Eine Liebe zwischen den Zeiten - Sabine Neuffer - E-Book

Eine Liebe zwischen den Zeiten E-Book

Sabine Neuffer

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Beschreibung

Kann Liebe alle Hindernisse überwinden? Der gefühlvolle Schicksalsroman »Eine Liebe zwischen den Zeiten« von Sabine Neuffer jetzt als eBook bei dotbooks. Im Sturm der Zeit gefangen … Ganz unerwartet erbt die Londoner Journalistin Lea ein Haus in ihrer deutschen Heimat. Als sie es in Augenschein nimmt, entdeckt sie einen kleinen Raum unter der Treppe – und findet sich plötzlich in einem völlig veränderten Haus wieder! Nach und nach begreift Lea, dass sie ins Jahr 1938 gereist ist. Verzweifelt setzt sie alles daran, so schnell wie möglich in ihre Zeit zurückzukehren – doch dann lernt sie den geheimnisvollen Arzt Daniel kennen. Zwischen den beiden entwickeln sich zarte Gefühle. Aber wie eine dunkle Wolke schwebt die Gefahr über ihnen – denn Daniel ist Jude … Eine schicksalhafte Begegnung, zwei Leben und eine Liebe, die wie ein Stern in finsterer Nacht leuchtet! Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der bewegende Schicksalsroman »Eine Liebe zwischen den Zeiten« von Sabine Neuffer. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 525

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Über dieses Buch:

Eine Erbschaft führt die Journalistin Lea nach Jahren in London in ihre deutsche Heimat zurück. Als sie das Haus, das ihr hinterlassen wurde, genauer unter die Lupe nimmt, entdeckt sie einen kleinen Verschlag unter der Treppe. Neugierig betritt sie ihn – und hört plötzlich ein gewaltiges Poltern und Klirren. Beunruhigt verlässt sie die Kammer und findet sich mit einem Mal in einem Treppenhaus wieder, das sich vollkommen verändert hat. Nach und nach begreift Lea, dass sie ins Jahr 1938 gereist ist. Eigentlich will sie so schnell wie möglich in ihre Zeit zurückkehren, doch dann lernt sie den geheimnisvollen Arzt Daniel kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Romanze. Aber wie eine dunkle Wolke schwebt die Gefahr über ihnen, denn Daniel ist Jude …

Eine schicksalshafte Begegnung, zwei Leben und eine Liebe, die wie ein Stern in finsterer Nacht leuchtet!

Über die Autorin:

Sabine Neuffer wurde 1953 in Hannover geboren. Nach dem Studium arbeitete sie unter anderem für eine PR-Agentur, bevor sie ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte. Heute lebt sie in Wolfenbüttel und arbeitet an einer Realschule in Braunschweig.

Bei dotbooks erschienen bereits Sabine Neuffers Romane Herr Bofrost, der Apotheker und ich und Das Glück ist eine Baustelle.

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Originalausgabe Januar 2014

Copyright © 2014 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Atelier Nele Schütz, München

Titelbildabbildung: Blumen: © Avprophoto/shutterstock.com; Treppe: © Dubova/shutterstock.com

ISBN 978-3-95520-419-8

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Sabine Neuffer

Eine Liebe zwischen den Zeiten

Roman

dotbooks.

1. Kapitel

LONDON, Frühsommer 2005

»Ich muss nach Deutschland fliegen«, sagte Lea niedergeschlagen und trat auf die Terrasse zu Brian, der im letzten Abendsonnenlicht las.

Er ließ das Buch in den Schoß sinken und schob die Brille ins Haar. »Probleme?«

Lea quetschte sich auf den zweiten Stuhl. Die Terrasse war eng, sie bot gerade Platz für zwei Teakholzsessel und einen kleinen, runden Tisch. Wenn Lea es über sich gebracht hätte, die ausladende Kletterrose an der Hauswand zu stutzen, wäre es wesentlich bequemer gewesen. Doch sie liebte den winzigen, wuchernden Garten, der kaum größer als ihr Wohnzimmer war, und tastete nur das Nötigste an. Die Rose, eine üppige New Dorn, hatte den Ausschlag gegeben, gerade dieses Haus zu kaufen. Im Sommer drang der würzige Zitronenduft der Blüten durch die geöffneten Schlafzimmerfenster im oberen Stockwerk. Und das mitten in London.

