieben von ihrer Einsamkeit knüpft sie neue Kontakte und gewinnt Rachel als ihre beste Freundin. Auch Timothy wird innerhalb kurzer Zeit ein guter Freund und zugleich eine große Unterstützung, und auch er hat Schmerzvolles hinter sich. Seine Ex-Freundin Elizabeth hat ihn von heute auf morgen verlassen und ihn damit zutiefst verletzt. Als er Lilly im Internet kennenlernt, scheint er wieder neuen Lebensmut zu fassen, und dieser wächst, als er sie zum ersten Mal sieht, denn schnell steht fest: Sie beide teilen das gleiche Schicksal.
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Seitenzahl: 232
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nicole Beisel
Vermiss mich nicht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vermiss mich nicht
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Lilly
Timothy
Elizabeth
Timothy
Elizabeth
Timothy
Elizabeth
Timothy
Impressum neobooks
Lilly Jenkins ist 26 Jahre alt und lebt in Nordirland – zumindest sind das die persönlichen Daten, die die Behörde ihr zugeteilt hat seit sie im Krankenhaus erwacht ist. Niemand scheint sie zu kennen oder sie zu vermissen, und auch sie selbst weiß aufgrund eines tätlichen Angriffs nicht mehr, wer sie ist oder zu wem sie gehört. Getrieben von ihrer Einsamkeit knüpft sie neue Kontakte und gewinnt Rachel als ihre beste Freundin. Auch Timothy wird innerhalb kurzer Zeit ein guter Freund und zugleich eine große Unterstützung, und auch er hat Schmerzvolles hinter sich.
Seine Ex-Freundin Elizabeth hat ihn von heute auf morgen verlassen und ihn damit zutiefst verletzt. Als er Lilly im Internet kennenlernt, scheint er wieder neuen Lebensmut zu fassen, und dieser wächst, als er sie zum ersten Mal sieht, denn schnell steht fest: Sie beide teilen das gleiche Schicksal.
Vermiss mich nicht
Wie ich wurde, wer ich bin
„Hallo, mein Name ist … ähm … Lilly Jenkins, ich bin ungefähr 26 Jahre alt und leide an Amnesie.“
Ich sitze in einem kleinen Raum mit weißen Wänden und einem großen Tisch an der Wand, auf dem Getränke und Kekse bereit stehen. Stühle stehen aneinander gereiht im Kreis, ich schätze, es sind etwa 10 Stück. Ich blicke in fahle Gesichter. Gesichter, die zeigen, dass die Menschen hier in diesem Raum Angst haben. Sie sind unsicher, fühlen sich verloren trotz der vielen Gleichgesinnten, die allesamt das gleiche Schicksal untereinander teilen. Ich selbst fühle mich nicht anders, auch ich komme mir fehl am Platz vor. Es ist der erste Sitzungstag von 25, und niemand von uns weiß, was uns erwartet.
Ich fühle mich unbehaglich, ich kenne niemanden hier im Raum, aber außerhalb dieser vier Wände ist das nicht anders, denn ich kenne noch nicht einmal mich selbst. Und genau deswegen bin ich hier. Ich frage mich, wer all diese Menschen sind, genauso, wie ich mich frage, wer ich wirklich bin. Ich habe keine Antwort hierauf, und auch die restlichen Teilnehmer der Gruppentherapie sind ratlos. Wir alle leiden unter diesem Gedächtnisverlust, der uns alles genommen hat, was wir je hatten. Unser Leben, unsere Familien und Freunde, unsere Erinnerungen und unsere eigene Persönlichkeit – alles einfach weg. Der Gruppenleiter, ein Mann Mitte vierzig, schmal und kurzsichtig, wie es scheint, ist der Einzige, der noch die Fähigkeit hat, sich selbst treu zu bleiben.
Aber nicht alle von uns haben auch tatsächlich alles vergessen. Einige haben noch Familienangehörige, die ihnen helfen, die Vergangenheit wieder zurück zu holen. Andere haben noch ihren ursprünglichen Namen und kennen ihr Geburtsdatum und ihren Wohnort. Manche können sich sogar noch an besondere Familienereignisse oder an ihre eigenen Kinder erinnern.
