Ein Alpha auf leisen Tatzen - Yael Gray - E-Book

Ein Alpha auf leisen Tatzen E-Book

Yael Gray

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Beschreibung

Alles, was Alpha und Jaguarwandler Ryan will, ist ein Gefährte sowie einen Erben für die ausgedehnten Ländereien eines Earls of Navan. Leider sind Besitz und Titel für die Liebe eher ein Hindernis, wie er bereits mehrfach schmerzvoll am eigenen Leib erfahren musste. Denn zu viele Omegas haben es einzig darauf abgesehen. Kurzerhand beschließt er, inkognito als Bürgerlicher außerhalb Englands nach einem geeigneten Omega zu suchen und ihn zu dem Seinen zu machen. Doch als Ryan in New York auf den bezaubernden Ember trifft, wird seine wohlgeordnete Welt vollkommen durcheinandergewirbelt. Der junge Mann arbeitet in zwei Jobs, um sich über Wasser zu halten, will keine Beziehung mit einem Briten - und ist ein Mensch. Dennoch bekommt Ryan die blauen Augen nicht mehr aus dem Kopf. Warum zieht dieser Mann ihn so unerbittlich an, wenn sie doch niemals Gefährten sein können? M/M-Wandler-Liebesroman. Enthält Hinweise auf Mpreg. Länge: 86.560 Wörter

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ein Alpha auf leisen Tatzen

 

 

 

 

 

Yael Gray

 

 

 

 

 

 

Roman

Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59

 

Impressum

Kapitel 1

 

Ryan

 

Ryan duckte sich tiefer hinter den umgestürzten Stamm und lauschte. Alles roch scharf nach Jaguar, keine Chance, die Raubkatze irgendwie mit der Nase zu orten. Doch er konnte die kaum wahrnehmbaren Laute hören, die ihre mächtigen Tatzen machten, egal, wie leise sie gesetzt wurden. Seine Muskeln spannten sich an, schienen vor Anspannung zu summen. Jetzt durfte er sich keinen Fehler erlauben.

Grüne Wildnis umgab ihn. Hoch oben in den dicht belaubten Kronen der Bäume sang ein einsamer Vogel. Insekten summten in der noch vom letzten Regenguss dampfenden Luft. Die Kleintiere in der Umgebung gaben jedoch keinen Ton von sich. Nur nicht die große Raubkatze auf sich aufmerksam machen!

Ryans Herz schlug schneller. Er versuchte, so flach wie möglich zu atmen, um lautlos zu sein. Geduld.

Die leisen Schritte verstummten, als sei der Jaguar erstarrt. Verdammt, was tat der Mistkerl? Ryan kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, verlagerte sein Gewicht und widerstand der Versuchung, über den Stamm zu schauen. Jaguare waren Lauerjäger. Ryan auch. Wusste der Kerl, wo er sich verborgen hatte? Zuzutrauen wäre es ihm. Sie hatten das Spiel bereits zu oft gespielt.

Ein kaum zu erahnendes Zischen, als peitschte ein Schwanz vor Aufregung durch die Luft. Im nächsten Moment ein Knacken, ein Scharren von in den Grund gegrabenen Krallen.

Ein Schatten setzte über gestürzten Baum und Ryan hinweg. Mit einem dumpfen Laut kam der Jaguar direkt hinter ihm auf, wirbelte herum. Markerschütternd brüllte er. Einhundertachtzehn Kilo pure Muskelmasse, Fänge, Klauen, geifernder Atem.

Hatte Ryan auch. Half nicht. Schon wieder war sein Freund schneller gewesen! Wie machte Brian das nur? Eigentlich war das Ryans Plan gewesen – nämlich Brian aus dem Hinterhalt heraus anzuspringen. Genau das tat er im nächsten Atemzug, ohne sich mit einem Brüllen seinerseits aufzuhalten. Zwar war er ein wenig leichter als sein Freund, doch der Schwung reichte aus, um diesen von den Tatzen zu holen.

Balgend kugelten sie durchs feuchte Gras.

Ryan biss ihm in die Schulter und kassierte dafür einen Prankenhieb, der sich gewaschen hatte. Ungnädig revanchierte Ryan sich mit mehreren schnellen Tritten der Hintertatzen, während er Brian mit den Vorderpfoten festhielt.

Brian gab eine Mischung aus Knurren und Fauchen von sich, die seine Form des Lachens darstellte, sobald er als Jaguar unterwegs war. Blitzschnell verpasste er Ryan den nächsten Hieb, dann sprang er auf und jagte davon.

Ryan folgte ihm auf dem Fuß. So nicht, mein Freund!

Unerfreulicherweise war Brian der Stärkere, gleichgültig, wie hart Ryan trainierte. Aber der eindeutig Schnellere blieb er. Mit wenigen Sätzen hätte er ihn eingeholt und landete auf Brians Rücken. Wohldosiert kräftig biss er ihn in den Nacken, um ihm klar zu machen, dass er gewonnen hatte. Musste ordentlich zwicken, durchbrach jedoch nicht die Haut.

Interessierte Brian wie üblich nur nicht. Der schüttelte ihn ab und setzte zu einem neuen Angriff an.

Mit einem grollenden Lachen zeigte Ryan ihm in Gedanken den Mittelfinger und jagte los. Brian preschte hinterher.

Die Hatz führte sie durch den halben Wald von Ryans Naturpark, der eine seiner Villen umgab. Offiziell diente er dazu, ein wildes Paradies im Herzen Englands zu sein, unberührt von Menschenhand. Inoffiziell war er perfekt, um sich unbeobachtet als Jaguar auszutoben.

Wer im Endeffekt wirklich gewonnen hatte, wusste Ryan nicht so recht, als sie die Jagd schließlich beendeten. War jedoch auch ziemlich gleichgültig. Hechelnd vor Hitze und dreckig trabten sie einvernehmlich nebeneinander zurück bis zu dem Pavillon am Rande des Parks, ein schwarzer und ein rotgoldener Jaguar.

Wärme schlug ihnen entgegen, als sie den hellen, vollverglasten Raum betraten. Das in den Boden eingelassene, große Marmorbecken war mit wohltemperiertem Wasser gefüllt. Ryan stand nicht darauf, sich mit der Zunge zu putzen, aber sauber mussten sie beide werden. Ordentlich lagen zwei Stapel frischer Wäsche bereit, der Servierwagen lockte mit einer Auswahl an Sandwiches und Getränken. Seine Bediensteten wussten, was ihr Earl nach einem Ausflug wünschte, allen voran natürlich sein Butler Preston.

Kaum, dass Ryan gewandelt hatte, überzog Schweiß seine Haut. Er musste grinsen, als er die Spur sah, die sie auf den hellen Marmorfliesen hinterlassen hatten. Immerhin unter den Pfoten konnten sie in ihrer Jaguar-Form schwitzen, und das hatten sie reichlich.

»Das hat gut getan.« Mit beiden Händen strich er sich das feuchte, schwarze Haar aus dem Gesicht. Notwendig war es auch gewesen. In der nächsten Zeit würde er wenig wandeln können, wenn alles nach Plan ging. Oder eher – wandeln ja. Sich als Jaguar austoben? Nein. Ein schwarzer Panther auf den Straßen New Yorks würde eindeutig zu viel Aufmerksamkeit erregen. Und zwar nicht die, die er wünschte.

»Und wie!« Brian schüttelte den Kopf, als befände er sich weiterhin in Tierform. Feine Tröpfchen spritzten aus seinem roten Haar. Er lachte. »Hatten wir viel zu lange schon nicht mehr.« Gleich darauf lachte er erneut. »Der Earl mit seinem Earl Grey.«

Ryan hatte sich eine Tasse Tee eingegossen und gab einen Schuss Sahne dazu. Nicht ganz genervt, aber definitiv auch nicht amüsiert verdrehte er die Augen und hob eine Braue. »Warum erheitert dich das noch immer? Wir kennen uns seit der ersten Klasse des Internats.« Das war Ewigkeiten her.

