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Der Blutwolf Darian sucht seinen Platz in der Welt. Das Gefühl seiner eigenen Unzulänglichkeiten erschwert die Suche und erlaubt ihm eigentlich nur einen einzigen Ausweg: Die Aufnahme in einem Rudel, um dort für Nachkommen zu sorgen. Aber wird ihn das wirklich glücklich machen? Als Sohn einer Vampirin und eines Blutwolfs existiert Darian zwischen den Welten. Weder gehört er zur hochklassischen Gesellschaft der Vampire, noch akzeptiert ihn das Rudel seines Vaters. Die Blutwölfin Léa ist seine Chance auf einen Neuanfang. Um seinen Platz in ihrem Rudel zu finden, muss er aber erst den an ihrer Seite erobern. Léa ist sich ihrer Verantwortung bewusst. Als letzte junge Wölfin im Rudel ist es an ihr, für Nachwuchs zu sorgen. Trotzdem will sie keine Partnerschaft eingehen, nur um eine Pflicht zu erfüllen. Sie will echte Liebe. Und sie ist sich nicht sicher, ob sie die an Darians Seite finden kann … Savage - Vampire, Werwölfe und andere Kreaturen Die Romantasy Serie Savage besticht durch tiefe Gefühle, gut platzierten Humor und spritzigeDialoge. In einer Welt neben unserer, in der die gut situierten Vampire das Sagen haben, müssen die Regeln manchmal gebrochen werden, um das Richtige zu tun. Verträge können dich schützen oder verdammen. Und manchmal ist ein Fremder deine letzte Hoffnung. Das Savage-Universum Wusstest du, dass Vampire, Werwölfe, Blutwölfe und alle möglichen Mischlinge unerkannt unter den Menschen leben? Im Savage-Universum existieren all diese paranomalen Kreaturen – teilweise in ihrer eigenen Gesellschaft, teilweise als direkte Nachbarn der Menschen. Außerdem gibt es da noch die Vatrá und die Ratnik, vampirähnliche Feuerbestien und Schattenkrieger, die sich von den Menschen und anderen Supernaturals fernhalten. Sie leben in ihrer eigenen Welt und hüten sich davor, die unsere zu betreten. Und genau das macht unsere Welt zu einem sicheren Hafen für den gefährdeten Prinzen ... Sohn des Alphas ist der fünfte Teil einer 9-bändigen Romantasy Reihe mit Vampir Liebe, Blutwölfen (Mischlingen aus Vampir und Werwolf) und mehr.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Glossar
Bloodwolves in the Woods
Unlived Memories
Trouble Brewing
New Warriror in Town
Jeez Guys!
Hunting Wolves
Don’t you care?
Village Party
Take me to Paris to Dance
Fight but don’t look
Old Silver
Souls of the Night
Wolves and Water
Shades Mission
The Tourist
Glimpse into the Dark
Shopping Trip
Doubts
Late Night Advice
La Tramp
We have to talk
Dating Vampires
Rebound Sex
Thief in the Night
Killers & Cookies
What did just happen?
I’m gonna do it
Epilog – Never again
Danksagung
Die stonebooks-Community
Alle Romane von Ally J. Stone
Über die Autorin
Impressum
Savage 5
Sohn des Alphas
1. Auflage © 2022, Berlin, Ally J. Stone
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf ohne schriftliche Zustimmung
der Autorin nicht kopiert, vertrieben oder verwendet werden.
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Coverdesign
Jaqueline Kropmanns
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Lektorat
Buch wurde lektoriert
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Korrektorat
Schreibmanufaktur
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Autorenwebseite
www.stonebooks.de
Das Herz hat seine Gründe,
die die Vernunft nicht kennt.
Blaise Pascal
Arec: In der Sprache der Vatrá bedeutet das Wort so etwas wie ‚Prinz‘ oder ‚kommenderHerrscher‘. Hin und wieder wird es auch als Kosename verwendet.
Arnunta: Feier zum 50. Hochzeitstag
Blutwolf: Ein Blutwolf stammt zur Hälfte von einem Werwolf, zur anderen Hälfte von einem Vampir ab. Sie haben die Fähigkeit, sich in einen Wolf zu verwandeln, müssen aber – wie ein Vampir – auch Blut zu sich nehmen, weil sie auf die Nährstoffe darin angewiesen sind. Blutwölfen wird nachgesagt, eine besonders brutale Rasse zu sein, die abgeschottet in kleinen Rudeln lebt. Da es nicht viele Exemplare ihrer Spezies gibt, gehen junge Wölfe immer wieder auf Wanderschaft, um sich anderen Rudeln anzuschließen und dort frisches Blut in den Genpool zu bringen.
Dyn: Männlicher Gefährte
Ein Leben für ein Leben: Dies ist ein Gesetz, nachdem ein Vampir ein Leben schuldet, wenn er das Leben eines anderen nahm. Es kann aber auch so ausgelegt werden, dass dem Vampir ein Leben zusteht, wenn er jemanden gerettet hat. Zum Beispiel kann dann die Tochter des Geretteten eingefordert werden. Die Schuld ist vererbbar, solange, bis sie eingelöst wurde oder der, dem das Leben zusteht, stirbt.
Puppet: In Ungnade gefallener Vampir oder Vampirin, die in die Sklaverei verkauft oder in dieser geboren wurde. Heutzutage sind Puppets seltener als früher, aber es kommt immer noch vor – und ist nach vampirischem Recht auch immer noch legal. Eine Puppet steht ihren Besitzern mit Blut und Körper zur Verfügung, verrichtet niedere Arbeiten und besitzt keinerlei eigene Rechte oder Besitz. In der Regel wird nur in den höheren Klassen der Vampire mit Puppets gehandelt, in mittelständigen Haushalten kommen sie nicht vor.
Ratnik: Die Ratnik sind Schattenwesen. Der Legende nach stammen sie von den Vampiren ab, haben sich im Laufe der Zeit jedoch in eine andere Richtung entwickelt. So bilden sie zwar ebenfalls Fangzähne aus, sind in ihrer Ernährung aber nicht auf Blut angewiesen. Für sie ist das Trinken eher ein Kick, der besonders bei jugendlichen Ratniks sehr beliebt ist. Seit Jahrtausenden gehen aus ihren Reihen die tödlichsten Krieger der Erde hervor. Sie leben sehr im Einklang mit der Natur und deren Magie, weshalb sie eng mit den Vatrá verbunden sind. Für einen Ratnik-Krieger ist es eine große Ehre, zum Schutz eines Vatrá ausgewählt zu werden.