Ich schaue mich erneut in der Runde um, lausche den Berichten der Betroffenen und spüre Neid in mir aufkommen. Ich beneide diese Menschen um ihre wenigen verbliebenen Erinnerungen, und das, obwohl ich nicht einmal weiß, ob mein bisheriges Leben tatsächlich so lebenswert war. Trotzdem habe ich das Gefühl, etwas sehr wichtiges verloren zu haben: Mich selbst.
In dieser heutigen ersten Sitzung erfahre ich, dass die meisten unter uns nur wenige Jahre älter sind als ich und überwiegend hier aus der Gegend kommen, soweit sie noch davon berichten können. Sie erzählen von den Gründen für ihre Amnesie, die meisten wurden – gemäß den Erzählungen der Ärzte und Familien – Opfer eines Unfalls, aber nur wenige können sich an den eigentlichen Vorfall erinnern.
Auch ich erzähle meine Geschichte, oder zumindest die Geschichte, die mir der behandelnde Arzt im Krankenhaus erzählt hat.
Grund für meine Amnesie ist scheinbar ein fester Schlag auf den Hinterkopf, der mich wohl augenblicklich zu Boden gehen lassen musste. Wer mir das angetan hat, weiß niemand, aber es wird noch immer von einem ungeklärten Verbrechen ausgegangen. In diesem Fall scheine ich die einzige Zeugin zu sein, aber ich kann keinerlei Angaben machen, da ich keine Erinnerung mehr habe an die Zeit vor meinem Krankenhausaufenthalt. Auch dieser schlimme Vorfall an sich könnte für meinen Ausfall mit verantwortlich sein, sagen die Ärzte. Das Gehirn hat wohl die Fähigkeit, Erinnerungen auszuschalten, die ein traumatisches Erlebnis zur Folge hatten. Nun, ein Verlust, den ich nur bedingt bedauere.
Jedenfalls wurde ich gefunden, bekleidet, aber ohne Ausweis, ohne Dokumente, ohne Bewusstsein und – wie sich später herausstellte – ohne Gedächtnis.
Niemand wusste, wer ich war, niemand hat nach mir gesucht und auch heute scheint mich niemand zu vermissen. Keine Eltern, keine Geschwister oder gar Kinder, kein Ehemann, keine Freunde. Ich scheine niemandem zu fehlen, und diese Erkenntnis versetzt mir einen kleinen Stich, obwohl ich ja noch nicht einmal selbst jemanden vermisse.
Traurig und verwirrt zugleich beende ich meinen Bericht, ernte zahlreiche, mitleidige Blicke mit einem Hauch Verständnis in den Augen meiner Mitstreiter. Nach zwei Stunden ist die erste Sitzung um, die nächste folgt am nächsten Donnerstag.
Ich will gerade zur Tür raus, als ich eine Hand an meiner Schulter spüre, sanft, aber mit der bestimmten Bitte, mich umzudrehen. Ich erschrecke kurz über diese Berührung, hatte ich doch fast vergessen, wie sich das anfühlt, obwohl ich selbst tagtäglich irgendwelche Dinge berühre. Dinge, keine Menschen.
„Ja?“ Zwei schüchterne grüne Augen schauen mich unsicher an. Die Haut drumherum ist hell und mit einzelnen Sommersprossen versehen, die Haare kinnlang und von rotbrauner Farbe, die an einen warmen Herbsttag erinnern. Habe ich den Herbst je richtig kennen gelernt? Sicher, ich weiß nur nicht mehr, wann das war.
„Tut mir leid, dass ich dich so überfalle. Lilly, richtig? Hi, ich bin Rachel.“ Ich erwidere ihren sanften Händedruck, ich kenne ihren Namen noch aus der Vorstellungsrunde. Sie ist die Frau, die nach einem Arbeitsunfall wieder bei ihrer Mutter wohnt.
„Hi. Was kann ich für dich tun?“ Diese Frage kommt mir seltsam vor, denn eigentlich wird diese Frage in der letzten Zeit ausschließlich an mich gerichtet, und nicht umgekehrt. Die Herbstfrau zuckt mit den Schultern „Ich dachte, … Hast du noch ein wenig Zeit? Vielleicht könnten wir zusammen was trinken gehen?“ Ich überlege einen Moment. Warum eigentlich nicht? Sie scheint nett zu sein, und außerdem ist das der erste mehr oder weniger private soziale Kontakt seit … ich weiß es nicht mehr. Aber ich spüre, dass ich ihr vertrauen kann und bin froh über ihr Angebot. „Gerne.“ Augenblicklich weicht ihre Unsicherheit einem breiten Lächeln als Zeichen der Erleichterung. Ich folge ihr aus dem Gebäude hinaus auf die recht belebte Straße nahe der Stadt. Wir sprechen kaum ein Wort, sondern legen den direkten Weg zu einem kleinen Café zurück, das sie bereits gut zu kennen scheint. Wir nehmen Platz und atmen tief durch, ehe wir unser eigentliches Gespräch beginnen.
