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In Damion Walkers Leben gibt es eine unumstößliche Regel: Er geht keine festen Beziehungen ein. Mit diesem Prinzip bricht er viele Herzen – und kassiert für sich selbst einen entsprechenden Ruf. Tamara Witt ist die neue Vampirin in der Siedlung und gibt dem charmanten Sicherheitschef von Fernhaven gleich in der ersten Nacht einen Korb. Sie hat nicht vor, eine weitere seiner Eroberungen zu werden. Trotzdem haben sie ein gemeinsames Ziel: Sie wollen die Rechte für Vampirinnen in ihrer Gesellschaft verbessern und müssen dafür eng zusammenarbeiten. Die beiden kommen sich näher – und während Damion schon bald von seiner Vergangenheit eingeholt wird, gerät Tamara ins Visier ihrer Gegner … *** Erleichtert sinkt Tamara auf die Matratze und kuschelt sich unter ihre Bettdecke. Allein in der Dunkelheit, lässt sie den Abend im Kopf noch einmal Revue passieren. An sich war es eine schöne Feier, auch wenn sie für diese gehobenen Bälle nicht sonderlich viel übrig hat. Hauptsächlich handelt es sich dabei um oberflächliche Gespräche, kaum jemand tanzt und es gibt fast nie Tequila. Schließlich wandern ihre Gedanken zu dem Vampir zurück, der sie angesprochen hat. Damion Walker. Das wird auf gar keinen Fall passieren. *** Walker - Neue Geschichten aus der Welt von Savage „Einsame Seelen” ist der erste Band der Walker-Dilogie und spielt im selben Universum wie die Romantasy Serie Savage. Wie gewohnt überzeugt das Buch durch witzige Dialoge, tiefe Gefühle und eine spannende Handlung. Das Buch kann als Einzelband gelesen werden. Das Walker-Universum ist bevölkert mit Vampiren, die nach ihren eigenen Regeln leben – abgeschnitten in gut bewachten Siedlungen, die keine Außenseiter erlauben. Aber nicht alle sind mit den alten und viel zu strengen Gesetzen einverstanden. Unmut führt zu neuen Ideen in der vampirischen Bevölkerung und schon bald wird der erste Schritt zum Wandel auf den Weg gebracht.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Epilog
Hi, I'm Jacks
Danksagung
Alle Romane von Ally J. Stone
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Über die Autorin
Impressum
WALKER
Einsame Seelen
1. Auflage © 2022, Berlin, Ally J. Stone
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf ohne schriftliche Zustimmung
der Autorin nicht kopiert, vertrieben oder verwendet werden.
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Coverdesign
Jaqueline Kropmanns
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Korrektorat
Christin Vater
~
Autorenwebseite
www.stonebooks.de
Du bist immer für mich da.
An meinen guten Tagen und an den schlechten.
Du kennst alle meine Geschichten.
Die öffentlich erzählten und die im Schatten.
Diese Geschichte verbindet uns.
Sie ist für dich. Von mir.
Für Sandra.
Mit einem letzten Blick in den Spiegel rückt Damion seine Fliege zurecht.
Er hat sich für ein paar Minuten ins Bad zurückgezogen, um sich etwas frisches Wasser ins Gesicht zu spritzen und einmal durchzuatmen.
Eigentlich hat er auf heute Nacht so gar keine Lust.
Fernhaven, die Vampir-Siedlung, in der er mit seinem Bruder Rhys lebt, feiert heute ihr 100-jähriges Bestehen.
Rhys hat als Leiter der Siedlung dafür einen großen Ball ausrichten lassen und auch die Bewohner aus West Bay und Fort Milton eingeladen.
Dementsprechend groß ist die Veranstaltung und natürlich ist Damion als Chef der Sicherheit in den Gesprächsrunden sehr gefragt.
In ihrer Gesellschaft geht nichts über Einfluss und Macht und sowohl seine Position, als auch die seines Bruders sind hoch angesehen.
Für ihn bedeutet das, den ganzen Abend oberflächliche Gespräche führen zu müssen und Leuten zuzuhören, die versuchen, ihn zu beeindrucken.
Deshalb zieht Damion sich meistens auch lieber zurück, um mit seinen besten Freunden außerhalb der gesellschaftlichen Veranstaltungen zu feiern.
Zumindest mit Carter, denn Dylan hat sich in den letzten Jahren immer mehr in seine Arbeit vertieft und zieht nur noch selten mit ihm um die Häuser.
Mit Menschen zu feiern findet Damion grundsätzlich sogar besser. Sie sind viel entspannter als die Siedlungs-Vampire.
Aber bei einer solch großen Veranstaltung kann er sich nicht einfach fernhalten, weshalb er für heute Nacht wohl in den sauren Apfel beißen muss.
Damion schlendert zurück in den großen Saal und lässt seinen Blick über die Menge schweifen.
Als er Carter und Dylan neben dem Buffet entdeckt, macht er sich auf den Weg in ihre Richtung.
Unterwegs nimmt er einem vorbeihuschenden Kellner ein Champagnerglas vom Tablett.
„Gut, dass ihr da seid“, begrüßt er die beiden und schüttelt ihnen die Hände. Normalerweise schlagen sie einfach ein und umarmen sich kurz, wenn sie sich sehen. Allerdings wäre das kein angebrachtes Verhalten in dieser Umgebung.
„Natürlich sind wir da. Es ist unser Jubiläum“, erwidert Dylan und nimmt ihm sein Glas aus der Hand, um einen Schluck davon zu trinken. „Auch wenn ich es besser finden würde, wenn hier richtiger Alkohol ausgeschenkt würde und nicht dieses Blubberzeug.“ Er reicht Damion das Glas zurück.
„Yeah, den Leuten würde es definitiv nicht schaden, mal ein bisschen lockerer zu werden“, stimmt Carter zu, ehe er sich ein Minisandwich in den Mund schiebt.
„Ich glaub nicht, dass die noch locker werden. Dazu sind sie zu alt. Und halten sich für zu reinrassig“, unkt Damion.
„Sagte der Walker-Sprössling, der selbst schon über 100 ist und aus einer rein vampirischen Blutlinie stammt“, neckt Dylan ihn und stößt ihm in die Seite.
Damion setzt zu einer Erwiderung an, doch in dem Moment sieht er etwas am anderen Ende des Saals.
Dylan folgt seinem Blick. „Oje“, sagt er und stößt Carter an.
Der schaut kauend auf. „Hm?“
„Wer ist das da bei Isaac?“, fragt Damion und nimmt einen weiteren Schluck, ohne den Blick von der wunderschönen Vampirin zu nehmen.
Sie steht an Isaac Camerons Seite und hält sich an einer Champagnerflöte fest.
Damion schaut sie sich genauer an und erfasst sofort ihre Körperhaltung, ihren Gesichtsausdruck und die Art, wie sie auf etwas reagiert, das Isaac sagt.
Sie scheint nicht zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung zu sein, aber sie fühlt sich offensichtlich auch nicht sonderlich wohl.
„Das da ist auf jeden Fall keine gute Idee“, antwortet Dylan. „Sie ist Isaacs Cousine. Tamara Witt. Gerade neu nach Kanada gekommen. Vorher hat sie drüben in den Staaten gelebt. Mit ihrem Dyn“, betont Dylan.
Ein Dyn. Sie hat also einen Partner.
„Und wo ist ihr Ehemann jetzt?“, fragt Damion. Er sieht sie noch immer an.
Die Vampirin trägt ein dunkelblaues Bustierkleid und ihre rötlich-braunen Haare fließen in eleganten Wellen über ihre rechte Schulter.
Ihre linke Halsseite liegt dadurch verlockend frei.
„Keine Ahnung. Aber sie lebt jetzt unter der Aufsicht von Isaac, also lass es gut sein. Rhys killt dich, wenn du da Ärger machst“, wird Dylan nun dringlicher und stößt auch Carter an. „Kannst du mal aufhören zu essen und diesem Idioten sagen, dass er sich die Neue aus dem Kopf schlagen soll?“
Carter wischt sich die Hände an einer Serviette ab und mustert die Fremde noch mal, ehe er den Kopf schüttelt und Dylan auf die Schulter klopft. „Keine Chance. Die ist voll sein Typ.“
Dylan seufzt ergeben. „Ihr macht mich echt fertig. Tamara hat bisher bei ihrem Onkel gelebt. Alexander Cameron. Ihr Dyn ist schon lange tot“, gibt er murrend zu und nimmt sich eine eigene Champagnerflöte, als einer der Kellner vorbeiläuft. „Jetzt gehört sie zu den Camerons, auch wenn sie weiterhin Witt heißt. Und wenn dein Bruder dich aufknüpft, werd ich dich nicht vom Baum runterschneiden.“
„Rhys wird mich schon nicht aufhängen. Ich bin schneller als er.“ Damion packt Carter am Arm und zieht ihn mit sich.
„Du musst echt aufhören, mich in deine Flirts mit reinzuziehen“, beschwert sich Carter, folgt ihm aber.
„Ich zieh dich gar nicht in den Flirt mit rein“, stellt Damion klar. „Du lenkst nur Isaac ab, damit sie einen Moment allein ist.“
„Also zwingst du mich zu einem Flirt mit Isaac. Das macht die Sache nicht besser“, erwidert Carter.
Kurz bevor sie die hübsche Vampirin erreichen, löst Damion sich von der Seite seines Freundes und läuft einen kleinen Bogen, um noch etwas Zeit zu schinden.
„Hey Isaac, ich wollte dich da noch was fragen“, begrüßt Carter den Vampir. Auch der rothaarigen Schönheit wirft er einen Blick zu und schenkt ihr sein herzlichstes Lächeln. „Verzeihen Sie meine Unhöflichkeit.“
Er reicht ihr seine Hand und deutet eine kleine Verbeugung an, als sie ihre hineinlegt. „Ich bin Carter Tremblay. Darf ich Ihnen Isaac für ein kurzes Gespräch entführen?“
„Tamara Witt. Aber gern doch“, antwortet sie höflich.
