Ich wünsch dir alles Gute - Nicole Beisel - E-Book

Ich wünsch dir alles Gute E-Book

Nicole Beisel

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Beschreibung

Sarah und Till – Freunde fürs Leben. Das sind sie, seit sie denken können. Bis ein ganz normaler Abend so einiges verändert und das enge Band ihrer Freundschaft in ein anderes Licht stellt. Plötzlich merken sie: Sarah liebt Till. Und Till liebt Sarah. Aus Angst, ihre Freundschaft zu gefährden, schweigen sie beide – und setzen genau damit ihre Freundschaft aufs Spiel. Zumindest für eine Zeit lang… Freundschaft oder Liebe? Wofür werden sie sich entscheiden? Ein Roman über die Freundschaft, die Liebe – und den Mut, das Richtige zu tun.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nicole Beisel

Ich wünsch dir alles Gute

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ich wünsch dir alles Gute!

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

Epilog

Impressum neobooks

Ich wünsch dir alles Gute!

Impressum:

Nicole Beisel

www.beisel-books.de

Sarah und Till – Freunde fürs Leben. Das sind sie, seit sie denken können. Bis ein ganz normaler Abend so einiges verändert und das enge Band ihrer Freundschaft in ein anderes Licht stellt. Plötzlich merken sie: Sarah liebt Till. Und Till liebt Sarah. Aus Angst, ihre Freundschaft zu gefährden, schweigen sie beide – und setzen genau damit ihre Freundschaft aufs Spiel.

Zumindest für eine Zeit lang… Freundschaft oder Liebe? Wofür werden sie sich entscheiden?

Ein Roman über die Freundschaft, die Liebe – und den Mut, das Richtige zu tun.

Prolog

Sarah und Till kannten sich schon, seit sie kleine Kinder waren. Sie wohnten nicht weit voneinander weg, besuchten den gleichen Kindergarten, gingen auf dieselbe Grundschule und auch der spätere Besuch der weiterführenden Schulen konnte die beiden nicht wirklich trennen. Man hätte meinen können, sie seien Geschwister gewesen, sah man einmal vom fehlenden Altersunterschied ab.

Da die Eltern ebenfalls sehr viel miteinander unternahmen, blieb es nicht aus, dass Sarah und Till – zumindest in jungen Jahren - auch außerhalb der Schule viel Zeit miteinander verbrachten. Das war aber auch nicht weiter schlimm, schließlich waren Kinder nun mal Kinder und Kinder spielten eben gerne mit Gleichgesinnten.

Sarah und Till hatten sich immer gut verstanden. Sie stritten nur selten, und wenn das doch einmal der Fall war, dann ging es immer nur um Kleinigkeiten, auch wenn diese Kleinigkeiten in ihren damaligen Kinderaugen eine mittelschwere Katastrophe darstellten. Sie hatten sich gegenseitig schon immer sehr gemocht und hatten viel Spaß miteinander gehabt.

Natürlich hatten sie auch mit anderen Kindern gespielt und später hatte jeder seinen eigenen Freundeskreis, doch der Kontakt war nie ganz abgebrochen. Sie hatten immer wieder den Kontakt zueinander gefunden, auch wenn es zwischendurch mal größere Zeiträume der Funkstille gab. Sarah erinnerte sich oftmals an viele Dinge aus ihrer Kindheit, und seltsamerweise kam in fast all ihren Erinnerungen auch ihr guter alter Freund Till vor. Er war, neben Alina, die sie durch ihren späteren Beruf kennenlernte, ihr einziger, wahrer Freund gewesen. Da sie beide keine Geschwister hatten, hatte die beiden eine ganz besondere Freundschaft verbunden.