„Ich freue mich, dass du mein Angebot angenommen hast. Irgendwie fühle ich mich in letzter Zeit ein wenig … einsam.“ Ich nicke, denn ich weiß genau, was sie meint. „Ja, das kenne ich. Ich bin froh, dass du mich gefragt hast. Vielleicht tut es mir doch ganz gut, mich auch außerhalb dieser Gruppe auszutauschen. Ich muss sagen, ich komme mir ein wenig vor, wie auf einer Anklagebank. Schuldig irgendwie, fehlerhaft, nicht ganz richtig. Dabei kann ich ja gar nichts dafür. Niemand kann etwas dafür, aber trotzdem fühle ich mich unwohl.“
Ich zucke mit den Schultern und lächle verlegen als ich merke, dass ich einfach drauf los geplappert habe. Aber mein Gegenüber lächelt und fühlt sich offensichtlich verstanden. Während unsere Tassen vor uns platziert werden, beißt sie sich auf die Lippe. Irgendetwas scheint ihr auf dem Herzen zu liegen, und derzeit bin ich gerne bereit, ihr zuzuhören. Zumindest glaube ich, dass ich das gleich tun soll.
„Was ist los? Erzähl schon,“ ermuntere ich sie zum Reden. Sie schnauft und gibt sich einen Ruck. „Du hast erzählt, dass du nichts mehr weißt aus deiner Vergangenheit und dass niemand weiß, wer du bist. Auch dein genaues Alter kennst du nicht. Ich stelle mir das furchtbar vor. Wie lebt man denn damit? Wie geht das Leben weiter, wie fasst man wieder Fuß? Ich meine, du musst doch jemand sein?“
Ich weiß genau, was sie meint und erzähle ihr vom Erlangen meiner neuen Identität, an die ich mich auch nach zwei Monaten noch immer nicht gewöhnt habe. „Die Polizei und die Ärzte haben mir sehr geholfen. Sie haben mir Beratungsstellen genannt, haben sich für mich mit der Verwaltung in Verbindung gesetzt und dafür gesorgt, dass ich – zumindest vorläufig – eine neue Identität bekomme. Ich habe also einen neuen Namen bekommen, den ich mir aussuchen durfte und habe eine kleine Sozialwohnung zugeteilt bekommen. Ich wurde mehrfach ärztlich untersucht um eventuelle Krankheiten oder sonstige Merkmale festzustellen. Auch zur Feststellung meines Alters war eine Untersuchung notwendig, und scheinbar muss ich um die sechsundzwanzig sein. Arbeiten kann ich derzeit nicht, Versicherungen musste ich allesamt neu abschließen und der Staat unterstützt mich finanziell. Keine tolle Situation, aber ich hatte quasi nichts, als ich mich im Krankenhaus wiederfand. Irgendjemand hat mir innerhalb von Sekunden alles genommen.“
Ich bin versucht, meinen Tränen freien Lauf zu lassen, reiße mich aber zusammen und schlucke den Kloß in meinem Hals tapfer herunter. Mittlerweile habe ich Übung darin. Die rothaarige Frau sieht mich an, als sei ich eine bewundernswerte Person, ein Star oder so was. Ihre grünen Augen sind weit aufgerissen, der Mund steht ihr offen vor Staunen. Kaum merklich schüttelt sie den Kopf. Tief im Innern muss sie erleichtert sein über die Tatsache, dass sie glimpflicher davon gekommen ist als ich.