Isaac runzelt die Stirn und Damion, der sich in der Nähe herumdrückt, grinst vor sich hin. Er weiß, dass Isaac nicht dumm ist und ihre Show vermutlich sofort durchschaut hat.
Allerdings kann er Carters Bitte auch nicht einfach ohne Grund ablehnen.
Der Saal ist voller Vampire, für die Höflichkeit auf solchen Veranstaltungen das höchste Gebot ist. Neben der Abwesenheit von Menschen, Mischlingen und anderen Spezies wie Werwölfen und Ähnlichem.
„Sicher doch“, antwortet Isaac schließlich und schlendert mit Carter davon.
Als die beiden gehen, hört Damion noch, wie sein Kumpel anfängt, vom Essen zu schwärmen.
Er hält die Faust vor den Mund und räuspert sich, um seine Belustigung zu verbergen, dann gesellt er sich zu Tamara.
„Guten Abend“, begrüßt er sie freundlich. „Ich denke, wir wurden uns noch nicht vorgestellt. Ich bin Damion Walker, der Sicherheitschef der Siedlung. Sie müssen Tamara Witt sein.“ Er reicht ihr seine Hand.
Die schöne Vampirin zögert einen Moment, ehe sie ihre Hand in seine legt. „Freut mich sehr, Mr. Walker. Das Fest ist sehr ... festlich.“
Damion schmunzelt, neigt kurz seine Stirn in Richtung ihres Handrücken und lässt sie wieder los. „Das ist es. Rhys hat die besten Leute für das Komitee ausgesucht.“
Sie nickt, sagt aber nichts weiter, weshalb er erneut ansetzt. „Und Sie leben zurzeit bei Isaac? Planen Sie, länger hierzubleiben?“
Sie nippt an ihrem Glas, bevor sie antwortet. „Ich habe mein eigenes Haus bekommen. Aber es steht neben dem von Isaac.“
Tamara mustert ihn. „Sollten Sie so etwas als Chef der Sicherheit nicht wissen?“
„Ich war die letzten zwei Nächte nicht hier. Die Neuzugänge liegen für morgen auf meinem Tisch“, erwidert er.
„Dann können Sie sich eine Akte ja schon einmal sparen.“
„Vielleicht lese ich Ihre Akte aber auch mit umso mehr Interesse, jetzt da ich sie kenne.“
Ein schmales Lächeln zeigt sich auf ihren Lippen. „Sie kennen mich nicht. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich werde länger bleiben. Amerika hat seinen Reiz für mich verloren.“
Damion nickt. „Mir tut Ihr Verlust außerordentlich leid.“
Sie sieht ihn überrascht an. Dann legt sich ein bitteres Lächeln auf die Lippen. „Ich dachte, Sie hätten meine Akte noch nicht gelesen, Mr. Walker.“
„Habe ich nicht. Aber es ist hilfreich, einen außerordentlich gut informierten Freund an meiner Seite zu wissen“, gibt Damion zu.
Dylan ist nicht nur einer seiner besten Freunde, sondern auch der Berater und die rechte Hand seines Bruders. Er weiß immer, was in der Siedlung los ist, wer neu ist, wer Streit hat und wer mit wem anbandelt.
„Dann wissen Sie sicher auch, dass mein Mann schon seit über einhundert Jahren tot ist“, sagt sie knapp und leert ihre Champagnerflöte in einem Zug.
„Nein, das war mir nicht bekannt.“ Er nimmt erneut ein Glas von einem vorbeikommenden Kellner und reicht es an sie weiter.
Dylan sagte zwar etwas von lange, aber nicht wie lange.
„Nun wissen Sie es. Dementsprechend bin ich nicht mehr in Trauer. Was gedenken Sie, jetzt zu tun?“, fragt sie und sieht ihm kampfeslustig in die Augen.
Etwas überrumpelt bleibt Damion für einen Moment die Sprache weg.
„Nicht nur Sie haben gut informierte Freunde. Wie es scheint, ist mein Cousin ebenfalls gut informiert. Zumindest, was unsere Gastgeber heute Abend betrifft“, fährt sie betont höflich fort. „Er hat mich bereits über Ihr Hobby aufgeklärt. Und ich denke nicht, dass ich Teil dessen werden möchte.“
„Alles in Ordnung, Tamara?“ Issac tritt zu ihnen und bedenkt Damion mit einem misstrauischen Blick.
Tamara nickt. „Es ist alles bestens, Cousin. Mr. Walker war so freundlich, mir seine Aufwartung zu machen.“
„Eine wirklich reizende Cousine hast du da, Isaac“, teilt Damion dem Vampir mit.
Sein Blick liegt dabei fasziniert auf Tamara.
Dass sie so reagiert, hat er nicht erwartet.
Normalerweise fühlen sich Frauen von seinen Avancen geschmeichelt und sind von seiner Stellung hier in der Siedlung beeindruckt.
Rhys und er haben in der Regel keinerlei Probleme, eine Begleitung zu finden. Auch wenn sein Bruder es vorzieht, sich in seiner Arbeit zu vergraben.
„Tamara ist in der Tat reizend“, stimmt Isaac ihm zu. Er sieht zu Tamara hinüber und Damion bemerkt den stillen Austausch von Blicken zwischen den beiden.
„Allerdings sollten wir uns bald zurückziehen“, fährt Isaac fort. „Sie hat eine lange Reise hinter sich.“
„Natürlich“, erwidert Damion höflich und neigt zustimmend den Kopf.
„Ich finde, das ist eine gute Idee“, sagt Tamara an Isaac gewandt, ehe sie noch einmal zu Damion blickt. „Hat mich gefreut, Mr. Walker.“
„Die Freude war ganz meinerseits, Mrs. Witt“, erwidert Damion. Als er den beiden nachsieht, breitet sich ein zufriedenes Lächeln auf seinen Lippen aus.
Tamara Witt.
Das verspricht, interessant zu werden.
***
„Ich habe geahnt, dass er gleich die erste Gelegenheit ergreift“, sagt Isaac missmutig, als sie den Festsaal verlassen und auf die Straße treten.
„Ist schon in Ordnung. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem Schürzenjäger umgehen muss.“ Tamara zupft an ihrem engen Kleid herum. Zum Glück kann sie es gleich ausziehen und gegen bequemere Kleidung eintauschen.
„Früher haben mir Kleider besser gefallen“, merkt sie an.
In ihren Alltagskleidern konnte sie sich damals wenigstens bewegen, ohne in Sorge zu sein, dass die feinen Nähte in dem hautengen Stoff reißen.
Heute zieht sie lieber Hosen an.
Isaac scheint in Gedanken versunken zu sein, da er im ersten Moment nicht reagiert. Dann blinzelt er und mustert sie. „Hm?“
„Nichts“, erwidert Tamara und hakt sich bei ihm unter. „Mach dir nicht so einen Kopf um diesen Walker. Er ist ein verspielter Junge, mehr nicht.“
Isaac brummt unbegeistert. „Ein Junge, der sehr charmant sein kann, wenn er etwas haben will. Ich hab keine Ahnung, wie er das immer macht, aber die Frauen liegen ihm reihenweise zu Füßen. Obwohl sie alle wissen, wie es für sie enden wird.“
Tamara bleibt stehen und zwingt damit auch ihren Cousin, innezuhalten. „Bist du etwa neidisch auf seinen Charme?“, fragt sie und gluckst.
Isaac schnaubt verächtlich. „Als ob.“
„Ich meine ja nur. An deinem Arm habe ich noch keine Horden von Frauen hängen sehen, die für dich zerschmelzen, obwohl sie wissen, dass du ihnen das Herz brechen wirst“, neckt sie ihn.
„Das liegt zum einen daran, dass ich Frauen auch nicht am laufenden Band das Herz breche und zum anderen ...“ Er hebt seinen Arm an, den Tamara immer noch umschlungen hält. „... habe ich die Frau am Arm hängen, die er nicht haben konnte.“ Ein triumphierendes Grinsen legt sich auf seine Lippen.
Tamara lacht. „Weil diese Frau deine Cousine ist“, erinnert sie ihn und zwickt ihm verspielt in den Oberarm.
„Du bist wirklich keine Wohltat für das Ego eines Mannes“, erwidert er.
„Das ist ja auch nicht mein Job.“
„Genaugenommen ...“, setzt Isaac mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck an, spricht aber nicht weiter, als Tamara ihm den spitzen Hacken ihres High Heels warnend auf den Fuß drückt.
„Genaugenommen wolltest du mich kavalierhaft nach Hause bringen“, beendet sie den Satz für ihn und schenkt ihm ein zuckersüßes Lächeln.
„Du bist so überzeugend wie immer, liebste Cousine“, erwidert Isaac und setzt den Weg mit ihr fort.
Nach der aktuellen Gesetzeslage hat er sogar recht, denn der Auffassung der Vampire nach ist es sehr wohl ihre Aufgabe, das Ego eines Mannes zu pushen.
Allerdings sind ihr diese blöden Regeln egal und sie ist unglaublich froh, dass ihr Onkel und ihr Cousin genug Grips im Kopf haben, um sich ebenfalls dagegen auszusprechen. Zumindest in dem Maße, in dem sie es können.
Sonst wäre sie schon vor langer Zeit an irgendeinen reichen Vampir zwangsverheiratet worden, um nach Lance‘ Tod wieder unter der Haube zu sein.
Als sie ihre Häuser erreichen, löst sie sich von ihm. „Danke fürs nach Hause bringen.“
„Kein Problem, Nachbarin.“ Isaac holt ihren Türschlüssel aus der Hosentasche und reicht ihn ihr.
„Und danke, dass du meine Handtasche gespielt hast“, sagt sie und schmunzelt.
