Ruf der Instinkte - Ally J. Stone - E-Book
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Ruf der Instinkte E-Book

Ally J. Stone

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Beschreibung

Die Vampirin Love will einfach nur in Freiheit leben. Das ist gar nicht so einfach, denn ihr Leben ist bereits vorherbestimmt. Jacksons Aufgabe ist es, auf sie aufzupassen - aber der vermeintlich einfache Job stellt ihn bald schon vor eine schwierige Entscheidung. Jackson ahnt nicht, worauf er sich einlässt, als er in New York die Aufgabe übernimmt, eine Tochter aus der vampirischen Oberschicht zu bewachen. Lavinia – kurz Love – ist zickig, flippig und so gar nicht mit einem Hüter einverstanden. Nachdem sie sein Vertrauen gewonnen hat, hintergeht Love ihn – und offenbart dabei unabsichtlich ihr größtes Geheimnis. Jackson beschließt, sie gehen zu lassen und taucht unter. Ihre gemeinsame Geschichte hat damit jedoch erst begonnen ... Savage - Vampire, Werwölfe und andere Kreaturen: Im Savage-Universum leben Vampire, Werwölfe, Blutwölfe und alle möglichen Mischlinge unerkannt unter den Menschen. Und dann gibt es da noch die Vatrá und die Ratnik, vampirähnliche Feuerbestien und Schattenkrieger, die sich von den Menschen und anderen Supernaturals fernhalten. Normalerweise ... Wer Reihen wie Black Dagger und Midnight Breed mag, wird auch bei Savage auf seine Kosten kommen. Ruf der Instinkte ist der erste Teil einer 9-bändigen Serie.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Glossar

Hi, I'm Jacks

Not a bad dream

Kill no man

Taste me

Money and Tears

Free Love

Duped

Blood

Goodbye

Hello again

Chicago Nights

Big News

A lake in France

Summer Days

Insomnia

Franklin

Hybrids and Babys

It's not fair

Salem

Let's get lost

Happy Birthday

Trust

End of Story

Epilog - New Vampire in Town

Danksagung

Alle Romane von Ally J. Stone

Die stonebooks-Community

Über die Autorin

Impressum

Savage

Ruf der Instinkte

2. Auflage

© 2018, Berlin, Ally J. Stone

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf ohne schriftliche Zustimmung der Autorin nicht kopiert, vertrieben oder verwendet werden.

~

CoverdesignJay Aveline Quinn

~

LektoratPhoenix Lektorat

~

Korrektorat

Schreibmanufaktur & Jacqueline V. Droullier

~

Autorenwebseitewww.stonebooks.de

Die Liebe ist ein Risiko.

Was ist, wenn es nicht funktioniert?

Ah … aber was, wenn doch?

- Peter McWilliams

Glossar

Arnunta: Feier zum 50. Hochzeitstag

Dyn: Männlicher Gefährte

Ratnik: Die Ratnik sind Schattenwesen. Der Legende nach stammen sie von den Vampiren ab, haben sich im Laufe der Zeit jedoch in eine andere Richtung entwickelt. So bilden sie zwar ebenfalls Fangzähne aus, sind in ihrer Ernährung aber nicht auf Blut angewiesen. Für sie ist das Trinken eher ein Kick, der besonders bei jugendlichen Ratniks sehr beliebt ist.

Seit Jahrtausenden gehen aus ihren Reihen die tödlichsten Krieger der Erde hervor. Sie leben sehr im Einklang mit der Natur und deren Magie, weshalb sie eng mit den Vatrá verbunden sind. Für einen Ratnik-Krieger ist es eine große Ehre, zum Schutz eines Vatrá ausgewählt zu werden.

Vatrá: Die Vatrá sind eine uralte Rasse von Feuerwesen. Sie werden nicht nur unglaublich alt, sondern pflanzen sich auch nur sehr selten fort, weshalb ihre Zahl gering ist. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Feuer zu erschaffen und zu beherrschen, gelten sie als eine der letzten magischen Rassen der Erde. Die Macht ihrer Königin geht über die übliche Feuermagie hinaus – sie ist in der Lage, Seelenmagie zu wirken.

Um den Schutz der wenigen lebenden Vatrás zu gewährleisten, wird bei jeder entstehenden Schwangerschaft ein Ratnik-Krieger erwählt, der die schwangere Vatrá begleitet und das Kind vom Augenblick seiner Zeugung bis zu dessen Tod beschützt.

Hi, I'm Jacks

Das ist also das Wohnhaus.

Jackson legt den Kopf in den Nacken und sieht nach oben. Es ist die Dachgeschosswohnung. Er senkt den Blick wieder auf das Stück Papier in seiner Hand und lässt ihn dann über die anliegenden Häuser und die Straße schweifen.

Feine Gegend. Ein bisschen zu fein für seinen Geschmack.

Er schiebt das Papier in seine Jacke, schultert seine Reisetasche und macht sich auf den Weg zur Haustür.

Als er den richtigen Namen findet, drückt er auf die Klingel und wartet. Nichts.

Er klingelt noch einmal, aber wieder ertönt der Summer nicht. Also tritt er ein paar Schritte zurück und blickt wieder nach oben.

Die Wohnung liegt im Dunkeln da. Offenbar ist das Vögelchen ausgeflogen.

Ihre Mutter hat ihn also nicht umsonst angestellt. Na wunderbar.

Nach einem letzten Blick die Straße runter, zieht er sich in die Schatten zurück. Er lässt seine Reisetasche zu Boden fallen, lehnt sich gegen die Hauswand und zündet eine Zigarette an. Scheinbar wird das eine lange erste Nacht.

Es dauert zwei Stunden, ehe ein Taxi vor dem Haus hält und eine offensichtlich angetrunkene junge Frau aussteigt. Sie reicht dem Fahrer einen Geldschein und schenkt ihm ein Luftküsschen, ehe sie die Wagentür zuwirft und sich umdreht, um in Richtung Haustür zu stöckeln.

Der Fahrer blickt ihr noch einen Moment lang nach, dann schaltet er sein Taxischild auf dem Dach wieder ein und fährt davon.

Jackson nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette und lässt sie fallen.

