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Paul Gerhardt - seine Lieder sind seit über drei Jahrhunderten fester Bestandteil sämtlicher Gesangbücher. Auch heute noch haben seine kraftvollen Texte voller Gottvertrauen nichts von ihrer Wirkung verloren und schenken unzähligen Menschen Trost und Ermutigung. Was war das für ein Mann, der die längste Zeit seines Lebens unter den Folgen des 30jährigen Krieges gelitten hat? Anschaulich und detailgetreu recherchiert erzählt diese Biografie die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mannes und zeigt den Liederdichter als Menschen, der Schwächen und Ängste kannte, aber sich dennoch immer vertrauensvoll der Führung Gottes überließ.
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Seitenzahl: 207
Veröffentlichungsjahr: 2026
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ERIKA GEIGER (Jahrgang 1937) studierte klassische Philologie und Germanistik und hatte einen Lehrauftrag für Neutestamentliches Griechisch an der Fachhochschule für Religionspädagogik in München. Sie schrieb mehrere Biografien und wurde 2002 mit dem Argula–von–Grumbach–Preis der Ev.–Luth. Kirche in Bayern ausgezeichnet.
Ein Leben zwischen Leid und Lobgesang
Die Lieder von Paul Gerhardt gehören seit Jahrhunderten zu den beliebtesten geistlichen Gesängen im deutschen Sprachraum. Doch wer war der Mann hinter den zeitlosen Worten von Trost, Hoffnung und Gottvertrauen? Diese einfühlsame Biografie zeichnet das Leben eines Predigers nach, der die längste Zeit seines Lebens unter den Folgen des Dreißigjährigen Krieges gelitten hat, vier seiner fünf Kinder und seine Ehefrau begraben musste, immer wieder Ärger mit seinen Dienstherren bekam und dennoch unerschütterlich an Gottes Güte festhielt.
Anschaulich und detailgetreu recherchiert, erzählt Erika Geiger die Lebensgeschichte dieses außergewöhnlichen Mannes. Sie zeigt den Liederdichter als Menschen, der Schwächen und Ängste kannte, aber sich dennoch immer vertrauensvoll der Führung Gottes überließ und seinen Glauben in Liedern zum Klingen brachte.
Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.
ISBN 978-3-7751-7681-1 (E-Book)
ISBN 978-3-7751-6303-3 (lieferbare Buchausgabe)
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
haenssler.de
Die Bibelverse sind folgender Übersetzung entnommen:
Die Bibel nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers,
© Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft, Altenburg, 1965
Umschlaggestaltung: Jan Henkel, www.janhenkel.com
Titelbild: picture-alliance / akg-images
Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach
Über die Autorin
Über das Buch
Vorwort
1. Gräfenhainichen: Heimat und Herkunft
Schule und Kantorei
»Confessio Augustana« und Konkordienformel
Streit um den Exorzismus
Regierungswechsel
Der Schuss im Wald
Tod der Eltern
2. Die Fürstenschule in Grimma
Geschichte der Fürstenschulen
Tagesablauf
Christian Gerhardt
Lehrstoff und Unterricht
Die Pest in Grimma
3. Studium der Theologie in Wittenberg
Theologiestudium
Student und Hauslehrer
Der Dreißigjährige Krieg
Die Schweden in Gräfenhainichen
Die Dichtung des Barock
4. Erster Aufenthalt in Berlin
Hochzeitsgedicht
Berlin im Jahr 1643
Ein neuer Kurfürst
»Praxis Pietatis Melica«
Johann Crüger
5. Propst in Mittenwalde
Ein Brief nach Mittenwalde
Diakon Christian Alborn
Die Stadt Mittenwalde
Hochzeit und Ehestand
Amtsführung
Lieder aus der Mittenwalder Zeit
6. Diakon an St. Nikolai in Berlin
Berufung nach Berlin
Entwicklung der Stadt Berlin
Die Familie
Dichterruhm
7. Streit um den Kirchenfrieden
Vorgeschichte der Edikte von 1662
Das Religionsgespräch
Das Edikt von 1664
8. Zwischen Gewissen und Amt
Reaktionen auf Gerhardts Absetzung
Brief an die Gräfin von Lippe
Wiedereinsetzung ins Amt?
