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Ausgerechnet Edinburgh! Wenn Keith schon in die verhasste Hauptstadt muss, will er wenigstens einen heißen One-Night-Stand als Ausgleich. Keinen Ort verabscheut er mehr als die Stadt, in der er jahrelang als Sklave gehalten wurde. Die Stadt, in der er auf Leben und Tod in der Arena kämpfen musste, bis er ein Krüppel war. Sein Körper hat sich erholt, doch Keith kämpft noch immer gegen die Vergangenheit. Sein Date Dalyell, ein verschlossener Omega, entpuppt sich jedoch als sein Gefährte. Wenn Keith etwas nicht will, dann ist das eine Verbindung. Niemand verdient es, seine Gefühle und Gedanken mit ihm zu teilen. Egal, wie grün dessen Augen sind und wie unwiderstehlich sein seltenes Lächeln. Doch Dalyell muss in der Arena Schulden abarbeiten. Als Keith das erfährt, kann er nicht einfach zurück nach MacArran Manor. Die Zeit ist gekommen, sich seinem größten Albtraum zu stellen ... und vielleicht sogar den unwillkommenen Gefühlen. M/M-Wandler-Liebesroman. Enthält Hinweise auf Mpreg. Länge: 99.950 Wörter
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Ein Omega, für den es sich zu kämpfen lohnt
Das Rudel von MacArran Manor 3
Yael Gray
Roman
Das Rudel von MacArran Manor
Ein Omega auf Abwegen
Ein Omega in Not
Ein Alpha auf leisen Tatzen
Keith
Tief atmete Keith durch und ließ einmal die breiten Schultern kreisen, ehe er die Tür zu seinem Hotelzimmer öffnete und eintrat. Ein kleiner Raum, bewusst abweichend von seiner Wohnung daheim auf der Burg. Das hier war eine Höhle, sicher und überschaubar. Ein Bett, ein Stuhl, ein schmaler Schrank und die Tür zum Bad.
Keith warf den Seesack aufs Bett, sah unter dieses. Leer. Klar. Ebenso wie das Bad. Nicht anders zu erwarten, der sichernde Blick musste trotzdem sein. Keith war nicht gerne in Edinburgh. Überhaupt verließ er MacArran Manor, die Heimat seines Rudels in den Highlands, nur sehr ungern. Und dann ausgerechnet Edinburgh.
Er trat ans Fenster, öffnete es und blickte hinaus in den Hinterhof. Umgeben von Backsteingebäuden. Zweiter Stock. Hoch genug, dass niemand unbemerkt einbrechen konnte. Niedrig genug, dass Keith zur Not einen weiteren Ausgang hatte. Falls er fliehen musste. Falls sie ihn zurück in die Arena zerren wollten.
Erneut atmete er durch. Unwahrscheinlich. Sehr, sehr unwahrscheinlich. Trotzdem konnte er das Gefühl nicht abschütteln. Auch mit aller Vernunft und bei allen Argumenten erschien es ihm wie eine reale Bedrohung.
Doch sein Arzt hatte nun einmal die Praxis in Edinburgh, und hin und wieder musste Keith seine alten Verletzungen untersuchen lassen. Einfach ein Check-up, ob alles okay war. Wandler heilten gut und schnell, trotzdem hatte er durch seine Zeit als Kämpfer reichlich Narben zurückbehalten. Er war ohnehin zu selten zur Kontrolle, wenn es nach Doktor Yadav ging.
Keith schloss das Fenster, sperrte damit Stimmen und leises Motorenbrummen aus und schob den Seesack so, wie er war, unters Bett. Drei Tage hatte er für seinen Aufenthalt eingeplant. Ankommen – heute. Date mit einem willigen Omega zum Abreagieren. Das war das Einzige, was ihm in der Einsamkeit der Highlands hin und wieder fehlte. Sex. Dann der Arztbesuch am nächsten Tag, am Tag darauf die Ergebnisse der Blutuntersuchung und gegebenenfalls ein Besprechen einer Therapie, die hoffentlich nicht notwendig war. Danach eventuell noch ein Treffen mit einem Omega.
Und anschließend Keiths Belohnung für die ganze Prozedur. Ausgiebiges Shoppen im Plant Market, bei dem er seinen Truck mit Pflanzen für den Park des Rudels zu überfrachten gedachte. Gärtner zu werden, war der beste Karrierewechsel, den er sich hatte wünschen können. Pflanzen überraschten einen nicht, fielen niemand aus dem Hinterhalt an, blühten auf, wenn man sich um sie kümmerte. Sie waren verlässlich und ruhig und gaben ihm Frieden.
Unerwartet musste Keith lächeln. Er liebte alles, was grün war und wuchs. Mächtige Bäume ebenso wie zarte Kräuter, wenn sie eben gerade aus der Erde spitzten.
Er holte sein Handy aus der Tasche und warf sich aufs Bett, das unter seinem Gewicht leise ächzte. War nicht auf einen Zweimetermann ausgerichtet, der nur aus Muskeln bestand. Wie üblich würden seine Füße in der Nacht rausschauen, wenn er nicht quer und damit auf der Ritze zwischen den Matratzen lag. Egal. War ja nicht für lange.
So, gleich mal ein Date klarmachen. Dafür hatte er vorher nicht die Muße gehabt. Ätzend. Die Flashbacks, die er größtenteils im Griff hatte, waren zurückgekommen, je näher der Termin gerückt war. Zum Glück nicht mehr die ganz Schlimmen, bei denen Keith vergaß, wo er war, und vollständig in der Vergangenheit lebte. Die, bei denen er wieder auf Leben und Tod in der Arena kämpfte. Er schauderte. Das hatte Ben am Anfang mal abbekommen. Der war ein verdammt guter Kämpfer, doch längst nicht so gut wie Keith. Wäre ihm ihr Alpha nicht zur Hilfe gekommen …
Keith rieb sich über das Gesicht, als könnte das die Erinnerung vertreiben. Mittlerweile wusste er immerhin, wo er war, wenn die Flashbacks kamen. Unschön genug, alles noch mal zu erleben, aber nicht mehr lebensgefährlich für jeden in seiner Umgebung.
Egal. Jetzt war er hier, weil hier der Arzt war, dem er vertraute. Und zu vertrauen, fiel ihm verdammt schwer. Also musste es dieser sein. Doktor Yadav, der ihn damals zusammengeflickt und zurück ins Leben geholt hatte.
Keith rief seine bevorzugte Dating-App für Wandler auf und besah sich die Vorschläge. Zum Ficken brauchte es zum Glück kein Vertrauen. One-Night-Stand als Bedingung war wichtig, ein Omega musste es sein, das war's.
Eine Beziehung kam nicht infrage, keine Sau verdiente ein Wrack wie Keith. Im Rudel hatte er seinen Platz gefunden. Sein Alpha Jake benötigte einen Gärtner. Als Kämpfer und Trainer war Keith ebenfalls gut. Aber nicht als Partner. Nicht mit dem ganzen Scheiß, der an ihm hing. Die Ausfälle. Die Flashbacks. Die Dunkelheit in ihm, die ihn immer noch überfiel. Das musste er wirklich mit niemandem in einer Verbindung teilen.
Gemächlich wischte er sich durch die Fotos. Ah, der Omega war süß. Dalyell. Ob das sein echter Name war? Konnte sein. Blondes Wuschelhaar, grüne Augen, hohe Wangenknochen, volle Lippen.
Mal sehen, ob der auf den vernarbten Look und lange Haare stand. Die hatte Keith nicht mehr geschnitten, seit er der Arena entkommen war. Dank Jake, der ihn freigekauft hatte. Weil Keith den letzten Kampf fast nicht überlebt hatte und wertlos für seinen Besitzer geworden war. Weil der gierig geworden die Wetten in immer weitere Höhen getrieben und ihn gegen mehr und mehr Gegner in den Ring geschickt hatte. Allein.
Keith starrte sich auf dem Gesicht des Omegas fest, um die Erinnerung nicht zu stark hochkommen zu lassen. Schöne Augen. Wirklich schöne Augen. Intensiv, selbst auf dem Foto mit Leben gefüllt. Und er lächelte nicht. Kurzer Check des Profils. Gut, der wollte tatsächlich nur ficken. Eine Nacht, keine weiteren Treffen.
Keith wischte ihn zu denen, die infrage kamen. Und hatte prompt ein Match. Offensichtlich mochte der Kleine vernarbte Kleiderschränke. Hervorragend.
Nach einem Blick auf die Uhr – früher Abend – schrieb Keith ihm direkt. »Hi, hast du heute Zeit? Keith.« Er stand nicht auf komische Nicknames, hatte seinen Namen auch im Profil angegeben.
Ehe er weiterwischen konnte, hatte er schon die Antwort. »Zwanzig Uhr? Dalyell.«
Zufrieden sah Keith die Nachricht an. Perfekt. Das war schnell gegangen. »Passt. Bei mir im Hotel?« Davor konnte er essen, danach 'nen Film zur Ablenkung sehen.