Dort, wo auch schon die anderen Stummel liegen, die er in den letzten Stunden verpafft hat. Er tritt sie aus und löst sich von der Hauswand.

Trotzdem bleibt er in den Schatten, um die junge Frau erst einmal zu beobachten.

Sie trägt absurd hohe High Heels und einen verboten kurzen Minirock.

Ihre Haare sind zu einem frechen Bob mit Undercut geschnitten und auf ihren vollen Lippen liegt ein geheimnisvolles Lächeln.

Ganz und gar nicht die Art Frau, die er erwartet hat. Eigentlich hat er sich auf das Babysitten einer unbedarften und schüchternen Tochter einer der oberen Zehntausend der Vampirgesellschaft eingestellt.

Mit einem letzten tiefen Atemzug tritt er aus den Schatten und stellt sich ihr in den Weg.

Sie reagiert sofort. Ohne Vorwarnung springt sie ihn an und schnappt nach seiner Kehle.

Vom plötzlichen Angriff überrascht, fängt er sie mehr oder weniger auf, torkelt rückwärts und geht mit ihr zu Boden, als er ihrem Biss ausweicht.

Ihre Fänge sind ausgefahren und ihre Augen haben sich dunkel gefärbt, als sie ein weiteres Mal versucht, zuzubeißen.

Jackson packt mit einer Hand ihre Kehle, um sie von seiner eigenen fernzuhalten, und fasst mit der anderen nach einem ihrer Handgelenke.

Blitzschnell rollt er sich mit ihr herum, lässt ihren Hals los und greift sich auch ihr anderes Gelenk, um sie an den Boden zu pinnen.

Die junge Vampirin windet sich wütend unter ihm und faucht warnend, kommt gegen sein Körpergewicht aber nicht an. „Lavinia, nehme ich an? Ich bin Jackson. Deine Mutter schickt mich. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Der Sarkasmus in seiner Stimme ist kaum zu überhören, allerdings ist ihm das ziemlich egal.

Verblüfft hält die junge Vampirin inne und starrt ihn an.

„Ein Wächter? Ist das ihr fucking Ernst?“

„Mama macht sich Sorgen um den Stolz der Familie“, gibt er salopp zurück.

Lavinia verzieht das Gesicht und ruckt ungeduldig an ihren Handgelenken. „Lass mich los!“

Jackson gibt sie frei und erhebt sich. Dann erst reicht er ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.

Trotzig ignoriert sie die Geste und rappelt sich allein wieder auf. Leise fluchend bückt sie sich nach der Clutch, die bei ihrem Angriff zu Boden gefallen ist, holt ihr Handy daraus hervor und tippt wütend auf dem Touchscreen herum.

Mit einem giftigen Blick in Jacksons Richtung hält sie sich das schmale Gerät ans Ohr und wartet.

„Ist das dein verdammter Ernst?“, begrüßt sie ihre Mutter wütend, als diese abhebt.

„Lavinia, zügele dich. Was ist los?“

Die Stimme ihrer Mutter ist durch das Handy zu hören.

Jackson zündet sich eine weitere Zigarette an und behält derweil die Umgebung im Blick. Das hier wird unter Umständen länger dauern.

„Hier steht ein gruseliger Typ, der behauptet, dass du ihn geschickt hast!“

„Der Wächter ist da? Sehr gut.“ Ihre Mutter klingt erleichtert. „Er wird ab sofort nicht mehr von deiner Seite weichen.“

„Was? Wieso?“

„Du bist eine unverheiratete Frau und du lebst allein. Dein Vormund hat beschlossen ...“

„Der Vormund ist nicht mein Vater!“

„Aber er verfügt über dich. Er hat beschlossen, dass du einen Wächter bekommst, bis ein Ehemann gefunden ist.“

„Also ist das der Haken an der Wohnung?“

„Du bekommst wie gewünscht deine Freiheit. Bis zu einem gewissen Grad. Dafür wirst du heiraten, wenn ein Ehemann gefunden ist.“

„Hmm, und vermutlich seid ihr schon fieberhaft auf der Suche, stimmt‘s? Was ist das für ne Freiheit, wenn dieser Idiot mir ständig hinterherwackelt?“

„Lavinia! Reiß dich zusammen! Er ist dort, um auf deine Unversehrtheit zu achten.“

„Unversehrtheit. Ist klar. Wieso vertraust du mir nicht?“

„Das tue ich, Liebes, aber ...“

„... aber er nicht. Schon klar. Gute Nacht, Mom.“

„Lavin...“ Bevor ihre Mutter den Satz beenden kann, legt die junge Vampirin wütend auf und nimmt Jackson wieder ins Visier. „Meine Bude ist ein Nichtraucherbereich.“

Damit dreht sie sich hoch erhobenen Hauptes um und stolziert zur Haustür.

Augen rollend lässt Jackson die Kippe fallen, tritt sie aus und holt seine Tasche, ehe er ihr zur Tür folgt.

Vielleicht sollte er das mit diesen Gelegenheitsjobs lassen. Zumindest in der Branche Wächter. Für gewöhnlich stellt er sich für so etwas auch nicht bereit, aber die Bezahlung ist so verlockend hoch, dass er sich für die Stelle bewarb.

Jobs wie diesen kann er zu Hause in Frankreich vergessen, weil niemand der gehobenen Klasse ihn dort mit den Kindern allein lassen würde. Schon gar nicht mit den heiratsfähigen Töchtern. Aber die Verbindungen zwischen den Kontinenten sind dünn und hier in New York ist er nur ein Söldner, der sich den Ruf erarbeitet hat, verdammt gut in dem zu sein, was er tut.

An der Tür hält Lavinia inne und dreht sich zu ihm herum.

„Ich will das Auftragspapier sehen. So was bekommt ihr doch, oder?“

Schweigend kramt Jackson den Zettel wieder aus seiner Tasche und reicht ihn ihr.

Sie lässt sich mit dem Lesen Zeit, reicht ihm den Schein schließlich wieder zurück, dreht sich um und schließt schweigend die Tür auf.

Er kann ihre Abneigung fast körperlich spüren, als sie vor ihm durch die Eingangshalle schreitet und den Aufzug ansteuert.

