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Der Tod seiner Tochter Petra wirft den erfolgreichen Geschäftsmann Viktor Lünsmann völlig aus der Bahn: Petra sollte in wenigen Jahren die Leitung seiner Werbeagentur übernehmen, und die Vorstellung, dass sein Lebenswerk in fremde Hände fällt, erträgt der stolze Mann kaum.
In dieser Situation erinnert er sich an sein uneheliches Kind, eine gewisse Sandra, für die er bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr Unterhalt gezahlt und mit der er ansonsten jeden Kontakt vermieden hat.
Er beauftragt ein Detektivbüro, um alles über seine Tochter, die in dem Heidedorf Altenhagen wohnt, zu erfahren. Doch damit nimmt das Schicksal seinen Lauf ...
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Der Fremde, der mein Vater ist
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-4258-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm
Der Fremde, der mein Vater ist
Als für Sandra ein neues Leben begann
Von Ina Ritter
Der Tod seiner Tochter Petra wirft den erfolgreichen Geschäftsmann Viktor Lünsmann völlig aus der Bahn: Petra sollte in wenigen Jahren die Leitung seiner Werbeagentur übernehmen, und die Vorstellung, dass sein Lebenswerk in fremde Hände fällt, erträgt der stolze Mann kaum.
In dieser Situation erinnert er sich an sein uneheliches Kind, eine gewisse Sandra, für die er bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr Unterhalt gezahlt und mit der er ansonsten jeden Kontakt vermieden hat.
Er beauftragt ein Detektivbüro, um alles über seine Tochter, die in dem Heidedorf Altenhagen wohnt, zu erfahren. Doch damit nimmt das Schicksal seinen Lauf …
»Hast du das gesehen?«, fragte Grete Roloff tief empört und schüttelte heftig den Kopf.
Gerlinde Semmelweiß, die Haushälterin der beiden Landärzte, trat neben die Klatschbase an das Küchenfenster und konnte gerade noch das rote Auto erkennen, das vorbeiraste.
»Wer war das?«, wollte sie mit gewohnter Neugier wissen. »Keiner von uns«, beantwortete sie ihre Frage selbst. »Irgendein Verrückter vom Reiterhof, denke ich mir.«
»Nee, ich hab sie genau erkannt. Das ist die Lünsmann.«
»Die von dem reichen Lünsmann?«, fragte Gerlinde beeindruckt. »Aber die fährt doch nicht so ein Auto. Das war ja ein Rennwagen, und wie die hier durchgerauscht ist …«
»Für reiche Leute gilt die Straßenverkehrsordnung nicht«, äußerte Grete ironisch.
»Tatsächlich?« Gerlinde kratzte sich zweifelnd den Nacken. »Oder hast du das nur so gesagt, Grete?«
»Vor Gericht kriegen die Reichen immer ne Extrawurst gebraten.«
»Da hast du wohl recht mit«, stimmte die füllige Haushälterin der alten Schnorrerin zu, die wie immer am frühen Vormittag gekommen war, um sich bei der gutmütigen Gerlinde ein Frühstück zu holen.
»Irgendwann bricht die sich bestimmt mal das Genick«, vermutete Grete. »Und wenn du mich fragst, was Besseres hat sie nicht verdient.«
»So was darf man nicht sagen.«
Gerlinde setzte sich wieder auf den Stuhl und schälte weiter die Kartoffeln. Sie musste schließlich für eine große Familie sorgen, und Annelene, die Florentine ihr aufgedrängt hatte, war ihrer Meinung nach alles andere als eine Hilfe. Allerdings konnte man Gerlinde nichts recht machen.
»Was gibt es so Neues bei euch?«, erkundigte sich Grete Roloff beim Kauen.
»Nichts. Und wenn, dann würd ich nicht darüber reden.«
»Ich weiß. Du bist verschwiegen wie ein Grab.«
Grete saß in der Küche immer so, dass sie die Straße im Auge behalten konnte. Ihr entging nichts, was in Altenhagen und Umgebung passierte. Sie hatte geradezu einen sechsten Sinn für Neuigkeiten und keinerlei Hemmungen, notfalls auch an Türen und Fenstern zu lauschen. Keiner im Kirchdorf Altenhagen konnte sie leiden, aber die meisten hüteten sich, es mit ihr zu verderben. Grete Roloff konnte einem leicht etwas anhängen, und die Menschen neigten nun mal dazu, von anderen gern das Schlechte zu glauben, auch wenn es gar nicht stimmte.