Die »Geistlichen Andachten«
Tod der Ehefrau
9. Archidiakon in Lübben
Berufung nach Lübben
Die Stadt Lübben
Die leidige Wohnungsfrage
Schwierige Verhandlungen
Dienstzeit in Lübben
Tod und Begräbnis
Der Sohn Paul Friedrich
10. Paul Gerhardt in seinen Liedern
»Befiehl du deine Wege«
»O Haupt voll Blut und Wunden«
»Ich steh an deiner Krippen hier«
»Nun ruhen alle Wälder«
»Sommergesang: Geh aus, mein Herz, und suche Freud«
Rückblick
Literaturverzeichnis
Zeittafel zur Biografie Paul Gerhardts
Orts- und Personenregister
Anmerkungen
Paul Gerhardt, Kupferstich von L. Buchhorn nach dem in der Kirche zu Lübben befindlichen Gemälde
© SLUB Dresden/Abt. Deutsche Fotothek, Aufnahme Schulz 1929
»Du, meine Seele, singe« – diese bekannte Liedzeile ist eines der Leitmotive in der Dichtung Paul Gerhardts. Er war erfüllt von der Gewissheit, dass wir Menschen uns gläubig der Führung Gottes anvertrauen dürfen, weil er die Dinge zu unserem Besten lenken wird. Aber nicht nur mit diesem Loblied, sondern auch mit vielen anderen seiner Lieder scheint der Dichter uns aus dem Herzen zu sprechen; er formuliert in einfachen, klaren Worten unsere ureigenen Anliegen, unsere Gebete, Ängste und Hoffnungen, Lob und Dank.
Im Jahr 1607 wurde Paul Gerhardt geboren. Aus den über vier Jahrhunderten, die seither vergangen sind, gibt es Zeugnisse von Menschen, die von Begegnungen mit seinen Liedern erzählen, durch die sie getröstet und gestärkt wurden. Wenige Dichter haben eine so lange Zeit hindurch eine so starke und ununterbrochene Wirkung ausgeübt. Paul Gerhardt hat in der Kirchengeschichte ebenso wie in der deutschen Literaturwissenschaft einen hochgeachteten Platz.
Aber was für ein Mensch war Paul Gerhardt? Wie hat er ausgesehen, wie hat er gelebt, gedacht und gefühlt? Von einem Dichter, der uns innerlich so nahezustehen scheint, möchten wir gerne Genaueres wissen. Doch die Persönlichkeit Paul Gerhardts ist nicht leicht greifbar. Das älteste Porträt von ihm, das lebensgroße Ölgemälde in der Kirche von Lübben im Spreewald, ist wahrscheinlich erst nach seinem Tod entstanden. Es gibt nur wenige Briefe von ihm, und diese haben meist keinen persönlichen, sondern amtlichen Charakter; er hat keine Aufzeichnungen, Tagebücher oder Ähnliches hinterlassen. Paul Gerhardt war nicht darauf bedacht, für seinen Nachruhm zu sorgen. Es fehlt jeder Hinweis darauf, dass ihm seine Bedeutung als genialer Dichter bewusst gewesen ist. Er hat sich als Pfarrer und Seelsorger verstanden; in diesen Bereich gehörten für ihn auch seine Lieder.
Was wir über sein Leben wissen, stammt hauptsächlich aus nüchternen Dokumenten, Kirchenbüchern, Patenverzeichnissen, Schulakten, Konferenzniederschriften, Stadtratsprotokollen usw. Die Paul-Gerhardt-Forschung hat viel herausgefunden; es bleiben jedoch große Lücken, Jahre seines Lebens, über die so gut wie nichts bekannt ist. Aber wir kennen den Hintergrund seiner Lebensdaten (1607-1676), die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und der Nachkriegsjahre, wir kennen die geistigen Ströme und konfessionellen Kämpfe, in die er hineingezogen wurde und die eng mit seinem Leben verbunden sind. In dieser Zeit suchen wir seine Spuren und versuchen uns ein Bild zu machen von dem Menschen und Dichter Paul Gerhardt.