„Es ist die Dachgeschosswohnung“, merkt sie knapp an und hämmert auf den Fahrstuhlknopf.

„Ich weiß.“

„Klugscheißer mag niemand.“ Mit verschränkten Armen baut sie sich vor der Fahrstuhltür auf und wartet.

Jackson atmet erneut tief durch, ballt die Hände ein paar Mal zu Fäusten und öffnet sie wieder. Anschließend legt er den Kopf abwechselnd von rechts nach links, bis es leise knackt. Die Kleine spielt stärker mit dem Feuer, als ihr bewusst ist. Wenn sie so weiter macht, wird er sie definitiv übers Knie legen, völlig egal, wie reich ihre Mutter ist.

Die Aufzugtüren öffnen sich mit einem leisen Ping, und Lavinia stolziert in den Aufzug, um auf den nächsten Knopf zu hämmern. Anschließend lehnt sie sich gegen die Aufzugwand und verschränkt die Arme vor der Brust.

Jackson folgt ihr und lehnt sich gegen die andere Wand.

„Hoffe, du hast ein Handtuch da drin. Ich hab keins übrig“, grummelt sie und tippt mit der Spitze ihres Schuhs gegen seine Reisetasche.

„Ich hab, was ich brauche“, gibt er zurück.

„Und ich hab mehr, als ich brauche“, grollt sie leise und wendet den Blick wieder ab. „Du kannst auf der Couch pennen.“

„Hatte ich vor.“ Er ist hier, um ihre Jungfräulichkeit zu beschützen, da wäre es ziemlich unklug, zu ihr ins Bett zu steigen.

Lavinia rollt erneut mit den Augen und schweigt zickig, während sie nach oben fahren.

Eine gefühlte Ewigkeit später öffnen sich die Aufzugtüren und sie marschiert an ihm vorbei. Während sie vom Aufzug auf ihre Wohnungstür zulaufen, lässt er seinen Blick über ihren runden Hintern gleiten. Ansehnlich ist er auf jeden Fall. Also hat er wenigstens eine nette Aussicht, wenn ihn sein Babysitterjob in den nächsten Wochen schon die letzten Nerven kosten wird. Hoffentlich findet ihr Vormund bald einen Mann für sie.

Als Jackson die Wohnung betritt, lässt er im Flur seine Tasche fallen und stößt einen leisen Pfiff aus.

„Gewöhn dich nicht dran“, kommentiert Lavinia seine Bewunderung zickig und steigt aus ihren Schuhen. Anschließend verschränkt sie die Arme vor dem Bauch, greift nach ihrem Top und zieht es sich kurzerhand über den Kopf. Ein schwarzer, eleganter BH kommt zum Vorschein. Sie lässt das Top achtlos zu Boden fallen und macht sich auch daran, ihren Minirock über den prallen Hintern zu schieben.

Jacksons Blick folgt dem Stück Stoff, als es an ihren endlos langen Beinen zu Boden gleitet und sich schließlich um ihre Füße legt. Einen Augenblick wartet sie, dann dreht sie sich um und stemmt die Hände in die Hüften. „Gehört Voyeurismus auch zu deiner Jobbeschreibung?“, faucht sie.

Jackson schnaubt. „Du hast doch angefangen, dich hier mitten im Wohnzimmer auszuziehen.“

„Es ist meine Wohnung, oder?“ Sie läuft hinüber in die Küchenzeile. Die Küche ist zum Wohnzimmer hin offen und von hier aus sieht er nur zwei Türen abgehen sowie eine große Balkontür. Offenbar handelt es sich um ein sehr geräumiges Zweizimmerapartment und die Türen führen höchstwahrscheinlich zum Bad und in ihr Schlafzimmer.

Während sie die Kühlschranktür aufzieht und den Inhalt inspiziert, lässt er seinen Blick noch einmal schweifen.

Es ist aufgeräumt und sehr sauber. In Anbetracht ihrer achtlos auf den Boden geworfenen Klamotten geht er von einer Putzfrau aus. Die Wohnung ist modern und hell, aber sparsam eingerichtet. Er sieht keinen überflüssigen Krimskrams, wie er sonst bei jungen Frauen zu finden ist. Keine Kuscheltiere, keine Sammelfigürchen und auch keine Kissen mit Hello Kitty oder dem Ohne-dich-ist-alles-doof-Schaf.

Höchstwahrscheinlich findet er in ihrem Küchenschrank auch keine Colagläser von McDonalds. Alles sehr angenehm.

„Gibt es Leute, die regelmäßig herkommen? Zum Beispiel eine Putzfrau? Hat sie einen Schlüssel?“ Er muss wissen, wer hier ein- und ausgeht, nicht, dass er am Ende noch das Personal umnietet, weil er nicht weiß, dass sie kommen.

Lavinias Kopf steckt noch immer im Kühlschrank, weshalb er seine Jacke von den breiten Schultern streift und sie an einen Haken im Flur hängt. Dann macht er sich auf, um weiter in die Wohnung zu laufen, wird aber nach dem ersten Schritt bereits aufgehalten.

„Schuhe aus!“, keift sie aus der Küche, schnappt sich eine Flasche Orangensaft und wirft die Kühlschranktür zu.

Während sie ihn wachsam ansieht, schiebt sie ihren Hintern auf die Arbeitsplatte und schraubt die Flasche auf.

Jackson streift die Schuhe ab und kickt sie mit einem Fuß an den Rand, ehe er seinen Weg fortsetzt. „Also … gibt es irgendjemanden, den ich nicht erschießen soll, wenn er unerwartet durch diese Tür kommt?“, wiederholt er seine Frage.

Der Gurt mit den beiden Schusswaffen ist jetzt, da er seine Jacke abgelegt hat, deutlich sichtbar.

Lavinias Blick liegt auf einer der Pistolen, als er an ihr vorbeimarschiert. Doch anstatt etwas dazu zu sagen, setzt sie die Flasche an die Lippen und trinkt einen Schluck.