Nur wenige Menschen hatten das Glück, einen so langjährigen, guten Freund zu haben und zu erkennen, was wahre Freundschaft wirklich bedeutet. Zumindest, für eine gewisse Zeit…

1. Kapitel

Sarah machte einen langen Spaziergang in der warmen, langsam untergehenden Abendsonne. Eigentlich hätte sie noch genug zu tun gehabt, schließlich hatte sie gerade noch ihre letzten Kartons in ihre neue Wohnung verbracht, die nur darauf warteten, wieder ausgeräumt zu werden. Sie hatte schon immer im gleichen Ort gewohnt, wenngleich sie bereits mehrere Male umgezogen war. In einer Stadt, in der alles begann, in der vieles endete und in der eventuell etwas Neues auf sie warten könnte. Der Umzug war dringend nötig gewesen. Zu lange hatte sie mit sich gehadert und schließlich doch den Schritt gewagt und sich dazu entschieden, wieder alleine zu leben.

In diesem Ort, in dem sie auch ihre gesamte Kindheit zugebracht hatte, hatte sie an diesem Abend das Bedürfnis, noch einmal in Erinnerungen zu schwelgen.

Sie lief an alle Orte, die ihr irgendwie wichtig erschienen waren in Bezug auf ihr bisheriges Leben. Sie lief zu ihrem damaligen Kindergarten, der sogar heute noch als solcher fungierte und nun anderen Kindern eine Obhut gab, deren Eltern berufstätig waren. Aber, wie Sarah wusste, war ein Kindergarten nicht nur eine Obhut, sondern ein Ort der Freude, der Kontakte und des Knüpfens von Freundschaften, die – wenn man sie gut pflegte – ein ganzes Leben lang halten konnten, vorausgesetzt, es verschlug einen im Erwachsenenalter nicht ins Ausland oder an einen anderen, weit entfernten Ort, sei es aus beruflichen Gründen oder der Liebe wegen.

Sarah blieb einen Moment lang vor dem Kindergarten stehen, der nun in frischen Farben leuchtete und mittlerweile recht modern aussah. Sie konnte durch die Fenster sehen und konnte viele bunte Bilder an den Wänden und eine kleine Leseecke entdecken. Die Leseecke hatte sich kaum verändert, die Stelle war die gleiche und noch immer konnte man es sich dort während der Lesestunde mit vielen Kissen und Wolldecken gemütlich machen. Sie und Till hatten sich immer darum bemüht, nebeneinander zu sitzen und den Erzählungen der Erzieherinnen still zu lauschen. Sarah erinnerte sich sehr gerne an diese Zeit zurück, auch wenn ihr aus dieser Zeit nicht sehr viele Erinnerungen geblieben waren. Aber an einen nicht minder schweren Streit konnte sie sich noch sehr gut erinnern.

Das war kurz vor dem Ende ihrer Kindergartenzeit, wenige Monate vor ihrer Einschulung. Heute kam es ihr wie eine Kleinigkeit vor, aber damals konnte Sarah es nicht verstehen, dass Tills selbst gemaltes Schmetterlingsbild schöner gewesen sein soll, als ihres. Zumindest war das die Bewertung der Erzieherin gewesen, dabei hatte Sarah sich mit ihrem Bild solche Mühe gegeben gehabt.

Sie war neidisch auf Till und sprach damals mehrere Tage lang kein Wort mit ihm. Bis er von sich aus wieder auf sie zukam, mit dem typischen Kinderspruch »Sind wir wieder Freunde?« Sarah hatte ihren Freund sehr lieb und der Streit hatte sie sehr traurig gemacht. Ihre Mutter hatte ihr damals erklärt, dass jeder etwas Anderes besser kann als ein Anderer. So war der Vorfall schnell wieder vergessen und beide waren sehr aufgeregt bezüglich der bevorstehenden Schulzeit.

Während der Ferien unterhielten sie sich über ihre neuen Stifte und Hefte und zeigten einander ihre tollen Schulranzen und Turnbeutel. Wie stolz sie damals gewesen waren… Wenn Sarah nun so durch die Straßen lief, konnte sie kaum glauben, wie viele Jahre das alles schon her war. Nun war sie achtundzwanzig und hatte in der Zwischenzeit viel erlebt und war ihren Weg gegangen. Trotzdem hatte sie ihren Freund Till und ihre Erinnerungen an ihn nie vergessen.