»Nun.« Bereitwillig hielt Brian ihm einen Finger hin. »Damals hast du keinen Earl Grey getrunken.« Der zweite Finger folgte. »Zudem warst du da ein popeliger Viscount, so wie ich. Ein Viscount, der Earl Grey trinkt? Nicht lustig.« Der dritte Finger schnellte nach oben. »In der Zeit direkt nach dem Tod deiner Eltern wäre es pietätlos gewesen. Du hast gelitten wie ein Hund. Jenseits von lustig!« Ein vierter Finger. »Ich mache das also erst seit ungefähr zwei Jahren. Und das ist verdammt lustig!« Gleich darauf warf er sich weg vor Lachen.

Auch Ryan fiel mit ein. Mehr, weil sich Brian so gut amüsierte. Ja, vor fünf Jahren hätte er das sogar seinem besten Freund übel genommen. Damals waren seine Eltern bei einem Segelunfall ums Leben gekommen. Ihre Körper hatten nur noch aus der kieloben treibenden Jacht geborgen werden können. Ein Stich durchfuhr ihn, selbst nach all der Zeit. Er vermisste sie nach wie vor sehr. Gerne wäre er weiter popeliger Viscount geblieben. Für einige Jahrzehnte.

»Vermutlich wirst du dich darüber noch in fünfzig Jahren amüsieren«, sagte er trocken. »Oder ich suche mir ein anderes Lieblingsgetränk.«

»Ach, bitte nicht.« Grinsend trat Brian zu ihm und nahm sich Wasser. Stillos trank er direkt aus der Flasche. »Du würdest mich um einen großen Quell der Freude bringen.«

Auch als Mann war Brian breiter, größer und muskulöser als Ryan, und er war nun wahrlich kein Hänfling. Wenn sie so nackt wie jetzt zum Ausdampfen nebeneinander standen, fiel Ryan das immer mal wieder besonders auf. Trotzdem war er selbst schneller, auch in Menschengestalt. Ha. Sie gaben sich nicht viel, wenn sie sich beim Kickboxen, beim Laufen oder beim Fechten maßen. Nur beim Polo war Ryan seinem Freund eindeutig überlegen. Spielte Brian nämlich nicht.

Gemächlich dehnte Brian den Nacken einmal nach rechts und links. »Ich mag deinen Park. Beim nächsten Mal gehen wir jagen. Und zwar nicht uns.« Seine grünen Augen blitzten. »Sondern Rotwild.«

Ryan mochte den Farbton. Wärmer als sein eigenes Grünblau. »Sei mein Gast. Auch, wenn ich nicht daheim bin.« Er stellte die halbvolle Tasse am Rand der Beckens ab und versenkte sich mit einem genussvollen Seufzen in dem perfekt temperierten Wasser. Ah, das würde er vermissen. Alles so vorbereitet, wie er es am liebsten hatte, ohne dass er etwas sagen musste. Doch es war nötig, dass er seine Heimat für eine Zeit lang verließ.

»Du wolltest mit mir reden, stimmt.« Brian ließ seinen muskulösen Körper ebenfalls ins warme Wasser sinken und streckte sich lang aus.

»Als hättest du das vergessen.« Mit einem Grinsen warf Ryan sich einige Handvoll Wasser ins Gesicht, um Schweiß und Staub loszuwerden, und rieb sich ab. Etwas hatte sich in seinem kurzen Bart verfangen. Frech, ein Grashalm. Achtlos schmiss er ihn neben das Becken.

»So wichtig sind mir deine Termine nicht«, frotzelte Brian. »Ich habe genug mit meinen zu tun.«

»Natürlich, Viscount Roundale. Euer Kalender ist vollkommen überfüllt mit all den hochherrschaftlichen Terminen, die Ihr wahrnehmen müsst.« Ryan lachte. »Ein fauler Hund, das bist du. Entweder trainierst du oder hängst mit mir herum. Oder du feierst in London, lässt es dir gut gehen und dich von hübschen Männern verwöhnen.«

»Muss sein«, antwortete Brian unbeeindruckt. »Wenn ich erst einmal meinen Gefährten gefunden habe, war es das mit dem Lotterleben. Und ich brauche ja ein gehöriges Maß an Training, um ihn glücklich machen zu können.«

Wieder gluckste Ryan. »Sicher. Dein einziger Grund. Keine Frage.« Ein wenig beneidete er seinen Freund. Brian konnte die Gefährtensache einfach auf sich zukommen lassen. Weder waren seine Eltern tot, noch war er der alleinige Erbe. Lediglich der älteste Sohn. Aber es war, wie es war, und Ryans letzte Versuche in der Richtung waren ein Desaster gewesen. Da waren sein Vermögen und sein Titel eindeutig von Nachteil. »Ich werde England für eine Weile verlassen.«

»Prima.« Unternehmungslustig setzte Brian sich auf. Seine Augen funkelten. »Wohin gehen wir? Was ist geplant?«

Typisch Brian. Unbesorgt und immer für spontane Abenteuer zu haben. Ryan lächelte mit einem Mundwinkel. »Ich, mein Freund. Ich. Leider kann ich dich nicht mitnehmen.«

Kapitel 2

 

Ryan

 

»Oh.« Überrascht zog Brian beide Brauen hoch. »Okay. Klingt ernst. Wohin geht es? Für wie lange? Warum?«

»Ich benötige einen Erben«, antwortete Ryan nüchtern. »Hier habe ich mir alle infrage kommenden Omegas angesehen, sowie eine ganze Menge, die von schon vorab ungeeignet schienen.«

»Hm.«

»Meine letzten zwei Versuche einer Beziehung … du weißt, wie die geendet sind. Danke, das brauche ich nicht noch einmal.« Ryan zog den Servierwagen näher und stellte einen Teller mit Sandwiches zwischen sich und Brian. Die Simplen mit Gurke waren seine liebsten.

»Phineas«, knurrte Brian. »Erbschleicher. Vorne herum total verliebt tun, hinten herum nur ans Geld wollen. Der war ein Griff, oh, tiefer als das Klo.«

Mit geschürzten Lippen nickte Ryan. Er hatte den zierlichen Omega vielleicht nicht vergöttert, wie er seinen wahren Gefährten vergöttern würde. Doch er war ihm durchaus zugetan gewesen. Verliebt gar. Bis zu dem Tag, an dem er ihn hatte überraschen wollen und – klassischer ging es kaum noch – Zeuge eines verräterischen Gesprächs geworden war. Bei dem sein Beinahe-Verlobter kühl am Handy erzählt hatte, dass er den Fitzwilliam um den kleinen Finger gewickelt hatte und jeden Moment mit einem Antrag rechnete. »Phineas, genau. Archie war auch nicht besser.«

»Immerhin war der nicht so durchtrieben«, brummte Brian. Er beäugte den Teller und wählte Hummer mit Wasserkresse.

