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Linda und ihre Großmutter Betty sind ein starkes Team – erst recht seit dem Zugunglück vor vier Jahren, bei dem Lindas Eltern ums Leben kamen. Lindas Leben besteht seither in erster Linie aus ihrer Arbeit, und genau dort trifft sie eines Tages auf eine völlig fremde Person, die das ändern soll. Schon beim ersten Anblick geht ihr diese zauberhafte Frau nicht mehr aus dem Kopf. Linda fühlt sich zu ihr hingezogen und steht vor einem Rätsel. Als Betty plötzlich stirbt und eine alte braune Ledermappe zum Vorschein kommt, ist das Rätsel perfekt. Welches Geheimnis birgt diese Ledermappe? Und was hat die seltsame Kundin damit zu tun? Kann Tony, ihr Arbeitskollege und Freund, ihr helfen, die Neuigkeiten zu verarbeiten? Ein Roman über Liebe, Angst und Vergebung.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nicole Beisel
Ich nannte dich Kate
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ich nannte dich Kate
Prolog – Die Lunchbox
(K)eine erste Begegnung
Bettys Verdacht
Bettys kleines Geheimnis
Der Notizzettel
Der Hafen von Dover
Haus zu verkaufen
Die potentielle Käuferin
Die Observation
(K)eine Überraschung
Auf gute Nachbarschaft
Die Zwischeninformation
Fionas Rückkehr
Wie beim ersten Mal
Ein erster Versuch
Ein erster Verdacht
Betty lässt nicht locker
Der Tag der Ankunft
Das gemeinsame Dinner
Heimliche Tränen
Tränen am Meer
Spaziergang in der Abendsonne
Der Kuss ist der Schlüssel
Betty gibt auf
Fionas Angebot
Der Beginn einer Freundschaft
Dem Geheimnis auf der Spur
Entdeckung mit Folgen
Schock oder Vorahnung?
Ein schöner Abend
Von der Fähigkeit, vergeben zu können
Kate
Die Offenbarung
Die Veränderung
Die Macht der Zeit
Epilog
Impressum neobooks
Impressum
Nicole Beisel
www.beisel-books.de
Erschienen 2014
Linda und ihre Großmutter Betty sind ein starkes Team – erst recht seit dem Zugunglück vor vier Jahren, bei dem Lindas Eltern ums Leben kamen. Lindas Leben besteht seither in erster Linie aus ihrer Arbeit, und genau dort trifft sie eines Tages auf eine völlig fremde Person, die das ändern soll. Schon beim ersten Anblick geht ihr diese zauberhafte Frau nicht mehr aus dem Kopf. Linda fühlt sich zu ihr hingezogen und steht vor einem Rätsel. Als Betty plötzlich stirbt und eine alte braune Ledermappe zum Vorschein kommt, ist das Rätsel perfekt.
Welches Geheimnis birgt diese Ledermappe? Und was hat die seltsame Kundin damit zu tun? Kann Tony, ihr Arbeitskollege und Freund, ihr helfen, die Neuigkeiten zu verarbeiten?
"Grandma, ich mache mich nun auf den Weg. Denk' bitte daran, dass heute Donnerstag ist und ich daher erst gegen halb sieben zurück sein werde." Linda schnappte sich ihre Lunchbox, die ihre Großmutter Betty ihr wie an jedem Morgen unter der Woche so liebevoll zubereitet hatte und drückte ihr einen Kuss auf ihre nicht mehr ganz so junge und leicht faltige, aber dennoch warme und weiche Wange. "Ist gut, mein Kind. Fahr vorsichtig, und hab einen schönen Tag." Linda hatte ihren Führerschein erst seit kurzem, und obwohl sie schon immer sehr vernünftig und vorsichtig war und sie die Führerscheinprüfung ohne jegliche Beanstandungen bewältigt hatte, machte ihre Großmutter sich ständig Sorgen um sie. Aber das war ja auch kein Wunder bei allem, was Linda in den vergangenen Jahren durchgemacht hatte. Lindas Eltern, Bettys Sohn Charles und seine Frau Rachel, kamen vor etwa vier Jahren bei einem schweren Zugunglück ums Leben. In jeder Nachrichtensendung waren die schrecklichen Bilder zu sehen gewesen und noch bevor den Angehörigen telefonisch die Mitteilung gemacht wurde, dass ihre Verwandten in dem Unglück verwickelt waren hatten Betty und Linda die Nachrichten verfolgt und bereits beim Anblick der zusammengestauchten Metallteile das Schlimmste befürchtet. Betty wird nie die Worte vergessen, die sie beinahe emotionslos in den Hörer hauchte, als sie benachrichtigt wurde: "Ich weiß."