Erst als Jackson den Balkon erreicht hat und durch die Glasscheibe hinausspäht, setzt sie die Flasche wieder ab. „Meine Putzfrau kommt viermal die Woche. Sie geht auch einkaufen. Sie kommt abends, wenn ich nicht da bin.“

Jackson hat inzwischen die gegenüberliegenden Fenster und Balkone einer Inspektion unterzogen, kann aber nichts Auffälliges entdecken.

Dieses Appartement liegt höher als alle anderen, weshalb der Balkon vor neugierigen Blicken geschützt ist.

„Bist du reinrassig?“ Diese Frage scheint sie zu überraschen, denn als er sich umdreht, sieht sie ihn perplex an.

Da sie nicht antwortet, konkretisiert er seine Frage: „Kannst du tagsüber nach draußen?“

Jetzt erst scheint sie zu verstehen, rollt mit den Augen und schraubt die Saftflasche zu.

„Ja. Du nicht?“, hakt sie hoffnungsvoll nach, doch Jackson schüttelt nur den Kopf. Er ist ebenfalls ein Mischling. „Da muss ich dich wohl enttäuschen, Prinzessin. Wenn du tagsüber abhaust, bin ich dir in zwei Sekunden auf den Fersen.“

„Wenn du es überhaupt mitbekommst“, antwortet sie salopp, rutscht von der Arbeitsplatte und räumt die Flasche zurück in den Kühlschrank.

„Lass das meine Sorge sein“, erwidert Jackson, durchquert den großzügig geschnittenen Raum und holt seine Tasche aus dem Flurbereich. Als er zurück zur Couch kehrt, verschwindet Lavinia kurz in ihrem Schlafzimmer und wirft ihm ein Kissen und eine Decke auf die Couch.

„Danke.“

„Du mich auch“, murmelt sie, stürmt ins Bad und schließt die Tür hinter sich.

Kopfschüttelnd blickt Jackson ihr nach, dann schnallt er den Waffengurt ab, holt die beiden Pistolen aus dem Halfter und prüft noch einmal, ob sie gesichert sind, ehe er sie beide unter sein Kissen schiebt.

Anschließend zieht er sich aus und wechselt in eine schwarze Jogginghose, die ihm tief auf der Hüfte sitzt, bequem ist und ihm optimale Bewegungsfreiheit lässt.

~

Wütend schrubbt Lavinia mit einem Wattepad und ihrer Abschminkmilch über ihr Gesicht. Die Abmachung mit ihrer Mutter war, dass sie ein Jahr für sich allein hat, ehe ein Vampir für sie gesucht und sie verheiratet wird. Sie wollte ihre Freiheit genießen, ehe sie für irgendeinen Idioten das Hausweibchen spielen muss, und nun hat ihre Mutter die Abmachung gebrochen.

Dieser Wächter war niemals Teil des Deals gewesen und nun muss sie sich nach nicht mal einer Woche schon wieder von ihrer Freiheit verabschieden.

Mit einem leisen Knurren befördert Lavinia das Wattepad in den silbernen Kosmetikeimer unter dem Waschbecken und greift nach einem neuen, um sich die andere Hälfte ihres Gesichts vorzunehmen.

Anschließend schnappt sie sich ihre Zahnbürste und lässt sich Zähne putzend auf dem Klodeckel nieder.

Es ist echt unfair und ziemlich schwach von ihrer Mutter, so auf diesen Idioten zu hören, dem sie zugeteilt ist. Der Kerl ist nicht ihr Vater und sie hat ihn vielleicht dreimal im Leben gesehen. Es ist ungerecht, dass er trotzdem so sehr auf ihre Zukunft einwirken kann!

Noch immer wütend, beugt Lavinia sich vor und spuckt die erste Ladung Schaum ins Waschbecken. Und dann ist das auch noch so ein komischer Typ, mit dem sie jetzt ihre Wohnung teilen muss.

Bestimmt hat ihre Mutter den letzten unbedarften Hinterwäldler engagiert, damit er sie auch ja nicht anfasst. Und mit dem Trottel soll sie sich jetzt überall sehen lassen? Na wunderbar!

Sich selbst bemitleidend, stemmt sie sich vom Klodeckel hoch, spuckt erneut aus und spült sich den Mund.

Bevor sie das Badezimmer verlässt, lauscht sie an der Tür, kann von ihm aber nichts hören. Also öffnet sie sie einen Spaltbreit und späht hinaus. Der große Vampir steht nur mit einer Jogginghose bekleidet vor ihrer Couch und schüttelt seine Decke aus.

Erschrocken schiebt Lavinia die Tür wieder zu und schließt ab.

Ihr Herz klopft plötzlich wie verrückt, als sie sich herumdreht und mit dem Rücken gegen die Tür lehnt.

Sie schließt die Augen und lässt sich seinen Anblick noch einmal durch den Kopf gehen.

Die kräftigen Arme und ein Teil seiner Brust sind von Tätowierungen überzogen. Auf seinem Bauch zeichnet sich ein leichtes Sixpack ab und die Hose sitzt tief genug, um die beiden V-Linien hervorzuheben.

Als sie darüber nachdenkt, auf welchen Teil seines Körpers diese Linien hindeuten, durchläuft sie ein leichter Schauer.

Klasse Auswahl, Mom, huscht es ihr durch den Kopf und plötzlich muss sie grinsen. Dieser Kerl ist bei ihrer Mutter garantiert nicht vorstellig geworden.

Vermutlich wurde alles über den Vormund geregelt und der hat ganz offensichtlich nicht darauf geachtet, wie dieser Typ aussieht.

Bevor sie ein zweites Mal die Tür öffnet, holt sie tief Luft und tritt möglichst selbstbewusst zurück in den Raum.

Der Vampir lässt die Decke sinken und hebt den Blick, um sie anzusehen. Plötzlich wird ihr glasklar bewusst, dass sie aufgrund ihrer Trotzaktion nur in Unterwäsche vor ihm steht. Eigentlich hat sie ihn vorhin damit nur ärgern wollen, doch in Anbetracht seiner eigenen Nacktheit macht sie diese Tatsache nun nervös.

„Bist du schwul?“ Die Frage verlässt ihre Lippen, bevor sie noch so richtig darüber nachdenken kann. Trotzdem hebt sie herausfordernd das Kinn an und verschränkt die Arme vor der Brust.

