Vergiss nicht, mich zu lieben - Nicole Beisel - E-Book

Vergiss nicht, mich zu lieben E-Book

Nicole Beisel

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Beschreibung

Zwei Jahre ist es her, dass Elizabeth Cookstown und damit auch ihre große Liebe Timothy verlassen hat mit der Option, dass das Schicksal sie wieder zusammenführen würde, sollte es so vorherbestimmt sein. Eine Einladung zu einer Feier ihres ehemaligen Arbeitgebers führt Elizabeth tatsächlich zurück nach Cookstown – und in Timothys Arme. Dabei ist sie doch mit Sam liiert, aber dieser birgt ein düsteres Geheimnis, das ausgerechnet von Timothy aufgedeckt wird. Sam wird zur Gefahr, aber kann er Elizabeth mit seinen Intrigen wirklich zurückgewinnen?

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Nicole Beisel

Vergiss nicht, mich zu lieben

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Eine Überraschung kommt selten allein

Fast wie damals

Das Spiel

Brunch mit Folgen

Ich sehe was, was du nicht siehst

Das Geheimnis

Die Erkenntnis

Unter Beobachtung

Mit dem Ende kommt ein Anfang

Schritt für Schritt zurück

Falsche Fährte

Warnschuss

Die Flucht zurück

Kurz vor Schluss

Unvermeidbar

Ein Schritt zurück

Wiederholungstäter

Nur nicht aufgeben

Schatten

Unter Beobachtung

Von großen und kleinen Geheimnissen

Mission erfüllt

Schritt ins Verderben

Große Überraschung

Verkehrte Welt

Der rollende Stein

Verschnaufpause

Die Ruhe vor dem Sturm

Kurz vor Schluss

Ready to rumble

Dinner mit Schuss

Nichts geht mehr

Nägel mit Köpfen

Ich schenk dir was

Der große Tag

Ratespiel

Das Ritual

Das Gras auf der anderen Seite

Impressum neobooks

Eine Überraschung kommt selten allein

Zwei Jahre ist es her, dass Elizabeth Cookstown und damit auch ihre große Liebe Timothy verlassen hat mit der Option, dass das Schicksal sie wieder zusammenführen würde, sollte es so vorherbestimmt sein.

Eine Einladung zu einer Feier ihres ehemaligen Arbeitgebers führt Elizabeth tatsächlich zurück nach Cookstown – und in Timothys Arme. Dabei ist sie doch mit Sam liiert, aber dieser birgt ein düsteres Geheimnis, das ausgerechnet von Timothy aufgedeckt wird. Sam wird zur Gefahr, aber kann er Elizabeth mit seinen Intrigen wirklich zurückgewinnen?

Vergiss nicht, mich zu lieben

Von Nicole Beisel

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Weil ehrlich am längsten währt.

Elizabeth

Es ist viel Zeit vergangen, seit ich diesen Ort verlassen habe. Zwei Jahre, um genau zu sein. Damals, als ich fort musste, als ich geflüchtet bin vor meinen eigenen Erinnerungen, die sich anfühlten wie die einer Fremden. Als hätte ich mein altes Leben freiwillig zurückgelassen und mich für ein anderes entschieden. Dabei war es gar nicht meine Entscheidung gewesen.

Es war alleine die Entscheidung meiner Stiefschwestern gewesen, die mich hinters Licht geführt und mir durch einen einfachen Schlag auf den Kopf beinahe alle Erinnerungen genommen haben. Mein Leben, meine Persönlichkeit. Und meine große Liebe Timothy.