Linda hatte sich danach lange in ihrem Zimmer im oberen Stockwerk des hübschen, aber nicht sonderlich modernen Zweifamilienhauses verkrochen, während ihre Oma Betty im Stockwerk darunter in ihrem Wohnzimmersessel saß und geduldig auf ein Zeichen ihrer Enkelin wartete. Betty hatte gewusst, dass ihre Enkelin mit damals 17 Jahren alt genug war, um alleine in der Wohnung zurecht zu kommen, zumal Linda niemals wirklich ganz alleine gewesen war, denn Betty war immer ganz in ihrer Nähe gewesen. Aber bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Betty sich eines angewöhnt: Sie umsorgte ihre Enkelin ständig mit etwas Essbarem. Sie stellte es ihr – wie man es aus Filmen kennen mag, in denen es um schweren und scheinbar unheilbaren Liebeskummer ging – regelmäßig ein Tablett vor die Tür, ehe sie leise die Treppen wieder hinunter stieg und geduldig darauf wartete, dass Linda wenigstens eine Kleinigkeit zu sich nehmen mochte. In den ersten Tagen hatte das Tablett bei nochmaligem Nachsehen kaum eine Veränderung aufgezeigt. Teilweise war es schlichtweg auf die Seite geschoben worden, womöglich, damit Linda wenigstens zur Toilette konnte, ohne das Tablett oder das Essen, das sich darauf befand, zu zertreten. Erst beinahe eine Woche später, kurz nach der Trauerfeier, die aufgrund der wenigen Familienangehörigen recht schlicht und kurz ausfiel, nahm die Menge an Essbarem, das sich auf dem Tablett befand, stetig ab und von Tag zu Tag kam immer mehr vom Teller selbst zum Vorschein, den Betty samt Tablett am späten Abend wieder mit hinunter in ihre eigene Küche nahm um sich darüber zu freuen, dass sie wenigstens über das Essen eine Art Kontakt zu ihrer Enkelin halten konnte, die ansonsten noch immer sehr schweigsam gewesen war, obwohl das Band, das einst zwischen Großmutter und Enkelin gespannt war, vor dem Unglück beinahe fester war als das zwischen Linda und ihren Eltern.
Seit dieser Zeit kümmerte sich Betty um die Ernährung ihrer Enkelin, die sich immer mehr in der Wohnung im unteren Stockwerk aufhielt, weil sie es eines Tages in ihren bisherigen Wohnräumen nicht mehr ausgehalten hatte. Alles erinnerte sie an ihre Eltern und an ihre gemeinsame Zeit, vor allem aber auch an ihre Kindheit, in der es keine Sorgen und keine Ängste gab, denn dafür hatten Charles und Rachel gesorgt. Die Angst und die Unsicherheit von Linda fernzuhalten – das war ihre Aufgabe gewesen. Eine Aufgabe, die sie selbst gewählt hatten und die sie jeden Tag aufs Neue erfüllen wollten, vom ersten bis zum letzten Augenblick ihrer gemeinsamen Zeit.