Der Wächter lässt seinen Blick völlig unbefangen an ihr hinab wandern. „Würdest du dich sicherer fühlen, wenn ich schwul wäre?“

Sie runzelt die Stirn. „Beantwortest du Fragen immer mit 'ner Gegenfrage?“

Der große Vampir sieht sie einen weiteren Moment ruhig an, dann schüttelt er den Kopf. „Nein, ich bin nicht schwul. Aber keine Sorge. Ich kann mich gerade so beherrschen.“

Lavinias Augen werden groß, dann schnaubt sie und lässt die Arme wieder sinken.

„Arsch“, mault sie ihn an, stolziert an ihm vorbei und verschwindet in ihrem Schlafzimmer.

Nur einen Herzschlag später reißt sie die Tür wieder auf. „Weißt du was? Ich wollte eigentlich nur meine Freiheit haben und mehr nicht! Aber jetzt werde ich es drauf anlegen, jemanden abzuschleppen, denn ihr könnt mich alle mal! Viel Spaß, Mr. Babysitter!“

~

Mit dieser Drohung knallt sie die Tür wieder zu.

Die Kleine hat Feuer.

Unter anderen Umständen hätte ihn das vielleicht sogar gereizt, doch jetzt sieht er sich eher einer sehr anstrengenden Aufgabe gegenüber. Kopfschüttelnd lässt er sich auf die Couch sinken, rollt sich auf den Bauch und zieht die Decke über seine Hüfte.

Anschließend schiebt er beide Arme unters Kissen, umfasst mit den Händen die beiden Glocks und schließt die Augen.

Mit seinen Sinnen tastet er noch einmal die Wohnung ab und lauscht besonders auf Geräusche im Schlafzimmer, doch es ist alles ruhig. Während sie im Badezimmer war, hat er heimlich ihr Schlafzimmer überprüft.

Es gibt dort ein Fenster, doch es ist zu weit weg vom Balkon und auch von der Feuerleiter entfernt. Sie kann die Wohnung also nur verlassen, wenn sie durch diesen Raum läuft. Und das wird er definitiv mitbekommen.

Es dauert noch eine ganze Weile, bis die Anspannung von ihm abfällt, doch dann sinkt er endlich in einen leichten Dämmerschlaf.

Not a bad dream

Als Lavinia am nächsten Tag erwacht, dreht sie sich murrend auf die Seite und schmiegt sich noch einmal in ihr Kissen. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen schweifen ihre Gedanken zur gestrigen Nacht zurück. Sie hat in diesem Club wirklich viel Spaß gehabt. Dort wird sie definitiv öfter tanzen gehen.

Plötzlich taucht in ihrer vor ihrem inneren Auge ein Gesicht auf, welches die zufriedenen Erinnerungen ruiniert.

Der Wächter.

Augenblicklich schreckt sie hoch und setzt sich im Bett auf. Der Raum ist aufgrund der heruntergelassenen Jalousien stockdunkel, also tastet sie nach ihrem Handy und checkt die Uhrzeit.

Es ist elf Uhr.

Ihr Blick wandert in Richtung Zimmertür, während sie das Handy weglegt und stattdessen die sanfte Tageslichtlampe auf ihrem Nachttisch einschaltet. Die Unterwäsche von gestern hat sie vor dem Schlafengehen gegen ihre übliche Schlafkleidung, bestehend aus einem dunklen T-Shirt von Guns N' Roses und ihren weißen Lieblingspanties ausgetauscht. Angestrengt lauscht sie in die Wohnung, kann aber nichts hören. Vielleicht ist er weg? Oder es war nur ein böser Traum. Schließlich war sie ziemlich angetrunken.

Hoffnungsvoll schiebt sie sich aus dem Bett und schleicht mit nackten Füßen zur Tür. Leise dreht sie den Schlüssel herum und drückt vorsichtig die Klinke hinunter, um beim Öffnen der Tür möglichst keine Geräusche zu machen.

Aus dem Wohnzimmer scheint ihr das Licht des Vormittags entgegen, weshalb sie kurz die Augen zusammenkneift und erst weiter schleicht, als sie sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hat.

Entgegen ihrer Hoffnung ist ihre Couch jedoch von einem schlafenden Vampir belagert.

Er liegt auf dem Rücken, eine Hand auf dem Fußboden, und scheint trotz der Helligkeit tief und fest zu schlafen. Die Decke hängt ihm nur knapp über die Hüfte und gibt einen guten Ausblick auf seinen Oberkörper frei. Auf Zehenspitzen schleicht Lavinia neugierig näher und betrachtet ihn. Seine Haut ist leicht gebräunt, ein Hinweis darauf, dass er tatsächlich ein Mischling ist.

Vorsichtig wagt sie sich zwei weitere Schritte vor und hält ihren nackten Oberarm gegen seinen Unterschenkel, der quer über der Couchlehne hängt.

Sie selbst hat einen noch etwas dunkleren Hautton als er, was ihr ein triumphierendes Lächeln entlockt. Sie hat die Sonne schon immer geliebt, ein Umstand, für den sie in ihrer Familie stets schief angesehen wurde. Nicht umsonst hat sie eine Wohnung im Dachgeschoss mit großem Balkon gewählt, auf dem sie sich nach Herzenslust sonnen kann.

Der angeblich so edle blasse Hautton, der in den Rängen der oberen Zehntausend so begehrt ist, gefällt ihr ganz und gar nicht. Sie findet eher, dass diese verstaubten Vampire aussehen, als würden sie gleich tot umkippen.

Ihr Blick gleitet weiter sein Bein hinauf, über seinen Bauch und über die mit unterschiedlichen Tätowierungen verzierte Brust.

Fasziniert betrachtet sie die kunstvoll geschwungenen Linien auf seiner Haut, die sich zu verschiedenen Mustern und Bildern verbinden.

Mutiger geworden, umrundet sie die Couch und streckt, nach einem letzten Blick in sein schlafendes Gesicht, schließlich sogar die Finger aus, um eine der Linien nachzuzeichnen.

Bevor sie seine Haut erreicht, schnellt auf einmal seine Hand vor und schließt sich wie ein Schraubstock um ihr Gelenk.