Sie machten einen Treffpunkt aus, bei dem Keith den Kleinen einsammeln und mit aufs Zimmer nehmen konnte. Hervorragend, der Abend war gerettet. Sex entspannte immerhin aufs Vortrefflichste. Und davon hatte er in den letzten zwei Jahren wirklich zu wenig gehabt, solange Handarbeit nicht zählte. Und das tat sie nicht.
Dalyell
Zufrieden warf Dalyell der Nachricht einen letzten Blick zu, ehe er den Bildschirm ausschaltete und das Handy in die Schürzentasche schob. Seine Pause war so gut wie vorbei. Keith, ein Lichtblick für den Abend, endlich mal wieder richtig Sex. Hoffentlich enttäuschte der Kerl nicht.
Optisch war er schon mal genau sein Typ, so viel war klar. Er wirkte wie ein Kämpfer aus der Arena. Breitschultrig, muskulös, massig und vernarbt. Nur die langen, rotbraunen Haare passten nicht. Aber dem Mann standen sie. Und Dalyell wiederum stand auf diesen Anblick. Eindeutig. Er hatte ja bereits jetzt ein erwartungsvolles Kribbeln im Magen. Na, und tiefer sowieso.
Klar, wenn er gewollt hätte, hätte er sich die Mühe mit der Dating-App sparen können. Garantiert fand sich unter den Kämpfern der eine oder andere, der ihn gerne flachgelegt hätte. Aber das war Dalyell zu nah. Eisprinz nannte sein bester Freund Crystal ihn hin und wieder neckend, weil er nicht mal flirtete. Doch die Jungs aus dem Ring sah er ständig. Nicht, dass er sich in einen verschoss, weil der privat zu nett war, und dann starb der im nächsten Kampf. Passierte viel zu häufig.
Hatte Crystal nicht daran gehindert, sich umgehend in einen der Betas zu verlieben und mit ihm zusammenzukommen. Jamie … und der war nun blöderweise auch Dalyells Freund. Hoffentlich ging das gut. Klar, Jamie war gut. Jung und stark. Aber es konnte immer was passieren. Das war das Geschäft.
Dalyell schauderte, atmete durch und sah zur Tür der Bar hin. Immerhin nur die normale Bar, kein Catering im Ring. Das hasste er, egal, wie gut bezahlt es war. Die Todesfälle hatten in den letzten Jahren zugenommen. Die legalen Faustkämpfe, die durchaus zu schweren Verletzungen führen konnten, waren längst nur noch der dünne Deckmantel für das, was sich dahinter verbarg. Die illegalen Runden auf Leben und Tod, bei denen um horrende Summen gewettet wurde, zogen hingegen an.
Und Dalyell war mittendrin. Obwohl er beides fürchterlich fand. Er stand weder auf Blut noch auf zermatschte Männer. Und erst recht nicht darauf, wenn die nie mehr aufstanden. Er schluckte, verdrängte die Erinnerung an den letzten Kampf, bei dem er hatte dabei sein müssen. Aber verdammt, sie zahlten hervorragend, das Trinkgeld floss reichlich, und Dalyell brauchte das Geld.
Mit einem Seufzen glättete er das Gesicht, zog sein weißes Hemd zurecht und setzte ein professionelles Lächeln auf, ehe aus dem Pausenraum in die Bar trat. Sein Blick flog über die Anwesenden, schätzte ein, was ihn erwartete. Noch war es recht leer.
Eine Gruppe Kämpfer, die nach dem Training immer hierher kamen. Lose Freunde, die doch bei jedem Kampf gezwungen werden konnten, gegeneinander anzutreten. Und sich gegenseitig zu töten. Hinderte sie nicht. Einer von ihnen war Jamie. Schade, dass Crystal keine Schicht hatte. Die beiden waren einfach süß, wenn sie miteinander turtelten. Seit zwei Jahren Hals über Kopf verliebt. Jamie winkte ihm zu, und Dalyell nickte mit einem Lächeln.
Drei Omegas an Tisch vier, die wie Dalyell ebenfalls oft im Ring arbeiteten und dafür sorgten, dass es den hohen Herren an nichts mangelte. Denen mit Geld.
Dalyell musste sich anstrengen, sein unpersönliches Lächeln aufrechtzuerhalten, als er Watkins mit zwei Geschäftspartnern entdeckte. Zum Glück nicht an einem der Tische, für die Dalyell zuständig war.
Der Mann machte Dalyell Angst. Er war kein Wandler, aber war dick im Geschäft um die Wetten verstrickt. Besaß eine der größeren Schulen für die Kämpfer, die er seine Gladiatoren nannte. Und hatte dummerweise eine offene Vorliebe für Omegas. Er sammelte sie wie andere Leute Taschen oder Schuhe in einem selbst deklarierten Harem.
Zumindest, bis er eines Mannes überdrüssig wurde. Dann verschwand der. Offiziell ausgezahlt und mit einem großzügigen Geschenk versehen, das aus einem Häuschen an einem Wunschort bestand. Es gab Geschichten von denen, die welche kennen wollten, die gehört hatten, dass die Omegas glücklich auf dem Land, in London oder an einem See wohnten. Hartnäckig hielten sich jedoch auch andere Gerüchte, die von illegalen Bordellen sprachen oder von Betonschuhen mit einem lauschigen Fleck am Grunde eben jenes Sees.
Im Gegensatz zu manchen seiner Kollegen wollte Dalyell es lieber nicht darauf ankommen lassen herauszufinden, was der Wahrheit entsprach. Obwohl ihm ein Cottage auf dem Land mehr als gelegen käme. Das war sein Traum.
Seine Schulden abbezahlen, aussteigen, seinen Gefährten finden und irgendwo hinziehen, wo es nur Idylle gab. Aber nicht um den Preis seiner Seele. Er würde sich nicht verkaufen. Doppelt und dreifach nicht, wenn die Chancen fünfzig zu fünfzig standen, dass statt eines ruhigen Lebensabends der Tod auf ihn warten mochte.
Als er sich abwandte, sah er aus den Augenwinkeln, dass Watkins den Blick auf ihn richtete und die Hand zum Winken hob. Uff, gerade noch mal gut gegangen. Den interessierte das nämlich nicht, wer für welchen Tisch zuständig war. Jeder hatte sich um seine Belange zu kümmern, so seine Auffassung. Immerhin war er reich und attraktiv. Das konnte nicht mal Dalyell ihm absprechen. Graue Augen, kantige Züge, schwarzes Haar und breite Schultern. Trotzdem hatte Dalyell kein Verlangen danach, mit ihm ins Bett zu gehen.
Das lieber eindeutig mit Keith. Der war nicht so glatt und kam von außerhalb. Außerdem hatte er keinen Ruf, seine Betthasen umzubringen. Und nach einer Nacht war er wieder verschwunden. Perfekt. Keine Gefahr, dass er mehr wollte. Denn das mochte Dalyell nicht riskieren. Sich zu verlieben, den Kopf zu verlieren und dann einen Unbeteiligten in diese verdammte Arena zu lotsen, ob er wollte oder nicht. Passierte viel zu leicht. Hatte er ja auch nie für sich geplant. War aber geschehen.
Dalyell verdrängte den Gedanken an die Schulden, die noch immer auf ihm lasteten, und eilte geschäftig zu den Kämpfern um Jamie hin, von denen einer ebenfalls gewinkt hatte. Nachschub, garantiert. Es war erstaunlich, was diese Kleiderschränke vertrugen. Und er hatte dafür zu sorgen, dass genug nachkam.
Keith
Keiths einzige Vorbereitung auf sein Date bestand aus einer Dusche und dem Flechten seiner Haare. Die nervten sonst beim Sex, klebten überall oder verhedderten sich in Fingern und durchaus auch mal in Zehen. Musste nicht sein. Dazu Jeans und ein grünes T-Shirt. Reichte aus.
Von den Temperaturen her ohnehin; war warm für Anfang Mai. Hell war es ebenfalls noch nach zwanzig Uhr, obwohl die Sonne bereits hinter den Häusern verschwunden war. Eindeutig Schottlands Vorteil in den Sommermonaten. Keith liebte die langen Tage, die kaum zu enden schienen.
Als er das kleine Hotel verließ und auf die gepflasterte Straße trat, warf er einen automatischen Rundumblick. Niemand da, der ihm bekannt vorkam. Gut. Niemand, der aussah, als würde er sich sein Brot in der Arena verdienen. Hervorragend. Nicht, dass er nach all den Jahren noch viele Gesichter kannte.
Zum Glück war der Treffpunkt nicht weit entfernt. Keiths Körper summte regelrecht vor Erwartung. Hoffentlich hatten sie Zeit für zwei Runden. Die Erste fürs schnelle Abreagieren, danach eine längere für Genuss. Nicht zu lang, bewahre. Aber etwas, das ein paar mehr Hormone abbaute.