»Meine Großmutter ist gestorben«, sagte Lea und legte die Zeitung zusammen, in der sie gelesen hatte, als ihre Mutter anrief. »Ich muss mich um ihr Haus kümmern, anscheinend habe ich es geerbt.«

Brian setzte sich auf. »Ein Haus? Wo?«

»In Braunschweig.« Lea seufzte.

Brian hob interessiert eine Augenbraue. »Braunschweig? Meine Mutter ist dort geboren.« Brian entstammte einer jüdischen Familie, die Deutschland in den 30er Jahren verlassen hatte, doch er, mehr als 20 Jahre nach Kriegsende geboren, war ein waschechter Engländer. »Was ist das für ein Haus?«, fragte er.

Lea faltete die Zeitung einmal mehr als nötig. »Ein düsterer, alter Kasten. Gründerzeit, wenn dir das etwas sagt.«

»Grunderzeit?«, wiederholte Brian mit einem komischen Akzent und sah sie verständnislos an.

»Das war die Zeit nach der Reichsgründung«, erklärte Lea. »Industrieller Aufschwung, jede Menge Firmengründungen, all das. Man baute pompös und protzig, schließlich wollte man zeigen, dass man wer war. Viel Stuck, schwere Säulen, wenig Luft zum Atmen. Aber sehr repräsentativ.« Sie lächelte matt.

»Und so etwas hast du geerbt?« Brian war sichtlich beeindruckt. »Wie groß?«

Lea zuckte mit den Schultern. »Drei, vier Wohnungen? Ich weiß nicht genau.«

»Wieso weißt du das nicht? Ich denke, es ist das Haus deiner Großmutter?«, fragte Brian überrascht. Er selbst hatte eine sehr enge Beziehung zu seiner Großmutter und hatte Lea so lange gedrängt, die alte Dame endlich kennenzulernen, bis sie schließlich – ohne große Begeisterung – versprochen hatte, Brian zu deren 90. Geburtstag zu begleiten. Der würde erst im November sein, doch Brian machte bereits jetzt, im Juni, Pläne für das Fest.

»Ich habe meine Großmutter nur einmal gesehen«, sagte Lea, »und ich habe sie nicht gemocht.« Sie verzog das Gesicht. Wenn sie eine Rangfolge in der langen Reihe ihrer bedrückenden Kindheitserinnerungen hätte aufstellen sollen, so wäre dieser Besuch in Braunschweig sicher auf einem der Spitzenplätze gelandet. Ihre Großmutter war hager und unfreundlich gewesen und hatte sonderbare Geräusche mit ihrem Gebiss gemacht, die für eine Zehnjährige äußerst erschreckend klangen. Es war Leas Mutter, die damals, vor genau 25 Jahren, auf diesem Besuch bestanden hatte. Angeblich damit Lea ihre Großmutter väterlicherseits wenigstens einmal kennenlernte. Doch Lea hatte da schon den Verdacht gehabt, ihre Mutter wolle die Alte nur ärgern. Was ihr wohl auch gelungen war, denn die Großmutter behandelte ihre Schwiegertochter wie eine Aussätzige, nicht einmal die Hand hatte sie ihr gereicht. Ihrer Enkelin servierte sie harte Plätzchen und lauwarmen Pfefferminztee und zeigte ansonsten wenig Interesse an ihr. So war es kein Wunder, dass Lea niemals das Bedürfnis verspürt hatte, sie wiederzusehen. Vielmehr hatte sie alle Gedanken an ihre Großmutter weit von sich geschoben und auch die an ihre düstere Wohnung, in der die Luft, gesättigt von jahrzehntealtem Staub, jede Bewegung schwer gemacht hatte. Sie erinnerte sich nur vage an sehr alte Möbel, die unter unzähligen Lagen von gehäkelten oder bestickten Decken versteckt waren. An dunkle, verblichene Vorhänge und riesige Ledersitzmöbel, viel zu groß für ein Kind und ebenfalls unter ständig verrutschenden Decken verborgen.