Wie durch ein Wunder trafen wir uns wieder, nachdem ich damals aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Als ich für kurze Zeit wie vom Erdboden verschluckt war und lediglich als unbekannte Person in einem Krankenhaus lag war er davon ausgegangen, dass ich ihn einfach so verlassen hätte, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Umso größer war natürlich der Schock gewesen als sich herausstellte, dass ich, die plötzlich Lilly Jenkins hieß, in Wahrheit seine Elizabeth Austen war, die er so schmerzlich vermisst hatte. Nur durch Zufall entdeckte ich die Kiste mit all den Erinnerungsstücken, die Timothy so liebevoll aufbewahrt hatte. Er wollte es mir erzählen, hat er gesagt. Er wollte mir die Wahrheit sagen. Wollte mir sagen, dass er vom ersten Wiedersehen an wusste, wer ich wirklich war. Dass er mich über meine wahre Identität aufklären wollte. Ich habe ihm nicht geglaubt.

Und dann bin ich gegangen. Habe mir einen neuen Job und eine Wohnung gesucht, nicht allzu weit von Cookstown entfernt. Und doch weit genug von ihm und von all den Lügen. Weit genug von meinem alten Leben. Weit genug von Lilly Jenkins, die seit jeher meiner Vergangenheit angehört. Einer Vergangenheit, an die ich mich immerhin vollständig erinnern kann.

Bis heute habe ich noch einige Gedächtnislücken was mein Leben vor dem Angriff betrifft, aber die Erinnerung an mein bisheriges Leben ist immerhin in großen Teilen nach und nach zurückgekehrt. Rachel, meine Freundin aus der Therapiegruppe, die ich damals besucht habe, hat mir stets zur Seite gestanden. Ich vermisse sie, auch wenn wir beinahe täglich miteinander in Kontakt stehen. Trotzdem habe ich es in den letzten Jahren vermisst, sie in den Arm zu nehmen und mich persönlich mit ihr zu unterhalten. Aber all das will ich in den kommenden Tagen nachholen, hier in Cookstown.

Obwohl ich seit meiner Flucht noch oft an Timothy gedacht habe, ist er nicht der Grund für meine Rückkehr an diesem Wochenende. Vielmehr ist es mein alter Arbeitgeber, Mr. Rutherford, der mich nach Cookstown eingeladen hat, um mit ihm und all seinen Angestellten die Eröffnung der zehnten Bankfiliale zu feiern. Die United Bank of Ireland hat sich weiterentwickelt, und das möchte er ganz groß feiern. Er hat eigens dafür eine ganze Etage im Staton Hotel angemietet, inklusive der Bar. Den hohen Tieren wie etwa den Filialleitern hat er sogar Zimmer reservieren lassen, wie er mir erzählt hat. Ich muss zugeben, ich war sehr überrascht, als er mich vorab telefonisch hierzu eingeladen hat, immerhin arbeite ich nun schon eine ganze Weile nicht mehr für ihn. Er sagte, ich sei eine seiner vertrauensvollsten Mitarbeiterinnen gewesen und er wolle mich unbedingt dabei haben. Ich habe lange überlegt und letztendlich doch zugesagt. Ich muss zugeben, dass ich sehr nervös bin. Alleine die Vorstellung, wieder in einen Teil meines alten Lebens einzutreten, weckt Unbehagen in mir. Aber ich wollte ihm gerne die Freude machen, zudem hat mich die Sehnsucht nach Rachel hierhergetrieben. Zumindest ist es das, was ich mir einrede.

Außerdem bin ich an diesem Samstagnachmittag ja nicht alleine hier. Sam, seit einigen Monaten mein Freund, begleitet mich. Es hat mich einige Überredungskunst gekostet, bis er endlich zugesagt hat. Ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, dass er mich gerne alleine hierher gelassen hätte. Er ist nicht unbedingt ein Kontrollfreak, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass er sich am wohlsten fühlt, wenn er weiß, was ich treibe. Zwischenzeitlich neugewonnene Bekannte und Freunde bezeichnen ihn als „komisch“ oder gar „geheimnisvoll“, aber ich fühle mich recht wohl mit ihm. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er tatsächlich meine große Liebe ist, bin ich doch recht glücklich. Ich darf ihn nur nicht mit Timothy vergleichen.