Ryan nickte. Trotzdem nicht eine seiner schönsten Erinnerungen. »Deswegen werde ich mich inkognito nach einem Gefährten umsehen. Nicht hier, wo ich ständig über jemanden stolpern kann, der mich kennt.«

»Verstehe.« Nachdenklich sah Brian zum Wald hin, dann zu Ryan zurück. »Um jemanden zu finden, der es nicht auf den Titel des Earls abgesehen hat.«

»Und nicht aufs Geld. Ich werde als mittelständischer Unternehmer auftreten. Immobilienmakler. Als der mache ich meinen Jahresurlaub in New York. Vier Wochen, um die dortigen Omegas auf Gefährtenpotenzial zu überprüfen. Oder zumindest auf einen, mit dem ich gut auskommen kann. Und der mir einen Erben schenkt.« Wenn Ryan ehrlich war, rechnete er nicht mehr mit einem echten Gefährten. Himmel noch mal, er war bereits dreiunddreißig! »Wenn ich keinen finde, mit dem ich mich verstehe, fliege ich weiter nach San Fr… Was?«

Brian sah ihn an, als hätte er sich vor seinen Augen in eine Maus verwandelt. Dann prustete er los. »Ryan, geht es dir gut?«

Irritiert blinzelte Ryan. »Doch, ja. Danke der Nachfrage. Ich wüsste nicht, was so witzig an meinem Plan ist.«

»Ernsthaft?« Lachend legte Brian das angebissene Sandwich beiseite und wies mit einer weiten Geste erst auf Ryan, dann in die Umgebung. »Schau dich an. Sieh dich um. Mittelständisch, mein Freund? Das schaffst du im Leben nicht! Ich bin mittelständischer als du! Du bist ein Snob. Ein britischer Lord, wie er im Buche steht. Mit einigen großen Anwesen, Tonnen von Bediensteten, einem bis zehn Butlern, 'nem Chauffeur, 'nem eigenen Gestüt und so weiter und so fort. Und du genießt es. Niemand nimmt dir den mittelständischen Immobilienmakler ab. Niemand, der sich auch nur drei Minuten mit dir unterhält.«

Ryan verdrehte die Augen. »Danke für dein Vertrauen. Ich habe mich bereits ausführlich informiert. Habe einen Agenten beauftragt, der mir zusammen mit Priscilla eine geeignete Garderobe und ein passendes Budget zusammengestellt hat. Ich kann jederzeit Rücksprache halten und wurde in Manieren, Lebensstandard und -stil gebrieft.« Er hatte sich vorbereitet! Kein Grund für Brian, sich wegzuwerfen vor Lachen.

Interessierte den nicht. Noch immer deutlich amüsiert versuchte Brian jedoch zumindest, das Lachen zu unterdrücken. Seine Augen funkelten allerdings weiterhin verräterisch. »Ich verstehe den Gedanken. Kann es nicht wenigstens ein reicher Immobilienmakler sein, den du mimst?«

Ryan schüttelte den Kopf, trank den Rest seines Tees und stellte die Tasse ab. »Das widerspricht dem Plan. Dann habe ich erneut nur gute Chancen auf die Phinease dieser Welt. Flug und Hotel sind bereits gebucht, mein Freund. Meine Entscheidung steht fest. Ich kann dich jedoch beruhigen, zumindest fliege ich erster Klasse.«

Nach einem Blick auf das Gedränge in der Economy und selbst in der Business Class hatte er sich doch lieber für das bequeme Reisen entschieden. Wie er ankam, würde niemanden interessieren.

»Der Flug macht mir keine Sorgen. Aber tu, was du nicht lassen kannst. Mehr als schiefgehen kann es nicht. Die Erde ist groß. Wenn der Plan in den Staaten schief geht«, Brian räusperte sich und grinste, »schief gehen sollte, sorry, dann kannst du ihn in Kanada, Frankreich, Spanien angepasst wiederholen.«

Wieder verdrehte Ryan die Augen und gluckste. »Danke für dein unerschütterliches Vertrauen. Das weiß ich sehr zu schätzen.«

»Dafür bin ich da.« Brian lachte. »Um dir zu zeigen, dass auch ein Earl Fitzwilliam nicht unfehlbar ist. So wie heute bei der Jagd. Ich habe ja wohl mal klar gewonnen.«

»Was? Im Leben nicht! Du warst weit abgeschlagen!«

»Das wollen wir doch mal sehen, wer weit abgeschlagen war.« Mit glitzernden Augen wandelte Brian und stürzte sich auf ihn.

»Albern!«, schnaubte Ryan amüsiert. Als er jedoch von einhundertachtzehn Kilo Raubkatze unter die Wasseroberfläche gedrückt wurde, blieb ihm nicht anderes übrig, als ebenfalls zu wandeln.

Die folgende Balgerei setzte den Pavillon gründlich unter Wasser und erforderte es, dass Preston ihnen anschließend neue und trockene Kleidung bringen durfte.

 

Ember

 

»Ember, Ember, Ember. Da haben dir deine schönen, blauen Augen, dein goldblondes Haar und dein süßes Lächeln wieder ordentlich Trinkgeld beschert, hm?« Mit einem schmierigen Grinsen lehnte sich Bill viel zu dicht über Ember, um auf seine Abrechnung schauen zu können, und legte ihm einen Arm um die Schultern.

Ember unterdrückte ein Schaudern und wand sich aus der unerwünschten Umarmung, indem er aufstand. »Bill, ich weiß, wie ich aussehe. Lass das.« Er schob ihm das Geld und das Formular zu, auf dem er die Summen zusammengezählt hatte, und trat gleich einen Schritt zurück. »Hier, zum Überprüfen.«

»Ich vertraue dir. Aber jeder kann sich mal verrechnen, nicht?« Bill lachte und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, auf dem eben noch Ember gesessen hatte. Wie üblich nahm er Ember und seinen Wunsch nach Abstand nicht ernst. Wie er das nie bei den männlichen Bedienungen tat.

Ember presste die Lippen zusammen und sah zur Uhr, die über der Tür hing. Übergriffig und extrem unangenehm, das war sein Chef. Doch Ember fand einfach keinen anderen Job, der sich mit seinem zweiten als Regalpacker gut vereinen ließ. Und keinen, der an den Lohn hier rankam. Für eine Stelle als Bedienung zahlte der Besitzer des Harlem Diner's echt gut. Nur sonst überließ er alles Bill und kümmerte sich nicht weiter. Deswegen konnte Bill sich sein Verhalten auch erlauben.

Außerdem wohnte Ember in Laufreichweite. Das war ein nicht zu unterschätzender Vorteil und sparte ihm Zeit. Von der hatte er bei seinen Schichten sowieso zu wenig.

War halt der Preis für eine Wohnung und das Leben in New York. Er und sein bester Freund hatten ohnehin verdammt viel Glück gehabt, dass sie dieses Schnäppchen in Harlem gemacht hatten. Vierzig Quadratmeter für nur tausendsechshundert Dollar! Heizung sogar mit inbegriffen. Gut, die fiel immer wieder aus, aber na ja, man konnte nicht alles haben. Und der versprochene Hartholzboden hatte sich als extrem verwohnter und absolut nicht mehr zu reinigender Teppich herausgestellt. Egal. Sie hatten Flickenteppiche darüber gelegt. Ein farbenfrohes Sammelsurium aus Goodwill, so wie alle ihre wenigen Möbel secondhand waren.

Ember grinste. Er mochte die bunte Mischung, obwohl kein Stück zum anderen passte. Hatte etwas Künstlerisches an sich und passte zu den zwei frischgebackenen Kunsthistorikern mit Bachelor, die nun versuchten, mit schlechten Jobs irgendwie über die Runden zu kommen.

»Du bist zauberhaft, wenn du lächelst. Kein Wunder, dass du ständig so absahnst.« Bills Stimme samt dem anzüglichen Kommentar holte ihn unangenehm zurück in den Pausenraum. »Du hast dich verrechnet, aber zu deinen Ungunsten. Hab's korrigiert, Hübscher.« Schwungvoll setzte Bill seine Unterschrift unter die Abrechnung und schob Ember sein Trinkgeld hin.

»Danke, Bill.« Gezwungen lächelte Ember und krakelte eilig seinen Namen auf das Papier, ehe er das Geld einstrich und die Flucht ergriff.

Kapitel 3

 

Ember

 

Draußen vorm Diner atmete Ember tief durch. Ein weiterer Tag geschafft. Was für ein Glück. Die Arbeit auf der Fläche machte ihm Spaß. Die Gäste waren nett, keiner grabbelte, keiner war anzüglich bis auf seltene blöde Ausnahmen. Und solange es um die Arbeit ging, wies Bill die auch in ihre Schranken. Besonders die, die die Mädels angingen. Nur er selbst … uff. Als gälten für ihn andere Regeln. Oder als sei seine Aufmerksamkeit erstrebenswert. Igitt.

