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Als ein Skandal den sanften Omega Shay zum Gespött der feinen Londoner Gesellschaft macht, schickt sein Vater ihn erzürnt nach Edinburgh. Eigentlich ein Fehler. Doch niemand außer Shay weiß, dass ausgerechnet der Mann, der sein Herz gebrochen, ihn gedemütigt und entehrt hat, in dieser Stadt wohnt. Sein Glück scheint sich zu wenden, als er in dem sonnigen Beta Trevor seinen wahren Gefährten erkennt. Bis dieser sich als einfacher Automechaniker entpuppt und damit alles noch schlimmer macht. Niemals werden Shays Eltern einer solch unpassenden Verbindung zustimmen! Und Shays Ehre kann jemand wie Trevor auch nicht wiederherstellen. Doch hat Shay überhaupt eine Wahl? Und viel wichtiger – will Trevor jemanden wie ihn, der gar nichts zu bieten hat? Nicht einmal mehr eine Mitgift. Dafür jedoch eine Vergangenheit, die kein Beta bei seinem Gefährten akzeptieren kann. Oder?
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Ein Omega mit gebrochenem Herzen
Das Rudel von MacArran Manor 4
Yael Gray
Roman
Das Rudel von MacArran Manor
Ein Omega auf Abwegen
Ein Omega in Not
Ein Omega, für den es sich zu kämpfen lohnt
Ein Alpha auf leisen Tatzen
Ein Omega zum Verlieben
Shay
Shay lächelte, obwohl es sich anfühlte, als würde sein Gesicht zerspringen. »Geh ruhig, Kearon. Ich wollte ohnehin noch ein wenig das schöne Wetter im Park genießen.« Das war gelogen. Natürlich war das gelogen. Machte aber keinen Unterschied.
Dankbar strahlte sein Cousin ihn an. »Du bist so lieb! Danke! Ich beeile mich auch.« Mit leuchtenden Augen wandte er sich ab und kehrte dorthin zurück, woher er gekommen war.
Klar. Beeilen.Fast musste Shay grinsen. Kearon würde sich vertrödeln; das war so sicher, wie der Tag auf die Nacht folgte. Eigentlich hatte Shay ihn abholen wollen, danach mit ihm durch die Innenstadt bummeln. Nicht, dass er Lust darauf hatte. Aber Lust und Motivation waren bei ihm zurzeit extreme Mangelware.
Im Gegensatz zu Kearon. Der half einmal die Woche ehrenamtlich im Shelter aus, einem Gebrauchtwarenladen, dessen Erlös an Bedürftige ging. Er machte die Schaufensterdeko, verträumter Künstler, der er war. Und im zum Shelter gehörigen Bookstore arbeitete offensichtlich ein sehr attraktiver Mann – ein normaler Mensch, kein Wandler –, den Kearon auf die niedlichste Weise anschmachtete. Und der heute Dienst hatte.
Shay hatte einen Blick auf breite Schultern und dunkle Haare erhaschen können, als Kearon ihn scheu auf den Mann hingewiesen hatte. Erneut schauderte Shay, als er daran dachte.
Nicht sein Typ. Nicht mehr. Kein Stück. Eher konnte man ihn mit der Kombination jagen. Zum Glück hatte er seine Abneigung vorhin verstecken können. Im Kaschieren und Überspielen war er wirklich gut.
Als er sich abwandte, gestattete er es sich, das Lächeln zu verlieren. Die Anspannung in ihm ließ nach, weil er damit die anstrengende Maske fallen lassen konnte. Doch er wollte weder seinen Onkel und seinen Oheim, noch seine fünf Cousins belasten. Die hatten ihn so liebevoll aufgenommen nach der Katastrophe. War das echt erst etwas mehr als einen Monat her?
Shays Brust zog sich zusammen. Hektisch verdrängte er die Erinnerungen. Die suchten ihn sowieso ständig heim. Viel zu oft fiel er in die Vergangenheit, ob er wollte oder nicht. Doch jetzt war er hier. In Edinburgh.
Nicht im großen Ballsaal mit seinen Eltern und Marek, dem Alpha, dem er versprochen gewesen war. Nicht mit zahlreichen Gästen, die den Tag der offiziellen Verlobung mit ihnen hatten feiern wollen. Nicht mit Lennox, der unvermittelt aufgetaucht war, lässig und kraftvoll wie immer. Selbstsicher. Gemächlich, als hätte er jedes Recht, da zu sein, war er auf ihn und Marek zu geschlendert. Mit diesem überlegenen Lächeln, dass Shay damals den Kopf verdreht hatte. Doch an dem Tag …
Nein! Hektisch atmete Shay durch. Edinburgh. Nicht London. Edinburgh!
Kein Ballsaal, sondern ein kühlblauer Himmel, der sich über die mit Kopfstein gepflasterte Straße spannte. Alte Häuser auf der einen, ein Grünstreifen auf der anderen Seite. Noch nicht ganz Frühling, aber schon lange kein Winter mehr. Frische, klar Luft.
Shay war hier. Hier und heute.
Mit krampfendem Magen. Jedoch nicht dort. Er musste etwas tun. Dringend. Auf keinen Fall wollte er wieder diesen schrecklichen, demütigenden Film vor seinem inneren Auge ablaufen lassen.
Noch einmal atmete er tief die kühle Luft und die Gegenwart ein. Gut, dann würde er jetzt tun, was er angekündigt hatte. Das schöne Wetter im Park genießen. Zum Glück schien die Sonne; die hatte zumindest ein wenig die Kraft, die Dunkelheit in Shay aufzuhellen.
Langsam trottete er die Portgower Place entlang. Ruhig war es. Rechts der leere Grange Cricket Ground, links weitere Sportplätze. Dahinter, am Ende der Trockensteinmauer, das gelbe Tor, durch das er den Westteil des Royal Botanic Garden betreten konnte. Auch dort war alles friedlich.
Trügerisch.
Denn irgendwo in dieser Stadt wohnte Lennox. Ausgerechnet Lennox! Shay hatte keine Ahnung, wo. Das hatte der Alpha ihm in der Zeit, in der sie zusammen gewesen waren, nie verraten. Mehr oder weniger zusammen. In Shays Augen – ja. In Lennox'? Spielzeug, etwas anderes war Shay für ihn ja nicht gewesen.
Wieder schauderte er. Garantiert hätten ihn seine Eltern nie zu Onkel Norris geschickt, hätten sie gewusst, dass Lennox von hier kam. Shays Brust wurde eng, machte ihm das Atmen schwer. Sein Magen krampfte erneut.
Mann, konnte Lennox bitte einfach aus seinen Gedanken verschwinden? Der hatte doch schon genug Schaden angerichtet. Musste er ihn nun zudem in jeder wachen Minute verfolgen? Aber es schien fast unmöglich, ihn aus dem Kopf zu bekommen.
Bewusst atmete Shay noch einmal durch, starrte auf die stille Oberfläche des kleinen Sees, der nahe dem Eingang lag. Schilf. Entengrütze. Stege. Wasser strahlte immer Frieden aus. Brauchte er. Dringend.
Shay schob die Hände in seine Jackentaschen und sah sich um. Und jetzt? Erst mal einen Kaffee. Und dann zurück zum See. Einfach irgendwo am Ufer sitzen, die Seele baumeln lassen und nicht an Lennox und die Katastrophe denken, die sein Leben ruiniert und ihn entehrt hatte. Und sein Herz zerbrochen.
Wütend biss sich Shay auf die Unterlippe. Nein. Nicht schon wieder in die Richtung abdriften! Kaffee. Das war jetzt der nächste Schritt.
Am Coffee Van holte er sich einen Pappbecher Americano, schwarz, aber mit viel Zucker. So, wie er ihn am liebsten trank. Und was Lennox ihm verboten hatte. Damit er nicht zunahm.
Noch wütender kickte Shay einen Stein vom Weg, während er zurück zum Inverleith Pond lief. Und er hatte das mitgemacht. Hatte Lennox gefallen wollen. Der Alpha, der so aufregend in sein wohlgeordnetes Leben eingedrungen war. Der ihn umworben hatte. In den Himmel gehoben. Die erste Zeit war wirklich traumhaft gewesen. Doch dann? Hatte er ihn umso tiefer fallen lassen. Und als hätte das nicht ausgereicht, ihn danach komplett vernichtet.
Am liebsten hätte Shay sich in einer Höhe verkrochen, als Wolf zusammengerollt und wäre einfach dortgeblieben. Um niemals wieder hervorzukommen. Brachte ja eh nichts. Er war ruiniert. Welcher respektable Alpha würde einen Omega wie Shay denn jetzt noch wollen?
Der Laut seiner Schritte änderte sich, als er auf die hölzernen Bohlen des Stegs trat. Mit schweren Füßen folgte Shay ihm bis zu einer Plattform. Altes Schilf umschloss drei Seiten. Trocken wisperte es im leichten Wind. Fühlte sich versteckt an, passend; fast, wie die ersehnte Höhle. Obwohl die vierte Seite natürlich eine hübsche Aussicht über den See ermöglichte.
Shay lehnte sich an das breite Geländer und ließ den Blick über das Wasser gleiten. Dort, wo es zwischen Entengrütze hervorsah, glitzerte es im Sonnenschein. Erste Libellen schwirrten munter umher. Ein Wasserläufer flitzte wie schwerelos auf dünnen Beinchen über die Oberfläche. Nicht weit entfernt gab es einen zweiten Steg, der quer über den Teich führte. Hm, sobald Shay sich aufraffen konnte, würde er dem folgen. Gerade fehlte ihm die Kraft.
