Ein eingeschneiter Omega - Yael Gray - E-Book

Ein eingeschneiter Omega E-Book

Yael Gray

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Beschreibung

Wutschnaubend bricht Alpha Logan den Urlaub bei seinen Eltern ab, als diese mal wieder versuchen, ihn zu verkuppeln. Braucht er nicht, will er nicht, danke. Schließlich muss er nicht einmal für Erben für das durchaus beachtliche Gallagher-Vermögen sorgen. Auf dem Heimweg überrascht ihn ein Schneesturm, der ihn mitten in den Rocky Mountains stranden lässt. Schutz findet er bei dem niedlichsten Omega, dem er je begegnet ist – und er hatte viele. Doch der ist eher genervt von seinem unerwarteten Gast. Durch einen Unfall hat der sanfte Omega Ray alles verloren – seine Gesundheit, seine Karriere als Model, sein gutes Aussehen und damit seinen Freund, seine Ersparnisse. Verbittert zieht er sich in die einsame Ferienhütte seiner Eltern zurück, um sich zu erholen und neu zu finden. Nicht einsam genug offensichtlich, denn während eines Sturms stolpert ausgerechnet ein attraktiver Alpha in sein kleines Refugium. Den Ray zum Teufel wünscht und der dennoch von Tag zu Tag besser zu riechen scheint ... M/M-Liebesroman. Enthält Hinweise auf Mpreg. Keine Wandler. Länge: 55.000 Wörter

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis
Das Omegaverse

 

Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Epilog

 

Impressum

Ebenfalls erhältlich:

 

Das Rudel von MacArran Manor

Ein Omega auf Abwegen

Ein Omega in Not

Ein Omega, für den es sich zu kämpfen lohnt

Ein Omega mit gebrochenem Herzen

 

Ein Alpha auf leisen Tatzen

 

Ein Omega zum Verlieben

Das Omegaverse

 

Seit den frühsten Anfängen der Menschheit leben Sigma (Alphas & Omegas) und Rho (normale Menschen) mit- und nebeneinander. Dementsprechend sind queere Beziehungen an der Tagesordnung. Queerfeindlichkeit existiert nicht.

 

Die Gesellschaft ist auf das Idealbild des »starken Mannes« ausgerichtet, egal ob Sigma oder Rho. Omegas, die – obwohl männlich – diesem Bild von Natur aus nicht entsprechen, werden als Menschen zweiter Klasse wahrgenommen, nur dazu da, um Kinder zu bekommen.

 

Zweimal im Jahr geraten Omegas in Hitze und können schwanger werden. In dieser Zeit wirkt ihr Duft auf alle Männer und zum Teil sogar Frauen extrem anziehend. Auch deswegen wird auf sie herabgesehen, da ihnen unterstellt wird, manipulativ zu sein.

Kapitel 1

 

Logan

 

Logan ahnte bereits nichts Gutes, als er die geschwungene Freitreppe hinabstieg. Das Stimmengewirr, das verhalten aus dem Salon zu ihm drang, klang nach deutlich mehr als einem Dinner im kleinen Kreis. Mit lediglich einer Handvoll auserlesener Gäste, wie sein Dad ein wenig zu beiläufig erwähnt hatte. Wenn das schon wieder so etwas wie am Vortag wurde? Dann konnte es eventuell passieren, dass Logans Geduldsfaden riss.

Da hatte sich das familiäre Abendessen als halbe Großveranstaltung entpuppt. Klar, sein Bruder samt Gefährten war da gewesen. Und das süße Blag, das Logan seinen Neffen nannte. Ganz entzückend konnte der Kleine blubbern und mit großen blauen Augen die Welt betrachten.

Doch zusätzlich waren Liam Walker und sein Mann Skye zu Besuch gewesen – inklusive einem von Skyes eindeutig ungebundenen Freunden. Mehrere Bekannte seiner Eltern mit ihren definitiv ledigen Söhnen. Der Direktor der Bank aus der nahen Stadt. Natürlich ebenfalls mit Nachwuchs. Alle Omegas im besten Heiratsalter. Alle auf der Suche nach einer guten Partie. Außer Skyes Freund. Der hatte sich erfreulich zurückgehalten. Trotzdem.

»Dad, ich habe kein Interesse an einem Gefährten«, hatte Logan beim Frühstück grollend verkündet. »Und wenn, kann ich mir den selbst suchen.«

Fröhlich hatte sein Dad abgewunken. »Wir hatten Freunde da, mein Lieber! Mehr nicht.«

»Das hat wirklich nichts mit dir zu tun«, hatte sein Vater mit einem gut gelaunten Grinsen zugestimmt.

Tja, wenn die Söhne nicht alle Omegas gewesen wären, hätte Logan das eventuell sogar geglaubt. Im Zweifel für die Angeklagten. Seine Eltern hatten gerne Besuch. Doch so? Auf keinen Fall.