Die kühle Luft wehte das unangenehme Gefühl beiseite, das Bill immer in Ember hinterließ. Für Anfang Oktober war es überraschend frisch, obwohl die Sonne von einem blassblauen Himmel strahlte und Erinnerungen an den Sommer lebendig bleiben ließ.

Hoffentlich blieb der Herbst noch ein wenig länger warm. Ember fror echt ungern, aber die winzigen Heizöfen, die sie in den Zimmern hatten, fielen gerne aus, wenn es zu kalt wurde. Dann mussten die Heizlüfter ran, und die kamen nur im Notfall zum Einsatz. Strom war teuer.

Weit war es nicht nach Hause, gerade einmal fünfzehn Minuten zu Fuß, wenn er schnell ging. Ember mochte das Brownstone-Gebäude aus braunem Sandstein, gelegen in einer Hintergasse, in dem sich ihre Wohnung befand. Klassisch aus dem neunzehnten Jahrhundert mit der typischen schwarzen Feuerleiter, wenngleich ziemlich heruntergekommen. Das sprach den Kunsthistoriker in ihm an. Seine Lieblingsperiode in der Kunst lag ebenfalls so um die Zeit, die Präraffaeliten.

Beschwingt lief Ember die engen Treppen bis in den dritten Stock empor, schloss auf und trat in ihre Küche ein, die gleichzeitig als Wohnzimmer diente. Der vertraute Duft nach Essen, leichter Muffigkeit und leider auch ein wenig Katzenurin empfing ihn. War mal wieder kein Geld für Katzenstreu da. Sie hatten die Katzentoilette mit Zeitungspapier ausgelegt. Störte Snowflake zum Glück nicht.

»Bin daheim, Avery! Und ich habe ein Festmahl mitgebracht.« Das war ein weiterer Vorteil an seinem Job. Manchmal gab Bill ihnen die Reste aus der Küche mit, statt sie wegwerfen zu lassen.

»Super! Momentchen noch, Süßer!« Averys gut gelaunte Stimme kam aus dem Bad. »Was gibt es Feines?«

»Luxus! Spare Ribs und Pommes.« Ember stellte die Tasche auf die Anrichte. Dann ging er in die Hocke, um Snowflake zu begrüßen, die natürlich sofort anstolziert kam. Er hatte keine Ahnung, wie sie mitbekam, dass jemand die Wohnung betrat. Sie war taub. »Na du, kleiner Schatz?« Liebevoll wuschelte er mit beiden Händen durch ihr schneeweißes Fell, was ein antwortendes Schnurren von der Lautstärke eines startenden Düsenjets hervorrief.

Zufrieden schloss sie ihre blauen Augen und reckte den Hals. So süß! Es gab doch nichts Niedlicheres als eine Katze. Als ihre Katze, um genau zu sein.

»Und Hühnerbrustfilet für die Dame des Hauses«, sagte er zärtlich.

Eigentlich war es Dummheit gewesen, in ihrer Lage ein Haustier aufzunehmen. Aber nun ja, Snowflake war vollkommen abgemagert, verfilzt, total durchnässt und unterkühlt gewesen, als sie sie bei den Mülltonnen gefunden hatten. Und nachdem sie den Fellball erst mal von Flöhen, Zecken und Fellknoten befreit und aufgepäppelt hatten …

»So, da bin ich.« Avery trat zu ihm.

Ember stand auf und begrüßte seinen besten Freund mit einer festen Umarmung. Avery war einer der vielen Glücksfälle gewesen, die ihm New York eingebracht hatte, als er wider aller Vernunft hierher zum Studieren gekommen war. Seit sie sich im ersten Kurs begegnet waren, waren sie ein Herz und eine Seele. Häufig wurden sie gar für Brüder gehalten. Beide nicht sonderlich groß, eher auf der zierlichen Seite, beide mit glatten kurzen Haaren. Nur war Ember blond, Avery braunhaarig. Außerdem hatte sein Freund braune Augen.

Neugierig sah Avery in die Tasche und sog genießerisch den Duft ein, der aus den Behältern aufstieg. »Manchmal mag ich deinen Job. Riecht das verführerisch!«

»Wir haben sogar Vitamine!«, gab Ember dramatisch kund. »Es war noch etwas Cole Slaw da. Wir werden schlemmen wie der Präsident persönlich!«

»Mindestens!« Mit einem Auflachen holte Avery Teller aus dem Küchenschrank, während Ember Jacke und Schuhe loswurde. »Denn zum Nachtisch gibt es Pumpkin Pie. Ich konnte nicht widerstehen. Katzenstreu habe ich auch gekauft.«

Genüsslich verdrehte Ember die Augen. »Ich liebe Pumpkin Pie!«, verkündete er mit einem tiefen, zufriedenen Seufzen.

»Was meinst du, warum ich nicht widerstehen konnte?« Avery zwinkerte ihm zu.

»Weil du ein Schleckermäulchen bist.« Glucksend wich Ember einem Schlag gegen die Schulter aus und wusch sich die Hände, ehe er das Schälchen mit Huhn aus der Tasche holte. Kaum hatte er den Deckel geöffnet, strich Snowflake laut maunzend um seine Beine. Sie mochte nichts hören können, aber ihre Nase funktionierte tadellos. Ebenso wie ihre Stimmbänder. »Und du bist nicht das Einzige.«

»Nee. Die größten Naschkatzen in diesem Haushalt haben eindeutig blaue Augen.«

Und damit hatte Avery natürlich recht.

 

Ryan

 

Ryan hatte gewusst, dass sein Budget knapp ausfallen würde. Doch so knapp? Und als wäre das nicht ausreichend, hatte sein Berater auch noch gemeint, es sei großzügig berechnet. Sehr großzügig. Uff. Zum Glück hatte er schon vorher beschlossen, dass die Reisekosten nicht davon abgehen würden. Ganz so authentisch musste es wirklich nicht sein.

Ebenso hatte er nicht vor, mit den Öffentlichen vom JFK Airport zu seinem Hotel zu fahren. U-Bahn, Busse, vermutlich warteten die früh genug auf ihn. Seine Assistentin Priscilla hatte ihm die Verbindung rausgesucht, ihm die Tickets besorgt, die Ryan brauchte, aber … nein.

Ryan warf einen halben Blick auf sein iPhone, um sich die Adresse des Hotels noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Dann machte er sich mit dem großen Rollkoffer im Schlepptau auf dem Weg zum Ausgang. Über die glatten Böden ließ sich der Koffer ordentlich ziehen. Viel Glas und stählerne Streben zeichneten den Flughafen aus, sodass er hell und wie jeder andere auch wirkte. Wie die meisten modernen Flughäfen. Kein Charme. Immerhin war er gut ausgeschildert.

Frisches Herbstwetter empfing Ryan, als er die klimatisierten Räumlichkeiten hinter sich ließ. Ähnlich wie in London, nur deutlich sonniger. Ryan lächelte. Das war angenehm. Im Anflug hatte er gesehen, dass die Bäume ebenfalls in weiten Teilen bereits ihr Herbstlaub angelegt hatten. Rein von den äußeren Umständen versprach der Aufenthalt, durchaus schön zu werden.

Eine lange Reihe gelber Taxis wartete draußen, um Flugpassagiere aufzunehmen und in alle Himmelsrichtungen zu tragen. Kein privater Shuttleservice, das war Ryans erstes Zugeständnis an seine neue Rolle. Wahrscheinlich bot sein Hotel so etwas ohnehin nicht an.

Ein aufmerksamer Taxifahrer winkte ihm zu, vermutlich spanischer Abstammung. Er sah vertrauenswürdig aus. Gut. Wenn es nicht gerade um Omegas ging, konnte Ryan sich auf seine Menschenkenntnis eigentlich immer verlassen. Er steuerte auf den Mann zu.