Er trank einen Schluck Kaffee. Genoss die Bitterkeit gemischt mit der samtigen Süße. Die Wärme. War nicht der Beste, den er je getrunken hatte, jedoch für den Moment genau richtig. Trübe starrte er in die dunkle Flüssigkeit, wünschte sich, ein wenig mehr wie sein Cousin Ean zu sein. Lebensfroh und unbekümmert, immer mit einem frechen Grinsen im Gesicht. Den interessierte es nicht, was irgendwer von ihm dachte.
Hatte Shay für wilde Wochen auch gefühlt. Im Winter. Schien ein Leben oder zwei her zu sein. Damals. Als alles möglich erschienen war. Weil dieser atemberaubende Alpha ihn in den Himmel gehoben hatte. Ihn sich hatte fühlen lassen, als sei er etwas Besonderes. Frei. Wertvoll.
Doch das, was für Lennox kostbar gewesen wäre, war nicht Shay. Shay war nur ein langweiliger, unaufgeregter, blasser, rothaariger Omega. Lennox mochte keine roten Haare. Hatte er nie einen Hehl daraus gemacht. Aber er hatte behauptet, bei Shay wäre es anders. Rot wie das Feuer der Leidenschaft, das Shay angeblich in ihm entfachte. Er hatte gelogen.
Wertvoll wäre Shays Mitgift gewesen. Und als die weggefallen war …
Wieder krampfte sein Magen. Atmen. Sein Herz holperte. Angestrengt starrte Shay vor sich, versuchte, die Umgebung zu erfassen, nicht in die Vergangenheit zu rutschen. Entengrütze. Trockenes Schilf aus dem letzten Jahr, leises Rascheln im Wind. Ein Mann, der den anderen Steg entlang lief.
Unerwartet fing er Shays Aufmerksamkeit ein; Shay hob den Kopf. Blondes, knapp schulterlanges Haar. Das kantige Kinn von einem Dreitagebart bedeckt. Hm, ein echt ansprechendes Gesicht war das. Ein muskulöser Körper. Der Mann bewegte sich kraftvoll und trotz des schlendernden Schrittes mit erstaunlicher Eleganz. Etwas an seinem selbstsicheren Gang ließ ihn gefährlich wirken. Wie ein Raubtier auf Beutefang.
Shay schauderte.
Lässig hatte der Mann die Lederjacke über die Schulter geworfen, hielt sie mit einem Finger. Eine Pose, die dank eines schwarzen, eng anliegenden T-Shirts seinen Bizeps gut zur Geltung brachte. Einen tätowierten Bizeps.
Auch gegen Tattoos hatte Shay mittlerweile eine Abneigung. Besonders gegen Wolfstattoos. Schien das des Fremden nicht zu sein, eher dekorative Muster. Trotzdem.
Der Mann ließ seinen Blick über den See gleiten, stockte ausgerechnet bei Shay. Im nächsten Moment zog ein breites Lächeln über sein Gesicht, als hätte er etwas gesehen, das ihm gefiel. Stand ihm. Sogar richtig gut. Dann hob er die Hand und winkte.
Huh? Kannte Shay ihn? Automatisch erwiderte er das Lächeln. Nee, der Mann war komplett unbekannt, kam weder aus seinem, noch aus Lennox' Umfeld.
Im letzten Augenblick konnte Shay sich davon abhalten, zurückzuwinken. Nicht, dass der Kerl das als Einladung auffasste. Ob attraktiv oder nicht, der hatte so oder so schon auf den ersten Blick zu viele Minuspunkte angesammelt. Und von Männern hatte Shay ohnehin die Nase gestrichen voll. Bewusst richtete er seine Aufmerksamkeit weg und auf die Wasseroberfläche.
Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, dass der Mann weiterging. Ein leises, dunkles Lachen wehte zu Shay. Warm und einladend schickte es einen kleinen Sonnenstrahl zu ihm. Bis ihm auffiel, dass der Mann ihn vermutlich einfach auslachte.
Ein Stechen zog durch seinen Bauch. Egal. So egal, was irgendein Fremder von ihm dachte, Himmel noch mal!
Shay wartete, bis der Mann außer Sicht war; dann schwang er sich auf das breite Geländer empor, ließ wie ein Kind die Beine baumeln und trank einen weiteren Schluck Kaffee. Konzentrierte sich auf den Geschmack. Auf den Sonnenschein. Und darauf, wie er sein Leben wieder unter Kontrolle bekommen konnte. Irgendwie.
Er hatte keine Ahnung. Noch immer nicht. Sein ganzer Lebensplan hatte vorgesehen, einen respektablen Alpha zu heiraten, als sein Gefährte den Haushalt zu führen und sich um die Welpen zu kümmern. Oder das eben für Lennox zu tun, respektabel oder nicht. Nur jetzt wollte ihn niemand mehr. Marek natürlich sowieso nicht, total verständlich. Beschmutzt, entehrt, benutzt, wie Shay war.
Und Lennox … nun, den wollte Shay nicht mal dann, falls der sich umentscheiden sollte. Gemeines Scheusal.
Trevor
Was für ein Wetter! Mit einem breiten Grinsen sah Trevor zum Himmel empor. Im Gegensatz zu seiner Heimat MacArran Manor war es bereits regelrecht balsamisch warm. Kein Schnee mehr. Die ersten Blüten jenseits von Schneeglöckchen trauten sich hervor. Bäume tasteten mit schwellenden Blattknospen, ob sie es riskieren wollten, auszuschlagen.
Edinburgh mochte Trevor sowieso. Hier in der Nähe hatte er damals in einer kleinen Autowerkstatt gearbeitet, ein einsamer, rudelloser Wolf. Bis Alpha Jake seinen Bentley dort zur Reparatur gebracht und ihn in sein Mini-Rudel eingeladen hatte. Auf eine Burg inmitten der nördlichen Highlands. Total abgelegen und einfach großartig.
Dennoch kehrte Trevor ab und zu gerne in die Stadt zurück. Vertraute Pubs besuchen, mit alten Bekannten einen trinken. In seiner ehemaligen Werkstatt vorbeisehen. Und dieses Mal sogar für ein wenig Sightseeing. Ha.
Die illegale Arena unter den Warriston Playing Fields direkt neben dem Royal Botanic Garden hatte Trevor bisher nicht gekannt. Klar hatte er gewusst, dass sie irgendwo existierte. Immerhin hatte sein Freund Keith dort früher als Sklave auf Leben und Tod kämpfen müssen. Doch der hatte nie ausgeführt, wo genau das gewesen war.
Jetzt war sie geschlossen, die Verantwortlichen im Knast – natürlich bis auf die, die sich hatten freikaufen können. So lief das nun mal. Mitunter scheiß unfair. Aber insgesamt irgendwie ziemlich gut. Trevor mochte sein Leben. Mittlerweile war es nahezu perfekt. Ein Rudel, Autos und Maschinen zum Herumschrauben, seine Freunde. Nun sogar einen Haufen Welpen auf der Burg, mit denen er echt gerne herumtollte.
Fröhlich hatte Trevor Keith und dessen Gefährten bereits jede Menge Fotos davon geschickt, was aus der Arena gemacht worden war. Damit sie sicher sein konnten, dass dort wirklich niemand mehr kämpfen musste. Die Stadt hatte sie zu einer Art Kulturzentrum umgestaltet. Mit Museum für die Aufarbeitung ihrer Geschichte und als ein geschützter Hafen für Wandler, die sich da ungestört in ihrer Tierform austoben konnten.
Die Edinburgher ihres Rudels hatten trotzdem kein Verlangen zurückzukehren. Fühlten sich nicht sicher genug. Konnte Trevor durchaus nachvollziehen. Immerhin hielt er sich auch weit von London fern, wo seine eigene Vergangenheit auf ihn wartete. Die alte Gang, der er sich entzogen hatte, weil er keinen Bock mehr gehabt hatte, Leute auszurauben, Wagen zu stehlen oder irgendwen krankenhausreif zu prügeln, so als kleine Vorwarnung. War lange vorbei.
Und die Gegenwart? War richtig klasse. Auch der Park, durch den er gerade spazierte. Der war ebenfalls Sightseeing. Keith als Gärtner schwärmte so davon, dass Trevor dem hatte eine Chance geben müssen. Hübsch, ja. Aber nichts gegen den auf MacArran Manor, wenn es nach Trevors total voreingenommener Meinung ging.
Obwohl die Stege hier schon was hatten. Vielleicht sollten sie daheim mal einen bauen. Einen See hatten sie immerhin. Einen großartigen! Nicht so einen kleinen Tümpel wie den hier.
Er ließ den Blick schweifen. Niedlicher Teich, echt.
Oh. Und dort? Unwillkürlich grinste er. Ein noch niedlicherer Mann, der auf der Plattform nur wenige Schritte entfernt stand und zu Trevor hinsah. Superniedlich! Genau das, auf was Trevor stehen konnte. Schlank, schmal, nicht zu groß. Ein richtig süßes Gesicht und ein traumhaft feuriger Haarschopf. Sah nur etwas trübe aus, der Kleine.
Trevors Grinsen vertiefte sich, gut gelaunt winkte er dem Mann zu.