Gräfenhainichen, die Heimat Paul Gerhardts, ist am Anfang des 17. Jahrhunderts ein kleines Landstädtchen mit etwa 1000 Einwohnern, an der Straße von Wittenberg nach Halle gelegen. Die Gegend nördlich der Dübener Heide ist von Wäldern und Buschwerk geprägt und von vielen Bächen durchzogen. Sieben Mühlen beleben die Landschaft. Die Stadt gehört zu Kursachsen, liegt aber nur eine Stunde von der Grenze zum Fürstentum Anhalt entfernt. Sie ist umgeben von einer Stadtmauer, die noch aus dem Mittelalter stammt. Zwei Türme bewachen die Tore, die von Norden und Süden in die Stadt hineinführen. Die Übergänge vom Dorf zur Stadt sind in dieser Zeit noch fließend; auch in der Stadt gibt es »Ackerbürger«, die Landwirtschaft betreiben. Nicht weit von der Marienkirche liegt das Elternhaus Paul Gerhardts an der Hauptstraße. Hier wird der Dichter am 12. März 1607 geboren. Das Geburtsdatum ist von einem glaubwürdigen Zeugen überliefert.1
Der Vater, Christian Gerhardt, gehört zu den angesehenen Bürgern der Stadt. Sein ererbter Besitz umfasst eine Ackerwirtschaft mit Wohnhaus, Scheune, Stall und Brauhaus; das heißt, er betreibt neben dem Ackerbau auch eine Gastwirtschaft. Man darf also annehmen, dass der junge Paul in einem gut situierten Haushalt großgeworden ist.
Die Mutter, Dorothea, stammt aus dem etwa 35 km südlich von Gräfenhainichen gelegenen Eilenburg. Dort findet sich im Trauregister für das Jahr 1605 folgender Eintrag:
»Herr Christian Gerhart vom Gräfenhainichen und Jungfrau Dorotea, eine hinterlassene Tochter des ehrwürdigen, achtbaren, wohlgelahrten Herrn Caspar Starken Superintendenten, haben sich ehlich trauen lassen Sonntags Exaudi den 12. Mai.«2
Dorothea Gerhardt war also die Tochter des Eilenburger Pfarrers und Superintendenten; auch ihr Großvater mütterlicherseits, Magister Gallus Döbler, hatte schon dasselbe Amt in Eilenburg bekleidet. Die Bilder dieser beiden Vorfahren Paul Gerhardts sind bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Porträts anderer Ortspfarrer in der Eilenburger Kirche zu sehen. Unter jedem Bild stehen erläuternde Verse des bekannten Liederdichters Martin Rinckart (1586-1649), der in Eilenburg lebte. Zum Beispiel wird Magister Döbler in Anspielung auf seinen Vornamen »Gallus« – das lateinische Wort für »Hahn« – folgendermaßen charakterisiert:
Herr Gallus war ein Hahn, der weitlich konnte krehen, Daß mancher Sünder mußt’ aus seinem Schlaf aufstehen, Mit Petro gehen aus und weinen bitterlich, Des sieget er nunmehr mit Christo ritterlich.3
Nach der Heirat zieht das Ehepaar Gerhardt nach Gräfenhainichen, wo 1606 der älteste Sohn Christian, ein Jahr später der zweite Sohn Paul geboren wird. Zwei Schwestern, Anna und Agnes, folgen im Abstand von mehreren Jahren.
Paul Gerhardt wächst in diesem Geschwisterkreis auf, in gleicher Weise vertraut mit ländlichem und bürgerlichem Leben. Die Achtung, die man seinem Vater entgegenbringt, zeigt sich darin, dass Christian Gerhardt zu einem der drei Bürgermeister von Gräfenhainichen gewählt wird. Die drei Männer wechseln sich jedes Jahr ab: Einer ist jeweils »regierender« Bürgermeister, die beiden anderen werden als »ruhende« Amtsträger bezeichnet. Übrigens ist einer der drei, Zacharias Meißner, seit 1615 mit einer Schwester von Paul Gerhardts Mutter verheiratet.
Paul Gerhardt besucht die Stadtschule in Gräfenhainichen, wo außer Lesen und Schreiben auch die lateinische Sprache unterrichtet wird. Eine große Rolle spielt die Ausbildung im Gesang durch den Kantor; denn der Chor der Schüler hat bei Gottesdiensten, Trauungen und Begräbnissen eine wichtige Funktion. Er singt die Responsorien bei der Liturgie, ein- und mehrstimmige Hymnen und führt »Figuralmusik« auf, das heißt mehrstimmige Lieder mit Instrumentalbegleitung. Da am Sonntagvormittag und -nachmittag je ein Gottesdienst stattfindet, ebenso an den kirchlichen Festtagen, und es außerdem am Dienstag und Freitag noch Wochengottesdienste gibt, nimmt die musikalische Erziehung der Schüler einen breiten Raum ein. Hier in den Gottesdiensten seiner Heimatstadt macht der junge Paul Gerhardt seine erste Bekanntschaft mit Kirchenlied und Kirchenmusik.
