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Nach einer vernichtenden Diagnose von seinem eigenen Rudel als Krüppel verstoßen landet der empfindsame Omega Cailean mitten im November auf den Straßen Edinburghs. Ohne Geld, ohne Freunde, ohne Unterkunft. Als er auch noch Opfer eines Überfalls wird, rettet ihn ausgerechnet Ben, ein weißer Wolf, der nicht nur viel zu attraktiv ist - sondern zudem nach Gefährte riecht. Doch Cailean kann für niemanden ein angemessener Partner sein. Erst recht nicht für einen tollen Mann wie Ben. Der ihm in seinem Hotelzimmer ein vorübergehendes Heim bietet, von dem aus Cailean hoffen kann, wieder auf die Beine zu kommen. Nur macht sich Ben hartnäckig daran, ihm täglich mehr zu beweisen, dass er zu gut für Cailean ist. Und Cailean braucht diese Aufmerksamkeit viel zu sehr, als dass er ihm seine Schande gestehen könnte. Denn er weiß nur zu genau, dass Ben sich von ihm abwenden wird, sobald er davon erfährt. Doch wie lange kann das Versteckspiel gut gehen? M/M-Wandler-Liebesroman. Enthält Hinweise auf Mpreg. Länge: 57.000 Wörter
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Ein Omega in Not
Das Rudel von MacArran Manor 2
Yael Gray
Roman
Ben
Ben stellte seine Reisetasche auf dem Hotelbett ab, ehe er einmal die breiten Schultern kreisen ließ. Er war verspannt. Die Fahrt von MacArran Manor nach Edinburgh war lang; die Burg lag so weit ab vom Schuss, dass er ewig unterwegs gewesen war. Doch manchmal musste es sein.
Nicht, dass Ben sich gewehrt hatte, als sein Freund und Alpha Jake ihm den Auftrag erteilt hatte, sich um ein paar Immobiliengeschäfte zu kümmern. Ben mochte Edinburgh. Und hin und wieder war es sehr angenehm, aus der Einsamkeit der Highlands herauszukommen und die Zerstreuungen einer großen Stadt zur Verfügung zu haben.
Lieber noch hätte er sie mit Jake zusammen zur Verfügung gehabt. Aber die Dinge standen, wie sie standen. Gerade wollte sein Kumpel einfach nicht von daheim fort. Verständlich, da er demnächst mit seinem Gefährten Welpen erwartete. Zwei davon sogar. Wenn Jake etwas tat, tat er es richtig. Trotzdem nervig.
Nach einem herzhaften Gähnen, das vermutlich selbst den aufgerissenen Rachen seiner Wolfsform in den Schatten stellte, streckte Ben sich von den Fingern bis zu den Fußspitzen durch. Dann packte er Handy, Zimmerkarte und Portemonnaie in die Jackentasche und verließ das Hotelzimmer. Er hatte Hunger. Mindestens so viel wie der sprichwörtliche Wolf.
Eine Nachfrage an der Rezeption brachte ihm die Wegbeschreibung zu einem Pub ein, der mit deftigem Essen und angenehmen Gästen lockte. Was auch immer die Rezeptionistin darunter verstand. Sie schien ein wenig eingeschüchtert von ihm zu sein. Ben hatte keine Ahnung, woran das lag.
Klar, er hatte jede Menge Narben, von denen sie allerdings nur die im Gesicht sah. Seine eisblauen Augen konnten stechend werden, wenn er das wollte. Oder in kalter Wut gefangen war. War er gerade nicht. Eindeutig. Er war sogar ordentlich gekleidet. Schwarze Jeans, graues Sweatshirt, dunkelgraue Jacke. Hob vielleicht seine extrem helle Haut und das weißblonde Haar hervor, aber das war kein Grund für Furcht. Oder?
Er schenkte der Frau ein freundliches Lächeln, bedankte sich und verließ das Hotel.
Nieselregen und Kälte empfingen ihn. Die Luft schmeckte nach Herbst in der Stadt, nach nassem Stein, feuchten Menschen und dem konstanten Unterton von Abgasen. Autoreifen surrten über das mit Asphalt geflickte Kopfsteinpflaster.
Ben wandte sich der Straße in der angegebenen Richtung zu. Dafür, dass es schon recht spät war, war noch erstaunlich viel los. Schnell ließ er die touristische Gegend hinter sich und bog in die kleinen Gassen der Altstadt ein. Hier waren weniger Menschen unterwegs, die Straßenbeleuchtung verteilte sich spärlicher.
Ben lächelte, weil er bereits den Duft nach deftigem Essen wahrnehmen konnte. Sein Magen grollte erwartungsvoll. Lammfleisch war dabei, Rosmarin und …
»Nein, bitte! Nicht! Lasst mich in Ruhe.« Nur leise drang die Stimme zu Ben, hoch vor Angst, eindeutig männlich, flehend.
Eine andere Stimme antwortete, zu tief, als dass Ben sie hätte verstehen können. Ein Lachen ertönte.
Etwas darin weckte den Wolf in ihm. Unwillkürlich hob er die Lefzen und knurrte. Abrupt beschleunigte er seinen Schritt und bog bei der nächsten Gelegenheit ab, dann gleich erneut, um in die Richtung zu gelangen, aus der die Stimmen kamen.