Udar molotka: Übersetzt bedeutet es ‚Schlag des Hammers‘ und beschreibt einen uralten vampirischen Brauch in Russland. Wenn einem Vampir Unrecht getan wurde, schickt er dem Verursacher einen Fluch in Form einer Münze. Dieser Fluch wird den Verursacher und seine Familie heimsuchen, bis die Schuld beglichen ist und der, dem Unrecht getan wurde, die Münze aus freien Stücken zurücknimmt. Unter den moderneren Vampiren ist dieser Brauch aus der Mode gekommen, die alten Familien besinnen sich jedoch noch darauf und wenden ihn hin und wieder an.
Vatrá: Die Vatrá sind eine uralte Rasse von Feuerwesen. Sie werden nicht nur unglaublich alt, sondern pflanzen sich auch nur sehr selten fort, weshalb ihre Zahl gering ist. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Feuer zu erschaffen und zu beherrschen, gelten sie als eine der letzten magischen Rassen der Erde. Die Macht ihrer Königin geht über die übliche Feuermagie hinaus – sie ist in der Lage, Seelenmagie zu wirken. Um den Schutz der wenigen lebenden Vatrás zu gewährleisten, wird bei jeder entstehenden Schwangerschaft ein Ratnik-Krieger erwählt, der die schwangere Vatrá begleitet und das Kind vom Augenblick seiner Zeugung bis zu dessen Tod beschützt.
Vorsichtig und leise setzt Darian einen Fuß vor den anderen. Der kühle Wind streicht ihm über die Haut, während er nackt durch den nächtlichen Wald schleicht. Seine Sinne sind bis aufs äußerste gespannt.
Er weiß, dass sie hier irgendwo ist.
In der Dunkelheit auf ihn lauert.
Hinter einem Baum bleibt er stehen und drückt sich mit dem Rücken gegen den Stamm, um so gut wie möglich mit den Schatten der Nacht zu verschmelzen.
Den Kopf leicht angehoben, saugt er die Luft tief in seine Lungen und versucht, alle möglichen Düfte aus seiner Umgebung herauszufiltern.
Er riecht den schweren, aber angenehmen Duft der Tannen, das feuchte Laub und die Rinde hinter ihm.
Mit geschlossenen Augen lauscht er, vernimmt aber nur hin und wieder das Knacken von Ästen und das Getrappel kleiner Pfoten.
Keines der Geschöpfe, die ihn umgeben, hat auch nur annähernd die Größe eines Blutwolfes.
Sein Herz klopft aufgeregt, als er sich wieder vom Baum löst und seinen Weg fortsetzt.
Er liebt die Jagd.
Inzwischen ist er seit ein paar Tagen mit Léa im Wald, nur sie beide, abgeschirmt von allem anderen.
Trotzdem wandern Darians Gedanken immer wieder zu seiner Zwillingsschwester Love, die sich noch immer mit diversen gefährlichen Typen umgibt.
Am liebsten würde er zu ihr reisen und sie zu sich holen. Es würde ihr guttun, in einem Rudel zu leben.
Aber er hat Léa versprochen, diese Zeit mit ihr zu verbringen, damit sie sich besser kennenlernen können. Also schiebt er die Gedanken an Love beiseite und konzentriert sich wieder auf seine Suche.
Als er den Brombeerbusch in der Nähe ihres Zeltes erreicht, bleibt er stehen. Er kann den anderen Wolf noch immer nicht wittern. Also streckt er die Hände aus und pflückt einige der Beeren.
Gerade als er sich eine davon in den Mund stecken will, hält er inne und schnuppert.
Léas Wolf kann er nach wie vor nicht riechen, aber dafür liegt plötzlich ihr menschlicher Duft in der Luft.
Darian hat sich so auf ihre Wolfsgestalt konzentriert, dass er gar nicht darauf gekommen ist, dass sie sich auch zurückverwandelt haben könnte.
Als der Wind sich dreht, wird ihr Duft augenblicklich stärker.
Sie ist hinter ihm.
Er wirbelt herum, doch in dem Moment springt Léa ihn bereits an.
Darian schafft es gerade noch, sie aufzufangen, bevor sie beide zu Boden gehen.
„Uff“, macht er, als er mit ihr auf dem Waldgrund aufschlägt.
Léa versenkt mit einem triumphierenden Knurren ihre Fänge in seinem Hals und beginnt zu trinken.
Mit einem amüsierten Ausdruck im Gesicht schließt Darian seine Arme enger um sie. „Du hast gewonnen“, stellt er fest.
Léa knurrt erneut und beißt noch fester zu.
Darian saugt scharf die Luft ein und bohrt seine Fingerspitzen in ihren Rücken. Seine erwachende Erregung presst sich fordernd gegen ihren Unterleib.
Es ist das erste Mal, dass sie – oder überhaupt jemand – von ihm trinkt. Er hat nicht damit gerechnet, dass es sich so gut anfühlt.
Als Léa schließlich von ihm ablässt und sich aufsetzt, kribbelt sein ganzer Körper vor Lust. Darian rappelt sich auf die Ellbogen hoch und lässt seinen Blick über ihren nackten, vom Mondlicht beschienenen Körper wandern. Bis hin zu der Stelle, an der sie direkt auf seinem Ständer sitzt.
Er kann spüren, wie feucht sie ist.
„Irgendwie sind unsere ersten Male alle ziemlich unspektakulär. Ich hoffe, der Sex reißt es wieder raus.“ Er wippt mit den Augenbrauen.
Léa lacht und leckt sich über die Lippen. „Ich hab dich vor dem Biss auf der Jagd zur Strecke gebracht. Was könnte spektakulärer sein?“
Darian schmunzelt. „Punkt für dich.“
„Willst du auch?“ Sie zieht ihre langen Haare über die rechte Schulter nach vorn und legt ihre linke Halsseite frei.
Mit einer schnellen Bewegung wirft Darian sich mit ihr herum und begräbt sie unter sich. Noch in der Drehung bringt er seine Hand an ihren Hinterkopf und fängt sie ab, ehe er sie vorsichtig auf den Boden gleiten lässt.
Mit der anderen Hand stützt er sich neben ihr ab.
Ein dunkles Grollen steigt in seiner Brust auf.
Léa windet sich unter ihm, schlingt die Beine um seine Hüfte und drückt ihm ihren Oberkörper entgegen. Ihre Fänge blitzen zwischen ihren leicht geöffneten Lippen hervor. Begleitet von einem rauen Knurren vergräbt sie ihre Nägel in seinem Rücken und präsentiert ihm ihre freie Halsseite.