»Willkommen in New York, Sir.« Gut gelaunt strahlte der Mann ihn an, öffnete ihm die Tür und nahm ihm den Koffer ab.

»Danke.« Ryan stieg hinten ein und legte den Sicherheitsgurt an, während der Fahrer sein Gepäck in den Kofferraum wuchtete.

Dann ließ er sich auf den Fahrersitz fallen, zog die Tür zu und schnallte sich erst an, als der Wagen sich schon in Bewegung gesetzt hatte. Oha. »Wohin soll's gehen, Sir?«

Ryan nannte die Adresse. Okay, zuerst mal ankommen, sich orientie…

Ein vollkommen verdutzter Blick aus kohlefarbenen Augen traf ihn durch den Rückspiegel. »Sind Sie sicher, dass das die richtige Adresse ist?« Zum Glück sah der Mann gleich darauf wieder auf die Straße.

So entging ihm Ryans konsternierter Gesichtsausdruck. In Ordnung, offensichtlich war seine Tarnung miserabel. Hatte der ihm etwa direkt angesehen, dass das nicht Ryans gewohnter Standard bei Hotels war? Oder hatte Ryan sich vertan?

Er griff bereits nach seinem Handy, um die Anschrift noch einmal zu überprüfen, als es ihm auffiel. Natürlich. Er trug einen seiner normalen Anzüge. Viel zu teuer für einen mittelständischen Immobilienmakler. Seine neue Garderobe befand sich im Koffer. »Ja. Sehr sicher.«

In Ordnung, vor dem Orientieren musste er sich also umziehen. Mist. Unmöglich, dass die Kleidung von der Stange so bequem war wie seine maßgeschneiderte. Er verkniff sich ein Grinsen und sah hinaus in den dichten Verkehr. Vermutlich hatte Brian recht. Es würde eine Herausforderung werden, seine Herkunft zu verbergen. Aber Ryan war noch nie vor einer guten Herausforderung zurückgeschreckt.

Draußen zog New York vorbei, während der Fahrer den Wagen sicher durch das Gewusel von Autos und Bussen lenkte. Ansehnliche Gegenden mit netten Häusern, vielleicht ein wenig klein, dann die typischen Skyscraper, die Ryan immer im Kopf hatte, wenn er an die Stadt dachte. Unschöne Ecken, die ziemlich heruntergekommen wirkten.

Und die irgendwie beständig heruntergekommener wurden. Dreckiger. Immerhin die Fassaden einiger Gebäude sahen relativ hübsch aus. Aber mehr? Viele waren einfach nur fensterreiche Klötze.

Der Taxifahrer wurde langsamerer, zog den Wagen rechts ran.

Bitte? Hier? Nein, oder?! Unmöglich!

Kapitel 4

 

Ryan

 

»Wir sind da.« Fröhlich nannte der Fahrer ihm den Preis. Gute Laune schien bei ihm eine Grundeinstellung zu sein, selbst wenn er einen Fahrgast in einem Dreckloch absetzen musste.

Was hatte sich Priscilla nur beim Buchen gedacht? Ernsthaft jetzt? Die Fotos, die er geschickt bekommen hatte, glichen der Straße höchstens vage. Trotzdem nickte Ryan und zahlte, ehe er auf einen mit uralten Kaugummis gepflasterten Gehweg aus Betonplatten ausstieg.

Während der Fahrer den Koffer aus dem Taxi wuchtete, sah Ryan sich um. Kein Hotel weit und breit zu sehen. Nur ein heruntergekommener Diner an der Straßenecke mit einer Fassade aus dreckigem Türkis und noch dreckigerem Weiß. Harlem Brownstone Diner stand in geschnörkelten, abgeblätterten Buchstaben über dem Eingang.

Im Leben würde er hier nicht wohnen! Auf keinen Fall! Konnte das wirklich sein, dass die Mittelschicht in solch verwahrlosten Gegenden Urlaub machte? Vielleicht hatte der Fahrer recht gehabt, und die Adresse stimmte nicht. Aber den würde er jetzt nicht fragen. Diese Blöße wollte er sich nicht geben.

»Haben Sie einen schönen Aufenthalt, Sir.« Der Mann schob ihm den Koffer hin.

Überraschend konnte Ryan keine Schadenfreude in seiner Stimme ausmachen. Der meinte das echt so. »Danke. Und gute Fahrt.«

Energisch wandte sich Ryan dem Diner zu und steuerte den Eingang an. Dort arbeiteten Ortskundige, die würden ihm sagen, ob er in der richtigen Gegend war. Falls ja, konnten sie ihm bestimmt ein angemesseneres Hotel empfehlen. Und danach würde er mit Priscilla ein Hühnchen rupfen müssen. Mindestens von der Größe eines Truthahns. Dabei war er sonst immer mehr als zufrieden mit ihrer Arbeit! Doch noch schlampiger hatte sie wohl nicht recherchie…

Sämtliche Gedanken verpufften und mit ihnen alle Gereiztheit, als Ryan den Mann sah, der gerade die Schwingtüren des Diners direkt vor ihm öffnete und auf die Straße trat. Himmel, war der schön! Schlank und zierlich wie ein Omega; das goldblonde kurze Haar schimmerte in der Sonne. Und dazu das Gesicht eines Engels mit großen blauen Augen, vollen Lippen und einem Lächeln, das Ryan den Atem raubte.

»Bis morgen, Mariah!«, rief der Engel mit einer Stimme, die zu seinem Anblick passte. Süß, klar, fröhlich.

Und sie berührte etwas ganz tief in Ryan, das er kaum benennen konnte.

 

Ember

 

Feierabend. Wieder eine Frühschicht, und zum Glück an diesem Tag ohne Bill. Noch war es hell, schön, um nach Hause zu laufen. Dann ein wenig ausruhen und weiter zu seinem zweiten Job. Regalpacker und Bedienung hatten den Vorteil, dass Ember keinen Sport machen musste. Den bekam er gratis.

Er winkte seiner Lieblingskollegin Mariah einmal zu, eher er sich gut gelaunt mit einer kleinen Pirouette wie beim Tanz umwandte. Irgendwann würde er tanzen lernen. Sobald er eine Stelle als Kurator gefunden hatte und …

Er prallte gegen jemanden. Dunkelblauer Anzug, weißes Oberhemd. »Sorry!« Abrupt wich er zurück, stolperte und verlor das Gleichgewicht.

»Holla, Vorsicht!« Eine dunkle Stimme wie Samt. Kräftige Hände griffen Ember und verhinderten, dass er fiel.

Erschrocken quietschte Ember – Wie beschämend! –, schnappte nach Luft und hob gleichzeitig den Blick in das Gesicht seines Unfallgegners und Retters.

Die Welt stand still.

Grünblaue Augen hielten ihn gefangen, so tief, so intensiv, als drängen sie auf den Grund seiner Seele. Ember erahnte ein energisches Antlitz mit kurzem Bart, der die Züge noch betonte, doch konnte sich nicht von den Augen abwenden. Und dieser Duft! Himmel! Der Mann roch unbeschreiblich. Herb. Wild. Frei. Verrückterweise vertraut und nach Geborgenheit, obwohl Ember dieses Gesicht mit Sicherheit niemals vergessen hätte, wäre es ihm jemals bekannt gewesen. O Gott, sah der Mann gut aus!

Für einen total bizarren Moment hatte Ember das dringende Bedürfnis, in die Arme dieses Fremden zu sinken und ihn nie wieder loszulassen. Die Absurdität des Gedankens brachte ihn zu sich. Was zur Hölle tat er hier? Starren! Wie peinlich! Aber der Mann starrte immerhin zurück.

»Alles in Ordnung?«, fragte die dunkle Stimme und drang bis ganz nach unten in Embers Bauch. Dort rief sie ein Kribbeln und Prickeln hervor, das komplett unerwartet kam.

