Durst ist schlimmer als Heimweh - Lucy Fricke - E-Book

Durst ist schlimmer als Heimweh E-Book

Lucy Fricke

0,0
10,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

»Große Literatur zum Anschnallen.« WDR Judith wird sechzehn und haut von zu Hause ab. Dort gibt es nur Missbrauch, Wut und Schmerzen, und davon hatte sie schon genug. Ausgerechnet sie, der alles mit »Gruppe« im Namen vorkommt wie eine ansteckende Krankheit, landet in einer Wohngruppe. Ohne Drogen, ohne Waffen, dafür an jeder Ecke etwas, das sie Hilfe nennen. Als Hoffnungslose unter Hoffnungslosen taumelt Judith durch Therapien, Aushilfsjobs und die erste Verliebtheit. Sensibel, drastisch und mit lakonischem Witz erzählt die Bestsellerautorin Lucy Fricke in ihrem Debütroman von Verlustschmerz und Aufruhr beim Abschied von einer desaströsen Jugend. »Lucy Fricke hat aus den denkbar schlechtesten Voraussetzungen für ein amüsantes Buch etwas seltsam Wohltuendes gemacht: Ein düsteres Panorama der Hoffnung wider Wissen.« Die Welt

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Durst ist schlimmer als Heimweh

LUCY FRICKE wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman Töchter erhielt 2018 den Bayerischen Buchpreis, wurde in acht Sprachen übersetzt und fürs Kino verfi lmt. Bei den Ullstein Buchverlagen erscheinen der Bestseller Die Diplomatin, ihr neuer Roman Das Fest sowie die früheren Romane in Neuauflage.

Judith wird sechzehn und haut von zu Hause ab. Dort gibt es nur Missbrauch, Wut und Schmerzen, und davon hatt e sie schon genug. Ausgerechnet sie, der alles mit Gruppe im Namen vorkommt wie eine ansteckende Krankheit, landet in einer Wohngruppe. Ohne Drogen, ohne Waff en, dafür an jeder Ecke etwas, das sie Hilfe nennen. Als Hoff nungslose unter Hoff nungslosen taumelt Judith durch Th erapien, Aushilfsjobs und die erste Verliebtheit. Sensibel, drastisch und mit lakonischem Witz erzählt die Bestsellerautorin Lucy Fricke in ihrem Debütroman von Verlustschmerz und Aufruhr beim Abschied von einer desaströsen Jugend.

Lucy Fricke

Durst ist schlimmer als Heimweh

Roman

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage November 2025© 2007 Lucy Fricke© Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin 2025Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Umschlaggestaltung: Büro Jorge SchmidtTitelabbildung: © Flowo / Freepik / Premium KIFoto der Autorin: © Gerald von ForisE-Book Konvertierung powered by pepyrusISBN 978-3-8437-3684-8

Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.

Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.

Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.

Inhalt

Titelei

Das Buch

Titelseite

Impressum

Erster Teil

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

Zweiter Teil

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

Dritter Teil

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

51

52

53

54

55

56

57

58

59

60

61

62

63

64

65

66

67

68

69

Anhang

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Erster Teil

Erster Teil

1

Das nächste Mal könnte sie Ulysses lesen, zumindest mal damit anfangen. Oder ein Kartenspiel mitbringen; Skat, Doppelkopf, Blackjack. Und die anderen dazu einladen, oder besser noch Quartett, das konnte jeder. Sie würde eine Thermoskanne mit Espresso mitbringen und belegte Brote für alle und eine Zeitung, von der sie dann den Sportteil verleihen würde, sie könnte stricken lernen oder Kalender für Weihnachten basteln, sie könnte Socken stopfen oder sich die Fingernägel lackieren, wenn sie das denn täte, vielleicht könnte sie anderen Frauen die Fingernägel lackieren und bunte Bildchen draufkleben, sie könnte Postkarten mit ihrer neuen Adresse beschreiben, sie könnte Kreuzworträtsel lösen und einen Picknickkorb gewinnen.

Drei Stunden hatte sie gewartet, trotz Termin, trotz gezogener Nummer und vollständiger Unterlagen. Sie hatte sich vier Becher Kaffee aus dem Automaten geholt, und dennoch war es nicht leicht gewesen, wach zu bleiben. Sie saß auf dem Gang, starrte auf den Fußboden, Linoleum, grau meliert, mit braunen Scheuerleisten versehen, und der Mann ihr gegenüber sagte: »Drei Stunden sind noch gar nichts, junges Fräulein.« Dann brüllte jemand ihren Namen über den Flur, und Judith erhob sich, mit dem Ordner unterm Arm.