Darian flucht leise. Am liebsten würde er gerade noch sehr viel mehr tun, als nur von ihr zu trinken.
Aber sie haben nichts zur Verhütung dabei und Léa hat ihm ziemlich deutlich klar gemacht, dass sie erst Kinder will, wenn sie das Gefühl hat, ihm vertrauen zu können.
„Du zögerst“, stellt sie fest und sieht ihn fragend an.
„Ich halte mich zurück.“ Er senkt den Kopf und setzt einen sanften Kuss auf ihre Lippen. „Wir haben keine Kondome dabei.“
Léa seufzt. „Ja, das war im Nachhinein betrachtet nicht sehr klug.“
Darian lacht leise und Léa streicht ihm mit der Hand sanft durchs Haar. „Willst du zurück ins Dorf?“, fragt sie.
Darian zieht sich ein Stück zurück und betrachtet sie. „Willst du denn schon zurück?“
„Ich hatte Spaß in den letzten Tagen. Aber ich würde gern herausfinden, wie wir im Alltag klarkommen“, antwortet Léa. Sie streicht mit dem Daumen über seine Schläfe. „Und ich weiß, dass du bald durchdrehst, wenn du deine Schwester nicht anrufen kannst.“
Darian senkt den Kopf wieder und verteilt ein paar Küsse auf ihrem Hals. „Also morgen?“
Sie nickt. „Morgen.“
Darian knurrt zufrieden und streicht mit seinen Fängen über ihren Hals.
Er kann spüren, wie sich ihre Brustwarzen aufrichten und sich gegen seinen Oberkörper pressen.
Das lustvolle Prickeln in seinen Lenden wird stärker.
Léa schließt ihre Schenkel fester um seine Hüfte und stupst ihn leicht mit ihrem Becken an.
„Wir gehen nie wieder ohne Gummis aus dem Haus“, murrt er. Dann drückt er seine Fänge in ihren Hals und beginnt zu trinken.
***
„Hier.“ Darian legt Léa eine Decke um die Schultern und setzt sich in den Campingstuhl neben ihrem.
Schmunzelnd zieht Léa den Stoff vor ihrer Brust zusammen und lehnt sich in ihrem Stuhl zurück. „Bist du sicher, dass du sie nicht eher brauchst? Du hast nur eine Hose an“, neckt sie ihn.
Der Frühling ist inzwischen fast vorbei, aber die sommerlichen Temperaturen lassen noch etwas auf sich warten. Da er nur ein Hybrid ist, kommt er nicht ganz so gut mit Kälte klar, wie die anderen Blutwölfe. Was für die natürlich ein gefundenes Fressen ist, um ihn aufzuziehen.
Darian rollt mit den Augen und seufzt. „Und du trägst nur ein T-Shirt, das dir drei Nummern zu groß ist und nach Julien riecht“, merkt er an.
Das ist ihm auch in den letzten Nächten aufgefallen, aber bisher konnte er sich einen entsprechenden Kommentar dazu verkneifen.
„Ja, es ist auch von ihm.“ Sie lächelt und streicht über den Stoff. „Julien hat es mir gegeben, als ich damals mit meiner Schwester nach Amerika aufgebrochen bin. Damit ich mich da nicht so allein fühle.“
Darian hebt eine Augenbraue. „Warst du nicht mit deiner Schwester zusammen?“
Léa gluckst. „Ja. Vermutlich wollte er in Wirklichkeit nur nicht, dass ich ihn vergesse.“
„Wie heißt deine Schwester noch mal?“
Léa wirft ihm einen strafenden Blick zu. „Elodie, Blödmann.“
„Ich erinnere mich.“
Sie tritt mit dem nackten Fuß leicht gegen seinen Unterschenkel. „Sicher?“
Darian beugt sich vor, greift nach ihrem Gelenk und hebt ihren Fuß auf seinen Schoß. „Ja. Du hattest ihren Namen aber bisher nur einmal erwähnt.“ Er pflückt ein Blatt zwischen ihren Zehen hervor und wischt etwas Erde von ihrer Sohle, ehe er anfängt, ihren Fuß zu massieren.
Léa seufzt zufrieden. „Und danach den anderen“, fordert sie und kuschelt sich noch ein wenig mehr in die Decke.
„Wie Ihr wünscht“, zitiert Darian aus Die Braut des Prinzen und grinst schief zu ihr rüber.
„Du musst aufhören, mit Julien alte Filme anzusehen.“
„Schau du doch einfach mit.“
„Niemals. Das kann schön euer Ding bleiben.“
Darian antwortet nicht mehr, sondern konzentriert sich auf die Fußmassage. Eine angenehme Stille breitet sich zwischen ihnen aus, die nur hin und wieder durch die Geräusche des nächtlichen Waldes durchbrochen wird.
Als er ihren Fuß absetzt und sie ihm den anderen entgegenstreckt, verrutscht die Decke, weshalb ihm wieder Juliens Duft um die Nase weht.
Darian atmet ihn ein. „Warum riecht das Shirt eigentlich immer noch nach ihm? Dass du in Amerika warst, ist doch schon eine ganze Weile her.“
Léa hat inzwischen die Augen geschlossen. „Er schläft hin und wieder darin, um den Duft zu erneuern. Immer, wenn ich es gewaschen habe. Das hat sich zwischen uns so eingependelt.“
„Und du bist dir sicher, dass da zwischen euch nie was gelaufen ist, oder laufen wird?“ Dass sie umgeben von Juliens Duft schlafen geht, kommt ihm ziemlich intim vor.
Léa öffnet die Augen, neigt den Kopf leicht zur Seite und betrachtet ihn. „Bist du eifersüchtig?“
„Nein. Ich will nur wissen, woran ich bin.“
Sie schmunzelt. „Also wenn ich was mit ihm und mit dir hätte, wäre das okay, solange du davon weißt? Lässt sich das auch auf andere Kerle ausweiten?“
Darian schnaubt. „Wieso, hast du so viele davon im Sinn?“
„Nein. Nur drei oder vier.“
Darian schnippt ihr mit den Fingern gegen die Fußsohle.
„Autsch!“ Léa lacht und entzieht ihm ihren Fuß. „Blödmann!“
Sie schiebt ihren Fuß zurück auf seinen Schoß. „Aber mach trotzdem weiter“, fügt sie mit sanfter Stimme hinzu.