Sarah lief weiter zu der Grundschule, in die sie beide an einem sonnigen Morgen eingeschult wurden. Sie weiß noch, wie stolz beide Elternpaare auf ihre Kinder waren. Till und Sarah freuten sich zwar einerseits auf die Schule, aber andererseits merkten sie auch schnell, dass Lernen gar nicht so einfach war und dass Hausaufgaben gar keinen Spaß machten. Da die beiden in die gleiche Klasse gingen, machten sie auch ihre Hausaufgaben größtenteils gemeinsam. So machte das Ganze wenigstens halbwegs Spaß und sie konnten so noch ein wenig Zeit miteinander verbringen. Die beiden gewannen in der Schule auch einige neue Freunde, aber das Band zwischen Sarah und Till konnte niemand kappen. Als hätte die beiden schon damals etwas sehr Seltenes und Besonderes verbunden. Aber als Kind machte man sich über solche Dinge noch keine Gedanken. Man hatte einfach einen besten Freund oder eine beste Freundin und freute sich über all die gemeinsam erlebten Abenteuer.

Streit hatte es während ihrer vierjährigen Grundschulzeit nur wenig gegeben und wenn doch, dann ging es meist um die Schule oder um andere Freunde, mit denen einer von beiden plötzlich mehr Zeit verbringen wollte. Aber Sarah und Till hatten immer wieder aufs Neue zueinander gefunden. Ihre anderweitigen, neu geschlossenen Freundschaften waren nie von sehr langer Dauer gewesen. Ihre gemeinsame Zeit in der Grundschule war für beide recht erträglich gewesen. Sie machten beide gute Fortschritte und hatten nur wenige Probleme mit dem Unterricht oder den Aufgaben, die es sowohl während des Unterrichts als auch zu Hause zu lösen galt. Gemeinsam hatten sie so ziemlich alles bewältigen können. Schließlich stand der Wechsel in die weiterführende Schule bevor.

Das war die Zeit, als das Band ihrer Freundschaft langsam die ersten Risse bekommen hatte. In den darauffolgenden Jahren war einfach zu viel geschehen.

Das Ergebnis der Grundschule war der, dass Sarah und Till beide in die Realschule versetzt wurden. Allerdings besuchten sie beide nicht mehr dieselbe Klasse und hatten somit teilweise andere Aufgaben zu bewältigen. Auch waren ihre Schulzeiten nicht mehr die gleichen und so kam es, dass sie nicht mehr jeden Morgen gemeinsam zur Schule liefen, etwa weil einer der Beiden erst zur zweiten Stunde zum Unterricht erscheinen musste. Auch hatte immer mal wieder einer von beiden früher Schulschluss und musste sich somit alleine auf den Heimweg machen. Die Hausaufgaben mittags gemeinsam zu bewältigen, hatte nach einer Weile auch keinen Sinn mehr gemacht, da immer eine Klasse mit bestimmten Themen weiter war, während die andere Klasse noch das vorherige Thema durchnahm.

Trotzdem versuchten sie, sich in ihrer restlichen Freizeit so oft es ging zu sehen. Sarah war schon froh, wenn sie Till mal nach den Hausaufgaben für ein bis zwei Stunden sehen und sich mit ihm über die Schule und über andere Dinge austauschen konnte. Er fehlte ihr, und ihm ging es ähnlich. Natürlich knüpften sie innerhalb ihrer eigenen Schulklassen weitere Kontakte und Freundschaften, aber nichts kam an ihre langjährige Freundschaft heran. Bis zur sechsten Klasse konnten sie ihre restliche freie Zeit noch recht gut miteinander verbringen, aber ab der siebten Klasse wurde dies zusehends schwieriger.

Sarah lief über den Hof des großen Schulzentrums, rief sich in Erinnerung, wie überfüllt von Schülern er in den Pausen immer gewesen war, ging zu der Stelle, an der sie sich in den Pausen, soweit möglich, mit Till getroffen hatte und setzte sich dort auf die kleine Mauer, auf der sie mit Till so oft gesessen hatte. Erneut ließ sie den Blick über den leeren Hof schweifen, bevor sich in ihrem inneren Auge ein Bild von Till auftat, so, wie er damals ausgesehen hatte.