Ember atmete durch, bekam mehr dieses herrlichen Dufts in die Nase. Hilfe, was für ein Aftershave benutzte der Kerl? Das musste doch eines mit Hormonen sein, oder? Die ihn unwiderstehlich machten. Konnte der sich bestimmt leisten, so teuer, wie sein Anzug wirkte.

»Ja. Ja, alles in Ordnung.« Atemlos lachte Ember und trat endlich einen Schritt zurück. »Entschuldige, bin nur so erschrocken. Für gewöhnlich renne ich nicht in … Menschen.« Fast hätte er so attraktive Männer gesagt. Das ging ja gar nicht! Hey, er musste seine Gehirnzellen schleunigst wieder aktivieren, bevor das richtig unangenehm wurde! Stolpern war eine Sache. Fremde ansabbern? Eine ganz andere. »Alles okay?«

Hoffentlich war er ihm nicht auf die vermutlich teuren Schuhe getreten. War er nicht, oder? Hektisch sah er nach unten. Nein, die waren weiterhin auf Hochglanz poliert. Kein Abdruck von Embers Sohlen.

»Fast.« Der Mann lächelte und hielt ihm die Hand hin. »Ich bin Ryan. Nett, dich kennen zu lernen.«

Britischer Akzent, der Mann kam nicht von hier. Ob er sich immer Leuten vorstellte, die ihn beinahe umrannten? Ember grinste und ergriff die Hand. Kräftiger Druck, trocken, total angenehm. »Hi. Ich bin Ember. Freut mich. Fast? Kann ich dir helfen? Hast du dich verirrt?«

Der Mann wirkte wie ein Fremdkörper vor dem gemütlichen Diner und in dieser Straße, das fiel Ember erst jetzt auf. Bestimmt wollte der zu irgendeiner Konferenz in Manhattan.

»Ich habe keine Ahnung«, gestand Ryan entwaffnend offen. »Kann sein, kann nicht sein. Bist du von hier? Kennst du dich aus?« Irgendwie sah er aus, als irritierten ihn Situationen, die er nicht voll unter Kontrolle hatte.

Ember nickte. »Ich arbeite im Harlem Brownstone und wohne nicht weit entfernt. Wo musst du hin?«

Ryan holte ein iPhone aus der Innentasche seines Jacketts, tippte kurz darauf herum und hielt Ember das Display hin. »Das ist mein Hotel. Nur sieht es mir nicht danach aus, als befände sich ein Hotel in der Nähe.«

Luxusmodell. Das Neuste vom Neuen. Beinahe hätte Ember durch die Zähne gepfiffen. Ein Blick auf die Adresse ließ ihn lächeln. »Du bist in der richtigen Straße, aber an der vollkommen falschen Hausnummer. So ungefähr eine Million Hausnummern zu weit oben. Du musst ein ganzes Stück nach Süden.«

»Oh.« Verdutzt sah Ryan auf sein Handy, gleich darauf lachte er schallend. »Kein Wunder, dass der Taxifahrer so irritiert war. Der wusste, dass hier kein Hotel ist. Und ich war mir so sicher.«

Das Lachen stellte sehr interessante Dinge mit Embers Herzschlag an. Das Funkeln in den grünblauen Augen ebenfalls. Oh, wie war das sexy, wenn ein Mann über sich selbst lachen konnte! Und dazu mit dieser traumhaft tiefen Stimme! Außerdem steckte es an. Unwillkürlich fiel er mit ein. »Ja, die eigentliche Adresse passt eindeutig besser zu dir. Business-Konferenz?«

Für einen Moment sah Ryan aus, als hätte er auf eine Zitrone gebissen. Mit dem nächsten Wimpernschlag war der Ausdruck jedoch wieder verschwunden. »Ich … mache Urlaub. Habe nur einen letzten Geschäftstermin vorher.«

Das ergab Sinn und erklärte den schnieken Auftritt, fand Ember. »Dann wünsche ich dir viel Erfolg. Wie du an ein neues Taxi kommst, weißt du? Zum Laufen ist es zu weit. Oder brauchst du eine Beschreibung zur Haltestelle?« Da könnte er ihn vorbei bringen. Die lag auf dem Weg nach Hause. Noch ein wenig die dunkle Stimme und den Duft genießen, wäre gar nicht so schlecht.

»Taxi. Eindeutig«, sagte Ryan sehr entschieden, als seien Öffentliche eine Zumutung. »Und ja, ich weiß, wie ich mir das rufe.« Er grinste.

Ember grinste auch. Allerdings mehr, weil Ryan so rigoros abgelehnt hatte, sich in einen Bus zu begeben. »Okay. Hab einen schönen Urlaub. Ich muss heim. Danke für das nette Gespräch.«

»Warte. Kann ich dich als Dankeschön für die Adressrettung auf einen Kaffee einladen? Vielleicht nicht unbedingt an deiner Arbeitsstelle.« Suchend sah Ryan sich um, als erwarte er, dass gegenüber ein Café aufploppte.

Was? Flirtete der Mann mit ihm? Ausgerechnet? Für einen Moment war Ember ernsthaft in Versuchung, seine Einladung anzunehmen. O Gott, war das süß! Dann fiel ihm ein, dass er einerseits Schicht hatte, zum anderen Ryan nur auf Urlaub in New York war. Keine gute Idee. Als Ferienflirt herzuhalten, dafür war Ember eindeutig zu romantisch veranlagt. Das schaffte er nicht. Er verliebte sich doch gerne Hals über Kopf. Und Ryan sah so aus, als könnte er ihm das Herz binnen weniger Tagen brechen.

»Du hast mich vor einem Sturz bewahrt, das gleicht sich wieder aus.« Aufs Neue atemlos lachte er. »Leider habe ich wirklich keine Zeit. Ich muss los. Habe Termine. Schönen Tag wünsche ich dir. Bye!«

»Oh. Okay. Na, dann … Auf Wiedersehen.«

Irrte Ember sich, oder sah Ryan tatsächlich enttäuscht aus? Egal. Kein Ferienflirt. Ember lächelte ihm erneut zu, hob die Hand zum Gruß und wandte sich energisch ab. Auf nach Hause. Vor der Nachtschicht brauchte er dringend ein paar Stunden Schlaf. Keinen Kaffee mit einem gut aussehenden Mann mit viel zu intensiven Augen und einem Duft, der ihn vermutlich bis in die Träume begleiten würde.

Trotzdem sah er noch einmal über die Schulter, ehe er um die Ecke bog.

Ryan stand nach wie vor an der Stelle, an der er ihn verlassen hatte, und sah ihm hinterher.

Hitze schoss in Embers Wangen. Unwillkürlich biss er sich auf die Unterlippe, als ein warmes Kribbeln durch seinen Bauch zog. Er konnte gar nichts dagegen tun, dass sich seine Hand hob und dem Mann zuwinkte. Und der winkte glatt zurück.

Ember lächelte, als er schließlich in die Seitenstraße einbog und damit außer Sicht. Was für eine schöne Begegnung. Schade, dass Ryan nicht in New York wohnte. Oder sein Hotel in der Nähe lag. Aber es war deutlich besser so. Auch eine Fernbeziehung konnte er sich nicht vorstellen. Nicht bei seinem Gehalt. Da blieben Flugtickets außer jeder Reichweite.

Unwillkürlich lachte er auf. »Hallo, Planungszentrum? Du bist ja schnell.« Ach, Träumen war erlaubt. Gerade bei Fünf-Minuten-Bekanntschaften.

Seine Schritte waren ungewohnt beschwingt, als er seinen Weg fortsetzte. Das Planungszentrum gab an die Traumzentrale ab, und die lief für den Rest der Strecke auf Hochtouren.