Überrascht weiteten sich die Augen des Schnuckels. Dann überzog ein Lächeln das zarte Gesicht, das Trevor schlicht den Atem raubte. Wow und verdammich! Das weckte ja glatt den Sommer auf! Und zauberte Wärme und einen prickelnden Stich in Trevors Bauch. Heidewitzka! Damit hatte er nicht gerechnet.
Leider wandte der Mann gleich darauf den Blick ab und sah auf das Wasser. Hm, schien schüchtern zu sein. Auch das – süß!
Trevor wartete einen Moment, doch der Mann wagte es nicht, erneut zu ihm zu sehen. Mit einem leisen Lachen nahm Trevor seinen Weg wieder auf. Hm. Der Feuerkopf bewegte sich nicht weg. Ob er ihm wohl mal einen Besuch abstatten sollte?
Ach, warum nicht? Das Wetter war perfekt für einen Flirt. Oder dafür, den Süßen aufzumuntern. Denn wie Trevor mit einem zweiten langen Blick feststellte, war das Lächeln verschwunden und hatte Düsternis Platz gemacht. Vielleicht konnte er ja mehr gute Laune hervorlocken. Mehr Sonnenschein. Ja, darauf hatte er Lust.
Mit schnellen Schritten verließ er den Steg und verlor den Mann mit all dem alten Schilf aus den Augen. Gut, wie kam er jetzt zu der Plattform? Ah, da war der andere Weg. Trevor folgte ihm, bog ab und hatte den Süßen wieder vor sich.
Niedlich! Der hatte sich mittlerweile aufs Geländer gesetzt. Gegen den blauen Himmel schien sein Feuerschopf regelrecht zu leuchten. Doch die schmalen Schultern waren vorgezogen, die Gestalt in sich zusammengesunken. Eine Aura der Traurigkeit umgab ihn, als hätte er die einzige dunkle Wolke im Umkreis von Meilen für sich gepachtet.
Na, die wollte Trevor aber zu gerne vertreiben. Darin war er echt gut, das musste ja mal gesagt werden. Er setzte sein breitestes Lächeln auf und trat auf ihn zu. »Hey, du. Hallo!«
Der Mann zuckte so heftig zusammen, als hätte Trevor ihn als Wolf mit gebleckten Fängen, zurückgelegten Ohren und drohendem Knurren angesprungen. Er fuhr herum, Kaffee verteilte sich in einem weiten Bogen über die Jeans, das Geländer und den Boden.
Störte nicht, denn im nächsten Moment verlor er das Gleichgewicht, ruderte mit den Armen, fiel. Natürlich nicht in Trevors Richtung.
»Oy!« Erschrocken schoss Trevor vor. Fuck! Zu langsam, um den Sturz aufzuhalten.
Mit einem Quietschen kam der Süße auf, Rücken zuerst. Wasser spritzte; dann ging er unter.
Scheiße! Ein Stich zuckte durch Trevor. Er ließ die Jacke fallen, flankte über das Geländer und sprang hinterher. Kackdreck, war das kalt! Zum Glück jedoch nicht sonderlich tief, wie er gleich darauf feststellte. Seine Füße erreichten den schlammigen Grund, bevor ihm das Wasser auch nur bis zu den Schultern reichte. Aber eisig! Fuck, wirklich eisig!
Hustend tauchte der Mann vor ihm auf; die Haare klebten ihm im Gesicht, die Augen waren zugekniffen.
Sofort griff Trevor zu, um ihn zu stabilisieren. Der hatte bestimmt Wasser in die Lunge bekommen. Dazu die Kälte. War doch gut, dass Trevor ihm hinterher gesprungen war. Obwohl es so flach war.
Mit geweiteten Augen starrte der Mann ihn an. Hustete weiter.
Und Trevor blieb der Atem weg. Wow. Wow! Hatte der Kerl schöne Augen! Leuchtend grün. Tief. Tröpfchen hingen in den langen Wimpern. Die Lippen hingegen wurden gerade blau. Keine gute Farbe für Lippen.
Okay, sie mussten dringend aus dem Wasser, keine Frage. Das waren die falschen Temperaturen, um entzückt zu starren. Egal, wie fesselnd diese Augen waren.
Trevor holte Luft, um etwas zu sagen. Im nächsten Moment wirbelten seine Gehirnzellen komplett durcheinander. Aber wie! Der Sturm, der ihnen vor zwei Jahren den Bergfried abgedeckt hatte, war nichts dagegen.
Hauchzart nur, verdünnt und größtenteils davon geschwemmt vom Wasser, doch eindeutig zu erkennen, drang der betörendste Duft zu ihm, den er je gerochen hatte. Frisch. Zart. Weich. Wie Vanille und Zimt. Aphrodisierend. Einzig die eisige Kälte verhinderte, dass er auf der Stelle eine Erektion bekam. Da unten regte sich gar nichts. Schrumpelpflaumen.
Aber der Mann vor ihm? Fuck! Das war nicht einfach ein Kerl, auf den Trevor stehen konnte. Kein süßer Typ für einen Flirt. Der Rotschopf war ein Omega. Sein Omega!
Mit blauen Lippen. Blass. Riesigen Augen. Immerhin hatte er aufgehört zu husten. Doch er sah Trevor an, als würde gerade eine Banshee seinen Tod verkünden.
Okay. Okay! Sie mussten aus dem Wasser. Dringend! Flach atmete Trevor durch. »Uhm, hi. Schön, dich kennen zu lernen. Wir müssen das an einem trockeneren Ort fortsetzen.« Er grinste, als ihm der Humor an dieser Situation aufging. Was für ein Start!
Der Rotschopf sagte nichts, starrte nur weiter, vermutlich bereits halb eingefroren.
»Mach einfach ein bisschen mit, ja?« Ohne auf eine Antwort zu warten, hob Trevor ihn zum Steg empor und half ihm, durch ein Loch im Maschendrahtzaun aufs Trockene zu krabbeln. So schnell wie möglich folgte er ihm. War angenehm, aus dem Wasser raus zu sein, selbst wenn alles klebte. Uff. Besser, eindeutig. Ein wenig. Zum Glück hatte die Sonne schon Kraft.
Tropfnass saß der Süße auf den warmen Holzbohlen, ohne sich zu rühren. Sah aus, als stünde er unter Schock.
»Alles in Ordnung?« Besorgt sammelte Trevor seine Jacke auf und legte sie ihm um die schmalen Schultern, ehe er sich vor ihn hockte. Hatte der Mann sich den Kopf angeschlagen? Ja, sie waren gerade ins eisige Wasser gefallen. Ja, sie waren Gefährten. Sollte das nicht trotzdem eine Reaktion hervorrufen, die jenseits von Starren lag? »Ich bin Trevor, wie heißt du?«
»Shay«, krächzte der Rotschopf.
Und Trevor begab sich erneut auf die Jagd nach seinen Gehirnzellen. Hey, die brauchte er noch! Jetzt erst recht! Aber Hilfe, war die Stimme süß! Wie alles an dem Mann. »Bist du in Ordnung, Shay?«
Shay
Shay unterdrückte einen weiteren Hustenanfall und nickte. Da konnte doch echt kein Wasser mehr in seiner Lunge sein, so viel, wie er schon ausgespuckt hatte. Sein Herz raste, seine Gedanken gleich mit.
O nein, o nein, o nein! Das war absolut unmöglich! Das hier … dieser Mann da vor ihm … dieser Wolf … unmöglich. Unmöglich! Aber der war sein Gefährte. Sein Gefährte! Sein wahrer Gefährte!
Und natürlich hatte Shay sich sofort lächerlich vor ihm gemacht. Hatte gequietscht wie ein erschrockener Welpe. Und dann war zudem eine Rettungsaktion erforderlich gewesen. O nein! Seinetwegen war dieser Wolf nun durchweicht! War seine Kleidung ruiniert! Vielleicht gar sein Handy!
Shays Eigenes war es auf jeden Fall. Egal. Das konnte ersetzt werden. Aber … das dieses Mannes!? Und wer wusste, was sonst noch!
Trotzdem sahen ihn die grauen Augen voller Wärme an. Und besorgt. Der Mann umfasste Shays Oberarm, drückte ihn sanft. »Tut dir was weh, Shay?«
Hektisch schüttelte Shay den Kopf, ohne auch nur in sich zu lauschen. Vollkommen unwichtig, wie es ihm ging! Auf keinen Fall durfte er Trevor mehr Mühe machen. Nicht, nachdem Shay sich ohnehin schon derart lächerlich gemacht hatte. Wegen Shays Unfähigkeit saßen sie schließlich beide total durchgeweicht hier. Da war kaum noch etwas zu retten! Doch er musste es wenigstens versuchen.
Dieser Mann war sein Gefährte. Und damit die Chance, zumindest einen Hauch Ehrbarkeit zurückzugewinnen. Ein wenig von dem wiedergutzumachen, was seine Eltern vollkommen bloßgestellt hatte. O Himmel, nur wie konnte er es verantworten, sich an einen Mann zu binden, der dann mit Shays Schande leben musste? Wie …
»Gut.« In der dunklen Stimme lag ein Lächeln; noch immer ruhten die grauen Augen sanft auf ihm. »Tut mir leid, dass ich dich erschreckt habe. Das wollte ich nicht. Echt mal. Aber das war schon 'ne Nummer von uns beiden, was?« Trevor lachte. Warm. Mitreißend.