Brian lachte bloß, als sie ihm die Wohnung beschrieb. »Wer weiß, vielleicht findest du dort ja etwas ganz Besonderes. Einen verschollenen Rembrandt womöglich?«, meinte er scherzhaft. Dann wurde er ernst: »Was ist denn mit der Beerdigung, musst du dich auch darum kümmern?«

Lea schüttelte den Kopf. »Die war schon, vor zwei Wochen oder so. Anscheinend hat sich irgendeine Bekannte meiner Großmutter darum gekümmert, als sie niemanden von uns erreichen konnten. Ich weiß auch gar nicht, wie sie meine Mutter jetzt ausfindig gemacht haben, das hat sie mir nicht erzählt.«

»Na, siehst du, wenigstens das bleibt dir erspart.« Brian lächelte ihr über den Rand seines Glases zu. In der Dämmerung waren seine Augen so schwarz wie sein Haar. »Und bei der Haushaltsauflösung wird deine Mutter dir doch sicherlich helfen.«

Für diese Idee hatte Lea nur ein schwaches Lächeln übrig. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass sie ihren geliebten Fabrizio auch nur einen Tag allein lässt und aus Rom in die deutsche Provinz jettet, um mir bei einer Entrümpelungsaktion zu helfen?«

Brian lachte und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Du hast wirklich eine sonderbare Familie.«

»Danke!« Lea leerte ärgerlich ihr Glas. »Nicht jeder hat das Glück, aus so einer Bilderbuchfamilie zu stammen wie du! Darauf musst du dir nichts einbilden!«

Er sah sie verblüfft an. »Aber das tu ich doch auch gar nicht«, sagte er gekränkt. »Ich weiß, dass ich großes Glück habe.«

»Entschuldige. Es tut mir leid, ich bin ein wenig gereizt.« Lea suchte nach seiner Hand. »Könntest du mich nicht begleiten?«, fragte sie zaghaft. »Ich weiß, so toll wie Irland ist das nicht, aber …«

Brian erwiderte ihren Händedruck. »Lea, wie sollte ich dir da helfen? Ich spreche kein Wort Deutsch, und ich kann unmöglich Entscheidungen darüber treffen, was mit eurem Familienerbe geschehen soll. Ich könnte dir gar nichts abnehmen, wahrscheinlich wäre ich eher eine Belastung für dich. Du müsstest ständig dolmetschen und –«

Lea winkte ab. »Schon gut, vergiss es. Vielleicht hast du ja sogar recht.« Sie stand auf, um die Weinflasche aus der Küche zu holen. »Weißt du was?«, fragte sie, als sie zurückkam. »Ich lasse die Wohnung einfach komplett entrümpeln, und dann suche ich mir einen Makler, der das Haus verkaufen soll. Wenn ich mich ranhalte, kann ich das alles in einer Woche erledigen, und wir können immer noch nach Irland fahren. Drei Wochen Urlaub sind doch auch noch genug, findest du nicht?«

»Ich glaube nicht, dass das alles so schnell gehen wird«, wandte Brian ein und nippte an dem Wein, den Lea nachgeschenkt hatte. »Da sind doch sicher Mieter im Haus, und vielleicht muss das ein oder andere repariert werden. Du solltest dir schon Zeit damit lassen, Lea.«

»Aber warum? Ich kann dem Makler doch sagen, dass er das Haus nur an jemanden verkaufen darf, der die Mieter übernimmt, und um die Reparaturen kann sich der Käufer selbst kümmern. Das wird der gern tun, wenn er dadurch den Kaufpreis herunterhandeln kann. Unser Urlaub ist mir viel wichtiger.« Sie prostete Brian zu. »In einer Woche fahren wir!«

Brian wich ihrem Blick aus. »Lea«, begann er zögernd, »unser Urlaub …, ich hatte dich sowieso bitten wollen, ihn zu verschieben. Sieh mal, es ist …, wie soll ich sagen? Es ist einfach kein guter Zeitpunkt. Meine Mutter ist so niedergeschlagen, und Beckys Kind kann jeden Moment kommen, darum …«, er blickte verlegen auf, »wäre es mir wirklich lieber, in den nächsten Wochen hier zu sein. Die beiden brauchen mich.«