Außerdem hatte der Plan etwas ganz anderes vorgesehen als Abendgesellschaften im großen Kreis. Eher das Gegenteil! Einige Tage Entspannung auf dem weitläufigen Gallagher-Anwesen in den Rockys. Familie tanken. Die Ruhe in den Bergen genießen. Vielleicht mal Skifahren oder mit dem Pferdeschlitten raus. So als Höhepunkt der Action.

Verdammt, Logans letzte Wochen hatten es in sich gehabt! Einen Flagship-Store in Tokio eröffnen. Geschäftsessen in Sydney, danach in Hongkong. Fabriken in Bangladesch besichtigen, um sich ein Bild der Lage vor Ort zu machen. Dann eine Stippvisite auf den Baumwollplantagen in Burkina Faso. Alles im Auftrag der Firma. Und einiges mehr.

Noch immer litt Logan unter dem Jetlag. Ordentlich. Seit drei Tagen war er wieder in den Staaten, und sein Körper hatte bisher keinerlei Interesse gezeigt, sich an die hiesige Zeit anzupassen. Oder überhaupt an irgendeine. Der fand, dass es angemessen war, zahlreiche kurze Schlafeinheiten über den Tag zu verteilen, dafür die Nacht durchzumachen. Dagegen war kein Kraut gewachsen. Nicht mal das Gallagher-Vermögen half in dem Fall. Und gegen Schlaftabletten hatte Logan Vorurteile.

Mit einem Durchatmen öffnete er die Flügeltüren zum Salon, während er sein Mantra aufsagte. Im Zweifel für die Angeklagten. Vielleicht klang es ja nur nach vielen Leuten, weil ... warum auch immer.

Mit lautem Getöse fiel die Verteidigung in sich zusammen. Schon auf den ersten Blick ließ eine grobe Schätzung Logan auf fünfzig Gäste kommen. Wann waren die denn bitte eingetroffen? Etwa vorhin während seiner zwei Stunden Früher-Abend-Schlaf, den sein Körper ihm als Mittagsschlaf hatte verkaufen wollen? Scheiß Jetlag, echt.

Und die Omega-Dichte? Lag bei bestimmt fünfundsiebzig Prozent.

Logans Bauch füllte sich mit Groll. Nein. Auf keinen Fall! Das würde alles, aber kein ruhiger Abend. In Ordnung, dann eben Abendessen in seiner Suite. So egal.

Bevor er jedoch auf dem Absatz kehrtmachen konnte, flatterte sein Dad herbei, gut gelaunt und strahlend wie immer bei gesellschaftlichen Anlässen. In einem schimmernd grünen Anzug mit goldenen Akzenten, den auch nur er nicht übertrieben wirken lassen konnte.

»Da bist du ja, mein Schatz!« Er hakte sich unter und zog ihn mit. »Es sind nun doch ein paar Gäste mehr geworden. Die Freemans haben Besuch mitgebracht und die Morgans ... egal. Ich hoffe, es stört dich nicht. Morgen machen wir einen ganz ruhigen Tag, versprochen!«

Doch, es störte Logan. Und wie. Mehr, als er sagen konnte. Müde, wie er war, bereitete ihm allein das Stimmengewirr Kopfschmerzen.

Bevor er sich eine diplomatische Antwort einfallen lassen konnte, hatte sein Dad ihn bereits zu einem älteren Paar samt Sohn geführt. »Marty, Evan, Chrys. Mein Sohn Logan. Er ist gerade von einer Geschäftsreise zurückgekommen. Tokio unter anderem. Chrys, du magst Japan, nicht wahr?«

Der hübsche Omega lächelte Logan strahlend an. Eigentlich genau sein Typ, aber nicht jetzt, nicht heute, nicht hier und überhaupt. »O ja! Ich bin jeden Frühling zur Kirschblüte dort.«

Und damit war Logan in ein Gespräch verwickelt, aus dem es kein Entrinnen gab. Zumindest, wenn er nicht unhöflich werden wollte. Doch der junge Mann konnte nichts für die Ambitionen von Logans Eltern. Logan atmete durch, rief ein professionelles Lächeln hervor, ignorierte die Kopfschmerzen und gab sich sozial.

 

Es wurde die gleiche Tortur wie am Abend zuvor. Zu viele Leute, die etwas von ihm wollten. Zu viele Omegas, die ihm schöne Augen machten. Zu laut, zu stickig, zu voll für sein Müdigkeitslevel. Und seinen heimlichen Groll.

Erst nach dem Essen gelang es ihm, sich kurz zu entschuldigen.

»Du kommst wieder, ja?«, fragte Chrys ihn hoffnungsvoll.

»Aber selbstverständlich«, versicherte Logans Vater gut gelaunt. »Der Abend ist großartig, nicht wahr, mein Sohn?«

Wo kam der denn her? Logan war eine Haaresbreite davon entfernt, jede Höflichkeit und allen Anstand zu vergessen und ihm vor den Gästen zu sagen, dass er ihn mal gernhaben konnte. Stattdessen lächelte er nonchalant. »Natürlich. Bis gleich.«

Sein erster Weg führte ihn ins Bad. Durchatmen, Wasser ins Gesicht klatschen und sich in die geröteten Augen schauen. Vertrug sich nicht so recht mit deren eigentlich blauer Farbe. Noch einmal durchatmen.