Darian lacht leise. „Ich ahne, was da auf mich zukommt.“
Léa zuckt mit den Schultern. „Du wolltest es unbedingt haben. Und um deine Frage zu beantworten: Nein, ich habe nichts mit Julien und das wird auch nie passieren. Wir sind eher wie Geschwister. Es ist ein bisschen wie mit dir und Love. Unsere Verbindung ist eng, aber da ist nichts Sexuelles.“
Sie mustert ihn einen Moment. „Und woran bin ich bei dir?“
„Was meinst du? Ich hab keine anderen Frauen erwähnt.“
„Ich meine, was du bei mir und beim Rudel willst. Bist du bei uns, weil wir in der Nähe von Love leben oder ... willst du auch aus anderen Gründen bei uns bleiben? Ich meine abgesehen von der Fortpflanzung, auf der du ständig rumreitest.“
Er schweigt eine Weile, ehe er antwortet. „Ich hatte in meinem alten Rudel nicht das Gefühl, wirklich weiterzukommen. Eine Partnerin war nicht verfügbar und es ist schon eine ganze Weile kein neuer Wolf mehr zu uns gekommen. Und dann ... war da Love. Sie ist weggegangen und ich wollte sie nicht gleich wieder verlieren. Es hat sich angeboten, mit ihr zu gehen und zu sehen, was ich hier in Frankreich so finde.“
„Warum bist du nicht ganz bei Love geblieben?“
Darian verzieht das Gesicht. „Weil sie unter Vampiren lebt. Das ist keine Option.“
„Du bist ein halber Vampir.“
„Erinner mich nicht daran.“
„Aber wärst du nicht zufriedener, wenn du jeden Teil von dir akzeptierst?“, fragt sie.
Darian rümpft die Nase. „Verdrängen funktioniert auch ganz gut.“
Léa seufzt und Darian streicht ein letztes Mal über ihren Fuß, ehe er ihn absetzt.
„Ich suche lieber Anschluss bei anderen Wölfen“, sagt er schließlich.
Léa betrachtet ihn einen Moment. „Du suchst eine Familie.“
Er nickt. „So was in der Art. Ich brauche einen Ort, an den ich immer gehen kann und der nicht weit weg ist von Love.“
Sie schmunzelt. „Also eine Familie.“
„Eine Familie ist kein Ort.“
„Aber zu einer Familie kannst du immer hingehen. Sie ist jeder Ort, an dem sie sich aufhält.“
Darian schweigt wieder und schließlich steht Léa auf und setzt sich auf seinen Schoß. Der Campingstuhl ächzt leise, weil er nicht für das Gewicht von zwei Erwachsenen ausgelegt ist.
Er legt die Arme um ihre Taille. „Ich will, dass das mit uns funktioniert. Und dass wir uns nicht irgendwann auf den Sack gehen“, sagt er.
„Oh ja, das ist ein guter Plan. Wenn Blutwölfe sich gegenseitig auf den Sack gehen, ist das nicht schön.“ Sie streicht ihm durchs Haar und krault seinen Nacken. „Love kommt zu Besuch, wenn wir zurück sind, oder?“
„Ja. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich dann melde. Sie wird sich freinehmen.“
„Ich freue mich schon darauf, sie kennenzulernen. Auch wenn ich dich durch sie immer mit jemandem teilen muss“, stichelt sie mit einem Lächeln auf den Lippen.
Zu Beginn ihrer gemeinsamen Zeit hat dieser Umstand für ziemliche Spannungen gesorgt. Dass er das Dorf ständig verlassen hat, um bei seiner Schwester zu sein, hat Léas Vertrauen in seine Loyalität dem Rudel gegenüber nicht gerade gestärkt.
Aber während ihrer Zeit hier im Wald sind sie zusammengewachsen und inzwischen scheint sie es mit mehr Humor zu nehmen.
„Mir geht es mit dir und Julien nicht anders“, erinnert er sie. „Und dein Kerl wohnt mit im Dorf.“
Léa schnaubt und schnippst gegen seine nackte Brust. „Als ob. Seit ihr zusammen wohnt, hast du mir total den Rang abgelaufen.“
„Mir borgt er keine T-Shirts, die nach ihm riechen.“
„Von wegen. Neulich hattest du eins von ihm an.“
„Ich hatte noch nicht gewaschen“, verteidigt er sich.
Julien hatte seinen Kram noch nicht weggeräumt und er hatte losgemusst, um sich mit Léa zu treffen. Da hatte es sich angeboten, einfach Juliens T-Shirt zu stibitzen und loszugehen.
„Okay ... einigen wir uns darauf, dass wir ihn uns teilen“, gluckst Léa und schmiegt sich gegen ihn.
„Was ist das eigentlich mit ihm? Wenn er dich nicht möchte, warum ist er dann noch nicht losgezogen, um ein neues Rudel zu finden? Oder zumindest eine Wölfin, die er mit nach Hause bringen kann?“ Diese Frage geistert schon eine ganze Weile durch seinen Kopf.
„Weil er noch nicht den Drang hatte, loszuziehen und das zu tun“, erwidert Léa.
„Ich glaube, da werde ich ihn nie verstehen. Ich wollte schon lange los und wenn Dad Love nicht ins Spiel gebracht hätte, wäre ich wohl früher weggewesen.“
„Vielleicht liegt das daran, dass du ein Hybrid bist.“
Darian schüttelt den Kopf. „Nein, Vampire haben diesen Drang nicht. Bei denen geht es eher darum, möglichst ungevögelt zu heiraten.“
Léa schnaubt. „Es geht darum, dass die Frauen ungevögelt heiraten, ja. Bei den männlichen Vampiren sieht das anders aus.“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich glaub, eine Tradition ohne ein bisschen Doppelmoral ist keine richtige Tradition.“
„Das meinte ich aber nicht“, greift Léa das ursprüngliche Thema wieder auf. „Manchmal ... hat man das Gefühl, nicht dazu zu gehören. Einige kompensieren das damit, dass sie sich unbedingt nützlich machen wollen. Und andere klinken sich ganz aus und versuchen dafür an anderer Stelle ihr Bestes.“
Er runzelt die Stirn. „Findest du, ich gehöre nicht zu euch?“
„Denkst du denn, dass du nicht zu uns gehörst?“
Darian überlegt einen Moment. „Ich bin mir nicht sicher. Manchmal fühle ich mich anders. Wenn ich früher Durst habe als alle anderen zum Beispiel.“ Im Gegensatz zu Vampiren sind Blutwölfe nicht so oft auf Blut angewiesen, weshalb es in einem Rudel auffällt, wenn er öfter welches braucht als die anderen.
„Vielleicht willst du dich deshalb unbedingt fortpflanzen. Um ganz dazuzugehören“, vermutet Léa.