»Stell dich nicht so an, Schätzchen.« Jetzt war die dunkle Stimme gut zu vernehmen. »So bist du wenigstens einmal in deinem Leben für etwas gut.«
»Ja, du nutzloses Frettchen.« Die zweite tiefe Stimme. »Und an deinen süßen Arsch wollte ich immer schon mal ran.«
»Bitte, hört auf!« Die Panik in der helleren Stimme hatte zugenommen. Ein Ächzen. Dann ein dumpfer Laut, als ein Körper gegen eine Mauer gestoßen wurde. »Ich kann nichts dafür! Ihr kennt mich doch. Nicht, bitte, ich bitte euch! Bitte!«
Das Geräusch eines sich öffnenden Reißverschlusses.
Ben rannte los, bog in einen finsteren Durchgang ein.
Das Licht der nächsten Straßenlaterne reichte weit genug, um eine Szene zu erhellen, die sein Blut zum Kochen brachte. Zwei breitschultrige Männer drückten einen dritten, deutlich schmaleren mit dunklen Locken gegen die Wand. Einer fummelte an seiner Hose herum, der andere hatte dem Lockenkopf die Jeans samt Shorts bereits halb heruntergezerrt.
Hilflos sträubte sich der Kleine gegen den Griff, versuchte nach hinten zu treten, wurde jedoch von seiner eigenen Hose behindert. Tränen glitzerten auf seinen Wagen.
»Hör auf zu zappeln«, schnarrte der Mann hinter ihm, eine Pranke in den schwarzen Haaren vergraben, und presste die Wange des Kleinen an die raue Steinwand.
»Nein, bitte! Nein!«
Ben sah in ein schmales Gesicht, aus dem dunkle Augen voller Furcht seinen Blick fingen. Sie schienen riesig zu sein und trafen ihn mitten ins Herz. Mit einem tiefen Grollen fuhr Ben dazwischen, noch ehe die Männer begriffen, dass sie nicht mehr allein waren.
Hart packte er den ersten Kerl an der Schulter, zerrte ihn mit einem Ruck von dem Lockenkopf weg. Bens Faust fand zielsicher den kantigen Kiefer. Es knackte zufriedenstellend, als aus einem überraschten Ausruf ein Schmerzenslaut wurde.
Der Mann taumelte zurück.
Mit einem wütenden Aufbrüllen stürzte sich der zweite Kerl auf Ben. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit, er hatte die Zähne gebleckt. Ein drohendes Knurren entrang sich seiner Kehle.
Im gleichen Moment nahm Ben den charakteristischen Geruch wahr, die Mischung aus Raubtier und Mensch. Wölfe. Auch gut. Ihm war es reichlich egal, wem er da gerade die Fresse polierte.
Ben duckte sich unter einem Schlag hinweg, sprang vor. Rammte dem Angreifer die Schulter in den Magen. Bevor er nachsetzen konnte, wurde er zurückgezerrt. Arschloch!
Mit einer Drehung befreite er sich, trat in der Bewegung nach den Beinen des ersten Kerls. Blut lief dem aus dem Mundwinkel. Geplatzte Lippe, gut. Er erwischte ein Knie, leider nicht fest genug, weil der Mann zurücksprang. Hackfresse! Ben wollte ihnen die Schwänze abreißen und ihnen ihre eigenen Klöten zu fressen geben, dafür, was sie dem Kleinen hatten antun wollen.
»Verpiss dich, du räudiger Köter«, grollte der Kerl. »Geht dich einen Scheiß an, was in unserem Rudel passiert. Das Schneckchen gehört uns!«
Bens Antwort bestand in einem angetäuschten Schlag auf das Kinn und einem gezielten Haken in den Magen, als der Kerl zur Verteidigung ansetzte. Augenblicklich wirbelte Ben herum und trat dem zweiten sauber und mit Kraft zwischen die Beine.
Der gellende Schrei war sehr befriedigend. In der nächsten Zeit würde sich der Mann niemandem mehr aufzwingen können. Und für eine Weile war der Arsch ausgeschaltet. Ben flog zu dem anderen herum, Mord im Blick. Zumindest, wenn er davon ausging, wie sein Gegner einen Satz zurück machte. Dabei war Ben eher nach Verstümmeln zumute.
Der Kerl packte seinen Kumpan am Arm und zerrte ihn mit sich weg.
Für einen Atemzug war Ben danach, ihnen zu folgen, um sie zu kastrieren oder wenigstens auch dem zweiten die Eier zu zermalmen. Dann lenkte eine Bewegung aus den Augenwinkeln seine Aufmerksamkeit auf den dunkelhaarigen Mann.
»Wenn ihr mir noch einmal über den Weg lauft, reiße ich euch die Klöten ab und verfüttere sie an die Ratten«, brüllte er den Flüchtenden hinterher. Nach wie vor pulsierte kalte Wut durch seine Adern, die hatte der kurze Kampf nicht beruhigen können. Verdammte Drecksscheiße, diese Wichser waren viel zu gut davongekommen!
Statt sie zu verfolgen, atmete er jedoch durch und wandte sich zu dem Lockenschopf um. Ein Omega, garantiert, wenn er zu dem Rudel der beiden gehörte.