Müde strich er sich die Tropfen aus dem kurzen, blonden Bart, starrte wieder. Mann, er sah genau so aus, wie er sich fühlte. Aber es war verflucht schwer, seinen Eltern etwas entgegenzusetzen, solange sie sich in Gesellschaft befanden. Oh, er konnte verflixt gut streiten, wenn sie allein waren, kein Ding. Doch sobald Fremde involviert waren? Mutierte er zum strahlenden Firmenerben, der in vollkommener Harmonie mit der gesamten Familie lebte.

Tat er ja auch. Die meiste Zeit. Verdammt, er liebte seine Eltern! Er wollte sie nicht vor anderen schlecht dastehen lassen. Nur gerade stand es ihm Oberkante Unterlippe. Echt.

Was, wenn der angeblich ruhige Tag morgen erneut so aussah? Den sollten sie ja schließlich bereits heute haben. Und hätten ihn gestern haben sollen! Offensichtlich hatten Vater und Dad es sich jedoch in den Kopf gesetzt, ihn endlich unter die Haube zu bringen. Ungebunden über dreißig. Ging ja gar nicht.

Okay, eigentlich wollten sie ihn glücklich sehen – nach ihren Maßstäben. Weil sie einander als wahre Gefährten gefunden hatten und damit ihre Söhne bitte das gleiche Glück haben sollten. Grimmig presste Logan die Lippen zusammen. Trotzdem war das verflucht noch mal nicht ihre Angelegenheit!

Er fühlte sich mit seiner Freiheit echt wohl. Hin und wieder eine Affäre, das reichte ihm vollkommen aus. Mal für eine Woche, mal für ein paar Monate. Letztens erst ein süßer Schauspieler. Davor Franco, ein zauberhaftes Model. Logan ging da auch immer sehr offen in seine Beziehungen – nichts Festes, nichts auf Dauer. Und auf einen Mann, der ihm lediglich schöne Augen machte, weil er ein Gallagher war, konnte er sowieso verzichten.

»Okay«, knurrte er. »Dann eben anders.«

Wenn seinen Eltern seinen Wunsch nach Ruhe nicht respektieren wollten, sah Logan keinen Bedarf, ihren Wunsch nach Gesellschaften zu respektieren, die nur dem Ziel galten, ihn an den Mann zu bringen. Verdammt, in zwei, drei Wochen war das wieder eine ganz andere Sache. Da konnte er mit einem Grinsen und verdrehten Augen damit umgehen. Aber jetzt? Halbtot vor Müdigkeit?

Er zog sein Handy hervor und tippte dem hauseigenen Butler eine Nachricht. »Packe meinen Koffer und lade ihn in meinen Wagen. Halb neun breche ich auf. Danke.«

Ein kurzer Blick auf die Uhr. Gut. Er musste nicht mehr lange durchhalten. Und dann konnte seine Familie ihn für die nächste Woche gernhaben.

Kapitel 2

 

Ray

 

Ruhe.

Traumhafte Ruhe und rein gar nichts zu tun.

Gemütlich lag Ray auf dem Sofa vor dem prasselnden Kamin und sah Minou zu, die mit einem Fussel auf dem rauen Holzfußboden spielte. Mylène hatte es sich auf seinem Bauch bequem gemacht, beäugte ihre Schwester nur halb interessiert und ließ sich hinter den süßen Öhrchen kraulen. Ihr dunkles Katzengesicht mit den frappierend blauen Augen drückte genüssliches Wohlbehagen aus.

Zu seiner Erleichterung gefiel es Rays zauberhaften Birmadamen in der einsamen Hütte mitten in den Rocky Mountains. Na ja, solange er bei ihnen war, waren sie erstaunlich anspruchslos.

Liegen, entspannen, Katzen beobachten. Seit bestimmt einer Stunde tat Ray nichts anderes als das. Obwohl neben Mylène das Buch lag, das er hatte lesen wollen. Aber drängte ja nicht. Nichts drängte. Seit einer langen, sehr langen Zeit endlich einmal wieder.

Zufrieden seufzte Ray, kuschelte sich ein wenig tiefer in die Wolldecke und ließ den Blick durch sein Heim für diesen Winter gleiten. Das Ferienhaus seiner Eltern. Es barg viele herrliche Erinnerungen an endlos erscheinende Urlaube. Vater, Dad, sein kleiner Bruder Dean und er hatten jahrelang so gut wie jeden Sommer hier verbracht.

Was für ein Glück gab es die Hütte noch. Ray fühlte durchaus Stolz deswegen. Vor drei Jahren, als es Dean so schlecht gegangen war und ihr Vater den Job verloren hatte, das war keine schöne Zeit gewesen. Arztbesuche waren echt teuer. Medikamente auch. In ihrer Not hatten die Eltern das Ferienhaus verkaufen wollen.