»Der Doktor!« Grete sprang auf und stürzte zum Fenster. »Der hat es aber eilig.«
Prompt schnellte auch Gerlinde von ihrem Stuhl hoch.
»Bestimmt muss er zu einem Notfall, und das gerade heute, wo unser Wartezimmer proppenvoll ist. Zu wem er wohl will?«
»Das werde ich gleich wissen.« Im Stehen stürzte Grete den Rest Kaffee runter und schnappte sich die beiden Schnitten, die noch auf ihrem Teller lagen. »Bis gleich«, rief sie Gerlinde im Hinausstürmen zu.
Felix, der Mischlingshund und Gerlindes Liebling, kläffte wild. Am liebsten hätte er wohl in Gretes dürre Beine gebissen.
»Sei ruhig, bei uns ist es ja nich«, erklärte ihm sein Frauchen, und weil er sie gar so treuherzig anschaute, schnitt sie eine dicke Scheibe Wurst ab und warf sie ihm hin. »Bist ja ein armer Hund«, kommentierte sie ihre Großzügigkeit. »Aber wir alle werden mal älter. Für dein Alter hast du dich noch ganz gut gehalten, liegt wohl an meiner Pflege. Du kannst froh sein, dass du mich hast.«
Wenn Gerlinde in der Küche mit ihrem geliebten Hund allein war, pflegte sie mit ihm zu sprechen. Dass jemand die Tür geöffnet hatte und zuhörte, merkte sie nicht. Erst ein Lachen ließ sie aufmerksam werden. Sie drehte den Kopf.
»Ach, du bist es, Florentine.« Sie nickte der Frau des Landarztes zu. »Hab dich gar nicht reinkommen gehört. Zu wem wollte er wohl, der junge Doktor, meine ich? Der hatte es ja brandeilig. Doch nicht zu Mutter Gehrken? Die soll es ja wohl nicht mehr lange machen, hat die Grete erzählt.«
»Ein Unfall kurz vor Stollp. Überhöhte Geschwindigkeit, vermutet man.«
»Womöglich so ein Rennwagen, so ein roter? Warum die Leute sich solch ein Auto kaufen, also das kann und kann ich nicht verstehen. Stimmt es, dass es die kleine Lünsmann ist?«
»Das weiß ich nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass ich jetzt in die Kreisstadt fahre. Soll ich irgendetwas mitbringen?«
»Wenn du Zeit hast, im Supermarkt vorbei zu gehen … Ich hab da ne Liste von den Sachen, die wir brauchen könnten. Aber nur wenn du Zeit hast. Bei Lammers ist alles viel teurer. Der nimmt es vom Lebendigen.«
»Gib den Zettel her. Sonst noch was?«
»Nee, so auf die Schnelle fällt mir nichts ein. Was ich mir nicht immer aufschreibe … Mein Gedächtnis, das ist auch nicht mehr wie früher. Früher, da hab ich alles behalten, aber jetzt …«
»Geht mir auch so und hat nichts mit dem Alter zu tun. Bis heute Mittag dann, Gerlinde.«
Im Gegensatz zu ihrem Mann verstand sich Florentine hervorragend mit Gerlinde Semmelweiß. Und das nicht nur, weil sie wusste, wie unentbehrlich die tüchtige Haushälterin war. Hinter Gerlindes häufig rauer Schale verbarg sich ein sehr weicher Kern.
Auf der Fahrt in die Kreisstadt verlangsamte sie das Tempo ihres Autos, als sie sich der Unfallstelle näherte. Schon von Weitem sah sie ihren Mann, der mit zwei Polizisten zusammenstand und sich mit ihnen unterhielt. Ein Krankenwagen war nicht zu sehen.
Gott sei Dank, dachte Florentine, dann ist der Fahrerin wahrscheinlich nicht viel passiert. Neugierig hielt sie ihr Auto hinter dem ihres Mannes an und stieg aus.
Karsten Fabian nickte ihr zu. Er wechselte noch ein paar Worte mit den Polizisten.
