Ein untadeliger Mann - Jane Gardam - E-Book

Ein untadeliger Mann E-Book

Jane Gardam

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Beschreibung

Alles an Edward Feathers ist ohne Fehl und Tadel – seine Garderobe, seine Manieren und sein Ruf als Anwalt mit glänzender Karriere in Hongkong. Nun ist er alt und muss mit dem Tod seiner Frau Betty zurechtkommen, so wie er immer mit allem zurechtgekommen ist. Seine perfekte Haltung täuscht alle und manchmal sogar ihn selbst. Doch mit Bettys Tod bricht etwas in ihm auf, und behutsam beginnt Feathers, vergangene Ereignisse ans Licht zu holen. An einem kalten englischen Wintermorgen setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden. Mit Jane Gardams meisterhaftem Roman über ein Leben im British Empire ist eine große Autorin zu entdecken.

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Seitenzahl: 444

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Hanser Berlin E-Book

Jane Gardam

Ein untadeliger Mann

Roman

Aus dem Englischen

von Isabel Bogdan

Hanser Berlin

Die englische Originalausgabe erschien 2004

unter dem Titel Old Filth bei Chatto & Windus in London

ISBN 978-3-446-25017-8

© Jane Gardam 2004

Alle Rechte der deutschen Ausgabe

© Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag München 2015

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München © gettyimages

Satz: Greiner & Reichel, Köln

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Datenkonvertierung E-Book:

Kreutzfeldt digital, Hamburg

Auch Rechtsanwälte, glaube ich, waren einst Kinder.

(Charles Lamb. Inschrift an der Statue eines Kindes

im Inner Temple Garden in London)

Den Raj-Waisen und ihren Kindern

Teil eins

Szene: Inner Temple

Der Lunchraum für die Prominenz in der Honourable Society of the Inner Temple. Licht fällt durch die hohen Fenster auf den polierten Tisch, auf Silber und Glas. Eine Reihe Richter und zugelassener Anwälte beendet gerade das Mittagessen. Ein Stuhl ist eben frei geworden, und die Juristen sehen ihn an.

The Queen’s Remembrancer: Ich nehme an, wir wissen alle, wer dort saß?

Junger Richter: Keine Ahnung.

Älterer Richter: Schien berühmt zu sein.

Rechtsberater des Magistrats: Das war Old Filth.

JR:Was? Der muss doch schon seit Jahren tot sein. Ein Zeitgenosse von F.E. Smith.

RM: Nein. Das war Old Filth. Großer Anwalt, Richter und ein bisschen ein Schlaumeier. Von ihm soll der Ausdruck FILTH kommen – Failed In London Try Hong Kong. Er hat es in Hongkong versucht. Bescheidener, netter Kerl.

ÄR: Harter Arbeiter. Umweltschutzgesetz. Filth über Umweltverschmutzung.

RM: Nomen est omen.

ÄR: Alter Witz. Er muss ja bald hundert sein.

RM: Noch lange nicht. Er ist noch gar nicht so lange im Ruhestand. Sieht aber sehr alt aus.

QR: Geradezu durchscheinend. Man konnte das Licht durch ihn durchsehen.

RM: Aber er sieht großartig aus. Und ist immer noch voll da.

QR: Er regelt hier irgendetwas mit seinem Testament. Betty ist auch da, sie lebt auch immer noch. Sie hatten ein schönes Leben. In Fernost. Und sind reich. Haben auf sich aufgepasst.

RM: Nie ein Fehltritt. Sehr beliebt, der alte Filth.

QR: Nur bei Veneering nicht.

ÄR: Ja, das war komisch. Passt überhaupt nicht.

QR: Er meint es doch sonst mit allen gut. Ob es da irgendwelche Geheimnisse gibt?

ÄR: Bei Old Filth?

QR: Schon erstaunlich, dass er nicht einfach langweilig ist.

RM: Ja. Aber ist er nicht. Raj-Kind, Privatschule, Oxford, Kronanwalt – aber kein Langweiler. Die Frauen waren verrückt nach ihm.

QR: Kaffee? Oder müssen Sie weiter?

RM: Ja. Zehn Minuten. Mein Clerk packt schon den nächsten Fall zusammen. Er schimpft bestimmt mit mir und klopft auf seine Uhr.

