Dorian Hunter 4 - Horror-Serie - Neal Davenport - E-Book

Dorian Hunter 4 - Horror-Serie E-Book

Neal Davenport

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Beschreibung

Das Publikum sah gebannt zu, wie Miriam sich gegen den unsichtbaren Feind zur Wehr setzte. Der rote Vorhang, der die Bühne abschloss, begann sich zu bewegen. Seltsame Gestalten erschienen darauf, Fratzen, die nach ihr schnappten.
Miriam flüchtete in ihre Umkleide und ließ sich schweißgebadet auf den Stuhl vor dem Schminktisch sinken. Ich muss zu einem Arzt gehen, sagte sie sich. Ich werde sonst noch wahnsinnig.
Da fiel ihr Blick in den Spiegel, und sie erstarrte.
Sie warf kein Spiegelbild ...

Mit Roberto Copello und Bruno Guozzi hat Dorian Hunter bereits zwei seiner dämonischen Brüder vernichten können, als ihn die Nachricht von unheimlichen Vorgängen im Wachsfigurenkabinett der Madame Picard erreicht. Gibt es eine Verbindung zu dem Ex-Botschafter Lord Hayward, der Dorian Hunter gleichzeitig in einem mysteriösen Fall um Hilfe bittet? Anscheinend hat Phillip, der Sohn des Lords, ohne jeden Grund - den Verstand verloren ...

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Seitenzahl: 131

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Inhalt

Cover

Impressum

DAS WACHSFIGURENKABINETT

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

mystery-press

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Mark Freier

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-7180-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

DAS WACHSFIGURENKABINETT

von Neal Davenport

1. Kapitel

Miriam Corbey ging schneller. Die Neonreklamen spiegelten sich verwaschen in den Pfützen und bildeten seltsame Muster, die schemenhaft Gestalt annahmen und nach ihr greifen wollten. Sie lief die wenigen Schritte zum Diamond Club, als wäre der Teufel hinter ihr her. Endlich hatte sie den Eingang des Clubs erreicht und blieb erschöpft vor der Kasse stehen. Zwei Jugendliche verhandelten mit Joe wegen der Mitgliedskarte; die fünfzig Pence Eintritt waren ihnen zu viel. Sie drehten sich um und warfen Miriam einen kurzen Blick zu.

Joe, ein kleiner, stets freundlicher Schwarzer, verließ das Kassenhäuschen und blieb neben Miriam stehen. »Was hast du, Mädchen?«, fragte er besorgt.

Sie schüttelte erschöpft den Kopf. Ihr Gesicht war bleich, die Augen glänzten fiebrig. »Ich weiß es nicht«, sagte sie keuchend und griff mit der rechten Hand an ihre Brust. »Es ist so seltsam. Ich sehe Schatten, überall Schatten. Sie verfolgen mich.«

»Du solltest mal ausspannen«, sagte er lächelnd.

»Geht nicht«, sagte Miriam. »Das ist nicht im Vertrag vorgesehen.« Sie ging an ihm vorbei auf die Wendeltreppe zu, die ins Innere des Clubs führte. Von drinnen hörte sie laute Musik, das Lachen von Männern. Am lautesten aber schallte Henrys Stimme herüber: »Zieh dich aus, Puppe! Ja, so ist es gut, Rita.«

Miriam blieb sekundenlang stehen und schloss die Augen. Ich halte es nicht mehr aus, dachte sie bei sich. Ich halte es einfach nicht mehr aus. Sie stieg die Treppe weiter hinunter und ging langsam durch die dichten Rauchschwaden zur Garderobe. Nebenbei warf sie einen kurzen Blick zur Bühne. Die rothaarige Stripperin wandte dem Publikum gerade den Rücken zu und nestelte an ihrem Büstenhalterverschluss herum.

»Mach schon, Süße!«, hörte Miriam Henry abermals rufen. Automatisch drehte sie sich um und warf einen kurzen Blick in das Publikum. Rund fünfzehn Männer saßen auf den ausgedienten Kinosesseln und tranken Tee oder Cola; alkoholische Getränke wurden nicht ausgeschenkt, da der Club keine Lizenz dafür hatte.