Er hebt die Schultern. „Kann sein.“
Léa legt eine Hand auf seine Wange und dreht sein Gesicht sanft in ihre Richtung. „Wenn du dich ins Rudel eingliederst und am Alltag teilnimmst, gehörst du auch so zu uns. Ohne dass du mich schwängern musst“, sagt sie leise und setzt einen kurzen Kuss auf seine Lippen.
„Aber meine Gene wollt ihr trotzdem“, erwidert er trocken.
Sie schmunzelt. „Es ist ein netter Zusatz.“
Darian streicht ihr mit den Fingerspitzen über die Wange. „Du sagtest, dass manche sich ganz ausklinken ... meintest du damit Julien?“
„Ja.“
„Aber warum? Er ist doch jung und gesund. Es sollte doch leicht für ihn sein, jemanden zu finden.“
Ein mattes Lächeln huscht über Léas Gesicht. „Manchmal sind die Dinge eben etwas komplizierter, als sie erscheinen.“
„Die neue Sorte ist echt lecker“, sagt Jackson und nippt noch einmal an seinem Glas.
Bruce lächelt. „Danke. Ich habe schon fast nicht mehr geglaubt, dass ich die noch auf den Markt bringe.“
Den Start der neuen Weinlinie hat er schon seit Jacksons letztem Geburtstag geplant.
Aber dann hatte ein sehr wütender Vampir auf seinen besten Freund geschossen und dafür gesorgt, dass ein Ratnik Bruce‘ Körper übernimmt. Er sollte bei seiner nächsten Jahresplanung mehr Pufferzeit einbauen.
„Shade hat deinen Job übernommen, als du nicht da warst“, sagt Jackson. „Er hat die Sache vorangetrieben. Wenn auch mit sehr viel Hilfe von Love und Lauren“, fügt er schmunzelnd hinzu.
Bruce nickt. „Ich weiß. So langsam kommen alle Erinnerungen an die Zeit hoch, in der Shade die Kontrolle hatte.“
Am Anfang hatte er sich nur an einige wenige Dinge erinnern können. Allem voran an den Sex zwischen Arina und Shade.
Wenn man sich die Erinnerungen wie einen Stapel vorstellt, war diese Situation Shade am stärksten in Erinnerung geblieben und lag deshalb ganz oben.
Jackson steckt sich ein Stück Käse in den Mund und kaut darauf herum. „Und wie gehts dir inzwischen?“
Bruce greift nach seinem eigenen Weinglas und schnuppert am Inhalt. Dann setzt er es an die Lippen und trinkt einen Schluck, um Zeit zu gewinnen. „Ich weiß nicht genau“, gibt er schließlich zu. „Für mich hat es sich angefühlt, als wäre ich ewig weggewesen und gleichzeitig, als wären nur Sekunden vergangen. Ich kann es nicht genau beschreiben.“ Sich in der Dunkelheit seines eigenen Seins zu verlaufen, lässt einen jedes Zeitgefühl verlieren.
„Shade sagte, dass der Ort einfach nur finster war“, sagt Jackson und mustert ihn aufmerksam. „War das bei dir auch so?“
Bruce nickt und verzieht bei der Erinnerung daran das Gesicht. „Ja. Ich hab nichts mitbekommen von dem, was hier passiert ist. Ich war total abgeschottet.“
Jackson nickt langsam. „Dann ist es wohl umso besser, dass du auf die Erinnerungen zugreifen kannst.“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, widerspricht Bruce. „Die ganze Sache ist eher frustrierend. Es sind Shades Erinnerungen, aber sie sind in meinem Kopf, und alles, was er angestellt hat, ist mit meinem Körper passiert. Außerdem kann ich mich nur an das erinnern, was passiert ist und was er gesagt hat. Mir fehlen die Gedanken und Gefühle dazu.“
Emotionen und Gedanken sind etwas Flüchtiges und das Gehirn speichert sie nicht auf die gleiche Art ab wie eine Erinnerung.
„Ich erinnere mich also an Dinge, die passiert sind, zu denen ich aber keinen wirklichen Bezug habe. Als hätte ich einfach nur Informationen im Kopf, die ich zwar erlebt habe, aber irgendwie auch nicht. Es ist ziemlich beschissen“, sagt Bruce.
„Kann ich mir vorstellen. Mich verwirrt schon deine Erklärung.“ Jackson stellt sein Glas auf dem Tisch ab und dreht es leicht hin und her. „Und wie läuft es mit Arina?“
Bruce runzelt die Stirn. In seinen Gedanken flammt die Szene mit ihr und Shade im Badezimmer auf. „Noch ein bisschen zurückhaltend“, gesteht er schließlich. „Ich glaube, sie hat immer noch ein schlechtes Gewissen wegen dem, was mit Shade passiert ist.“
Als er seinen Kopf endlich zurückerobert hatte, waren sie beide im ersten Moment einfach nur glücklich, sich wieder zu haben.
Die Ernüchterung kam in den Tagen danach. Bruce ist immer noch nicht wieder richtig im Alltag angekommen und Arina schleicht eher um ihn herum, als dass sie eine wirkliche Beziehung führen.
Es wird Zeit brauchen, bis sie die lange Trennung und den ganzen Abschnitt mit Shade richtig verdaut haben.
„Und was denkst du darüber, dass deine Frau mit Shade geschlafen hat?“, fragt Jackson. „Also ... wenn du mal nicht der verständnisvolle Bruce bist, sondern der, der wirklich sagt, was er denkt?“
Ein Lächeln huscht über Bruce‘ Lippen.
Es stimmt, dass er meist auf Harmonie aus ist und versucht, Verständnis zu zeigen.
Und es stimmt, dass Jackson ihn gut genug kennt, um zu wissen, dass ihm dieses Verständnis hin und wieder einiges abfordert.
„Was Arina angeht, kann ich nachvollziehen, warum das passiert ist. Ich war plötzlich weg und sie steckte in der Ehe mit einem Fremden, der aber immer noch meinen Körper hatte. Und das kurz nachdem sie so viel Angst wegen Anatholi ausgestanden hat.“
Als der alte Vampir sie so vehement als seine Frau forderte und sogar die verfluchte Münze schickte, eine alte Tradition unter russischen Vampiren, hatte sie befürchtet, dass er Bruce etwas antun würde.
Wie sich herausgestellt hatte, war ihre Furcht berechtigt – denn die Kugel, die Jackson und Beast abgefangen hatten, hatte ihm gegolten.
„Aber ...?“, hakt Jackson nach.