Es brachte Shays Mundwinkel dazu, sich anzuheben. Ah. Lächeln. Ja. Lächeln war gut. Alphas standen auf lächelnde Omegas. Nur erstaunlich, dass kein Vorwurf kam! Warum? Das hier war eindeutig Shays Schuld! »Tut … tut mir leid, dass du jetzt frieren musst. Tut mir leid, dass ich deine Sachen ruiniert habe.«
Unbekümmert zog Trevor das T-Shirt über den Kopf. »Da gibt es nicht viel zu ruinieren. Einmal in die Waschmaschine, und alles ist wie neu.«
Shay musste stark an sich halten, um nicht zu starren, während der Mann sein Oberteil auswrang. Hilfe, war der gut gebaut! Noch muskulöser, als Shay das angekleidet hatte erkennen können. Was für Brustmuskeln! Und der flache, definierte Bauch. Störend waren nur die Tätowierungen. Ein keltisch anmutendes Triskel um eine Brustwarze, eine Art Motorherz in der Mitte der Brust. Dazu etwas auf beiden Oberarmen. Und … Hör auf zu starren! Das gehört sich nicht!
Hektisch wandte er den Blick ab; Hitze flutete seine Wangen. Schutz suchend zog er die Jacke enger um sich. Oh. Mmh, Trevors trockene Jacke. Na gut, nicht mehr ganz so trocken, weil Shay klatschnass war. Aber der Alpha hatte sie ihm gegeben. Wie zuvorkommend! Nur ruinierte Shay die jetzt ebenfalls. Doch sie roch gut. Richtig gut. Weich-würzig, herb und …
Nein! Er musste klar denken. Er musste herausfinden, wie sie beide aus der Situation herauskamen, ohne dass es noch peinlicher wurde. Und er musste nachdenken, um zu wissen, was er überhaupt tun konnte!
Sorglos wrang Trevor sein Haar aus, ehe er sich das nun nur wenig trockenere Shirt über den Kopf zerrte. »Wir brauchen was Frisches zum Anziehen und 'ne warme Dusche. Ist zu kalt, um sich hier gemütlich in die Sonne zu legen, was?« Schon wieder grinste er, als sei es ein einziger Spaß, einen ungeschickten Omega aus dem Teich gezogen zu haben und jetzt zu frieren.
Klar, Trevor dachte, er hätte einen guten Fang gemacht! Seinen Gefährten gefunden. Hielt Shay für respektabel. Er hatte schließlich keine Ahnung, was sich hinter der ordentlichen Fassade verbarg. Der vollkommen derangierten Fassade.
»Es tut mir leid«, wiederholte Shay hilflos. Warum war sein Kopf gerade zu nichts zu gebrauchen? Warum überforderte ihn das so? Normalerweise konnte er sehr gut reden. Unterhalten. Angemessen reagieren. Immerhin war er dafür erzogen worden!
»Nicht deine Schuld. Hätte mich ja nicht anschleichen müssen.« Trevor gluckste. »Gib mir mal mein Handy. Rechte Jackentasche. Dann rufe ich uns ein Taxi. Mein Hotel ist nicht weit weg. Da können wir …«
»Nein!« Shays Herz machte einen erschreckten Satz und holperte los, als die Erziehung endlich wieder auftauchte und angemessene Umgangsformen mitbrachte. Das ging auf keinen Fall. Er konnte nicht mit einem fremden Alpha allein in dessen Hotelzimmer verschwinden! Was da alles passieren konnte, Gefährte hin oder her!
Natürlich war Shay nicht mehr unberührt und ohnehin ruiniert. Aber das wusste Trevor nicht. Und nur, weil Shay einmal so dumm gewesen war, würde er das kein zweites Mal riskieren. Nicht noch tiefer fallen. Sich nicht endgültig zu einem sittenlosen Flittchen degradieren.
»Huh?« Verdutzt starrte Trevor ihn an; offensichtlich hatte er nicht mit so einer heftigen Reaktion gerechnet.
O nein! Shays Ton war zu abweisend und leidenschaftlich gewesen. Zu laut außerdem. Warum nur machte er gerade einen Fehler nach dem anderen? Angst kroch durch ihn, setzte sich fest.
»Es gehört sich nicht«, sagte er deutlich leiser und sah auf die Pfütze, die sich mittlerweile um ihn gebildet hatte und die Bohlen dunkler färbte. Trotzdem war ihm erstaunlich wenig kalt. Dank der Jacke.
»Oh. Oh, ah.« Aus den Augenwinkeln sah Shay Trevor nicken. »Ich verstehe.«
Lag da ein Hauch Amüsement in seiner Stimme? Machte er sich lustig? Shay wagte nicht, ihn anzusehen. Oh, wie er es hasste, wenn ihn jemand nicht ernst nahm. Sein Herz krampfte. Aber Trevor war ein Ticket zurück in die Welt eines ehrbaren Omegas. Vielleicht. Falls er wollte. Wenn Shay das verantworten konnte.
»Ich … ich wohne bei meinem Onkel und seiner Familie in Hammond Hall.« Shay starrte auf die tropfnassen Turnschuhspitzen des Wolfes. Blick heben, komm schon! Scheu zu sein, war gut und erwünscht, abweisend und distanziert jedoch gar nicht. Mühsam sah er auf, direkt in Trevors graue Augen. Sofort schoss ein Stich durch ihn hindurch. Ohne Umweg in seinen Bauch. Der Mann hatte aber auch wunderschöne Augen! »Wenn ich dich dorthin einladen kann … ich …«
Trevors Grinsen ließ die Worte ersticken. Der machte sich lustig!
»Hammond Hall, hm? Und bei deinem Onkel? Da muss ich wohl besser einen guten Eindruck hinterlassen.« Er lachte, als sei das ein Witz. Störte ihn vermutlich genauso wenig wie Lennox, was Leute von ihm dachten.
Shays Herz sank.
»Ich sag dir, was wir machen.« Auffordernd streckte Trevor die Hand erneut aus. »Sobald ich mein Handy und den Schlüssel habe. Ich …«
»Oh. Oh! Entschuldige!« Hektisch befreite Shay sich aus der Jacke und reichte sie dem Wolf. Das hatte der doch gerade schon gefordert! Wie unaufmerksam konnte man sein? Offensichtlich extrem. Er war so unfähig! »Entschuldige! Ich bin normalerweise nicht so … so …«
»Alles gut«, brummte Trevor. Er kramte in den Taschen, holte Handy und Schlüssel heraus, ehe er die Jacke zurückreichte. »Du musst dich echt nicht entschuldigen. Immerhin bist du gerade ins Wasser gefallen, und dann komme auch noch ich daher.« Als Shay nicht gleich zugriff, beugte er sich vor und legte ihm die Jacke erneut um die Schultern, drückte ihm kurz die Oberarme.
Sein Duft hüllte Shay ein, ließ sein Herz flattern. So nah! Diese Augen. Und diese energischen, vollen Lippen! Und … »Danke«, flüsterte er und schlug die Lider nieder. Warum war das gerade so schwer?
»Also.« Trevor stand auf. »Ich rufe dir jetzt ein Taxi. Du fährst nach Hause und legst dich trocken. Ich gehe ins Hotel und zieh mich ebenfalls um.« Schon wieder klang seine Stimme, als hätte er einfach nur Spaß. Das war ansteckend. »Und wenn wir beide präsentabel sind, komme ich zu dir.«
So schnell? Shay fühlte Magengrimmen, Panik und ein unangenehmes Drücken in der Brust. Ja, sie waren Gefährten. Sicher! Aber … er musste Onkel Norris und Oheim Acair darauf vorbereiten! Und anfragen, ob Besuch erlaubt war. Und sich herrichten! Und seine Gedanken sammeln! »O-okay.«
Trevor
Mit schief gelegtem Kopf hob Trevor die Brauen. Der Süße war ja vollkommen durch den Wind! Hatte Schwierigkeiten, ihn anzusehen. Und wenn er es schaffte, schienen die Augen viel zu groß zu sein. Gefüllt mit Unsicherheit und Angst. Eindeutig Angst.
Oh, verdammt. Hoffentlich wohnte der nicht bei seinem Onkel, weil er schon versprochen war und den Künftigen im passenden Rahmen treffen sollte. Trevors Wolf knurrte. Hey, das war sein Gefährte! Ruhig, Grauer. Erst mal abwarten, klar?
Aber Begeisterung, Trevor besser kennen zu lernen, sah anders aus. Vielleicht stand Shay jedoch wirklich unter Schock. Total unterkühlt war er obendrein. So schlank, wie er war, hatte der doch kaum was, um sich warm zu halten.
Sofort hatte Trevor das dringende Bedürfnis, ihn in die Arme zu ziehen und zu wärmen. Na, das würde Shay vermutlich wohl ebenfalls nicht umhauen vor Freude.
»Zu früh?«, fragte er und hielt ihm die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. Offensichtlich ganz automatisch legte Shay die schmalen Finger in seine. Kalt waren sie, aber weich und sanft. Und schickten prompt ein Kribbeln durch Trevors Körper, das sich gewaschen hatte. Und Funkenflug. Allein das war voll ausreichend, um ihn selbst aufzuwärmen.
Shay biss sich auf die Unterlippe, schien für einen Wimpernschlag nicken zu wollen. Dann schüttelte er den Kopf, lächelte sein erstaunlich unpersönliches Lächeln und nannte ihm die Adresse. »Wenn du vielleicht zum Afternoon Tea kommen willst? Um sechzehn Uhr?«
Ja! Trevors Grauer hechelte freudig. »Morgen zum Tee, das klingt gut.« Ungeduldig und missgelaunt schnarrte sein Wolf. Der war mit dem Aufschub, den Trevor seinem Rotschopf gerade gab, überhaupt nicht einverstanden. Doch das erleichterte Aufleuchten in Shays Augen entging Trevor nicht.