Sie hatte keine Lust, die ganze Nacht so ein Ding herumzutragen, nur um ihren Schlüssel aufzubewahren.
Und da Kleider in der Regel keine Taschen haben, musste eben ihr Cousin dafür herhalten.
Er lacht leise. „Ich war nicht nur deine Handtasche. Ich hab dir auch einen Drink geholt“, witzelt er herum.
Dann wird sein Gesicht etwas ernster. „Sei bitte vorsichtig mit Damion. Ich will nicht, dass er dich verletzt.“
Tamara lächelt und drückt seine Hand. „Das Schlimmste, was passieren kann, hat Lance schon getan“, antwortet sie.
Isaac zuckt unter ihren Worten ein wenig zusammen, erwidert aber den Druck ihrer Hand. „Er ist gestorben, Tammy“, sagt er leise. „Das hat er sich nicht ausgesucht.“
Ihre Augen werden feucht. „Ich weiß. Träum schön, kleiner Mann.“
Isaac lacht. „Ich bin seit 1840 schon nicht mehr kleiner als du.“
„1840 war ich schon ein Jahr lang verheiratet“, sagt sie und streckt ihm die Zunge raus.
„Und ich erst 12 Jahre alt“, erwidert Isaac und zieht die Nase kraus.
Tamara schmunzelt. Tatsächlich ist Isaac damals so schnell in die Höhe geschossen, dass er fast so groß war wie sie.
Ein paar Zentimeter fehlten trotzdem noch, aber darauf weist sie ihn nicht hin. Stattdessen legt sie die Arme um ihn und schmiegt sich gegen seine Brust. „Ich hab dich lieb, Cousin“, sagt sie leise.
Isaac streicht ihr über den Rücken und küsst ihren Kopf. „Ich dich auch, Cousinchen.“
Nach einem Moment löst sie sich von ihm und läuft zu ihrer Haustür. Sie schließt auf und dreht sich noch einmal um.
Isaac steht noch immer an der Straße und winkt. „Schlaf gut.“
„Bis morgen.“ Sobald die Haustür hinter ihr geschlossen ist, steigt sie erleichtert aus den hohen Schuhen und öffnet den Reißverschluss ihres Kleides.
Auf dem Weg in ihr Schlafzimmer streift sie das Kleid ganz ab und entledigt sich auch ihrer Unterwäsche.
Sie seufzt entspannt. Schon besser.
Nackt tritt sie an die Kommode neben ihrem Kleiderschrank und nimmt den goldenen Bilderrahmen mit der Kohlezeichnung in die Hand.
Lance lächelt ihr verliebt entgegen.
Tamara streicht mit den Fingerspitzen auf Höhe seines Gesichts zärtlich über das Glas. „Heute fehlst du mir besonders“, flüstert sie.
Einige Tränen rollen ihr über die Wange.
Sie wischt sie mit einer Hand weg und stellt den Rahmen wieder zurück. „Schlaf gut, mein Liebster.“
Auf dem Weg zum Bett läuft sie an einigen Umzugskartons vorbei. Sie ist erst seit gestern Nacht hier und hatte noch nicht ausreichend Zeit, um schon alles auszupacken.
Erleichtert sinkt Tamara auf die Matratze und kuschelt sich unter ihre Bettdecke.
Allein in der Dunkelheit, lässt sie den Abend im Kopf noch einmal Revue passieren.
An sich war es eine schöne Feier, auch wenn sie für diese gehobenen Bälle nicht sonderlich viel übrighat.
Hauptsächlich handelt es sich dabei um oberflächliche Gespräche, kaum jemand tanzt und es gibt fast nie Tequila.
Schließlich wandern ihre Gedanken zu dem Vampir zurück, der sie angesprochen hat.
Damion Walker.
Das wird auf gar keinen Fall passieren.
Konzentriert blickt Rhys auf die Unterlagen vor sich.
Es ist das Protokoll der letzten Online-Konferenz zu dem neuen Gesetzesentwurf.
Die Forderungen bewegen sich in einem sehr umkämpften Themengebiet und im Moment sieht es nicht gut aus.
Als es an seiner Tür klopft, liest er den Satz zu Ende und hebt dann den Kopf. „Ja?“
Die Tür öffnet sich und Dylan, sein Assistent, steckt den Kopf herein. „Tamara Witt ist hier.“
Rhys schließt die Akte und nickt. „Sie kann reinkommen. Bietest du ihr bitte etwas zu trinken an?“
„Schon passiert“, erwidert Dylan und schiebt die Tür weiter auf.
Rhys erhebt sich, als Tamara eintritt. „Danke, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind.“
„Sehr gern“, erwidert sie. Ihr Händedruck ist kurz, aber kräftig.
Rhys bietet ihr einen Stuhl an und setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch. „Ich möchte Sie noch einmal offiziell in der Siedlung willkommen heißen. Haben Sie sich gut eingelebt?“
Tamara verschiebt ihre Füße ein kleines Stück nach rechts und senkt ihre Knie geschlossen nach links. Ihre Hände faltet sie sittsam in ihrem Schoß. „Ja, das Haus ist sehr schön, danke. Die Feier am Samstag hat mir auch sehr gut gefallen.“
„Das freut mich. Ich ...“ Rhys hält inne, als sich die Tür wieder öffnet und Dylan hereinkommt, um Tamara das bestellte Getränk zu bringen.
„Danke“, sagt Tamara.
Erst als Dylan den Raum wieder verlassen hat, spricht Rhys weiter. „Ich muss gestehen, dass ich Sie nicht nur für die offizielle Begrüßung hergebeten habe.“
Tamara nippt an ihrem Tee und mustert Rhys dann aufmerksam. „Das dachte ich mir schon. Sie wirken auf mich nicht wie jemand, der sich viel mit Small Talk aufhält.“
Rhys schmunzelt. „In den richtigen Situationen schon.“
„Ich vermute, diese Situationen finden außerhalb des Büros statt.“
„Das ist richtig.“ Er tippt auf die geschlossene Akte, die vor ihm liegt. „Haben Sie schon vom Gesetzesentwurf FVEL43 gehört?“
Tamara schüttelt den Kopf. „Nein. Als Frau komme ich nicht sonderlich oft mit wichtigen Themen in Kontakt“, fügt sie hinzu.
Rhys nickt. „Genau darum geht es. Wir wollen einige Gesetze neu anpassen und modernisieren. Besonders, was weibliche Vampire angeht. Wir möchten zum Beispiel erreichen, dass Vampirinnen sich ihren Ehemann in jeder Lage selbst aussuchen können, dass sie sich in der Ehe verweigern können und dass sie arbeiten dürfen, ohne die Zustimmung eines anderen. Außerdem versuchen wir, den Handel und Besitz von Puppets zu verbieten.“
„Oh.“ Tamara stellt ihre Tasse auf dem Tisch ab. „Das ist ... eine Menge.“
Rhys betrachtet sie aufmerksam.
Ihr Gesicht ist nachdenklich und er lässt ihr einen Moment Zeit, das Gehörte zu verarbeiten.
Früher waren die Gesetze sehr viel entspannter für Frauen, aber in den letzten 80 Jahren haben sie sich immer mehr zugespitzt. Oder eher zurückentwickelt.
Je weiter die Frauenrechte bei den Menschen der westlichen Welt voranschritten, desto rückständiger wurden die Vampire.
Manchmal kommt es ihm so vor, als hätte der Hof, das oberste Gericht der Vampire, Angst, er könnte seine Macht an die Vampirinnen verlieren.
Rhys klappt eine zweite Mappe auf, die neben der mit dem Gesetzesentwurf liegt. „Hier steht, dass Sie elf Sprachen sprechen. Außerdem beherrschen Sie Stenografie.“
„Sie sind gut über mich informiert“, stellt sie fest.
Er sieht von dem Dokument auf. „Ich hatte ein Gespräch mit Ihrem Onkel. Er war sehr auskunftsfreudig.“
Die schöne Vampirin runzelt die Stirn. „Manchmal etwas zu sehr.“
„Sie mögen es nicht, dass ich das über Sie weiß?“, vermutet er.
„Ich mag es nicht, wenn jemand ohne mein Wissen Erkundigungen über mich einholt. Besonders, wenn ich den Zweck nicht kenne.“
Rhys nickt und klappt die Mappe wieder zu. „Das kann ich verstehen. Jeder, der neu in diese Siedlung kommt, durchläuft eine Untersuchung. In der Regel macht das Damion, er ist der Chef der Sicherheit hier.“
Tamara hüstelt.
Rhys zieht eine Augenbraue hoch. „Sie hatten schon das Vergnügen, ihn kennenzulernen?“
„Wir haben auf der Feier kurz gesprochen, ja.“
Er nickt verstehend. „Lassen Sie sich von dem ersten Eindruck nicht täuschen. Wenn es um das Thema Sicherheit geht, ist Damion der Beste. Nur deshalb hat er diese Stellung hier.“
„Ich nehme an, dass Sie meine Prüfung durchführten anstatt er, liegt an seiner Reise?“
„Richtig.“ Tamaras Umzug hierher ist eher kurzfristig angemeldet worden, weshalb er sich der Sache selbst angenommen hat.