Stattdessen hatte Ray neben seinem Beruf als Koch angefangen zu modeln. Weil ihm das eine Kollegin halb im Scherz vorgeschlagen hatte. »So ein hübsches Gesicht, wie du hast!«

Sie waren beide überrascht gewesen, dass ihn sofort eine Agentur genommen hatte. Von da an war es aufwärtsgegangen. So sehr, dass Ray seine andere Stelle hatte aufgeben können, um sich ganz darauf zu konzentrieren. Bis sein Vater einen neuen Job gefunden hatte, hatte er Deans Arztrechnungen bezahlt. Und sogar einen Notgroschen zurückgelegt.

Eigentlich hätte danach alles so schön sein können. Eigentlich.

Tja.

Mit der freien Hand rieb er sich über das Gesicht, spürte Narben. Sah zur Holzdecke empor, dann wieder zu Minou hin. Süße Maus. Unglaublich, wie viel Freude die an dem Fussel fand. Leise lachte Ray. Katze müsste man sein. Die liebten die kleinen Dinge im Leben. Lieber den Flusen auf dem Boden als die teure Spielzeugmaus. Und von denen besaßen sie durchaus reichlich.

Die einfachen Dinge hatte Ray jetzt auch. Jede Menge davon. Ein Herd, der mit Kohle geheizt wurde. Ray hatte die säckeweise in der Abstellkammer stehen. Seine Heizung? Der Kamin. Draußen stapelte sich Feuerholz, das vermutlich für drei Jahre reichen würde. Grimmig entschlossen hatten seine Eltern dafür gesorgt, dass es ihm auf keinen Fall daran mangeln würde. Ebenso wie an Essen. Berge eingefrorenes Obst und Gemüse, Reis, Nudeln, Mehl, Dosen mit allem Möglichen ... das Einzige, was Ray vermissen würde, war Frisches.

Nahe dem Kamin stand sein schmales Bett. Das Familienschlafzimmer auf dem Dachboden war im Winter nicht zu nutzen. War komplett unisoliert. Da fror er ein. Ray auf Eis. Und die Leiter nach oben kam er mit seinem Humpelbein und der steifen Schulter ohnehin nicht hoch. Die war dementsprechend nicht ausgezogen, die Dachbodenluke blieb geschlossen.

Dazu der Schrank mit Kleidung und Beschäftigung für den langen Winter und eine Truhe mit Notfallzeug, sobald der Strom ausfiel. Und das würde der garantiert, keine Frage. Irgendwie freute Ray sich sogar darauf. Er war gut vorbereitet. Das Internet war bereits ewig weg. Bei dem Wetter kein Wunder.

Wohlig seufzte er erneut. Draußen heulte der Wind, als gäbe es einen Preis zu gewinnen. Es schneite, als tobte Jack Frost mit allen Wintergottheiten der Welt ums Haus. Und dabei lag der Schnee bestimmt schon zwei Fuß hoch. Herrlich. Würde garantiert noch mehr werden.

Den Schlitten im Vorraum würde Ray mit ziemlicher Sicherheit nicht benutzen. Aber vielleicht die Langlaufskier und die Schneeschuhe, sobald das Wetter schön wurde. Auch gesponsert von seinen Eltern.

Begeistert waren die nicht von seiner Idee gewesen. Sie machten sich Sorgen um ihren Jungen, klar. Besonders nach dem vermaledeiten Unfall, der Ray alles gekostet hatte. Sein Magen krampfte. Seinen Job, seine Karriere, seine Rücklagen, seinen Partner. Oh, nicht, dass Mack etwas passiert war. Aber na ja, Ray war nicht mehr hübsch mit den Narben im Gesicht und die rechte Seite seines Körpers hinab sowie seinem humpelnden Gang.

»Arsch«, flüsterte er und presste die Lippen zusammen. Mann, wie hatte er sich nur so in dem Mann täuschen können? Ah, jetzt krampfte auch Rays Herz. Mal wieder. Der naive Idiot, der er war, hatte gedacht, das mit Mack wäre für die Ewigkeit. Von wegen.

Egal, lag in der Vergangenheit. Alles lag in der Vergangenheit. Der Unfall, die endlose Zeit im Krankenhaus, die noch viel längere Zeit in der Reha, Macks weit ausholende Erklärung, warum er Schluss machte. Machen musste. Pah.

Auch der Stress durch das Modeln. Verdammt, das allerdings hatte ihm Spaß gemacht, obwohl er ständig unter Strom gestanden hatte!

Tja.

Sein Agent führte ihn sogar weiterhin in der Kartei, voll lieb. Aber sie wussten beide, dass da nichts mehr zu reißen war. Das vermutlich Fieseste war, dass sie kurz vor dem Unfall noch über eine Versicherung gesprochen hatten. Dass Ray langsam erfolgreich genug war, dass sich das lohnte. Falls etwas passierte. Eine Versicherung für sein Gesicht, zum Beispiel.

Hätten sie das mal gleich durchgezogen. Dann hätte Ray jetzt zumindest keine Geldsorgen.