Mit gemischten Gefühlen betreten wir unser Hotelzimmer, das nicht weit von dem Hotel liegt, in dem heute Abend gefeiert wird. Ich habe es bewusst vermieden, ein Zimmer im selben Hotel zu buchen. Ich wollte mir scheinbar eine Art Fluchtweg bereithalten, sollte ich mich auf der Firmenfeier tatsächlich unwohl fühlen.

„Schön hier, nicht?“ Gelassen lasse ich mich auf das große Bett fallen. Trotz der Aufregung bin ich sehr gespannt auf den Abend.

„Mhm.“ Sam stellt sein Gepäck ab und sieht sich kurz um. Ich kann mir vorstellen, dass er froh ist, wenn wir morgen wieder nach Hause fahren, nachdem wir uns mit Rachel zum Brunch getroffen haben.

Ich lasse ihn in Ruhe und lege mir die Sachen zurecht, die ich nachher brauchen werde, wenn ich mich für die Feier zurechtmache. Samuel tut es mir gleich, allerdings ist er dabei die Ruhe in Person. Die Feier geht in drei Stunden los, also genehmigen wir uns unten in der Lobby noch einen Snack, ehe wir nacheinander im Bad verschwinden. Kurz darauf bringt uns ein Taxi in das Hotel, in dem die Feier stattfindet. Sam sieht schick aus in seinem Anzug, und ich frage mich, ob ich ihn jemals darin gesehen habe.

Es sind bereits eine Menge Gäste vor uns eingetroffen und ich überlege gerade, ob ich hier überhaupt jemanden kenne, als mir plötzlich jemand von hinten an die Schulter tippt.

„Miss Austen, da sind Sie ja! Wie schön, ich freue mich, Sie zu sehen! Ich hoffe, Sie haben gut hergefunden?“ Ich drehe mich um und kann Mr. Rutherford kaum ins Gesicht schauen, weil er mich so schnell in den Arm nimmt um mich zu begrüßen.

„Hallo, Mr. Rutherford. Vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich, hier zu sein. Wie geht es Ihnen?“ Wir führen den üblichen Smalltalk, nachdem ich Samuel vorgestellt habe, der eher zurückhaltend ist.

„Was machen Sie denn nun eigentlich beruflich? Haben Sie wieder in die Bank gefunden?“

Ich erzähle ihm, dass ich zwar wieder für eine Bank arbeite, dort allerdings nur am Schreibtisch sitze, was völlig okay für mich ist.

„Oh, dann haben Sie vielleicht in den Nachrichten verfolgen können, dass wir letztes Jahr einen großen Rechtsstreit gewonnen haben? Es ging um einen Betrugsfall, in den wir angeblich verwickelt gewesen sein sollen.“ Ich schaue ihn verdutzt an und schüttle den Kopf.

„Nein, das ist scheinbar an mir vorbeigegangen.“ Betreten weiche ich seinem Blick aus.

„Oh, das macht doch nichts. Wir hatten einen super Anwalt, der uns da rausgebracht hat. Ah, da ist er ja schon. Hallo, kommen Sie ruhig her!“

Er winkt jemanden zu sich, ein junges Pärchen, das sich neben mich stellt. Ich hebe den blick und schaue nach rechts, ehe mein Herzschlag aussetzt. Mr. Rutherford scheint nichts davon zu bemerken und redet unbeirrt weiter.

„Mr. Bold, wie schön, dass Sie es einrichten konnten.“ Vielleicht war es ganz gut, dass ich von den Nachrichten zum Gerichtsverfahren nichts mitbekommen habe. Ich sehe ihn an, und auch er erkennt mich in diesem Augenblick. Nur aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass auch er nicht alleine hier ist. In diesem Moment wünsche ich mir, ich hätte die Einladung abgelehnt, aber nun ist es zu spät.

Timothy

Fast wie damals

Ich verschlucke mich beinahe, als ich meinen Kopf nach links drehe und die Dame neben mir höflicherweise begrüßen will. Meine Hand bleibt auf halber Strecke in der Luft hängen, als ich sie erkenne.