2. Kapitel

»Hey. Na, wie läuft’s?« Das war sein Standardspruch gewesen, wenn sie sich mittags in den Pausen auf dem Schulhof trafen. »Ach, wie immer. Und bei dir?« »Auch. Was machst du denn am Wochenende? Meine Eltern wollen mit mir auf unseren Campingplatz fahren. Magst du mitkommen?«

Sarah fand, das war eine gute Idee. Sie würde nachher gleich ihre Eltern fragen, aber sicher würden sie nichts dagegen haben. »Klar. Ich geb dir dann Bescheid.«

Ihre Gespräche auf dem Schulhof waren immer ziemlich ähnlich verlaufen. Kurz und knapp, eher sachlich und allgemein gehalten. Sarah hatte gespürt, wie Till sich im Laufe der Jahre verändert hatte. Er war älter geworden, irgendwie reifer und erwachsener. Er wirkte cooler und er sah richtig gut aus.

Auch Sarah hatte sich verändert. Sie wurde weiblicher und ernster, aber sie hatte ihren besten Freund nie aus ihren Gedanken verloren. Er war ihr noch immer sehr wichtig, aber in der Zwischenzeit wusste sie nicht, ob es ihm noch genauso ging oder ob er langsam das Interesse an ihr verlor. Till war für sie noch immer ihr bester Freund, sie verbrachten lediglich weniger Zeit miteinander als vorher, was zwar sehr schade, aber nur verständlich war.

Till hingegen gingen ganz andere Gedanken durch den Kopf. Er wusste, dass ihre Freundschaft niemals ganz zerbrechen würde. Dafür kannten sie sich einfach schon zu lange. Er war sich sicher, sie beide würden immer befreundet bleiben. Auch wenn sich im Laufe der Jahre nicht nur ihre Freundschaft verändert hatte…

Sarah war sehr hübsch geworden. Ihr dunkelblondes, glattes Haar hatte sie bis zu den Schultern wachsen lassen und langsam kam sie in ein Alter, in dem Schminke und schicke Klamotten eine immer größere Rolle spielten. Außerdem war sie schlank und war in ihrer Klasse sehr beliebt. Umso erleichterter war er gewesen, dass sie den Kontakt zu ihm nie abgebrochen hatte und noch immer ihre freie Zeit mit ihm verbrachte.

Es kam tatsächlich so, dass Sarah mit Till und seinen Eltern auf deren Campingplatzfuhr, der an einem wunderschönen See lag, wo sie ein ganzes Wochenende miteinander verbrachten. Sie hatten eine schöne Zeit gehabt, hatten viel über die vergangenen Monate gesprochen und in Erinnerungen an ihre frühen Kindertage geschwelgt. Da hatte Sarah gewusst, dass sie ihren besten Freund nicht verloren hatte, sondern dass ihm ihre Freundschaft noch immer sehr wichtig gewesen war.

Sie verbrachten das Wochenende am See auf rein freundschaftlicher, aber enger Basis. Sie redeten, philosophierten, erinnerten sich an vergangene Tage und träumten von ihrer Zukunft. Auch, wenn sie viel Zeit miteinander verbracht hatten, wäre keinem der beiden jemals in den Sinn gekommen, dass sich aus ihrer derart engen und langjährigen Freundschaft mehr entwickeln könnte. Sie waren Freunde von Kindesbeinen an und wollten das auch bleiben. Natürlich war das jeweils andere Geschlecht zunehmend interessanter geworden, aber für eine Beziehung oder etwas Derartiges kannten sie sich schon viel zu lange. Außerdem war ihnen beiden die Freundschaft mit das Wichtigste in ihrem Leben und auf keinen Fall wollten sie diese zerstören.