Und bis heute hat Betty sich diesen Brauch, der alleine ihre Idee war, beibehalten. In der Zwischenzeit stand die Wohnung im Obergeschoss beinahe leer, nur noch wenige Möbelstücke füllten die Räume, die trotzdem viel zu leer und still wirkten, beinahe kalt und beängstigend. Auch sonst gab es in der darauffolgenden Zeit einige Veränderungen. Die Tatsache, dass Linda mit niemandem über ihre Eltern oder über das Geschehene sprach machte es ihr dafür umso einfacher, sich auf die Schule zu konzentrieren, was ihr tatsächlich zugutekam und ein halbes Jahr nach dem Unglück zu einem sehr guten Schulabschluss mit Bestnoten führte. Dies hatte sie einzig und alleine ihrer Entscheidung zu verdanken, ihre Gefühlswelt auszuschalten und ihre Trauer zu verstecken, sobald sie das Schulgebäude betrat. In beruflicher Hinsicht musste Linda nicht lange nachdenken, für welche Tätigkeit sie sich entscheiden sollte. Sie hatte beschlossen, in die Fußstapfen ihres Vaters Charles zu treten und eine Ausbildung zur Bankkauffrau zu machen. Auf diese Weise fühlte sie sich ihm zumindest ein Stück weit verbunden und vom Studieren hatte Linda sowieso noch nie viel gehalten. Durch ihr hervorragendes Abschlusszeugnis hatte sie keine Mühe, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden und freute sich auf das Erlernen des neuen Berufs sowie über die Tatsache, dass sie nun langsam erwachsen wurde. Das waren eine Menge neue Dinge in relativ kurzer Zeit, die ihr Leben beinahe auf den Kopf stellten, während sie noch immer versuchte, alleine mit ihrer Trauer um ihre Eltern umzugehen. Umso wichtiger fand Betty es, ihrer Enkelin wenigstens einen festen Punkt geben zu können, an dem sie sich festhalten und orientieren konnte, etwas, dass ihr Sicherheit gab, weil es immer da war und sich niemals ändern würde.
Und so bekam eine einfache Lunchbox einen festen Platz in Bettys und Lindas Leben, unbedeutend und zugleich unheimlich wichtig. Für beide.
Donnerstags haben die Banken in Dover länger geöffnet als an anderen Tagen, damit auch Berufstätige ihre Bankgeschäfte in aller Ruhe erledigen konnten, ohne sich extra dafür frei nehmen zu müssen. Daher war an Donnerstagen vor allem in den Abendstunden am meisten los und der Betrieb erlangte eine halbe Stunde vor Feierabend seinen regelmäßigen Höhepunkt. Auch war es üblich, dass die Finanzberater der Bank an Donnerstagabenden ihren Kunden einen Stuhl hinter ihren verschlossenen Türen anboten, um über ein mögliches Darlehen zu sprechen, das in den meisten Fällen für einen Hauskauf benötigt wurde. Normalerweise schenkte Linda den Kunden, die am Abend ihren persönlichen Berater aufsuchten, keine weitere Beachtung, aber an diesem Abend war es anders. SIE war anders. Eine Frau, etwa vierzig Jahre alt, hübsch und gepflegt, die vielerlei Blicke auf sich zog als sie durch die Eingangstür schwebte.
Es war nicht unüblich, dass Menschen, die Bankgeschäfte zu erledigen hatten, einen sehr gepflegten und auch eleganten Eindruck machten. Die meisten der Kunden kleideten sich bewusst etwas schicker um einen noch seriöseren Eindruck zu hinterlassen, weil sie annahmen, somit leichter an ein Darlehen zu kommen, das sich auch bezahlen ließ. Aber die Berater kannten die Tricks nur zu gut und wussten, dass es auf weitaus mehr ankam als auf das Aussehen oder die Körperhaltung und die Mimik oder gar die Marke der Kleidung, die ein Kunde trug, denn Schönheit ist nicht unbedingt immer mit Reichtum gleichzusetzen und wer reich ist, braucht auch schließlich keine Bank, die einem ein Darlehen gibt, damit man sich ein hübsches Haus kaufen oder bauen konnte.
Die Dame, die soeben die Bank betreten hat und auf der Suche nach ihrem Berater war, schien sich dessen bewusst zu sein, denn sie wirkte weder eingebildet noch nervös. Man hätte vom ersten Augenblick an tatsächlich den Eindruck haben können, dass sie eine ehrliche und sehr vernünftige Person war. Jemand, dem man blind vertrauen konnte. Zumindest war das der Eindruck, den sie bei Linda hinterlassen hat. Irgendetwas an dieser Frau faszinierte Linda, aber sie konnte nicht beschreiben, was es war. Linda beobachtete die Kundin, während diese sich suchend umblickte und dann doch etwas unsicher auf den Tresen zukam, ehe sie unmittelbar vor Linda stehen blieb, die sich ernsthaft um einen entspannten und freundlichen Gesichtsausdruck bemühen musste.