Er sagte nicht »Guten Tag« oder eine andere mögliche Höflichkeit, er sagte: »Nummer?!« Sie guckte bloß und antwortete: »143«, doch das reichte nicht, er wollte sie sehen, die 143. Judith hatte allerdings die erste halbe Stunde damit verbracht, ihre Wartenummer in ungefähr fünfzig kleinste Teile zu zerreißen, die sie so lange in der feuchten Hand gehalten hatte, bis sie sich zu einer winzigen Kugel formen ließen. Sie hatte sich die Nummer gemerkt, Zeit war schließlich genug gewesen.

Es gab Vorhaltungen, Anweisungen, Ermahnungen, und Judith hatte in ihrem Leben gelernt, wann es das Klügste war, unaufhörlich mit dem Kopf zu nicken und sich zu entschuldigen, als hätte sie beim heimlichen Rauchen aus Versehen das ganze Haus niedergebrannt. Als sie fast schon weinte, zumindest hatte er das denken sollen, ließ er sie endlich eintreten und bot ihr den Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch an, auf den sie sich setzte, die Beine anzog und im Schoß die Hände faltete. Er schloss die Tür, ließ sich mühsam auf seinem Platz nieder und klappte einen Hefter auf, in dem sich ein einzelnes Blatt befand: Stammdaten. Nachdem er mehr als drei Minuten auf die sechs ausgefüllten Felder (Name, Geschlecht, Adresse, Geburtsdatum, Schulbildung, Kontoverbindung) gestarrt hatte, begann er, Fragen zu stellen: in welche Richtung sie gehen wolle (sozial, was mit Menschen), was sie für Hobbys habe (Sport, lesen, Freunde treffen, zwei Drittel davon gelogen), was ihr Lieblingsfach gewesen sei (Religion), ihre besonderen Fähigkeiten (Einfühlungsvermögen), welche Fremdsprachen sie spreche (Englisch und Latein, davon Latein fließend), ob sie gerne mit Menschen zusammen sei (klar), handwerklich geschickt (und wie) und gut im Umgang mit Zahlen (kommt noch). Er blätterte in den Unterlagen, die Judith mitgebracht hatte, beugte sich über seinen Fragebogen, übertrug Nummern, machte Kreuze, zog Linien. Aufgedunsen, dünne Haut, letzte fettige Haare zum Seitenscheitel gekämmt, die Augen verschwanden fast in seinem Gesicht, und am Handgelenk ein Gliederarmband aus Silber, das in einer Speckfalte klemmte; er hatte die Physiognomie eines gekränkten Triebtäters, aber das musste ja nichts heißen.

2

Man hatte sie vorgeladen, vor über drei Monaten. Ein Gespräch unter vier Augen hatte man mit ihr führen wollen, der Brief war per Einschreiben gekommen, sie hatte ihn abgefangen, vor der Mutter versteckt und war hingegangen, hatte den Raum des Direktors betreten, und alle hatten dagesessen, zu Boden geschaut, und ganz still war es plötzlich gewesen. Sie hatte freundlich genickt, die Sekretärin hatte ihr den Stuhl am Tischende zugewiesen, der Direktor ihr gegenüber, dazwischen zehn Köpfe, einen hatte sie nicht einmal gekannt, muss wohl der Sportlehrer sein, hatte sie gedacht. Alle hatten Kaffee getrunken und niemand ihr einen angeboten, das Rascheln von Papieren, Klicken von Kugelschreibern, die herausgedrückten Minen wie anderswo gezückte Messer, Räuspern hier und da und schließlich der Direktor höchstpersönlich. Sie hatte sich nicht erinnern können, ihn jemals außerhalb der Aula reden gehört zu haben, hatte sich gewundert über seine leise Stimme, die von Konsequenzen gesprochen hatte, von Zukunft beziehungsweise keiner Zukunft und ob es ihr denn klar sei, dass sie mit diesen Noten niemals versetzt werden könne. Die Disziplin sei das Problem, darauf hatte er Wert gelegt, »Ihre Disziplinlosigkeit ist beispiellos, Fräulein Sita«, hatte er gesagt und von Anwesenheitspflicht gesprochen und schließlich leise, beinah tonlos, wie ein letztes Ausatmen: »179 Stunden, Fräulein Sita, 179 Stunden in vier Monaten.« Ein fast respektvolles Schweigen hatte sich in dem Raum ausgebreitet, und er hatte nachgesetzt: »Ab sofort müssen wir für jede versäumte Stunde und für jede Verspätung ein ärztliches Attest verlangen. Sollten Sie dieser Auflage nicht nachkommen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Sie der Schule zu verweisen. Was das bedeutet, muss ich Ihnen nicht erklären.« Judith hatte bloß genickt. »Na dann«, hatte er gesagt, war aufgestanden, und die Sekretärin hatte sie mit einem Ausdruck der Genugtuung zur Tür gebracht.