Leider verschwand es gleich wieder und wich erneut der Sorge. Oder Angst. »Wenn es dir passt. Ich will dich nicht von wichtigen Terminen abhalten!«
»Passt.« Entschieden nickte Trevor gegen das Winseln seines Wolfes an. Sein Gefährte brauchte ganz offensichtlich Zeit, um sich zu erholen. Und traute sich nicht. Oder er hatte eine erzkonservative Familie und musste die erst gebührend vorbereiten.
Trevors Blick glitt einmal die schmale Gestalt entlang. Die Kleidung sah zwar nass, aber edel aus, fiel ihm auf. Und Hammond Hall klang teuer und groß. Oha. Ob die wohl was gegen einen Automechaniker hatten? Trevor war das egal, Shay jedoch vermutlich nicht. Na, das konnte ein Spaß werden. Schnuppe! Shay war sein Gefährte und …
Sein Gefährte! Schon wieder musste Trevor grinsen. Von einem Ohr bis zum anderen. Sein Gefährte! »Gut, dann wollen wir mal.« Oh, nach wie vor hielt er Shays Hand. Hehe. War bestimmt ebenfalls unangemessen. Doch so passend. Trotzdem ließ er ihn los, um zwei Taxis zu rufen und seinen Süßen nicht noch mehr zu verunsichern.
»Die sind in zehn Minuten da«, gab er weiter. »Lass uns zum Ausgang gehen.«
Shay nickte.
Mittlerweile fror auch Trevor. Aber wie! Hm, wandeln wäre jetzt gut. Einmal Wolfspelz ausschütteln, danach wäre alles wieder kuschelig warm. Kam natürlich nicht infrage, mitten in Edinburgh. Und ausziehen vor dem schüchternen Rotschopf vermutlich erst recht nicht.
»Ah, da habe ich doch glatt über unserem Bad den Anstand vergessen.« Er lachte. Mann, hatte er gerade übersprudelnde Laune! Noch mehr als vorhin schon. Kein Wunder. »Also, ich bin Trevor Knight. Komme von MacArran Manor und gehöre dem MacArran-Rudel an. Mein Alpha ist Jake MacArran.«
Sollte respektabel genug für die Snob-Familie sein, um einen ersten guten Eindruck zu machen. He. Bis die ihn sahen. Tätowiert und so. Dass auch ausgerechnet er so einen kleinen Snob abbekommen sollte! Er als ehemaliges Mitglied einer Bande von Verbrechern. Fast hätte er erneut gelacht. Seine Hormone kochten eindeutig hoch. Alles hob seine Stimmung gerade in den Himmel. Selbst das Frieren. Hormone, so eine feine Sache.
»Angenehm, dich kennen zu lernen, Trevor. Shay Hammond. Ich komme aus …« Der Rotschopf schien etwas zu verschlucken. »Zurzeit aus Hammond Hall, habe ich ja schon gesagt. Kein Rudel.«
»Bist du auf Urlaub hier?« Während sie zügig dem Bohlenweg folgten, warf Trevor dem süßen Profil seines Gefährten einen weiteren Blick zu. Noch immer hatte Shay blaue Lippen und war so erschreckend blass. Wurde höchste Zeit, dass der ins Warme kam.
Wieder dieses minimale Zögern, ehe Shay nickte. »Mein Onkel ist Norris Hammond, sein Gefährte Acair. Außerdem habe ich fünf Cousins. A-alle Omegas.«
»Warte. Norris Hammond? Der Norris Hammond, der die Hammond Whiskey Destillerie zusammen mit seinem Bruder leitet?« Konnte nicht sein, oder? Trevor hob die Brauen.
»Genau der.«
Anerkennend pfiff Trevor durch die Zähne. Woah! Uff! Die Hammonds waren reich, soweit er das wusste. Oha. Alteingesessene Familie von Wandlern, die den Betrieb seit Generationen führte und groß gemacht hatte. Ha! Was würde Connor ihn beneiden! Sehr schön, etwas, um ihn aufzuziehen. »Euer Whisky ist gut. Ein Kumpel von mir liebt den.« Sonst hätte Trevor echt keine Ahnung davon gehabt. Oder vom Hammond-Clan.
Shay nickte und lächelte höflich. »Danke. Wir geben unser Bestes, nur feinste Qualität zu liefern. Aus den wertvollsten Zutaten und mit sorgfältigen Kontrollen bei jedem Schritt der Produktion.«
Das klang, wie von einer Werbebroschüre abgelesen, fand Trevor. »Hm«, brummte er. »Schmeckt man.« Connor zumindest. Jake auch. Trevor hingegen mochte schlicht Whisky, solange es keine Plörre war.
»Und was machst du beruflich?«, fragte Shay im Plauderton, als säßen sie irgendwo an einem feinen Tisch mit Tee und Häppchen.
Joah, so viel zum ersten guten Eindruck. Egal. Trevor war gerne, was er war. Hölle, nicht nur das. Er liebte es! Gab nichts Besseres, als an Motoren herumzuschrauben und die zum reibungslosen Laufen zu bringen. »Automechaniker. Ich bin für Fahrzeuge auf MacArran Manor zuständig. Von Traktor bis Bentley ist alles dabei.«
»Oh.« Für einen Wimpernschlag schien so etwas wie Schreck über Shays Gesicht zu huschen, vielleicht sogar Enttäuschung, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte. »Das erfordert viel Wissen, richtig?« Seinem Ton merkte Trevor nichts an, der blieb gleichmäßig entspannt.
Hm. War echt nicht verwunderlich, dass er in nicht Begeisterungsstürme ausbrach. Shay hatte vermutlich eher mit einer guten Partie gerechnet. Massig Geld und bestenfalls von Adel oder so.
Na, Trevor würde ihn schon davon überzeugen, dass er der beste Gefährte war! Reich nicht, aber dank eines ordentlichen Gehalts durchaus nicht arm. Hey, und er lebte auf 'ner Burg! Wenn das mal kein Pluspunkt war. Mit einem Grinsen nickte er. »Ich mach da alles. Elektronik, Elektrik, Mechanik, Programmierung.«
»Programmierung?« Ob Shay das wirklich interessierte? Oder versuchte er einfach, Small Talk zu machen?
Trevor warf ihm einen weiteren Blick zu. An der freundlichen Miene war nichts abzulesen. »Ja. All die schnieken Funktionen müssen ja auch einprogrammiert werden. Moderne Autos sind fahrende Computer. Und was machst du?«
Sie traten auf die Portgower Place und näher an die Steinmauer, die die Sportplätze von der Straße trennte, um aus dem Wind zu kommen. Sofort wurde es deutlich angenehmer. Da ließ sich das Warten halbwegs aushalten.
»Ich wurde klassisch ausgebildet.« Shay zog die Jacke enger um sich. Die Geste wirkte, als wollte er nicht mehr Wärme bekommen, sondern Schutz finden. Armes Kerlchen. »Sprachen. Malen. Tanzen. Literatur. Haushaltsführung. Musik. Ich spiele Klavier und Geige.«
Ach, du Scheiße! Schlimmer als Timothy, der Gefährte von Trevors Alpha, und Cailean, Bens Gefährte. Beides traditionell erzogene Omegas, doch die waren wenigstens nicht reich gewesen. Nicht … schnöselig! Und was Shay natürlich so nicht sagte, war, dass er einen zumindest wohlhabenden Alpha erwartet hatte, um dessen Welpen auszutragen und sich um die Familie zu kümmern, Gesellschaften zu halten und zu repräsentieren. Garantiert.
Das konnte Trevor ihm echt nicht bieten. Wollte er auch gar nicht. Oh, verdammte Kacke. Ey, konnten sich die Hormone und der Duft irren? Im Leben würde er nicht in eine Villa ziehen und ein feiner Herr werden! Da erstickte er doch! Oha. Und von seinem Rudel bekamen ihn keine zehn Pferde weg! Das konnte ja spaßig werden, da einen Mittelweg zu finden. Ach, würden sie schon. Garantiert.
»Ich singe schräg und spreche Englisch«, antwortete Trevor viel zu spät. »Aber ich kann prima zu Musik hüpfen. Wir haben gute Partys auf MacArran Manor.« Die hatten sie wirklich.
Beeindruckte Shay natürlich nicht. Sein nettes Lächeln blieb unberührt, die herrlichen grünen Augen schienen hinter Spiegeln verborgen, die nichts von seinem Innenleben offenbarten.
Beinahe war Trevor dankbar, als das Erste der beiden Taxis in Sicht kam. »Das ist auf jeden Fall deines«, bestimmte er. »Du musst ins Warme!« Shay war mittlerweile so blass und blaulippig, dass Trevor überlegte, ob der nicht besser in ein Krankenhaus sollte. Wegen Unterkühlung.