Lea starrte ihn ungläubig an. »Heißt das …? Willst du etwa sagen, du wolltest unseren Urlaub sowieso abblasen?«

»Na ja, ich …«, Brian schaute zu Boden, »ich wollte dich bitten …«

»Na, toll!« Lea stellte ihr Glas hart auf der Tischplatte ab. »Und wann hättest du mir das gesagt, wenn dir nicht zufällig der Tod meiner Großmutter zu Hilfe gekommen wäre? Brian, wir hatten eigentlich vor, übermorgen loszufahren!«

Brian wand sich. »Ja, ich weiß. Ich wollte schon die ganze Zeit mit dir darüber reden, aber …«

»Aber ich bin so furchtbar verständnislos, wenn es um deine Familie geht, nicht wahr? Das wolltest du doch sagen, stimmt’s?« Lea nahm ihr Glas wieder auf und drehte es so heftig zwischen beiden Händen, dass der Wein überschwappte. Sie verstand Brian wirklich nicht. Für ihn schien es nichts Wichtigeres zu geben als seine Familie, und Lea empfand diese enge Bindung fast als Bedrohung. Obwohl sie Brian nun schon seit drei Jahren kannte, hatte sie bis auf wenige flüchtige Begegnungen jeglichen Kontakt zu seiner Familie vermieden, als müsse sie der Gefahr trotzen, von ihr verschlungen zu werden. Natürlich waren Brians Mutter und seine Schwester keine Monster, im Gegenteil, Lea fand sie sehr liebenswürdig und entgegenkommend, doch gerade das hatte sie so verschreckt. Sie wollten, dass Lea zu ihnen gehörte, ein Teil ihrer engen Gemeinschaft wurde, doch das konnte sie nicht. Sie war nicht bereit, sich noch einmal auf die quälende Nähe und die ständigen Einschränkungen, die eine Familie zwangsläufig mit sich brachte, einzulassen.

Dass Brian es tat, jederzeit und anscheinend nicht einmal widerwillig, irritierte sie maßlos. Und wieder fragte sie sich, wie viel sie ihm eigentlich bedeutete, ob sie in seinem Leben jemals an erster Stelle stehen oder ob die Sorgen und Probleme seiner Mutter und Schwester nicht immer Vorrang haben würden. Doch vielleicht reagierte sie ungerecht? Brians Vater, ein lebensfroher, scheinbar kerngesunder Mann war vor sechs Monaten mit 73 Jahren unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben, und Brians Mutter suchte verständlicherweise Trost bei ihren Kindern. Zwar arbeitete sie, obwohl auch schon 70, noch immer, was ihr jedoch nur in sehr beschränktem Maße half, mit dem Verlust fertig zu werden. Zumal sie im Begriff war, ihre Augenarztpraxis in Kensington an einen jüngeren Kollegen zu übergeben.