Unterstützt wird der Schülerchor durch die sogenannte »Kantorei«. Fast jede Gemeinde in Kursachsen hat eine solche Einrichtung, wo musikbegeisterte Bürger sich unter Leitung des Kantors im Gesang üben können. Für den Reformator Martin Luther war es ja ein großes Anliegen gewesen, die Laien beim Ablauf des Gottesdienstes zu beteiligen. Die beste Möglichkeit hierfür sah er im Gemeindegesang, im Kirchenlied, das ihm besonders am Herzen lag. Viele Lieder hat er selbst verfasst.
Die Gemeinde beherrscht aber meist nur wenige bekannte Lieder, die immer wieder gesungen werden. Um neue Lieder einzuführen, ist ein starker Chor notwendig, der Text und Melodie vorsingt. Für diese Aufgabe wird der Schülerchor durch die Helfer oder »Adjuvanten« aus der Kantorei unterstützt. Außerdem soll der Chor auch zur Bereicherung des Gottesdienstes mehrstimmigen Kunstgesang darbieten.
Die Kantoreien bilden sehr beliebte Vereine oder Bruderschaften mit eingeschriebenen Mitgliedern und festen Regeln, die sich auch außerhalb der Übungsstunden zu geselligem Beisammensein und gelegentlichem Festschmaus treffen.
Wie schon die große Zahl von gottesdienstlichen Veranstaltungen zeigt, nehmen kirchliche und religiöse Fragen eine beherrschende Stellung im Leben der Zeit ein und stoßen auch in der Bevölkerung auf brennendes Interesse. Paul Gerhardt ist ziemlich genau 60 Jahre nach Luthers Tod (1546) geboren. In diesen sechs Jahrzehnten hatte es innerhalb des Luthertums immer wieder scharfe Auseinandersetzungen gegeben. Es ging zum Beispiel um Philipp Melanchthon, den Freund und Weggefährten Luthers. Er war gegenüber den Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin auf Vermittlung und Ausgleich bedacht. Deshalb schien er manchen lutherischen Theologen in wichtigen Fragen der Lehre vom geraden Pfad des reinen Luthertums abzuweichen. Wegen solcher Streitpunkte schälte sich immer deutlicher die Notwendigkeit heraus, die unverzichtbaren Lehrsätze des lutherischen Bekenntnisses gültig und unangreifbar zu formulieren.
Nun gab es ja bereits die »Confessio Augustana«, das hoch angesehene Augsburger Bekenntnis, das Melanchthon verfasst hatte und das auf dem Augsburger Reichstag 1530 Kaiser Karl V. übergeben wurde. In 28 Artikeln legt die Confessio Augustana die evangelische Lehre und ihre Unterschiede zur katholischen dar. In den folgenden Jahren nahm Melanchthon immer wieder Änderungen an der Confessio Augustana vor, auch in der Abendmahlslehre, sodass das veränderte Augsburger Bekenntnis, die »Confessio Augustana variata«, auch von Calvin anerkannt werden konnte. Die streng lutherischen Theologen allerdings griffen nach Melanchthons Tod (1560) wieder auf das unveränderte Bekenntnis, die »Confessio Augustana invariata« zurück, weil nur darin für sie die reine lutherische Lehre enthalten war.
Um diese Lehre noch ausführlicher und bis ins Einzelne zu formulieren und damit endgültig die Auseinandersetzungen im lutherischen Lager zu beenden, fanden sich führende lutherische Theologen auf Anregung des sächsischen Kurfürsten August 1577 zusammen und verfassten die sogenannte »Konkordienformel« (Einigungsformel). Sie wurde am 25. Juli 1580, dem 50. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses, von Kurfürst August von Sachsen in Dresden feierlich proklamiert.
Worum geht es in dieser Konkordienformel, die im Leben Paul Gerhardts immer wieder eine bedeutsame Rolle spielen wird?