»Danke. Für alles, Trevor. Auch für die Rettung. Oh! Ich habe mich noch gar nicht angemessen bedankt! Entschuldige!« Wieder weiteten sich die Augen erschrocken, verloren kurz ihre spiegelglatte Oberfläche. Dahinter zeigte sich für einen Wimpernschlag Angst, Schock und … mehr Angst. »Verzeih! Du musst mich für vollkommen unerzogen halten!« Hektisch wickelte er sich aus der Jacke. »Ich …«
Eilig winkte Trevor ab. O Mann! Nee, oder? Warum fürchtete Shay sich so sehr? Klar, Trevor war tätowiert und breitschultrig und kein Snob. Aber hey! Er war Gefährte und nett, oder? Hatte er etwas gesagt, das Furcht rechtfertigte? »Die behältst du schön an. Du brauchst alle Wärme, die du bekommen kannst. Und du musst dich echt nicht entschuldigen!« Puh, wie oft war das mittlerweile? Gefühlt zweihundert Mal.
Trevor
Der schwarze Wagen hielt bei ihnen, der Fahrer ließ das Fenster runter. »Mister Knight?«
»Jupp, der bin ich.« Trevor wandte sich ihm zu, öffnete das Handy und zog eine Zwanzig-Pfund-Note hervor. Das einzige Bargeld, das er dabei hatte. »Reicht das bis Hammond Hall?« Er nannte die Adresse.
Sonnig grinste der Fahrer. »Natürlich.«
Für einen Atemzug sah Shay aus, als wollte er widersprechen. Dann nickte er nur mit einem neuen Lächeln. »Danke, Trevor.«
»Kein Thema. Mache ich gerne«, brummte Trevor. Das Lächeln war süß. Echt süß. Obwohl es so unpersönlich war. Wie der ganze Mann. Süß und unpersönlich. Oder süß und panisch.
Nach einem genaueren Blick stieg der Fahrer aus. »Kleinen Moment, bleibt mal schön stehen. Was ist denn mit euch passiert?«
»Wir waren baden«, antwortete Trevor prompt. »Das Wetter ist so herrlich. Wer kann da schon widerstehen?«
»Eisbaden vielleicht.« Der Fahrer lachte auf und reichte ihm eine Decke aus dem Kofferraum. »Hab aber nur eine, darauf müsst ihr beide Platz nehmen.«
»War erfrischend. Solltest du mal probieren. Zumindest, wenn man wie ich aus dem Norden kommt, ist es angenehm warm.« Auch Trevor lachte. »Keine Sorge. Wir müssen in unterschiedliche Richtungen. Einer deiner Kollegen holt gleich mich ab.« Er öffnete die Beifahrertür und legte die Decke auf den Sitz; auf keinen Fall saß Shay hinten. Vorne hatte der Wagen Sitzheizung. Er schaltete sie auf höchste Stufe, dann trat er zur Seite. »So, jetzt darfst du, Shay.«
Überrascht sah Shay ihn an, bedankte sich erneut und setzte sich.
Trevor lächelte. »Dein Handy dürfte hin sein, sonst würde ich dir meine Nummer geben. Aber wir sehen uns morgen.«
»Ihr könnt 'nen Zettel und 'nen Stift haben, wenn es hilft.« Der Fahrer ließ sich auf seinen Sitz fallen und zog die Tür hinter sich zu, während er schon einen Block aus der Ablage fischte.
»Au ja. Klasse!« Immerhin mal Kontaktdaten! Das war nicht verkehrt.
Sie tauschten Nummern aus, Trevor speicherte Shays gleich ein. Danach schloss er die Tür hinter seinem Gefährten und trat zurück. Der Fahrer wendete und fuhr er den Weg entlang, den er gekommen war.
Beinahe wie betrunken starrte Trevor dem schwarzen Wagen hinterher, bis der außer Sicht war. Dann atmete er durch. Und noch mal und noch mal. »What the fuck!«, brach es schließlich herzhaft aus ihm heraus. Das war ja ... echt jetzt? Gefährte? Nee, oder? Seine Gedanken gingen auf Spiralkurs.
Die ließen sich auch nicht einfangen, bis sein eigenes Taxi kam und ihn zu seinem Hotel brachte. Tropften mit einer heißen Dusche zusammen in den Abfluss, sobald er einen aus den Augenwinkeln erspähte. Rannen von ihm weg. Bis auf Fuck. Das kam wieder und wieder zu ihm zurück.
Erst, als er in einen trockenen Trainingsanzug gehüllt und in die Decke gewickelt auf seinem Bett saß, den zweiten dampfenden Kaffee in den Händen, erst, als er selbst halbwegs aufgetaut war, wurde sein Kopf klarer.
»Okay«, sagte er laut und grinste schief. »Okay. Trevor, da hast du also deinen Gefährten gefunden.« Und was für einen! Süß bis zum Abwinken. Zum Niederknien und Dahinschmelzen. Die Optik stimmte aber mal so was von!
Doch der Rest? Au weia. Der Automechaniker und der Prinz. Trevor prustete los. Klang wie eine von Timothys geliebten Schnulzen. Prima, damit hätte Trevor einen Fachmann an der Hand, falls er Hilfe brauchte. Gab bestimmt total hilfreiche Tipps. Mit Pferd in den Sonnenaufgang reiten und so.
»Nee, jetzt aber mal ernst, Mann.« Den wahren Gefährten gab es nur einmal. Keine Bandbreite für Fehler möglich. Nicht mal Keith hatte es geschafft, sich der Verbindung zu entziehen; und der hatte wirklich geglaubt, er sei ein Kackgefährte. Also besser für seinen Dalyell, sich nicht mit ihm zu vereinen. Hatte nicht geklappt. War unmöglich. Und die beiden waren glücklich zusammen. Wahre Gefährten eben.
Trevor sah zum Fenster hin. Draußen strahlte die Sonne wie schon den ganzen Morgen über. Passend zu diesem Anlass! Wieder grinste er. Grinste breiter, als er an die leuchtend grünen Augen dachte. Geweitet. Umwölkt. An die weiche Stimme.
Funken zogen durch seinen Bauch und breiteten sich in seinem gesamten Körper aus.
»Tja, da wird der Automechaniker seinen Hochwohlgeboren eben für sich gewinnen müssen. Meinen Gefährten. Ha!« Ungläubig schüttelte er den Kopf, lachte erneut. Edinburgh war offensichtlich ein vielversprechendes Pflaster für ungebundene Betas. Ben, Keith und jetzt er. Zack. Und verloren. Na ja, eher gefunden.
Gut. Morgen würde er also die Familie Hammond kennen lernen. Onkel und Oheim zumindest. Und Shay wiedersehen! Leise winselte sein Grauer, grollte gleich darauf ungehalten, weil Trevor hatte Rücksicht nehmen wollen und nicht auf heute bestanden hatte.
»Schon gut, schon gut. Versteh ich ja.« Lächelnd tätschelte Trevor seinen Bauch. Rein vom Gefühl her stimmte er ihm zu. Und wie! War trotzdem besser so. Shay brauchte Zeit, um sich zu fangen und den Gedanken an ihn zu verdauen. Und nicht mehr so verschreckt zu schauen.
Da war Trevor jedoch zuversichtlich, dass sie zumindest das zügig aus der Welt würden schaffen können. Darin war er gut – Leute zum Lachen zu bringen. Rumzuflachsen. Und kein Stück gefährlich auszusehen. Nicht, dass er das nicht sein konnte. Aber das war eine Seite, die er Shay nicht so schnell zu zeigen gedachte. Wenn es nach ihm ging, sogar nie.
Shay
Shays Plan ging schief. Gründlich. Eigentlich hatte der vorgesehen, sich unbemerkt ins Haus zu schleichen. Kearon eine Nachricht zu schicken, dass er bereits wieder daheim war, und sich zu entschuldigen. Dann in der Badewanne zu versinken, aufzutauen und nachzudenken. Vorzugsweise mit einer großen Tasse heißer Schokolade.
Doch er hatte die Rechnung ohne Oheim Acair gemacht.
Als Shay ausstieg und durch den Vorgarten auf die alte Backsteinvilla zulief, konnte er ihn bereits in seinem Atelier, einem vollverglasten Wintergarten neben der Haustür, arbeiten sehen. Uh-oh, hoffentlich vertieft genug in Farben, Pinsel und Leinwände, um nichts um sich herum mitzubekommen. Shay war noch nicht so weit, mit irgendjemandem darüber zu sprechen, was gerade geschehen war.
Doch ehe er den Gedanken vollendet hatte, wandte Oheim Acair jedoch den Kopf, lächelte, winkte. Dann weiteten sich seine Augen, Schreck zog über sein Gesicht.
O nein, bitte nicht! Alles gut!
Leider hielt Shays hektisch herbeigerufenes Lächeln seinen Oheim nicht davon ab, sofort Pinsel und Palette beiseitezulegen und aus dem Wintergarten zu verschwinden.
Mist, Mist, Mist. Shays Magen zwickte. Himmel, Shay hatte wirklich, wirklich keine Kraft für eine Diskussion! Er …
Die Haustür öffnete sich, noch ehe er sie erreicht hatte. Eindeutig besorgt lief sein Oheim auf ihn zu, umweht von dem Geruch nach Farbe und Lösungsmittel. Kein Wunder, er trug seinen Malerkittel.
»Shay! Himmel, Junge, was ist passiert? Klatschnass! Komm rein, komm rein! Deine Lippen sind ganz blau. Und du bist so blass!« Als wäre Shay ein kleines Kind, legte Oheim Acair ihm einen Arm um die Schultern und führte ihn die wenigen Stufen zur Tür empor.