Wie tief bin ich gesunken, dachte Miriam. Tag für Tag sah sie dieselben Gesichter: Männer, die ein halbes Pfund gezahlt hatten und dafür mittelmäßige Darbietungen abgetakelter Stripperinnen vorgesetzt bekamen. Miriam wollte den Raum verlassen. Sie ging zur Zwischentür und griff nach der Klinke. Plötzlich schwindelte ihr. Die Klinke bewegte sich. Miriam schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war alles wieder normal. Sie stieß die Tür auf und taumelte den schmalen Gang entlang, der zu den Garderoben führte. Max kam ihr entgegen. Sein rotes Gesicht glänzte.

»Mach schon, Miriam!«, fauchte er. »Rita ist gleich mit ihrem Auftritt fertig!«

Sie nickte mechanisch, schlüpfte aus dem Mantel und setzte sich vor den Spiegel. Dann nahm sie das Kopftuch ab und kämmte ihr schulterlanges, weißblond gefärbtes Haar. Sie vermied es jedoch, in die Scheibe zu sehen. Seit einigen Tagen hatte sie den Eindruck, der Spiegel wolle sie fressen; es war, als würde sie ein unsichtbarer Sog in das Glas hineinziehen.

Irgendwo tropfte ein Wasserhahn. Die Musik war nur schwach zu hören. Sie stand auf und blieb vor dem Waschbecken stehen. Der Wasserhahn wurde länger und dicker. Ein Wassertropfen löste sich und fiel ins Becken. Er kullerte die gebogene Fläche hinunter und änderte die Farbe. Plötzlich war es ein roter Blutstropfen, der im Abfluss verschwand. Immer mehr Tropfen fielen ins Becken; große, schwere Blutstropfen. Dann war der Abfluss plötzlich verstopft. Blut füllte das Becken, quoll über den Rand und rann auf den Boden. Miriam schloss die Augen. Ihr Körper zitterte. Sie trat einen Schritt zurück und versuchte sich von dem unheimlichen Anblick zu lösen.

»Mach schon!«, brüllte Max von draußen. »Rita ist fertig.«

Miriams Lippen bebten. Sie schlug die Augen auf. Die Musik war lauter geworden. Das Blut im Waschbecken war von einem Augenblick zum anderen verschwunden. Mühsam verließ sie die Garderobe. Rita kam ihr entgegen, sie hatte einen dünnen Morgenrock übergeworfen.

»Ein fader Betrieb heute«, sagte sie. Dann fiel ihr Blick auf die blassen Gesichtszüge ihrer Kollegin. »Was ist mit dir, Miriam?«

»Mir geht es nicht gut«, sagte das Mädchen und ging hinter die Bühne. Jede Nacht zog Miriam sich hier sechsmal aus, und in zwei anderen Lokalen ebenfalls sechsmal. Das war üblich in den billigen Clubs in Soho.

»Na endlich!«, seufzte Max. »Mit euch beiden mach ich vielleicht was mit! Raus mit dir!«

»Und nun, meine Herrschaften«, hörte sie Henrys Stimme, »kommt die süße Miriam.«

Das Mädchen schob den Vorhang zur Seite und trat auf die Bühne. Das Publikum reagierte wie immer äußerst gelangweilt. Miriam versuchte ein Lächeln, doch es wurde nur ein bitteres Grinsen daraus. Der Scheinwerfer wechselte von Grün auf Blau. Sie fixierte einen Punkt über der Bar, um den Leuten nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Ihr Mund war noch immer zu einem Lächeln verzogen.

»Zieh dich aus, Puppe!«, grölte Henry, der hinter der Bar stand, wie immer anzüglich.

Miriam öffnete ihr knallrotes Kleid und bewegte sich dabei aufreizend. Diese Nummer führte sie seit einem halben Jahr vor; jeder Schritt, jede Bewegung, alles war Routine. Sie schlüpfte aus dem Kleid. Der Scheinwerfer wechselte alle zehn Sekunden die Farbe, doch dann erwachte der Lichtstrahl auf einmal zum Leben und griff nach ihr. Als sie aus dem Lichtkegel heraustreten wollte, folgte er ihr selbständig, in welche Richtung sie sich auch bewegte. Nein, bitte nicht!, dachte sie. Nicht schon wieder! Sie schloss die Augen, doch nichts änderte sich. Der Lichtstrahl packte sie und wollte sie hochziehen. Sie kämpfte dagegen an. Schweiß perlte auf ihrer Stirn.

