Dr. Holl 1909 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1909 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

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Beschreibung

Endlich schlägt Dr. Renate Sanders die Augen auf. Verwirrt sieht sie sich in dem Krankenzimmer um. Ihr Blick streift Dr. Holl und ihren Freund Daniel Forler. Die beiden atmen hörbar aus, die beliebte Kinderärztin ist aus dem Koma erwacht. Aber die Freude bleibt Daniel und Dr. Holl im Hals stecken. In Renates Blick ist kein Erkennen, noch immer schaut sie sich verloren um. Sie reagiert nicht, als man sie anspricht, und selbst der Mann, den sie eigentlich liebt, ist ein Fremder für sie. Daniel vermisst die Wärme und die Zärtlichkeit in Renates Augen, und als die Ärztin ihn noch Tage später zurückweist, machen sich erste Zweifel in Daniel breit. Ist ihre Liebe für immer verloren?

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Inhalt

Cover

Ich weiß nicht mehr, was früher war

Vorschau

Impressum

Ich weiß nicht mehr, was früher war

Als Dr. Renate Sanders verzweifeln wollte

Von Katrin Kastell

Endlich schlägt Dr. Renate Sanders die Augen auf. Verwirrt sieht sie sich in dem Krankenzimmer um. Ihr Blick streift Dr. Holl und ihren Freund Daniel Forler. Die beiden atmen hörbar aus, die beliebte Kinderärztin ist aus dem Koma erwacht.

Aber die Freude bleibt Daniel und Dr. Holl im Hals stecken. In Renates Blick ist kein Erkennen, noch immer schaut sie sich verloren um. Sie reagiert nicht, als man sie anspricht, und selbst der Mann, den sie eigentlich liebt, ist ein Fremder für sie.

Daniel vermisst die Wärme und die Zärtlichkeit in Renates Augen, und als die Ärztin ihn noch Tage später zurückweist, machen sich erste Zweifel in ihm breit. Ist ihre Liebe für immer verloren?

Die Chaostage im Hause Holl hatten ein Ende. Cäcilie war aus ihrem wohlverdienten Wellness-Urlaub zurückgekehrt, den sie gemeinsam, mit Theres Obermeier angetreten hatte. Was ein Wunder war.

Die Theres war eine gutmütige Frau, eine kinderlose Witwe, die nun schon seit ein paar Jahren im Hause Holl die Arbeiten übernahm, die für Cäcilie mittlerweile zu schwer geworden waren.

Eigentlich konnten sich die beiden von Anfang an nicht leiden. Doch im Laufe der Zeit war die Grantigkeit ein Spiel geworden, aus dem sie nicht mehr herausfanden. Dabei zollten sie einander nicht nur Respekt, sondern waren sich von Herzen zugetan.

Das hatte dann auch zu dem gemeinsamen Wellness-Urlaub geführt, während dem Theres' Nachbarin Arzu Kücük die Holl'sche Villa pflegte und Deutsch lernte. Julia selbst stand in der Küche und schwang den Kochlöffel.

Julia hatte viel Spaß am Kochen, da sie so viele wunderbare neue Rezepte ausprobieren konnte. Dafür kaufte sie regelmäßig den Gemüseladen von Nevzat Kücük leer.

So war es kein Wunder, dass das junge türkische Paar sein Herz an die Doktorfamilie verloren hatte.

Allerdings waren die Holl'schen Sprösslinge mit Cäcilies Auszeit nicht einverstanden gewesen. Die Zwillinge gönnten der langjährigen Haushälterin den Urlaub von Herzen – eigentlich. Der fünfzehnjährige Chris und das Nesthäkchen Juju sahen sich jetzt jedoch mehr in die Pflicht genommen und in ihrer Freizeit beschränkt, da auch sie das eine oder andere im Haushalt zu tun bekamen.

Und so waren alle überglücklich, als ein Taxi vorm Haus hielt und eine strahlende und ganz fremd aussehende Cäcilie ausstieg.

»Mei, bin ich froh, dass ich wieder hier bin!«

Den bayerischen Stoßseufzer von Cäcilie beantworteten Juju und Chris mit einem erstaunten Stöhnen.

»Boah, Cilly!«, rief der Junge dann lachend. »Wie siehst denn du aus? Ich hätte dich fast nicht erkannt!«

»Haben sie dir nix zu essen gegeben?«, wollte Juju mitfühlend wissen.