Tja.

Unwillig stöhnte er auf. Mann, das hatte er schon so oft durchgekaut! Es half nicht, sich darüber zu ärgern. Zu verzweifeln. Immerhin lebte er. Konnte sich bewegen. Und mit der Zeit würden bestimmt die immer wieder aufkommenden Schmerzen in Schulter und Hüfte – und damit durch die Schonhaltung bedingt auch im Rücken – besser werden.

Doch deswegen war er hier. Nicht wegen der Schmerzen. Für die machte er täglich Yoga, ob hier oder woanders. Sondern, um runterzukommen. Um zu sich zu finden. Um all den Dreck des letzten Jahres hinter sich zu lassen.

Bis auf seine Katzen war er allein. Perfekt. Niemand würde ihn stören. Keiner konnte ihn ablenken. Er war komplett unerreichbar, ganz auf sich gestellt. Kein Jetten um die Welt, keine zwei bis drei Shows am Tag, wie es in den Hochzeiten oft gewesen war. Auch kein Ärztemarathon, Herumschlagen mit der Versicherung, Formularkriege.

Nein. Einfach nur er, Minou und Mylène. Und der Schnee sorgte dafür, dass das exakt so blieb. Bis weit in den Frühling rein. Ray freute sich darauf. Auf jeden einzelnen Tag. Und das war schon lange nicht mehr so gewesen.

Kapitel 3

 

Logan

 

Halb zehn. Beste Zeit, um mit einem Film auf dem Sofa zu versacken, danach ins Bett zu fallen und die Nacht durchzuschlafen. Zumindest in der Theorie. In der Praxis starrte Logan gereizt nach draußen und versuchte, irgendetwas durch das Schneetreiben zu erkennen.

Die Scheibenwischer des schweren Range Rovers wirbelten auf höchster Stufe, die Scheinwerfer brachten den Tanz der Flocken richtig schön zur Geltung. Gut, dass der Wagen Allradantrieb hatte. Mann, was für ein scheiß Wetter.

»Oha. So kenne ich dich ja gar nicht. Einfach zu verschwinden.« Arlo grinste.

Logan konnte es trotz der schlechten Verbindung hören. Doch der Omega war einer seiner engsten Freunde seit Kindheitstagen. Da musste die Verbindung noch viel miserabler werden, ehe er Arlos Laune nicht mehr anhand der Stimme einschätzen konnte. »Ich hab's ihnen mehrfach gesagt. Ey, langsam reicht's. Bin ich der Prinz auf dem Ball und brauche einen Erben für das Königreich oder was?«

»Wer weiß? Wärst du mal dageblieben! Vielleicht wäre Cinder die Treppe hinabgeschwebt, und du hättest jetzt deinen Gefährten.« Leise lachte Arlo. »Nee, war schon gut, dass du gegangen bist. So nett sie sind, manchmal kennen deine Eltern echt keine Grenzen.«

»Hm-hm.« Grummelnd fuhr Logan sich durch das kurze Haar, strich sich über das Gesicht, als könnte das die Erschöpfung vertreiben. Nach wie vor war er müde, hatte sich nicht geändert. Und das waren bestimmt noch drei Stunden Fahrt, die er vor sich hatte. Bei normalem Wetter. Bei dem Dreck da draußen? Uff.

»Wie haben sie reagiert? Oder hast du dich nicht mal verabschiedet?« Arlos letzte Worte gingen in Rauschen unter, dann war die Leitung tot.

Verdammt! »Arlo?«

Keine Antwort.

Fuck! Auch das noch. Großartig. Nicht einmal angemessen auskotzen durfte Logan sich.

Vermutlich wäre es vernünftig gewesen, wenigstens die Nacht auf dem Gallagher-Anwesen zu verbringen und erst am Morgen loszufahren. Aber scheiße, er war echt sauer gewesen. Klar hatte er sich verabschiedet. Seine Eltern hatten sogar hoch und heilig versprochen, dass die nächsten Tage Ruhe herrschen würde, sollte er bleiben. Oder er zumindest Ruhe haben konnte, falls unerwartet Gäste kamen.

Hieß, sie erwarteten Besuch. Hieß auch, dass sie ihn doch in den Trubel hätten locken wollen. Kannte er ja.

Aber bis zum Morgen hätte das trotzdem Zeit gehabt.

Egal. Jetzt war er unterwegs und tastete sich auf der total zugeschneiten Straße voran. Fuck. Wo waren die Schneepflüge, wenn man sie brauchte? Natürlich weit weg. Die Bergstraße war schließlich kein Highway. Anhalten war leider keine Option. Da wäre er bis Sonnenaufgang Inhaber einer schicken Schneewehe. Und er selbst vermutlich eine Eisstatue.

Hm, grob geschätzt kam in zwei Stunden – bei dem Wetter zumindest – ein kleines Kaff. Logan hatte keine Ahnung, ob es dort Hotels, Motels oder sonst etwas gab. Aber verdammt, irgendwer würde ihm ja wohl einen Platz auf dem Sofa anbieten können.