Als er auf die Hauptstraße einbog, entdeckte er sein Date direkt an der Fish-'n'-Chips-Bude, an der sie sich verabredet hatten. Kein Zweifel möglich. Ein schwarzer Hoodie verbarg Dalyells Figur; auch die Jeans war zu weit und schien darauf ausgelegt, ihn zu verstecken. Trotzdem sah der Kleine noch hübscher aus als auf seinen Fotos. Das blonde Haar zerzaust, die vollen Lippen entspannt, die Hände in den Taschen vergraben. Wirkte ein wenig gelangweilt, wie er da stand. Aber fuck, richtig hübsch!
Viel zu hübsch. Eigentlich schon deutlich zu sehr ein Omega, auf den Keith würde abfahren können.
Wurde nicht besser, als der Kleine sich umdrehte und ihn entdeckte. Die grünen Augen weiteten sich im Erkennen. Scheiße, waren die schön! Selbst auf die Entfernung hin. Ein unerwartet unangenehmes Flattern zog durch Keiths Magen.
Dalyell nickte ihm einmal zu und kam ihm entgegen. Er lächelte nicht, wie Keith das sonst von seinen Dates kannte. Die meisten Omegas lächelten zur Begrüßung rein automatisch. Passte zu dem, was sie haben würden. Gut.
Keith erwiderte das Nicken knapp, ehe er mit dem Kinn in die Richtung wies, aus der er gekommen war. »Hi. Hier entlang.«
Die grünen Augen weiteten sich erneut, als imponierte dem Omega seine Stimme. Seine Miene blieb jedoch weiterhin unberührt. »Okay.«
Ja, mit der Stimme konnte Keith punkten. Aus dem tiefsten Keller, so hatte eines seiner Dates die mal beschrieben. Tief war sie in der Tat, trug irgendwie immer ein Grollen mit sich. Keith musste zugeben, Dalyells Stimme gefiel ihm ebenfalls. Ein einziges Wort nur, aber das war von den Zehen- bis zu den Haarspitzen durch ihn hindurch geperlt. Klar und warm und … Uff.
Keith setzte sich wieder in Bewegung, und Dalyell holte auf und trat neben ihn. Im nächsten Moment ruckte sein Kopf hoch, der Kleine riss die Augen auf, sog scharf die Luft ein.
Fast meinte Keith, Schreck in seinem Blick zu lesen. »Hm?«
Der Laut blieb auf halbem Weg in seiner Kehle stecken, als ein Duft ihn einhüllte, der keine Fragen offenließ. Süß, weich, sanft und so verflucht verlockend, dass Keith den Atem anhielt. Das Bedürfnis, diesen wildfremden Mann in die Arme zu ziehen und zu küssen, überrollte ihn. Küssen, festhalten und nie mehr loslassen.
Fuck! Nein! Fuck! Verdammt, nein!
Keiths Herz sprang in seine Kehle, schnürte ihm für einen Moment den Hals zu. Trotzdem wandte er sich nur gemächlich wieder ab und setzte stur seinen Weg fort, als hätte er nichts bemerkt. Als würde der aus der Biologie geborene Jubel seines Wolfs nicht von Panik in Schach gehalten werden.
Der kleine Omega, der ihm gerade einmal bis zur Schulter reichte, war sein Gefährte. Das durfte nicht, das konnte nicht wahr sein! Da musste ein Irrtum vorliegen. Niemand brauchte einen Gefährten wie Keith. Wirklich niemand. Nicht mal 'n Arschloch.
Sie würden ficken. Und sich dann trennen. So, wie sie das geplant hatten. Planung war wichtig. Planung war gut. Keine Überraschungen. Fuck. Leider hämmerte Keiths Herz noch immer.
Neben ihm schob der Omega die Hände tiefer in die Taschen und trottete weiter an seiner Seite in Richtung Hotel. Aus den Augenwinkeln sah Keith, dass er den Blick stumpf auf den Gehweg gerichtet hielt. Sah zumindest so aus. Bis auf den einen Moment des Schrecks hatte sich nichts geändert. Gut.
Keith konnte wieder leichter atmen. Musste ein Irrtum sein, egal, wie der Mann roch. Vielleicht hätten sie zueinander passen können, wäre Keith nicht der, der war. Das musste der Duft bedeuten, das war alles. Aber sie waren keine wahren Gefährten. Auf keinen Fall.
Und wenn sie gleich Sex hatten, wäre den Hormonen Genüge getan. Danach hörte garantiert der Funkenflug in Keith auf, der sich von seinem Magen ausgehend in seinem gesamten Körper verbreitet hatte. Spielte mit Sicherheit ebenfalls eine Rolle, dass der Omega so gut roch. Weil Keith untervögelt war.
Moment, vielleicht war Dalyell in Hitze? Natürlich! Das würde so einiges erklären. Den verlockenden Duft, seine Bereitschaft, einfach so mit irgendwem zu schlafen. Mit jemandem, der aussah wie Keith. Vermutlich hatte der schlicht das erste Match genommen, das sich ergeben hatte. Das musste es sein.
Die Panik flaute ab, der Funkenflug nicht. Hormone. Fucking Hormone.
»Hier sind wir«, brummte Keith und wies mit einer sparsamen Geste auf den unscheinbaren Eingang des Hotels. Er ging voran, hielt Dalyell die Tür auf und deutete dann auf die Treppe am anderen Ende der engen, dunklen Lobby. Hm, der Tresen war nicht besetzt, da wäre Dalyell auch so reingekommen. Egal.
»Gut.« Knapper noch als Keith nickte Dalyell.
Schon das zweite Wort. Perlte wieder durch Keith. Fuck. Über dem Knarren der Holzstufen lauschte er auf die Schritte des Omegas, als sie in den zweiten Stock emporstiegen. Leichte Schritte. Aber der Kleine blieb hinter ihm. Ergriff nicht die Flucht. Hieß, dass er sich sicher mit ihm fühlte, oder? War er auch, klar. Und da er in Hitze war …
Sie durften auf keinen Fall Kondome vergessen. Im Leben würde Keith nicht für das Zeugen von Welpen verantwortlich sein. Partnerschaft kam nicht infrage, einen Omega mit Jungen sitzen lassen noch viel weniger.
Fuck. In der Enge des Treppenhauses wurde der Duft nur stärker. Schon jetzt drängte Keiths Schwanz gegen seine Jeans an. Zum Glück hatten sie das Zimmer fast erreicht. Denn alles, was Keith wollte, war den Kleinen zu packen, zu küssen, zu ficken.
Und ihn danach zu halten und zu beschützen.
Verdammt.
Dalyell
Dalyells Herz schlug irgendwo ganz weit oben in seiner Kehle. Das hatte sich seit dem ersten Einatmen dieses unglaublichen Geruches nicht wieder beruhigt. Dieser Duft, der verlangte, dass Dalyell einem wildfremden Mann in die Arme fiel und dort für immer blieb. Der verdammte Duft nach Gefährte!
Theoretisch.
Dalyell starrte sich auf dem knackigen Hintern fest, während er Keith nach oben zu dessen Zimmer folgte. Auf den breiten Schultern. Auf dem mächtigen Bizeps, der die Ärmel des T-Shirts spannte. Was für ein Körper! Dazu die dunkel-raue Stimme, die aus den tiefsten Tiefen der Erde zu kommen schien. Und sich direkt in Dalyells Bauch eingenistet hatte. Außerdem in seiner Brust.
Doch Keith hatte mit keinem Wimpernschlag zu erkennen gegeben, dass er in ihm seinen Gefährten erkannt hatte. Kein schärferes Einatmen, kein Stocken, kein Zucken eines Gesichtszugs. Nur ein fragendes »Hm?« auf Dalyells Schreck hin.
Auf das Dalyell nicht hatte antworten können. Stimme weg. War aber offensichtlich auch nicht nötig gewesen. Größtenteils schien sein Pokerface intakt geblieben zu sein, was für ein Glück. Denn praktisch … praktisch waren sie wohl doch keine Gefährten, oder? Sonst hätte Keith schließlich irgendwas getan. Wäre nicht nur ungerührt losgestiefelt, um Dalyell auf sein Zimmer abzuschleppen.
Konnten sich Dalyells Instinkte so irren? Der Duft vernebelte sein Gehirn, ließ das Denken schwer werden. Gerade in der Enge des Treppenhauses. Außerdem machte er ihn hart. So hart, dass es schmerzhaft war. Und das war der Grund, warum Dalyell nicht auf dem Absatz kehrtmachte und das Weite suchte.
Gefährte war nun echt keine Option. Doch verdammt, sein Verlangen nach Sex hatte sich in den letzten Minuten noch um ein Vielfaches gesteigert. Mit einem Schlag war er so geil, dass es kaum auszuhalten war. Hitze? Nee, die war definitiv nicht fällig. Die hatte er gerade erst hinter sich gebracht, eingesperrt in sein Zimmer, um keine dummen Dinge zu tun. Zum Glück war das den Omegas erlaubt. Nicht bezahlt, bewahre. Aber immerhin, sich für den Zeitraum zurückzuziehen.