Sarah lief weiter zu ihrem alten Wohnblock, der in der Zwischenzeit ebenfalls renoviert worden war und viel moderner wirkte, als vor vielen Jahren, als sie und Till Jugendliche waren. Die Bank, die zum dahinterliegenden Spielplatz gehörte, stand noch immer da. Sie setzte sich und schwelgte erneut in Erinnerungen, ging gedanklich zurück an diesen einen Abend bei Sonnenuntergang…

In den darauffolgenden Monaten kümmerten sie sich weiter um die Schule, trafen sich mit Freunden, aber unternahmen auch weiterhin viele gemeinsame Dinge. Ab und an fuhren sie gemeinsam an den See oder gingen ins Kino, sofern sie sich auf einen bestimmten Film einigen konnten, ohne dass einer der beiden sich langweilte. Sie saßen abends lange beisammen und erzählten sich gegenseitig von ihren aktuellen Schulleistungen, die bei beiden leicht über dem Durchschnitt gelegen hatten und erinnerten sich wieder einmal – wie so oft – an ihre gemeinsamen Erlebnisse aus ihrer Kindheit, die in der Zwischenzeit eine Ewigkeit zurück zu liegen schien. Einerseits konnten sie sich an so viele Dinge genauestens erinnern, als wäre es erst gestern gewesen, und doch erkannten sie, wie viel Zeit mittlerweile vergangen war. »Wir werden eben älter« hatte Sarah eines Abends zu Till gesagt.

»Und reifer« war Tills Antwort hierauf gewesen. Oh ja, reifer waren sie geworden. Reifer, hübscher, erwachsener.

Auch ihre Interessen hatten sich verändert. Als sie an jenem Abend bei Sonnenuntergang an dem alten Spielplatz hinter dem Haus saßen und sich schweigend in die Augen sahen, hatte sich mehr verändert, als ihnen lieb war. Sie sahen sich gegenseitig plötzlich mit anderen Augen. Sie waren nun zwei Jugendliche, die entdeckten, was es bedeutete, jemanden interessant zu finden. Jemanden hübsch oder gutaussehend zu finden.

Sich zu jemandem hingezogen zu fühlen, sich zu wünschen, man könnte die Person, der man gegenüber saß, fest in den Arm nehmen und küssen. In diesem einen Moment hatten sich sowohl Sarahs als auch Tills Gefühle verändert. Beide empfanden mehr als nur Freundschaft. Alles war anders als in den Jahren zuvor.

Sie hatten sich sehr lange schweigend in die Augen gesehen während sie beide, jeder für sich selbst im Stillen, erkannten, was gerade mit ihnen passierte. Nichts ahnend, dass der beste Freund bzw. die beste Freundin im gleichen Moment genau das gleiche empfand.

Was war nur gerade mit ihnen passiert? Niemals hätten sie das für möglich gehalten. Sie waren doch Freunde. Beste Freunde. Seit einer gefühlten Ewigkeit, bis in alle Ewigkeit. Das hatten sie sich damals geschworen, als sie Blutsbrüderschaft geschlossen hatten, auch wenn Sarah sich damals anfangs geziert hatte, als sie das Blut gesehen hatte und sich vorgestellt hatte, ihres würde sich mit Tills vermischen.

Aber dann hatte sie sich überwunden und es doch getan, um der Freundschaft Willen. Genau aus eben diesem Grund. Hatte sie sich tatsächlich gerade in ihren besten Freund verliebt? Es gab so viele andere gutaussehende Jungs, warum musst es ausgerechnet Till sein? Sie konnte doch nicht einfach ihre Freundschaft aufs Spiel setzen. Was wäre, wenn sie tatsächlich eine Beziehung eingehen und ausprobieren würden, was Jugendliche in ihrem Alter nun mal so ausprobierten? Und dann? Dann würden sie merken, dass das keine so gute Idee war oder würden jemand anderes kennenlernen und dann wäre ihre Freundschaft ein für alle Mal zerstört.