Ehe Cäcilie ihrer Empörung Luft machen konnte, kam Julia aus der Küche und umarmte ihre alte Haushälterin herzlich. Immerhin hatte die schon Mutterstelle an der kleinen Julia vertreten.

»Du siehst fantastisch aus, Cäcilie«, stellte sie begeistert fest. »Du bist wunderbar schlank geworden. Und das neue Kostüm steht dir hervorragend.«

Cäcilie reckte sich ein bisschen.

»Mir geht es richtig gut, Frau Doktor! Die Kur hat meinen Knochen gutgetan«, erwiderte sie geschmeichelt und strich sich demonstrativ über die Hüften.

Juju und Chris prusteten los. So hatten sie Cäcilie noch nie erlebt.

»Im Übrigen heiße ich Cäcilie und nicht Cilly!«, erklärte sie mit plötzlicher Hochnäsigkeit und rauschte davon.

»Schade«, meinte Juju und zog eine Schnute. »Cilly klingt viel schöner!«

»Und das passt auch besser zu ihrem neuen Outfit«, schob Chris nach, wurde rot und fügte schnell hinzu: »Ich meine natürlich ihr Aussehen und die Klamotten – entschuldige, das Kostüm ...«

Julia konnte sich ein Lachen kaum noch verkneifen.

»Kommt, wir setzen uns schon mal an den Kaffeetisch. Cäcilie kommt sicher gleich und freut sich über meinen Schokoladenkuchen!«

»Hoffentlich«, unkte Juju. »Sie hat mir gerade noch gesagt, dass sie stolz auf ihre neue Figur ist.«

»Hach, in dem Alter!«, lästerte Chris.

»Schlank zu sein, ist in jedem Alter schön«, behauptete Juju vorlaut.

»Na, du musst es ja wissen«, hielt Chris entgegen, »wo du doch schon richtig dürr aussiehst. An dir ist nix zum Anfassen dran!«

»Musst du ja auch nicht, du Vielfraß!«, schrie das Mädchen auf.

Im Nu war der schönste Streit im Gang, und Julia hatte Mühe, ihre Jüngsten zur Ordnung und an den Kaffeetisch zu rufen. Zum Glück gaben die beiden Ruhe, als Cäcilie sich zu ihnen setzte.

»Ab morgen bin ich wieder für den Kaffee zuständig«, erklärte sie brummend.

»So schlecht ist Mamis Kaffee aber nicht«, verteidigte Juju ihre Mama sofort.

Und Chris schloss sich lebhaft seiner Schwester an: »Und der Kuchen ist auch super!«

Cäcilie schnaubte. »Ich hab nix anderes gesagt. Aber meine Arbeit ist meine Arbeit. Oder bin ich hier überflüssig?«

Der stürmische Protest der beiden Holl-Sprösslinge tat der alten Haushälterin sichtlich gut. Und um ein Haar hätte Julia Holl das Klingeln des Telefons überhört.

Sie nahm lachend ihr neues Smartphone und ging kopfschüttelnd in die Küche, damit sie überhaupt etwas verstehen konnte.

Wenig später kehrte sie mit ernster Miene ins Esszimmer zurück.

»Mami!«, rief Juju erschrocken.

»Frau Doktor, Sie sind ja ganz blass!« Cäcilie stand auf und schob Julia auf den nächsten Stuhl. »Es ist doch nix mit dem Herrn Doktor?«

Julia nahm sich einen Moment Zeit und atmete tief durch.

»Nein, keine Sorge, Stefan geht es gut. Aber ...«

»Was?«, bedrängte Chris seine Mutter.

»Frau Doktor Sanders ist ausgefallen.« Julia hatte sich wieder im Griff und konnte ruhig und gefasst antworten. »Ich werde wohl in den nächsten Tagen in der Klinik aushelfen müssen. Übergangsweise werde ich die Stelle von Frau Doktor Sanders sicher besetzen können. Ich wollte ja ohnehin irgendwann wieder in den Beruf einsteigen. Mein medizinisches Wissen halte ich sowieso durchweg auf dem neusten Stand.«

»Deshalb sind Sie aber net so blass geworden, Frau Doktor«, behauptete Cäcilie. »Na, jetzt können Sie ruhig gehen. Ich bin ja wieder da und kümmer mich um alles.«

»Aber du musst uns sagen, was los ist«, bettelte Juju ängstlich. »Ich mag nicht, wenn immer so schreckliche Sachen passieren.«

Julia erhob sich. Es drängte sie, in die Klinik zu kommen.