Bestimmt noch die Nachwehen davon. Weil Handarbeit und Dildos zwar gegen das Schlimmste halfen, doch eben nicht wirklich das waren, nach dem sein Körper sich in dieser Zeit sehnte. Außerdem fiel Keith komplett und exakt in Dalyells Beuteschema. Hätte er einen Wunsch frei bei der Partnerwahl, käme Keith ziemlich genau hin. Zumindest vom Aussehen her.
Sie liefen einen kurzen Flur entlang, dann öffnete der Beta endlich eine Zimmertür. Während Dalyell noch eintrat und die Tür wieder schloss, ging der große Mann auf ein Knie und schaute … unter das Bett? Verdutzt sah Dalyell ihn an. Ein zweiter Blick galt dem Inneren des Kleiderschranks, ein dritter dem Bad.
Was war denn das für ein Spinner? »Hast du Angst, dass sich jemand eingeschlichen hat, um uns zu beobachten?«
Keith zuckte nur mit den mächtigen Schultern. Seine Miene verriet nichts, als er sich zu Dalyell umdrehte. Braune Augen musterten ihn, hüllten ihn in einen Blick, in dem Feuer lag. Und … Wärme?
»Alles okay?«, fragte er mit seiner tiefen Stimme, die Dalyell erneut in den Magen fuhr. »Du willst immer noch?«
Huh? Das hatte bisher keines von Dalyells Dates getan. Sie waren doch schon auf dem Zimmer. Reichte das nicht aus als Zeichen?
»Du stehst an der Tür. Als willst du weg.« Keith hob einen Mundwinkel in der Andeutung eines Lächelns. Oh, stand ihm! Machte ihn gleich noch einmal attraktiver und ließ Dalyells Herz hüpfen. »Ich werd' nichts tun, das du nicht willst.«
Ja, einladend war anders, fiel Dalyell auf. Er hatte die Schultern leicht hochgezogen, die Hände nach wie vor in den Taschen vergraben. Meinte der Kerl das ernst? Bewusst entspannte sich Dalyell, trat forsch zu Keith hin. Himmel, der Duft nahm direkt wieder zu, hüllte ihn ein. »Klar will ich. Sonst wäre ich nicht hier.« Dann konnte er sich jedoch nicht davon abhalten zu fragen: »Wenn ich jetzt ginge, das wäre echt okay für dich?«
Erneut zuckte Keith mit den Schultern. »Fände ich scheiße, klar. Ich will mit dir ins Bett. Aber wenn du nicht willst, willst du nicht.«
Ernsthaft? Obwohl sie sich für Sex verabredet hatten? Und Dalyell hier war? »Du würdest einfach … nichts tun?«, fragte er ungläubig.
Keith verzog den Mund, nur eben gerade zu erahnen. »Ich seh' vielleicht aus wie ein Schwerverbrecher. Aber ich vergewaltige doch keinen Omega! Oder irgendwen.«
Für zwei Atemzüge hatte Dalyell das Bedürfnis, das auszuprobieren, während er in Keiths braune Augen sah. Sich schlicht umzudrehen und zu gehen. Um zu schauen, ob Keith das ernst meinte. War nicht so, als hätte Dalyell keine Erfahrung damit.
Stell dich nicht so an, darum bist du doch hier, hatte eines seiner Dates geknurrt und ihn festgehalten, um ihn durchzuficken. Klar, sie waren verabredet gewesen, nur Dalyell hatte es sich anders überlegt. Tja, war nichts geworden. Die Befindlichkeiten eines Omegas zählten nicht viel.
Als Keith durchatmete und einen Schritt zurücktrat, merkte Dalyell, dass er nur gestarrt hatte. Keine Antwort gegeben. Und dass Keith wohl wirklich beabsichtigte, nichts zu tun, wenn Dalyell das nicht wollte. Das war unerwartet. Schon wieder tat Dalyells Herz einen Satz. »Du siehst nicht aus wie ein Schwerverbrecher.« Nicht mit diesen warmen Augen. »Und ich will dich.« Tatsächlich jetzt noch mehr. Uff.
Ein Lächeln huschte über Keiths Gesicht, Erleichterung erhellte seine Miene. Er trat vor, zog Dalyell an sich. Und als Dalyell ganz automatisch den Kopf hob, presste er die energischen Lippen auf seinen Mund.
Eindrücke prasselten auf Dalyell ein, die sich kaum sortieren ließen. Muskulöse Arme um ihn, die Sicherheit versprachen. Ein harter Körper an seinem wie ein Schutzwall vor der Welt. Wärme. Atem, der ihn streifte. Dieser Duft wie nach einem Zuhause, der noch einmal intensiver wurde. Überraschend nachgiebige Lippen, die zum Mitmachen einluden. Keiths schiere Größe, die ihn dazu brachte, den Kopf erstaunlich weit in den Nacken legen zu müssen.
Dalyell schlang die Arme um Keiths Hals, reckte sich auf die Zehenspitzen und erwiderte den Kuss. Als er den Mund öffnete, drang Keith sofort mit der Zunge in ihn ein. O Himmel, der Mann schmeckte exakt so, wie er roch! Traumhaft, einladend, unvergleichlich. Dalyell wurde schwindelig. Wow.
Das Gefühl intensivierte sich, als Keith seine kräftigen, großen Hände auf Dalyells Hintern schob und zugriff. Unwillkürlich stöhnte Dalyell. Darauf stand er. Gleich stöhnte er noch einmal, weil er Keiths beachtliche Beule an seiner Härte spürte. Fühlte sich das geil an!
Als Keith seinen Griff festigte, stieß Dalyell sich kurzerhand ab und schlang die Beine um seine Hüften. Besser. Der Größenunterschied war ausgeglichen, und der Beta konnte ihn mühelos halten. Der war nicht mal vor Überraschung geschwankt.
Dafür nutzte er aus, dass er Dalyell nun trug, und brachte ihn direkt zum Bett. Bekam Dalyell so halb trotz des wilden Kusses mit, weil Keith sich bewegte. Als er zurück auf die eigenen Füße kam, hatte er die Matratze unter sich. Und sah auf Keith hinab. Zumindest ein wenig. Und nur für sehr kurz, denn dann musste er diesen energischen Mund schon wieder küssen. Musste den Tanz mit der heißen und verdammt geschickten Zunge erneut aufnehmen.
Dummerweise dauerte das nicht lang, denn Keith zerrte sein T-Shirt über den Kopf und offenbarte seinen muskulösen Oberkörper. Wow! War der trainiert! Muskeln über Muskeln, ein ausgeprägtes Sixpack. Und von weitaus mehr Narben übersät, als Dalyell sich das vorgestellt hatte. Alles in Dalyell schrie danach, sich wieder an ihn zu pressen. Ihn anzufassen.
Doch bevor er seine Finger über den mächtigen Brustkorb gleiten lassen konnte, hatte Keith schon den Saum von Dalyells Hoodie gepackt und zog es ihm über den Kopf. Samt dem T-Shirt, das Dalyell darunter trug. Prima, Zeit gespart. Dalyell hielt das gerade ohnehin kaum noch aus. Mann, war er scharf auf Keith!
Glut lag in den dunklen Augen, als Keith den Blick über Dalyells schlanken Körper streichen ließ. Sehr offensichtlich gefiel ihm, was er sah, und Dalyell gab es für sich zu, das machte ihn schon ein wenig stolz. Auch er war trainiert, wenngleich er nicht einmal im Ansatz mit Keith mithalten konnte.
Er balancierte seinen Stand auf der nachgiebigen Unterlage aus, hielt sich an Keiths Oberarmen fest. Was für ein Bizeps! Er musste ihn einfach entlang fahren, genoss, wie er sich unter seinen Fingern bewegte, weil Keith Dalyells Jeans öffnete und ihm mit einem Ruck über die Hüften zog. Inklusive Shorts natürlich. Keith schien kurzen Prozess zu lieben. In dem Fall erleichternd. Freiheit. Das tat gut. Dalyells Schwanz richtete sich auf.
Dalyell trat Hose und Schuhe von sich, ehe er sich auf die Knie sinken ließ und genüsslich über Keiths breite Brust leckte. Auch hier schmeckte der Mann zum Niederknien. Gut, dass er das soeben ohnehin getan hatte. Aber so kam er besser an die Jeans ran.
Während Keith ihm das Haar zerwühlte, öffnete Dalyell den Knopf, zog den Reißverschluss runter und keuchte auf. Praktisch veranlagt hatte Keith gleich ganz auf die Shorts verzichtet. Oder trug der nie welche? So oder so hatte Dalyell mit einem Mal ein Prachtexemplar von einem Schwanz direkt vor sich. Lang, dick, gerade. Wie geil!
