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Gerade hat Dr. Karsten Fabian die junge Maike mit einem Herzinfarkt ins Kreiskrankenhaus gebracht. Das ist schon eine kleine Tragödie, denn die Frau ist geschieden und hat einen kleinen Sohn. Wer soll denn jetzt auf Sascha aufpassen?
Zunächst wird sich Florentine Fabian um ihn kümmern, aber eigentlich gehört er ja zu seinem Vater, der auch im Heidedorf wohnt. Nur hat der eine neue Frau, und die scheint kein Interesse an dem Kind zu haben ...
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2017
Cover
Impressum
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens
Verbotene Liebe – gestohlene Stunden
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: shutterstock / MJTH
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-5089-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Die wichtigsten Bewohner Altenhagens:
Dr. Karsten Fabian – Arzt mit Leib und Seele, ehemals Chirurg im Elbe-Krankenhaus.
Florentine Fabian – geborene Fiedler, seine immer vergnügte, bildhübsche Frau.
Svenja, Tim und Jan – die aufgeweckten Kinder der Fabians, die von allen verwöhnt werden.
Dr. Albrecht Heideck – der ältere der beiden Landärzte, wohnt und praktiziert mit seinem jungen Kollegen in der Löwenvilla. Er ist Witwer.
Johannes Bruhns – Imker, Heidschnuckenzüchter und bester Freund von Dr. Heideck. Er kennt sich in der Naturheilkunde bestens aus.
Gerlinde Semmelweiß – Haushälterin in der Löwenvilla, abergläubisch und immer auf dem Laufenden, was Neuigkeiten im Dorf betrifft.
Schwester Bernhardine – unentbehrliche Helferin von Dr. Fabian und Dr. Heideck.
Helene Fromm
Verbotene Liebe – gestohlene Stunden
Warum zwei Menschen in der Heide nicht zusammenkommen durften
Von Ina Ritter
Gerade hat Dr. Karsten Fabian die junge Maike mit einem Herzinfarkt ins Kreiskrankenhaus gebracht. Das ist schon eine kleine Tragödie, denn die Frau ist geschieden und hat einen kleinen Sohn. Wer soll denn jetzt auf Sascha aufpassen?
Zunächst wird sich Florentine Fabian um ihn kümmern, aber eigentlich gehört er ja zu seinem Vater, der auch im Heidedorf wohnt. Nur hat der eine neue Frau, und die scheint kein Interesse an dem Kind zu haben …
»Dagegen müssten Sie eigentlich mal was unternehmen«, bemerkte Wanda Reuter, Pastor Stolzenburgs Haushälterin.
Sie stand am Tisch, die Hände vor dem Leib gefaltet, den Kopf etwas schief gelegt.
»Wogegen soll ich was unternehmen?«, fragte der Seelsorger des wunderschönen Heidedorfes Altenhagen verdrossen.
»Gegen die Unzucht, die sich hier jetzt überall breit macht. In der Bibel steht nichts davon.«
»Wer treibt Unzucht und mit wem?«, erkundigte sich Leberecht Stolzenburg neugierig. Gespannt sah er zu seiner Haushälterin hoch. »Nun machen Sie es nicht so spannend.«
»Viele, Herr Pastor, viel zu viele. Früher, als ich jung war, da hätte es so etwas nicht gegeben!«
»Da hat der Klapperstorch die unehelichen Kinder gebracht?«
»Damals hat man es jedenfalls nicht so öffentlich gemacht wie heute«, schwächte Wanda ihre erste Behauptung ab. »Ich hab es gerade bei Lammers erfahren. Dort habe ich zufällig die Roloff getroffen, Sie wissen schon …«
»Unser lebendes Nachrichtenblatt. Und was hat die Gute Neues gewusst?«
»Der Wittkopp … erst hat er sich ja scheiden lassen, obwohl ein Kind da war. Das kann ich ja alle Tage nicht verstehen. Dabei haben die doch eigentlich so gut zueinander gepasst, die Maike und er. Und ganz plötzlich … ich denke, ich darf meinen Ohren nicht trauen, als ich hörte, dass die auch auseinander sind. Diese Scheidungen nehmen in letzter Zeit überhand, und dabei steht doch in der Bibel …«
»Ich weiß besser als Sie, was in der Bibel steht«, fiel ihr Stolzenburg gereizt ins Wort.