»Es wird schon nicht schlimm sein«, meinte sie leichthin. »Heute Abend wissen wir mehr!«

»Und wir gehen in die Küche und kochen zusammen, was ihr mögt«, bestimmte Cäcilie und warf einen wehmütigen Blick auf den Schokoladenkuchen. Dann strich sie sich über ihre sichtbar schlanker gewordenen Hüften und begleitete Julia zur Tür.

»Uff«, stöhnte Chris und stieß seine Schwester Juju in die Seite. »Pass auf, die Chaostage gehen weiter!«

***

Gesprächsfetzen drangen an ihr Ohr. Sie konnte nicht wirklich verstehen, worüber gesprochen wurde. Störend empfand sie auch die Geräusche, die die Maschinen von sich gaben. Und gleichzeitig hatte sie das Gefühl, gefesselt zu sein.

Sie versuchte, die Lider zu öffnen. Doch es gelang ihr nicht. Wie Blei lagen sie über ihren Augen. Nicht das leiseste Zittern konnte sie ihnen entringen.

Dann war sie davon überzeugt, die Lippen zu öffnen. Sie wollte sprechen und fragen, wo sie war, was mit ihr geschehen war, und ...

Im nächsten Moment durchzuckte sie ein entsetzlicher Gedanke: Sie hatte das Gefühl, sich selbst nicht zu kennen!

Ein leiser Seufzer flog durch den Raum und erschreckte sowohl sie selbst als auch die Personen, die sie gehört, aber bisher nicht gesehen hatte.

Das Gespräch verstummte. Sie spürte die Nähe eines Mannes.

»Leo, ich bitte dich, mach die Augen auf! Schau mich an! Zeig mir, dass du wieder bei uns bist!«, flehte seine Stimme.

Leo ...

Sie war doch kein Mann! Und diese Stimme kannte sie auch nicht. Sie fühlte sich zum Sterben elend und empfand ein leises Gefühl der Dankbarkeit, als ihr die Sinne wieder schwanden.

»Renate, bleib bei mir ...«

Doch seine Worte drangen nicht mehr zu ihr durch.

***

»Werten Sie diesen kleinen Seufzer als einen ersten Fortschritt, Herr Forler«, mahnte Dr. Stefan Holl. »Frau Doktor Sanders hat eine Menge hinter sich gebracht – dieser Unfall, der hohe Blutverlust ... Es ist nicht so einfach aus einem so tiefen Koma zu uns zurückzukehren.«

»Sie meinen es gut, Doktor Holl«, erwiderte Daniel Forler dumpf. »Renate war nie die stärkste. Ich habe entsetzliche Angst um sie. Sie hat doch schon so viel hinter sich gebracht. Und nun?«

»Ich weiß, Herr Forler. Dennoch haben Sie beide eine große Chance, ein gemeinsames Leben aufzubauen. Frau Sanders lebt und wird sich erholen. Ich weiß, das ist kein Trost. Aber jetzt ist nicht die Zeit für unnötige Ängste oder Selbstmitleid. Verzeihen Sie, wenn ich das so deutlich sage. Nehmen Sie all Ihre Kraft zusammen, um Frau Sanders zu helfen. Sie wird uns alle brauchen, wenn sie erwacht!«

Noch einmal liefen die letzten Tage wie ein Film vor Daniels innerem Auge ab. Da war der Streit mit seinen Eltern, weil er sich entschlossen hatte, mit der Ärztin, die ein paar Jahre älter war als er, zusammenzuleben.

Um den weiteren Streitigkeiten zu entkommen, war er mit Renate, die er liebevoll Leo nannte, in ein verlängertes Wochenende gefahren – möglichst weg von seinen Eltern und von der Klinik, wo man Leo nur als Dr. Renate Sanders kannte.

Sie hatten miteinander gelacht und noch einmal festgestellt, dass fünf Jahre Altersunterschied für sie nichts bedeutete. Und sie hatten sich das Versprechen gegeben, dass sie gegenseitig Rücksicht auf ihre Berufe nehmen wollten. Dr. Sanders war eine engagierte Kinderärztin, und Daniel Forler war ein hervorragender Fotograf, der sich auch mit Dokumentationen einen Namen gemacht hatte.

Auch während der Heimfahrt hatten sie ihr neues Leben geplant. Für Renate Sanders war der Schritt viel größer als für Daniel. Sie hatte schon harte Schicksalsschläge ertragen müssen.