„Aber Shade würde ich zu gern eine reinhauen, weil er darauf eingestiegen ist.“
Jackson lacht. „Wenn du willst, halte ich ihn für dich fest.“
Bruce grinst, doch bevor er antworten kann, färben sich Jacksons Augen komplett weiß. „Das wäre keine gute Idee. Er kennt fünfundzwanzig Arten, um dich zu töten.“
„Nur?“, neckt Bruce den Vatrá, dessen Seele sich in seinem besten Freund eingenistet hat.
„Er hat seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen“, antwortet Beast.
Bruce lacht leise. Es ist erfrischend, dass Beast eine Aussage meist für bare Münze nimmt. Inzwischen hat er zwar viel gelernt, aber Sarkasmus hat in seinem Volk keinen Platz, weshalb es nicht gerade seine Stärke ist, ihn zu erkennen.
Früher hat Jackson den Vatrá mit Medikamenten unterdrückt. Genau wie Shade ist auch Beast der Angehörige einer alten magischen Rasse und sehr gefährlich.
Als die Medikamente bei Jackson versagten und Beast zum ersten Mal seit vielen Jahren die Kontrolle übernehmen konnte, war Bruce noch sehr misstrauisch gewesen.
Aber inzwischen hat er sich an den jungen Prinzen gewöhnt, der immer mal wieder seinen Senf zu ihren Gesprächen dazu gibt.
„Ich werde Shade keine reinhauen“, verspricht er Beast. „Aber ich würde es gern tun.“
„Ich glaube, die Situation hat Shade auch überrumpelt“, nimmt der Vatrá seinen Calib in Schutz.
Bruce lächelt. „Ich weiß. Aber das ändert nichts an meinen Gefühlen, verstehst du? Ich bin in Arina verliebt und er hatte Sex mit ihr.“
Beast legt den Kopf leicht schief. „Wenn man es ganz genau nimmt, hatte dein Körper Sex mit ihr.“
Bruce nickt. „So seltsam es klingt, aber ja – das macht es tatsächlich ein bisschen besser.“
Beast lächelt zufrieden und zieht sich wieder zurück.
„Ich glaube, so etwas hätten Shade und ich nie hinbekommen“, kommentiert Bruce den sanften Tausch, als Jackson wieder zurück ist.
„Ihr seid ja auch beide der Typ dickköpfiger Beschützer“, erwidert Jackson trocken. „Wahrscheinlich würde sich dein Körper gar nicht mehr bewegen, weil ihr damit beschäftigt wärt, euch in deinem Kopf zu prügeln.“
„Das könnte gut möglich sein“, gibt Bruce zu. Er hebt sein Weinglas wieder an die Lippen und trinkt einen Schluck. „Du solltest übrigens aufpassen“, warnt er Jackson. „Es kann sein, dass Shade versucht, Love und dich auseinanderzubringen, um an Beast heranzukommen.“
Jackson, der sich inzwischen zwei weitere Stücke Käse in den Mund gesteckt hat, schüttelt den Kopf. „Beast hat ihm schon verklickert, dass wir hierbleiben. Ich denke, da wird es keinen Ärger mehr geben“, antwortet er kauend. „Außerdem wird Shades Ausbilder bald anreisen. Dann ist er sicher abgelenkt. Dieser Ad-irgendwas von damals.“
„Adifhrok.“
„Danke“, kommentiert Jackson Beasts‘ Einwurf.
Bruce schmunzelt. Wenn Beast sich zu Wort meldet, verändert sich Jacksons Stimmlage ein wenig, sodass man heraushören kann, wer spricht. Zumindest, wenn man um die Situation der beiden Bescheid weiß.
Und dennoch ist es irgendwie witzig, wenn Jackson vermeintlich mit sich selbst redet.
„Sei trotzdem lieber vorsichtig“, schneidet Bruce das Thema von eben noch einmal an. „Er schien wirklich sehr entschlossen, mit Beast von hier zu verschwinden. Wer sagt, dass er das nicht immer noch vorhat, wenn seine Ausbildung abgeschlossen ist?“
Jackson zuckt mit den Schultern. „Er weiß, dass Beast auch in Love verliebt ist. Und bis seine Ausbildung abgeschlossen ist, hat er sich hoffentlich daran gewöhnt, bei uns zu sein. Aber ja, ich werde vorsichtig sein, was ihn angeht.“
Bruce senkt den Blick auf sein Weinglas und schwenkt den verbleibenden Rest darin nachdenklich herum. Für seinen Geschmack ist Jackson zu leichtsinnig, wenn es um Shade geht.
Vielleicht liegt das daran, dass zwischen ihm und Beast am Ende alles gut ausgegangen ist.
Manchmal hat Bruce das Gefühl, dass er der Einzige ist, der sich noch daran erinnert, wie es früher war. Als sie Beast noch nicht unter Kontrolle hatten.
Aber da Jackson versprochen hat, ein Auge auf die Sache zu haben, sagt er nichts weiter und leert stattdessen sein Glas. „Hat Shade sich denn gut bei euch eingelebt?“
Jackson wiegt den Kopf hin und her. „So halb. Er tigert viel durchs Haus und gerät hin und wieder mit Sarah aneinander. Sarah gewinnt immer.“
Bruce lacht leise. „Nichts anderes hätte ich erwartet.“
Die alte Haushälterin hatte schon immer die Oberhand auf Franklins Anwesen.
Allerdings sieht es in seinem eigenen Haus nicht anders aus. Hier hat Flora das Sagen, ganz gleich, wer der eigentliche Hausherr ist.
„Ich freue mich schon, wenn Adifhrok endlich da ist und ihn beschäftigt“, fährt Jackson fort. „Vielleicht ist Love dann auch entspannter.“
Bruce wird hellhörig. „Wieso? Was ist denn mit ihr?“
„Ich weiß nicht genau. Es macht sie wahnsinnig, dass Shade ständig durchs Haus schleicht. Vielleicht ist sie aber auch nur gereizt, weil sie gerade nicht mit ihrem Bruder laufen kann. Er ist doch mit seiner Wölfin in den Wäldern.“
„Ja, Arina hat so etwas erwähnt“, antwortet Bruce.
Die Erinnerung, in der Shade versucht hat, Love zu verführen, schießt ihm durch den Kopf. Bisher hat er Jackson noch nichts davon erzählt.
Immerhin hat Love Shade widerstanden. Und wenn sie Jackson von sich aus auch nichts dazu sagt, ist sie vermutlich zum selben Schluss gekommen wie er: Dass es nicht klug wäre, eine Eskalation zwischen Jackson und Shade zu provozieren.
„Wann kommt Darian denn wieder?“, fragt Bruce, um das Thema zu wechseln.