»Das ist mal was Neues«, hörte sie eine brutal klingende Stimme. »Schau mal, wie sich die Puppe bewegt!«

Plötzlich kam sogar so etwas wie Stimmung auf. Henry, der hinter der Bar stand, sah das Mädchen fasziniert an. Die zieht ja eine richtig neue Nummer ab, dachte er. Als würde sie sich gegen etwas wehren. Wie sie sich windet! Gar nicht schlecht.

Unsichtbare Arme griffen nach dem Mädchen. »Nein«, schrie es und schlug um sich. »Nicht!«

Das Publikum sah gebannt zu, wie Miriam sich gegen den unsichtbaren Feind zur Wehr setzte. Ein Träger ihres Büstenhalters war verrutscht, und die Brustspitze lugte hervor. Sie ging und tanzte wie in Trance und versuchte verzweifelt, dem Scheinwerfer zu entkommen. Der rote Vorhang, der die Bühne abschloss, begann sich zu bewegen. Seltsame Gestalten erschienen darauf, Fratzen, die nach ihr schnappten, Mäuler, die spitze Zähne entblößten, die immer länger und furchtbarer wurden. Miriam keuchte und wand sich – und plötzlich war der Spuk wieder vorbei. Ihr Körper war schweißgebadet. Für Sekunden stand sie regungslos mitten auf der Bühne, dann setzte sie ihr Programm fort. Ihre Hände zitterten, als sie den Büstenhalter löste, sich dem Publikum zuwandte und die Hände von ihren nackten Brüsten nahm. Sie zog ihre Nummer blitzschnell ab und raste hinter die Bühne. Schwer atmend blieb sie stehen.

»Das war gar nicht schlecht«, sagte Max grinsend. »So ist deine Nummer viel besser. Das kannst du von jetzt an jedes Mal so durchziehen!«

Sie nickte schwach und ging in die Garderobe. Dort setzte sie sich und legte den Kopf auf den Schminktisch. Es war ihr ein Rätsel, was dort draußen wirklich geschehen war. Ich muss zu einem Arzt gehen, sagte sie sich. Ich werde sonst noch wahnsinnig. Überall sah sie seltsame Dinge, Gegenstände verwandelten sich, in jeder Ecke lauerten Schatten, die nur darauf warteten, sie zu verschlingen. Sie schlüpfte in ihr Kleid und stand auf. Ihr Blick fiel in den Spiegel, und sie erstarrte. Dann trat sie einen Schritt näher. Der Spiegel warf ihr Bild nicht zurück – als sei sie unsichtbar geworden. Sie erblickte ihr Kleid, den Ring, den sie an der linken Hand trug, doch ihr Gesicht und die Hände waren nicht zu sehen. Ich bin verrückt, sagte sie sich. Das kann es einfach nicht geben. Sie trat noch näher heran und presste beide Hände gegen die Scheibe. Der Anblick änderte sich nicht. Sie warf kein Spiegelbild.

Und dann spürte sie den Sog, der sie in den Spiegel zerren wollte. Ihre Hände verschwanden in der glatten Fläche, Eiseskälte umfing sie. Sie ließ sich rückwärts zu Boden fallen und stand dann keuchend wieder auf. Ihre Hände waren blaugefroren und völlig steif. Der Sog war noch immer zu spüren. Ein eisiger Lufthauch ging von der Scheibe aus und griff nach ihr. Miriam sprang auf und rannte hinaus. Sie ließ ihren Mantel, das Kopftuch und den kleinen Koffer liegen; sie wollte nur rasch aus dem Lokal. Wie eine Irre raste sie durch den Saal. Ein eisiger Windhauch blies in ihren Nacken und trieb sie unerbittlich vorwärts. Schweiß rann über ihr Gesicht. Sie raste an der Kasse vorbei und auf die Straße. Ein junger Mann sah sie erstaunt an, denn ihr Kleid stand halb offen. Sie kam an einer Peitschenlampe vorbei. Ihr eigener Schatten war riesig. Plötzlich war ein zweiter da, dann ein dritter. Die Eiseskälte hüllte sie ein. Verzweifelt schrie das Mädchen auf und blieb unbeweglich stehen. Es gab keinen Zweifel, sie hatte drei Schatten, von denen sich einer langsam zu bewegen begann! Er löste sich und schwebte über ihr, dann stürzte er sich auf sie herab und umklammerte ihren Körper, hüllte ihn völlig ein. Miriam erstarrte und fiel steif wie ein Brett um.