Alexander ist ein guter Bekannter der Walkers und seine Bitte schien dringend. „Ich war überrascht, als ich dabei Ihre vielfältigen Talente entdeckte.“
„Es war also ein Glücksfall, dass Ihr Bruder nicht hier war.“
Rhys wiegt den Kopf hin und her. „Nicht ganz. Hätte er Ihre Akte angelegt, hätte er Sie mir gemeldet. Er ist in die Vorgänge hier in der Siedlung eingeweiht und weiß, was ich brauche.“
Tamara zieht fragend die Augenbrauen zusammen. „Was Sie brauchen?“
Er tippt wieder auf die Mappe mit dem Gesetzesentwurf. „Ich brauche Ihre Sprachkenntnisse. Und die Stenografie ist perfekt, um einen offiziellen Vorwand zu haben, wieso ich Sie mit zu den nächsten Verhandlungen nehme. Sofern Sie damit einverstanden sind selbstverständlich.“
„Wozu brauchen Sie meine Kenntnisse? Werden die Verhandlungen nicht auf Englisch geführt?“
„Doch. Und es sind auch ausreichend Übersetzer vorhanden. Aber was ich wissen will, wird nicht übersetzt. Dafür brauche ich Sie.“
Tamara lächelt. „Sie wollen wissen, was die Leute wirklich denken. Worüber sie in den Verhandlungspausen sprechen.“
Auch Rhys lächelt. „Ganz genau. Um ein Gesetz zu ändern, muss der Hof zustimmen.“
„Was er natürlich nicht tut“, vermutet Tamara.
Rhys nickt. Der Hof besteht aus fünf alten, männlichen Vampiren. Sie sind der Hauptgrund dafür, dass sich die Gesetze in den letzten Jahrzehnten so verschärft haben.
Folglich werden sie einen Teufel tun, um einen Teil ihrer Macht wieder abzugeben.
„Um die Entscheidung des Hofes zu umgehen, müssten fast alle Siedlungen des Landes für den Entwurf stimmen“, erklärt Rhys. „Hier in Kanada gibt es elf Siedlungen, acht davon stimmen zu, inklusive unserer. Von den letzten drei müssen wir mindestens eine noch auf unsere Seite kriegen.“
Tamara bläht die Wangen auf. „Gibt es eine Deadline?“
„Sechs Monate. Dann ist der Zeitrahmen abgelaufen und der Entwurf wird automatisch verworfen. Wir müssten dann ganz von vorn anfangen.“
„Das erklärt aber noch nicht, wieso Sie meine Sprachkenntnisse brauchen“, erwidert Tamara. „Gibt es hier in Kanada Siedlungen, die andere Sprachen sprechen?“
„Nein. Aber wir versuchen, diesen Entwurf auch international durchzukriegen. Oder zumindest Abwandlungen davon.“
Sie wirkt überrascht. „Sie wollen es weltweit durchsetzen?“
„Ja. Wir haben starke Partner gefunden und unser Verbund glaubt, dass es Sinn macht, die Gesetze überall zu modernisieren. Würden wir nur länderweise vorgehen, hätten die Höfe und Räte in anderen Ländern Zeit, ihre Gesetze anzupassen, um Änderungen zu verhindern.“
„Sie haben Sorge, dass sich im Ausland Diktaturen bilden könnten.“
Rhys nickt. „Die dann eventuell zu ähnlichen Zuständen hier führen könnten. Vergessen Sie nicht, dass der Hof nicht nur die Legislative bildet, sondern auch die vollständige Kontrolle über die exekutive Kraft hat.“
„Vielleicht wäre es an der Zeit für unabhängige Kontrolleinheiten, um so etwas zu verhindern“, erwidert Tamara und seufzt.
Sie nimmt wieder ihren Tee zur Hand und trinkt einige Schlucke. Dann stellt sie die Tasse auf ihrem Schoß ab. „Ich stehe Ihnen sehr gern zur Seite. Zwar habe ich keine große Hoffnung darauf, dass der Entwurf durchkommt, aber ich möchte meinen Teil dazu beitragen, es wenigstens zu versuchen.“
Ein zufriedenes Lächeln breitet sich auf Rhys‘ Gesicht aus. „Ich habe auf diese Antwort gehofft. Alexander erzählte mir, dass ich Sie vermutlich dafür gewinnen könnte.“
„Mein Onkel kennt mich zu gut.“
Rhys öffnet die Mappe mit dem Gesetzesentwurf und nimmt einige Blätter heraus, die er ihr reicht. „Ich habe eine Kopie für Sie, damit Sie sich mit den Einzelheiten des Entwurfs befassen können. Bitte achten Sie darauf, dass niemand außer Ihnen dieses Dokument zu Gesicht bekommt. Auch Isaac nicht. Er ist nicht Teil der Verhandlungen und es dürfen keine Einzelheiten nach außen dringen.“
„Selbstverständlich.“ Tamara stellt ihren Tee wieder ab und nimmt stattdessen die zusammengetackerten Papiere entgegen. „Ich werde es aufmerksam studieren.“
„Dann brauche ich nur noch die Erlaubnis von Isaac, damit ich Sie mit aus der Siedlung nehmen kann. Ich mache gleich nachher einen Termin mit ihm aus.“
Tamara faltet die Blätter in der Mitte zusammen und erhebt sich. „Das ist nicht nötig. Ich regele das mit ihm.“
Rhys schmunzelt und erhebt sich ebenfalls. „Ich sehe schon, dass Sie genau die Richtige für den Job sind.“ Er umrundet seinen Schreibtisch, um Tamara zur Tür zu bringen und öffnet diese.
Dylan blickt sofort von seinem Computer auf. „Folgetermin?“, fragt er Rhys, der aber den Kopf schüttelt. „Das wird nicht nötig sein, solange Mrs. Witt keine weiteren Fragen hat. Aber gib ihr bitte einen Ausdruck der Reisedaten, damit sie vorbereitet ist.“
Dylan nickt und fängt an, auf seiner Tastatur herumzuhacken, während Tamara zu seinem Schreibtisch schlendert.
„Hat mich sehr gefreut, Mrs. Witt“, verabschiedet Rhys sich und wartet noch, bis sie sich ebenfalls verabschiedet hat, ehe er die Tür schließt.
Na bitte. Besser hätte das Gespräch doch nicht laufen können.
Sie ist intelligent, hat alle Fähigkeiten, die er braucht, und ist darüber hinaus noch eine Frau.
Was bedeutet, dass alle anderen sie unterschätzen werden.
***
Gut gelaunt verlässt Tamara das Gebäude, in dem Rhys Walkers Büro liegt.
In der Hand hält sie die gefalteten Papiere, die sie sich zu Hause gleich durchlesen wird.
Im Gegensatz zu seinem Bruder, ist Rhys ihr sehr sympathisch.
Auch wenn ihr Onkel ein cooler Kerl ist, begegnet sie ansonsten nicht sehr oft männlichen Vampiren, die sich für das interessieren, was sie kann.
In der Regel liegt der Fokus eher darauf, ob sie sich als Ehefrau eignet. In den meisten Fällen empfindet ihr jeweiliger Gesprächspartner das nicht, weil es ihr nicht ausreicht, nur herumzusitzen und hübsch zu sein.
Genau dieser Typ Frau scheint zurzeit aber schwer angesagt zu sein.
Nicht, dass sie unbedingt eine neue Ehe möchte. Sie ist seit über einhundert Jahren allein und kommt sehr gut damit klar. Abgesehen von dem einen oder anderen Techtelmechtel hier und da.
Als sie vor ihrem Haus steht, sieht sie, dass nebenan das Licht brennt. Sie entschließt sich, ihrem Cousin noch einen Besuch abzustatten.
Isaac schaut sie überrascht an, als er die Tür öffnet. „Ist alles in Ordnung?“
Tamara schmunzelt. „Natürlich. Darf ich meinen Cousin nicht sehen, wenn ich Lust dazu habe?“ Sie linst an ihm vorbei ins Haus. „Oder hast du etwa geheimen Besuch?“, neckt sie ihn.
„Wenn ich geheimen Besuch hätte, hätte ich sie schon durch den Tunnel gescheucht, als du geklingelt hast“, erwidert Isaac und öffnet die Tür weiter, damit sie eintreten kann.
Tamara lacht. „Das klingt erschreckend spezifisch. Wie viele arme Frauen hast du denn schon da durch geschickt?“
Die Häuser und das Verwaltungsgebäude sind alle durch ein unterirdisches Tunnelsystem miteinander verbunden. Auf diese Weise können die Vampire einander auch tagsüber besuchen oder sich in Gefahrensituationen davon machen.
„Bisher keine. Ich habe vermutlich einfach zu viel Zeit, um über solche Szenarien nachzudenken. Möchtest du etwas trinken?“
„Hast du Apfelwein da?“
„Seit ich wusste, dass du hierher ziehst, immer. Ich hab auch Tequila.“
„Der Wein passt heute besser.“ Sie schmunzelt und schlendert schon mal vor in sein Wohnzimmer.
Isaac erscheint ein paar Minuten später mit einem Tablett, auf dem eine Flasche und zwei Gläser stehen. „Du strahlst so. Gibt es denn was zu feiern?“
„Sozusagen. Ich war gerade bei Rhys Walker.“
Isaac schenkt den Apfelwein ein und reicht ihr eines der Gläser. „Hat er dich noch mal begrüßt?“
„Auch.“ Tamara nimmt ihr Glas entgegen. „Danke. Er hat mir einen Job gegeben.“
Sie stößt mit ihm an und trinkt einen Schluck.
„Was für ein Job ist das?“
„Ich werde ihn zu den Verhandlungen begleiten. Als seine Stenografin.“
Den Teil mit der Spionage lässt sie unter den Tisch fallen.
„Die Verhandlungen zu dem neuen Gesetzesentwurf?“, fragt er.
„Ja.“
Isaac verzieht das Gesicht. „Das ist keine gute Idee.“
„Wieso nicht?“ Tamara lässt sich auf seine Couch sinken und stellt ihr Glas auf dem Tisch ab.
„Bei solchen Verhandlungen kann es ziemlich hitzig zugehen. Vor allem bei einem so emotionalen Thema. Ich will nicht, dass du zwischen die Fronten gerätst.“
„Ich weiß durchaus, wie man sich wehrt, wenn dort irgendwas ausarten sollte. Als Kind habe ich dich bei jeder Prügelei besiegt“, erinnert sie ihn.