Immerhin sah er in dem Schneegestöber samt Dunkelheit den Abgrund nicht, an dem die Straße entlang führte. Traumhafter Blick bei Sonnenschein. Aktuell eher beunruhigend. Logan konnte nicht mal wenden und zurückfahren. Die Chance, dass er dabei in dem Fluss tief unten im Canyon landete, war erstaunlich groß.

Mit einem Seufzen schaltete er Musik ein, startete die Hot-Stone-Massage des Fahrersitzes und blinzelte angestrengt nach draußen. Na ja, durchhalten konnte er. Darin war er echt geübt. Also weiter. Irgendwann würde er schon irgendwo ankommen. Da konnte er sich das derweil auch so bequem wie möglich machen.

 

Zumindest war das der Plan. Ein guter Plan, wie Logan fand. Immer noch. Ein Hervorragender sogar. Es gab nur ein Problem. Wie so oft. Die Praxis hielt sich nicht an Theorien.

Behutsam ließ er die Kupplung kommen, doch die Reifen des Range Rovers drehten durch. Vorwärts, rückwärts, nichts ging mehr. Der schwere Wagen war ein Powerhouse, aber kein Schneepflug. Und gerade hatte er sein Limit erreicht.

Scheiße.

Logan atmete durch.

Fuck.

Mit etwas, das Angst glich, krampfte sein Magen. Unangenehm schlug sein Herz schneller. Das sah nicht gut aus. Das sah verdammt noch mal gar nicht gut aus. Logan hatte keine Ahnung, wo genau er gestrandet war. Wie weit war es bis zu dem Kaff? Eine Stunde zu Fuß? Fünf Minuten? Viel zu weit, als dass er das überhaupt in Erwägung ziehen sollte?

Die Lichter des Wagens strahlten nur gedämpft, beleuchteten lediglich das Innere eines Schneebergs vor der und halb um die Motorhaube. Wirkte echt bizarr.

Logan steckte fest. Komplett. Scheiße, war der Schnee hoch!

Atmen. Nachdenken. Und die Bilder ignorieren, die ihn als Froststatue zeigten. Gab ein hervorragendes Kunstwerk ab, garantiert. Eine Replik davon sollte vor jeder Gebirgsstraße ausgestellt werden. Genervter Narr auf Eis oder so.

»Okay. Okay ...« Mit einem erneuten Durchatmen schaltete er Musik, Massagefunktion und Scheinwerfer aus. Energie sparen.

Dunkelheit senkte sich über ihn. Einzig das leise Sirren der Heizung war noch zu hören. Na ja, mehr zu erahnen durch das Heulen des Windes und das Knistern des Schnees. Und das hastige Wedeln der Scheibenwischer.

Logan rieb sich die Augen, starrte nach draußen. Wie lange konnte er hier sitzen und auf Rettung warten? Wann würden seine Eltern ihn suchen lassen? Bestimmt nicht vor zwei oder so Tagen. Oder würde Arlo ... nee, garantiert nicht. Wie lange hielt die Batterie? Wie lange der Tank? Konnte er den Motor überhaupt laufen lassen? Der Auspuff war doch in null Komma nichts zugeschneit. Und dann?

»Dann bin ich vielleicht ein explodierter Narr auf Eis? Oder ein erstickter?«, brummte er. Er hatte keine Ahnung, ob das möglich war. Fuck. Aber wie lange hielt die Wärme ohne Motor? Der Sturm konnte sich tagelang hinziehen! Gerade in dieser Gegend. Fuck!

Doch selbst, falls er nicht erfror – er hatte zwei Liter Wasser dabei und ein paar Snacks. Das reichte nicht weit.

Logan zog sein Handy heran, schaltete es ein. Zugegeben, ohne große Hoffnung. Hm, Mist. Leider hatte er recht. Empfang nicht vorhanden. Gar nichts war vorhanden. Nicht einmal GPS kam durch. Sollte das nicht zuverlässiger sein?

»Scheiße!« Groll stieg in ihm empor. Auf sich, auf seine Eltern, auf den Schnee. Eigentlich auf alles. Wütend warf er das Handy auf den Beifahrersitz, schlug halbherzig aufs Lenkrad. Theoretisch vermutlich eher eine Reaktion aus Angst, doch Zorn war besser als Panik.

Mit einem Stöhnen lehnte er sich zurück, schloss die Augen und lauschte auf den Wind. Scheiße, verdammt! Er wollte nicht sterben! Egal, wie reizvoll der Gedanke an landesweite Bekanntheit als Froststatue war.

»Na, dann sterben wir halt einfach mal nicht«, erklärte er dem Wetter grimmig. Oder dem Wagen. Wahlweise auch dem Wind.

Moment! Was war das? Da vorne!

Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als ob das helfen würde. War das Licht? Für einen Atemzug war er sich fast sicher, dass da etwas leuchtete. Gleich darauf verschluckte das Schneetreiben den Schimmer.