In Brians Familie waren alle Frauen Ärztinnen. Seine Großmutter hatte jahrzehntelang eine Hausarztpraxis im Londoner Stadtteil Bayswater geführt, und seine Schwester Becky arbeitete als Anästhesistin in einer Klinik. Bemerkenswerterweise hatte keine von ihnen einen Arzt geheiratet. Brians Vater war Finanzmakler gewesen, und Beckys Mann Bob Ingenieur. Unglücklicherweise hatte ihn seine Firma gerade jetzt für einige Monate nach Bahrain geschickt – ein attraktiver Auftrag und für Bob die Chance, gleich ein paar Sprossen auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Dass Becky, die ihren Kinderwunsch nach langen erfolglosen Versuchen gerade endgültig aufgegeben hatte, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt doch noch schwanger wurde, konnten sie nicht ahnen. Nun stand die Geburt kurz bevor. Bob war unabkömmlich, und so schien es selbstverständlich, dass Brian an seiner Stelle männlichen Beistand leistete. Wie er sich – als Historiker – dabei nützlich machen sollte, war Lea unklar, doch darauf kam es wohl auch nicht an. Es ging nur darum, dass er sich um seine Schwester kümmerte. Vielleicht, überlegte sie, war der starke Zusammenhalt in Brians Familie normal. Das war vermutlich in vielen Emigrantenfamilien so. Andererseits – Brian gehörte zur dritten Generation, er wurde in England geboren, sein Vater war Engländer, seine Mutter als Kleinkind hierhergekommen und seine Großmutter als sehr junge Frau eingewandert. Sie hatte hier studiert, und Brian behauptete immer, dass niemand in England sie je für eine Deutsche halten würde. Die Familie unterhielt absolut keine Beziehung mehr zu dem Land ihrer Vorfahren, selbst Brians Großmutter war nie wieder dort gewesen. Und Brian interessierte sich wenig für Deutschland, zumindest nicht für das Deutschland von heute. Das schien erst, seit er Lea kennengelernt hatte, näher in sein Bewusstsein gerückt zu sein. Was ihn an Deutschland faszinierte, war das historische Phänomen des Dritten Reichs. Zurzeit arbeitete er an einem Forschungsprojekt, das sich mit den Schicksalen der Nachkommen jüdischer Kinder beschäftigte, die Deutschland kurz vor dem Krieg ohne ihre Eltern verlassen hatten und in englischen Pflegefamilien oder – im schlimmeren Fall – Kinderheimen aufgewachsen waren.

Lea, die seit acht Jahren in London lebte, konnte sich mit Brians Desinteresse an dem Deutschland von heute leicht abfinden. Gefühle wie Heimat oder gar Vaterlandsliebe waren ihr fremd, und stolz auf ihr Land war sie angesichts der Geschichte des letzten Jahrhunderts wirklich nicht. Inzwischen betrachtete sie es aus einer sehr distanzierten Perspektive und mit genau der ironischen Gelassenheit, die ihre wöchentlichen Kolumnen über das Leben einer Festländerin auf der Insel so erfolgreich machten. So erfolgreich, dass sie es endlich gewagt hatte, sich für ein Jahr von ihrem Dienst an der deutschen Schule in London beurlauben zu lassen. Wenn sie mehr Zeit investieren konnte und sich ihre journalistische Tätigkeit dann so entwickelte, wie sie hoffte, würde sie nie wieder in ein Klassenzimmer zurückkehren, sondern als freie – oder, noch besser – feste Journalistin für ihren Lebensunterhalt aufkommen können. In dieser Hinsicht konnte sich dieses unerwartete Erbe als großer Segen entpuppen. Vielleicht war sie nun in der Lage, sich etwas länger Zeit zu nehmen, bevor sie eine endgültige Entscheidung treffen musste.

Den Beginn ihres Sabbatjahres hatte sie sich allerdings anders vorgestellt. Sie hatte sich sehr auf einen ausgedehnten Urlaub mit Brian in Irland gefreut. Dort war sie noch nie gewesen, doch nicht nur das unbekannte Land hatte sie gereizt, sondern mindestens ebenso sehr die Aussicht, Brian einmal für ein paar Wochen nicht mit seiner Familie teilen zu müssen.

»Also habe ich dich richtig verstanden?«, fragte sie verstimmt. »Es ist völlig egal, wie lange ich in Deutschland bleibe? Unser Urlaub ist sowieso gestrichen?«

Brian leerte sein Glas. Auch er war ärgerlich, Lea spürte es. »Irland läuft uns doch nicht weg, Lea«, sagte er. »Wir können auch nächstes Jahr noch fahren.«

Lea stand auf. »Ja, oder in zehn Jahren. Natürlich läuft Irland uns nicht weg! Es wird noch da sein, wenn wir längst tot sind!« Sie schnappte sich ihr Glas vom Tisch. »Dann buche ich jetzt einen Flug nach Hannover. Am besten gleich für morgen früh!« Plötzlich hatte sie es eilig wegzukommen.