Wärme sickerte in Shay. Ob die liebevolle Geste seinem Alter entsprach oder nicht, oder dem, was er von daheim kannte – es fühlte sich gut an. Umsorgt. Gleich fiel es ihm leichter, das Lächeln aufrecht zu halten. »Mach dir keine Sorgen. Ich bin nur durchgefroren. Hab das Gleichgewicht verloren und bin ins Wasser gefallen. Kannst du Kearon Bescheid geben, dass er nicht auf mich warten soll? Mein Handy ist tot.« Er hatte es noch im Taxi ausprobiert.
»Natürlich. Und du musst dich aufwärmen. Nimm ein Bad! Ich bringe dir … oh.« Im Vorraum hielt Oheim Acair inne. Kaum sichtbar witterte er, dann huschte ein Leuchten über sein Gesicht. »Ein Alpha hat dich rausgezogen, hm? Das ist nicht deine Jacke.«
Mist, die hatte Shay ganz vergessen! Unglücklich nickte er.
»Du kannst mir alles nachher erzählen«, bestimmte sein Oheim jedoch im nächsten Moment. »Wirklich, du bist eiskalt! Heiße Schokolade? Kaffee? Tee? Was soll ich dir bringen?«
»Heiße Schokolade. Danke, Oheim Acair.« Erleichterung rauschte durch Shay. Zumindest einen kleinen Aufschub hatte er gewonnen. Mehr brauchte er ja nicht. Geheimhalten konnte er ohnehin nicht, was geschehen war. Nicht mit einem Gefährten, der am nächsten Tag vor der Tür stehen würde. Shay schauderte.
Shay
Wenig später lag er in der Wanne, eine dampfende Tasse sowie eine gefüllte Thermoskanne standen bei ihm. Die nasse Kleidung hatte sein Oheim gleich mit in den Hauswirtschaftsraum genommen, als er wieder gegangen war. Natürlich nicht, ohne sich zu erkundigen, ob er noch etwas für ihn tun konnte. So lieb!
Shay fand es erstaunlich, wie viel sein Oheim selbst erledigte. Nicht waschen, klar. Aber er kochte oft. Hatte sich um seine Söhne gekümmert, bis diese alt genug fürs Internat gewesen waren. Selbstverständlich unterstützt von einem Manny. Jedoch eben nur unterstützt. Shay hingegen war hauptsächlich von seinem Manny und Privatlehrern aufgezogen worden. Der Edinburgher Zweig der Hammond-Familie war wesentlich gefühlsbetonter als sein eigener. War manchmal echt schwierig. Aber auch schön.
Mit einem Seufzen ließ Shay sich tiefer in das heiße Wasser sinken, atmete den sanften Mandelduft des Schaumbads ein. Leise knisterte es, als kleine Bläschen platzten. Noch immer zitterte alles in ihm. Langsam taute jedoch zumindest sein Körper wieder auf. Hm, vielleicht war das Beben gar nicht der Kälte geschuldet.
Mann, war das vorhin echt geschehen? Der Teich, der Sturz und dann ... Sofort hatte Shay Trevors Gesicht vor sich. Die kantigen Züge inklusive stoppeligem Dreitagebart. Nasses blondes Haar. Funkelnde graue Augen, die für gute Laune gemacht zu sein schienen. Vernahm die warme Stimme. Und roch seinen unvergleichlichen Duft. Den Duft nach Gefährte.
Unwillig stöhnte Shay. »Geh weg.«
Natürlich hörte Trevor nicht auf ihn. Wie auch? War ja Shays Kopf, der ihn herbeizauberte.
Trevor Knight. Ein schöner Name eigentlich. Passend zu dem Mann. Trevor Ritter. Wie ein Ritter hatte sich der Wolf zu ihm in die Fluten gestürzt, um Shay aus dem eisigen Wasser zu ziehen. Einfach so. Ohne ihn zu kennen. Ohne zu wissen, dass sie …
Wieder stöhnte Shay.
Gefährten. Sie waren Gefährten!
Nichts konnte Shay richtig machen. Gar nichts! Wie in einem 3-D-Film tauchten die enttäuschten, abweisenden Gesichter seiner Eltern vor ihm auf, als er sich vorstellte, ihnen zu beichten, dass …
Ein Automechaniker! Ausgerechnet! Vermutlich wäre nur noch Müllmann schlimmer. Das war in ihren Augen doch der absolute Tiefpunkt. Danach hätten sie endgültig keinen zweiten Sohn mehr.
Ein Erbe reichte schließlich. Sein Bruder Baigh. Baigh machte alles richtig. Er war ein kompetenter Alpha. Hatte sich mit dem perfekten Omega verbunden. Hatte bereits Welpen. Kümmerte sich versiert mit ihrem Vater um die Firma. Baigh, der immer für Shay da gewesen war und ihn geliebt hatte. Bis zu der Affäre mit Lennox.
Wieder stach die Enttäuschung, die Shay aus den Augen seines Bruders entgegengesehen hatte. Biestig stach die. Das schmallippige Abwenden. Nach wie vor tat es so fürchterlich weh. Deutlich mehr als die Kälte seiner Eltern. Tränen wallten in Shay auf.
Wie konntest du nur!? Hast du nicht ein einziges Mal an die Familie gedacht? Baighs schneidender Ton. Ein Ton, in dem er noch nie mit Shay gesprochen hatte.
Shay unterdrückte einen gequälten Laut, hielt die Luft an und tauchte unter. Weich umspülte das heiße Wasser sein Gesicht. Das Eis in seinem Inneren konnte es nicht vertreiben.
Und jetzt fand Shay seinen Gefährten, seinen wahren Gefährten sogar. Eine Chance, seine Ehre zumindest ansatzweise wiederherzustellen! Seine Familie zu rehabilitieren in der Gesellschaft. Und dann das.
Ein Automechaniker.
Das musste ein Fehler sein. Musste einfach! Doch der Duft war eindeutig.
Und einen Automechaniker würde eventuell nicht ganz so sehr stören, dass Shay ruiniert war. Möglicherweise zumindest.
Langsam wurde die Luft knapp. Shay kniff die Augen fester zusammen, als würde das helfen. Hier unter Wasser schien die Welt einen Hauch weiter weg zu sein. Mann, wäre Trevor ihm mal nicht hinterher gesprungen! Vielleicht wäre Shay einfach ertrunken. Kaum in der Lage, sich zu bewegen, so eisig war das gewesen.
Stattdessen war er hier. Weil Trevor ihn gerettet hatte. Total heldenhaft. Die Erinnerung brachte Shays Herz trotz allem dazu, schneller zu schlagen. Das hatte ja auch keine Ahnung, dass sich das nicht lohnte. Genauso wenig wie Trevor das wusste.
Ging nicht länger. Luft war aus. Egal, wie sehr Shay sich verkriechen wollte. Er tauchte auf, holte keuchend Atem und wischte sich Wasser und Schaum aus dem Gesicht.
Und jetzt?
Das Schaumgebirge vor Shays Nase knisterte leise. Vermutlich, ziemlich sicher sogar, hatte er es mit dem Badezusatz übertrieben. Obwohl – konnte man gar nicht. Je mehr Schaum, desto besser. Versteckte ihn. Und wenn es nur vor sich selbst war.
Immerhin seine Füße und Hände hatten mittlerweile wieder Betriebstemperatur angenommen. Allein deswegen fühlte Shay sich etwas wohler. Auch wenn es das Chaos in seinem Kopf kaum klarer machte.
»Okay, okay. Was sind meine Möglichkeiten?«, flüsterte er, schöpfte mit der hohlen Hand Schaum und sah hinein, als wäre es eine Kristallkugel, die ihm die Zukunft offenbarte. »Entscheidung für oder gegen Trevor.« Mehr gab es nicht.
Falls er sich mit dem Automechaniker verband, hätte er einen Gefährten. Keinen angemessenen, aber wenigstens einen Gefährten. Seinen wahren Gefährten, wenn sich seine Nase nicht irrte. Und sein winselnder Wolf, der diesen Vorschlag sofort begeistert begrüßte.
Seine Eltern und seinen Bruder würde er damit vollends verlieren. Mit einem Automechaniker musste er gar nicht erst ankommen, wahrer Gefährte hin oder her. Lennox hatten sie ja ebenfalls nicht akzeptiert. Und der war immerhin Chef eines kleinen Umzugsunternehmens.
Der Schaum in seiner Hand knisterte weiter und verriet nichts. Natürlich nicht. Shays Brust hingegen krampfte und zeigte, dass er überfordert war.
Oder Shay entschied sich gegen Trevor. War das überhaupt möglich? Jetzt, da er ihn getroffen hatte? Wenig überraschend knurrte und jaulte Shays Wolf. Panik drohte.
Mühsam unterdrückte Shay sie. Ohne den Automechaniker würde er sich so vielleicht doch mit einem respektablen Alpha verbinden können. Einen, mit dem seine Familie zumindest leben konnte. Einen, bei dem Shay nicht in einer winzigen Wohnung hausen musste, zu arm für alles. Putzen, kochen, zusätzlich zu Welpen auch noch arbeiten.
Er schauderte. Und als was? Er konnte ja nichts!
Im nächsten Moment hatte er wieder Trevors gut gelauntes Gesicht vor sich. Hörte sein Lachen. Und fühlte Prickeln im Bauch. Mann! Das half nicht bei einer rationalen Entscheidung.
Wahrscheinlich fand sich kein achtbarer Alpha mehr für ihn. Ziemlich sicher sogar. Nicht nach dem Armageddon beim Ball. Bloßgestellt, erniedrigt. Garantiert gab es niemanden, der nicht davon wusste. Zumindest in respektablen Familien.