„Das tut mir sehr leid. Und es gab wirklich niemanden, der eine Vermisstenanzeige aufgegeben oder sonst irgendwie nach dir gesucht hat? Ich meine … Jeder hat doch irgendjemanden, oder?“ Ihre Stimme ist kaum mehr ein leises Piepsen und ich spüre deutlich, wie unangenehm ihr diese Fragen sind. Traurig lächelnd schüttele ich den Kopf. „Nein, niemand. Auch auf die Anzeige der Polizei hat sich bislang niemand gemeldet der glaubt, mich zu kennen. Es ist noch nicht einmal sicher, ob ich überhaupt hier aus der Gegend stamme. Niemand weiß auch nur überhaupt etwas über mich, und am wenigsten ich selbst.“
Plötzlich erkenne ich, wie gut es tut, offen mit jemandem darüber zu sprechen, der mir einfach nur zuhört. Jemand, der mich nicht behandeln oder etwas erforschen will, sondern einfach jemand, der sich für mich – wer auch immer ich bin – interessiert.
„Tja, so wurde ich zu Lilly Jenkins. Ich bin gespannt, wie sie eines Tages sein wird.“
Auf der Suche nach dem Glück
Der Wecker klingelt und reißt mich aus einem unruhigen Schlaf. Zeit, um aufzustehen. Dabei habe ich so gar keine Lust auf die vielen mitleidigen Bemerkungen im Büro und die fragenden Blicke der Mandanten, wenn sie in meine müden und traurigen Augen sehen. Ich schätze, die Sekretärinnen tuscheln auch schon, aber darauf lege ich ohnehin keinen Wert, die reden viel, wenn der Tag lang ist. Mühsam stehe ich auf und laufe ins Bad. Jeder Schritt und jeder Atemzug erinnert mich daran, wie einsam ich bin. Eigentlich sollte ich ein junger, erfolgreicher und gutaussehender Anwalt sein mit einer hübschen Freundin an seiner Seite, die er mit Liebe, Aufmerksamkeit und kleinen Geschenken überhäufen kann.
Stattdessen bin ich ein einsamer Mann mit ausdruckslosem Gesicht, Falten, Bartstoppeln und zerzaustem Haar, das sich nur mit Mühe und Not wieder in die Reihe bringen lässt. Ein kurzer Blick in den Spiegel verrät mir, dass mir ein Rest Zahnpasta im Mundwinkel hängt und ich mich selbst viel zu sehr bemitleide. Im Grunde genommen übertreibe ich, und ich weiß das auch. Es ist heute keine Besonderheit mehr, verlassen zu werden. Ich selbst habe oft genug Frauen verlassen von denen ich dachte, dass sie mich auf Dauer nicht hätten glücklich machen können oder dass sie etwas Besseres verdient hätten als mich. Und ich habe mich nicht ein einziges Mal darum geschert, wie viele Herzen dabei gebrochen wurden.
Aber diesmal ist es anders, denn es ist mein Herz, das gebrochen wurde. Zum ersten Mal dachte ich, es sei etwas Ernstes. Ich habe Elizabeth geliebt, habe sie verehrt, sie war mir wirklich wichtig. Ich hatte sie fragen wollen, ob sie bei mir einziehen will, ob sie meine Frau werden will. An diesem einen Wochenende, für den Samstag, hatte ich diese Aktion mit dem Candle-Light-Dinner geplant, doch dieser Samstag kam nie. Der Ring liegt noch immer in der Tasche meines Sakkos, das ich achtlos über den Sessel im Wohnzimmer geworfen habe. Dort liegt er nun seit mehreren Wochen. Oder sind es gar schon Monate? Ich habe keine Ahnung, jedenfalls ist sie schon eine ganze Weile weg. Elizabeth. Sie hat mich einfach verlassen, von heute auf Morgen, ohne jegliche Vorankündigung. Ich kenne bis heute keinen Grund, und auch erreichen konnte ich sie nicht mehr. Irgendwann habe ich es aufgegeben und suhle mich bis heute in meinem eigenen Schmerz.
Auch die tägliche Dusche kann dieses schwere Gefühl nicht fortspülen, und so trage ich die Last mit mir in die Kaffeebar und anschließend ins Büro.
„Guten Morgen.“ Zaghaftes Nicken macht die Runde unter den Frauen, die meine Briefe und die der Kollegen zu Papier bringen. Ich sehe, dass sie ihrer Arbeit nachgehen, aber ich spüre deutlich, dass sie sich ihren Teil denken. Dabei geht es sie gar nichts an. Mich schert deren Privatleben doch auch nicht. Anstatt mich weiter darüber zu ärgern, suche ich mein Büro auf und schalte sämtliche Geräte ein, die mich durch den Tag begleiten. Plötzlich klopft es an der Tür.