Dalyell
Unwillkürlich biss Dalyell sich auf die Unterlippe, spürte mit einem Schlag seine Rosette intensiv pulsieren. O fuck, den wollte er am liebsten sofort in sich spüren! Ganz tief, bis zum Anschlag. Außerdem wollte er ihn schmecken. Wollte ihn im Mund haben und lecken, saugen, mit der Zunge umspielen, bis Keith kam. Und wollte er ihn wichsen. Bis Keith abspritzte. Und er wollte dabei seine Miene sehen. Und … verdammt. Am besten alles auf einmal.
Aber sie hatten nur dieses eine Mal. Dalyell spürte einen Stich in der Brust und wandte den Blick von dem verlockenden Schwanz zu Keiths Gesicht hoch. Die dunklen Augen beobachteten ihn, und für einen Atemzug wirkten Keiths Züge beinahe weich. Der nächste Stich traf Dalyells Bauch, und dieser war warm. Und wie! Woah …
Dann bewegte sich der große Mann, und der Eindruck verwischte.
Dalyell riss sich zusammen und konzentrierte sich auf das Einzige, das gerade wichtig war. Sex. Deswegen war er hier, verdammt! Egal, wer der Kerl mit ihm im Hotelzimmer war.
Genüsslich leckte er über Keiths harten Schwanz, spürte samtige Hitze an seiner Zunge und ein Pulsieren, das sich direkt auf seine Rosette übertrug. Ebenso wie Keiths dunkles Stöhnen. Und sein Geschmack. Okay, auch hier schmeckte der Mann wie der Himmel. Dalyell umfing die Erektion mit dem Mund, nahm sie so tief in sich auf, wie er konnte, und wurde mit einem weiteren Stöhnen belohnt.
Wenn er nicht selbst so scharf gewesen wäre, hätte er jetzt ausprobiert, wie schnell er Keith zum Höhepunkt bringen konnte. Aber nicht, dass der Mann kam, und das war es!
Fand Keith offensichtlich auch, denn er drängte Dalyell von sich weg, setzte sich und zog ihn direkt auf seinen Schoß, um sich dann mit ihm auf die Matratze sinken zu lassen. Und ihn in einen leidenschaftlichen Kuss zu verwickeln, der Dalyell die Sinne raubte. Wie machte der Kerl das nur? Einfach mit Lippen und Zunge! Und seinen kräftigen, rauen Händen, die überall zu sein schienen.
Bald fand sich Dalyell auf dem Rücken liegend wieder, während Keith seinen Körper mit Liebkosungen, Küssen, Bissen überzog und keinen Fleck unberührt ließ. Stöhnend wand Dalyell sich in den Laken, konnte nicht länger stillhalten. Scheiße, war das gut! Er wollte mehr. Mehr, mehr, mehr!
Er hob Keith die Hüften entgegen, wann immer der auch nur in der Nähe seines Schwanzes war; presste den Hintern in die Hände des Betas, sobald die sich dort befanden. Wimmerte, als ein Finger über seine Rosette strich und dann doch nicht in ihn eindrang.
O Gott, Dalyell war so geil, es war kaum noch zum Aushalten! Er brauchte Keith. Brauchte diesen dicken, harten Schwanz in sich. Jetzt! Alles in ihm sehnte sich danach. Danach, dass Keith ihn ausfüllte, ihn dehnte, in ihn stieß. Ihm näher und näher kam. Nach der Erlösung.
»Fick mich«, keuchte er und nahm die Beine weiter auseinander. »Mach!«
Reglos verharrte Keith, ein Anblick gesammelter Kraft, Erotik pur, wenn es nach Dalyell ging. Sein göttlicher Körper glitzerte vor Schweiß, jeder Muskel davon betont. Strähnen hatten sich aus dem Zopf gelöst, umspielten das kantige Gesicht, aus dem dunkel glühende Augen auf Dalyell gerichtet waren und ihn regelrecht verschlangen.
Dann nickte der Mann abgehackt, reckte sich und zog etwas unter dem Kopfkissen hervor. Kondome? Was?
Dalyell wimmerte. »Bin nicht in Hitze. Mach schon!« Obwohl er sich gerade so fühlte. Als würde er verrückt werden vor Lust und Verlangen, wenn Keith sich nicht beeilte.
»Sicher ist sicher.« Keiths Stimme war kratzig und heiser und verriet, wie schwer es ihm fallen musste, sich zu beherrschten. Trotzdem riss er unbeirrt eines der Zellophantütchen auf und streifte ein Gummi über.
Sogar das sah geil an ihm aus. Wie er es tat, sein verpackter Schwanz sowieso. Jetzt hielt es Dalyell endgültig nicht mehr aus. Sein Körper glühte, kannte nur noch ein Ziel. Er drehte sich um, reckte Keith seinen Hintern entgegen, zog die Pobacken auseinander. »Bitte, Keith. Mach! Mach, mach, mach! Fick mich!«
Doch was tat der Arsch? Schob zwei Finger in Dalyell! »Bin zu groß dafür«, keuchte er.
Allein der Ton ging Dalyell durch und durch und explodierte zwischen seinen Beinen. Dennoch wollte er nur noch … er schrie auf, als Keith über die empfindlichste Stelle in ihm strich und ihn damit Sterne sehen ließ. Reichte trotzdem nicht. »Bist du nicht! Mach!«
Die Finger verschwanden und hinterließen Leere. Wieder wimmerte Dalyell, spürte im nächsten Moment jedoch die Schwanzspitze an seiner vor Geilheit pulsierenden Rosette. Und gleich darauf mehr.
Keiths starke Hände packten seine Hüften, um sie an Bewegungen zu hindern. Dann schob er sich langsam in ihn. Langsam, aber unaufhaltsam, als könnte er nicht anders. Und verharrte, als er bis zum Anschlag in ihm steckte.
Keuchend starrte Dalyell mit aufgerissenen Augen auf die Bettwäsche unter sich. Scheiße, war Keith groß! Himmel, tat das gut! Doch er brauchte Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Und verrückterweise gab Keith sie ihm, statt sofort loszurammeln.
Mehrere Atemzüge regten sie sich nicht.
»Geht?«, fragte Keith schließlich rau.
Dalyell sah über die Schulter zu ihm hin. Wieder erschien ihm Keith wie eine vollendete Statue, gesammelt und gefasst, jeder Muskel angespannt. Für einen bizarren Moment hatte er den Drang, den Kopf zu schütteln. Nur, um herauszufinden, ob Keith sich aus ihm zurückziehen würde. Weil er sich so anders verhielt als all die Dates, die Dalyell bisher gehabt hatte.
Doch der Gedanke daran, ihn nicht mehr in sich zu haben, ließ ihn nicken. Er brauchte das so sehr, wie er es noch nie gebraucht hatte. Hitze inklusive. »Mach«, flüsterte er. »Bin nicht aus Porzellan.«
Keiths Griff festigte sich, ehe er sich behutsam aus ihm zurückzog, ohne ihn ganz zu verlassen. Dann erneut in ihn eindrang. Und wieder aus ihm glitt, um ihn aufs Neue auszufüllen. Es war eine gleichmäßige, wellenförmige Bewegung, die nur allmählich schneller wurde. Auch das, wie um Dalyell Zeit zu geben, sich an ihn zu gewöhnen.
Dalyell sank auf die Matratze zurück, vergrub die Finger im Kissen und stöhnte. Es war perfekt. Und wurde noch perfekter, als die Stöße härter und stürmischer wurden. Als Keith wieder und wieder diese eine Stelle in ihm traf, als würde er es darauf anlegen. Bei jedem Mal schrie Dalyell lauter. Was tat dieser Mann mit ihm? Sein Körper schien einzig aus glühender Lust zu bestehen, die nach Erlösung verlangte.
Dalyell zog ein Kissen heran, um das Gesicht reinzupressen und nicht das ganze Hotel zusammenzuschreien. Dann wurde auch das egal, als Keith sich nach vorne beugte, ohne mit seinen Stößen innezuhalten. Seine rauen Hände streichelten über Dalyells Brust und Bauch. Eine umfing seinen Schwanz und pumpte in ihrem gemeinsamen Rhythmus, während Keith das Gesicht in Dalyells Nacken vergrub. Das dunkle Stöhnen so nah trug nur noch mehr dazu bei, dass Dalyell vor Erregung wahnsinnig zu werden schien.
Er wollte kommen. Er musste kommen! Jetzt … sonst …
Keiths muskulöser Körper spannte sich an, seine Stöße wurden zu einem harten Stakkato. Dann wuchs sein Schwanz in Dalyell an. Mit einem tiefen Grollen biss Keith ihn in den Nacken, als er sich in ihm ergoss.
Und Dalyell kam, als hätte er nur darauf gewartet. Die Welt um ihn schien zu explodieren. Oder er. Oder gleich das ganze Universum, als er stöhnend Schub um Schub in Keiths Faust spritzte und sich die Lust in einem unglaublichen Crescendo entlud.