Angespannt starrte Logan weiter in die Richtung und wartete. Etwas anderes hatte er eh nicht zu tun. Doch! Da war es wieder! Warmes, goldenes Licht. Eindeutig!

Dieses Mal klang sein Durchatmen mehr nach einem erleichterten Stöhnen. Er war näher an dem Kaff, als er gedacht hatte. Dem Himmel sei Dank!

Jetzt musste er das nächste Haus nur noch erreichen. Vorzugsweise, ohne auf dem Weg stecken zu bleiben oder spontan vor Kälte zu erstarren. Er angelte seine Jacke vom Rücksitz, zog den Schal aus dem Stoffknäuel hervor und wickelte sich ein. Mütze? Nee, verdammt. Die war im Kofferraum. Kam er an den ran? Wahrscheinlich nicht. Egal, die Jacke hatte eine gute Kapuze. Zum Glück steckten die Handschuhe in den Taschen.

Okay. Auf zum rettenden Licht. Wehe, er irrte sich! Dann würde er aber! Erfrieren vermutlich.

Aus dem Rover zu gelangen, wurde zu einem ganz eigenen Abenteuer. Die Tür gegen die Macht des Schnees zu öffnen, der sich bereits um den Wagen aufgebaut hatte, kostete erstaunlich viel Kraft. Und scheiße, war das kalt! Die Luft biss in seiner Nase, die eisigen Flocken fühlten sich wie Geschosse an.

Logan zog den Schal bis zu den Augen empor und die Kapuze tiefer, ehe er sich einen Pfad zu bahnen begann. O Fuck, der Schnee reichte ihm teilweise bis zur Hüfte. Was nach einem Fußweg von fünf Minuten Maximum aussah, würde verdammt viel Zeit in Anspruch nehmen.

Erneut atmete Logan durch. Egal. Er hatte nicht vor als Statue zu enden. Weder im Wagen, noch außerhalb. Er war trainiert, er würde das schaffen. Er durfte lediglich nicht vom Weg abkommen.

Kapitel 4

 

Ray

 

Mit einem Gähnen streckte Ray sich durch, setzte sich auf und legte das Buch beiseite, von dem er immerhin zwei Seiten gelesen hatte. Nichtstun konnte ganz schön anstrengend sein. Er grinste. Beinahe Zeit fürs Bett. Noch einen Tee, danach würde er sich mit seinen Katzen zum Schlafen einkuscheln.

Draußen heulte der Sturm weiter, als gälte es, einen Preis zu gewinnen. Der schien sich häuslich niedergelassen zu haben. Herrlich. Ray freute sich bereits jetzt darauf, die Winterwunderwelt zu erkunden, sobald es aufklarte. War garantiert Magie pur.

Er schob die Decke samt Mylène beiseite, die das nicht im Mindesten störte, und stand auf. Wasser zum Kochen bringen, Tee aufsetzen. Hm, was hatte er da? Noch war es ein kleines Abenteuer, all die Vorräte zu entdecken. Klar hatte er eine Liste gemacht mit allem, was besorgt werden musste. Damit es auf jeden Fall reichte und bis zum Frühjahr hielt, sollte er wirklich den gesamten Winter gar nicht wegkommen.

Doch seine Eltern hatten es sich nicht nehmen lassen, einiges mehr anzuschleppen. Und hier und dort zu verbergen, um für Überraschungen zu sorgen. Ray lächelte, Wärme strudelte durch ihn. Bei all dem Scheiß, den er im letzten Jahr durchgemacht hatte, war seine Familie der Lichtblick schlechthin gewesen. Das, was ihn aufrecht gehalten hatte. Immer für ihn da, immer unterstützend.

Oh, der Tee klang gut. Kaminzauber. Eine Gewürzteemischung mit Zimt. Ray liebte Zimt. Summend warf er einen Beutel in seine Lieblingstasse, während das Wasser langsam warm wurde.

Im nächsten Moment ließ ein Klopfen ihn zusammenzucken.

Was?

Gleich darauf musste er lachen. Hier klopfte nichts und niemand. Witzig, was der Wind manchmal für Geräusche machte. Na, hoffentlich hatte sich auf der Veranda nichts gelöst und schlug nun gegen die Wand. Um Schäden zu hinterlassen. Das war kein Wetter für Reparaturen.

Wieder klopfte es. Ausgiebiger dieses Mal. Hm. Klang verdächtig, als hämmerte jemand gegen die Tür. Eine Person. Mit Fäusten.

Uh-oh, nicht gut. Ray hatte wirklich keine Lust nachzusehen, was da nicht in Ordnung war. Aber wenn das ein loses ... Irgendwas war? Das sich als nächstes Ziel die Fenster aussuchte? Glas war nicht so stabil wie eine massive Holztür. Mist!

Als hätte der Balken oder was auch immer seine Gedanken gelesen, klopfte es gegen das Fenster.

