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Man kann es Ulla Minken nicht verdenken, wenn sie klagt: Sie ist nicht nur arm wie eine Kirchenmaus, sie hat auch noch sieben Kinder, die sich beschweren, dass es nie Fleisch zu essen gibt. Dann stirbt auch noch ihr Ehemann, und ihre älteste Tochter Katja verletzt sich schwer bei einem Unfall, den die Haushälterin der Landärzte, Gerlinde Semmelweiß, mit ihrem Auto verursacht hat.
Es hat ganz den Anschein, als sei Familie Minken vom Pech verfolgt. Aber dann übernimmt jemand überraschend und völlig unerwartet die Rolle des Schutzengels ...
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Seitenzahl: 115
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Unser Glück hat eine gute Fee
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock / HighKey Verlag
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-4451-6
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm
Unser Glück hat eine gute Fee
Bezaubernder Roman um zwei Verliebte und ein merkwürdiges Geheimnis
Von Ina Ritter
Man kann es Ulla Minken nicht verdenken, wenn sie klagt: Sie ist nicht nur arm wie eine Kirchenmaus, sie hat auch noch sieben Kinder, die sich beschweren, dass es nie Fleisch zu essen gibt. Dann stirbt auch noch ihr Ehemann, und ihre älteste Tochter Katja verletzt sich schwer bei einem Unfall, den die Haushälterin der Landärzte, Gerlinde Semmelweiß, mit ihrem Auto verursacht hat.
Es hat ganz den Anschein, als sei Familie Minken vom Pech verfolgt. Aber dann übernimmt jemand überraschend und völlig unerwartet die Rolle des Schutzengels …
»Ich muss noch mal zu Lammers«, teilte Gerlinde Semmelweiß, die Haushälterin der beiden Landärzte von Altenhagen, ihrer Freundin Florentine Fabian mit. »Hab doch glatt vergessen, Kaffee zu kaufen. Weiß auch nicht, wie mir das passieren konnte. Da hab ich nun extra meinen Zettel mitgenommen, und trotzdem … Ich fang wohl an, alt zu werden«, setzte sie hinzu und seufzte verhalten.
»So etwas passiert doch jedem einmal«, beruhigte die junge Arztfrau sie lächelnd. »Und lass dir ruhig Zeit, wenn du unterwegs jemanden triffst.«
»Willst du damit sagen, dass ich eine bin, die auf der Straße steht und stundenlang klatscht?«
Gerlinde war heute mit dem falschen Fuß zuerst aufgestanden und den ganzen Vormittag schlecht gelaunt. Ohne jeden vernünftigen Grund. Sie ärgerte sich sozusagen über die Fliege an der Wand, und dass sie den Kaffee vergessen hatte, setzte dem Fass die Krone auf.
»Vergiss nicht, nach Jan zu sehen«, erinnerte sie die junge Mutter. »Wenn der aufwacht …«
»Will er sofort Aufmerksamkeit. Lass dir Zeit, Gerlinde. Eine Viertelstunde geht es hier auch mal ohne dich.«
»Viel länger ja nicht. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie das hier aussehen würde, wenn ich mich nicht um alles kümmern würde. Und wenn dieser Gauner anruft, dieser Verbrecher, dann sag ihm nur, dass ich ihm was vom Kaufpreis abziehen würde, weil er mich so lange mit dem Auto warten lassen hat. Vor fünf Wochen sollte es geliefert werden, und jetzt ist es immer noch nicht da. Hätte ich das nur gewusst, dann wäre ich nach Bremen oder Hannover gefahren, dort kann man sein Auto gleich mitnehmen, wenn man will.«
»Reg dich deshalb nicht auf. Du kannst gern mein Auto haben, wenn du fahren möchtest.«
Gerlinde hatte nämlich endlich ihren Führerschein bekommen, nur ihr neues Auto ließ so lange auf sich warten. Sie brannte darauf, den Altenhagenern etwas vorzufahren. In ihrem funkelnagelneuen und bar bezahlten Auto. Das konnten sich nicht allzu viele leisten. Aber nach ihrem Lottogewinn kam es für sie auf ein paar Tausend Euro nicht an. Obwohl sie nach wie vor sehr sparsam war. Sparsam, aber nicht geizig.