"Guten Tag. Jones ist mein Name. Ich suche Mr. Watts. Ich habe einen Termin bei ihm." Entgegen ihrer Befürchtungen fand Linda ihre Sprache schnell wieder und zeigte auf eine Tür in der hintersten Ecke des Raumes, ehe sie sich kurzfristig doch dazu entschloss, hinter dem Empfangsbereich hervorzutreten und die Kundin zu Mr. Watts' Büro zu führen. Linda war während ihrer gesamten Ausbildung stets um ein zuvorkommendes und äußerst höfliches Benehmen bemüht, was ihr auch bei ihren Kollegen und Vorgesetzten eine hohe Sympathie einbrachte.
"Sie sieht sehr schick aus," sagte Christine, eine von Lindas Kolleginnen an sie gewandt. Linda wollte diese Aussage bestätigen, brachte jedoch nur ein kurzes Nicken hervor. "Was ist denn?" Linda wandte sich nun doch ihrer Kollegin zu und tat so, als wäre alles in Ordnung. Dabei sollte es nicht bei dieser für Linda wundersamen Begegnung bleiben.
Auch als sich Linda nach Feierabend auf den Heimweg machte, ging ihr diese Kundin nicht mehr aus dem Kopf. Was hatte sie nur an sich? Warum fühlte sich Linda so sehr von dieser Frau in ihren Bann gezogen? Darauf würde sie wohl nie eine Erklärung bekommen und so beschloss sie, weiterhin im Stillen solange an diese Frau zu denken, bis dieses Erlebnis immer weiter in die Vergangenheit gerückt war und eines Tages ganz vergessen sein würde.
"Hallo Linda. Ich hoffe, du hattest einen schönen Tag. Das Essen ist fertig, setz dich doch schon mal hin." Grandma Betty war wie immer mit dem Essen beschäftigt, wie sollte es auch anders sein. Schließlich hatte ihre Enkelin einen langen Arbeitstag hinter sich und war sicher müde und hungrig. Manchmal gab es Tage, an denen Linda einfach nur ihre Ruhe haben wollte und die Fürsorge ihrer Großmutter Linda beinahe auf die Nerven ging, aber dann rief sie sich wieder ins Gedächtnis wie froh sie sein konnte, eine Großmutter zu haben, die auch noch so gut für sie sorgte.
Ihre Eltern hatten sich ebenfalls immer sehr gut um sie gekümmert, hatten sich Zeit für sie genommen und sie liebevoll umsorgt, aber das Band zwischen Betty und Linda schien durch den Tod von Charles und Rachel intensiver geworden zu sein, was wahrscheinlich auf das geteilte Leid zurückzuführen war. Betty hatte sich von Anfang an darum bemüht, dass Linda trotz des Verlustes nicht das Gefühl hatte, es wäre niemand mehr für sie da, und Linda schien verstanden zu haben. Auch wenn sie in den ersten Tagen sehr zurückgezogen lebte und kein Wort mit ihrer Großmutter wechselte, hatte sie ihre Fürsorge im Stillen dankend angenommen und hatte sie, anders als von Betty erwartet, nicht von sich gewiesen. Alleine für diese Tatsache war Betty sehr dankbar gewesen, weshalb sie versuchte, sich so gut es ging auf ihre Enkelin einzulassen und es sich nicht mit ihr zu verscherzen. Denn schließlich war Linda die einzige nächste Verwandte, die Betty noch hatte.
Betty servierte einen Hackbraten mit Kartoffeln und Gemüse, der Linda gut zu bekommen schien. Betty gab sich immer sehr große Mühe beim Kochen und freute sich umso mehr über ihre gelungenen Kochkünste, wenn sie Lindas leeren Teller ins Spülbecken räumte. Linda machte es nichts aus, dass ihre Großmutter so üppige Gerichte auftischte, vielmehr war sie dankbar dafür, dass sie etwas Reichhaltiges zu Essen bekam. Als Grandma Betty noch alleine lebte, hatte sie nur selten selbst gekocht. Meist konnte sie bei Charles und Rachel mitessen, und wenn das mal nicht ging, aß sie nur eine Kleinigkeit. Sicher wäre sie auch damals in der Lage gewesen, selbst zu kochen, aber es war zu Lebzeiten ihrer Kinder einfach nicht zwingend notwendig gewesen.