Ray schluckte, sah in seiner Fantasie bereits Sprünge auf der Scheibe. Als er sich umdrehte, entdeckte er eine Gestalt hinter seinem Spiegelbild. Erschrocken schrie er auf, sein Herz sprang in die Kehle. Da war jemand! Da war wirklich jemand! Eigentlich unmöglich, aber ...

Da draußen stand ein Mensch! Bei dem Wetter!?

So schnell er konnte, humpelte Ray zur Tür. Oh, hoffentlich war das nur Einbildung! Schattenspiele! Gemischt mit dem Schneetreiben und eben doch einem losen Balken. Den Ray jetzt irgendwie sichern würde, damit seine armen Nerven Ruhe fanden. Mann, an die Einsamkeit musste er sich wohl erst gewöhnen. Und an die ungewohnten Geräusche. Und ...

Er öffnete die Tür und hätte fast erneut geschrien.

Vor ihm stand ein Mann. Ein Schneemann. Kein Balken. Eindeutig. Weder balkenförmig noch balkensteif. Obwohl Ray nicht viel von dem Kerl erkennen konnte. Zwischen schneebedeckter Kapuze und schneeverklebtem Schal sahen lediglich erstaunlich blaue Augen hervor. Eis verklebte die Wimpern und Brauen.

»Ha-hallo. Guten Abend«, sagte der Schneemann mit dunkler Stimme. Heiser. Jede Silbe zeigte, dass er unter all dem Schnee vor Kälte bebte. »D-darf ich reinkommen? Bin ... bin mit dem Wagen stecken geblieben.«

Für einen Atemzug starrte Ray ihn an wie ein Alien. Der fragte? Obwohl er andernfalls vermutlich spontan erfror, so wie er aussah? Auf Rays Türschwelle. »Natürlich! Um Himmels Willen, rein mit dir!« Hastig trat er beiseite.

Schnee und eiskalte Luft begleiteten den Mann, als er in die Hütte stolperte.

Rasch schloss Ray die Tür hinter ihm und sperrte den Winter aus.

»Danke«, krächzte der Schneemann. »Ich weiß nicht, ob ich es bis zum nächsten Haus geschafft hätte.«

Was dachte der, wo er war? »Es gibt kein nächstes Haus.« Mit einen Durchatmen verschränkte Ray unsicher die Arme vor der Brust. Nee, oder? Hatte er sich allen Ernstes am Ende der Welt mitten in einem Sturm einen Gast eingefangen? »Das Dorf ist mit dem Wagen eine Stunde entfernt. Bei gutem Wetter.«

»Oh.« So richtig schien der Schneemann die Situation nicht zu erfassen. Der stand einfach da, als hätte ihn jede Kraft verlassen. Ein Stück festgepappter Schnee fiel von seiner Hose ab, landete auf dem Boden. Und begann zu schmelzen.

Shit, offensichtlich war der Kerl halb erfroren! So sehr, dass er kaum noch denken konnte, oder?

Wieder atmete Ray durch. Gut, dass er sich vor seinem Einzug informiert hatte, was man bei Unterkühlung tat. Allerdings eher für sich. In der Hoffnung, dass er sich im Fall der Fälle auch daran erinnerte. Dass er das Wissen für jemand anderen brauchen könnte, damit hatte er im Leben nicht gerechnet.

»Du ziehst dich jetzt erst mal aus«, bestimmte er. »Schuhe, Hose, Jacke, Schal, Handschuhe. Den Rest kannst du vermutlich anlassen. Bekommst du das hin?«

Der Schneemann nickte. »A-aber ist das o-okay?«

Fast hätte Ray gelacht. Mann, war der höflich. Selbst in dem Zustand noch. »Mach einfach. Du musst auftauen. Und deine Sachen sind gleich sehr nass. Wenn du fertig bist, da ist das Sofa. Hinsetzen, in die Decke wickeln. Nicht zum Kamin gehen!«

Auf keinen Fall durfte der Mann zu schnell warm werden. Schon gar nicht von Armen und Beinen her zuerst. Konnte zu schweren Herzproblemen führen, und Ärzte waren unerreichbar fern.

Gleich darauf musste Ray feststellen, dass der Kerl sich überschätzt hatte. Die Handschuhe bekam er ausgezogen. Der Rest schien unüberwindbar zu sein. Oha, die Finger waren bläulich verfärbt, kein Wunder, dass die steif waren! Mist. Hoffentlich keine Erfrierungen.

Kurzerhand half Ray ihm. Selbst mit seinen eindeutig warmen Händen war es schwer, an dem Eis vorbei den Reißverschluss der Jacke zu öffnen. Und um die Schuhe aufzubinden, musste er erst einmal reichlich verklebten Schnee wegpulen. Immerhin der Bund der Jeans war geschützt gewesen. Doch Ray fühlte sich nicht wohl, als er einem wildfremden Mann – Alpha, dem durchaus ansprechenden Geruch nach – die Hose öffnete und runterzog. Das Unbehagen war schnell vergessen, denn auch darunter empfing ihn bläuliche Haut.

Zumindest zitterte der Mann, das war ein gutes Zeichen.

---ENDE DER LESEPROBE---