Ihr Untertitel lautet:
»Gründliche, lautere richtige und endliche Wiederholung und Erklärung etlicher Artikel AugsburgischerConfession, in welchen ein Zeither unter etlichen Theologen … Streit vorgefallen …«4
Es geht also um die strittigen Artikel der Confessio Augustana, die als Bekenntnisgrundlage bestehen bleibt. Man will keineswegs ein neues Bekenntnis formulieren.
Bei den einzelnen Artikeln wird in der Konkordienformel jeweils der Streitpunkt entfaltet, dann die lutherische Lehre dargelegt und schließlich die Gegenlehre verdammt. Besonders wichtig ist der 7. Artikel über das Abendmahl Christi, weil es hier um die folgenschwerste Differenz zwischen Lutheranern und Calvinisten geht.
Die Konkordienformel bekräftigt und interpretiert ausführlich die lutherische Lehre, dass im Abendmahl der Leib und das Blut Christi »wahrhaftig und wesentlich gegenwärtig sei, mit Brot und Wein wahrhaftig ausgeteilet und empfangen werde«5. Anschließend wird die »widerwärtige und verdammte Lehre der Sakramentierer«6 verworfen. Darunter fällt zum einen die »papistische Transsubstantiationslehre« der katholischen Kirche. Sie besagt, dass Brot und Wein, wenn der Priester die Einsetzungsworte spricht, ihre Substanz verlieren und »in den Leib und Blut Christi verwandelt« werden. Verworfen und verdammt wird aber auch unter anderem die Lehre Calvins, dass »Brot und Wein mit dem Munde, der Leib Christi aber allein geistlich durch den Glauben empfangen werde«7.
Gegen diese Lehre der Calvinisten polemisiert die Konkordienformel besonders scharf: Sie seien »verschlagne und die allerschädlichste Sakramentierer«8, weil ihre Abendmahlslehre die wahrhaftige Gegenwärtigkeit Christi nur vortäusche, aber nicht wirklich vertrete. Der Streitpunkt zwischen Luther und Calvin ist also die »Realpräsenz« Christi in Brot und Wein. Mit den Worten »geistlich durch den Glauben« kann nach Überzeugung der Lutheraner nicht die wahrhaftige Gegenwärtigkeit des Leibes und Blutes Christi gemeint sein.
Mit dem Abendmahlsartikel der Konkordienformel wurde eine Trennungslinie zwischen Lutheranern und Calvinisten gezogen, wie sie in dieser Schärfe bisher nicht vorhanden gewesen war. Ein gutes und wichtiges Ergebnis der Konkordienformel war sicher, dass sie die Streitigkeiten im Kreis der lutherischen Theologen beilegen konnte; sie bildete von nun an zusammen mit den altkirchlichen Glaubensbekenntnissen, der Confessio Augustana und anderen Schriften, das sogenannte »Konkordienbuch«, die Sammlung der lutherischen Bekenntnisschriften, die 1580 veröffentlicht wurde. Aber die Konkordienformel bedeutete auch den endgültigen Bruch zwischen Lutheranern und Calvinisten; die Kluft zwischen den beiden reformatorischen Konfessionen vertiefte sich immer mehr.
Der Calvinismus hatte sich aber in den letzten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts von Frankreich her auch in Deutschland ausgebreitet. Einige Fürstenhäuser hatten sich diesem Bekenntnis zugewandt und es in ihrem Herrschaftsgebiet eingeführt. Denn im »Augsburger Religionsfrieden« von 1555 war vereinbart worden, dass die Konfession des Landesherrn auch für seine Untertanen bestimmend sein sollte, nach dem Motto: »Cuius regio, eius religio« (»Wem das Land gehört, der bestimmt das Bekenntnis«).
Zuerst hatte die Pfalz das reformierte Bekenntnis Calvins angenommen, dann Nassau und Hessen, schließlich auch das Fürstentum Anhalt, das an der Grenze zu Kursachsen liegt. Hier in Sachsen allerdings, im Ursprungsland von Luthers Reformation, hielt Kurfürst August unbeirrt am lutherischen Bekenntnis fest.
Nach dem Tod des Kurfürsten 1586 kam sein Sohn Christian I. an die Regierung, der sich mehr um gutes Essen und Trinken als um Bekenntnisangelegenheiten kümmerte. Diese überließ er seinem Kanzler Nikolaus Krell, einem klugen und gebildeten Mann, der dem Calvinismus positiv gegenüberstand und den Kurfürsten allmählich auf seine Seite zog.