Linda selbst konnte nur grundlegende und einfache Gerichte kochen. Betty hätte ihr gerne mehr beigebracht, aber Linda war meist den ganzen Tag unterwegs und abends war selten genügend Zeit, um ihr das Kochen beizubringen. Außerdem fehlte Linda abends die Energie, um neue Fähigkeiten zu erlernen und sich die Zusammenstellung der Zutaten zu merken, weshalb sich das gemeinsame Kochen auf einige freie Wochenenden beschränkte. Linda jedoch war trotz allem stets bemüht, richtig Kochen zu lernen und verschiedene Gerichte auszuprobieren, was dank der Hilfe ihrer Großmutter problemlos gelang.
Gebannt hörte Betty ihrer Enkelin zu, während die Falten auf ihrer Stirn mit jedem gesprochenen Wort tiefer und tiefer wurden. "Ich weiß es ja selbst nicht genau. Jedenfalls war sie blond und schlank und hübsch, sehr schick und vermutlich teuer gekleidet und machte einen unheimlich netten Eindruck auf mich. Ich habe nur kurz mit ihr gesprochen und sie dann in das Büro ihres Beraters geführt, bei dem sie einen Termin hatte. Aber irgendwie hat sie mich angezogen. Es fühlte sich an, als hätte ich sie schon einmal gesehen, als würde ich sie kennen, aber ein solches Gesicht hätte ich sicher nicht vergessen. Ich hätte mich erinnert, wenn ich sie zuvor gesehen hätte. Jedenfalls geht sie mir nicht mehr aus dem Kopf." Betty hegte recht früh einen mehr oder weniger schlimmen Verdacht, der sich jedoch nur schleichend in ihren Gedanken verfestigte. Seit vielen Jahren war sie ständig auf der Hut gewesen und hatte diese ganz bestimmte Situation niemals ausgeschlossen, aber sie hatte stets gehofft, dass es nie passieren würde, dass sie einfach weiterleben konnten, wie bisher. "Wie hieß die Dame denn?" "Du weißt ja, dass ich dir das eigentlich nicht sagen darf, aber ihr Name ist Fiona Jones." Betty konnte im ersten Moment mit dieser Information nichts anfangen, beschloss aber, bei Gelegenheit nochmal genauer nachzuhaken. Diese ganze Geschichte bereitete ihr Unbehagen, aber es fiel ihr zum Glück nicht allzu schwer, diese Unsicherheit vor Linda zu verbergen. Stattdessen atmete Betty tief durch, behielt ihre Gedanken für sich und versuchte, ihrer Enkelin einen Rat zu geben, auch wenn Betty sich in diesem Moment ein wenig hilflos vorkam. "Nun. Wir alle haben doch manchmal Momente in denen wir denken, das haben wir schon mal erlebt oder wir begegnen Personen, von denen wir glauben, sie zu kennen, dabei sind sie völlig Fremde. Ich denke, das wird mit der Zeit vergehen. Vielleicht wirst du sie noch öfter in eurer Filiale sehen, aber ich bin mir sicher, dass da nichts dahintersteckt. Wieso sollte es auch?" Grandma hatte wohl recht. Linda sollte die Sache vergessen, die Dame war einfach nur eine Kundin, die eben etwas mehr Aufsehen erregte, als andere Kunden. Linda stand auf, drückte ihrer Oma einen Kuss auf die Wange und sagte: "Danke, Grandma. Ich bin in meinem Zimmer." Linda wandte sich bereits zum Gehen, als Betty noch eine letzte Sache einfiel: "Ach, Linda? Was wollte diese Kundin denn bei euch?" "Sie hatte einen Termin bei Mr. Watts für ein Beratungsgespräch. Es ging um einen Kredit für ein Haus oder sowas." Wieder eine Information, die Betty am liebsten nie gehört hätte. Konnte es tatsächlich sein…? Betty schob diesen Gedanken weit von sich und wünschte Linda eine gute Nacht.
