10,99 €
Der ungewöhnlichste Roman der Bestsellerautorin von Töchter und Die Diplomatin Frida ist Geräuschemacherin, eine der Besten. Sie kann den Klang von Horror und Kriegsgetümmel imitieren. Alles hätte so weiterlaufen können, das Leben mit Robert in dem Haus vor der Stadt – wäre nicht plötzlich Jonas aufgetaucht, der junge Regisseur eines Films, dessen Tonspur abhandengekommen ist. Frida soll nach Japan, genauer: nach Kyoto reisen, um die verlorene Tonspur zu rekonstruieren. Dort allerdings warten mehr als nur technische Prüfungen auf sie. Die Begegnung mit dem jungen Takeshi bringt Fridas Welt ins Wanken. Und als sich ein schweres Beben ereignet, scheinen sich Ursache und Wirkung, Innen und Außen vollends zu verkehren. »An Fridas Seite wandelt der Leser erst durch ein fremdes Land und dann durch ein ihr fremd gewordenes Leben, wobei sich weder in dem einen noch in dem anderen erahnen lässt, wie es hinter der nächsten Ecke weitergeht. So schön, das muss man sagen, hat man sich lange nicht mehr verlaufen.« FAZ.NET
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Takeshis Haut
LUCY FRICKE wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman Töchter erhielt 2018 den Bayerischen Buchpreis, wurde in acht Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt. Bei den Ullstein Buchverlagen erscheinen der Bestseller Die Diplomatin, ihr neuer Roman Das Fest sowie die früheren Romane in Neuauflage.
Frida ist Geräuschemacherin- und eine der Besten ihres Fachs. Sie kann den Klang von Horror und Kriegsgetümmel imitieren. Nur das Hüftknacken, das ihre eigenen Schritte begleitet, müsste einer rausschneiden, findet sie. Da hört man die Jahre vergehen. Und doch hätte alles so weiterlaufen können, das Leben mit Robert in dem Haus vor der Stadt – wäre nicht plötzlich Jonas aufgetaucht, ein junger Regisseur mit einem apokalyptischen Film, dessen Tonspur abhandengekommen ist. Frida soll nach Japan, genauer: nach Kyoto reisen, um die verlorene Tonspur zu rekonstruieren. Dort allerdings warten mehr als nur technische Prüfungen auf sie. Die Begegnung mit dem jungen Takeshi bringt Fridas Welt ins Wanken. Und als sich ein schweres Beben ereignet, scheinen sich Ursache und Wirkung, Innen und Außen vollends zu verkehren.
Lucy Fricke
Roman
Ullstein
Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de
© 2014, Lucy Fricke
© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2025
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Umschlaggestaltung: Büro Jorge Schmidt
Titelabbildung: © Dimasik Design/Shutterstock
Autorenfoto: © Gerald von Foris
E-Book powered by pepyrus
ISBN 978-3-8437-3585-8
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
Auf einigen Lesegeräten erzeugt das Öffnen dieses E-Books in der aktuellen Formatversion EPUB3 einen Warnhinweis, der auf ein nicht unterstütztes Dateiformat hinweist und vor Darstellungs- und Systemfehlern warnt. Das Öffnen dieses E-Books stellt demgegenüber auf sämtlichen Lesegeräten keine Gefahr dar und ist unbedenklich. Bitte ignorieren Sie etwaige Warnhinweise und wenden sich bei Fragen vertrauensvoll an unseren Verlag! Wir wünschen viel Lesevergnügen.
Hinweis zu UrheberrechtenSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken, deshalb ist die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass sich die Ullstein Buchverlage GmbH die Inhalte Dritter nicht zu eigen macht, für die Inhalte nicht verantwortlich ist und keine Haftung übernimmt.
Das Buch
Titelseite
Impressum
ZU HAUSE
ZATSUON
SOUTEIGAI
VERWERFUNG
HANKYŌ
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
ZU HAUSE
Siebenmal hinauf- und hinunterrollend
und sich achtmal wieder erhebend.