QR: Ja, hier ist nicht Hongkong. Aber es war nett, den alten Quastenflosser zu sehen.

RM: Das stimmt. Können wir noch unseren Enkeln von erzählen.

Die Donheads

Er war sagenhaft sauber. Geradezu ostentativ sauber. Der Rand seiner alten Fingernägel war reinweiß. Die wenigen Haare unter seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch schamponiert, ebenso wie sein lockiges, immer noch rötlich braunes Haupthaar. Seine Schuhe glänzten wie Kastanien. Seine Kleidung war immer frisch gebügelt. Er hatte die Eleganz der zwanziger Jahre, denn seine Kleider, wie auch immer sie bei näherer Betrachtung aussahen, passten zu ihm. Stets ein viktorianisches Seidentuch in der Brusttasche. Stets gelbe Baumwoll- oder Seidensocken von Harrods; manch ein Stück, das er noch aus dem fernen Osten hatte, war immer noch perfekt. Seine Haut war rein und wirkte bei schlechter Beleuchtung immer noch jung.

Seine Kollegen aus der höheren Anwaltschaft nannten ihn Filth, und das war durchaus nicht ironisch gemeint. Er galt als Ursprung des alten Witzes Failed In London Try Hong Kong. Es hieß, er habe die Londoner Gerichte als sehr junger, sehr armer Mann in einer spontanen Laune kurz nach dem Krieg verlassen und sei in Hongkong von Anfang an ungeheuer erfolgreich gewesen. Aber weil er ein bescheidener Mann sei, hieß es, bezeichne er sich selbst als Parvenü, als Betrüger und Luftikus.

Dabei war Filth gar nicht der Typ, der Witze machte, er war in Bezug auf seine Arbeit durchaus nicht bescheiden, und er gab selten, und wenn, dann höchstens in Extremsituationen, irgendwelchen Launen nach. Aber er wurde auch noch Jahre, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte, geliebt, bewundert und freundlich belächelt. Man sprach über ihn.

Jetzt ging er auf die achtzig zu und lebte allein in Dorset. Seine Frau Betty war tot, aber zu Hause plauderte er immer noch häufig mit ihr. Er hatte einen wachen Geist und wache Augen und war ein reizender Mensch. Immer gewesen. Ein Mann, dessen vornehmes Leben gradlinig und glücklich verlaufen war. In seinem Haus roch es nicht nach Alter. Er war reich, und er ging ganz selbstverständlich davon aus, dass das Haus und er selbst sauber gehalten wurden, gefüttert und gewaschen von Bediensteten, wie es immer gewesen war. Er wusste, wie man Angestellte behandelte, und sie blieben über Jahre bei ihm.

Betty hatte ebenfalls ein gutes Händchen mit Angestellten gehabt. Sie war ebenso wie Old Filth in der Region geboren, die die Amerikaner den Orient nannten und die Britische Oberherrschaft den Fernen Osten. Sie waren sich ihres Standes bewusst, aber unprätentiös und beliebt.

Nach Bettys Tod hörte Old Filth auf zu kokettieren. Sein Leben stürzte ein. Er wurde umständlicher. Er begann, zunächst langsam, die Deckel von vergangenen Ereignissen zu heben, die er als vernünftiger Mann mit vernünftigen und gebildeten Freunden (er war Anwalt der Krone und Richter gewesen) bislang geschlossen gehalten hatte.

Sein Erfolg als Anwalt in Hongkong war so phänomenal gewesen, weil er entspannt, beherrscht, fleißig und talentiert war. Seine Karriere war in dem Moment in Gang gekommen, als die Straits-Chinesen anfingen, ihm das Mandat zu erteilen. Aus seiner Kindheit in Malaya war ihm eine Vertrautheit mit asiatischen Sprachen geblieben, außerdem empfand er auch eine gewisse Nähe zur asiatischen Seele. Wenn Old Filth Malaysisch sprach, oder (etwas weniger eloquent) Mandarin, hörte man eine unerwartete Stimme. Chinesische, malayische und bengalische Anwälte hatten zwar oft ebenfalls in Oxford und an den studiert, wurden aber allgemein für nicht direkt genug gehalten. Filth – oder inzwischen , und seit er im Ruhestand war, oft sogar – hatte sie allerdings als vollkommen geradlinig und nach seinem Geschmack empfunden.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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