Mit einem letzten Zucken sackte Dalyell in sich zusammen, während sich die Verbindung ihrer Körper festigte. Jede Kraft hatte ihn verlassen, dafür breitete sich wohlige Schwere in ihm aus und eine endlos erscheinende Zufriedenheit. Sein Kopf war mit Watte gefüllt, die keine Gedanken zuließ, nur Wärme und Wohlgefühl.
Ächzend sank Keith auf ihn, und selbst das war schön, obwohl es Dalyell am Atmen hinderte. Von diesem muskulösen, großen Körper in die Matratze gedrückt zu werden, fühlte sich toll an. Geborgen irgendwie.
Doch Keith gönnte sich nur zwei Atemzüge, ehe er bereits wieder von ihm herunterrollte und Dalyell dabei mitnahm, bis sie auf der Seite lagen. Dalyells Rücken an Keiths Brust. Keith krümmte sich ein wenig zusammen, wie um ihn zu umfangen, und schob einen Arm unter Dalyells Kopf hindurch. Ein unglaublich bequemes Kissen. Ja, eindeutig. Und zog die Decke über sie, ehe er den anderen Arm um ihn legte und die Hand leicht auf seiner Brust platzierte.
Zufrieden ließ Dalyell alles mit sich geschehen. Fühlte sich herrlich an. Als würde Keith sich darum sorgen, dass es ihm gut ging. Dass er es gemütlich hatte, während sie noch verbunden waren. Dass er nicht fror.
Dalyell
Nur ganz langsam kehrten die Gedanken zurück, während Dalyell wieder zu Atem kam und die Nähe genoss. Eigentlich war das der Part seiner Dates, den er nie mochte. Dieses erzwungene Aneinandergebundensein. Diese Zeit, in der er nicht gehen konnte, obwohl der erwünschte Teil nun vorbei war. Doch gerade fühlte er sich wohl. Gehalten. Beschützt.
Das war nicht gut, oder?
Andererseits auch kein Wunder. So, wie Keith auf ihn Rücksicht genommen hatte. Was für ein Glücksgriff! Der geilste Sex, den Dalyell je gehabt hatte. Mit dem berauschendsten Höhepunkt. Und das alles verbunden mit einem Mann, der nicht nur tat, was er wollte. Sondern auf Dalyell achtete. Hm, da bestand ein Zusammenhang, oder?
Träge drehte Dalyell den Kopf, um Keith ansehen zu können. Und fand sich direkt in den braunen Augen gefangen. Sein Herz machte einen Satz. Keith lächelte nicht, doch sein Gesicht wirkte entspannt und gelöst. Die Wärme in seinem Blick forderte eine Erwiderung in Dalyell heraus. Ebensolche Wärme, die sich in seiner Brust und seinem Bauch ausbreitete und das Gefühl von Schutz noch verstärkte.
Ich tu nichts, das du nicht willst, hatte Keith gesagt.
Und plötzlich wusste Dalyell, dass dieser breitschultrige, vernarbte und sehr offensichtlich kampferprobte Mann das exakt so gemeint hatte. Er konnte es spüren. Dalyell fühlte sich sicher. Vollständig, als würde Keith ihm nicht nur nichts tun, sondern als würde er auch alles von ihm fernhalten, das ihm gefährlich werden konnte.
Und das war schlecht, oder?
Sein Gehirn funktionierte noch immer nicht wirklich, zu eingehüllt in wohlig warme Hormone, die da eigentlich nichts zu suchen hatten. Sie hatten Sex gehabt, mehr nicht. Richtig? Wieso hatte der Mann so schöne Augen? Die wirkten sanfter als alles andere an ihm. Was für ein Kontrast. Und sie versprachen etwas. Dalyell war sich sicher. Nur wusste er nicht, was es war.
Keiths Blick löste sich von seinen eigenen Augen, huschte zu seinem Mund. Kehrte wieder zu den Augen zurück.
Ein Kuss. Das versprachen sie, garantiert. Dalyell drehte sich weiter zu ihm, hob eine Hand und schob sie in Keiths Nacken, um ihn zu sich zu ziehen.
Keith ließ es zu. Kam ihm entgegen, bis sich ihre Lippen berührten.
Dalyells Welt verwischte aufs Neue. Das Einzige, was wichtig schien, war der warme Mund auf seinem, das zärtliche Spiel ihrer Lippen, ihr geteilter Atem. Das Geben und Nehmen.
Und irgendwann, als sich ihre Verbindung löste, weitere Liebkosungen, die zu einer zweiten Runde führten, die es schaffte, noch atemberaubender zu werden. Vielleicht, weil sie mehr Zeit und weniger Druck hatten. Und dann eine dritte Runde, nach der Dalyell einfach einschlief.
Als er irgendwann wieder aufwachte, hatten sie ein viertes Mal Sex. Erst danach schaltete sich endlich Dalyells Vernunft ein. Es war spät, der letzte Bus schon lange abgefahren. Doch er befand sich im Hotelzimmer seines Sexdates und würde auf gar keinen Fall über Nacht hierbleiben.
Doppelt und dreifach nicht, weil Keith noch immer roch wie das Paradies. Das hatte sich in den letzten Stunden nicht geändert. Obwohl Dalyell so befriedigt war wie nie zuvor in seinem Leben.
Ächzend streckte er sich und sah an sich hinab. Er war total versifft. »Ist es okay, wenn ich schnell dusche, ehe ich gehe?«
Keith brummte eine Zustimmung und stand auf. Natürlich nach wie vor nackt wie die Sünde.
Gleich hatte Dalyell erneut das Bedürfnis, diesen muskulösen Körper entlang zu streicheln. Als hätte er das nicht bereits ausgiebig getan. Oder ihn mit unter die Dusche zu nehmen. Nass glänzend war Keith garantiert auch mehr als nur einen Blick wert.
Stattdessen folgte er Keith in das kleine Bad, ohne ihn anzufassen, und sammelte auf dem kurzen Weg seine Kleidung zusammen.
Der Beta reichte ihm das obere Handtuch vom beheizten Handtuchhalter. »Das ist frisch. Kannste nehmen.«
Unwillkürlich musste Dalyell grinsen. Als würde ihn stören, ob Keith es schon benutzt hatte. Sie hatten gerade so ziemlich alles geteilt.
Keiths Augen weiteten sich. Für einen Atemzug starrte er ihn an, dann hob sich einer seiner Mundwinkel. »Trotzdem«, sagte er mit seiner dunklen Stimme, ehe er das Bad verließ.
War vermutlich besser so. Zusammen unter der Dusche zu stehen, hätte garantiert zu Runde fünf geführt, und Dalyell war bereits jetzt arg empfindlich dort unten. Außerdem musste er weg hier. Nicht, dass er noch mal einpennte. Das wäre deutlich zu vertraut. Das ging unter gar keinen Umständen.
In seinem Hinterkopf lauerten ohnehin schon zu viele Gedanken und leichte Panikanfälle, wenn er darüber nachdachte, was an diesem Abend und in dieser Nacht geschehen war. Routine half. Duschen. Anziehen. Sichergehen, dass er nichts vergaß.
Als Dalyell wieder aus dem Bad kam, saß Keith auf dem Bett und wischte auf seinem Handy herum. Natürlich noch immer nackt. Natürlich noch immer so verdammt verlockend, dass Dalyell einen trockenen Mund bekam. Er kam einfach nicht darüber hinweg, wie attraktiv dieser Mann war! Dummerweise wurde auch der Duft sofort stärker. Gerade hatte er ihn weggespült, die Gedanken geklärt, aber jetzt?
Keith sah auf, legte das Handy neben sich. »Du findest raus?«
»Klar.« Halb zuckte Dalyell mit einer Schulter. Der Weg war nun echt nicht kompliziert. Im Gegensatz zu dem Chaos in seinem Inneren. Das verlangte, dass er zu Keith trat, ihn umarmte und sich mit einem Kuss verabschiedete. Was zur Hölle?
»Hm. Gut. Dann … ciao. Danke für die Nacht.« Keith stand auf, nickte ihm zu. Kein Anzeichen, dass er diesen Duft ebenfalls wahrnahm. Kein Wort, dass sie sich erneut treffen sollten. Dass etwas besonders war.
Irgendwas musste mit Dalyells Sinnen nicht stimmen. Und das war beruhigend. »Ja. Ciao.«
Er straffte die Schultern und verließ das Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen.
Hinter ihm schloss Keith die Tür.
Der Laut ließ einen Schauer über Dalyells Rücken laufen. Irgendwie klang der endgültig. Eigentlich so, wie es sein sollte. Warum war er dann so durch den Wind?
Keith
Keith wartete. Hörte, wie die leichten Schritte sich ohne Zögern entfernten. Dann klappte die Tür zum Treppenhaus. Fiel zu. Erst danach atmete er tief durch. Und nahm sofort wieder den Duft von Dalyell wahr, der überall im Zimmer hing. Samt dem nach Sex.