„Jeff, guten Morgen. Komm rein.“. Er folgt meiner Anweisung und tritt ein. So geht das mittlerweile beinahe jeden Morgen. „Wie geht es dir heute?“ Ich lache zynisch. „Wie soll es mir schon gehen? Es ist kein Wunder geschehen, warum sollte sich also an meinem Gemütszustand irgendetwas geändert haben? Elizabeth ist weg, und das wird sie auch bleiben. Scheinbar war ich ihr nicht gut genug.“ Jeff seufzt, ich scheine ihm auf die Nerven zu gehen, aber es kümmert mich nicht. Ich weiß, dass ich mich daran gewöhnen sollte, wieder auf dem Markt zu sein, aber die Hoffnung auf eine neue, wahre und tiefsinnige Liebe hat mich gemeinsam mit meiner Ex-Freundin verlassen. Es fällt mir schwer, mich an das Single-Dasein zu gewöhnen. Mit Anfang dreißig bin ich mittlerweile nicht mehr am Alleinsein interessiert.
„Was stört dich mehr? Die Tatsache, dass sie dich sitzen gelassen hat oder dass du nun alleine bist?“ Das ist eine gute Frage, die ich spontan nicht beantworten kann. Elizabeth war eine klasse Frau. Schlank, blond, stets schick gekleidet, und die Angestellte meiner Bank an meinem Zweitwohnsitz in Kilkenny. Zumindest war sie dort angestellt, denn sie scheint gekündigt zu haben, als sie mich verließ. Jedenfalls ergaben meine Nachfragen diesbezüglich lediglich, dass sie nicht mehr dort arbeitet. Auch ihre Schwestern, die ich noch nie sonderlich gut leiden konnte, konnten mir nicht sagen, wo es sie hingezogen hat. Somit blieb mir nichts anderes übrig, als sie zu vergessen, was mir scheinbar bis heute noch nicht ganz gelungen ist. Vielleicht wird es besser, wenn sich endlich ein Käufer für mein kleines Häuschen in Kilkenny finden lässt.
„Keine Ahnung. Beides vielleicht. Worauf willst du hinaus, Jeff?“ Er grinst und ich ahne nichts Gutes. „Such dir jemand Neues. Du bist ein klasse Typ, hast Geld und Erfolg. Die Frauen lieben so was. Geh aus, Kumpel! Das Leben geht weiter. Häng dich nicht an einer Schnitte auf, die dich nicht verdient hat.“
Ich schüttele den Kopf. Er rafft es einfach nicht. „Was soll ich denn mit ner neuen Frau? Ich brauche keine neue Frau.“ Jeff zieht die Augenbrauen hoch. „Das sehe ich anders. Überleg es dir.“ Mit diesen Worten verlässt er mein Büro und lässt die Tür von außen ins Schloss fallen. Um mich abzulenken lasse ich mir einen Kaffee bringen und mache mich an die Arbeit. Kaum habe ich den ersten Schriftsatz diktiert, sehne ich mir den Feierabend herbei.
Der Feierabend kommt, und mit ihm meine Gedanken an mein leeres Zuhause, das seit einiger Zeit noch leerer ist, obwohl ich zuvor auch schon alleine darin gewohnt habe. Trotzdem scheint etwas zu fehlen. Ich esse eine Kleinigkeit und setze mich vor den Fernseher. Ich schalte durch die Kanäle, aber überall nur Actionfilme und Liebesschnulzen. Genervt von mir selbst lasse ich mir Jeffs Worte noch mal durch den Kopf gehen. Könnte er recht haben? Sollte ich mir jemand neues suchen? Elizabeth wird nicht zurückkommen, so viel steht fest. Wie lange also soll ich ihr noch hinterher trauern? Scheint so, als würde ich Jeff doch noch klein beigeben. Ich hasse es, alleine auszugehen, und Jeff will ich jetzt auch nicht unter die Nase reiben, dass er recht hat. Das tun zahlreiche andere Leute tagtäglich.
Ich denke nach und wage einen Versuch. Mein Vorhaben bleibt geheim, zumindest vorerst. Braucht keiner wissen, was ich in meiner Freizeit so treibe.