Florentine wartete auf ihn.
»Wo ist die Fahrerin des Unfallautos?«, fragte sie gespannt.
»Im Leichenwagen. Sie war auf der Stelle tot. Sie muss wie eine Verrückte gerast sein. Dabei sollte sie die Strecke eigentlich kennen.«
»Ach, eine von hier?«
»Die junge Frau Lünsmann.«
»Petra? Mein Gott! Sie wollte bald heiraten, habe ich gehört. Und jetzt ist sie tot.«
»Ja, und dann noch durch eigene Schuld. Mehr als hundert durfte sie auf der Landstraße nicht fahren, aber die Polizei meint, sie hätte wenigstens 170 oder 180 draufgehabt, und das auf dieser kurvenreichen Straße.«
»Sie war die einzige Tochter der Lünsmanns.«
Karsten Fabian nickte. »Ich fahre bei den Eltern vorbei, der Polizist hat mich darum gebeten.«
»Drückeberger«, knurrte Florentine Fabian empört. »Eigentlich wäre es doch seine Aufgabe, solche Nachrichten zu überbringen.«
»Ich bin der Hausarzt der Familie. Du, ich muss jetzt weiter, das Wartezimmer ist voll. Fahr du nur vorsichtig.«
»Du kennst mich doch.«
»Eben deshalb habe ich es gesagt.«
Karsten hatte immer Angst um seine Frau, wenn die mit ihrem Auto unterwegs war, denn seiner Meinung nach war Florentine eine zu risikofreudige Fahrerin. Allerdings hatte sie noch keinen ernsthaften Unfall gebaut. Aber das musste an ihrem Schutzengel liegen, vermutete Karsten. Sie hatte wohl einen besonders tüchtigen zugeteilt bekommen.
Er stieg in sein Auto und wendete geschickt. Auf seiner Stirn standen tiefe Falten. Er kannte die Familie Lünsmann seit Langem, auch wenn man seine ärztliche Hilfe nicht allzu oft in Anspruch genommen hatte. Lünsmann sollte sehr reich sein, hieß es allgemein, auf jeden Fall bewohnte er ein riesiges Haus am Rande von Altenhagen. So viel Karsten wusste, hatte er irgendetwas mit Film und Fernsehen zu tun. Was genau wusste Karsten nicht, weil es ihn nie interessiert hatte, womit Lünsmann sein Geld verdiente.
Er presste die Lippen aufeinander, als er auf das große Haus zuging. Es war sehr modern, repräsentativ, ohne dabei protzig zu wirken. Geschmack hat er, dachte Karsten, während er den Zeigefinger auf den Klingelknopf drückte. Um diese Zeit war Lünsmann wahrscheinlich in seinem Büro. Karsten hatte vorsichtshalber seine Arzttasche mitgenommen, um notfalls Frau Lünsmann eine Beruhigungsspritze geben zu können. Im Gegensatz zu ihrem Mann war sie recht labil.
»Sie, Herr Doktor?«, fragte Sybille Bolte, das Hausmädchen, erstaunt. »Ich wusste gar nicht, dass wir Sie erwarten. Wollen Sie zu der Gnädigen?«
»Ja. Herr Lünsmann ist wahrscheinlich nicht zu Hause?«
»Nein, der fährt schon immer ganz früh in sein Büro. Dann kommen Sie mal mit.«
Dr. Fabian folgte ihr durch die große Diele in ein Wohnzimmer mit den Ausmaßen eines Saales. In einem Sessel in der Nähe des Fensters saß Roberta Lünsmann und drehte gelassen den Kopf. Unnachahmlich damenhaft zog sie die Brauen in die Höhe, als sie den Arzt erkannte.
»Ist hier jemand krank?«, erkundigte sie sich mit angenehmer Stimme.
Sie lächelte dem Landarzt zu, während sie ihm die Hand bot.
Karsten drückte sie. Auf den Gedanken, einen Handkuss anzubringen, kam er nicht. »Ja … ich wollte zu Ihnen, Frau Lünsmann.«
»Aber mir geht es gut«, versicherte die noch immer gut aussehende Frau.