Die umständliche Art, in der Frau Reuter zu erzählen pflegte, strapazierte seine Geduld über Gebühr. Allerdings konnte man sowieso nicht behaupten, Stolzenburg habe viel Geduld. Als geborener Choleriker ging er leicht in die Luft.
»Die kleine Althoff ist jetzt zu ihm gezogen. Am helllichten Tage, stellen Sie sich das nur vor! Mit ihren eigenen Händen hat sie ihr Bettzeug in sein Haus getragen!«
»Tja …« Der Pastor zuckte mit den Schultern.
»Ist das alles, was Ihnen dazu einfällt?«, erkundigte sich Wanda aufgebracht.
»Was kann ich dagegen tun?«, antwortete Stolzenburg mit einer Gegenfrage.
»Mal von der Kanzel runter sagen, was sich gehört!«
»Die, die es angeht, kommen gar nicht zu mir in die Kirche. Und wer da zu meinen Füßen sitzt …«
Im letzten Moment fiel dem Mann ein, dass es unklug gewesen wäre, die Kirchenbesucher zu schmähen. Dabei hätte er bei vielen Grund genug gehabt. Scheinheilige Heuchler waren es teilweise, die sonntags mit frommer Miene in die Kirche gingen und wochentags vergessen hatten, dass Jesus Christus ihnen Gebote gegeben hatte. Allerdings gab es auch andere, echte Christen, die sich noch an Gottes Wort hielten. Nur waren die leider in der Minderzahl.
»Wozu sind Sie denn Pastor, wenn Sie zu allem schweigen?«, fuhr Wanda unbeirrt fort. Sie übersah die Sturmzeichen im Gesicht ihres Chefs. »Sie müssen dafür sorgen, dass hier bei uns wieder Anstand und Sitte einkehren. Und zwar bei allen!«
»Redlichkeit gedeiht in jedem Stande.«
»Schiller, Wilhelm Tell«, ergänzte Wanda und nickte. »Aber genauso ist es doch. Oder so sollte es jedenfalls sein. Also wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde mal zu dem Wittkopp gehen und ihm gründlich den Kopf waschen. Meinen Sie, der würde sich um sein Kind kümmern? Der denkt gar nicht daran. Und die arme Maike sitzt zu Hause und weint sich die Augen aus. Recht muss doch Recht bleiben.«
»Psalm 94,15«, murmelte Stolzenburg.
»Recht und Unrecht beißen einander in den Schwanz. Deutsches Sprichwort!«
»Sie mit Ihren Sprichwörtern«, knurrte der geplagte Seelsorger.
»Es gibt kein Sprichwort, das nicht wahr ist. Spanisches Sprichwort«, ergänzte Wanda. »Es ist etwas Weises in jedem Sprichwort. Das ist arabisch!«
»Ich habe jetzt die Nase voll von Ihren Sprichwörtern. Räumen Sie lieber den Tisch ab!«
»Bin ja schon dabei.« Gekränkt belud die dicke Wanda das Tablett. »Sie hören die Wahrheit nicht gern!«
»Kinder und Narren reden die Wahrheit. Stand das nicht auch auf dem verdammten Kalender, den Sie offenbar auswendig gelernt haben?«
»Davon konnte man viel lernen!«
»Wer zu viel lernen will, der lernt nichts.«
»Das stand auch auf einem Kalenderblatt. Haben Sie zufällig denselben Kalender gehabt, Herr Pastor? Also, ich finde, es geht nichts über diese alten Volksweisheiten. Da steckt doch mehr als nur ein Körnchen Wahrheit drin. Und was den Wittkopp angeht … also ich will mich ja nicht in Ihre Angelegenheiten einmischen, aber da sollten Sie wirklich mal was unternehmen. So einer gibt ein schlechtes Beispiel!«
»Böse Beispiele verderben gute Sitten. Erster Korinther. Und jetzt machen Sie, dass Sie in die Küche kommen, Frau Reuter. Ich muss an meiner Sonntagspredigt arbeiten!«
»Themen dafür haben Sie ja genug. Sie brauchen bloß die Augen offen zu halten, dann sehen Sie überall, wo es hier bei uns fehlt.«
»Wo es hier fehlt, weiß ich auch so: an Ruhe. Diese Althoff …«
»Die ist neu hier. Sie ist mit ihren Eltern erst vor fünfzehn Jahren oder so zugezogen. Sie wohnte im Neubauviertel, Sie wissen schon … Die armen Eltern. Sind ausgesprochen nette Leute, und dann haben sie eine Tochter, die … Also, ich versteh die Welt nicht mehr. Am helllichten Tag trägt sie ihre Sachen zu ihm ins Haus, ohne sich zu schämen. Dass sie anderen überhaupt noch in die Augen schauen mag! Ich brächte das nicht fertig!«
Stolzenburg tat das, was er schon vor fünf Minuten hätte tun sollen, er stand auf und ging in sein Arbeitszimmer. Die Tür zog er mit einem Knall hinter sich zu. Im Grunde genommen hatte Frau Reuter natürlich recht. Die Moral ließ in neuerer Zeit sehr zu wünschen übrig. Aber schließlich nicht nur in Altenhagen, überall war dieser Sittenverfall zu beobachten. Kann ich als Einzelner etwas dagegen tun?, fragte er sich. Überhaupt nichts, lautete die deprimierende Antwort. Seine Predigten gingen bei den Menschen zu einem Ohr hinein, zum anderen wieder hinaus. Verschwendeter Atem. Als er an seinem Schreibtisch saß, versuchte er, sich an Wittkopp zu erinnern.