Gegen diese Entwicklung erhob sich in der Bevölkerung leidenschaftlicher Widerspruch. Vor allem empörten sich die Geistlichen, an ihrer Spitze der Dresdner Hofprediger Martin Mirus, der sich mit dem verstorbenen Kurfürsten für das Konkordienwerk eingesetzt hatte. In seinen Predigten richtete er zornige Angriffe gegen Krell. Daraufhin wurde er in Haft genommen, mehrere Wochen auf der Festung Königstein gefangen gehalten und dann aus dem Land gewiesen.
Der Kanzler und seine Anhänger versuchten nun, gegen das lutherische Bekenntnis vorzugehen. Einen Angriffspunkt bot der »Exorzismus«, die Teufelsaustreibung bei der Taufe. 1591 wurde vonseiten der Regierung den Geistlichen verboten, diese Formel zu sprechen, die Luther in seinem »Taufbüchlein« aus der katholischen Taufliturgie übernommen hatte. Bei der Kindertaufe, so steht dort zu lesen, soll der Täufling »durch seine Paten dem Teufel absagen«. Der Pfarrer stellt die Fragen: »Entsagest du dem Teufel? Und allen seinen Werken? Und allem seinem Wesen?« Darauf haben die Paten jeweils mit »Ja« zu antworten.9
In der reformierten Kirche Calvins war diese Formel als »Restbestand aus der römisch-katholischen Ära«10 verworfen worden und sollte nun auch in Kursachsen abgeschafft werden. Aber der uralte eindrückliche Brauch der Teufelsaustreibung war im Gedankengut des Volkes tief verwurzelt. Deshalb gab es wütenden Widerstand gegen das Verbot des Exorzismus. Ein Fleischermeister erschien in Dresden bei der Taufe seines Kindes mit dem Beil in der Kirche, um zu erzwingen, »dass sein Kind ›richtig‹ und nicht ohne den ›Fahraus‹ getauft würde«.11 Die Geistlichen standen oft auf der Seite des Volkes und weigerten sich, die Exorzismusformel bei der Taufe wegzulassen. Wer aber dem kurfürstlichen Befehl nicht gehorchte, wurde aus dem Amt vertrieben.
Auch Paul Gerhardts Großvater, Magister Caspar Starke in Eilenburg, war unter den Widerständlern und musste sein Amt und die Stadt verlassen. Draußen vor den Toren Eilenburgs hielt er die Abschiedspredigt für seine Gemeinde, die sich in großer Zahl versammelt hatte, und ging ins Exil.
Ob diese eindrückliche Geschichte von der Bekenntnistreue des Großvaters und seiner Standhaftigkeit gegenüber der weltlichen Regierung das Gemüt des heranwachsenden Paul beschäftigt hat? Sicher hat die Mutter oft von diesen Ereignissen, die sie miterlebt hat, erzählt, und sie haben in der Familie eine große Rolle gespielt. Viele Jahre später wird Paul Gerhardt sich daran erinnern, wenn er selbst vor ähnlich schweren Entscheidungen stehen wird.
Unter dem Bild Caspar Starkes in der Eilenburger Kirche steht ein Gedicht von Martin Rinckart, in dem er die Glaubenskraft des Pfarrers rühmt und zugleich daran erinnert, dass dieser bei einer Überschwemmung den Wasserstand markiert hat:
Herr Starke war im Geist und Glauben stark und mächtig, Als hier Calvinus wollt’ einschleichen stolz und prächtig: Das war die Wasserflut, die seiner Zeit fiel ein, Zu dero Denkmal er gesetzet diesen Stein.12
Die Verbannung der lutherischen Pastoren dauerte allerdings nicht lange. Noch im Herbst 1591 starb Kurfürst Christian I. ganz plötzlich. Für seinen kleinen Sohn Christian II. übernahm ein Vormund die Regierung, der auf der Seite der Lutheraner stand. Schlagartig wendete sich das Blatt in Kursachsen: Die vertriebenen Pfarrer kehrten nach nur drei Monaten Abwesenheit wieder in ihre Ämter zurück. Gegen die Calvinisten aber ging die neue Regierung mit größter Härte vor. Kanzler Krell und seine Anhänger wurden ihrerseits auf der Festung Königstein inhaftiert. 10 Jahre später, als Christian II. mündig gesprochen wurde – er war wie sein Vormund ein eifriger Verfechter des Luthertums –, wurde Krell zum Tode verurteilt und auf dem Marktplatz in Dresden enthauptet.