Riesige dunkle Augen starrten ihn furchterfüllt an. Sanft geschwungene Brauen in einem ovalen Gesicht, eine schmale Ober- und eine erstaunlich volle Unterlippe. Sie bebte.
Ben holte Luft, um etwas zu sagen, als der Lockenkopf sich bewegte. Sein Duft streifte Ben, im nächsten Moment setzte sein Verstand aus. Eindeutig ein Omega. Scheiße, roch der gut!
Der Lockenkopf trat einen Schritt nach hinten, stieß gegen die Wand. Ein winziges Wimmern bildete sich in seiner Kehle, kaum zu vernehmen.
Doch es brachte Bens Vernunft dazu, sich wieder einzuschalten. Automatisch wich auch er zurück, um dem Mann Raum zum Atmen zu lassen und ihn nicht zu bedrängen. Obwohl er eigentlich mit einem Schlag das drängende Bedürfnis hatte, ihn stattdessen an sich zu ziehen. Ihn in die Arme zu schließen. Ihn zu beschützen. Nie mehr loszulassen. Oh, verdammte Scheiße!
Erneut atmete er durch, flach, um nicht zu viel von diesem verlockenden Duft abzubekommen. Verdammte Drecksscheiße! Was zur Hölle!? Das war der Geruch nach Gefährte, in Ben herrschte nicht einmal der Hauch eines Zweifels. Verdammte verdammichte Verdammnis!
»Hey«, sagte er mit einem schiefen Lächeln. Sein Grinsen war immer schief dank der Narbe, die seine Lippen auf der rechten Seite verzerrte. »Ich bin Ben Dalmahony aus dem Clan der MacArran. Ich tue dir nichts, versprochen.«
Cailean
Die Worte klangen wunderschön. Ich tue dir nichts. Doch es war die leicht kratzige, heisere Stimme, die ihnen Bedeutung und Wahrheit verlieh.
Mit bebenden Fingern zerrte Cailean Shorts und Jeans hoch. Gleich ging es ihm ein wenig besser. Fast, als würde er beschützt. Sein Herz hämmerte noch immer irgendwo weit oben in seiner Kehle. Ihm war schwindelig, und er fühlte sich, als wollten ihn seine Beine nicht mehr tragen.
Er lehnte sich an die Wand, die er ohnehin im Rücken hatte, weil er zurückgewichen war. Ausgerechnet vor dem Mann, der ihn gerettet hatte. Seinem weißen Ritter ohne Rüstung, der aus dem Nichts aufgetaucht war, obwohl er mit all den Narben eher wie ein Raubritter wirkte. Und für einen Moment hatte der ihn angeschaut, als wollte er genau das, wovor er ihn bewahrt hatte. Der Ton in seiner Stimme versprach das Gegenteil.
Zitternd wischte Cailean sich über die Wangen. Vergeblich, es kamen neue Tränen nach. Trotzdem versuchte er ein Lächeln. »Danke, dass du mir geholfen hast.« Er brachte nur ein Flüstern hervor. »Ich bin Cailean.«
Der Mann vor ihm lächelte ebenfalls. Schief und verzerrt, aber echt. Seine Augen zeigten kleine Fältchen dabei. »Schön, dich kennenzulernen, Cailean. Lass uns verschwinden. Nicht, dass die Drecksäcke mit Verstärkung zurückkommen. Ich hätte zwar wirklich gerne noch eine Chance, sie zu kastrieren …« Mit einem dunklen Knurren in der Kehle verstummte er.
Cailean hätte nicht im Mindesten etwas dagegen gehabt, wären Cord und Murray entmannt worden. Und wenn jemand das mühelos geschafft hätte, dann der helle Wolf. Er war ein Krieger, Cailean konnte es an jeder kraftvollen Geste erkennen. Selbst wenn er ihn nicht hätte kämpfen sehen, hätte er es gewusst.
Er schaute sich nach seiner kleinen Tasche um, die all seine spärlichen Besitztümer enthielt, als Ben sie aufhob.
»Die gehört dir, richtig? Komm.« Mit dem Kopf wies der Mann in die Richtung, aus der er gekommen war, und setzte sich mit energischen Schritten in Bewegung.
Wie zuvorkommend! Eilig folgte Cailean ihm, nicht bereit, allein zurückzubleiben. Wenigstens bis zu einer belebteren Straße wollte er den breitschultrigen Mann begleiten, ehe sich ihre Wege wieder trennen würden. Trennen mussten, sogar. Er war ein Wolf.
Der Mann – Ben – wirkte wachsam, jeder Sinn schien angespannt. Zumindest, wenn Cailean nach der Haltung der Schultern ging, nach der Art, in der Ben sich bewegte. Kraftvoll und lauernd zugleich, offensichtlich darauf eingestellt, jederzeit einen neuen Angriff abzuwehren.
Gerne hätte Cailean sich auf dem breiten Rücken festgestarrt, der Schutz und Stärke versprach. Auf den langen Beinen, deren Schritt so sicher war, als könnte Ben nie stolpern oder straucheln. Auf den weißblonden Haaren, die ihn ebenso wie seine helle Haut zu einer Lichtgestalt machten. Gut, die wäre er für ihn vermutlich auch gewesen, wäre er komplett in Schwarz gekleidet mit schwarzer Haut und schwarzem Haar.