(Japanisches Sprichwort)
Es gab ein Volk, das behauptete, es könne hören, wie die Sonne nachts durch das Meer nach Osten wanderte. Manchmal, kurz vor dem Einschlafen, dachte Frida daran. Wie eine Feuerwalze klang das, die mit brutaler Geduld das Wasser verdrängte, es an den Ufern aufschlagen ließ. Im nächsten Moment war es ein zärtlicher Sog, wie von einem Rochen, der durch die Tiefe schwebte.
Hinter ihren Lidern wurde es rot, blinkte, einmal, zweimal, dann schneller, und erst als das Licht dauerhaft auf sie einschlug, verstand sie, dass draußen jemand Sturm klingelte. Hier drinnen hörte sie nichts, doch die rote Lampe flackerte und versuchte Dringlichkeit zu signalisieren.
Frida verließ die Kabine, sah durch das Fenster drei Leute draußen stehen. Sie schob den Riegel zur Seite. Die Tür war noch nicht einmal ganz offen, da huschte schon ein Typ mit Kamera an ihr vorbei, knipste die Leuchte an und filmte das Studio ab. Ein anderer schlug ihr auf die Schulter, als würden sie sich nach Jahren plötzlich auf einer Party wiedertreffen, wo beide sonst niemanden kannten.
Hab ich mir doch gedacht, dass Sie nichts hören. So ist das immer bei euch Tonfuzzis, sagte er.
Und Frida dachte: Der Mann ist ein Arschloch, du musst ihn sofort rausschmeißen.
Da sagte er lächelnd: Wir sind verabredet. Ich bin Mike.
Die Hand, die er ihr hinhielt, war weich und schwitzig, Alkoholiker wahrscheinlich oder Diabetes, im schlimmsten Fall beides.
KiKA, sagte er, Tigerentenclub. Wir haben telefoniert.
KiKA, wiederholte Frida und konnte sich an nichts erinnern. Es war davon auszugehen, dass der Kerl recht hatte, sonst würde er jetzt nicht mit seinem gesamten Team vor ihrer Tür stehen. Hinter ihm lehnte einer mit dickem Kopfhörer um den Hals und strahlte sie an. Schon bei seinem Anblick war klar, dass er sie später fragen würde, ob er nicht ein Praktikum bei ihr machen könnte. Praktikantengesichter erkannte sie sofort.
KiKA. Gab es auf der Welt noch zwei so unschuldige Silben, hinter denen sich etwas ähnlich Grausames verbarg?
Frida trat einen Schritt zurück und sagte, was sie nicht hatte sagen wollen und auch nicht so meinte: Ja, sicher. Kommt doch rein.
Auf dem Parkplatz öffnete sich die Tür eines Vans, aus dem zwei zwanzigjährige Kinder in Janoschpullis hüpften.
Ich mach uns erst mal einen Kaffee, rief sie zu Mike hinüber und floh in die Küche. Dort stand es im Kalender, 11:00, KiKA. Es musste ein grausiger Tag gewesen sein, als sie dem zugestimmt hatte, ein Tag mit geplatzten Aufträgen, Stromnachzahlung, Streit mit Robert, Assi krank, beim Löten die Finger verbrannt, so ein Tag.
Seit Frida vor Jahren mit SAT.1 über den Flohmarkt gegangen war, hatte sie beschlossen, sich nicht wieder auf Derartiges einzulassen. Damals hatte das Telefon gar nicht mehr aufgehört zu klingeln, immer waren es Mütter gewesen, die sie zu Kindergeburtstagen eingeladen und dabei von Vorführen gesprochen hatten. Da können Sie vielleicht ein bisschen was vorführen, was ordentlich Krach macht, und als sie ihnen sagte, dass das nicht ihre Profession sei und ihre übliche Tagesgage zudem bei 800 Euro liege, beschimpften sie Frida als herzlos und geldgeil.
Aus dem Aufnahmestudio drang grölendes Gelächter. Wahrscheinlich hatten sie die Pupsknete gefunden. Davon besaß Frida zehn Dosen, die waren ihr in den letzten Monaten geschenkt worden, sämtlich von Freunden mit Nachwuchs. Ein beliebtes Produkt aus der Spielwarenabteilung, mit dem sie rein gar nichts anfangen konnte. In deutschen Filmen wurde nicht gepupst, das war vielleicht das letzte Tabu.