Ein Mann Anfang oder Mitte dreißig, recht gut aussehend … Er hatte ihn sogar konfirmiert, aber seitdem nur gelegentlich auf der Straße wiedergesehen. Allerdings war Sören Wittkopp damit keine Ausnahme.
Der Pastor stand auf und ging unruhig auf und ab. Die Scheidung der Wittkopps hatte seinerzeit für viel Gesprächsstoff gesorgt. Und die Sympathien waren allgemein auf der Seite der jungen Frau gewesen.
Warum hatten die beiden sich getrennt? Stolzenburg konnte sich nicht mehr erinnern, obwohl er sicher war, dass Frau Reuter es ihm damals erzählt hatte. Sie wusste ja alles über andere und war dicke dran mit Frau Roloff und der ebenso neugierigen Gerlinde Semmelweiß. Was die nicht wussten, gab es einfach nicht. Und durch Wanda erfuhr natürlich auch der Pastor stets postwendend alle Neuigkeiten.
Soll ich wirklich über den Verfall der Sitten predigen?, überlegte Stolzenburg. Viel Neues fiel ihm dazu nicht ein. Die fehlende Moral war nämlich schon häufig genug Thema seiner Sonntagspredigten gewesen.
Er ging in den Garten und stellte sich vor seiner Voliere auf. Die Vögel ließen sich durch ihn nicht stören, sie zwitscherten unbekümmert um den Sittenverfall um sie herum.
Ihr habt es gut, sinnierte Leberecht. Ihr braucht keine Sonntagspredigt zu halten.
***
»Guten Tag«, wünschte Grete Roloff und öffnete ungeniert die Gartentür. »Schönes Wetter heute. Bin gespannt, wie lange es anhalten wird. Wir könnten allmählich direkt ein bisschen Regen gebrauchen. Die Erde ist staubtrocken. Aber wem sage ich das.«
Unbeirrt ging sie auf Maike Wittkopp zu, die gerade dabei war, den Boden um die Rosen herum zu hacken. Maike hatte nur ihren Kopf gehoben, um den Gruß der hageren, spitznasigen Frau zu erwidern. Ihre Miene lud nicht gerade dazu ein, ein Gespräch mit ihr zu beginnen.
Allerdings ließ eine Grete Roloff sich davon nicht abhalten. Sie blieb einen Meter von der jungen Frau entfernt stehen. »Sie sehen gar nicht gut aus, Maike. Sie sollten mal zum Doktor gehen und sich gründlich untersuchen lassen. Je früher man eine Krankheit behandelt, desto besser ist es. Oder macht Ihnen die Sache mit Ihrem geschiedenen Mann Kummer? Der hat sich ja schon bald getröstet. Aber so sind die Männer, aus den Augen, aus dem Sinn. Ob er schon lange was mit der kleinen Althoff hatte? War sie womöglich der Scheidungsgrund? Dann müssen die damals sehr aufgepasst haben. Ich hab tatsächlich nie gehört, dass die beiden was miteinander hatten. Sie wissen das wahrscheinlich besser. Mir war die kleine Althoff schon immer ein bisschen verdächtig. Freundlich ins Gesicht hinein, aber wenn man dahinter schaut … Bin gespannt, ob er sie heiraten wird. Was meinen Sie? Hat er mal mit Ihnen darüber gesprochen? Oder stehen Sie gar nicht mehr mit ihm in Verbindung? Ich finde es eigentlich allerhand, dass er hier in Altenhagen wohnt, nach allem, was er Ihnen angetan hat. Aber er weiß wohl gar nicht, was Schamgefühl ist.«
Abwartend sah die magere Frau auf Maike Wittkopp. Jetzt musste die sich doch äußern, wenigstens auf ihren geschiedenen Mann schimpfen. Aber den Gefallen tat Maike ihr nicht. Sie hatte ihre Arbeit keine Sekunde unterbrochen.