Leider waren seine eigenen Sinne zu aufgekratzt dafür, um sich zu vergessen und nur zu bewundern. Jedes unerwartete Geräusch ließ ihn zusammenzucken. Schnelle Schritte brachten sein Herz zum Rasen, bis doch nur ein Geschäftsmann mit Aktenkoffer ihren Weg querte. Der war garantiert kein Wandler.
Cailean atmete auf, als sie auf die belebte und gut beleuchtete Einkaufsstraße einbogen. Hier würden Cord und Murray nichts mehr versuchen. Viel zu viele Zeugen, viel zu viele Menschen, die eingreifen konnten, selbst wenn die nicht so stark wie Wölfe waren.
»Danke«, sagte er leise und streckte auffordernd die Hand nach seiner Tasche aus. »Danke, dass du mir geholfen hast. Ich weiß nicht, wie ich es dir vergelten kann.«
Er konnte ihn ja nicht einmal auf einen Drink einladen. Cailean hatte gerade mal fünfzig Pfund im Portemonnaie, die ihm sein Dad zugesteckt hatte. Und die brauchte er, um irgendwie die nächste Zeit zu überstehen. Außer einer Handvoll Wechselkleidung und einigen wenigen Erinnerungsstücken besaß er nichts. Er schluckte und verdrängte die Gedanken. Die würde ihn später noch ausreichend überfallen.
Ben lächelte und hob unschlüssig die Tasche an, reichte sie ihm aber nicht. »Wo wohnst du? Mir wäre es lieber, wenn ich dich bis dorthin begleiten kann und weiß, dass du da in Sicherheit bist.«
Die Frage fühlte sich fürsorglich an, umsichtig. So, wie schon lange niemand mehr mit Cailean umgegangen war. Doch sie forderte eine Antwort, die er nicht geben konnte. Caileans Kehle schnürte sich zu, so sehr er das auch zu verhindern suchte. Nur mit Mühe schaffte er es, die Tränen zurückzuhalten. Jetzt nicht blinzeln. Bloß nicht blinzeln!
»Fuck«, sagte Ben herzhaft, und seine Augen verdunkelten sich. Erstaunlich, dass sie das konnten. Eisblau sollte eine helle Farbe sein. »Sie haben dich rausgeworfen? Du kanntest die zwei nicht nur, sie waren aus deinem Rudel?«
Der Blick hielt Cailean fest und ließ nicht zu, dass er eine Ausrede fand. Als er nickte, liefen die Tränen über. Er konnte nichts dagegen tun. Es tat so scheiß weh!
»Götter, lasst sie mir nur noch einmal in die Finger fallen!« Bens Stimme war ein tiefes, bedrohliches Grollen. Er zog die Tasche zurück. »Komm mit mir zu meinem Hotel, Cailean. Hier bleibe ich nicht mit dir. Aber ich lasse nicht zu, dass du die Nacht auf der Straße verbringst.«
»Ich will dich nicht belasten«, schniefte Cailean, obwohl alles in ihm danach schrie, Ben zu folgen. Wenigstens ein paar Stunden Ruhe. Zeit zum Durchatmen, damit er überhaupt dazu kam, die Ungeheuerlichkeiten zu verarbeiten, die in den letzten Tagen geschehen waren. Pläne zu machen. Irgendeine Hoffnung zu finden, die ihn aufrecht halten konnte.
»Prima«, antwortete Ben mit einem Schlag gut gelaunt. »Das heißt, du kommst mit. Denn belasten würde mich nur, wenn ich dich hier stehenlassen sollte.« Mit dem Kopf wies er die Straße hinab und setzte sich auch gleich in Bewegung. »Komm.«
Cailean war unerwartet dankbar, dass Ben ihm die Entscheidung abnahm. Als hätte er geahnt, dass sich Cailean gerade vollkommen überfordert fühlte. Er holte auf, bis er neben ihm lief, dann atmete er durch, um sich noch einmal zu bedanken.
Die Worte wirbelten davon, als ihn der köstlichste Duft einhüllte, den es geben konnte. Herb und aphrodisierend, frisch und erdig zugleich. Kräuter? Sandelholz? Cailean wusste es nicht. Er wusste nur, dass er in seinem Leben bisher nichts Vergleichbares gerochen hatte.
Dieser Mann, der aus dem Nichts aufgetaucht war, war sein Gefährte. Er war ein Geschenk des Himmels.
Und er hatte etwas so viel Besseres verdient als ausgerechnet Cailean.
Ben
Als Ben die Karte durch das Schließkästchen neben seiner Zimmertür zog und das leise Klacken hörte, mit dem das Schloss entriegelt wurde, atmete er unmerklich auf. Er öffnete die Tür und machte eine einladende Geste. »Nach dir.«
Zögerlich trat Cailean ein.
Ben folgte ihm auf dem Fuß. In Sicherheit. Gleich in doppelten Sinne. Er hatte seinen Gefährten nicht nur außer Sicht von unbekannten Angreifern gebracht, sondern auch mit sich genommen. Hier im Warmen und Trocknen würde ihm der hübsche Omega bestimmt nicht mehr unerwartet weglaufen. Sich umentscheiden, um nach einem neuerlichen leisen Dank davon zu huschen.