Um dem calvinistischen Einfluss ein für alle Mal einen Riegel vorzuschieben, erklärte der neue Kurfürst das Konkordienbuch zur verpflichtenden Richtschnur in Kursachsen. Alle Staatsdiener mussten es unterschreiben; die Geistlichen, Universitätsprofessoren und auch die Schullehrer wurden noch besonders ermahnt,
»dass sie solches Buch ihnen wollen befohlen sein lassen, dasselbe mit Fleiß lesen, ihre Examina darauf richten, niemanden, der solches nicht approbiret (gebilligt), unterschrieben und seine Pflicht darauf geleistet, zu Dienst befördern und mit Ernst darüber halten, damit in Unserm Kurfürstentum und Land, Kirchen und Schulen nichts öffentlich dawider gelehret, noch auch heimlich eingeschleichet werde, so lieb einem jeden Gottes Hulde, Unsre Gnade und seiner Seelen Seligkeit ist«13.
Alle diese Maßnahmen sollten das Luthertum in Sachsen stärken, vertieften aber zugleich die Feindseligkeit zwischen Lutheranern und Reformierten, damit auch zwischen den Ländern Kursachsen und Anhalt. Dort saßen die aus Sachsen geflohenen Angehörigen und Anhänger des hingerichteten Kanzlers, eine bedrohliche Nachbarschaft für die Sachsen, da man sich gegenseitig nur das Schlimmste zutraute.
Wie misstrauisch und aufgeheizt die Stimmung war, zeigt eine Geschichte, die sich 1603, also einige Jahre vor Paul Gerhardts Geburt, in der Nähe von Gräfenhainichen zutrug.
Die Wälder um Gräfenhainichen waren ein bevorzugtes Jagdgebiet des Kurfürsten. Im April 1603 übernachtete er mit seiner Jagdgesellschaft in der Stadt, um vor Tagesanbruch zur Auerhahnjagd aufzubrechen, wobei Reiter mit Fackeln den Weg beleuchteten. Plötzlich ertönte in nächster Nähe im Wald ein Schuss. Sofort nahmen die Reiter die Verfolgung auf, konnten aber den Schützen nicht finden. Der erschrockene Kurfürst, der einen Anschlag auf sein Leben vermutete, kehrte nach Gräfenhainichen zurück und schickte von dort aus Leute in die Wälder, die nach dem Attentäter suchen sollten. Tatsächlich wurde am nächsten Tag ein Landstreicher ergriffen, der den Schuss zwar gestand, aber beteuerte, er habe damit nur seiner Gefährtin anzeigen wollen, wo er zu finden sei. Der Kurfürst und die Untersuchungsbeamten glaubten ihm kein Wort. Vielmehr waren alle überzeugt, der Mann sei aus Anhalt gekommen, bestochen »von etlichen unruhigen und blutdürstigen Calvinisten, welche die Rechnung gemacht, wenn der fromme Kurfürst aus dem Weg geräumt, könnten sie sich wieder einnisten«. Vielleicht hätten sie sich auch für den Tod von Nikolaus Krell am Kurfürsten rächen wollen.
Der Gefangene wurde der Folter unterzogen und gab alles zu, was man ihm in den Mund legte: Von den Verwandten Krells und anderen hochmögenden Personen sei ihm viel Geld versprochen worden, wenn er den Kurfürsten erschießen würde. Das unter der Folter erpresste Geständnis genügte für ein Todesurteil. Im Januar 1605 wurde der Landstreicher »wegen seines begangenen und bekannten Schusses und dadurch fürgehabten abscheulichen Mordtat … lebendig in 4 Stücke zerhauen und also vom Leben zum Tode gestraft …«14.
In dem stillen Gräfenhainichen sorgten diese schrecklichen Begebenheiten natürlich für größte Aufregung. Auch während der ersten Lebensjahre Paul Gerhardts erzählt man sich immer noch mit Grausen davon. Die konfessionellen Spannungen und das tiefe Misstrauen gegenüber den Calvinisten bilden den Hintergrund seiner Kindheit.
Leider ist dem Hause Gerhardt in Gräfenhainichen kein langes Familienglück beschieden. Der Vater stirbt 1619, als Paul Gerhardt gerade 12 Jahre alt ist. Zwei Jahre später wird den vier Kindern auch die Mutter durch den Tod entrissen. Was soll aus den verwaisten Geschwistern werden?