»Dann will ich mal.«
Sie kratzte sich den Nacken und blickte auf ihren Hund, der lang ausgestreckt auf den Küchenfliesen lag und schlief. Der hat es gut, dachte sie, der braucht sich um nichts Gedanken zu machen, der interessiert sich nur für sein Fressen, und das bekommt er immer pünktlich und reichlich. Ich dagegen muss für alle kochen, bin von früh bis spät auf den Beinen, und wie wird mir das gedankt? Keiner dankt es mir, dachte sie voller Selbstmitleid.
»Hast du Geld eingesteckt?«, fragte Florentine fürsorglich.
»Mein Gott … da wäre ich doch glatt ohne Geld losgelaufen. Was ist das heute bloß für ein Tag! Wenn dieser Automensch anruft …«
»… weiß ich, was ich ihm zu sagen habe«, fiel Florentine Gerlinde Semmelweiß ins Wort.
»Hoffentlich. Denen darf man nicht alles durchgehen lassen, sonst machen sie mit uns, was sie wollen. So ein Pack auch! Verkaufen und Geld scheffeln, das wollen sie, aber was dafür tun …« Sie ging hinaus und schloss die Haustür recht unsanft hinter sich.
Zu allem Überfluss sah es aus, als würde es gleich anfangen zu regnen. Ihr an und für sich gutmütig wirkendes, rundes Gesicht hatte heute einen direkt verbissenen Ausdruck. Sie musste zweimal einkaufen gehen, als hätte sie nichts Besseres zu tun.
Den Kopf gesenkt hastete sie voran und wäre fast mit einem Mann zusammengestoßen, der, so schien es ihr jedenfalls, urplötzlich vor ihr auftauchte. Sie blieb stehen und musterte ihn angewidert.
»Hast du keine Augen im Kopf?«, fragte sie barsch.
»Entschuldige, Gerlinde … wollte nur fragen, ob du mir nicht freundlicherweise aus einer momentanen Verlegenheit helfen könntest. Leihst du mir zehn Euro?«
»Leihen? Du meinst wohl schenken, von dir kriegt man doch nie was zurück. Zu verschenken hab ich nichts, Alfred. Und ich kann mir auch schon denken, wofür du das Geld haben willst. Um dir noch ’ne Flasche Schnaps zu kaufen, du Saufkopp. Schäm dich! Du bist ja jetzt schon wieder voll, und dabei ist es noch nicht mal Mittagszeit.«
»Hab nur einen klitzekleinen Schluck genommen«, behauptete Alfred Minken weinerlich. »Nicht, weil er mir schmeckt. Der Doktor hat gesagt, ich brauchte morgens nen Schluck als Medizin.«
»Einer von unseren Doktoren hat das bestimmt nicht gesagt, und von wegen ein Schluck … Schämst du dich eigentlich gar nicht? Wahrscheinlich weißt du gar nicht, was Scham ist. Anständige Menschen arbeiten um diese Zeit.«
»Möcht ich ja auch, aber ich finde keine Arbeit, so sehr ich mich auch bemühe. Du hast doch ein gutes Herz, Gerlinde, nun sei nicht so. Ich soll Brot kaufen für meine Familie, und unterwegs hab ich das Geld verloren. Da ist wohl ein Loch in meiner Hosentasche. Wir haben zu Hause nichts zu essen.«
»Wenn du alles versäufst … Von mir kriegst du keinen Cent, merk dir das.«
»Das kannst du doch nicht tun, Gerlinde, denk an meine Kinder. Sie müssen hungern.«
»Warum setzt du so viele Kinder in die Welt? Das ist das Einzige, was du kannst. Aber sie sind ja wohl auch danach.«
»Du, auf meine Kinder lass ich nichts kommen. Die sind ganz in Ordnung. Du bist ja bloß neidisch, weil du keine hast. Aber welch vernünftiger Mann würde sich auch schon mit dir einlassen, du Geizknüppel?«
»Jetzt reicht es mir aber! Noch ein Wort, und ich kleb dir ein paar«, drohte Gerlinde, und sie war durchaus willens, ihrer Ankündigung auch die Tat folgen zu lassen.