Ben stellte die Tasche neben der Sitzecke ab und sah zu dem mitten im Raum stehenden Mann hin. Er wirkte jung, verloren, todmüde und als fröre er. Noch immer sah man ihm an, dass er geweint hatte. Blass war er, was durch die dunklen Locken irgendwie zudem hervorgehoben wurde. Sein Blick hatte etwas Gehetztes, das Ben vertreiben wollte. Kein Wunder bei dem, was gerade passiert war. Nachdem man ihn aus dem Rudel geworfen hatte. Warum?
Mühsam unterdrückte Ben ein weiteres Knurren. Wie konnten sie nur? Ihm war klar, dass er nicht logisch dachte. Theoretisch gab es tausend gerechtfertigte Gründe, jemanden auszustoßen. Doch sein Inneres weigerte sich, auch nur einen in Betracht zu ziehen.
»Was hältst du davon: Du gönnst dir jetzt erst mal eine Dusche und wärmst dich auf, während ich uns Essen besorge, hm?« Zumindest Ben fand den Plan gut. Nach wie vor hatte er Hunger, und er würde den Teufel tun, Cailean heute noch einmal nach draußen zu lassen. Wo ein unbekanntes Rudel ihn überfallen konnte. Wo der Kleine sich ungeschützt fühlte. Wo die großen, dunklen Augen ihren heimgesuchten Blick garantiert nicht verlieren würden.
Cailean schenkte ihm ein scheues Lächeln. »Danke, Ben. Das ist sehr freundlich von dir.«
Ben spürte, wie seine Vernunft erneut weg driftete. Das Lächeln traf ihn mitten ins Herz. Zudem hatte die Stimme ihre Panik verloren. Sie war tiefer geworden, hatte einen leicht rauchigen Unterton, der sich direkt in seinen Magen schlich, um dort zu vibrieren. Und weiter unten ebenfalls. Fuck. Das war nun wirklich nicht der Zeitpunkt dafür. Besonders nicht bei einem Mann, der eben knapp einer Vergewaltigung entkommen war!
»Gut, dann machen wir das so.« Auf die Art hatte Cailean für ein paar Momente Ruhe und die Sicherheit, dass Ben die Badezimmertür auf keinen Fall einrennen würde. Außerdem konnte Ben gerade Bescheid geben, dass er für die Nacht einen Gast hatte. Kostete garantiert einen Aufpreis. Vollkommen egal, den zahlte er gerne. »Gibt es etwas, das du nicht magst? Das du nicht verträgst? Hast du einen Wunsch oder soll ich einfach machen?«
Wieder traf Ben dieses schüchterne Lächeln, das dennoch eine derart erstaunliche Strahlkraft hatte, dass es den ganzen Raum zu erhellen schien. Cailean schüttelte den Kopf.
Das also hatte Jake durchgemacht, als der Anfang des Jahres über seinen eigenen Gefährten gestolpert war. Kein Wunder, dass sein Freund sich so verhalten hatte, wie er es hatte. Mit einem Mal verstand Ben ihn. Er atmete durch, nickte und verließ das Zimmer.
Prompt klärte sich sein Hirn. Vermutlich, weil sein Besitzer nicht mehr in diesem unglaublichen Duft gefangen war. Erneut atmete Ben durch, dann straffte er seine Schultern, grinste und schlug den Weg zur Rezeption ein.
Ben
Als er eine ganze Zeit später in sein Zimmer zurückkehrte, saß Cailean mit feuchten Locken und in eine Decke gewickelt auf der Couch. Er sah besser aus, die Wangen hatten Farbe gewonnen; er wirkte ruhiger, allerdings immer noch todmüde. Kein Wunder.
»Essen sollte in einer halben Stunde da sein.« Ben streifte die Schuhe ab, streckte sich und holte zwei Flaschen Wasser aus der Zimmerbar. Eine reichte er Cailean, ehe er sich in den Sessel fallen ließ. Fühlte sich falsch an. Eigentlich wollte Ben bei dem schlanken Omega sitzen, ihn an sich ziehen und ihm versprechen, dass ihm nie wieder etwas passieren würde. Weil er dafür sorgen wollte.
Aber selbst seinem von Hormonen umnebelten Gehirn war klar, dass das keine gute Idee war. Rücksichtslosigkeit bis jenseits jeder Schmerzgrenze hatte Cailean heute schon genug erlebt. Bestimmt würde er ihm nicht jauchzend in die Arme fliegen. Wie es an und für sich sein sollte. Zumindest, was die Biologie betraf.
Ben nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, während Cailean seine nur in den Händen drehte.
Der Omega atmete durch, ehe er den Kopf hob und Ben einen Blick zuwarf. Gleich darauf erschien wieder das süße Lächeln auf den sanft geschwungenen Lippen. »Danke«, sagte er mit seiner leicht rauchigen Stimme. »Noch mal danke, dass du mir geholfen hast. Ohne dich …« Er schauderte.
Sofort kehrte das Grollen in Bens Kehle zurück. »Dafür, dass du nicht mehr in dem Rudel bist, kannst du eigentlich dankbar sein. Wer so mit seiner Familie umgeht oder das zulässt …« Jake hätte die beiden eigenhändig kastriert. Und dann rausgeworfen. Und Ben hätte tatkräftig mitangepackt. »Warum haben sie dich auf die Straße gesetzt?« Bei so einem Pack musste das etwas Gutes sein. Ben fand seine Logik hervorragend.