Sie dachte darüber nach, sich kochendes Wasser über die Hand zu schütten. Wann immer Frida nicht weiterwusste, wünschte sie sich eine Katastrophe, gebrochene Knochen, brennende Häuser, irgendetwas, das so groß und bitter war, dass ihr ursprüngliches Problem darin einfach untergehen könnte. Die Alternative lautete: zusammenreißen, daran denken, dass sie schon ganz anderes und viel Schlimmeres, dass sie immer noch lebte und das nicht mal schlecht. Die Alternative lautete: Kopf ausschalten, Rücken strecken, weitermachen.
Frida startete ihre Vorführung mit einem Horrorfilm, für den sie sich einiges hatte einfallen lassen. Besondere Freude machte ihr der Messerstich in den Brustkorb, hinein bis ins Herz: Lasagneplatten in ein feuchtes Handtuch gewickelt, die Platten leicht eingeweicht, diese Mischung von Knacken und Saftigkeit, eine Meisterleistung war das. Im Studio lagen immer noch Selleriestangen herum, es waren viele Knochen gebrochen und durchstoßen worden in diesem Film. Frida hatte Körper zersägt und abgetrennte Köpfe im Kühlschrank tropfen lassen. Lange hatte sie nicht so viel Spaß gehabt.
Ein leises Würgen ließ sie aufblicken. Sie war hier beim falschen Kanal. Diese Leute träumten von Hamstern, mit Bindfaden aneinandergebunden, die eine fahrende Kutsche simulierten. Diese Leute waren mit der Vorstellung angereist, Frida mache hier einen drolligen Job. Also stoppte sie den Horror und gab ihnen, was sie erwartet hatten.
Sie wechselte zur Beziehungskomödie, zog sich Damenschuhe an, die diesen Namen verdienten, und stöckelte, synchron zum Bild, durchs Studio. Mit einer leichten Metallscheibe machte sie mächtig Wind, während das Mädchen auf der Promenade auf und ab lief, aus Fridas Kehle drang ein Möwenkreischen, und die Tigerenten klatschten aufgeregt. Es war erstaunlich, wie wenig die Leute hörten, obwohl sie jeden Tag untergingen in Geräuschen. Sie nahmen sie nicht wahr, kannten deren Klang kaum. Wie versonnen sie schauten, wenn Frida ihnen ein Geräusch gab – wenn sie zum ersten Mal den Klang einer Jacke wirklich hörten, das Öffnen einer Handtasche, das Verschließen einer Tür, einen anfahrenden ICE, das Rauchen einer Zigarette, das niemals bloß Rauchen war. Es gab mindestens zwanzig Arten, eine Zigarette zu rauchen, und jede klang anders. Frida konnte Menschen allein daran erkennen. Manche sogen den Rauch ein, als würden sie künstlich beatmet, andere stießen ihn mit einem dünnen Pfeifen aus, und einige rauchten, wie sie atmeten, leise, gleichmäßig, dazu nur das Knistern des Tabaks. Das waren die Verträumten, Verliebten. Die Glücklichen.
Zwei Stunden sprang, stampfte, stöckelte Frida in dem Studio herum, machte Gewitter, Pferderennen und Feuerwerk, verstand die Witze der Moderatoren nicht, hatte auch keinen Praktikumsplatz und brauchte keine Kopie von der Sendung.
Wie die Liebe da rausqualmte. Frida sah das Licht im Haus, betrachtete den Rauch, der aus dem Schornstein stieg, stellte den Motor ab. Alles war ruhig. Die gemauerten Schulden mit zu kleinen Fenstern darin. Das hatte sie beide von Anfang an gestört, die zu kleinen Fenster und die Tür aus Fichte. Das war das Erste gewesen, das sie hatten ändern wollen. Fünf Jahre war das her und die Tür mittlerweile so verzogen, dass man sie nur noch mit einem Knall hinter sich schließen konnte, als würde man das Haus für immer verlassen. Hätte Frida wirklich vor, nie wiederzukommen, müsste sie die Tür offen stehen lassen. Das Fehlen des bekannten Geräusches würde Robert durch die Glieder fahren. Aber sie ging jeden Tag mit einem gequälten Knall, den niemand mehr hörte. Sie kam sogar mit einem Knall zurück. Der hatte etwas Stumpfes an sich: ein müder Körper, der gegen massives Holz fiel und dann die Tür von innen abschloss.