Dem besten Sex, den Keith je gehabt hatte. Himmel! Ursprünglich hatte er geplant, es nur zweimal mit ihm zu tun. Und jetzt? Das! Ganz zu schweigen von den innigen Küssen, die sie geteilt hatten. Eigentlich küsste Keith selten bei seinen Sexdates. So gut wie nie. Fuck.
Doch vorbei war vorbei. Was für ein Glück. Und eines war er mit Sicherheit gerade – tiefenentspannt, was seinen Körper und die Hormone betraf. Nun musste er lediglich den Geruch von Omega in Hitze loswerden.
Fenster auf, dann ab unter die Dusche. Das half gegen das Schlimmste. Aber natürlich hing Dalyells Duft auch in der Bettwäsche und hüllte Keith ein, kaum dass er sich auf die Matratze fallen ließ. Wäre Dalyell noch hier … Grollend starrte Keith auf seinen Schwanz, der sich schon wieder regte. Als hätte er nicht gerade das Workout seines Lebens bekommen.
Das musste einfach die Hitze sein. Wenn da nicht dieser eine Moment gewesen wäre, in dem Dalyell scharf Luft geholt und ihn verschleiert angeschaut hätte. Als wäre Keith der Omega in Hitze! Dalyell hatte definitiv etwas gerochen. Also doch Gefährten?
Fuck.
Natürlich. Klar waren sie Gefährten. Fuck. Eigentlich war Keith sich verdammt sicher. Nur wollte er das nicht sein, das war das einzige Problem. Oder auch nicht. Bloß, weil es ein Fakt war, musste es kein Problem werden.
Keith sah zum dunklen Fenster hin, durch das kühle Abendluft hereinwehte, als wollte sie ihm helfen, wieder vernünftig zu werden.
Okay. Sie hatten also Sex gehabt. Mehrfach. Verdammt Guten. Den verdammt Besten sogar. Und genau dafür hatten sie sich getroffen. Das war alles. Und für einen One-Nighter. Ganz nach Plan. Dalyell hatte nicht einmal mit einem Wimpernschlag angedeutet, dass er mehr wollte. Dass er Kontakt wünschte. Dass er es auf einen Gefährten anlegte.
Vielleicht war der Kleine schon versprochen. Und tobte sich heimlich davor noch mal aus. Oder er wollte überhaupt keine Bindung. Konnte ja sein. So wie Keith.
Was immer seine Gründe waren, blieb es müßig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Und vollkommen egal. Keith entspannte sich. Er wollte keine Beziehung, Dalyell offensichtlich auch nicht. Sie würden sich nicht wiedersehen.
Erleichterung rauschte durch Keiths Körper und ließ ihn durchatmen. In wenigen Tagen war er zurück auf MacArran Manor im Kreise seines Rudels in seinem geliebten Park. Bald wäre alles wieder so, wie es sein sollte. Ruhig und unaufgeregt.
Und weit weg von verlockend duftenden Omegas.
Perfekt.
Selbst in Edinburgh gab es Orte, an denen Keith sich entspannen konnte. Der Royal Botanic Garden war einer davon. Den hatte er schon immer geliebt. Sogar, als er noch ein Gefangener in der Arena gewesen war und nur mit einer elektronischen Fußfessel raus durfte. Hier hatte er Frieden gefunden.
Wie auch jetzt nach seinem ersten Arzttermin, erleichtert um ein paar Unzen Blut. Frieden. Von seinen Erinnerungen an grüne Augen, einen betörenden Duft und eine klare Stimme. Stattdessen frische Luft, die stille Präsenz von Büschen, Blumen, Kräutern. Die Alterslosigkeit der Bäume, die seit Jahrzehnten und Jahrhunderten an der gleichen Stelle standen und so viele Menschenleben hatten kommen und gehen sehen.
Gemächlich folgte Keith seinem Lieblingsweg, lauschte dem Knirschen von Kies unter seinen Sohlen, dem Singen der Vögel. Eine Amsel schmetterte ein Konzert nur für die Besucher des Parks, ein Specht untermalte die Melodie mit seinem ganz eigenen hämmernden Takt.
Keith lächelte. Blumen leuchteten in farbenfrohen Beeten um die Wette, während Bienen und Hummeln fleißig von Kelch zu Kelch flogen, um süßen Nektar einzusammeln. Die Arrangements waren herrlich, jede Menge Inspiration für den Park von MacArran Manor. Noch längst war dort nicht alles so, wie Keith es haben wollte. Dafür schaffte er allein einfach nicht genug weg.
Cailean, Bens Gefährte und eigentlich Keiths Helfer, war mittlerweile hochtragend und durfte nicht einmal mehr so viel wie eine Schaufel heben. Risiko-Trächtigkeit, hatte der Arzt gesagt. Und so innig, wie Cailean sich Welpen wünschte, richtete er sich penibel danach. Doch sie konnten endlos über das Anlegen von Beeten diskutieren. Das war klasse, dafür hatten die anderen einfach keinen Sinn.
Keith schoss ein Foto von einer besonders gelungenen Komposition, die zahllose Schmetterlinge angelockt hatte, und schickte es Cailean. »Was meinst du? Das kleine Beet im Nordgarten?«, schrieb er darunter.
»Keith! Bist du das wirklich?«
Keiths Herz sprang in die Kehle. Er wirbelte herum, gefasst auf einen Angriff, während sein Herz zurück in die Brust fiel und dort hart gegen seine Rippen zu hämmern begann. Adrenalin flutete ihn.
Dann setzte seine Vernunft ein. Die kratzige Stimme kannte er. Leathan, ein alter Freund, beinahe so etwas wie ein Vaterersatz. Das letzte Mal, als Keith den Trainer gesehen hatte, hatte der mit dunkler Miene auf Keiths zermangelten Körper geschaut und versucht, Angst und Sorge zu verstecken.
Du schaffst das. Die Worte hallten noch immer in Keith wider. Nicht aufgeben, verstanden? Du kommst auf die Beine.
Er war es wirklich. Leathans raspelkurzes Haar schimmerte mittlerweile mehr weiß als grau, seine Augen waren von zahlreichen Fältchen umgeben. Dieses Mal leuchteten sie, als der Mann mit energischen Schritten auf ihn zukam. Ein breites Lächeln lag auf seinem Gesicht. Die Kraft und Geschmeidigkeit in seinen Bewegungen verbargen beinahe, wie alt er war. »Du bist es! Hab ich dich doch erkannt. Mann, wie schön, dich zu sehen!«
Bilder jagten durch Keiths Kopf. Gegner um ihn, die seinen Tod wollten. Der Geruch seines eigenen Bluts stieg ihm in die Nase. Schmerzen fluteten ihn. Keith ignorierte sie, so gut er es vermochte. Müde Erinnerungen, ein schwacher Abklatsch dessen, was gewesen war. Kein Taumeln in die Vergangenheit, die ihm die Wirklichkeit raubte und ihn zurückwarf in eine Situation, die sich nicht kontrollieren ließ.
Die allerdings auch nicht verschwinden wollten und seine Wahrnehmung wie auf eine Folie gezeichnet überlagerten. Dahinter jedoch lag die wahre Welt. Dahinter stand Leathan in der Gegenwart. Leathan, den Keith mochte. Der damals die Arena nicht verlassen hatte, obwohl er gekonnt hätte, weil sich ja jemand um die Jungs kümmern muss, wenn die sich die Schädel einschlagen lassen.
Keith lächelte an der Erinnerung vorbei, ging dem breitschultrigen Beta entgegen, gleichwohl sein Herz nach wie vor hämmerte und sich nur langsam beruhigte. »Leathan. Ihr seid noch immer hier?« Wo Leathan war, war sein Gefährte Jacob schließlich nicht weit.
Sie begrüßten einander mit Handschlag.
»Werden wir wohl auch sein, wenn wir nicht mal mehr kriechen können«, brummte der Mann. Sein strahlendes Lächeln fiel eine Winzigkeit in sich zusammen, erholte sich jedoch sofort wieder. »Mann, Keith. Wie lange ist das her? Acht Jahre? Zehn? Unglaublich. Hätte nicht gedacht, dass ich dir noch mal über den Weg laufe!«
»Und das an einem Stück, was?« Keith lachte. Die Vergangenheit verblasste, ließ ihn leichter atmen. Nicht jede Erinnerung an die Arena war schlecht. Leathan gehörte zu den Guten.
»Mit sämtlichen Gliedmaßen sogar.« Kritisch beäugte Leathan ihn, dann schlug er ihm kraftvoll auf die Schulter. »Hatte ich nicht erwartet, so, wie sie dich rausgetragen haben. Alles in Ordnung?«
Mit einem Grinsen nickte Keith. »Hey, habe ich jemals deinen Rat missachtet? Dein Letzter war, dass ich das zu schaffen habe. Ich habe mich pflichtbewusst daran gehalten.«
Leathan war nicht sein Trainer gewesen. Natürlich nicht. Seiner war ein sadistisches Arschloch gewesen, mit dem einzigen Ziel, Keith zu einer Kampfmaschine auszubilden. Egal, wie. Hatte Leathan nicht davon abgehalten, Keith unter die Fittiche zu nehmen. Ihm Mut zu geben und ihm seine Menschlichkeit zu bewahren. Trotzdem war der Trainer untrennbar mit der Arena verknüpft. Mit allem, was Keith hatte hinter sich lassen wollen.