»Über das reden Sie nicht gern«, äußerte Frau Roloff mit geheucheltem Verständnis. »Kann ich Ihnen nachfühlen. Aber Sie haben doch keinen Grund sich zu genieren. Wenn jemand sich schämen muss, dann er. Was sagt Ihr Junge denn dazu? Muss ja ein komisches Gefühl für ihn sein, wenn er seinen Vater mit einer anderen Frau zusammen sieht.«
Maike hackte heftiger weiter. Sie wollte jetzt ihre Ruhe haben und auf gar keinen Fall mit der alten Klatschbase über ihre persönlichen Probleme sprechen. Schließlich kannte sie Grete Roloffs Ruf.
»Bei einer Scheidung trifft es die Kinder ja immer am härtesten. Er hat ja wohl sehr an seinem Vater gehangen. Muss ein ziemlicher Schlag für ihn gewesen sein, als der plötzlich abhaute. Seitdem … Also, wenn ich ihn mal so sehe, bricht es mir immer schier das Herz, so blass und dünn ist er.«
»Ich muss das Essen aufsetzen«, warf Maike der Klatschbase hin. Sie hastete ins Haus, ohne sich von Grete Roloff zu verabschieden. Sören hatte also eine andere Frau.
Warum trifft mich das?, fragte sie sich. Es war doch vorauszusehen. Immerhin hatte er fast ein Jahr allein in dem gemieteten Haus gelebt. Und jetzt … die kleine Althoff ist jünger als ich, überlegte Maike.
Wenn sie sich vorstellte, dass die jetzt ihre Stelle einnahm, dann spürte sie einen ziehenden Schmerz in der Herzgegend. Ihr wurde buchstäblich schwarz vor Augen. Sie ließ sich schnell auf einem Küchenstuhl fallen und hielt sich mit beiden Händen an der Tischkante fest.
Erst Minuten später fühlte sie sich wieder etwas besser. Ich müsste tatsächlich mal zu einem Arzt gehen, dachte sie. Aber ob der mir helfen kann? Was ihr fehlte, war die innere Ruhe, und die gab es nicht auf Rezept. Sie hing noch immer an Sören. Obwohl sie ihn oft genug schlecht behandelt hatte.
Habe ich tatsächlich die Schuld, dass alles so gekommen ist?, fragte sie sich. Sie war rasend eifersüchtig, hatte Sören belauert, ihn mit Vorwürfen überhäuft, wenn er einmal später als erwartet nach Hause gekommen war, und wenn er auf den dörflichen Festen mit einer anderen Frau gesprochen oder gar getanzt hatte …
Blicklos starrte Maike vor sich hin. Sie würde es nie verwinden, dass Sören sie verlassen hatte. »Ich halte es mit dir nicht mehr aus«, hatte er damals gequält gesagt. »Mit dir kann kein Mann zusammenleben.«
Ich muss mich um das Essen kümmern, fiel Maike ein. In einer Stunde kam Sascha aus der Schule. Es stimmte, was die Roloff behauptet hatte, Sascha litt genauso unter der Scheidung wie sie. Und jetzt hasste er seinen früher geliebten Vater. Er hasste ihn, weil er ihn enttäuscht hatte. Der Junge fühlte sich verraten und im Stich gelassen.
Maike holte die Kartoffeln und nahm das Messer aus der Schublade. Sören und Birgit, Birgit und Sören … Ob die nicht eifersüchtig war? Aber man durfte doch keinem Mann trauen. Als Frau musste man aufpassen, immer auf der Hut sein, sonst wurde man nach Strich und Faden betrogen.
Ich brauche mich doch nur umzuschauen, dann sehe ich, wie es um die Ehen hier steht, überlegte Maike. Sie hatte recht gehabt, Sören Vorwürfe zu machen. Jetzt hatte er es ihr bewiesen. Eine andere Frau wohnte mit ihm zusammen.