Zu Hause.
Roberts Schürze hing, noch feucht vom Dunst, über dem Küchenstuhl. Sie hörte seine Schritte auf der Treppe.
Du kommst spät, sagte er.
Seit Wochen kam Frida spät, manchmal zu spät, manchmal gar nicht, verbrachte die Nächte gleich im Studio unter Monstern oder schwitzte im schweren Mantel, das Sturmgewehr im Arm, eine ganze Staffel lang.
Robert schenkte ihr Wein ein, den Burgunder aus Baden, von dem sie noch vier Kartons im Keller hatten. Mit diesem Wein macht man auf keinen Fall etwas verkehrt, hatte es geheißen, und das war ja schon mal was. Sie legte den Kopf an Roberts Schulter und sagte: Ich kann heute nicht so lange. Ich muss morgen noch drei Menschen umbringen.
Ich dachte, es wären schon alle tot.
Mir kamen Tigerenten dazwischen. Aber morgen, sagte sie, morgen wird der Rest der Truppe ausgelöscht. Nie wieder mache ich eine Kriegsserie. Das ist körperliche Schwerstarbeit. Erinnere mich bloß daran.
Eigentlich steht dir das ganz gut.
Ich hätte nicht gedacht, dass eine Frau mit einer AK-47 im Arm sogar bei dir funktioniert.
Während der ersten Aufnahmen hatte Frida den Eindruck gehabt, dass der Assistent sie plötzlich lüstern ansah. Andererseits war er ein Junge, der sich eine Pistole auf die Brust hatte tätowieren lassen, da war mit so etwas zu rechnen gewesen. Robert interessierte an Kriegen ausschließlich die Taktik. Als sie ihm letzte Woche einige Szenen vorgespielt hatte, war er am Tisch eingeschlafen.
Sie trank einen Schluck, als plötzlich das Rattern von Scheinen aus einem Geldautomaten durch die Küche schallte. Auf dem Display sah sie eine unbekannte Nummer, ging trotzdem ran und bereute es sofort. Dreimal sagte sie nein, dann legte sie auf.
Neuer Klingelton?, fragte Robert, und Frida erzählte ihm von dem Jungregisseur, der sie seit einer Woche täglich anrief und das sehr wahrscheinlich so lange tun würde, bis sie weich geworden war. Eine Pest, sagte sie. Es war schwierig, diese Jungs loszuwerden. Sie waren besessen und begeistert von sich selbst, und zu oft war Frida darauf reingefallen, in ihrer Jugend persönlich, jetzt bloß noch beruflich, doch das Ergebnis blieb das Gleiche: Sie verschwendete Zeit, Geld und Energie. Von allem besaß Frida derzeit nicht besonders viel, und so sagte sie dem Jungregisseur seit einer Woche: Rufen Sie mich nicht mehr an. Das schien ihm zu gefallen. Allzu oft weckte man Ehrgeiz in den Falschen.
Robert wollte wissen, ob Frida sich den Film wenigstens angesehen habe, und das hatte sie nicht, natürlich nicht. Hatte sie sich den Film erst einmal angesehen, dann brauchte eine Ablehnung Gründe, erklärte sie, inhaltliche Gründe, was besonders enervierend war. Inhaltliche, sogenannte ehrliche Kritik, die dann stundenlang wegdiskutiert werden musste. Als gäbe es tatsächlich gute Gründe für ereignislose Filme mit kargen und abgehangenen, wenn nicht eigentlich verschimmelten Dialogen.
Robert schenkte ihr erneut das Glas voll.