Ich schnappe mir meinen Laptop, google nach entsprechenden Seiten und melde mich bei lovelyfriends.com an. Das kann ja nur schief gehen.
Die Außenwelt und ich
Rachel hilft mir, einen kleinen Schritt in die richtige Richtung zu machen, obwohl sie selbst unter ihren Gedächtnislücken leidet. Ich bin dankbar für den Kontakt zu ihr und bin froh, mich auch über belanglose Dinge austauschen zu können. Irgendwann driftet unser Gespräch von unserer Krankheit ab und geht über zu normalen, alltäglichen Dingen, über die wir einander berichten. Stück für Stück spüre ich, wie ich mich ein wenig normaler fühle, menschlicher, nicht mehr ganz so fremd wie zuvor. Klar, ich bin in den letzten Wochen einkaufen gegangen, besuche regelmäßig meinen neuen Hausarzt und einen Neurologen, der mir vom Krankenhaus empfohlen wurde und mache hin und wieder einen Spaziergang. Aber als Kontakte kann ich all diese Gänge nicht bezeichnen.
Ich genieße die Zeit mit Rachel und bin froh, sie kennen gelernt zu haben. Nachdem zwei Stunden vergangen sind, tauschen wir unsere Daten aus und beschließen, auch außerhalb der Selbsthilfegruppe in Kontakt zu bleiben und uns hin und wieder zu treffen. Da ich derzeit noch kein Handy besitze, muss ich mich auf die Nummer meiner Festnetzleitung beschränken, was jedoch für keinen von uns ein Problem darstellt. Ich bin froh, dass sie ein wenig selbständiger ist, als ich, was daran liegt, dass sie doch noch mehr aus ihrem alten Leben weiß als ich aus meinem.
Wir verabschieden uns mit einer netten Umarmung und machen uns auf den Weg. Es ist früher Nachmittag und ich weiß nicht recht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll. Meine Einkäufe sind alle erledigt, Bücher besitze ich nicht und der kleine Fernseher, der zur Wohnung gehört, gibt um diese Tageszeit auch nichts Vernünftiges her. Ich habe kein Handy und auch keinen Computer, und doch drängt es mich dazu, mich ein wenig sozialer zu verhalten. Kontakt zu Menschen aufnehmen, neue Leute kennenlernen. Aber wie soll ich das anstellen, ohne die entsprechenden Geräte zur Verfügung zu haben? Ich laufe weiter und stoße auf ein Internet-Café. „Pro Stunde 1,50 €“ steht in großen Lettern an der Tür geschrieben. Ich krame in meiner Tasche, rechne kurz nach und betrete den dunklen und nicht sonderlich gut besuchten Raum. Meine Bestellung beschränkt sich auf ein Wasser und ich zahle für eine Stunde Internetzugang. Ich ziehe mich an den hintersten Tisch zurück und öffne die wohl größte Suchmaschine der Welt. Die Ergebnisse meiner Suche zeigen mir sämtliche soziale Netzwerke an, ebenso wie Seiten für Singles und sonstige einsame Menschen. Menschen wie mich. Mein Blick fällt auf ein ganz besonderes Portal und ich beschließe, mir eine gültige Email-Adresse zuzulegen und mich dort anzumelden. Schnell habe ich mein Profil bestätigt und ausgefüllt, ein Foto von mir selbst existiert jedoch nicht, was ich im Augenblick auch gar nicht schlimm finde. Ich sehe zwar nicht unbedingt schlecht aus, aber es muss ja keiner von Anfang an wissen, wie ich aussehe.
Auch wenn ich nicht weiß, was mich erwartet und ich mit zahlreichen Anmachversuchen zwielichtiger Kerle rechne, wage ich den Schritt nach vorne. Ich werde ohnehin vorerst nicht sonderlich oft nach neuen Anfragen oder Nachrichten schauen können, aber es tut mir gut, überhaupt irgendeinen Kontakt zu haben. Ich muss mich damit abfinden, dass mein Leben nun von vorne beginnt und ich mir ein neues Umfeld aufbauen muss. Und ich denke, neben Rachel ist das Internet eine gute, vorübergehende Lösung.