Trevor hatte schließlich nur nichts mitbekommen, weil er keiner respektablen Familie angehörte. Aber sobald er das erfuhr, würde er doch schleunigst die Flucht ergreifen. Oder?
Oder sie verbanden sich, weil sie keine Wahl hatten.
Hatten sie eine?
Shay stöhnte. Er hatte keine Ahnung. Und gerade hätte er auch am liebsten keinen Kopf gehabt. Oder zumindest kein Gehirn. Er mochte nicht länger denken und grübeln, wenn alle Wege ohnehin nur in die Dunkelheit führten.
Er blieb in der Wanne, nippte an seiner heißen Schokolade und grübelte weiter, bis seine Finger zu schrumpeln anfingen und sein Kreislauf nicht mehr mitspielen wollte. Erst dann schaffte er es, sich aufzuraffen, abzutrocknen und anzuziehen.
Ein Blick in den Spiegel verriet ihm, dass er nicht länger wachsbleich, sondern karmesinrot war. Gut, das würde seinen Oheim beruhigen. Kein erfrorener Neffe. Oh, er wollte sich ihm nicht stellen! Den Fragen, die kommen mussten. Auf die er ja selbst keine Antwort hatte.
Aber er musste. Immerhin hatte er Trevor für den nächsten Tag eingeladen. Einfach so, ohne Rücksprache zu halten und um Erlaubnis zu bitten. Shay schürzte die Lippen. Und wenn schon! Trevor hatte ihn gerettet. Das war das Mindeste, was Shay tun konnte, um sich zu bedanken.
Zaudernd gönnte er sich eine weitere halbe Stunde Aufschub, bis sein Gesicht wieder eine halbwegs vernünftige Farbe angenommen hatte. Dann erst verließ er sein Zimmer, um sich auf die Suche nach seinem Oheim zu machen.
Noch vom Wohnzimmer aus entdeckte er ihn im Pavillon im hinteren Garten. Eine Teekanne stand auf dem Tisch, davor zwei Tassen. Und ein unberührter Teller mit Shortbread und Muffins. Sein Oheim hatte sich offensichtlich auf ein gemütliches Gespräch vorbereitet. Nur konnte das gar nicht gemütlich werden. Shay unterdrückte ein Seufzen.
Shay
Kaum, dass er aus dem Haus trat, hob Oheim Acair den Kopf und legte den Kunstband beiseite, in dem er offensichtlich ohnehin nur halbherzig geblättert hatte. Mit einem kritischen Blick umfing er Shay, dann lächelte er und winkte ihn heran. »Du siehst besser aus. Setz dich, mein Junge.«
Während Acair geschäftig Tee einschenkte, rutschte Shay mit Magenschmerzen auf die Bank. Doch erst einmal stellte sein Oheim ihm lediglich Fragen zu seinem Befinden. Wie er sich fühlte. Ob er verletzt war. Ob er einen Termin beim Arzt wollte. Und erst, als er zufrieden war, dass es seinem Neffen so weit gut ging, lehnte er sich zurück, nahm einen Schluck Tee. »Was ist passiert, Shay?«
Shay zögerte die Antwort mit einem Bissen Shortbread heraus. Aber half ja nichts. »Ich habe den Fehler begangen, mich zum Kaffeetrinken auf das Geländer der Plattform am Inverleith Pond zu setzen. Tja. Dann kam dieser Mann von hinten, hat mich angesprochen. Und ich habe mich so erschreckt, dass ich das Gleichgewicht verloren habe.« Hitze schoss in seine Wangen. Total peinlich, sein Manöver! Laut ausgesprochen fiel ihm das noch viel deutlicher auf. Er konnte echt nichts richtig machen. So unbeholfen war doch kein Omega! »Der Mann ist hinterher gesprungen, um mich rauszuziehen.«
»Heldenhaft.« Die Augen seines Oheims leuchteten auf, als fände er das nicht nur heldenhaft, sondern romantisch. Vermutlich dachte er außerdem, dass Shay in Erinnerung an einen tollen Mann rot wurde. Nicht vor Scham.
»Ich habe ihn für morgen zum Afternoon Tea eingeladen.« Shay atmete durch und stählte sich. »Sein Name ist Trevor Knight, ein Beta des MacArran-Clans.« Trevor, der Automechaniker. Der sein Gefährte war. Mist, das konnte er doch nicht sagen! Sein Magen krampfte erneut.
»MacArran?« Sehr präzise stellte Acair seine Tasse ab, richtete sich ein wenig auf. Misstrauen huschte über seine Miene. »Sicher?«
»Ich glaube?« Allein die Nachfrage machte, dass sich sofort Unsicherheit in Shay einnistete. »Wäre das schlimm?« Bei seinem Glück konnte das alles sein! O Mist. War das ein Rudel von Verbrechern? Trevor war immerhin tätowiert! Nicht, dass das nicht jeder zweite Mann zu sein schien, aber …
»Du warst noch zu jung damals, um das wirklich mitzubekommen.« Nachdenklich schürzte sein Onkel die Lippen. »Der MacArran-Clan ist einem Anschlag zum Opfer gefallen. Fast vollständig ausgelöscht, ermordet. Bis auf einen Erben. Alpha Jake MacArran. Wenn dieser Trevor also behauptet, diesem Rudel anzugehören …«
Shays Herz stürzte ab. Und so ziemlich alles in ihm dazu. Nur sein Magen nicht. Der krampfte schlimmer und blieb, wo er war. Ein Automechaniker, der auch noch Lügner und Betrüger war?
»O Shay!« Besorgt lehnte Acair sich vor und umfing seine Hand. Sorge füllte seinen Blick. »Was ist? Junge, du wirst ja ganz blass!«
»Er ist mein wahrer Gefährte«, rutschte es Shay ziemlich piepsig heraus. Konnte das nicht irgendwann mal aufhören mit den Hiobsbotschaften?
Die blauen Augen weiteten sich, deutlich hörbar holte sein Oheim Luft.
Am liebsten hätte Shay sich unter dem Tisch versteckt. Oder besser noch in einer Erdspalte, die sich bitte auftun sollte. Und dann gleich wieder schließen. Nichts, aber auch gar nichts konnte er richtig machen!
»Oh«, sagte Acair nach einem langen Moment weich und drückte seine Hand. »Dein Gefährte? Wie wundervoll, mein Junge! An sich sind die MacArrans ein respektabler, guter Clan!«
Das behauptete er doch nur, um Shay zu beruhigen, oder?
»Wir werden deinen Gefährten auf Herz und Nieren prüfen. Ich habe gehört, dass Alpha MacArran seinen Gefährten gefunden hat. Dieser Trevor ist auf keinen Fall ein Sohn der beiden, dazu ist er zu alt. Ein kleiner Junge war er ja wohl nicht.« Sein Oheim lächelte. »Aber vielleicht hat MacArran ihn aufgenommen. Das wäre … ja, das wäre gut. Der MacArran-Clan ist ehrbar.«
»Ist er?« Shay konnte wieder ein wenig leichter atmen. Oh, bitte! Konnten die Wendungen in seinem Leben nicht einfach aufhören? Okay, gute durften gerne weiterhin kommen. Oder erst überhaupt mal anfangen, bei ihm einzutrudeln. »Auf jeden Fall ist er Automechaniker.« So, jetzt hatte er auch die letzte schlechte Nachricht rausgebracht. Uff.
»Das wird deinen Onkel freuen. Vielleicht verbindet der sich ja mit ihm«, antwortete Oheim Acair trocken.
Und brachte Shay damit fast zum Lachen. Onkel Norris liebte Oldtimer. Ein Mann, der ihm da helfen konnte, sie zum Laufen zu bringen, und mit dem er fachsimpeln konnte? Der war ihm an sich bestimmt herzlich willkommen. Nur als Gefährte seines Neffen?
Liebevoll tätschelte Oheim Acair seinen Unterarm. »Mach dir keine Sorgen, Junge. Morgen schauen wir uns deinen Trevor genau an, und dann sehen wir weiter. Wir passen auf dich auf; du bist nicht allein. Ich rede mit Norris, sobald er nach Hause kommt. Alles wird gut.« Erneut lächelte er.
Mit einem unmerklichen Aufatmen erwiderte Shay das Lächeln. Sein Oheim kümmerte sich. Hatte ihn nicht gleich in Grund und Boden geschrien. Oder sich verächtlich abgewandt. Das war gut. Er tat, was er konnte. Warm und lieb, so, wie die Familie ihn auch aufgenommen hatten. Vielleicht ja nicht ausschließlich um der Blutsbande und Shays Vater willen.
Shay wusste das wirklich zu schätzen. Ach, mehr als das. Endlos dankbar war er! Von tiefstem Herzen. »Danke«, sagte er leise. »Dass ihr mir …«
»Shh«, unterbrach sein Oheim ihn, sein Lächeln vertiefte sich noch. »Natürlich. Wir sind Familie, nicht?«
»Ja, das sind wir.« Die Versicherung tat unendlich gut. Auch wenn Familie nicht viel bedeuten musste. Sofort glitten Shays Gedanken wieder zu Baigh und seinen Eltern ab. Zurück zur Kälte. Zu der Enttäuschung, die er ihnen bereitet hatte.
Energisch drängte er sie beiseite. Jetzt war er hier. Und vielleicht konnte er doch noch irgendwie etwas aus seinem Leben machen. Ab morgen. Je nachdem, als was Trevor Knight sich entpuppte.
Trevor
Draußen nieselte es.