Elizabeth.

Ich wusste nicht, dass sie auch eingeladen war und hatte nicht erwartet, sie hier zu sehen. Ich hatte ohnehin nicht erwartet, sie überhaupt je wiederzusehen. Als sie damals ging, klang es nach einem endgültigen Abschied. Das Schicksal sollte uns wieder zusammenführen, hatte sie geschrieben. Ich habe gewartet, lange sogar.

Bis ich Jane fand, die mich an diesem Abend begleitet. Und auch Elizabeth ist nicht alleine, wie ich sehen kann. Endlich finde ich meine Sprache wieder und versuche, so locker wie möglich zu klingen, obwohl ich angespannter bin denn je.

„Hallo Elizabeth. Das ist ja eine Überraschung.“ Ich strecke ihr noch immer die Hand hin, und zögerlich nimmt sie meine Geste an. Gott, alleine diese kurze Berührung lässt mich innerlich zusammenzucken und ruft sämtliche Erinnerungen wach.

Erinnerungen, sie waren unser Problem.

„Hallo Tim. Ganz gut, danke.“ Ich bin mir nicht sicher, aber ich könnte schwören, sie ist ebenfalls nervös.

„Oh, Sie kennen sich? Das ist ja schön“, meldet sich Mr. Rutherford zu Wort.

„Ja, wir hatten mal miteinander zu tun.“ Verstohlen werfe ich einen Blick auf Jane, die ziemlich ratlos aussieht. „Jane, darf ich vorstellen: Elizabeth Austen. Elizabeth, das ist Jane Miller.“ Die beiden reichen sich die Hände, und es kommt mir beinahe schon absurd vor, dass wir uns hier alle in einem Raum befinden.

„Das hier ist Samuel Dalton. Samuel, das ist Timothy Bold, der Anwalt der Bank.“ Wir reichen uns ebenfalls die Hände, aber ich glaube, dieser Typ wirkt nicht gerade erfreut, mich zu sehen. Ob er wohl etwas ahnt und eifersüchtig ist? Er macht allgemein einen eher reservierten und griesgrämigen Eindruck auf mich. Wie konnte Elizabeth nur an so jemanden geraten? Ach, wenn doch damals nur alles anders gekommen wäre …

Dieser Samuel kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich kann mich auch täuschen. Ich habe mit so vielen Menschen zu tun, dass ich mir nicht immer alle Gesichter merken kann, aber hätte er mich erkannt, hätte er sicher etwas gesagt.

„Dann lass ich Sie mal alleine. Sie haben sich sicherlich viel zu erzählen. Fühlen Sie sich wie Zuhause und lassen Sie es sich gutgehen.“ Mit diesen Worten verschwindet Mr. Rutherford zu seinen nächsten Gästen. Betreten stehen wir da und schweigen uns an. Ich fühle mich seltsam, steht doch meine Freundin neben mir, obwohl es das Schicksal ausnahmsweise mal gut mit mir meint und ich ausgerechnet hier und jetzt Elizabeth begegne. Meine Gedanken kreisen wild umher und ich bemerke kaum, wie Jane versucht, meine Aufmerksamkeit zu erregen.

„Oder hast du etwa keinen Hunger?“ Verwirrt schaue ich sie an, nicke dann jedoch eifrig.

„Doch, doch. Einige Häppchen, natürlich. Wollt ihr auch was?“, wende ich mich an Elizabeth und ihren seltsamen Begleiter.