Die Stunde ist schnell um. Ich verlasse den Laden und mache mich auf den Heimweg, langsam knurrt mein Magen und ich beschließe, mir eine Kleinigkeit warm zu machen und es mir letztendlich doch vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Noch immer komme ich mir fremd vor in diesem Gebäude, aber an anderen Orten fühlt es sich nicht viel anders an. Ich kann nur hoffen, dass ich mich schnell an mein neues Leben gewöhne. Es ist seltsam, wenn man nicht weiß, was man sonst immer gern hatte oder man gerne unternommen hat, welche Hobbies man hatte oder was man gar nicht leiden konnte. Jeden Tag hoffe ich auf einen kleinen Funken einer Erinnerung aus meiner Vergangenheit, aber es kommt nichts. Ich sehe nur das Jetzt und Hier und sehe meine eigene Hoffnung langsam schwinden. Die Ärzte sagen zwar, mein Gedächtnis wird wieder kommen, aber es ist umso schwerer für mich, weil ich niemanden um mich herum habe, der mich oder mein Leben kennt. Ich bin völlig auf mich allein gestellt, was die Wiederaufbereitung meiner Erinnerungen betrifft, aber die Ärzte reden mir immer wieder ein, nicht aufzugeben. Ich möchte gerne wissen, was sie machen würden, wenn sie ihr gesamtes Leben einfach vergessen würden.
Gerade räume ich das Geschirr in die kleine Küche, als das Telefon klingelt. Bis auf einige Ämter und Ärzte kennt niemand diese Nummer, also gehe ich davon aus, dass es Rachel ist und stelle kurz danach fest, dass ich recht hatte.
„Hallo, Lilly. Ich hoffe, ich störe nicht? Ich wollte nur noch mal nach dir hören und sehen, ob alles in Ordnung ist.“ Ich lächle, obwohl sie es nicht sehen kann und setze mich mit dem Mobilteil zurück auf die Couch, wo der Fernseher nun stumme Bilder vorüberziehen lässt.
„Du störst nicht, im Gegenteil. Ich bin froh, dass du anrufst. Hier ist alles so still und öde, und im Fernsehen läuft auch nichts Vernünftiges. Mir geht es ganz gut, wie immer eben. Danke. Und dir?“ Rachel klingt glücklich, beinahe, wie ein kleines Mädchen, das der ganzen Welt zeigen möchte, wie lieb es ihre beste Freundin hat.
„Auch ganz gut, danke. Ich versuche, mich körperlich noch ein wenig zu schonen und surfe hin und wieder im Internet. Meine Mutter kann ohnehin nicht viel für mich tun, obwohl sie sich wirklich Mühe gibt und ich ihr hierfür sehr dankbar bin.“
Das Internet … Ich erzähle ihr von meiner verrückten Aktion vom Nachmittag. „Da hab ich mich einfach angemeldet. Ich kann zwar nicht so oft reinschauen, aber hin und wieder werde ich meine Nachrichten abrufen.“ Mich juckt es in den Fingern, aber meine Idee ist mir zu peinlich, als dass ich Rachel darum bitten könnte, mir einen Gefallen zu tun.
„Verstehe. Du kannst auch gerne meinen Computer benutzen, wenn du möchtest. Du kannst gerne jederzeit vorbei kommen und deine Mails checken. Ich habe nichts dagegen.“ Für einen Moment bin ich sprachlos, wir kennen uns noch keine vierundzwanzig Stunden und schon bietet sie mir ihre Hilfe an. Dann fange ich an, mich aufrichtig zu freuen. „Wirklich? Das wäre ja super. Das ist lieb von dir, vielen, vielen Dank!“ Ich möchte sie am liebsten umarmen und nehme mir vor, dies bei unserem nächsten Treffen nachzuholen. Und prompt liefert sie mir einen weiteren Grund, sie zu mögen. „Das heißt also, du hast dich heute Mittag dort angemeldet und seitdem keine Nachrichten mehr abgerufen?“ Ich schüttele den Kopf, als säße sie mir gegenüber. „Nein, wie denn auch? Ich habe außer einem Telefon und dem Fernseher keine größeren, technischen Geräte bis auf die nötigen Haushaltsgeräte.“
Rachel lacht in ihren Hörer. „Wow, Respekt. Das würde ich gar nicht erst aushalten. Sind denn deine Log-In-Daten sehr geheim?“ Ich ahne, worauf sie hinaus will, und kann es kaum glauben. Ich mag sie, ich vertraue ihr und mein Profil auf dieser Plattform sagt ohnehin nicht viel über mich aus. Außerdem denke ich nicht, dass sie mein Profil manipulieren oder fremde Männer ohne mein Wissen anschreiben würde. „Würdest du denn nach meinen Nachrichten schauen wollen? Wirklich?“ Rachel bejaht ihren Vorschlag mit Nachdruck und ich gebe ihr meine Daten durch.