„Aber ein ausgewachsener Vampir ist kein Kind, das fünf Jahre jünger ist. Sie sind stärker als du. Und stabiler.“
„Wenn du glaubst, dass ich jetzt wehrlos bin, können wir das ja gern noch mal austesten.“ Ihre Augen funkeln herausfordernd. In ihrem Leben ist sie schon durch so viele harte Zeiten gegangen, da lässt sie sich von irgendwelchen Sesselpupsern jetzt bestimmt nicht einschüchtern, nur weil sie größer sind und schlecht gelaunt sein könnten.
„Ich sage nicht, dass du wehrlos bist, ich sage nur, dass du etwas abkriegen könntest, wenn du zwischen zwei sehr wütende Vampirparteien gerätst“, erwidert Isaac und seufzt.
Er setzt sich zu ihr auf die Couch und betrachtet sie nachdenklich. „Du bist echt ...“
„Echt was?“, fragt sie herausfordernd.
„Echt schlimm. Dad bringt mich um, wenn dir etwas zustößt.“
„Das ist ein Risiko, das ich eingehe“, erwidert sie trocken und greift wieder nach ihrem Wein.
Auch Isaac trinkt einen großen Schluck. „Okay. Aber ich will, dass Rhys jemanden zu deinem Schutz abstellt.“
„Ich brauche keinen Babysitter.“
„Ich weiß. Aber ich brauche die Sicherheit, dass du gut geschützt bist. Sonst rufe ich dich alle zwei Minuten an, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist.“
Tamara rollt mit den Augen. „Du bist genauso schlimm wie ich.“
Isaac grinst. „Wir stammen ja auch aus einer Familie.“
Sie verzieht den Mund. „In Ordnung. Aber du bittest ihn darum.“
„Mache ich“, verspricht er ihr und stößt sein Glas noch mal gegen ihres. „Na dann ... auf deinen neuen Job. Und darauf, dass du ihn überlebst.“
Tamara lacht. „Auf dich, Dramaqueen.“
„Hast du alles?“, fragt Isaac. Er steht in der Tür zu ihrem Schlafzimmer.
Tamara geht im Kopf noch einmal ihre Packliste durch und vergleicht sie mit dem, was sie eingepackt hat. „Ja.“ Sie klappt den Koffer zu, schließt ihn und reicht ihn Isaac.
Die Umzugskartons sind inzwischen zum Glück alle leer geräumt und im Keller gestapelt. So musste sie sich beim Packen nicht auch noch durch einen Haufen Boxen wühlen.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dich gehen lasse“, sagt Isaac.
„Und ich kann nicht glauben, dass ich dir noch nicht dafür in den Hintern getreten habe, weil du glaubst, du müsstest mich gehen lassen“, erwidert Tamara und verlässt hinter ihm das Haus.
„Die Gesetze sind nicht nur für dich beschissener geworden“, merkt Isaac an. „Wenn dir etwas passiert, ist es mein Hintern, der auf dem Grill sitzt.“
„Ich weiß“, erwidert sie und seufzt. Dann hakt sie sich bei ihm unter und küsst ihn auf die Wange. „Ich werde auf mich aufpassen. Außerdem gibt mir Rhys auf deinen Wunsch hin doch einen Sicherheitsmann mit. Es wird nichts passieren.“
„Hoffen wir es“, erwidert Isaac. Er wirkt nicht sonderlich überzeugt.
Gemeinsam schlendern sie die Straße hinab und als sie das Verwaltungsgebäude erreichen, stellt er ihren Koffer ab.
Tamara blickt zum Eingang, aber noch ist von Rhys nichts zu sehen. Heute fahren sie zu einer der anderen kanadischen Siedlungen und werden eine ganze Weile unterwegs sein.
Es ist eine der kleineren Besprechungen zwischen vier der Siedlungen, die für den Gesetzesentwurf sind und im Umkreis von etwa einer bis zwei Tagesreisen mit dem Auto liegen.
Rhys sagte, dass es hauptsächlich um die kommende Strategie geht, denn mindestens eine der übrigen Siedlungen müssen sie noch überzeugen, bevor sie den Entwurf vor dem Hof durchbringen können.
„Kann ich dich allein lassen?“, fragt Isaac. „Ich habe gleich einen Termin.“
Tamara schüttelt den Kopf und sieht ihn mit großen Augen an. „Was ist, wenn mich einer wegfängt? Ich meine ... ich stehe hier auf offener Straße und es ist schon Nacht.“
Im ersten Moment schaut Isaac sie perplex an, doch als sie losprustet, rollt er mit den Augen. „Nicht witzig. Ich mache mir eben Sorgen um dich.“
„Du hast zu lange in so einer Siedlung gelebt.“ Sie schlingt die Arme um ihn und drückt ihn kurz an sich. „Hier zu warten bekomme ich schon hin. Geh zu deinem Date.“
„Woher weißt du, dass es ein Date ist?“
„Weil du unglaublich gut riechst.“
Isaac grinst schief und kratzt sich hinter dem Ohr. „Danke. Wünsch mir Glück.“
„Viel Glück.“
Sie winkt noch einmal, als er sich nach ein paar Metern wieder umdreht, ehe sie eine scheuchende Handbewegung macht. „Los jetzt!“
Sobald Isaac verschwunden ist, schließt sie für einen Moment die Augen und atmet die kühle Nachtluft ein. Sie liebt es, wenn draußen nicht so viel los ist und die Nacht nur ihr allein gehört.
In einer Vampir-Siedlung passiert das natürlich nicht oft, da alle nachts wach sind. Aber auch in den Städten bei den Menschen ist heutzutage in der Nacht viel mehr los als früher.
In ihrer Ehe hat sie gern mit Lance am Hafen gesessen, die vor Anker liegenden Schiffe betrachtet und mit ihm Zukunftspläne geschmiedet. Die meisten davon konnten sie nie umsetzen.
„Da sind Sie ja schon. Warten Sie schon lange?“, erklingt Rhys‘ Stimme hinter ihr.
Tamara dreht sich zu ihm um. Neben ihm steht der Vampir, der ihr in Rhys‘ Büro das Getränk gebracht hat. Die beiden haben eine Reisetasche und einen kleinen Koffer bei sich.
„Nein, ich bin erst vor ein paar Minuten angekommen.“ Sie mustert den zweiten Vampir und reicht ihm die Hand. „Hallo. Mr. White, richtig?“
„Dylan White, genau. Hallo noch mal“, erwidert er freundlich.
„Er hilft mir bei der Leitung der Siedlung“, sagt Rhys. „Unter anderem ist er die Schnittstelle zwischen mir und den Leitern der Abteilungen für Sicherheit, Erscheinungsbild, Versorgung, Medizin und so weiter.“
„Es gibt eine Abteilung für ein Erscheinungsbild?“, fragt Tamara.
„Für das Erscheinungsbild der Siedlung, ja“, antwortet Rhys. „Die Mitarbeiter kümmern sich um die Müllabfuhr, die Straßenreinigung und achten darauf, dass niemand sein Haus neongelb anstreicht.“
„Ah.“ Das macht Sinn. Sie wendet sich wieder an Dylan. „Kommen Sie denn auch mit?“, fragt sie und neigt leicht den Kopf. „Wer passt denn dann auf die Siedlung auf?“
Dylan schmunzelt. „Ja, ich werde mit dabei sein. Aber die Siedlung ist gut organisiert und geschützt“, antwortet er. Dann schnappt er sich die Reisetasche und den Koffer und verstaut beides auf dem Rücksitz eines schwarzen SUV, der ein paar Meter von ihnen entfernt steht.
„Wenn hier nichts laufen würde, nur weil wir mal ein paar Tage nicht da sind, hätten wir was falsch gemacht“, ergänzt Rhys Dylans Worte.
„Stimmt auch wieder“, erwidert Tamara.
„Wir müssen langsam losfahren“, meldet Dylan sich zu Wort. „Unser Zeitfenster ist schon ziemlich knapp bemessen.“ Er öffnet die Fahrertür und klettert hinter das Steuer.
Rhys nickt. „Ich habe Ihnen einen Bodyguard besorgt. Sie fahren mit ihm und ich mit Dylan.“
„In Ordnung. Soll ich einfach hier auf ihn warten?“, fragt Tamara.
„Ja. Ich habe ihm gesagt, dass er Sie hier beim Verwaltungsgebäude findet.“
Als Dylan den Motor startet, seufzt Rhys. „Der Kerl kann echt penetrant sein. Aber er hat recht. Wir fahren gegen die Sonne an.“ Er umrundet den Wagen. „Sie werden auch gleich geholt“, verspricht er.
Tamara nickt. „In Ordnung. Dann sehen wir uns am Ziel.“
„Nicht ganz. Auf halber Strecke ist eine Pause eingeplant“, teilt Rhys ihr über das Autodach mit. „Bis nachher!“
Er setzt sich in den Wagen und kaum hat er die Tür geschlossen, tritt Dylan aufs Gaspedal und der Wagen schießt los.
Es dauert nur wenige Minuten, bis ein zweiter großer SUV neben ihr hält.
Tamara blickt neugierig ins Innere des Wagens. Als sie sieht, wer ihr vom Fahrersitz aus ein strahlendes Lächeln zeigt, legt sie wenig begeistert die Stirn in Falten.
Damion Walker.
Großartig.
Er öffnet die Tür und steigt aus dem Wagen. „Hi. Ich hab gehört, Sie möchten mit mir verreisen?“
„Genaugenommen verreise ich mit Ihrem Bruder“, gibt sie spitz zurück. „Er wollte jemanden für meine Sicherheit abstellen. Wissen Sie zufällig, wann er hier eintrifft?“
„Autsch“, erwidert Damion, schaut dabei aber so gut gelaunt drein, dass ihn ihre Worte nicht wirklich verletzt haben können.