Im nächsten Moment hatte es gekracht. Was geschehen war, hatte Daniel erst später erfahren. Ein alter Reifen hatte mitten auf der Autobahn gelegen, ein Autofahrer hatte ihn übersehen. Er war von der Wucht des Aufpralls angehoben worden und auf den Wagen des Paares geflogen. Daniel hatte das Steuer herumgerissen, als der Reifen auf seine Motorhaube geflogen war.

Dass die Windschutzscheibe in tausend Stücke zerbrochen war, hatte er schon nicht mehr wahrgenommen. Er hatte sofort das Bewusstsein verloren, genau wie seine Leo. Daniels Auto war in das Heck eines anderen gerast.

Als er in der Berling-Klinik zu sich kam, kämpfte Renate Sanders um ihr Leben. Und es schien, als wollte sie gar nicht mehr in die Normalität zurückkehren.

Dr. Falk hatte den Chef um Unterstützung gebeten. Schließlich gehörte die Patientin zum Stab der Klinik. Gemeinsam schafften sie es, dem Blutverlust der Kinderärztin ein Ende zu machen und sie zu stabilisieren.

Seither lag Dr. Renate Sanders im Koma – einem wohltuenden Koma, wie die Ärzte Daniel Forler zu erklären suchten. Schließlich musste sich ihr Körper von den unendlichen Strapazen erholen, ehe er sich der Wirklichkeit stellen konnte.

»Wollen Sie mir verraten, weshalb Sie Frau Dr. Sanders ›Leo‹ nennen?«, fragte Dr. Holl, als wollte er den Mann von seinen traurigen Gedanken ablenken.

»Leonie ist ihr zweiter Vorname.«

»Stimmt, das hatte ich vergessen«, warf Dr. Holl ein.

»Eine Renate gibt es in meiner Familie schon, eine Tante, das so genannte ›Schwarze Schaf‹, über das nicht gesprochen wird«, erzählte Daniel mit monotoner Stimme. »Und weil meine Mutter sich weigerte, Renate mit dem Vornamen anzusprechen, schlug Renate vor, dass wir sie ja Leonie nennen könnten ...«

»Leonie war der Name ihrer verstorbenen Tochter«, erinnerte sich der Klinikchef.

Daniel nickte. »Ich kenne die Geschichte, Dr. Holl. Leo, ich meine Renate, hat sie mir recht früh erzählt. Ich glaube, sie hatte mich abschrecken wollen ...«

»Bleiben Sie ruhig hier, Herr Forler, und reden sie mit ihr. Es wird ihr guttun«, meinte der Arzt nachdenklich. »Auf diese Weise können wir Sie auch noch ein bisschen im Auge behalten, auch wenn Ihnen außer ein paar kleinen Schnittwunden und dem Schleudertrauma scheinbar nichts passiert ist. Dr. Sanders wird es schaffen. Aber sie braucht Zeit.«

»Wenn sie nur zu mir zurückfindet! Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Ich habe noch nicht einmal Kopfschmerzen.«

Daniel Forler setzte sich auf einen Stuhl dicht neben dem Bett der Kinderärztin und streichelte in Gedanken versunken über ihre Hand. Dass ihm schwindelte, mochte er nicht zugeben.

***

»Ich brauche dich, Liebling«, sagte Stefan Holl mit nervös klingender Stimme und nahm seine Frau kurz in die Arme.

»Das sagtest du am Telefon, Stefan. Was ist los?« Julia Holl setzte sich in den Sessel vor den ausladenden Schreibtisch im Chefarztzimmer ihres Mannes.

»Es ist schrecklich«, setzte er erneut an. »Doktor Sanders ... sie hatte einen schweren Unfall ...«

Julia erschrak. »Sie ist doch nicht ... was ist ihr passiert? Sie lebt doch?« Ihre Stimme zitterte.

»Sie kommt wieder auf die Beine«, erwiderte er und erzählte dann, was geschehen war. Es war ein unglücklicher Unfall, dessen Folgen noch lange nicht ausgestanden waren. »Ein alter Reifen hat auf der Straße gelegen. Woher er gekommen ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Ein Auto hat den Reifen unglücklich getroffen und ihn dadurch hochgeschleudert. Er ist auf dem folgenden Wagen gelandet, in dem Doktor Sanders und Daniel Forler gesessen haben.«

Den genauen Hergang kannte auch Stefan Holl nicht. Das vom Reifen getroffene Auto war auf den vor ihm fahrenden Wagen aufgefahren, die Windschutzscheibe war zerbrochen.