Früher einmal, aber das war schon lange her, war Alfred ein stattlicher Mann gewesen, jetzt dagegen … Klapperdürr, das Gesicht ausgemergelt, die Augen tief in den Höhlen liegend …
Den stoße ich mit dem kleinen Finger aus den Pantinen, dachte Gerlinde und hatte nicht übel Lust, das auch auf der Stelle zu tun. Was der da gesagt hatte …
»Hätt ich gewollt, ein Dutzend mal hätt ich heiraten können«, belehrte sie den alten Säufer. »Bloß wenn ich Kerle wie dich ansehe, dann vergeht mir die Lust zum Heiraten. Und nun mach, dass du weiterkommst.«
»Du hast kein Herz. Dir geht es gut, deshalb kannst du dir gar nicht vorstellen, wie armen Leuten zumute ist.«
»Es ist deine eigene Schuld, wenn du arm bist. Und nun lass mich gefälligst in Ruhe, habe was Besseres zu tun, als mich mit dir rumzustreiten.«
Sie ging um ihn herum, genauer gesagt, sie wollte um ihn herumgehen, aber Alfred machte rasch einen Schritt zur Seite und stand wieder vor ihr.
Gerlinde konnte ihren empörten Schwung nicht mehr bremsen, stieß ihn an, Alfred taumelte und fiel aufs Pflaster.
Es hörte sich gar nicht schön an, als sein Kopf auf die Steine schlug. Und dann lag er da und röchelte ganz komisch. Entsetzt starrte Gerlinde auf ihn hinab.
»Nun steh schon auf«, stieß sie hervor. »Ich hab es ja nicht mit Absicht gemacht. Spiel kein Theater.«
Aber Alfred lag da, röchelte und rührte sich nicht. Gerlinde brach der Schweiß aus allen Poren. War das wirklich nur Theater, oder hatte der Kerl tatsächlich die Besinnung verloren?
»Kümmer dich doch nicht weiter um den.« Grete Roloff, die Klatschbase des Heidedorfes, war gerade mal wieder im richtigen Moment aufgetaucht. »Ich hab alles gesehen. Er hat dich angegriffen und du dich nur gewehrt. Ob er jetzt wohl hin ist? Schade wäre es nicht um ihn. Für Ulla und die Kinder sogar ein richtiger Segen. Die würden dir dankbar sein, Gerlinde.«
»Der Doktor … ich werd den Doktor holen.« Frau Semmelweiß hatte nicht richtig zugehört. »Bleibst du so lange hier, bis ich zurück bin?«
»Selbstverständlich.«
Die Roloff musste doch wissen, was mit dem Trunkenbold los war. Noch röchelte er ja, wenn jetzt auch größere Pausen dazwischen waren. Mit der Fußspitze stieß sie in seine Seite. Der Mann stöhnt, reagierte aber sonst nicht.
Der Minken hatte es verdient, so hilflos auf der Straße zu liegen, fand die böse Roloff. Oft genug hatte man ihn volltrunken in der Feldmark gefunden. Ein Wunder, woher er immer das Geld nahm, um sich volllaufen zu lassen. Wahrscheinlich klaut er, dachte Grete Roloff, die allen Menschen stets nur das Schlechteste zutraute.
Sie trat widerwillig zur Seite, als Dr. Fabian, der jüngere der beiden Landärzte, jetzt neben seiner Arzttasche niederkniete und die Lider des bewusstlosen Mannes herunterzog. Wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung, überlegte er.
»Wird er wieder?«, fragte Gerlinde, die etwas länger gebraucht hatte, um den Gestürzten zu erreichen.
Das Sprechen fiel ihr schwer, denn sie bekam kaum Luft. Laufen war nichts mehr für eine Frau in ihrem Alter und mit ihrer Figur.
»Ganz sicher. Ich werde ihn nach Hause schaffen.«
»Muss er nicht ins Krankenhaus?«, fragte die Roloff. »Aber die würden sich für so einen schön bedanken. Schon besser, wenn Sie ihn in seine Hütte schaffen. Nur schade, dass er nicht ganz hin ist. An dem hat die Welt nichts verloren!«
»Versündige dich nicht«, fuhr Gerlinde die Klatschbase an.
Hätte Minken sterben müssen, dann würde man ihr womöglich die Schuld geben und sie vielleicht sogar ins Gefängnis stecken.