Er greift sich ihren Koffer, öffnet die hintere Tür des Wagens und schiebt ihn zwischen Rückbank und Vordersitz. „Rhys hat Ihnen vermutlich versprochen, den Besten zu finden“, setzt er die Unterhaltung fort, als er sich wieder herumdreht.
„Nein, er hat nur gesagt, dass er jemanden für meine Sicherheit besorgt“, erwidert sie. Aber wenn sie genauer darüber nachdenkt, macht es Sinn, dass Rhys denjenigen organisiert, den er für den besten hält. Auch wenn sie diese zweifelhaften Qualitäten bei seinem Bruder noch nicht entdecken konnte.
Damion öffnet die Tür auf der Beifahrerseite und macht eine einladende Handbewegung. „Der Mann für die Sicherheit bin ich“, teilt er ihr überflüssigerweise mit.
Tamara rührt sich nicht und betrachtet ihn nachdenklich. Sie werden die ganze Nacht fahren, was bedeutet, dass sie die ganze Nacht mit ihm allein im Wagen verbringen muss. „Gibt es niemand anderen, der mich fahren kann?“
„Rhys hat mich für Ihre Sicherheit angefordert. Ob ich auf Sie achte, wenn wir zu der Versammlung fahren, oder ich in Ihrem Wohnzimmer neben Ihnen sitze, bis er zurück ist, spielt für mich keine Rolle. Ihre Entscheidung.“ Sein Gesichtsausdruck ist noch immer freundlich, auch wenn seine Worte ziemlich klar sind.
Entweder sie hört auf, ihn anzuzicken, oder er wird sie in den Hausarrest schicken. Mit ihm als Couchgast.
„Sie können sehr überzeugend sein, wenn Sie wollen“, teilt sie ihm mit und steigt in den Wagen.
„Das ist nur eine von vielen Qualitäten“, erwidert er und wirft die Tür zu.
Tamara betrachtet ihn dabei, wie er vorn um den Wagen herumjoggt und auf der Fahrerseite einsteigt.
„Anschnallen.“ Auch er selbst legt seinen Gurt an, wirft einen Blick zu ihr hinüber und startet den Motor, sobald sie ihren Gurt befestigt hat.
„Na dann ... auf ins Abenteuer“, sagt er, stellt die Musik an und tritt aufs Gas.
Am Tor zur Siedlung wirft er einen kurzen Blick in die Kamera und zwinkert. Sofort ertönt ein heller Alarmton und das Gitter öffnet sich.
Damion lenkt den Wagen umsichtig über die Fahrbahnschwellen, die auf beiden Seiten des Tores liegen. Sobald sie den bewachten und mit Schwellen gespickten Bereich des Eingangs hinter sich gelassen haben, beschleunigt er.
„Hier in Kanada stehen Sie echt auf Sicherheit, hm?“, fragt Tamara und sieht noch einmal über den Seitenspiegel zurück.
„Wenn du mit in der Sonne leicht entflammbaren Leuten hantierst, bleibt so etwas nicht aus“, erwidert er.
Tamara wirft ihm einen Seitenblick zu. „Wir sind nicht leicht entflammbar.“ Sie ziehen sich in der Sonne zwar schwere und tödliche Verbrennungen zu, aber sie gehen nicht direkt in Flammen auf oder zerfallen zu Staub. Das ist nur eine Erfindung der Menschen, um ihren Filmen und Büchern mehr Dramatik zu verleihen.
„Einigen wir uns auf mittelleicht entflammbar“, entgegnet Damion und lenkt den Wagen in die Auffahrt zur Autobahn.
In den nächsten paar Minuten schweigen sie. Damions Blick wandert immer wieder zwischen Seiten- und Rückspiegel hin und her, während er auf dem Beschleunigungsstreifen Gas gibt und den Wagen in den allgemeinen Verkehr auf der Autobahn einfädelt.
Sobald sie die linke Spur erreicht haben, tritt er das Gaspedal ganz durch.
Nun sieht er auch wieder zu ihr hinüber, aber Tamara blickt stur nach vorn.
In den ersten zwei Stunden der Fahrt sagt keiner von ihnen ein Wort. Das Einzige, das die Stille im Wagen stört, ist die Musik aus dem Radio.
„Also ...“, sagt Damion schließlich. „Ich schätze, wir hatten einen schlechten Start.“
Tamara sieht kurz zu ihm hinüber, lenkt ihren Blick dann aber wieder aus dem Seitenfenster auf die vorbeihuschenden Bäume. „Es tut mir leid, wenn ich unfreundlich rüber kam. Ich stehe nur einfach nicht als neueste Eroberung zur Verfügung“, erwidert sie.
„Das würde ich an Ihrer Stelle übrigens nicht tun“, sagt er.
Sie sieht fragend zu ihm. „Was würden Sie nicht tun?“
„Die Bäume beobachten. Wir sind einige Stunden unterwegs. Ihnen könnte schlecht werden und wir haben keine Zeit für viele Pausen.“
„Ich weiß“, erwidert sie und sieht nach vorn. „Mr. White war ziemlich deutlich, was unseren Zeitplan angeht. Aber keine Sorge, mir wird nicht so schnell übel.“
Damion lacht leise. „Gut zu wissen. Und offenbar haben Sie Dylan kennen gelernt. Sehr schön. Er ist manchmal etwas zu ernst, aber sonst ein guter Kerl.“
„Ich denke, wenn es um die aufgehende Sonne geht, ist Ernsthaftigkeit durchaus angebracht.“
„Wir sitzen in einem gepanzerten und komplett UV-abgeschirmten Wagen. Sie sind nirgendwo so sicher wie hier drin.“
„Was ist, wenn wir tagsüber einen Unfall bauen und der Wagen geöffnet werden muss?“, wendet Tamara ein. Ihr fallen spontan so einige Szenarien ein, warum es ungünstig ist, als reinrassiger Vampir tagsüber unterwegs zu sein. Egal, wie sicher der Wagen sein mag.
„Dieser Wagen würde die meisten Unfälle überstehen“, versichert Damion ihr.
„Man sollte ein Vehikel nicht als unsinkbar verherrlichen. Die Menschen haben damit im Schiffsbereich schlechte Erfahrungen gemacht“, erwidert sie unbeeindruckt.
Damion schweigt, doch mit einem schnellen Seitenblick kann sie amüsierte Falten um seine Augen erkennen. Als er ebenfalls zu ihr sieht, schaut sie wieder nach vorn.
„Sie interessieren sich also für Schiffe?“, fragt er nach einigen Minuten des Schweigens.
Für einen Augenblick überlegt sie, ob sie ihm darauf überhaupt antworten soll, entschließt sich dann aber doch dafür. Immerhin müssen sie noch einige Stunden zusammen hier im Wagen verbringen. „Ich nehme an, Sie haben meine Akte inzwischen gelesen? Ihr Bruder behauptete, dass Sie sehr zuverlässig seien.“
„Natürlich habe ich sie gelesen“, erwidert Damion. „Ich versuche, ein Gesprächsthema zu finden. Es nennt sich Small Talk.“
„Bedenkt man, dass mein Dyn in einem gestorben ist, sind Schiffe vielleicht keine gute Wahl dafür.“ Sie streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und atmet einmal durch.
Die Zeiten, in denen ihr beim bloßen Gedanken an Lance die Tränen liefen, sind seit gut hundert Jahren vorbei. Das bedeutet aber nicht, dass die Erinnerung an ihn ihr nicht trotzdem einen Stich versetzt.
Würde er heute noch leben, hätten sie inzwischen vermutlich eine der größten Reedereien in Amerika, eine eigene Familie und wären ... glücklich.
Stattdessen sitzt sie mit einem Schürzenjäger in einem gepanzerten Ungetüm und braust einem Geheimtreffen entgegen, bei dem es darum geht, den obersten Vampirrat zu überstimmen.
„Fehlt er Ihnen?“, fragt Damion.
Tamara seufzt lautlos. „Was glauben Sie, wie lange die Verhandlungen laufen werden? Starten sie direkt, wenn wir ankommen?“, fragt sie, anstatt zu antworten.
Glücklicherweise scheint Damion den Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen und geht auf den Themenwechsel ein. „Die Gespräche starten morgen Nacht. Wir haben einen ganzen Tag Zeit, um uns auszuruhen und frisch zu machen. Was tun Sie gern in Ihrer Freizeit?“
„Waren Sie schon einmal auf so einem Treffen? Als Sicherheitsbeauftragter?“ Sie dreht den Kopf, um ihn anzusehen.
Er lächelt. „Was halten Sie von einem Deal? Sie fragen mich, was Sie wollen und dann frage ich.“
Sie schiebt überlegend die Lippen hin und her. „Gegenvorschlag. Sie stellen eine Frage, die ich beantworte, wenn ich sie für angemessen halte, und dann bin ich zweimal dran.“
Damion lacht. „Sie sind eine harte Verhandlungspartnerin.“
„Ich habe eine Reederei geleitet und musste einen Haufen Seeleute antreiben“, erwidert sie lässig. „Also?“
Damion reicht ihr die Hand, ohne den Blick von der Straße, oder die zweite vom Lenkrad zu nehmen. „Deal.“
Sie legt ihre Hand in seine und erwidert seinen Händedruck. Er ist warm und fest. Angenehm irgendwie.
Als er sie loslässt, um die Hand wieder ans Lenkrad zu legen, bedauert sie es fast.
Aber eben nur fast.
„Also ... was tun Sie gern in Ihrer Freizeit?“, fragt er.
„Ich lese viel. Waren Sie schon mal auf so einem Treffen?“
„Ja. Meistens schicke ich einen meiner Leute mit Rhys mit, damit wenigstens einer von uns beiden immer in der Siedlung ist. Aber bei den großen Veranstaltungen bin ich persönlich anwesend.“
„Weil es dort zu unübersichtlich wird?“, fragt sie.