Joe war ihr gefolgt. Er kniete neben ihr nieder und drehte sie auf den Rücken. Ihr Körper fühlte sich wie gefroren an. Erschreckt stand er auf. Das Mädchen sah wie eine Statue aus. Die Augen waren weit aufgerissen, der Mund zu einem Schrei geöffnet. Miriams Hände waren seltsam verkrampft. Sie war tot.

»Wir sind da«, sagte Dorian Hunter und stellte den Motor des Wagens ab. Er warf einen Blick auf die zweistöckige Villa, die von seinem Standort aus deutlich zu sehen war. Die Straße war schmal. Sie führte ein Stück in den Marble Hill Park hinein. Bis vor wenigen Stunden hatte Dorian gar nicht gewusst, dass es eine Beaufor Road in London gab. Zwei weitere Wagen blieben in der Nähe des Hauses stehen, doch niemand stieg aus.

»Es ist soweit, Don«, sagte der Dämonenkiller. Der fußgroße Agent reckte sich auf dem Sitz und nickte. Die Ereignisse um den Puppenmacher waren gerade einmal ein paar Wochen her, doch Chapman hatte sich mit seinem Schicksal außergewöhnlich gut abgefunden. Er steckte eine Menge Zeit in die Arbeit mit Dorian Hunter, um nicht allzu viel über seine eigene Situation nachdenken zu müssen. Zwischen ihm und dem Dämonenkiller hatte sich während der letzten Tage fast so etwas wie eine Freundschaft entwickelt.

»Du dringst ins Haus ein und schaust dich um! Aber geh kein Risiko ein!« Dorian beugte sich vor und öffnete die Tür einen Spalt. Chapman kroch über den Sitz und sprang auf die Straße. Er blieb einige Sekunden im Schatten des Wagens, dann überquerte er die Straße und blieb vor dem Eisenzaun stehen, der das Grundstück umsäumte. Sekunden später war er nicht mehr zu sehen.

Dorian steckte sich eine Zigarette an und öffnete das Fenster zwei Fingerbreit. Seine Gedanken kreisten um den Secret Service, den er nach den Ereignissen in der Villa Lord Haywards tatsächlich für eine Zusammenarbeit hatte gewinnen können. Die zuständigen Leute hatten endlich den Ernst der Lage erkannt und binnen weniger Tage die Inquisitionsabteilung auf die Beine gestellt, die fortan die Mitglieder der Schwarzen Familie unter den Menschen entlarven und unschädlich machen sollte. Dorian Hunter war selbst überrascht gewesen, wie reibungslos und schnell sich die Details ergeben hatten. Er selbst war zum Großinquisitor ernannt worden, dem wiederum eine Reihe einfacher Exekutor Inquisitoren im Kampf gegen die Dämonen zur Seite standen. Der Leiter der Abteilung wurde als Observator Inquisitor bezeichnet; nicht einmal Dorian kannte seinen wahren Namen. Er vermutete allerdings, dass es der Mann war, dem er kürzlich auf dem Gelände der Jugendstilvilla begegnet war.

Noch ehe das Aufgabenfeld der Inquisitionsabteilung im bürokratischen Sinne vollständig festgelegt worden war, hatte man Dorian Hunter schon den ersten offiziellen Fall übertragen. Nach Lady Hursts Tod hatte man auf Verdacht ihren Bekanntenkreis innerhalb Londons abgeklopft und festgestellt, dass etwa vierzig Personen praktisch über Nacht spurlos verschwunden waren. Der Dämonenkiller vermutete, dass sie ebenfalls zu Vampiren geworden waren, die nach der Zerschlagung des Black-Sabbath-Clubs in der Jugendstilvilla untergetaucht waren. Jetzt galt es, diese Blutsauger einzeln aufzuspüren und zu vernichten.