Als sie einige Stunden später noch einmal nach Linda schaute war sie nicht überrascht zu sehen, dass sie bereits tief und fest schlief. Leise schlich Betty über den Flur und ging in ihr eigenes Schlafzimmer. Sie knipste das kleine Nachtlicht an, holte einen Schlüssel aus der untersten Schublade ihres Nachtschränkchens heraus, ging zur Kommode schräg gegenüber und öffnete die vorletzte Schublade mit dem Schlüssel. Dieser Teil der Kommode war der einzige, der stets verschlossen war, wo Betty all ihre wichtigen und ganz privaten Unterlagen aufbewahrte sowie einige Kleinigkeiten, die aus ihrer Vergangenheit übrig geblieben sind und die sie unter Verschluss halten wollte. Nicht, dass sie Angst gehabt hätte, jemand könnte etwas Schlimmes entdecken und einen schlechten Eindruck von Betty erlangen. Außer ihrer Enkelin und Betty selbst hatte ohnehin niemand Zugang zu diesem Zimmer, aber in dieser Kommode befand sich etwas, das auch – oder vor allem – Linda niemals finden durfte. Etwas, das sich in einer alten, braunen Ledermappe befand, an manchen Stellen abgegriffen und trotzdem noch weich und glatt. Was den Inhalt betraf, so wäre es vielleicht besser gewesen, Betty hätte ihn vernichtet oder gar verbrannt, aber einerseits hatte sie die Pflicht, diese wichtigen Dokumente aufzubewahren und andererseits waren sie schlichtweg zu wichtig. Vielleicht wurden sie eines Tages doch noch gebraucht, sollte sie jemals den Mut finden, die Papiere aus der Mappe herauszunehmen und sie Linda zu zeigen.
Betty suchte nach etwas ganz bestimmtem und wurde schnell fündig. Sie überflog das alte Blatt Papier, das seit vielen Jahren nicht mehr gefaltet worden war ohne die Worte genau zu lesen. Das war auch gar nicht nötig, denn Betty wusste sehr wohl, worauf ihre Augen gerade ruhten, während sie noch immer auf der Suche war. Sie suchte einen Namen, einen ganz bestimmten, den sie eigentlich schon lange vergessen hatte. Aber nun, da sie wieder daran erinnert wurde, war sie sich sicher gewesen, dass sie ihn in diesem Dokument wiederfand. Zumindest ging Betty davon aus; beinahe automatisch hatte sie diesen Namen mit dieserSachein Verbindung gebracht, als wäre er fest in ihrer Erinnerung eingebrannt, obwohl sie zu diesem Namen, zu dieser Person überhaupt keinen Bezug hatte. Aber wer weiß, ob sich das nicht bald wieder ändert…
Sie suchte und suchte, aber sie konnte diesen Namen nirgends finden. Schaute sie auch richtig? Ließ sie ihren Blick vielleicht doch etwas zu hastig über das Blatt Papier gleiten? Oder sah sie mittlerweile schlechter? Vielleicht war sie in diesem Moment auch einfach nur zu hektisch und fand deshalb nicht, wonach sie suchte. Sie gab auf, vielleicht zu schnell, klappte die Mappe nachdenklich zu und legte sie in ihren Schoß, die Hand wie zum Schutz obenauf. Ihr Blick war auf die offenstehende Schublade ihrer Kommode gerichtet, die sie einige Minuten später fest verschloss ehe sie den Schlüssel zurück an seinen Platz legte. Sie war sich sicher, dass dieser Name damit zu tun hatte. Dass diese Frau damit zu tun hatte. Wie konnte es sonst sein, dass sie ihrer Enkelin nicht mehr aus dem Kopf ging? Betty wusste nicht, wie die Dame aussah, sondern klammerte sich lediglich an die Informationen, die Linda ihr nach dem Abendessen mitgeteilt hatte. Vielleicht sahen die beiden sich ähnlich? Vielleicht wusste diese Kundin auch, wer Linda tatsächlich war, ohne sich etwas anmerken zu lassen? Aber das konnte eigentlich nicht sein, dafür war inzwischen zu viel Zeit vergangen. War diese Fiona mit einer festen Absicht hierhergekommen oder war es purer Zufall gewesen? An einen Zufall konnte und wollte Betty nicht so recht glauben, aber was sollte sie auch tun? Ihr blieb nichts anderes übrig, als Linda genauestens zu beobachten und auf der Hut zu sein. Vielleicht suchte diese Dame die Bank noch ein weiteres Mal auf. Sicher war es auch möglich, dass Betty dieser Frau irgendwann selbst begegnete, aber sie hatte sie nie zuvor gesehen und würde sie nicht erkennen. Schließlich lief niemand mit einem Namensschild herum, es sei denn, es waren wichtige Personen oder direkte Ansprechpartner. Aber eines stand fest: Betty würde nicht zulassen, dass man Linda weh tat. Sie liebte ihre Enkeltochter, ihre Liebe zu ihr wuchs seit dem Tod ihrer Kinder ins Unermessliche und würde niemals enden. Zumindest nicht so schnell. Immerhin war das ihre Hoffnung…