„Na dann schauen wir mal, forgottengirl. So, Posteingang.“ Ich lausche ihrer Stimme und spüre, wie mein Herz schneller schlägt, obwohl es hierfür überhaupt keinen Grund gibt. Ich schiebe die Aufregung auf meine Neugier und bin gespannt, ob sich überhaupt schon jemand mit mir in Kontakt setzen will.
Rachel berichtet von meinen eingegangenen Nachrichten und fasst sie kurz zusammen. „Also, du hast eine Willkommensmail, wie jeder sie bekommt. Herzlich Willkommen, viel Spaß, das Übliche. Dann sind zwei Mails dabei von Profilen ohne Bild, aber die Nicknames sagen nichts Gutes über die Mitglieder aus. Hot_Hero und Big_Ben.“ Ich muss laut lachen und möchte gar nicht wissen, was in ihren Mails geschrieben steht. Als ich denke, das war’s auch schon wieder, fährt Rachel fort. „Und dann ist noch eine dabei von einem scheinbar hübschen Kerl, soweit man seinem Profilbild trauen kann. Er nennt sich lonelylawyer. Soll ich dir die Mail mal vorlesen?“
Meine Gesichtszüge werden wieder ernst, mein Puls beschleunigt sich und die Aufregung eines Teenagers macht sich in mir breit. „Ja, bitte.“
„Hallo, forgottengirl. Ich bin lonelylawyer und bin tatsächlich ein einsamer und derzeit sehr trauriger Anwalt, der hofft, hier Gleichgesinnte zu treffen. Keine Sorge, ich suche keine sexuellen Kontakte und bin auch kein Schwerverbrecher, sondern freue mich einfach auf einen netten Austausch und darauf, neue Leute kennen zu lernen. Dein Profil ist mir auch ohne Foto sofort ins Auge gesprungen, als ich deinen Nicknamen gelesen habe. Ich hoffe, dass du keine Frau bist, die ich wieder vergessen muss und hoffe, du findest den Mut, mir zu antworten. Ich würde mich sehr freuen. Herzliche Grüße, der Anwalt.“
Ich schlage mir die Hand vor den Mund und muss kichern. Rachel stimmt mit ein, während sie scheinbar weiter surft und sich auf seinem Profil umschaut. Sie liest mir alles Wissenswerte vor. „Er sieht sehr gut aus, gepflegt, wie ein Anwalt eben aussehen sollte. Zumindest hoffe ich, dass er das auch wirklich ist auf dem Foto. Er ist Anfang dreißig, Anwalt, lebt in Cookstown und hört gerne Musik. Viel mehr steht hier nicht drin, auch nichts über seinen Beziehungsstand, aber ich schätze, das wird dich eh nicht interessieren.“
Ich gebe ihr recht. Ich kenne mich selbst kaum, wie soll ich da jemand anderes kennenlernen oder zulassen, dass jemand sich in mich verliebt wenn ich noch nicht einmal weiß, ob ich überhaupt liebenswert bin? Die rothaarige Frau reißt mich aus meinen Gedanken. „Hey, es ist noch nicht allzu spät und wir wohnen doch gar nicht so weit voneinander weg. Was hältst du davon, wenn ich meinen Laptop und meinen Surfstick einpacke und meine Mutter bitte, mich zu dir zu fahren? Sie hat sicher nichts dagegen, aber ich will dich auch nicht stören oder dir zu nahe treten.“
Ich denke nach. Ein Abend zu zweit wäre eine willkommene Abwechslung, ich müsste nicht mehr aus dem Haus und ich hätte die Möglichkeit, dem Anwalt zu antworten. Denn das werde ich auf jeden Fall tun, die Nachricht klang sehr aufrichtig und nett. Zu gerne nehme ich ihr Angebot an und sehe uns beide gemeinsam eine halbe Stunde später gemeinsam auf dem Sofa sitzen. Ich freue mich, sie zum zweiten Mal an diesem Tag zu sehen und löse meine versprochene Umarmung ein.