„Ich weiß nicht genau. Love hat was von ein paar Tagen gesagt.“ Jackson zuckt mit den Schultern. „Wenn er zurückkommt, geht Love erstmal zu ihm. Sie besucht ihn beim Rudel“, fügt er hinzu und verzieht das Gesicht.
Bruce weiß, dass Loves Bruder und Jackson sich nicht gerade freundlich gegenüberstehen. Darian hat eine Akte mit Jacksons Vergangenheit in die Finger bekommen und hält ihn jetzt für einen gefährlichen Irren, der seiner Schwester schaden könnte.
Vor nicht allzu langer Zeit ist die Situation zwischen ihnen so sehr eskaliert, dass sie während einer Prügelei vom Balkon im ersten Stock gefallen sind.
Dass sie inzwischen zusammen in einem Raum sein können, ohne sich gegenseitig an die Kehle zu springen, ist schon ein großer Fortschritt.
„Er wird versuchen, sie dortzubehalten“, vermutet Bruce.
Jackson nickt und starrt düster auf sein Weinglas. „Ich weiß. Aber das kann er vergessen.“
„Das glaube ich auch“, stimmt Bruce zu. „Sie hat schließlich gute Gründe zurückzukommen. Ihre Freundschaft mit Arina und Sura, ihren Job bei mir, Salem ...“
Jackson wirft einen Käsewürfel nach ihm.
Bruce lacht, sammelt den Käse von seinem Hemd und steckt ihn in den Mund. „Ja ja ... und diesen Kerl, der nicht zielen kann. Ich glaub, sie mag ihn.“
„Hab ich dir eigentlich erzählt, dass sie doch schwanger werden kann?“, fragt Jackson unvermittelt.
„Echt?“ Bruce‘ Gesicht hellt sich auf. „Das ist großartig, Glückwunsch!“
Jackson lächelt. „Wir haben es rausgefunden, nachdem du weg warst.“
„Und habt ihr schon so was in der Richtung geplant?“ Die beiden sind zwar erst seit ein paar Monaten offiziell zusammen, allerdings haben sie schon eine Menge zusammen durchgemacht.
Inklusive einer Scheinschwangerschaft.
Zu erfahren, dass sie doch kein Kind erwartet, hat Love fast zerbrochen. Besonders weil sie glaubte, als Hybridin aus Blutwolf und Vampir unfruchtbar zu sein.
Es freut ihn, dass das doch nicht der Fall ist.
„Noch nicht so richtig“, erwidert Jackson. „Wir haben darüber gesprochen, dass wir beide eins wollen. Aber wir haben noch nicht darüber geredet, ob wir es gleich in ihrer nächsten fruchtbaren Phase versuchen wollen.“
„Dann solltet ihr euch mit dem Gespräch ranhalten, wenn ich mich nicht verrechne“, erwidert Bruce.
Jackson nickt. „Ich weiß.“ Er seufzt. „Bisher hatten wir nicht wirklich die Ruhe dazu. Wir hätten sie jetzt.“ Er beäugt Bruce misstrauisch. „Es sei denn, du entscheidest dich noch mal, dich in deinem Unterbewusstsein zu verkriechen.“
„Nur, wenn du dich nochmal anschießen lässt“, erwidert Bruce trocken.
Erneut hat er auf die Nummer keine Lust. Shades Seele wurde zwar inzwischen in seinen eigenen Körper zurückgeschickt, aber trotzdem läuft es Bruce kalt den Nacken hinab, wenn er an die stille Dunkelheit in seinem eigenen Inneren denkt.
Zu erfahren, dass ein solcher Ort in einem selbst existiert, hinterlässt Spuren.
Besonders, wenn es diesen Abgrund in Jackson nicht zu geben scheint. Denn auch als sein Freund Beast unterdrückt hat, ist der Vatrá immer irgendwo im Hintergrund gewesen.
Manchmal befürchtet Bruce, dass in seinem Inneren einfach von Natur aus eine Dunkelheit herrscht, die in Jacksons Seele nicht vorhanden ist. Und dass es ihm deshalb auch leichter fiel, Shade in Ketten zu legen, während Jackson medizinische Hilfe benötigte, um Beast zu unterdrücken.
„Ich weiß nur nicht ... ob es nicht vielleicht zu früh ist“, überlegt Jackson laut.
Bruce kehrt aus seinen düsteren Gedanken zurück. „Hm?“
„Zu früh für eine Schwangerschaft. Davon sprechen wir doch gerade.“
„Entschuldige. Ich war abgelenkt“, murmelt Bruce.
Jackson mustert ihn. „Alles okay?“
Bruce winkt ab. „Ja, alles in Ordnung. Fühlst du dich denn noch nicht dazu bereit, Vater zu werden?“
„Nein, das ist es nicht.“ Jackson lehnt sich tiefer in seinem Stuhl zurück. „Ich hatte mich ja schon darauf eingestellt. Aber es ist noch nicht mal ein Jahr her, dass wir ... na ja, dass wir das erste Baby verloren haben. Und ja, es war nie wirklich da, aber ...“ Er lässt den Rest des Satzes offen und seufzt. „Ich weiß nicht, ob sie das schon verdaut hat.“
Bruce betrachtet ihn nachdenklich. „Hast du es denn schon verdaut?“
Jackson überlegt einen Moment. Schließlich zuckt er mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich glaube, dass es sie mehr mitgenommen hat als mich. Weil es ihr Körper war, der die ganzen Veränderungen durchgemacht hat.“
„Das bedeutet ja nicht, dass es dich nicht trifft.“
„Oh, das hat es“, schnauft Jackson. „Aber ich würde es trotzdem gern wieder versuchen. Ich will nur nicht, dass sie sich dazu gedrängt fühlt.“
Bruce lächelt. „Dann sag ihr das doch genau so.“
Mit einem leisen Knurren rollt Julien seine Schultern nach hinten.
In den letzten Nächten hat er wirklich beschissen geschlafen.
Außerdem ist er nicht gelaufen.
Das ist keiner hier im Dorf, um nicht plötzlich über das Paar im Wald zu stolpern.
Zum Glück hat er andere Wege gefunden, um seine überschüssige Energie loszuwerden. Und er hat jetzt ausreichend Kaminholz für den ganzen Winter.
Julien holt ein letztes Mal mit der Axt aus und rammt sie in den Hackklotz.
Dann macht er sich daran, das Holz einzusammeln und vor seine Hütte zu tragen.
Er hat dort einen kleinen Unterstand mit Tür gebaut, um es vor der Witterung zu schützen.
Gerade trägt er die dritte Ladung vors Haus, als er Darians Jeep erblickt.