Im nächsten Moment machte Sarah sich schon wieder ganz andere Gedanken. Till wollte sicher sowieso nichts von ihr, und das war auch ganz gut so. Er war schon immer der Vernünftigere von ihnen beiden gewesen und sicher wäre er nicht so dumm gewesen, ihre Freundschaft in unsichere Bahnen zu lenken.

Doch auch, wenn ihre Freundschaft noch so eng gewesen war, konnte Sarah Tills Gedanken nicht lesen. Ob das gut oder schlecht gewesen war, würde sich erst später zeigen. Denn Till war es in diesen Minuten der Stille nicht viel anders ergangen. So cool und gefasst er auch immer gewirkt hatte, hatte er nun doch einen sehr nachdenklichen Blick in seinen Augen.

Auch er sah Sarah plötzlich sozusagen aus einem anderen Blickwinkel. Mit den Augen eines jungen Mannes, der gerade dabei war, langsam aber sicher erwachsen zu werden und sich zum ersten Mal zu verlieben. Aber ausgerechnet in seine beste Freundin? Das konnte doch nicht wahr sein. Er hatte zwar schon oft gehört, dass aus Freundschaft irgendwann eine Beziehung oder annähernd etwas wie Liebe geworden war, aber er wusste ebenso gut, dass solche Beziehungen in der Regel nicht lange hielten. Und am Ende einer solchen Beziehung – wenn man sie denn, trotz der vorangegangenen, engen Freundschaft tatsächlich eingegangen war – war die Freundschaft ebenfalls erloschen.

In den meisten Fällen ignorierten sich die Beteiligten oder hassten sich sogar. Niemals wollte er Sarah als seine beste Freundin verlieren. Daher kam er gar nicht auf die Idee, sich irgendetwas Derartiges anmerken zu lassen, geschweige denn ihr zu erzählen, was er für sie plötzlich zu empfinden schien oder was sie in der Zwischenzeit für ihn geworden war. Nämlich eine wunderschöne, junge Frau, die sein Herz berührt hatte wie kein anderes Mädchen zuvor.

Aber an diesem Abend hatte er sich selbst etwas versprochen: Dass er von nun an ein Geheimnis hatte, das er mit niemandem teilen würde. Auch nicht – erst recht nicht – mit Sarah. Das war neu für ihn. Sonst hatten sie sich immer alles gegenseitig anvertraut, ganz gleich, worum es ging.

Das war er gewesen, dieser eine Moment, der alles und auch nichts veränderte. Dieser Moment, ab welchem die beiden zum ersten Mal in ihrem Leben und im Laufe ihrer Freundschaft getrennte Geheimnisse hatten, obwohl diese Geheimnisse den gleichen Inhalt in sich trugen. Ihre verborgenen, tiefergehenden Gefühle füreinander, von denen niemand etwas wusste, außer sie selbst. Und das sollte möglichst so bleiben. Wenn es ginge, für immer. Zumindest war das der Plan.

3. Kapitel

Sarah schaute verträumt über den Spielplatz, der um diese Uhrzeit schon leer war. Sofern hier noch kleine Kinder wohnten, waren diese sicher schon mit dem Abendessen beschäftigt oder lagen sogar bereits in ihren Betten, während ihre Mütter ihnen Gute-Nacht-Geschichten vorlasen.

Trotz der vermeintlich verbotenen Gefühle im Verborgenen blieben Sarah und Till noch lange befreundet. Allerdings trafen sie sich nicht mehr allzu oft. Vielleicht lag es an ihren Gefühlen füreinander, die sie beide versuchten, zu verdrängen. Sie hatten beide versucht, sich abzulenken.

Sie trafen sich mit anderen Freunden und verbrachten nur noch sehr wenig Zeit miteinander. Während dieser Zeit versuchten sie, wie gewohnt miteinander umzugehen, was auch ganz gut geklappt zu haben schien. Und Dank größter Bemühungen schafften sie es, feste Partner zu finden und sich auf ihre jeweiligen Beziehungen einzulassen. Till schien es etwas leichter gefallen zu sein als Sarah. Sarah saß wie immer auf der kleinen Mauer im Schulhof, als sie Till einige Meter weiter weg dastehen sah. Allerdings war er nicht alleine gewesen. Er hatte ein Mädchen im Arm und ab und zu hatten sie sich geküsst. Im ersten Moment versetzte es Sarah einen Stich mitten ins Herz, aber sie versuchte sich schnell ins Gedächtnis zu rufen, dass es ganz gut so war.