»Sehr gut«, brummte Leathan und steckte die Hände in die Jackentaschen. Sein Kiefer mahlte, als müsste er etwas zerkleinern und verschlucken. »Das war eindeutig der Wichtigste, den ich dir je gegeben habe.«
Keith nickte. Das schlechte Gewissen, das er die ganze Zeit gut hatte ignorieren und meist sogar vergessen können, wallte hoch in ihm. Von Angesicht zu Angesicht war es nicht mehr so einfach, sein vollständiges Abtauchen zu rechtfertigen. »Tut mir leid, dass ich mich nie gemeldet habe. Ich habe Abstand gebraucht.«
Hatte er. Trotzdem wäre 'ne Karte oder 'nen Brief oder irgendwas mit einer Meldung machbar gewesen.
Keith
»Kein Wunder. Passt schon.« Leathans Gesicht entspannte sich, das Lächeln kehrte zurück. »Hauptsache, du lebst und hast deinen Platz gefunden. Mann, hast du Zeit? Jacob will dich auf jeden Fall wiedersehen! Ich lade dich auf ein Bier ein, hm?«
»Habe ich. Aber eher lade ich dich ein«, brummte Keith. »Ich schulde dir.«
»Bullshit, Junge.« Rüde stieß Leathan ihn an, ehe er sein Handy hervorholte und eine schnelle Nachricht an seinen Gefährten abschickte. »Komm.«
Prompt fühlte Keith sich wie ein halbwüchsiger Welpe. Junge. So hatte ihn schon seit einer Ewigkeit niemand mehr genannt.
Seite an Seite peilten sie den Osteingang des Parks an. Vermutlich schlug Leathan ganz automatisch den Weg Richtung Arena ein. Klar, sein Haus- und Hofpub lag dort; außerdem war es nah. Und wenn sie Jacob treffen wollten … Die beiden wohnten immerhin in dem unterirdischen Komplex.
In Keiths Magen grollte es. Seine Brust zog sich zusammen, sein Herz hämmerte erneut härter. Er wollte nicht zurück. Aber verdammt, vermutlich war es sogar eine gute Idee. Wenn er rein und wieder raus kam, ohne in Ketten gelegt zu werden, hatte sein Gehirn einen Grund weniger, ihm diese Albträume zu schicken.
Und Keith war frei. Jake hatte ihn ausgelöst. Keith wiederum hatte von seinem Gehalt die Auslösesumme in Raten an Jake zurückgezahlt. Sein Bauch kümmerte sich jedoch nicht um Gründe der Vernunft. Der schickte ihm Phantomschmerzen ins Bein, als löste die elektronische Fußfessel ihre Warnung aus, weil er sich zu weit entfernte.
Fuck. Pokerface. Keith hatte nicht vor, sich seine Panik anmerken zu lassen. »Hat sich viel verändert, seit ich weg bin?« Seine Stimme klang ruhig wie immer. Gut.
»Hm«, brummte Leathan. Seine Lippen wurden schmal. »Geht so. Kannst froh sein, dass du nicht mehr mitmischst. Natürlich bringen die brutalsten Kämpfe die höchsten Wetteinsätze. Die auf Leben und Tod haben zugenommen. Haben die Faustkämpfe mittlerweile deutlich überholt. Außer bei den Frischlingen, die rangezüchtet werden. Und dann in eine Mühle geworfen, aus der sie nicht mehr rauskommen.«
»Hm.« Keiths Magen rumorte. Scheiße, noch schlimmer als damals? Verlangend warf er der East Gate Coffee Bar einen Blick zu. Die lag auf dem Weg. Warum setzten sie sich nicht dort auf die Terrasse?
Doch Leathan lief weiter, und Keith folgte ihm stur. Er würde sich nicht von seinem mackigen Kopf in die Enge treiben lassen. Schocktherapie. Wirkte hoffentlich. Obwohl er nach dieser Aussage noch weniger Lust hatte. »Erübrigt sich zu fragen, weshalb ihr trotzdem geblieben seid, was?«
Mit einem schiefen Grinsen zuckte Leathan mit den breiten Schultern. »Irgendwer muss sich ja darum kümmern, dass die Überlebenden wieder vom Boden aufgewischt werden.«
Das hatten er und Jacob schon immer getan. Keine eigenen Welpen, dafür jeden einzelnen Kämpfer adoptiert, der auch nur vage den Eindruck erweckte, adoptiert werden zu wollen. Keith lächelte. Obwohl die Liebe häufig hinter knurrig gebellten Befehlen versteckt gewesen war.
Sie ließen den Torweg hinter sich und traten auf die Inverleith Row. Eine malerisch von Sandsteinhäusern gesäumte Straße, auf deren anderer Seite die Warriston Playing Fields lagen. Harmlos, könnte man meinen. Ein weitläufiger Sportplatz mit mehreren großen Bereichen, der sowohl von Vereinen als auch Schulen für Fußball, Baseball und Leichtathletik genutzt wurde.
Sein Geheimnis lag jedoch tief in den Eingeweiden der Erde. Die Arena war ein unterirdischer Komplex, der sich über drei Stockwerke erstreckte und verschiedene Eingänge hatte. Einer davon lag an der Inverleith Row im Keller eines der hübsch-unverdächtigen Häuser.
Wieder pressten Beklemmung und Angst Keiths Brust zusammen, als Leathan die Tür aufdrückte und die Kellertreppe hinabstieg. Eisern folgte Keith ihm auch dieses Mal.
Viel hatte sich nicht geändert. Der weiße Anstrich der Wände war erneuert worden, ansonsten herrschten wie damals die gleichen gefüllten Aktenschränke der Alibifirma vor, die oben ihre Geschäftsräume hatte. Im hinteren Teil lag die schwere, gesicherte Tür zu den legalen, jedoch vor Uneingeweihten geschützten Bereichen der Arena.
»Sieben, acht, eins, vier.« Leathan tippte den Code ein und grinste Keith über die Schulter hinweg an. »Falls du mich mal besuchen willst.«
Keith erwiderte das Grinsen, obwohl er sich fühlte, als stünde er vor dem Tor zur Hölle. Mittlerweile raste sein Herz in der Kehle und machte ihm das Atmen schwer. Fiel nicht weiter auf; seine Lunge hatte ohnehin beschlossen, dass halbe Atemzüge das Maß aller Dinge waren. Und sein Magen arbeitete daran, das Mittagessen zurückzufordern, um es von sich geben zu können.
Doch Keiths Pokerface stand unbeirrbar. Das beherrschte er in Vollendung. »Oder um einfach mal wieder Arenaluft zu schnuppern, was?«
Mit einem Prusten drückte Leathan die Tür auf. »Du meinst den Gestank nach verschwitzten Kerlen? Wusste gar nicht, dass du auf Alphas stehst.«
Keith schnaubte und trat in den Abgrund. Der neutral betrachtet schlicht eine Treppe nach unten war. Immerhin nahmen sie nicht den Aufzug. »Ich stehe vor allem auf Ruhe und Frieden, Leathan. Ich ringe nur noch mit Schubkarren, trimme Buchsbaumhecken darauf, in Reih' und Glied zu stehen, und schlachte regelmäßig Unkraut ab, wenn es sich in meine Beete wagt.«
Und er trainierte die Jungs seines Rudels für den Notfall. Sicher war sicher. Inklusive Timothy, den Gefährten seines Alphas. Cailean konnte gerade nicht, aber der saß oft genug dabei und sog die Theorie auf.
»Das würde mir auf meine alten Tage auch gefallen. Falls ich mich je von hier trennen kann.« Als sie einen der großen Empfangsräume mit den zahlreichen Grüninseln am Ende der Treppe erreichten, fiel Leathan neben Keith zurück. Der Empfangstresen lag verwaist da, die Garderobe war leer. Offensichtlich stand gerade kein Event an. »Was führt dich nach Edinburgh?«
»Jährlicher Check-up.« Keith zuckte mit den Schultern, als wäre nicht jeder Muskel seines Körpers angespannt. Doch niemand hatte ihn angefallen. Keine Sirene war losgeschrillt, um zu warnen, dass ein illegaler Ausreißer zurückgekehrt war, der bestraft gehörte. Natürlich nicht. Er konnte wieder leichter atmen, etwas in ihm löste sich ein wenig. »Weißt ja, wie das mit den alten Verletzungen ist.«
»He.« Grinsend klopfte Leathan sich auf die Seite. »Können manchmal ordentlich zwiebeln. Wohin hat es dich verschlagen, dass du jetzt Grünzeugtrainer bist?«
Besonders die Wunden im Kopf und in der Seele konnten zwiebeln.