Vor einigen Stunden hatten Mitarbeiter der Abteilung einen Hinweis erhalten, dass sich im Haus in der Beaufor Road einige der gesuchten Vampire aufhalten sollten. Um ganz sicherzugehen, hatte Dorian jetzt den nur dreißig Zentimeter großen Chapman als Späher ausgeschickt.

»Ich bin im Garten«, vernahm er die Stimme des Puppenmannes durch das Sprechgerät. »Ich muss ein Fenster zerschneiden. Es gibt keinen anderen Weg, um ins Haus einzudringen. Ich melde mich später wieder.«

Dorian warf den Zigarettenstummel auf die Straße und wartete. Er ließ das Haus nicht aus den Augen, doch kein Licht war zu sehen, kein Fenster war erleuchtet.

Chapman war es gelungen, ins Haus einzudringen. Er trug einen schwarzen Overall, der unzählige Taschen besaß, in denen sich eine Reihe speziell für ihn angefertigte Gegenstände befanden. Er blieb auf dem Fensterbrett stehen und lauschte. Nichts war zu hören. Das Zimmer war völlig dunkel. Er holte eine winzige Taschenlampe hervor und knipste sie an. Der Lichtstrahl huschte durch den Raum, der nur spärlich eingerichtet war. Es gab einige Stühle, einen runden Tisch und einen Schrank.

Chapman klammerte sich an den Vorhang und kletterte zu Boden. Geräuschlos schlich er zur Tür und blieb wieder stehen. Die Tür war geschlossen, doch auf solche Fälle war er vorbereitet. Er nahm einen dünnen, teleskopartigen Stab aus einer seiner Taschen und zog ihn in die Länge. An der Spitze befand sich eine Schlinge, die er über die Türklinke warf. Dann zog er mit aller Kraft. Die Tür glitt auf. Vor ihm lag ein hellerleuchteter Gang. Er steckte den Stab ein, ließ die Tür offen und drückte sich eng an die Wand.

Plötzlich wurde eine andere Tür geöffnet, und er versteckte sich blitzschnell unter einer Kommode. Zwei Männer kamen an ihm vorbei. Einer blieb kurz stehen und ging dann rasch weiter. Chapman verharrte in seinem Versteck. Eine halbe Minute später kamen wieder zwei Männer vorbei. Danach rührte sich nichts mehr.

Zögernd kroch der zwergenhafte Agent unter der Kommode hervor und ging weiter. Die Tür, hinter der die Männer verschwunden waren, hatten sie bedauerlicherweise hinter sich wieder geschlossen, und er konnte nicht das Risiko eingehen, sie zu öffnen. Stattdessen presste er den Kopf gegen die Türfüllung und hörte Stimmen. Rasch holte er ein winziges Gerät aus der Tasche und drückte es gegen die Türfüllung, dann versteckte er sich wieder unter der Kommode und setzte Kopfhörer auf. Das Miniaturmikrophon ermöglichte es ihm, die Unterhaltung mit anzuhören.

»Unsere Lage wird immer schlimmer«, hörte er eine helle Stimme sagen. »Es ist einfach eine Schande, dass wir uns verstecken müssen, und wir dürfen hier nicht einmal lange bleiben. Wir müssen uns ein anderes Versteck suchen. Der Schatten ist hinter uns her. Nur wir sechs sind übriggeblieben. Aber wie lange noch?«

Sekundenlang herrschte Schweigen, dann war eine heisere Stimme zu hören. »Wir müssen uns wehren. Es muss eine Möglichkeit geben, den Schatten auszuschalten. Die Familie kann uns nicht helfen. Wir sind auf uns selbst angewiesen.«

»Wir sind zu schwach, um etwas unternehmen zu können«, schaltete sich eine Frauenstimme ein. »Viel zu schwach. Für eine Beschwörung sind wir nicht genügend Personen. Außerdem habe ich keine Ahnung, wie wir den Schatten vernichten können.«

»Das ist nicht besonders schwierig«, sagte die helle Stimme. »Es gibt eine Möglichkeit. Die Catania-Beschwörung könnte uns weiterhelfen. Dazu benötigen wir aber frisches Eselsblut. Noch besser wäre das Blut einer Jungfrau, eines ganz jungen Mädchens. Das müsste doch zu beschaffen sein.«