„Guten Morgen, Prinzessin“, brummt eine tiefe, verschlafene Stimme, ohne dass sich die Augen ihres Besitzers öffnen.

Vor Schreck zuckt Lavinia zurück und fällt beinahe über ihren eigenen Couchtisch. Nur Jacksons Griff bewahrt sie im letzten Moment vor dem Sturz und nach einer ersten Schrecksekunde beginnt sie an ihrem Arm zu zerren.

„Dafür, dass du hier bist, um zu verhindern, dass mich jemand anfasst, grabbelst du ganz schön oft an mir herum“, motzt sie ihn an und zieht ihren Arm beschützend an sich, als er sie endlich loslässt.

„Zumindest schleiche ich mich nicht an dein Bett, um dich im Schlaf zu befummeln“, erwidert er mit einem Schulterzucken, schiebt seine Füße auf den Boden und streckt sich einmal ausgiebig, bis es in seinem Rücken laut knackt.

„Ich hab dich nicht befummelt!“, protestiert Lavinia, dreht sich um und marschiert in ihre Küche. Wütend knallt sie mit den Schranktüren, während sie alles für einen morgendlichen Kaffee vorbereitet und schließlich auf den Knopf der Kaffeemaschine hämmert.

Erst dann dreht sie sich wieder zu dem Vampir herum, der noch immer auf ihrer Couch sitzt und zu ihr hinübersieht.

„Was?“, giftet sie ihn an und verschränkt die Arme vor der Brust. Es ist ihr unglaublich peinlich, dass er sie dabei erwischt hat, wie sie ihn anfassen wollte.

„Bist du morgens immer so fit?“, murrt er und reibt sich mit einer Hand durchs Gesicht.

„Es ist Vormittag. Aber leg dich doch ruhig noch mal ein paar Stunden hin. Ich komme gut alleine klar.“ Sie zieht die Nase kraus.

Als Antwort erhält sie nur ein herzhaftes Gähnen, durch welches seine imposanten Fänge eindrucksvoll zur Geltung kommen.

So genau hat sie sich mit männlichen Vampiren bisher nicht beschäftigt, weshalb dieser Anblick in ihr eine gewisse Faszination auslöst.

Im selben Moment fängt die Maschine neben ihr an, laut glucksende Geräusche von sich zu geben, und reißt sie aus ihrer Beobachtung.

„Also, wie läuft dein Tag ab? Hast du Arbeit?“

Die Frage lässt sie die Stirn in Falten legen, doch dann schüttelt sie den Kopf. „Wieso sollte ich? Ich bekomme alles, was ich brauche.“

„Also bestehen deine Tage aus shoppen und feiern?“

Ohne dass Lavinia genau sagen kann, wieso, löst seine Frage in ihr Unbehagen aus. Tatsächlich tut sie nichts anderes, als lange zu schlafen, shoppen zu gehen und abends zu feiern.

Freundinnen hat sie in den wenigen Tagen noch nicht gefunden, lediglich lose Bekanntschaften, mit denen sie sich verabreden könnte. Auch in dem Umfeld, in dem sie aufgewachsen ist, hat sie nicht viele Freundschaften geschlossen. Dazu ist sie schon immer zu anders gewesen.

„Ja, und? Was spricht dagegen?“, faucht sie endlich. Eingebildeter Lackaffe!

Der blonde Vampir zuckt nur mit den Schultern und stemmt sich von der Couch hoch.

„Nichts weiter. Ich will nur wissen, auf was ich mich einstellen muss.“

Während er spricht, durchquert er den Raum und steuert die Küchenzeile an, was Lavinia nervös von einem Fuß auf den anderen treten lässt.

Als er sie erreicht, lässt sie die Arme sinken und weicht einen halben Schritt zurück, bis der Kühlschrank in ihrem Rücken ihre Flucht stoppt. Jackson schlendert unbekümmert an ihr vorbei, öffnet eine Schranktür nach der anderen, bis er die Tassen gefunden hat, und nimmt sich eine heraus, um sie neben ihre zu stellen.

Dass die Maschine inzwischen still geworden ist, weil der Kaffee fertig ist, hat sie nicht bemerkt.

„Zucker?“

„Nein, ich trinke ihn schwarz“, gibt sie zurück und greift zu, als er ihr ihre Tasse reicht.

„Schwarz wie deine Seele?“, hakt er mit einem Schmunzeln nach.

„Sehr witzig“, murrt sie und nippt vorsichtig an der dunklen Flüssigkeit.

„Laut menschlichen Sagen sind Vampire Kreaturen des Bösen.“

„Menschen haben keine Ahnung. Außerdem sind sie schwach“, gibt sie zurück und zuckt mit den Schultern. „Ich bin duschen.“

Im Bad angekommen, stellt sie ihre Tasse nach einem weiteren Schluck auf der Anrichte ab und verschließt die Tür. Dann erst schält sie sich aus ihrer Schlafkleidung und stellt das Wasser an.

Während es sich erwärmt, wirft sie einen Blick in den Spiegel und zieht sich selbst eine Grimasse.

Jetzt versucht der Kerl auch noch, witzig zu sein. Darauf kann sie echt verzichten.

Mit einem leisen Seufzen steigt sie schließlich unter die Dusche. Das warme Wasser ist eine reine Wohltat.

Während sie sich neben dem Wasserstrahl stehend einseift, lässt sie ihre Gedanken wieder schweifen, um ihre Situation abzuwägen.

Sie könnte ihrer Mutter erzählen, dass er versucht hat, sie zu überfallen. Allerdings würde er dann vermutlich einfach nur gegen einen neuen Wächter ausgetauscht werden. Oder sie würde zurück ins Haus ihrer Mutter ziehen müssen. Freiheit adieu.

Vielleicht könnte sie aber auch versuchen, den Wächter auf ihre Seite zu ziehen.

Wenn sie ein bisschen netter zu ihm ist, drückt er vielleicht ein Auge zu und tritt einen Schritt zurück.

Nachdenklich schäumt sie sich ihre Haare mit dem Vanilleshampoo ein, das sie so liebt, und schließt die Augen, während sie es wieder ausspült.