Er hatte nun also eine Freundin, so würde er bald uninteressant für Sarah werden und sie könnte sich ebenfalls einen netten Kerl suchen, der sich für sie interessierte. Das einzige, das sie wirklich verletzte, war die Tatsache, dass sie es auf diese Weise erfahren musste. Sie hatte es einfach gesehen.

Er war nicht zu ihr herübergekommen, mit seiner Freundin im Arm und hatte die beiden Mädchen einander vorgestellt. Wusste dieses Mädchen überhaupt, dass er eine beste Freundin hatte und dass sie diejenige war? Wahrscheinlich nicht.

Sie dachte einen Moment nach und kam zu dem Schluss, dass sie wohl ähnlich handeln würde. Was würde ein Junge von ihr denken, wenn sie sagen würde: »Und das hier ist mein bester Kumpel«? Richtig, er würde sicher eifersüchtig werden. War sie gerade eifersüchtig? Sicher, ein wenig, aber sie gab sich große Mühe und versuchte, sich für ihren besten Freund zu freuen, auch wenn sie für ihn nun sicher erst einmal eine Weile abgeschrieben war.

Traurig war sie an diesem Nachmittag nach Hause gegangen, hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen, traurige Lieder gehört, sich alte Fotos von Till angesehen und viel geweint. Sie überlegte immer wieder, was passiert wäre, wenn sie ihm ihre Gefühle gestanden hätte. Sicher, ihre Freundschaft wäre früher oder später in die Brüche gegangen. Was auch sonst? Hatte sie ernsthaft in Erwägung gezogen, er könnte das Gleiche für sie empfinden und sie würden glücklich werden bis ans Ende ihrer Tage? Sowas gab’s doch eh nur im Märchen. Das waren Träumereien einer pubertierenden Jugendlichen, nichts weiter.

Sie hatte sich einen Tag der Trauer und der Wut gegönnt, aber schon am nächsten Morgen hatte sie sich geschworen, dass sie das alles so akzeptieren würde und dass sie ebenso glücklich sein konnte, wie Till es gewesen war. Sie hoffte nur, dass er sie nicht ganz vergaß. Schließlich hatte die beiden einst so unendlich viel verbunden.

Da Till von sich aus nicht mehr oft auf Sarah zukam, lenkte auch sie ihre eigenen Interessen in eine andere Richtung. So kam es, dass sie ihren Freundeskreis erweiterte und auch andere Jungs kennenlernte. Sie versuchte, nicht mehr allzu oft an Till zu denken, was ihr jedoch nicht gerade leicht fiel nach all den Jahren der engen Freundschaft - erst recht, nachdem sie erkannte, dass er für sie wohl mehr war als nur ein guter Freund. Sarah hatte das Gefühl, dass er sich nur noch für seine anderen Freunde, jedoch nicht mehr für sie interessierte. Was war nur aus ihrer Freundschaft geworden?

Sie hatte dieses enge Band nicht zerstören wollen, und doch ist es nun allem Anschein nach passiert. Allerdings hatte sie hierfür keine Erklärung. Wahrscheinlich war das einfach der Lauf der Dinge. Dass sich die Interessen während des Erwachsenwerdens einfach veränderten, man lernte neue Leute kennen und alles Gewohnte verlor an Reiz und wurde mit der Zeit langweilig. Sarah war sehr traurig über diese Erkenntnis, aber sie wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als das zu akzeptieren.