Ist ja gut, sagte er. Komm wieder runter. Der Junge hat seinen ersten Film gemacht. Er gibt dafür alles.
Soll er doch, sagte sie, aber dass diese Typen immer gleich erwarten, dass die ganze Welt alles dafür gibt, das geht mir auf die Nerven. Und natürlich immer für umsonst. Das haben sie nämlich vergessen in ihrer Kalkulation. Die Vertonung, wenn nicht gar die gesamte Postproduktion, ist ihnen so durchgerutscht, oder sie haben dann doch ein bisschen länger gedreht, ist alles ein bisschen teurer geworden, und schon mit dem letzten Drehtag war das Geld alle, und jetzt schnorren sie sich durchs Telefonbuch. Am Ende bist du es, der ihnen den Film ruiniert, die Festivals, den Durchbruch. Eigentlich bist du schuld, dass sie die letzten drei Jahre in den Wind geschossen haben, weil ihr Film niemals fertig wird.
Frida holte Luft.
Scheiße, sagte sie, das muss doch mal aufhören mit dem Low Budget.
Sie schob einen Krümel auf der Tischdecke hin und her, hörte ihn knistern unter ihrem Finger. Eine ihrer neuesten Macken, über die Tischdecke streichen, Kerzenwachs abkratzen, die Oberflächen glätten.
Guck dir den Film an, sagte Robert, vielleicht taugt er was.
Robert war in seinen Einschätzungen, Vermutungen und Instinkten sicherer als sie. Ohne seine Klarheit würde Frida wahrscheinlich immer noch an irgendeinem Empfangstresen sitzen. Wahrscheinlich säße sie ohne Robert sogar an einem ganz anderen Tresen, und das schon vor sieben, wenn das Bier am kältesten war und die Barhocker noch frei. Kurzum: Frida verdankte Robert ihr jetziges Leben. Und ließ ihn das keine Sekunde spüren. Seit Wochen konnte sie nur daran denken, dass ihr Auto ohne TÜV fuhr, sie ein neues Mischpult brauchte und mittlerweile die dritte Produktionsfirma, für die sie gearbeitet hatte, in die Insolvenz gegangen war. An all das dachte Frida auch jetzt, als sie die Tür zum Studio aufschloss und mit dem Fuß die Post zur Seite schob. Unangenehmes Zeug, diese grauen Umschläge. Alles Unangenehme steckte in grauen Umschlägen, das Finanzamt, der Polizeipräsident, das waren Briefe, die sie nicht lesen wollte. Frida ging darüber hinweg, setzte Kaffee auf, wahrscheinlich war sie der letzte Dienstleister in der Filmbranche, der noch anständigen Bohnenkaffee ausschenkte, in einem Becher, der am Rand angeschlagen war.
Auf dem Tisch lag seit Tagen der Film, ohne Anschreiben, ohne Karte, ohne Pralinen, ohne Schnaps. Selbstbewusst, dachte Frida. Sie wusste nichts von ihm. Wahrscheinlich zog er sich an wie ein Skater. Fast alle Jungregisseure sahen so aus. Sie fragte sich, ob aus einem Skater überhaupt etwas anderes werden konnte als Filmemacher oder DJ. Das Einzige, was sie von ihm kannte, war seine Stimme, die brüchig klang, gebrochen fast, als wäre er noch nicht ganz aus einem Albtraum erwacht. Vielleicht hatte er traumatische Jugendjahre in einem Elite-Internat verbracht oder als Kind den Tod der Schwester mitansehen müssen, etwas in der Art. Auf jeden Fall hatte er ziemlich einen mitbekommen, das hörte Frida sofort.