Als sie schließlich mit dampfender Haut aus der Dusche tritt und nach ihrem Handtuch angelt, steht ihr Entschluss fest. Sie wird versuchen, den Wächter um den Finger zu wickeln und ihn auf ihre Seite zu ziehen.

~

Mit der Kaffeetasse in der Hand lehnt Jackson an der Küchenanrichte und scrollt durch die Nachrichten in seinem Handy. Bruce hat einen neuen Großkunden in Russland an Land gezogen. Silvana fragt, wann er wieder zurück nach Hause kommt, und auch sein Ziehvater Franklin will wissen, ob er ihn dieses Jahr noch einmal zu Gesicht bekommen wird.

Ein sehnsüchtiges Lächeln umspielt seine Lippen, während er die Nachrichten liest, welches sich in ein leises Lachen verwandelt, als er den Bildanhang öffnet, den Silvana ihm mitgeschickt hat.

Offensichtlich war sie Unterwäsche shoppen.

Als sich die Tür zum Bad wieder öffnet, legt er sein Handy beiseite und führt die Tasse an den Mund. Der Schluck bleibt ihm allerdings fast im Hals stecken, als Lavinia, nur in ein Handtuch gewickelt und mit tropfenden Haaren, aus dem Badezimmer tritt.

In einer Hand hält sie ihre Klamotten und auf ihren Lippen liegt ein so freundliches Lächeln, dass er sofort misstrauisch wird.

„Ich gehe immer in einem Café hier um die Ecke frühstücken. Ich schätze mal, du willst mitkommen? Die haben da ein tolles Buffet, bis 13 Uhr sogar.“

Immer noch misstrauisch bemüht er sich, seinen Blick nicht von ihrem Gesicht über ihren halbnackten Körper wandern zu lassen, und legt schließlich den Kopf leicht schief. „Klingt gut. Ich muss mich nur noch anziehen.“

Lavinias Lächeln wird noch eine Spur breiter, als sie nickt. „Sehr gut. Ich mach mich auch fertig. Bis gleich.“

Damit dreht sie sich auf dem Absatz um, marschiert in ihr Schlafzimmer zurück und schließt die Tür.

Überrascht von diesem plötzlichen Gemütsumschwung bleibt Jackson zurück, stellt die Kaffeetasse auf die Ablage und schlendert hinüber zur Couch.

Mit ein paar schnellen Griffen befördert er frische Klamotten aus seiner Reisetasche und zieht sich in aller Ruhe um.

Anscheinend hat sie beschlossen, ihre Taktik zu wechseln. Das kann ja noch heiter werden.

~

„Sag mal, duschst du eigentlich nie?“

Inzwischen sind sie auf der Straße und schlendern in Richtung des Cafés, von dem Lavinia gesprochen hat.

Jackson hat seine Augen, genau wie sie, hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen.

„Ich dusche, wenn du nicht damit rechnest“, gibt er über den Lärm hinweg zurück und wirft ihr einen Blick durch die dunklen Gläser zu.

„Alternativ kann ich dich auch im Bad anketten, solange ich nicht auf dich aufpassen kann.“

Lavinia stößt ein abfälliges Schnauben aus und wendet den Blick ab.

Ihre Stirn liegt in Falten, als würde sie angestrengt nachdenken, doch anstatt wie sonst zu protestieren, stellt sie ihm lieber eine Frage. „Für wie lange wurdest du denn gebucht? Ich meine ... bist du für 'ne Woche hier ... oder einen Monat?“ Etwas hoffnungsvoller fügt sie hinzu: „Oder ein, zwei Jährchen?“

„Sind wir bald in diesem Café?“, antwortet er genervt und bleibt stehen. Dadurch zwingt er auch sie, stehen zu bleiben, damit sie sich in dem morgendlichen Treiben nicht verlieren.

„Du stellst schon wieder Gegenfragen“, weist sie ihn auf das Offensichtliche hin.

Er wirkt unruhig und offensichtlich fühlt er sich in der Menge nicht wohl, auch wenn um ihn herum stets ausreichend Platz herrscht.

Niemand würde es wohl wagen, ihn anzurempeln.

Er ist groß und gutaussehend, aber das ist es nicht.

Den meisten würde es in dieser Menschenmenge nicht einmal auffallen.

Es ist seine Ausstrahlung.

Seine Waffen hat er gut verborgen, auch wenn sie vorhin gesehen hat, wie er sie anlegte, und trotzdem spürt man irgendwie, dass er sehr gefährlich werden kann.

Selbst die Menschen um sie herum, mit ihren teilweise bis zur Nutzlosigkeit abgestumpften Sinnen, spüren diese warnende Aura, die ihn wie ein Schatten umgibt.

„Es ist das da. Am Ende der Straße.“ Ohne den Blick aus seinem Gesicht zu nehmen, deutet sie mit der Hand die Straße hinunter. Er macht nämlich nicht den Eindruck, als würde er ihr irgendetwas beantworten, solange sie nicht von der Straße runter sind.

Ihrem Fingerzeig folgend, dreht er den Kopf, sodass sie nun sein Profil betrachten kann.

Seine Haare sind mittelblond, nicht zu hell und nicht zu dunkel und auf seinen Wangen liegt der leichte Schatten eines Dreitagebarts. Die Sehnen an seinem Hals gehen in einen starken Nacken und breite Schultern über, die von einer schwarzen, sportlich geschnittenen Jacke verdeckt werden. Wäre da nicht diese finstere Ausstrahlung, könnte man ihn glatt für ein Fitnessmodel halten.

Erst als er die Sonnenbrille abnimmt und sie aus faszinierend blauen Augen direkt ansieht, bemerkt sie, dass sie ihn immer noch anstarrt.

„Suchst du was Bestimmtes, Prinzessin?“, neckt er sie schmunzelnd.

Lavinia spürt, wie sie unter ihrem Make-up rot anläuft. „Noch immer einen Weg, um dich loszuwerden“, reagiert sie zickig, wendet sich mit einem Ruck ab und marschiert direkt auf das Café zu.