»Ist doch wahr. Warum soll man immer heucheln?«
Grete Roloff war nicht bereit, einzulenken. Sie trat noch ein paar Schritte zur Seite, als der Doktor den Mann hochhob und zu seinem Auto trug. Den rechten Sitz hatte er schon heruntergedreht.
»Soll ich mitkommen?«, fragte Gerlinde verzagt. Ihr Ton verriet, wie wenig sie sich das wünschte.
»Nein, nein. Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Semmelweiß, Herr Minken wird schon wieder werden!«
»Herr Minken«, mokierte sich Frau Roloff. »Sagen Sie lieber der Minken, das ist doch kein Herr, so einer. Überhaupt kein richtiger Mensch!«
»Hauptsache, Sie sind ein richtiger Mensch«, erwiderte Karsten Fabian aufgebracht, bevor er die Wagentür zuzog und den Motor anschaltete.
Gerlinde Semmelweiß starrte dem Auto nach. Sie hatte einfach Angst. Wenn dieser Mensch nun Forderungen an sie stellte …
»Du bist meine Zeugin«, wandte sie sich hilfeflehend an Grete Roloff.
»Klar doch. Ich hab alles gesehen. Mach dir keine Sorgen, von dem hörst du nichts mehr. Und wenn doch, dann kriegt er es mit uns zu tun!«
»Danke, Grete. Ich wusste ja, dass ich mich auf dich verlassen kann. So ein Schreck auch, als der plötzlich hinfiel!«
»Und er hat nicht mal versucht, den Fall abzumildern. Wahrscheinlich voll bis obenhin. Was wollte er eigentlich von dir? Dir einen unzüchtigen Antrag machen?«, setzte sie grinsend hinzu. »Das trau ich ihm glatt zu.«
»Da wäre er bei mir an der richtigen Adresse. Nein, nein, er wollte nur Geld. Herrje, der Kaffee! Ich muss ja Kaffee kaufen!«
»Ich komme mit zu Lammers.«
Grete Roloff wusste, dass sie beim Krämer immer ein paar Frauen traf, denen sie die neuste Sensation brühwarm erzählen konnte. Natürlich ein bisschen ausgeschmückt. Sie lächelte vor sich hin, als sie an Gerlindes Seite zum Krämer ging. Ein schöner Vormittag war das. Jedenfalls für sie. Gerlinde dachte anders darüber.
Aber hätte sie nicht gewarnt sein müssen? Ihr Horoskop heute Morgen hatte ihr Ärger in den Vormittagsstunden vorausgesagt. Vorsicht im Straßenverkehr! Aber gehörte ein Einkauf im Dorf auch zum Straßenverkehr?
Darauf bin ich gar nicht gekommen, überlegte Gerlinde. Sonst hätte sie bestimmt Florentine gebeten, den vergessenen Kaffee mal rasch zu besorgen. Aber wer denkt denn an so etwas?
***
»Wie geht es ihm?« Gerlinde Semmelweiß schoss aus ihrer Küche, als sie den jungen Doktor zurückkommen hörte.
»Er lebt, und er wird sich bald erholen. Seine Gehirnerschütterung hat nicht viel zu sagen, er war voll wie eine Haubitze.«
»Gott sei Dank!«, seufzte die Haushälterin.
»Dass er voll war?« Karsten Fabian stellte sich dumm.
Gerlinde verstand keinen Spaß. »Dass er noch lebt, natürlich. Also, ich hätte mir mein Leben lang Vorwürfe gemacht, wäre er weggewesen. Obwohl, gestoßen habe ich ihn eigentlich nicht. War reiner Zufall, dass wir aneinandergeraten sind. Ehrlich. So einen würde ich doch nicht mal mit der Brikettzange anfassen. Was hat die Ulla denn gesagt, seine Frau?«
»Praktisch gar nichts. Was sollte sie schon sagen?«
»Schimpfen vielleicht. Also wäre ich an ihrer Stelle, ich wüsste, was ich täte. Der Mann würde keinen Fuß mehr über die Schwelle setzen, das kann ich Ihnen sagen. Aber die Ulla lässt sich alles von ihm gefallen. Stimmt es denn wohl, dass bei ihr schon wieder was Kleines unterwegs ist?«