Der ältere Bruder Christian ist schon 1620 auf die Fürstenschule nach Grimma geschickt worden; offensichtlich war den Eltern eine gute Schulbildung für ihre Söhne wichtig. Paul folgt dem Bruder ein Jahr nach dem Tod der Mutter. Die neunjährige Anna wird von Verwandten in Thüringen aufgenommen, die jüngste Schwester Agnes bleibt in Gräfenhainichen, wo ja noch eine Schwester ihrer Mutter, die Frau des Bürgermeisters Meißner, lebt. Die Wirtschaft der Eltern wird weitergeführt; von den Erträgen kann das Kostgeld für die Brüder in Grimma bestritten werden.
So lernt Paul Gerhardt schon in sehr jungen Jahren Krankheit und Tod, den Schmerz der Trennung von Eltern und Geschwistern kennen, von allem, was ihm lieb und vertraut ist. Auch von der Heimat muss er endgültigen Abschied nehmen, denn es gibt in dieser Zeit keine regelmäßigen Schulferien mit Heimfahrten für die Zöglinge der Internate. Ein völlig neuer Lebensabschnitt beginnt für den Fünfzehnjährigen mit dem Eintritt in die Fürstenschule zu Grimma am 4. April 1622.
Mit großen Augen und ehrfürchtigem Staunen betrachtet Paul Gerhardt seine neue Wohn- und Arbeitsstätte, die Fürstenschule in Grimma, einer kleinen Stadt, die 30 km südöstlich von Leipzig am Fluss Mulde liegt. Die Schule ist in einem ehemaligen Augustinerkloster untergebracht, das nach der Reformation von den Mönchen verlassen wurde. Landschaftlich sehr reizvoll gelegen, zieht sich das zweistöckige östliche Langhaus am Ufer der Mulde entlang und ist mit dem westlichen Flügel durch ein Quergebäude verbunden. Zwei Höfe werden so gebildet; den einen schließt im Süden die Klosterkirche ab, nördlich vom zweiten Hof liegt die Ökonomie. Auf diese Weise bilden die Klostergebäude eine abgeschlossene Welt für sich.
Das ist ganz im Sinne der Schulordnung, die den Schülern das Verlassen des Klostergeländes und den Kontakt mit der Bevölkerung der kleinen Stadt Grimma ausdrücklich untersagt.
Für sechs Jahre werden diese ehrwürdigen Mauern Heimat und Aufenthaltsort Paul Gerhardts sein. Die einzige Verbindung zu seinem früheren Leben ist der ältere Bruder, den er hier wieder trifft; aber dieser besucht eine höhere Klasse, und bei der genauen Tageseinteilung in der Schule haben die Brüder nicht viel Gelegenheit, einander zu sehen.
Paul Gerhardt trägt wie seine Mitschüler die vorgeschriebene sogenannte »Schalaune«, ein kuttenähnliches Gewand, in dem die Schüler wie kleine Mönche aussehen. Klösterlich ist auch ihr Leben. Sie wohnen in den ehemaligen Mönchszellen im Obergeschoss des östlichen Flügels, die nicht heizbar sind. Je drei Schüler, eingeteilt in »Ober-, Mittel- und Untergeselle«, bewohnen zwei dieser kleinen Räume. Diese müssen sie selbst sauber halten, ebenso täglich ihre Schuhe putzen und ihre Betten machen. Im Erdgeschoss liegen die drei Schulzimmer und der Speisesaal. Nur diese Räume können im Winter beheizt werden.
Grimma war die letzte der drei Fürstenschulen, die Herzog Moritz von Sachsen-Meißen, der spätere Kurfürst, nach der Reformation gegründet hatte. 1543 war in Pforta bei Naumburg und in Meißen eine Schule eingerichtet worden, 1550 folgte Grimma. Der Sinn dieser Fürstenschulen war nach der Sächsischen Kirchenordnung von 1580, dass die Jugend darin
»zu Gottes Ehre und im Gehorsam erzogen, in den Sprachen und Künsten, und denn fürnehmlich in der heiligen Schrift, gelehret und unterweiset werde, auf dass es mit der Zeit an Kirchendienern und anderen gelehrten Leuten in unseren Landen nicht Mangel gewinne usw.«15.