„Ja, gerne. Komm, Sam, wir holen uns auch eine Kleinigkeit.“ Sie nimmt ihn an der Hand und zieht ihn mit sich, und ich tue es ihr gleich und nehme Jane bei der Hand. Zu viert steuern wir das riesige Büffet an. Ich habe Mühe, meinen Blick von Elizabeth abzuwenden. Wenn ich sie so betrachte fällt mir auf, dass sie noch genauso aussieht, wie in der Zeit vor ihrer Amnesie, als wir noch glücklich zusammen waren. Schick, edel gekleidet, die Haare in der Reihe und ein freundliches Lächeln im Gesicht. Trotzdem kann ich die Unsicherheit in ihren Augen erkennen. Es muss sie viel Überwindung gekostet haben, hierherzukommen. Ich weiß nicht, wie es derzeit um ihren Zustand steht, aber ich bin mir sicher, dass sie hier an vieles erinnert wird, Positives sowie Negatives. Ich kann nur hoffen, dass meine Person zu den positiven Dingen gehört und dass sie diese Erinnerungen nicht unterdrückt.

Eigentlich sollte ich nicht so denken. Unsere Zeit war schön, wenn auch turbulent, und sie ist vorbei. Wir haben beide neue Partner und scheinen glücklich zu sein. Auch wenn ich immer gehofft hatte, dass wir wieder zusammenfinden, habe ich mich auf Jane eingelassen, und ich mag sie wirklich sehr. Ich habe sie bei Gericht kennengelernt, sie ist Urkundsbeamtin beim Central Court und ist mir vor einem halben Jahr bei einer Verhandlung positiv aufgefallen. Nach mehreren Sitzungstagen haben wir uns zum Abendessen verabredet und sind seitdem zusammen. Wir verbringen möglichst viel Zeit miteinander, und mit der Zeit habe ich gelernt, diese Zeit mit ihr zu genießen und meine Gefühle für Liz, wie ich sie immer gerne genannt habe, in den Hintergrund zu drängen und mich damit abzufinden, dass ich sie endgültig hinter mir lassen muss.

Aber nun, da sie hier neben mir steht, weiß ich nicht, was ich denken oder fühlen soll. War es nicht so gewesen, dass sie in ihrem letzten Brief an mich selbst schrieb, dass das Schicksal uns wieder zusammenführen würde? Nun, scheinbar hat es das, aber auf eine andere Art und Weise, wie ich gehofft hatte. Scheinbar haben wir beide unsere Chance verpasst. Also versuche ich, das zu nehmen, das ich kriegen kann.

„Und, wie geht es dir? Was machst du denn jetzt?“

„Ich arbeite wieder bei einer Bank im Büro und kümmere mich um die Schreibarbeit. Was du machst, brauche ich dich wohl nicht zu fragen.“ Liz lacht, und sofort schmelze ich dahin. Wenigstens ihr Lachen hat sie bei dem Anschlag nicht verloren, es ist noch immer das Lachen, das ich von ihr kenne und das ich bis heute tief in meinem Herzen trage. Samuel beobachtet uns von der Seite und wirkt nicht sonderlich begeistert über unsere lockere Unterhaltung. Jane hingegen hat sich dem Essen gewidmet, das wir gemeinsam an einem der Stehtische zu uns nehmen.

„Werdet ihr heute hier übernachten?“, richtet Liz die Frage an Jane und mich als Paar.

„Nein, wir fahren wieder nach Hause. Aber ihr werdet doch sicher hierbleiben über Nacht, oder?“ Liz schüttelt den Kopf.

„Nein, wir haben uns ein Zimmer in einem anderen Hotel genommen. War mir so lieber.“ Sie braucht nichts weiter zu sagen, denn ich kann mir denken, warum sie diesen Weg gewählt hat. Sofort denke ich an die Zeit zurück als ich glaubte, Elizabeth für immer verloren zu haben und sie dann als „Lilly Jenkins“ vor mir stand. Als wäre es Gedankenübertragung, spricht auch sie diese Zeit an.

„Kannst du dich noch an Rachel erinnern? Ich hatte sie damals in der Therapie kennengelernt.“ Ich nicke. „Wir treffen uns morgen zum Brunch.“ Sie wirkt glücklich, und ich freue mich für sie. Wenigstens diese Beziehung hat gehalten, und für einen kurzen Moment beneide ich ihre Freundin Rachel dafür, bis mir einfällt, wie kindisch das ist.