Also lenkte sie sich ab und ließ sich letztendlich, wenn auch mit eher ungutem Gefühl, auf einen Klassenkameraden ein, der zwar lange nicht so gut aussah wie Till, aber immerhin zeigte er ehrliches Interesse an Sarah und wollte unbedingt ihr Herz erobern. Sarah gab sich also einen Ruck und ging somit ihre erste feste Beziehung mit diesem Jungen namens Steffen ein, sammelte Erfahrungen, die ein Mädchen in dem Alter nun mal so sammelte und schaffte es, nicht mehr allzu oft an Till zu denken. Auch er hatte in der Zwischenzeit mitbekommen, dass Sarah einen festen Freund hatte. Natürlich machte es ihn traurig, dass ihr Herz nun einem anderen gehörte, und nicht ihm.

Aber schließlich war er selbst schuld. Hätte er ihr an jenem Abend gesagt, was in ihm vorgegangen war, hätte vielleicht alles anders kommen können. Vielleicht wären sie glücklich miteinander? Zumindest wäre er sicher glücklicher, als er es jetzt war. Er fand seine Freundin zwar toll, allerdings war der Kontakt und somit die Freundschaft zu Sarah sehr zurückgegangen. Sie trafen sich so gut wie gar nicht mehr, und wenn sie einander zufällig begegneten, wechselten sie nur wenige Worte miteinander. Außerdem fühlte er sich schlecht seiner Freundin gegenüber. Auch wenn er sie sehr mochte, fühlte es sich nicht richtig an. Aber er wusste, dass es so am besten war. Er war in einer Beziehung und Sarah nun auch. Sie wirkte glücklich auf ihn, wenn er sie sah und schon alleine das war ein Punkt, der ihm sehr wichtig war. Dass sie glücklich war. Er würde schon irgendwie klar kommen, denn mit der Zeit, so war er sich sicher, würden seine mehr als freundschaftlichen Gefühle für Sarah sicher wieder verschwinden.

Er fand es allerdings sehr schade, dass sie beide kaum noch Kontakt zueinander hatten. Aber wen wunderte das? Er hatte sich ihr mehr oder weniger entzogen, als er erschreckend festgestellt hatte, dass er sie plötzlich sehr attraktiv fand. Er hatte selbst entschieden, dieses Geheimnis für sich zu behalten, aber er musste auch lernen, damit umzugehen und hatte versucht, sich für andere Dinge und vor allem für andere Menschen zu interessieren. Nur deshalb war er letztendlich mit Katja zusammen gekommen. Aber noch immer dachte er sehr oft an Sarah und musste schmerzlich erkennen, dass es anscheinend nichts gebracht hatte, dass er ihr nichts von seinen Gefühlen erzählt hat. Es ist paradox; hätte er ihr gesagt, was er tatsächlich seit jenem Abend auf dem Spielplatz für sie empfand, hätte er womöglich ihre Freundschaft aufs Spiel gesetzt.

Und nun? Richtig. Er hatte seine wahren Gefühle verdrängt und damit ebenfalls die Freundschaft zerstört. Er hatte sich für den in seinen Augen »richtigen« Weg entschieden, als er gefühlsmäßig an einer Weggabelung stand, und doch hatten beide Wege zum gleichen Ziel geführt. Wäre es anders gekommen, wenn sie gewusst hätte, was er für sie empfand? Wie stand es um Sarah, war er für sie wirklich nur ein Freund?

Er dachte noch oft an diesen einen Abend zurück und hatte dabei immer wieder das Gefühl, dass auch sie damals einen ganz bestimmten Blick in ihren Augen hatte, als sie sich lange schweigend ansahen, lediglich umgeben von der Stille und dem Sonnenuntergang. Aber andererseits konnte er sich nicht vorstellen, dass er mehr für Sarah sein könnte, als nur ihr bester Freund. Und nun war er noch nicht einmal mehr das. Sicher hätte sie ihm etwas gesagt, wenn mit ihrer Freundschaft etwas nicht gestimmt hätte. Daher verwarf er diesen Gedanken immer wieder aufs Neue. Nur um zu erkennen, dass er ihn nicht losließ, sondern er sich immer wieder die gleichen Fragen stellte. Was wäre gewesen, wenn…?

4. Kapitel