Als Linda am nächsten Morgen erwachte, um sich auf den letzten Arbeitstag in dieser Woche vorzubereiten, fühlte sie sich trotz des tiefen und recht langen Schlafs wie gerädert. Es hatte sich beinahe so angefühlt, als wären ihre Gedanken im Gegensatz zu ihrem Körper nicht einen Moment lang zur Ruhe gekommen. Vielmehr war sie sich ziemlich sicher, dass sie im Schutze der Nacht noch immer über diese seltsame Frau nachdachte, die sie in einen unsichtbaren Bann gezogen hatte. Möglicherweise war diese Dame selbst sich dessen gar nicht bewusst.
Linda ging ins Bad, bemühte sich um ein frisches und gepflegtes Aussehen und setzte sich an den Frühstückstisch, den ihre Großmutter wie jeden Morgen liebevoll gedeckt hatte, obwohl Linda nur selten Zeit für ein ausgiebiges Frühstück hatte. Manchmal tat es Linda leid, dass Grandma sich solche Mühe gab, aber Betty war niemals enttäuscht gewesen oder gar müde geworden, sich weiterhin Tag für Tag solche Mühe zu geben, wenn es um ihre Enkelin ging. Sie kümmerte sich gerne um Linda; mit dem Decken des Frühstückstisches bekamen Bettys Bemühungen morgens aufzustehen erst einen Sinn. Betty mochte sich gar nicht vorstellen, was ihr fehlen würde, sollte Linda eines Tages ausziehen, um mit einem Mann zusammenzuleben, dem sie ihr Herz zu schenken gedachte. Was sollte sie alleine in diesem großen Haus mit seinen zahlreichen Zimmern, die zwar leer, aber zugleich voller Erinnerungen waren? Die Tatsache, dass es bislang keinen vernünftigen Mann in Lindas Leben gab und im Haus genügend Platz gewesen war, schenkte Betty immerhin ein bisschen Zuversicht. Zumindest wusste sie keinen Grund für einen eventuellen Auszug ihrer Enkeltochter.
"Guten Morgen, Kleines". Betty hatte sich diese Angewohnheit noch immer beibehalten. So hatte sie sie schon immer genannt, und dass sie es auch jetzt noch tat gab Linda ein leises Gefühl der Vertrautheit. Etwas, das früher schon immer so gewesen war und sich bis heute nicht geändert hatte. Es gab ihr Sicherheit.
"Guten Morgen, Grandma". Während Linda sich setzte und nach einem Croissant griff, prüfte Betty sie mit leicht irritiertem Blick. "Eigentlich wollte ich dich gerade fragen, wie du geschlafen hast, aber ich glaube, das kann ich mir sparen." Linda würdigte ihre Großmutter mit einem kurzen, leicht mürrischen Blick, ehe sie sich wieder ihrem Frühstück widmete. Betty startete einen letzten Versuch. Immerhin konnte sie sich denken, was ihre Enkelin so sehr beschäftigte. "Wenn du darüber sprechen möchtest, nur zu." Linda war ihrer Großmutter sehr dankbar dafür, dass sie immer für sie da gewesen war und sie auch immer alles besprechen konnten, ohne, dass Linda sich schlecht oder unbehaglich fühlen musste. Aber selbst, wenn Linda das Gespräch mit Betty gesucht und sie um Rat gefragt hätte, was hätte Linda denn überhaupt noch dazu sagen sollen? Das war ja das Seltsame an dieser Sache. Es gab nichts mehr zu sagen. Da war eine Frau, die die Bank betrat, weil sie einen Termin hatte wie zahlreiche Kundinnen und Kunden vor ihr. Sie hatte sich nicht sofort zurechtgefunden und Linda um Hilfe gebeten. Sie war nett und hübsch gewesen, aber auch nicht besonders. Und doch hatte Linda von der ersten Sekunde an das Gefühl, dass diese Dame für sich genommen schon etwas Besonderes war. Sie konnte sich nur nicht erklären, warum. Und da ihr auch sonst niemand eine Antwort würde geben könnten, machte es keinen Sinn, weiter darüber nachzudenken oder gar darüber zu sprechen. Linda wusste, dass ihre Gedanken stockten, dass es kein Vor und kein Zurück zu geben schien und dass sie letztlich nur warten konnte, bis diese Kundin langsam aber sicher in Vergessenheit geriet.