„Das ist schön. Grüß sie von mir.“ Bei all den Dingen, die ich hier von mir gebe, wundere ich mich, dass Jane noch nicht eifersüchtig reagiert hat. Vielleicht kommt das noch, nachher, wenn wir alleine sind. Gerade mache ich mich innerlich auf eine Standpauke gefasst, als mich Liz völlig aus der Bahn wirft.

„Komm doch mit?“ Drei Augenpaare richten sich auf Liz, und sie scheint zu merken, dass sie vielleicht zwei Sekunden länger hätte nachdenken sollen, bevor sie diesen Vorschlag laut ausspricht. „War nur eine Idee, sorry.“ Ich schaue zu Jane und beiße mir auf die Lippe. Sam würdige ich keines Blickes, der hat mich scheinbar eh schon gefressen.

„Hättest du was dagegen?“ Jane schaut mich an und schüttelt gleichgültig den Kopf. „Nein, geh du ruhig. Ich bin sowieso bei meinen Eltern zum Essen. Du hättest mitgehen können, aber die kommen sicher auch mal ohne dich aus.“ Sie lacht, und scheinbar ist dieses Thema für sie erledigt. Ich zucke die Schultern und lächle vorsichtig.

„Also schön, dann sehen wir uns morgen.“ Liz leiht sich von einem Kellner Zettel und Stift und schreibt mir die Adresse des Hotels und die Uhrzeit auf. Dankend nehme ich den Zettel entgegen und umarme sie kurz zum Abschied. Dann gehen wir wieder einmal getrennte Wege und widmen uns den weiteren Gästen. Auch wenn ich versuche, mich auf die vielen Unterhaltungen des restlichen Abends zu konzentrieren, schaue ich mich immer wieder suchend nach ihr um, bis ich sie vollends aus den Augen verliere.

Wenigstens bleibt mir noch der morgige Tag.

Samuel

Das Spiel

Oh Mann, ausgerechnet der … Was er hier zu suchen hat, weiß ich ja. Aber musste der wirklich kommen? Noch dazu mit dieser blöden Tusse, die aussieht wie auf der Straße aufgegabelt. Da hab ich mit Elizabeth doch echt Glück, mit der kann ich mich wenigstens sehen lassen. Und jetzt muss ich auch noch morgen mit ihm an einem Tisch sitzen. Mal sehen, vielleicht fällt mir eine Ausrede ein, damit ich mir das nicht antun muss. Ich hab ohnehin nicht sonderlich viel Lust auf Frauentratsch, und auf diesen Anwaltsfutzi noch weniger.

Ich frage mich, was die beiden wohl miteinander zu schaffen hatten. Hatten die mal was miteinander? Ich weiß im Grunde nicht sehr viel über Elizabeth, aber sie weiß ja auch nicht alles über mich. Das wäre ja noch schöner. Ich weiß nur, dass sie diese Amnesie hatte und dass das eine Folge des Angriffs ihrer beiden Stiefschwestern auf sie war, die dann in einem späteren Gerichtsverfahren verurteilt wurden. Vielleicht war dieser Bold ihr Anwalt gewesen? Vielleicht aber auch nicht.

Ich kann nur hoffen, dass wir bald hier wegkommen und Liz diesen Typen nie wiedersieht. Ansonsten werde ich dafür sorgen, dass sie ihn ziemlich schnell vergessen wird …

Elizabeth

Brunch mit Folgen

Der gestrige Abend verlief besser als ich befürchtet hatte. Meine anfängliche Nervosität verflog schnell und ich traf auf einige Kollegen, die sich nach meinem Befinden erkundigten und dabei dennoch diskret blieben. Aber eine Sache warf mich trotzdem völlig aus der Bahn: Timothy.

Nie hätte ich gedacht, dass ich ihn ausgerechnet auf der Feier der UBI wiedersehen würde. Ich bin mir nicht sicher, was Sam darüber denkt, aber ich habe mich so über dieses Wiedersehen gefreut, dass ich Timothy einfach zum Brunch einladen MUSSTE.