Kapitel 5

 

Ryan

 

Ember hatte ihn beim Starren ertappt. Ryan musste glatt über sich selbst grinsen. Doch er hatte verwirrenderweise den Blick einfach nicht abwenden können. Nicht abwenden wollen, obwohl der schöne Mann ihm einen Korb verpasst hatte. Verdammt!

Sofort spürte Ryan den Stich der Enttäuschung aufs Neue. Das biss. Mehr, als es sollte. Mehr, als es einer Fünf-Minuten-Bekanntschaft angemessen war. Irritiert schüttelte er den Kopf und richtete die Aufmerksamkeit bewusst von der Straßenecke weg, hinter der Ember verschwunden war.

Was für ein zauberhafter Mann! Wunderschön, tolle Stimme und dieser Duft! Ein Duft, der Ryan komplett verwirrte. Vanille, süße Frische, ein Hauch von Zimt und Blumen. Traumhaft. Allerdings nicht nach Omega.

Bei seiner Reaktion auf Ember hatte Ryan für einen winzigen, euphorischen Moment gedacht, seinen Gefährten gefunden zu haben. So hatte er auf noch niemanden direkt beim ersten Blick reagiert.

Aber nein, Ember erdreistete sich, tatsächlich ein normaler Mensch zu sein. Dennoch hatte Ryan das dringende Bedürfnis, sein Gesicht in Embers Nacken vergraben, um mehr von diesem Duft einzuatmen.

War vermutlich ganz gut so, dass er einen Korb kassiert hatte. Nicht, dass er eine Dummheit beging und sich in einen Menschen verschoss. Er brauchte schließlich einen Erben, und Menschenmänner konnten keine Jungen austragen.

Erneut schüttelte er den Kopf, als würde das helfen, dumme Gedanken zu vertreiben. Die Umgebung kehrte zurück in seine Wahrnehmung. Inklusive der schmuddeligen Fassade des Diners und des kaugummibepflasterten Bodens. Stumm leistete Ryan Priscilla Abbitte. Hausnummer verwechselt, seine Assistentin war unschuldig.

Noch bevor Ryan sein Handy zücken konnte, sah er eines der gelben Taxis. Die Farbe war echt praktisch, fiel gut auf. Er winkte, und das Taxi zog zu ihm an den Straßenrand. Ryan stieg ein, während der Fahrer seinen Koffer verlud.

Als sie kurz darauf der Straße in Richtung Süden folgten, veränderte sich die Gegend deutlich zum Besseren. Das Hotel, vor dem der Wagen hielt, war einerseits eindeutig eines und kein Diner, und zum anderen zwar nicht das, was Ryan gewöhnt war; es entsprach jedoch den Fotos.

Eine helle, freundliche und ziemlich kleine Lobby empfing ihn. Dafür niemand sonst, der ihn begrüßte und ihm den Koffer abnahm. Ryan checkte am Empfangstresen ein, bekam die Schlüsselkarte und eine knappe Erklärung, wie er sein Zimmer fand, und das war es. Auch ungewohnt, obwohl er vorgewarnt war. Neunter Stock, gute Aussicht. Immerhin.

Ryan nahm einen der Aufzüge und lief den langen Flur entlang. Interessant, ein wenig eng und absolut nicht seinem Stil entsprechend. Aber faszinierend. Den verwöhnten Snob hatte ihm Brian noch mehrfach fröhlich um die Ohren geschlagen, wann immer sie über Ryans Pläne gesprochen hatten. Vermutlich hatte er recht. Ryan war vermögend aufgewachsen und hatte keine Freunde, die nicht aus dem Adel oder reichem Hause stammten. Das war alles neu für ihn.

Nummer 927, da war es. Er öffnete die Tür und sah in ein winziges Zimmer. Uff. Das hatte auf den Fotos eindeutig weiter gewirkt! Und das, obwohl Priscilla ihm versichert hatte, dass sie ihm eines der größeren gebucht hatte. »Keine Suite, Mylord. Die ist nicht mit Ihrem Budget vereinbar.«

Taubenblaue Wände mit dunkleren Details, ein breites Bett mit weißem Bezug. Ein kleiner Fernseher dem gegenüber, dessen Glastisch gleichzeitig durch einen Stuhl als Arbeitsplatz fungierte. Ein riesiger Spiegel vor dem einzigen Sessel sollte vermutlich den Anschein von Größe vortäuschen.

Ryan atmete durch und trat ein. Dreißig Quadratmeter waren wirklich zu wenig, um alles Notwendige unterzubringen. Es funktionierte schon irgendwie, das bewies der Raum. Doch lebenswert war etwas ganz Anderes. Zum Glück wohnte er hier nur für vier Wochen. Und danach vier Wochen in Los Angeles. San Francisco. Vancouver. Und so weiter.

In solch winzigen Unterkünften!

»Unmöglich. Ich Snob.« Nur halb amüsiert verzog er das Gesicht. Er würde Urlaub brauchen zwischendurch. Nicht von der Suche, sondern vom Leben in der Mittelschicht.

Natürlich musste er seinen Koffer selbst auspacken. Kein Preston, der sich darum kümmerte, keine Hotelangestellten, die das übernahmen. Im Bad gab es wie versprochen nur eine Dusche, keine Wanne. Würde in diesen Schuhkarton auch nicht reinpassen.

»Okay. Wird schon, Snob.« Ryan trat an das einzige Fenster seines Zimmers und sah hinab auf die weit unten liegende Straße. Reichlich Verkehr, eine endlose Vielfalt von Lichtreklamen, die spiegelnden Fassaden der Skyscraper, die das Hotel umgaben. Modern und so schnelllebig, wie das Klischee es von New York versprach. Der Ausblick immerhin versöhnte ihn. Durch eine hervorragende Dämmung drang außerdem kaum ein Laut ins Zimmer vor. »So lerne ich zumindest das Milieu kennen, aus dem mein Zukünftiger stammt.«

Würde nicht schaden. Dann wusste er, woher sein Partner kam, und konnte ihn besser verstehen.

Im nächsten Herzschlag hatte er die blauen Augen und das süße Gesicht Embers im Kopf. Hörte dessen Lachen, konnte beinahe seinen Duft riechen.

»Nein, auf keinen Fall«, grollte er. »Ich werde mich nicht mit einem Menschen einlassen. Kitten, Nigel Ryan Alexander, Kitten. Das ist das, warum du hier bist und warum du dir das antust. Ja, auch um einen Gefährten zu finden, der mehr ist als nur jemand, der deine Kinder trägt. Aber definitiv hauptsächlich für Kätzchen.«

Oder, falls sie nach dem Dad kamen, jedes andere niedliche Junge. Welpen, Rehkitze, Fohlen, egal … Okay, fast egal. Nacktmulle, das würde eine Herausforderung werden. Er gluckste. Doch selbst die würde er lieben, solange es nur seine und die seines Gefährten waren.

 

Ember

 

»Alles in Ordnung?« Ein Lachen lag in Averys Stimme.

»Huh?« Verdutzt sah Ember auf und in die braunen Augen seines Freundes. »Ja, klar. Wieso?«

»Ember!« Das Lachen bahnte sich perlend seinen Weg. Avery legte den Kopf schief und deutete auf den Teller vor Ember. »Du hast bisher vielleicht zwei Bissen gegessen. Außerdem betrachtest du selbstvergessen lächelnd dein Wasserglas. Wie heißt er? Wie sieht er aus? Wie alt ist er? Was macht er von Beruf?«

»Was?« Hitze schoss in Embers Wangen. Okay, er hatte gerade an den attraktiven Mann im Anzug gedacht, keine Frage. Aber … aber doch nicht so! Selbstvergessen lächelnd, auf keinen Fall!