Damion nickt. „Das auch. Vor allem aber ist die Stimmung aufgeheizter, wenn die Gegenseite auch da ist. Ich habe in solchen Fällen lieber selbst ein Auge auf Rhys.“
Tamara betrachtet ihn einen Moment. „Stehen Sie Ihrem Bruder sehr nahe?“
„Das ist eine dritte Frage“, erwidert er und zwinkert ihr kurz zu.
„Meinetwegen. Sie sind dran.“ Sie lehnt sich ein Stück tiefer in ihren Sitz und blickt nach vorn durch die Windschutzscheibe.
„Auf welchen Typ Mann stehen Sie?“
„Passe.“
„Okay ... auf welchen Typ Mann stehen Sie nicht?“
„Auf Schürzenjäger in Sicherheitsberufen.“
Er lacht. „Touché.“
„Stehen Sie Ihrem Bruder nahe?“, wiederholt sie die Frage, die sie eben schon interessiert hat. Sie sieht ihn wieder an.
Zu ihrer Überraschung verschwindet der gelöste Ausdruck für einen Moment und macht einer ernsten Miene Platz. „Er ist mein engster Vertrauter. Wir wissen alles voneinander. Und er ist der Einzige, dem ich mein Leben anvertrauen würde.“
Tamara betrachtet ihn einen Moment nachdenklich. „Vermutlich vertraut er Ihnen genauso, wenn er meine Sicherheit in Ihre Hände legt.“ Solange sie unterwegs sind, hat Rhys schließlich die Verantwortung für sie. Eine Vampirin zu verlieren, die nicht zu seiner Familie gehört, kann ihn in riesige Schwierigkeiten bringen.
Der ernste Ausdruck auf Damions Gesicht verschwindet und das leichte, allgegenwärtige Schmunzeln kehrt auf seine Lippen zurück. „Ist das eine zweite Frage?“
„Nein. Es ist eine Feststellung.“
„Okay, dann haben Sie noch eine. Feuer frei.“
Tamara überlegt einen Moment. „Bin ich sicher bei Ihnen?“
Er wirft ihr einen kurzen Blick zu, aber anstatt zu antworten, setzt er den Blinker und fährt rechts von der Autobahn ab. Auf einem kleinen Rastplatz kommt er hinter dem anderen SUV zum Stehen.
Erst als Damion den Motor ausgestellt hat, sieht er wieder zu ihr. „Sie werden bei mir immer sicher sein“, verspricht er.
Erneut ist der verspielte Ausdruck aus seiner Miene verschwunden und seine Worte klingen so ehrlich, dass Tamara ein angenehmer Schauer über den Rücken läuft.
„In Ordnung. Danke.“ Sie greift nach der Tür und will sie gerade öffnen, als Damion beide Hände oben aufs Lenkrad legt und sie noch einmal anspricht. „Ich habe noch eine Frage frei.“
Tamara hält inne und sieht zu ihm. „Muss ich mit dem Schlimmsten rechnen?“
Er schmunzelt. „Schnarchen Sie?“
Überrumpelt von der Frage sieht sie ihn im ersten Moment nur perplex an, dann beißt sie sich auf die Unterlippe, um ein Grinsen zu unterdrücken. „Ich wüsste nicht, warum Sie das interessieren sollte, Mr. Walker“, erwidert sie bemüht ruhig.
Er wirkt überrascht. „Hat Rhys es Ihnen gar nicht gesagt?“
„Was gesagt?“
„Ich bin auf dieser Reise für Ihre Sicherheit verantwortlich. Auf der gesamten Reise. Zu jeder Zeit.“
„Und das bedeutet, Sie sorgen sich um meine Atmung, wenn ich schlafe?“, fragt sie verwirrt.
„Nein. Es bedeutet, dass ich im Bett neben Ihnen liegen werde“, erwidert er, öffnet die Tür und steigt aus.
Tamara entgleiten die Gesichtszüge. „Bitte was?“ Sie beeilt sich, den Wagen zu öffnen und von ihrem Sitz zu rutschen. Sobald sie die Tür wieder zugeworfen hat, ertönt zweimal das hohe Piepen der Alarmanlage. „Wieso ...“, setzt sie an, verstummt aber, als die anderen beiden Vampire auf sie zutreten.
„Wie ist die Fahrt gelaufen?“, fragt Rhys und wirft erst seinem Bruder einen prüfenden Blick zu, ehe er Tamara ansieht.
„Gut“, erwidert sie. „Liegen wir im Zeitplan?“
„Wir haben sogar etwas aufgeholt“, erwidert Dylan. Er tippt geschäftig auf seinem Tablet herum.
Damion reibt die Hände aneinander. „Sehr gut, dann können wir ja jetzt ordentlich reinhauen.“ Er steuert das kleine Gasthaus an.
„Und wie geht es Ihnen?“, fragt Rhys Tamara. Die beiden folgen Damion zum Gebäude.
Dylan tippt noch immer auf seinem Tablet herum und folgt ihnen etwas langsamer.
„Ich bin ein wenig hungrig. Ansonsten sehr gut“, antwortet sie. „Allerdings ...“ Sie bleibt stehen und tritt beiseite, damit Dylan an ihnen vorbeigehen kann.
Auch Rhys bleibt stehen und sieht sie abwartend an.
„Ihr Bruder hat etwas erwähnt. Bezüglich der Schlafsituation.“
„Oh. Ja.“ Ein Schmunzeln schleicht sich auf Rhys Lippen. „Er wird mit Ihnen im selben Raum nächtigen. Wenn jemand durchs Fenster steigt und sich an Ihnen vergeht, kann er nicht viel ausrichten, wenn er im Nebenzimmer schläft.“
„Er sagte etwas vom selben Bett.“
„Darf ich offen sprechen?“, bittet Rhys.
„Natürlich.“
„Wenn er das versucht, haben Sie die Freigabe, ihn an seinen Eiern an die Wand zu tackern.“
Tamara schnaubt belustigt los, hält sich aber direkt die Hand vor den Mund, um ihr breites Grinsen zu verbergen. „In Ordnung“, bringt sie schließlich amüsiert hervor und wendet sich der Tür zu.
Rhys greift an ihr vorbei, um sie zu öffnen, und Tamara betritt das kleine Gasthaus.
Die Luft, die ihr entgegenschlägt, ist mit dem Duft verschiedener Speisen angefüllt.
Dylan und Damion haben sich bereits an einem Tisch in der hinteren Ecke niedergelassen. Damion sitzt mit dem Rücken an der Wand und Dylan hat sich an die Seite gesetzt.
„Ich hasse es, wenn er das tut“, sagt Rhys und seufzt.
Tamara mustert seinen Bruder neugierig, kann aber nichts Besonderes entdecken. „Was hat er denn getan?“
„Sich den Platz an der Wand gesichert.“
„Ist das nicht klug, wenn er für die Sicherheit verantwortlich ist?“ Immerhin kann er aus dieser Position heraus den Raum im Blick behalten und im Ernstfall schnell reagieren.
„Ja“, erwidert Rhys und knurrt leise. „Das Argument nimmt er auch immer.“
Tamara blickt verwirrt zwischen ihm und Damion hin und her, bis Rhys sie aufklärt. „Ich hasse es, mit dem Rücken in den Raum zu sitzen.“
„Und Ihr Bruder nutzt seine Position aus, weil er es auch hasst?“, vermutet sie.
„So ist es.“
„Ich würde sagen ... Punkt für ihn“, neckt sie Rhys freundlich und schenkt ihm ein Lächeln, als er ihr einen gequälten Blick zuwirft.
„Habt ihr beide dort euer eigenes Meeting, oder kommt ihr?“, meldet sich Damion zu Wort.
Tamara tritt an den Tisch. „Warum so eilig?“, fragt sie Damion. „Sind Sie so hungrig?“
Rhys ist neben sie getreten und zieht ihr einen Stuhl zurück, damit sie sich setzen kann.
Damion sitzt ihr direkt gegenüber. „Sie sollten etwas über mich wissen“, erwidert er. „Ich habe immer Hunger.“
„Ja, du und Carter nehmt euch wirklich nicht viel“, mischt Dylan mit. Er hat sein Tablet endlich weggelegt. „Vom Essen bist du eigentlich nur abzulenken, wenn ...“, fährt er fort, bricht dann aber ab und wirft einen Blick zu Tamara.
„Wenn was?“, fragt sie, aber Dylan schüttelt den Kopf.
„Wir sollten bestellen“, greift Rhys ein und reicht Tamara eine der laminierten Karten von der Mitte des Tisches.
***
„Warum haben Sie Damion eigentlich ausgesucht?“, fragt Tamara Rhys, nachdem sie das Gasthaus verlassen haben.
Das Essen war vorzüglich und bevor sie sich in die Autos setzen, haben sie beschlossen, sich noch ein wenig die Beine zu vertreten.
Oder genauer gesagt hat sie darum gebeten, Dylan hat es zeitlich abgesegnet und Rhys begleitet sie.
Damion ist bei seinem Freund geblieben und sie sieht ihn mit Dylan in einiger Entfernung im Gespräch zusammenstehen.
„Ausgesucht wofür? Den Leiter der Sicherheit? Oder für diese Reise?“, erwidert Rhys.
„Für beides.“
„Weil er der Beste ist.“
„Ja, das erwähnten Sie. Aber wieso ist er das? Sicherlich gibt es auch andere, die mit dem Rücken zur Wand sitzen, um den Raum im Blick zu behalten. Oder die einen Wagen sicher auf der Straße halten können.“
Rhys schmunzelt. „Damion hat eine außerordentlich gute Beobachtungsgabe. Er kann andere Personen und auch Situationen im Bruchteil einer Sekunde einschätzen, Stimmungen im Raum wahrnehmen und er reagiert sehr schnell und sicher auf potenzielle oder reale Bedrohungen.“ Der Vampir wirft einen Blick zurück auf seinen Bruder. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mehr sehen und hören kann als der Rest von uns.“
Er sieht Tamara wieder an. „Das sind die Momente, in denen er selbst mir gruselig vorkommt.“
Sie bleibt stehen und neigt den Kopf leicht zur Seite. „Sie legen mir also ihren gruseligen Bruder ins Bett, damit Sie nicht mit ihm in einem Raum schlafen müssen?“
Rhys bleibt ebenfalls stehen. „Ins Zimmer, nicht ins Bett. Aber ja.“
Seine Antwort bringt sie zum Lachen.