"Danke, Grandma. Aber das ist nicht nötig. Ich komme schon zurecht." Betty beließ es dabei, denn sie wusste, dass Linda sich ihr zuwenden würde, wenn sie es für nötig hielt. "Ich muss jetzt los, aber ich bin ja bald wieder da. Dankeschön für das Frühstück. Bis heute Nachmittag." Mit einem sanften Kuss auf die Wange verabschiedete sie sich von ihrer Großmutter, die nun damit beschäftigt war, den Tisch wieder abzuräumen. Normalerweise hätte sie sich Zeit gelassen, aber an diesem Tag musste sie sich beeilen. Dr. Hayes hatte sie zu einer gründlichen Untersuchung einbestellt, zu der auch eine Blutabnahme gehörte, was der Grund dafür gewesen war, dass sie selbst sich an diesem Morgen kein Frühstück gegönnt hatte.
Betty hoffte, dass der Arzt ihre Bedenken als harmlos erachtete und dass ihre Beschwerden auf ihr zunehmendes Alter zurückzuführen waren. Sie erzählte Linda noch nichts davon, sie wollte sie nicht unnötig beunruhigen. Vor allem jetzt, wo ihre Abschlussprüfungen nicht mehr allzu lange auf sich warten ließen und ihre Gedanken um seltsame Geschehnisse kreisten. Sie wollte nicht, dass Linda sich Sorgen um ihre Grandma machen musste, und Betty musste sich gleichwohl eingestehen, dass auch sie selbst sich nicht unnötigerweise verrückt machen wollte.
Es wird schon nichts Ernstes sein, sagte sie sich selbst. Es sind nur ein paar Herzstolperer, mehr nicht. Heutzutage hat doch jeder mal Herzrhythmusstörungen.
Das letzte vorhandene Marmeladenglas landete im Kühlschrank an seinem festen Platz ehe Betty in ihr dunkelblaues Kleid schlüpfte und sich auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Zum Glück war der Weg nicht allzu weit. Dr. Hayes' Praxis war nur wenige Bushaltestellen von ihrem Haus entfernt, und unter normalen Umständen hätte Betty diesen Weg zu Fuß bewältigt. Aber da sie sich körperlich noch immer nicht ganz wohl fühlte und sie zudem deutlich spürte, dass sie an diesem Tag kein Frühstück zu sich genommen hatte, hatte sie beschlossen, den Bus zu nehmen.
Dr. Hayes war ein netter verheirateter Mann Mitte fünfzig, der alle seine Patienten genauestens kannte und immer den richtigen Ratschlag parat hatte, was die guten alten Hausmittelchen betraf, auch wenn diese selbstverständlich nicht immer die geeignete Lösung für das eigentliche Problem waren. Sein Haar war in den letzten Jahren zunehmend grauer geworden und sein Bauch immer runder, aber der Blick in seinen Augen war gütig und herzlich wie eh und je. Genau das zeichnete sich auch in der Einrichtung seiner Praxis ab. Die Schränke waren neutral und einfach, aber nützlich, während das Wartezimmer mit Stühlen und einem Tisch aus Holz ausgestattet war. Man konnte sich dort beinahe heimisch fühlen. Kaum zu glauben, dass in diesem Raum Menschen saßen, die an manchen Tagen, in manchen Momenten sicher auch Angst empfanden. Genau wie Betty an diesem Morgen, auch wenn sie sonst sehr zuversichtlich ist.