Leider sackte Cailean in sich zusammen. Er schien schrumpfen oder vielleicht mit dem Sofa verschmelzen zu wollen. »Ich genüge nicht«, flüsterte er. »Bitte, frag nicht weiter.«
Ben hatte sich schon halb aufgerichtet, um aufzustehen, zu ihm zu gehen und ihn in den Arm zu ziehen, weil Cailean nur mit Mühe seine Tränen zurückhalten konnte, wie es aussah. Er kaschierte die Bewegung, indem er die Wasserflasche auf dem Tisch abstellte.
»Was auch immer diese Wichser für Ansprüche an dich stellen, sei stolz darauf, dass du sie nicht erfüllst«, knurrte er. Der Wolf in ihm hatte das Nackenfell aufgestellt und die Fänge entblößt. Wäre am liebsten losgestürmt, um nach den Gegnern zu suchen und sie zu zerfetzen.
Doch hier gab es nur diesen zarten Omega, der noch weiter in sich zusammenzusinken schien.
Offensichtlich war das nicht der richtige Weg, um ihn zu trösten und aufzumuntern. Ben schlug ein Bein unter und lehnte sich vor. »Cailean, ich werde nicht in dich dringen und nachhaken. Aber ich bin mir sicher, dass es nichts sein kann, das einen Rauswurf rechtfertigt. Einen Rauswurf, der einen Omega auf der Straße stranden lässt. Und erst recht nicht das, was diese Dreckskerle mit dir vorhatten.«
Cailean biss sich auf die Unterlippe, als wollte er sie am Beben hindern. Seine Augen schwammen in unterdrückten Tränen.
Fuck. »Wie dem auch sei, jetzt bist du hier. Bei mir bist du in Sicherheit. Heute Nacht bleibst du auf jeden Fall im Hotel, ich habe unten Bescheid gegeben. Du musst dich nicht fürchten. Du bekommst das Bett, ich schlafe auf dem Sofa. Das ist breit genug dafür.« Ben wollte nicht einmal den Hauch eines Anscheins erwecken, dass er sich aufdrängte oder die Situation auszunutzen gedachte. »Und morgen sehen wir weiter. Hast du Freunde, bei denen du unterkommen kannst?«
Ohne Ben anzusehen, schüttelte Cailean den Kopf. »Nur im Rudel«, flüsterte er heiser. »Aber ich werde schon was finden, mach dir keine Sorgen.«
Ben unterdrückte ein Schnauben. Eines von den Rudeln war das, soweit keine Überraschung. Die ihre Omegas möglichst abschirmten und in Abhängigkeit hielten. »Hey, Lockenkopf.« Er beugte sich vor. »Ich mache mir keine Sorgen. Ich mache Pläne. Und mein Plan sieht vor, dass es verdammt gut ist, dass ich hier bin und ein paar Tage bleibe. Kannst du also auch, bis du etwas gefunden hast.«
Hatte er gerade beschlossen. Eigentlich hätte er in zwei Tagen wieder abreisen wollen. Aber das hier war wichtiger. So viel wichtiger. Es ging um seinen Gefährten. Und der sah nicht so aus, als wollte er sich innerhalb von achtundvierzig Stunden freudestrahlend in seine Arme werfen.
Endlich hob Cailean den Kopf und sah Ben an. Die Mischung aus Furcht und Hoffnung in seinen dunklen Augen war gleichermaßen verwirrend wie atemberaubend. »Ben, das ist zu viel! Ich weiß gar nicht, wie … was ich sagen soll. Wie ich dir danken soll! Bist du sicher? Ich habe nichts, was ich dir geben kann. Ich kann nicht bezahlen. Wir kennen uns nicht. Ich bin ein Fremder für dich! Wir …«
Ein Klopfen an der Zimmertür unterbrach ihn.
Ben war dankbar dafür; es enthob ihn offensichtlicher Antworten wie der, dass sie Gefährten waren und er noch eine ganze Menge mehr für ihn tun würde. Oder auch der, dass er keinen Omega auf die Straße werfen würde, Gefährte hin oder her, der gerade nur knapp einem Gewaltverbrechen entronnen war und kein Zuhause hatte.
»Ich hätte es dir nicht angeboten, wenn ich es nicht meinen würde«, brummte er nur und öffnete die Tür.
Es war der Lieferservice. Ben nahm die Tüten entgegen und bezahlte, während würziger Duft ihn deutlich daran erinnerte, dass er schon vor einer Ewigkeit hungrig gewesen war. Hatte sich nicht geändert.
Sein Magen forderte grollend sein Recht, als Ben mehrere Currys, Reis und Teigtäschchen auf dem niedrigen Couchtisch verteilte. Er grinste. »Ich würde sagen, das war eine Aufforderung. Bedien dich, Lockenkopf.«
Cailean
Eine Weile aßen sie schweigend. Immer wieder warf Cailean kurze Blicke zu dem Mann hin, der so verlockend duftete. Der Geruch machte ihn ganz schwach, und das war das Gemeinste daran. Warum ausgerechnet jetzt? Warum musste er ausgerechnet heute einem Mann über den Weg laufen, der nach Gefährte roch? Nun, da es vollkommen aussichtslos geworden war, jemals einen zu bekommen und zu halten.