„Aber im Ernst“, erwidert er schmunzelnd. „Ich würde ihm mein Leben anvertrauen. Es gibt hier in der Gegend keinen besseren Sicherheitsmann als ihn.“
„Das hoffe ich“, erwidert sie und lächelt. „Immerhin vertrauen Sie ihm ja auch mein Leben an.“
„Wenn jemand Sie wieder heil nach Hause bringt, dann er“, versichert Rhys ihr noch einmal.
Tamara sieht zu den beiden anderen Vampiren hinüber, die gerade über irgendetwas lachen. Damion wirkt ausgelassen und schaut auf Dylans Handy, der ihm irgendetwas zeigt.
„Auf mich wirkt Damion eher unaufmerksam und verspielt“, gibt sie zu.
„Das ist seine Geheimwaffe. Nach außen hin wirkt er chaotisch, aber er bekommt sehr viel mehr mit, als man glaubt. Er mag es, unterschätzt zu werden.“
Als hätte er Rhys und sie gehört, schaut Damion zu ihnen hinüber und winkt freundlich rüber.
„Manchmal ist er aber auch einfach nur eine Quarktasche“, fügt Rhys trocken hinzu.
„Das haben wir gemeinsam“, gibt Tamara zu. „Dass wir lieber unterschätzt werden, meine ich. Nicht das mit der Quarktasche.“
„Oy! Es geht weiter!“, ruft Damion ihnen zu und winkt sie zu sich.
„Wie viele Stunden sind es noch?“, fragt Tamara und setzt sich an Rhys‘ Seite wieder in Bewegung.
„Drei, wenn alles frei ist.“
Sie wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Wenn nicht alles frei ist, könnte es knapp werden. In vier Stunden geht die Sonne auf.“
„In der Regel reicht eine Stunde Pufferzeit aber aus“, beruhigt Rhys sie. „Nachts sind die Straßen außerhalb der Städte nicht sonderlich voll.“
Rhys und Tamara erreichen die anderen beiden und Damion deutet bereits mit einer leichten Verbeugung und einem amüsierten Glitzern in den Augen auf seinen Wagen. „Mylady ... darf ich bitten?“
Tamara seufzt, sagt aber nichts dazu, sondern klettert zurück in den SUV.
„Wie hat Ihnen das Essen geschmeckt?“, fragt Damion, als auch er eingestiegen ist und sich anschnallt.
„Es war sehr lecker.“
„Fand ich auch“, erwidert er. „Das hier ist eine meiner liebsten Gaststätten, wenn ich unterwegs bin.“
„Sind Sie das denn oft?“
Damion startet den SUV. „Hin und wieder.“ Er wartet, bis auch der andere Wagen losfährt, und folgt ihm dann zurück auf die Autobahn.
„Sollten Sie als Chef der Sicherheit für die Siedlung nicht ... na ja ... in der Siedlung sein?“
Damion wirft ihr einen amüsierten Blick zu. „Ich leite das Team, ich laufe nicht selber mit der Taschenlampe meine Runden.“
„Ihr Bruder sagte, Sie sind der Beste. Sind ihre Talente da am Schreibtisch nicht verschwendet?“
„Ich arbeite nicht am Schreibtisch. Nicht oft zumindest. Ich trainiere die Sicherheitskräfte der anderen Siedlungen, bilde mich selbst weiter oder fahre durch die Gegend und höre mich um.“
Tamara runzelt die Stirn. „Und was berichtet die Gegend so?“
Er schmunzelt. „Ich mische mich unter die Menschen und höre mir an, was sie erzählen. Ob es in der Gegend vermehrt Kriminalität gibt, sich Banden bilden, oder irgendwelche Monster gesichtet wurden.“
„Sie horchen sie aus, ob Vampire entdeckt wurden“, fasst Tamara seine Ausführungen für sich zusammen.
Damion nickt.
„Aber warum interessieren Sie menschliche Banden? Können die Menschen das nicht unter sich ausmachen?“
„Könnten sie. Aber wenn irgendjemand die Kontrolle über diese Gegend übernimmt, wird er früher oder später auch vor unserer Tür stehen. So etwas gibt nur Ärger und es gefährdet die Leute in der Siedlung.“
Nachdenklich sieht Tamara zu ihm hinüber. Er scheint wirklich gut zu sein in dem, was er tut. Zumindest klingt sein Handeln sehr durchdacht und vorausschauend.
Sie selbst hätte bei seinem Job eher an unter Strom gesetzte Zäune und Kameras an allen Ecken und Winkeln der Siedlung gedacht.
Auch wenn sie zugeben muss, dass er nicht wie jemand aussieht, der sein Leben in einem Raum mit einem Haufen Monitore verbringt, um die Siedlung im Blick zu behalten.
Er wirkt eher durchtrainiert und fit. Und ...
„Habe ich gekleckert?“, fragt Damion und blickt auf sein Hemd hinab.
„Nein“, erwidert Tamara knapp und nimmt erschrocken den Blick von ihm.
Super, jetzt hat Mr. Flirt sie dabei erwischt, wie sie ihn angestarrt hat.
„Wie sind Sie an den Job gekommen?“, fragt sie, um ihn davon abzulenken.
„Meine Mutter hat mit dem Vater vom Siedlungschef geschlafen.“
Im ersten Moment sieht sie ihn überrascht an – bis ihr wieder einfällt, dass Rhys sein Bruder ist. Natürlich war Damions Mutter mit Rhys‘ Vater im Bett.
Sie rollt mit den Augen. „Und wie haben Sie es geschafft, diesen Job nicht inzwischen wieder zu verlieren?“, formuliert sie ihre nächste Frage etwas spitzer.
Damion lacht leise. „Weil ich gut in dem bin, was ich tue.“
„Und wollten Sie das schon immer sein? Für die Sicherheit anderer verantwortlich?“
„Nein. Früher war ich ... einfach ich. Ich hatte anderes im Kopf“, antwortet er. Seine Stimme ist leiser geworden und der Griff ums Lenkrad ein wenig fester.
Als er nicht weiter spricht, hakt sie noch einmal nach. „Und dann?“
Damion atmet tief durch. „Und dann hat das Leben beschlossen, dass ich meinen Weg ändern soll. Und jetzt bin ich hier.“
Er wirkt ernst und all die Leichtigkeit, die er bisher an den Tag legte, ist aus seinem Gesicht verschwunden. Genau wie vorhin, als es um ihn und seinen Bruder ging.
„Und sind Sie dabei noch Sie selbst?“, fragt sie schließlich.
Er wirft ihr einen kurzen Blick zu und ein Lächeln huscht über seine Lippen. „Zum Teil.“
***
Es dämmert bereits, als sie die Siedlung erreichen.
„Das wird knapp“, kommentiert Damion das Aufgehen der Sonne.
Die zugeklebten Fenster schützen sie, aber auf dem Display in der Mitte des Armaturenbretts ist eine Sonne zu sehen und ein rotes Warnlicht blinkt hektisch.
„Ist es denn noch weit?“, fragt Tamara und wirft einen besorgten Blick aus dem Fenster.
„Nein. Ungefähr zwanzig Minuten. Wir haben zu viel Zeit verloren, als wir die Umleitung fahren mussten.“
Als sie vor gut zwei Stunden plötzlich von der Autobahn abfahren mussten, kam ein Anruf von Dylan über die Anlage und er und Damion lagen sich gute zehn Minuten darüber in den Haaren, wer von ihnen beiden Schuld daran ist.
Damion ist zwar für die Sicherheit der Reise verantwortlich, aber Dylans Aufgabe war die Strecken- und Zeitplanung.
Irgendwann schaltete sich Rhys ein und bat Dylan, nach dem Grund der Umleitung zu googeln.
Es stellte sich heraus, dass es einen Unfall gab, nachdem sie bereits losgefahren waren und die Strecke deshalb weitläufig gesperrt worden ist.
Das beendete zwar den Streit, aber seitdem herrscht eine angespannte Stille im Wagen.
Damions Hände halten das Lenkrad fest umklammert und er blickt immer wieder aus dem Fenster in den Himmel.
„Sie sagten, wir sind in diesem Wagen sicher. Auch wenn die Sonne aufgeht“, merkt Tamara an.
Auch sie sieht immer wieder aus dem Fenster. In einer solchen Situation ist es ihr definitiv lieber, wenn der Kerl für die Sicherheit sich keine Sorgen macht. Tut er es doch, ist das in der Regel kein gutes Zeichen.
„Und Sie sagten, wenn wir einen Unfall bauen, gehen wir trotzdem drauf“, erwidert er knapp.
Tamara hebt eine Augenbraue an. „Haben Sie denn vor, einen zu bauen?“
Er wirft ihr einen gehetzten Blick zu, dann atmet er einmal durch und entspannt sich. Zumindest entkrampfen sich seine Finger vom Lenkrad. „Tut mir leid. Ich mag es nur nicht, wenn andere wegen mir in der Sonne sind.“
Sie lächelt. „Ich dachte, es war die Schuld von Mr. White?“
„Natürlich ist sie das. Aber er sitzt nicht am Steuer dieses Wagens“, argumentiert Damion, deutet dann aber nach vorn. „Dort ist es.“
Er gibt Lichthupe und der Wagen vor ihnen wird schneller. Auch Damion tritt aufs Gas und beschleunigt noch einmal.