Jacksons sieht ihr nach, wie sie wild entschlossen die Straße hinunterstapft. Dann schüttelt er den Kopf, schiebt die Sonnenbrille wieder auf die Nase und folgt ihr.

Das Café ist ziemlich überfüllt, doch sie haben das Glück, dass eine Gruppe kichernder Frauen gerade im Aufbruch ist, als sie ankommen.

Wenig später sitzen beide vor ihren gefüllten Tellern und frühstücken.

Lavinia wirft ihm immer wieder verstohlene Blicke zu, während sie ihr Croissant zerpflückt.

„Woher kommst du eigentlich?“ Ihr Hauptanliegen ist es immer noch, ihn über ihren Vormund und einen eventuellen Ehekandidaten auszufragen, doch mit der direkten Konfrontation ist sie bei ihm bisher immer gegen eine Wand gerannt.

Jackson schaufelt sich eine Gabel Rührei in den Mund und rupft ein Stück von seinem Brötchen ab, um es hinterherzuschieben. Ein überraschter Ausdruck huscht über sein Gesicht, als sie ihre Frage stellt. „Aus Frankreich.“

Lavinia nickt. „Hab ich mir gedacht. Du hast einen leichten Akzent. Warum heißt du dann Jackson? Ich meine ... das ist nicht sehr französisch.“

Jackson schmunzelt. „Dein Name ist auch nicht sonderlich amerikanisch“, kontert er und ergänzt: „Heutzutage zerfließen die Grenzen doch ohnehin. Englisch klingende Namen verbreiten sich immer mehr.“

Er bricht ein weiteres Stück vom Brötchen ab und schiebt es sich zwischen die Lippen. Kauend betrachtet er sie, als würde er erwarten, dass sie weitere Fragen stellt oder zumindest eine schlagfertige Antwort parat hat.

„War es denn schon 'heutzutage', als du deinen Namen bekommen hast?“

Immerhin ist er ein Vampir, was bedeutet, dass er Anfang 30, aber auch über 200 Jahre alt sein kann. Optisch würde es keinen Unterschied machen.

„Touché.“ Seine weißen Zähne blitzen unter seinem Lächeln auf, ehe er die Kaffeetasse anhebt, um es dahinter zu verbergen. In aller Ruhe nimmt er einen Schluck der schwarzen Flüssigkeit, ehe er sich erneut seinem Rührei widmet.

Lavinia wartet ein paar Augenblicke, ob sie eine Antwort auf ihre letzte Frage erhält, ehe sie mit den Augen rollt und eines der abgerupften Croissantstückchen in den Marmeladenklecks auf ihrem Teller tunkt.

„Mit dir ein Gespräch zu führen ist schweißtreibender als jede Cardioeinheit“, murrt sie und lässt die süße Speise zwischen ihren vollen, geschwungenen Lippen verschwinden.

Auch darauf antwortet Jackson nicht, aber so wirklich hat sie das auch gar nicht mehr erwartet.

Inzwischen ist ihr auch die Lust vergangen, es noch einmal mit ihren eigentlichen Fragen zu versuchen, weshalb sie beschließt, den Rest ihrer guten Laune zu retten und die Fragestunde einfach auf ein andermal zu verschieben.

„Ich gehe heute Abend übrigens feiern. Ist sportlich-lässig das Einzige, das du zum Anziehen hast?“, erwähnt sie beiläufig und lässt ihren Blick nun ganz offen über seinen Oberkörper gleiten.

Jackson lehnt sich im Stuhl zurück und schiebt seinen leeren Teller von sich. „Was gefällt dir daran nicht?“

„Dein Kleidungsstil ist mir egal“, beeilt sie sich einzuwerfen. Dann knickt sie ihre Finger ein und betrachtet scheinbar interessiert ihre Fingernägel. Der rote Lack, den sie gestern Mittag aufgetragen hat, ist nach wie vor perfekt. Der Topcoat war sein Geld wirklich wert. „Aber ich schätze der Türsteher sieht es etwas anders. Wir sollten vorher also noch shoppen gehen.“

„Lass den meine Sorge sein“, gibt Jackson unbekümmert zurück.

„Und was wäre, wenn ich dir sage, dass ich mich so nicht mit dir sehen lassen will?“, wird sie nun direkter und sieht ihm provokant wieder in die Augen.

„Was wäre, wenn ich dir sage, dass wir dann den Abend zu Hause verbringen, weil ich nicht als deine Anziehpuppe hier bin?“

Lavinia rollt mit den Augen und lehnt sich ebenfalls zurück. „Stimmt ja. Du bist nur der Babysitter."

„Wächter.“

„Babysitter.“

„Und du bist das Baby?“

„Du kannst mich mal.“

„Eben nicht. Sonst wär ich nicht hier.“ Jackson grinst nun so breit, dass seine Fänge fast sichtbar werden.

Wieder steigt die Hitze in Lavinias Wangen auf. Und nicht nur da, wie sie erschrocken feststellt, als sie sich seine Anspielung bildlich auszumalen beginnt.

Plötzlich unruhig, setzt sie sich wieder auf und greift nach ihrer Clutch, um das Geld hervorzuholen.

„Ich zahle“, legt sie fest, lässt fünfzig Dollar auf dem Tisch zurück und erhebt sich.

Es wird höchste Zeit, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, da ihr Gespräch anfängt, Reaktionen in ihr auszulösen, die ihr nicht geheuer sind. „Können wir los?“

Jackson nickt und erhebt sich ebenfalls, lässt seinen Blick aber nun aufmerksam durch den Laden schweifen, ehe er sich hinter dem Tisch hervorschiebt.

Gute Güte, es wird sie schon niemand am helllichten Tag bespringen!

Als sie wieder auf der Straße steht, atmet sie einmal tief durch, legt den Kopf in den Nacken und schließt für einen Moment die Augen, um sich die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen.

Sobald sie seine Gegenwart spürt, lässt sie den Kopf sinken und setzt sich ihre schwarze, übergroße Sonnenbrille wieder auf die Nase.

Dann setzt sie sich mit sicheren Schritten in Bewegung – in Richtung Innenstadt.

„Zu deiner Wohnung geht‘s da lang“, erklingt seine Stimme hinter ihr.

---ENDE DER LESEPROBE---