Und gewiss wollte er keinen, der so toll war wie Ben. Einen, der ihm ohne zu fragen geholfen hatte und nach wie vor half. Der gedachte, das weiter fortzuführen. Cailean war ihm dankbar, jenseits von dankbar!
Er saß nicht frierend auf der Straße oder lag zusammengerollt und genauso frierend unter einer Treppe. Er konnte aus der Behaglichkeit eines Hotelzimmers die Scherben seines Lebens zusammensammeln und versuchen, etwas daraus zu formen, das ihn weitertragen würde. Himmel, mit dem breitschultrigen, ruhigen Mann ihm gegenüber fühlte er sogar etwas wie ein wenig … ein Hauch … eine Ahnung von Geborgenheit und Sicherheit.
Nur warum? Warum jetzt? Jetzt, da es keinen Sinn mehr hatte?
Caileans Magen krampfte, der Hunger war ihm vergangen. Aber er aß langsam weiter, weil er damit etwas zu tun hatte. Etwas, das seine Hände beschäftigte. Außerdem hatte er den ganzen Tag noch nichts gehabt. War nur vernünftig, wenn er aß.
»Sag, hast du einen Beruf erlernt?«
Bens tiefe Stimme kribbelte Cailean durch und durch. Leider fragte der Mann aufs Neue nur unangenehme Dinge. Solche, deren Antworten Cailean sich unzulänglich fühlen ließen. Stumm schüttelte er den Kopf.
Sein Lebensplan hatte vorgesehen, dass er mit einem Beta verbunden wurde und Kinder bekam, sich um das Heim und seine Familie kümmerte. So, wie das von jedem guten Omega verlangt wurde. Und jetzt … Erneut begannen seine Augen zu brennen. Er wollte nicht weinen. Nicht schon wieder. Nicht schon wieder vor Ben. »Ich werde was finden. Bedienung in einem Pub oder so. Dafür braucht man keine Ausbildung. Wo kommst du eigentlich her?«
»MacArran Manor. Liegt am Arsch der Welt, mitten in den Highlands am Loch Callum. Der nächste Ort ist Glenvillesdale. Ich fürchte, der ist zu klein, als dass jemand, der nicht aus der Gegend ist, jemals davon hören könnte.« Ben grinste.
Cailean mochte dieses narbenverzerrte Grinsen echt gerne. Es verlieh Ben nicht nur etwas Verwegenes, sondern zudem einen Ausdruck, als würde er etwas aushecken. Dazu das verschmitzte Funkeln in den Augen … Cailean konnte gar nicht anders, als es zu erwidern. »MacArran Manor. Ein Herrenhaus? Oder ist das nur ein schöner Name für dein Zuhause?«
Bens Grinsen wurde breiter. »Ist 'ne Burg, die aus dem Mittelalter stammt und im Laufe der Zeit ausgebaut wurde. Sehr idyllisch. Ich lebe da mit meinem Rudel. Unterscheidet sich gehörig von deinem, darauf kannst du wetten. Wir sind Freunde, allesamt. Ist auch nicht besonders groß. Mit dem Gefährten unseres Alphas umfasst der MacArran Clan jetzt immerhin sechs Personen.« Er lachte.
Das war wirklich klein! Winzig geradezu. Caileans Rudel war schon nicht riesig mit dem Alpha und elf Betas, Omegas und Welpen nicht eingerechnet. Nur sechs? Und es klang, als seien bis auf den Alpha alle ungebunden. Gerne hätte Cailean gefragt, kam sich jedoch ungehörig vor. »Eine Burg in den Highlands, das muss wunderschön sein.«
»Ist es.« Der Stolz auf sein Heim blitzte aus Bens Augen und leuchtete aus seiner ganzen Miene und Haltung. »Die mittelalterliche Wuchtigkeit des Gebäudes inmitten der herrlichen Landschaft, ich würde nirgends sonst wohnen wollen. Fühlt sich außerdem richtig sicher an, umgeben von den trutzigen Mauern. Aber natürlich haben wir jede Annehmlichkeit des modernen Lebens. So was wie Internet, Fußbodenheizung, Strom, fließend Wasser.« Er lachte erneut. »Nicht zu vergessen funktionierende Badezimmer und komfortable Wohnungen, in denen es nicht zieht.«
Cailean
Ein wenig kam es Cailean vor, als wollte er ihm auf humorige Art seine Heimat anpreisen. Hätte er eigentlich gar nicht gemusst, allein Burg in den Highlands hatte Cailean gleich dafür eingenommen. Wie traumhaft das klang! Nach Sicherheit und Schönheit in einem. Leider nur kam das auf keinen Fall infrage.
Trotzdem mochte er sich nicht davon abhalten, Ben auszufragen. Zum Einen konnte Ben seinerseits keine Fragen stellen, wenn er damit beschäftigt war, Caileans zu beantworten. Zum Anderen war es einfach schön, ihm zuzuhören, wie er von dem Leben in seiner Familie erzählte.
Von Jake, seinem Alpha und besten Freund, und dessen Gefährten, den sie als Anhalter auf der Flucht vor seinem eigenen Rudel mitgenommen hatten. Von Keith, einem Veteranen, der nun als Gärtner arbeitete. Vom ruhigen Connor, der mit Leidenschaft kochte, und Trevor mit der großen Klappe, der zu allem, was einen Motor hatte, eine innige Beziehung aufbauen konnte. Fast war es Cailean, als würde er die Männer selbst kennen.