Sie setzte sich in ihre Kabine, um das Hüftknacken rauszuschneiden. Eigentlich müsste das ein Arzt erledigen, fand sie, ein für alle Mal. In dem kleinen Raum, in dem nichts war außer Technik und Ventilation, hörte sie ihre eigenen Laufschritte über die Boxen. Sie fügte das Knirschen der Sandpiste hinzu, sah die Bilder auf zwei Monitoren: Es knackte bei jedem Schritt. Sie hielt die Spur an, machte einen Schnitt, ließ eine Sekunde laufen, schnitt wieder. Eine stupide Arbeit, die sie nur aus Scham selbst erledigte. Das eigene Hüftknacken war zu intim, da ließ man keinen Assistenten ran. Wenn Frida in ihrer Kabine saß, könnte draußen die Apokalypse anbrechen, und sie würde sie verpassen. Ein Ort, der keine Zeit kannte, der überall sein konnte, ein Ort wie ein Körper ohne Gebrechen. Nirgendwo sonst gab es Stille. In den trockensten Wüsten heulten die Dünen, wenn der Wind an ihnen zerrte, und das war kein tröstliches Geräusch.
Sie blickte sich im Aufnahmestudio um. Der Raum wurde langsam zu klein, ein gewaltiges Chaos herrschte. Frida sammelte jeden Müll ein, der nach etwas klang. Kürzlich hatte sie aus dem schrottreifen Wagen einer Freundin den Fahrersitz ausgebaut, der stand jetzt neben einem alten Flügelfenster. Aus jedem Jahrzehnt besaß sie einen Telefonapparat, knapp zwanzig verschiedene Brillengestelle und mindestens so viele Schuhe. Überall lagen Stoffmuster herum, Leinen, Baumwolle, Seide, Jute, Cord, Filz, Samt. Unter dem Holztisch ein Wasserschlauch, eine Plastikwanne, ein Motorradhelm, ein Bunsenbrenner, ein paar Münzen, ein paar Scheine. Darauf ein Taschenbuch, ein gebundener Krimi, eine Bibel in Leder. In der Ecke standen die Gewehre, aber heute fehlte ihr die Kraft zum Töten.
Frida holte sich frischen Kaffee, ging vorbei an ihrem Schreibtisch, und was sich auf dem türmte, brauchte nicht weniger Kraft. Seit zwei Wochen hatte sie keinen einzigen Brief geöffnet. Was ich nicht sehe, sieht mich nicht, war ihre Strategie. Sie stammte aus einer Zeit, in der es manchmal geholfen hatte, sich hinter einem Baumstamm oder in einem Bettkasten zu verstecken, bis die Lage sich entspannt hatte. Die frühen Jahre, in denen sie sich die Ohren zugehalten und dabei selbst so laut geschrien hatte, bis Ruhe eingekehrt war. Das war lange her. Heute kamen die Probleme geräuschlos, in Form von Post, manchmal per Telefon, am Küchentisch, am Tresen. Gedämpfte, schwere Stimmen. Katastrophen und Krisen machten wenig Lärm. Sie schlichen sich an, und Frida schlich ihnen entgegen.
Zuerst die weißen Umschläge, dann die grauen. Strafzettel, Rechnungen, zweite Rechnungen, Mahnungen, Werbung für Boxen, die sie schon seit Jahren verdammt gern hätte. Dazwischen eine Postkarte aus Thailand von einem ehemaligen Assistenten, der Sound 30 Meter unter dem Meer: Wahnsinn. Danach der letzte Umschlag, den sie mit geschlossenen Augen aufriss, das Papier herausnahm und durchatmete, bevor sie unter halbgeöffneten Lidern versuchte, die Zahl nicht zu erkennen, die dort stand, die fünfstellig war und ein Genickschuss.
Was ist denn mit dir passiert?, fragte Robert, als die Tür hinter Frida ins Schloss knallte. Du kommst so früh. Und, er begutachtete ihr Gesicht, du siehst komisch aus, aufgequollen, nein, wie Treibgut siehst du aus.
Das hast du lieb gesagt, danke.
Sie ging an ihm vorbei in die Küche, fühlte sich nicht aufgequollen, sondern ausgedörrt.
So hab ich dich noch nie gesehen. Er stand staunend vor ihr. Hast du was genommen?
Was denn genommen?
Kortison oder so. Eine geheime Botox-Behandlung vielleicht?
Setz dich, sagte sie zu ihm. Setz dich hin.
Stuhl oder Boden?, fragte er.
Boden. Boden ist besser. Da können wir sicherer umfallen.