Danach hatte Judith jede Stunde besucht, mit Stift, Block und Büchern in der Tasche, sogar den Sportlehrer hatte sie kennengelernt, hatte sich bei ihm vorgestellt und war sogleich am Reck hängen geblieben, Aufschwung war noch nie ihre Stärke gewesen, er hatte nichts gesagt, bloß Notizen gemacht. Pech gehabt, hatte sie gedacht, sie konnte vieles, weit werfen, schnell laufen, vom Springen gar nicht zu reden, ihre Mutter bewahrte die Ehrenurkunden der Bundesjugendspiele in einem speziellen Ordner auf, und für den zweiten Platz im Crosslaufen hatte sie sogar mal ein Fahrrad bekommen, das war acht Jahre her, aber egal, laufen konnte sie.

3

»Werden Sie Fußpflegerin, Fräulein Sita.« Er grinste und erzählte von Ausbildung, Einsatzmöglichkeiten und Einstiegsgehalt. »Fußpflegerin ist ein guter Beruf«, und Judith überlegte, welchen Teil seines Körpers sie zuerst mit Säure übergießen und wie lange er die Schmerzen aushalten könnte, bevor er bewusstlos würde. Was ist mit den Junkies, Obdachlosen, misshandelten Kindern, vergewaltigten Frauen, politisch Verfolgten, Behinderten, Folteropfern, Wahnsinnigen, Depressiven, dachte sie, denen sind doch die Füße egal. Sie stand wortlos auf, griff ihren Ordner, er gab ihr die feuchte, weiche Hand, und ohne ein Lächeln sagte er: »Aber wenn ich ehrlich bin, Fräulein Sita, Sie taugen für gar keinen Beruf.«

Judith rannte hinaus auf die Straße, rempelte jeden an, der ihr zu nahe kam, und reagierte nicht darauf, dass die Leute in ihrem Rücken fluchten und ihr hinterherbrüllten, weil sie jeden Mülleimer auf ihrem Weg mit aller Kraft aus der Halterung trat. Sie rannte den ganzen Weg nach Hause, stürzte in ihr Zimmer und warf die Tür dreimal hintereinander zu. Ihren Kopf rammte sie so oft gegen die Wand, bis sie Blut an der Tapete sah und der Schwindel einsetzte, sie brüllte ins Kopfkissen und schlug mit der Faust auf die Matratze ein, bis sie die Kraft verlor, und als sie die Schmerzen in ihrem Kopf nicht mehr aushielt, klaute sie aus Hartmuts Zimmer nebenan drei Schlaftabletten.

4

Vor ein paar Wochen noch hatte Judith im Freien nicht schlafen können. Sie hatte es versucht, drei Nächte lang, die Temperaturen waren erträglich gewesen, sogar an den Regen und den klammen Schlafsack hatte sie sich gewöhnt, nur nicht an die Angst. Wach lag sie da, immer bereit, sofort wegzulaufen oder abzudrücken. Die Gaspistole hatte sie aus dem Kleiderschrank der Mutter geklaut, Mütter brauchen keine Gaspistolen, nur Mädchen und alte Frauen brauchen eine, hatte sie gedacht, und außerdem sei das doch ein schönes Geschenk, ein Geschenk fürs Leben, ihre Aussteuer gewissermaßen. Judith hatte immer eine Hand in der Jackentasche und den Finger am Abzug, nur beruhigt hatte sie das nicht. Sie rief Bekannte an. »Nur eine Nacht«, sagte sie, und länger war es meistens auch nicht, man reichte sie durch, von einem zum anderen, manchmal gab es etwas zu essen, manchmal nicht, sie sprach immer weniger, und bald fragte auch niemand mehr.

Ein Mal nur ging sie nach Hause, weil die Tage kälter und ihre Füße in den Turnschuhen steif geworden waren. Zur Sicherheit rief sie vorher an und schlich dann durch das Treppenhaus, lauschte an der Tür, hörte nur Stille und schloss leise auf. Fast fiel sie über die leeren Bierkästen im Flur, und vom Gestank der Selbstgedrehten wurde ihr übel. Zögernd drückte sie die Klinke ihrer Zimmertür hinunter und warf einen vorsichtigen Blick hinein. Der Raum war vollgestellt mit ihr unbekannten Koffern, dazwischen Plastiktüten von Aldi und in der Luft der Geruch von Mechanikerschweiß. Sie öffnete die Tür so weit, bis sie das Bett sehen konnte und darin zwei rotgesichtige Männer in Unterhemden und mit Angst in den Augen. Sie starrte sie an, die Klinke noch immer in der Hand: »Was machen Sie denn hier?« »Wir wohnen hier«, antwortete einer der beiden, als sei es nie anders gewesen. Judith sagte: »Ich such bloß meine Stiefel«, ging dann zum Schrank und fand dort ihre Kleider in blauen Plastiksäcken, aber keine Stiefel, sah die Männer fragend an, doch die hatten von gar nichts eine Ahnung. Sie riss sich zusammen, lächelte eine Entschuldigung und knallte beim Verlassen der Wohnung die Tür so heftig ins Schloss, dass nebenan eine aufging und ein altes Weib heftig den Kopf schüttelte.