»Und jetzt wirst du rot.« Kichernd beugte sich Avery über den Tisch und stupste Ember mit einer Fingerkuppe gegen die Nase. »Also? Immerhin bekommt kein Mann meinen Ember, ehe ich nicht auf Herz und Nieren geprüft habe, ob der gut genug für ihn ist. Das ist ja wohl mal klar.«

Auch Ember musste lachen, obwohl seine Wangen noch immer glühten. »Danke, du bist ein wahrer Freund. Selbst wenn ich der festen Ansicht bin, dass ich das mit der Partnerwahl schon allein schaffe.«

Avery zog die Brauen hoch und wackelte scherzhaft mit einem Finger. »Nicht, bevor ich den Mann nicht abgesegnet habe. Du hast alle paar Monate diese Anfälle, in denen dir jeder Geschmack abhandenkommt, mein Lieber. Wenn ich da nicht auf dich aufpasse!«

Wo er recht hatte … Hin und wieder überkam es Ember einfach, und alles, was er dann wollte, war Sex. Egal, wie der Kerl aussah. Egal, ob sie zusammen passten. Peinlich. Nicht, weil Sex peinlich war. Oder Sex außerhalb einer Beziehung. Aber wie wenig Kontrolle er da über sich hatte! Und wie vollkommen sein gesunder Menschenverstand ausgeschaltet schien. Uff.

Nachdem er mehrfach mittelschwere Katastrophen im Bett gehabt hatte, inklusive panischer und viel zu teurer Besuche beim Arzt, ob er sich wegen vergessener Kondome etwas eingefangen hatte, war er dazu übergegangen, an diesen Tagen so weit wie möglich in der Wohnung zu bleiben. Oder nur mit Avery unterwegs zu sein. Und daheim auf Handarbeit auszuweichen …

»Hm. Ja«, nuschelte er und grinste verlegen. »Er sieht gut aus, aber ich werde ihn nicht wiedersehen. War ein echt attraktiver Anzugträger. Ich meine, ich verstehe nicht viel von Anzügen, doch der sah teuer aus! Mal ganz abgesehen von seinem iPhone. Ein Brite, für Urlaub in der Stadt. Mehr nicht.«

Und dann erzählte er Avery die komplette Begegnung. Vom Reinrennen bis zum Winken zum Abschied. Und jeden einzelnen Satz, den sie gewechselt hatten. Oh, er konnte sich wirklich noch an alles erinnern. Diese tiefe Stimme außerdem! Und der Duft!

»Wow.« Beeindruckt nickte Avery und schob Snowflake von seinem Schoß, die mal wieder versucht hatte, mit an den Tisch zu kommen.

»Ja, nicht? Echt, du hättest ihn sehen sollen!« Ember konnte ein Seufzen nicht verhindern.

»Nee, ich meine eher dich. Schatz, du glühst und leuchtest, wenn du von ihm erzählst.« Mit einem Lächeln wies Avery auf Embers Teller. »Iss trotzdem was. Du musst bald los. Schade, dass du ihn nicht wiedersehen wirst. Du bist ja jetzt schon hin und weg. Von einer einzigen, kurzen Begegnung. Vielleicht hättest du die Einladung annehmen sollen.«

»Auf keinen Fall. Das ist gut, dass wir uns nicht noch mal treffen.« Entschieden schüttelte Ember den Kopf. »Hast du mir nicht zugehört? Brite. Im Urlaub. Der ist in ein, zwei Wochen wieder daheim.«

Kapitel 6

 

Ember

 

»Fernbeziehungen haben auch ihren Reiz. Und er scheint genug Geld zu haben, dass er sich Flüge und Urlaub in New York leisten kann.« Ungerührt zuckte Avery mit den Schultern. »Ich sage immer, man soll die Liebe annehmen, wenn sie einen findet. Aber du hast ihm 'nen Korb gegeben, das war es wohl leider mit deinem englischen Gentleman. Trotzdem, Süßer. Essen. Echt jetzt! Sonst denke ich, ich kann nicht kochen.«

Ember lachte. Von wegen. Nach der letzten Katastrophenbeziehung war Avery total misstrauisch, wenn ihn ein Mann zu interessiert ansah. Doch das würde er ihm nicht unter die Nase reiben. »Ja, großer Bruder. Oder soll ich Daddy sagen?«

»Untersteh dich!« Glucksend wedelte Avery mit der Gabel. »Ich bin zwei Monate älter als du, mehr nicht. Sonst fühle ich mich wie über fünfzig! Außerdem verordne ich dir dazu bei Gelegenheit Hausarrest. Und das Taschengeld wird auch gekürzt.«

»Bitte nicht, Daddy!« Lachend duckte sich Ember und hielt schützend die Arme über den Kopf, weil Avery mit dem Taschentuch zu werfen drohte, das er als Serviette benutzt hatte.

»Vorsicht, junger Mann! Gleich ist der Nachtisch gestrichen. Dann gehören die beiden letzten Stücke Pumpkin Pie mir!«

Ember riss die Augen auf und schlug in gespieltem Entsetzen die Hände vor den Mund. »Avery! Ich wusste nicht, dass du derart grausam sein kannst! Alles, nur das nicht! Nicht meinen Pumpkin Pie! Hab Erbarmen!«

Gnädig legte Avery das Taschentuch wieder hin. »Ausnahmsweise. Nicht, dass du mir mit deinem Briten durchbrennst und ich allein mit der Miete sitzen bleibe. Irgendwie muss ich dich ja halten.«

»Avery!« Ember lachte erneut. »Du bist ja in Fahrt heute. Du weißt doch, mit Pumpkin Pie bekommst du mich immer. Den ziehe ich jedem Briten vor. Dagegen hat der keine Chance.« Nicht einmal einer mit leuchtend grünblauen Augen und einer Stimme wie Samt und Seide. Ember musste an sich halten, um nicht aufs Neue zu seufzen. Aber verdammt, sah Ryan gut aus. »Okay, bei Ryan brauchst du etwas mehr, um mich zu halten. Was ist, kriege ich beide Stücke?«

Lachend warf Avery ihn mit dem Taschentuch ab. Das zweite Stück Pie bekam Ember nicht.

 

Heute war Bill wieder mal besonders unangenehm. Ob der ebenfalls so seine Phasen im Monat hatte, in denen er kaum an sich halten konnte? Ember atmete tief durch. Er musste hinter die Theke und damit Bill passieren. Phasen rechtfertigten jedoch trotzdem nicht das unerwünschte Anfassen. Oder die anzüglichen Kommentare. Ember grabschte schließlich auch nicht jeden Mann an, bloß weil er Lust auf Sex hatte. Da flirtete er nur auf Teufel komm raus. Und schon gar nicht fasste er Angestellte an, die sich nicht wehren konnten, weil sie den Job brauchten.

Er öffnete die halbhohe Tür und schob sich so schnell wie möglich an Bill vorbei. Nicht schnell genug. Eine Hand landete für einen Moment auf Embers Hintern. Igitt. Mit Bill würde er nicht mal ins Bett gehen, wäre dieser der letzte Mensch auf Erden.

Ember presste die Lippen zusammen und ging zum Kaffeevollautomaten, während Bill weiter auf seine Liste sah, als hätte er sich nicht bewegt. Warum musste der so eklig sein? Am Anfang hatte Ember sich noch gefreut, nicht an einen Choleriker geraten zu sein, der die Angestellten nonstop anschrie. Aber das hier war auch nicht besser.

Immerhin auf dem Rückweg gab es kein neues Gegrabsche. Erleichtert brachte Ember den Kaffee zu den zwei jungen Frauen am Fenster, die sich angeregt über die bald stattfindende Comic Con unterhielten. Ember mochte die, da gab es für drei Tage auf den Straßen immer die schönen Kostüme der Besucher zu bewundern, wenn diese vom Hotel zum Messezentrum und zurück unterwegs waren. Welche Verkleidungen wohl dieses Jahr dominieren würden?

Müßig wischte er über einen Tisch, an dem vorhin ein Pärchen gesessen hatte.

---ENDE DER LESEPROBE---