2. Kapitel

BRAUNSCHWEIG

An der letzten Autobahnraststätte vor Braunschweig unterbrach Lea ihre Fahrt. Sie ärgerte sich bereits jetzt, dass sie zu geizig gewesen war, am Flughafen einen Wagen mit Klimaanlage zu mieten, sondern sich für das kleinste, billigste Modell, einen schwarzen Seat, entschieden hatte. Es war erst elf Uhr, doch das Thermometer hatte schon fast die 30-Grad-Marke erreicht.

Lea machte sich notdürftig frisch, kaufte einen Stadtplan von Braunschweig, besorgte sich an dem Selbstbedienungsbüffett eine Apfelschorle und ließ sich an einem freien Tisch für sechs Personen nieder, der Platz genug bot, den Plan vollständig auszubreiten. Sie studierte ihn mindestens eine halbe Stunde lang. Da Lea, abgesehen von diesem einen Besuch vor 25 Jahren, niemals in Braunschweig gewesen war, konnte sie sich nicht mehr an die genaue Lage des Hauses erinnern, aber ihr visuelles Gedächtnis funktionierte hervorragend. Mit dem Plan im Kopf würde sie sich problemlos zurechtfinden. Als Erstes prägte sie sich die Namen der Hauptstraßen und Stadtteile ein, erst dann suchte sie nach der Straße, an der das Haus ihrer Großmutter lag. Es war eine winzige Straße innerhalb des Rings, der die Kernstadt umschloss, und sie lag parallel zur Oker, unweit des Theaters. Zumindest früher musste dies eine bevorzugte Wohngegend gewesen sein. Lea hatte lediglich eine vage Vorstellung von der Stadt. Sie wusste nur, dass die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg dort ähnlich verheerende Auswirkungen gehabt hatten wie in ihrer Heimatstadt Hannover. Ansonsten erinnerte sie sich an den Anblick der Brauereien und des gesichtslosen Bahnhofs, die sie auf Zugfahrten nach Berlin passiert hatte. Aber sonst? Braunschweig? Außer Heinrich dem Löwen und der berühmten Braunschweiger Wurst, die ihr Vater so gern gegessen hatte, fiel ihr beim besten Willen nichts ein.

Eine Dreiviertelstunde später manövrierte sie den kleinen Wagen in eine Parklücke, direkt vor dem Haus. Sie stieg aus, blieb in der geöffneten Wagentür stehen und sah sich erstaunt um. Schön war es hier, richtig schön! Hier hatten die Bomben nicht gewütet, es war immer noch eine ausgezeichnete Gegend, gepflegt und eindrucksvoll. Würdevolle, reich verzierte alte Häuser, viel Grün, und von einem ›alten Kasten‹ konnte keine Rede sein. Lea starrte an dem Haus empor. Von dem bedrückenden, überladenen Stil der Gründerzeit war es weit entfernt. Es musste später entstanden sein, Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Fassade war schlicht, roter Klinker, die Fenster umrahmt von hellem Sandstein, darüber lichte Jugendstil-Ornamente, die ein von vielen Regengüssen weich gezeichnetes Frauenantlitz umrankten. Eine Steintreppe, acht Stufen vielleicht, führte zu der breiten Eingangstür, auch sie oben gerundet und versehen mit fein geätzten Glasscheiben, die das Rankenmuster der Sandsteinaufsätze aufgriffen. Ein schmaler Vorgarten hinter einem niedrigen, schmiedeeisernen Zaun, vertrockneter Rasen, ein paar kleine Büsche, wilder Wein, der sich an der linken Hausseite emporrankte.

Erst auf den zweiten Blick sah man, dass die Fensterrahmen dringend gestrichen werden mussten und auch der Eisenzaun etwas verwahrlost wirkte. Es überraschte Lea, wie hübsch das Haus war. Es hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem finsteren Gebäude, das sie in Erinnerung hatte. Vielleicht weil damals ein grauer Novemberhimmel über der Stadt gehangen und jede Heiterkeit erdrückt hatte, während heute die Sonne alles in ein freundlicheres Licht tauchte?

Lea hob ihre prall gepackte Reisetasche von der Rückbank, schulterte sie und stieg die wenigen Stufen zur Eingangstür hinauf. Bei Frau Wiegand sollte sie klingeln, hatte ihre Mutter gesagt.

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