Ganz zu schweigen von der Burg mit ihren starken Mauern und den mächtigen Türmen und der Landschaft der Highlands, ihren Stürmen, ihrer Schönheit, durch die man als Wolf ungestört ziehen konnte. Ben erweckte alles mit einfachen, kraftvollen Worten zum Leben.
Cailean begann nicht nur, sich zu entspannen. Er begann, sich wohlzufühlen. Als könnte ihm nichts passieren, solange sie nur hier in dem warmen Hotelzimmer saßen und redeten. Solange Ben nicht verstummte und er der dunklen Stimme lauschen durfte. Für die Dauer dieses Abends konnte er sich einbilden, dass er ein vollkommen normaler Omega war und das Glück hatte, seinen Gefährten getroffen zu haben. Er brauchte das Gefühl gerade viel zu sehr, als dass er sofort alles zerstören konnte.
Ben unterbrach sich in seiner Erzählung zu einer Jagd mit seinen Jungs und sah ihn wachsam an. »Alles okay?«
Cailean bekam Herzklopfen, als er feststellte, dass Ben nicht nur so wirkte, als ruhte seine volle Aufmerksamkeit auf ihm. Er achtete wirklich auf seinen Gast. Glücklich schenkte Cailean ihm ein Lächeln. Es brachte Bens Augen zum Leuchten und verstärkte Caileans Herzklopfen. Um ehrlich zu sein, konnte Caileans Leben kaum besser werden als gerade in diesem Moment. »Alles okay.«
»Ist spät, nicht?«, brummte Ben und warf einen Blick auf die Uhr. »Dein Tag war aufregend und lang, meiner war es auch. Lass uns ins Bett gehen. Also, du ins Bett, ich aufs Sofa.« Mit einem schlecht versteckten Gähnen stand er auf und streckte sich.
Ein wundervoll warmes Prickeln zog durch Cailean. Der Mann hatte das ernst gemeint! Bestimmt, damit Cailean sich nicht bedrängt fühlte. Himmel, wie rücksichtsvoll konnte ein Beta sein? Er überließ ihm sein Bett, statt Cailean auf die Couch zu schicken oder einfach davon auszugehen, dass sie eine Schlafstatt teilten.
»Sicher?«, fragte er leise. »Ich will dich nicht vertreiben.«
»Absolut sicher.« Mit einem breiten Grinsen ging Ben zu dem Schrank in der Ecke und holte das zweite Deckbett und ein Kissen heraus, die dort offensichtlich zwischengelagert worden waren. Immerhin hatte der Mann hier ja allein wohnen wollen. Er warf beides neben Cailean auf das Sofa. »Du hast dir das nach dem Tag verdient, Lockenkopf. Der muss jetzt gut ausklingen, nachdem er beschissen gestartet ist. Ich gehe ins Bad, du warst ja schon drin.«
Schüchtern nickte Cailean. Zähne geputzt hatte er nicht, aber er besaß keine Zahnbürste. Daran hatte er nicht gedacht, als er in aller Eile seine Tasche hatte packen müssen. Die musste er sich dringend morgen besorgen. »Danke.«
Während Ben im Bad verschwand und von dort sehr schnell der Laut nach prasselndem Wasser durch die geschlossene Tür drang, zog Cailean sich um. Immerhin einen Pyjama nannte er sein Eigen. Und etwas Wechselkleidung. Dankbar kroch er dann unter die frisch duftende, warme Decke und zog sie bis zum Kinn hoch. Es war trocken, er war satt, er war für die Nacht in Sicherheit. Das war so viel mehr, als er vor wenigen Stunden noch hatte erwarten können. Beinahe glücklich schloss er die Augen und lauschte auf all die Geräusche, die Ben machte.
Als der mit nackten Füßen aus dem Bad kam, konnte sich Cailean nicht davon abhalten, zu ihm hinzusehen. Auch in seinem schlichen, hellgrauen Pyjama sah der Beta einfach herrlich aus. Die breiten Schultern allein! Perfekt eigentlich, um sich anzulehnen. Und die starken Arme konnten einen Omega garantiert hervorragend umfangen und halten. Cailean spürte Hitze in seinen Wangen. Er sollte so nicht denken.
Doch die Vorbehalte wurden sofort weggewischt, als Ben seinen Blick erwiderte und lächelte. »Schlaf gut, Lockenkopf.«
Er schaltete eine Tischlampe neben dem Sofa ein und das Deckenlicht aus, ehe er zu seiner provisorischen Schlafstatt zurückkehrte und sich in die Decke wickelte.
»Du auch«, antwortete Cailean ein wenig verspätet und möglicherweise zu atemlos. Er sollte das nicht mögen, aber es gefiel ihm, wenn Ben ihn Lockenkopf nannte. Es hatte etwas Vertrauliches, als verband sie mehr als nur eine Zufallsbegegnung auf der Straße und, zugegeben, der Duft nach Gefährte.
Mit einem nahezu unhörbaren Seufzen schloss Cailean die Augen und kuschelte sich tiefer in das bequeme Bett.