Ich habe letzte Nacht kaum geschlafen und bin noch immer völlig durcheinander. Gleich werde ich ihn wiedersehen. Natürlich war es damals meine Entscheidung gewesen, Cookstown zu verlassen, aber ich habe mich hintergangen gefühlt in meiner damals hilflosen Situation. Als ich ging, habe ich gesagt, dass das Schicksal uns schon zusammenführen wird, wenn es denn so vorherbestimmt sein sollte. Es ist alleine einem Wunder zu verdanken, dass wir uns damals über das Internet quasi wiedergefunden haben, auch wenn Timothy für mich damals noch ein Fremder gewesen war. Und nun treffen wir uns erneut, rein zufällig – und sind beide in festen Händen. Seine Freundin sieht nicht schlecht aus, allerdings konnte ich sie kaum kennenlernen, weil sie so ruhig und zurückhaltend war, wobei ich nicht den Eindruck hatte als wäre sie eifersüchtig auf mich gewesen. Auch Sam schien irgendwie abwesend gewesen zu sein, und auch in der Nacht zeigte er sich mir gegenüber eher reserviert. Reden wollte er nicht mit mir, meinte aber, dass alles in Ordnung sei. Also versuchte ich zu schlafen und mich auf Rachel zu freuen, aber meine Gedanken drifteten immer wieder zu Timothy ab. Er wird dabei sein, in wenigen Minuten werden wir uns unten in der Lobby begegnen. Und während ich einen letzten Blick in den Spiegel werfe weiß ich nicht, auf wen ich mich mehr freue.

„So, kommst du?“ Fragend blicke ich Sam an und warte darauf, dass er meine Hand nimmt. Stattdessen vergräbt er seine beiden in seinen Hosentaschen.

„Ich glaube, du solltest da besser alleine hingehen. Ich wäre doch sowieso nur fehl am Platz und könnte mich nicht richtig mit euch unterhalten. Ich gehe ein wenig spazieren oder so. Wir fahren um drei hier los, ich schlage vor, wir treffen uns eine halbe Stunde vorher auf unserem Zimmer.“ Ich seufze und versuche, das laute Hämmern in meiner Brust zu ignorieren.

„Also gut, wie du meinst. Bis nachher.“ Mit einem kurzen Kuss verabschiede ich mich und gehe hinunter. Schade, eigentlich hätte ich ihn gerne Rachel vorgestellt. Kaum betrete ich die Lobby, kommt sie auch schon mit einem verhaltenen Freudenschrei auf mich zu gerannt, die Arme weit von sich gestreckt, sodass ich mich im ersten Moment frage, ob ich über Nacht fett geworden bin. Bis mir einfällt, dass ihre Freude über unser Wiedersehen genauso groß sein muss wie meine.

„Ah, da bist du ja, Liebes! Hallo! Ach, was freu ich mich dich endlich wiederzusehen!“ Mit Schwung nimmt sie mich in die Arme und drückt mich fest an sich. Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen.

„Hallo, Rachel. Und ich mich erst! Ich hab dich so vermisst.“ Erst jetzt bei Tageslicht und ohne Monitor fällt mir auf, dass ihre Haare ein wenig heller geworden sind. „Gut siehst du aus.“ Rachel lacht.

„Danke, du aber auch. Wo ist denn dein Freund?“ Ich versuche, gelassen zu klingen, als ich antworte.

„Ach, der hat sich ausgeklinkt. Wollte kein fünftes Rad am Wagen sein und möchte lieber einen Spaziergang unternehmen. Aber dafür hab ich jemand anderes eingeladen. Ich muss dir dringend erzählen, wen ich gestern zufällig getroffen habe.“ Rachel unterbricht mich.

„Deinen Anwalt und Ex-Freund?“ Sie grinst wissend.

„Ja, woher weißt du das?“ Rachel blickt an mir vorbei und nickt in Richtung der Eingangstür, die sich hinter mir befindet.