Sie hatte ein schmales Gesicht, große, dunkle Augen und sehr dichtes, blondes Haar. In ihrer Jugend musste sie eine atemberaubende Schönheit gewesen sein, aber auch jetzt noch konnte sie sich sehen lassen. Sie duftete entweder nach einer teuren Seife oder einem guten Parfum.
»Nehmen Sie doch Platz, lieber Doktor.« Mit ihrer gepflegten Rechten wies Roberta auf den Sessel gegenüber. »Was führt Sie zu uns? Entschuldigung, ich habe ganz vergessen, Ihnen etwas anzubieten. Vielleicht eine Tasse Kaffee, oder bevorzugen Sie Tee?«
Karsten machte nur eine abwehrende Handbewegung. Er räusperte sich. Und als er Robertas fragenden Blick auffing, senkte er den Kopf.
»Leider ist es ein trauriger Anlass, der mich zu Ihnen führt, Frau Lünsmann.«
»Mein Mann …? Ist er …?« Roberta wurde totenblass. »Er schwebt doch nicht in Lebensgefahr? Sein Herz hat ihm in letzter Zeit zu schaffen gemacht, aber er wollte keinen Arzt aufsuchen. Keine Zeit, hat er immer gesagt. Wo ist er jetzt?«
»Es handelt sich nicht um ihren Mann. Ihre Tochter …« Karsten stockte.
»Nein! Nein, sagen Sie es nicht … dieses verrückte Auto …«
»Es tut mir wirklich sehr leid. Sie ist in einer Kurve frontal gegen einen Baum geprallt und war auf der Stelle tot.«
Aus entsetzt geweiteten Augen starrte die elegant gekleidete Frau ihn an. Ihr Gesicht verriet, dass sie sich weigerte, diese furchtbare Nachricht zu glauben.
»Das ist nicht wahr«, formten ihre blutleeren Lippen.
Karsten legte seine Hände leicht auf ihre Schultern.
»Sie müssen jetzt sehr tapfer sein, Frau Lünsmann. Soll ich Ihren Mann anrufen, oder wollen Sie es tun?«
»Sie müssen sich irren. Petra ist jetzt im Studio. Sie leitet die Aufnahmen für einen Werbespot, sie kann nicht tot sein.«
»Ich denke, ich setze mich mit Ihrem Mann in Verbindung.«
Hilflos schüttelte Roberta Lünsmann den Kopf. Vor einer halben Stunde war ihre Tochter weggefahren, wie immer sehr in Eile. Sie hatte hastig gefrühstückt, und dann … Nein, der Doktor musste sich irren, eine andere Frau war verunglückt und er verwechselte sie. Nur wie aus weiter Ferne hörte sie den Landarzt mit ihrem Mann telefonieren. Er wiederholte die schreckliche Nachricht. Roberta stieß ein tiefes Stöhnen aus, bevor ihr Körper zusammensackte und vom Sessel rutschte.
Karsten hob sie hoch und legte sie behutsam auf die Couch. Ich muss Albrecht anrufen und ihn bitten, die Hausbesuche zu unterbrechen und die Sprechstunde zu übernehmen, dachte er. Er durfte Frau Lünsmann jetzt nicht allein lassen, das spürte er. Und wie Viktor Lünsmann den Tod seiner einzigen Tochter verkraften würde, wusste Karsten auch nicht. Äußerlich wirkte der Mann robust, ein willensstarker Tatmensch, der genau wusste, was er wollte und sein Ziel auch meistens erreichte. Aber gegen den Tod war auch einer wie er machtlos.
Als Roberta die Augen aufschlug, zeigte ihr Blick völlige Verständnislosigkeit. Aber dann kam die Erinnerung zurück. Sie schlug die Hände vors Gesicht und begann heftig zu weinen.
Karsten hatte sich einen Stuhl an die Couch gezogen und beugte sich über die verzweifelte Frau. Er sprach beruhigend auf sie ein, irgendetwas, denn ihm war klar, dass Worte ihr Bewusstsein nicht erreichen würden.
Unglaublich kurze Zeit später hörte er das Klappen der Haustür. Er wandte den Kopf und stand auf, als Viktor Lünsmann hereinstürmte. Auch der Mann war totenblass. Er warf dem Arzt nur einen flüchtigen Blick zu und beugte sich dann über seine Frau.