Der Wagen fährt über die schmale Mittelstraße des Dorfs und hält vor dem Haus von Léas Eltern.
Julien bleibt stehen und beobachtet die beiden, als sie aus dem Wagen steigen. Auf dem Weg zur Haustür lacht Léa über irgendetwas, dass Darian gesagt hat.
Er trägt sogar ihre Tasche.
Julien verzieht das Gesicht und als die beiden anfangen, sich zu küssen, wendet er sich ab und tritt in den kleinen Unterstand.
Hier drin empfangen ihn Dunkelheit und der Duft nach frischem Holz.
Missmutig fängt er an, die Holzstücke an der Rückwand des Kabuffs aufzustapeln. Dabei lässt er sich Zeit, in der Hoffnung, dass die beiden fertig sind, wenn er wieder rauskommt.
Die Tage im Wald sind offenbar wie geplant gelaufen.
Dann haben ja jetzt alle ihr Happy End.
Er legt das letzte Stück Holz an seinen Platz und bleibt einen Moment vor dem Stapel stehen. Vielleicht ist es für ihn auch langsam an der Zeit, von hier zu verschwinden und sich einem anderen Rudel anzuschließen.
Léa wird für ihn bald keine Zeit mehr haben, weil sie mit Darian und vermutlich auch mit ihrer eigenen Familie beschäftigt sein wird.
Der Gedanke, das Dorf zu verlassen, verursacht einen Knoten in seinem Magen. Er will nicht von hier weg. Andererseits gibt es für ihn hier nichts mehr zu holen.
Draußen ertönt der Motor von Darians Jeep, weshalb Julien den Unterstand wieder verlässt und die kleine Tür hinter sich schließt.
Sein momentaner Mitbewohner rutscht gerade vom Fahrersitz.
Als Darian ihn sieht, breitet sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus. „Hi.“
„Hi.“ Julien sieht ihm dabei zu, wie er seine Tasche vom Rücksitz holt, sich über die Schulter hängt und dann die Campingstühle, das eingepackte Zelt und den Klapptisch nacheinander von der Ladefläche hebt.
„Scheint ja gut zu laufen zwischen euch. Habt ihr euch ausgesprochen?“, fragt Julien und verschränkt die Arme vor der Brust. Er steht immer noch direkt vor dem Kabuff und macht keine Anstalten, Darian zu helfen.
Der lässt sich davon scheinbar nicht stören, weil er sich das Zelt einfach unter einen Arm klemmt und mit der anderen Hand nach den Klappmöbeln greift. „Ja, es läuft wieder. Das mit dem Wald war ne gute Idee. Danke dir.“ Darian wendet sich ab und stapft auf die Haustür zu.
Julien verzieht hinter seinem Rücken das Gesicht und folgt ihm. „Freut mich.“
Im Flur lehnt Darian die Klappmöbel an die Wand und stellt das Zelt daneben.
Als er sich herumdreht und auch Julien in dem Moment einen Schritt von der Tür weg macht, stoßen sie fast zusammen.
Julien steigt Léas Duft in die Nase. Er ist überall auf Darian verteilt.
Der Gedanke daran, warum der Duft seiner besten Freundin so sehr an seinem Mitbewohner klebt, lässt seine Laune noch weiter abstürzen. „Wenn ihr zurück seid, ist der Wald ja wieder sicher. Ich geh laufen“, teilt er Darian knapp mit und macht ein paar Schritte rückwärts.
Der Hybrid hebt überrascht die Augenbrauen. „Aber ich bin gerade erst zurückgekommen.“
Julien schnaubt und zuckt mit den Schultern. „Du bist aber nicht mein Lebensmittelpunkt, Prinzessin.“
Dann dreht er sich auf dem Absatz herum und verlässt das Haus.
Sein Gang führt ihn ohne Umwege direkt durchs Dorf und zum Ausgang, der in den Wald führt. Natürlich umgeben die Bäume das ganze Dorf, sodass es vor den Menschen recht gut verborgen ist, aber im Laufe der Zeit haben sich die Wölfe angewöhnt, diesen einen Ausgang zu benutzen, um an einer bestimmten Stelle in den Wald zu gelangen. Es ist der Startpunkt einer großen Laufrunde, auf der sie ihren inneren Wolf rauslassen können, ohne über einen Menschen zu stolpern und ihn zu Tode zu erschrecken.
Als Julien die Holzkiste erreicht, die am Start der Laufrunde aufgestellt wurde, zerrt er sich seine Kleidung vom Körper und stopft sie in die Box.
„Blöder Penner“, motzt er leise vor sich hin. Seine Laune hat inzwischen einen neuen Tiefpunkt erreicht. Immer wieder blitzt das Bild von Darian und Léa vor seinem inneren Auge auf, wie sie knutschend vor ihrem Haus stehen und einfach so scheiß zufrieden mit sich und der Welt sind.
Als ein wütendes Knurren in Juliens Kehle aufsteigt, wischt er sich mit der Hand durchs Gesicht und kreist erneut mit den Schultern. So schlecht war seine Laune schon lange nicht mehr.
Vermutlich liegt es daran, dass er seinen Wolf ein paar Tage nicht rauslassen konnte.
Die Schlaflosigkeit seit Darians und Léas Abreise hat sicherlich auch ihren Teil dazu beigetragen.
Er klappt den Deckel der Kiste zu, lässt das Zahlenschloss einschnappen und genießt für einen Moment den sanften Wind auf seiner nackten Haut.
Dann wendet er sich ab und joggt los.
Die ersten Schritte legt er noch als Mensch zurück, doch dann erhöht er sein Tempo, beginnt sich zu wandeln und lässt sich schon bald im vollen Lauf auf alle vier Pfoten fallen.
Für einige Meter hetzt er den Waldweg hinab, dann bricht er nach rechts aus und verschwindet zwischen den Bäumen. Heute braucht er mehr als nur den Rausch der Geschwindigkeit. Sich quer durch den Wald zu schlagen ist sehr viel anstrengender, als einfach dem Pfad zu folgen und genau das Richtige, um sich und seinen Wolf so richtig auszupowern.
Mit hängender Zunge springt er über große Äste, weicht den eng stehenden Bäumen aus und kämpft sich durch das ein oder andere Gebüsch auf seinem Weg.
Die Anstrengung zerrt an seinen Muskeln und lässt seinen Geist zur Ruhe kommen, während sein Atem immer schneller geht und sich ein angenehmes Brennen durch seine Lungen zieht.
Nach einer Weile kann er den See wittern, der gut versteckt in den Tiefen des Waldes liegt. Julien ändert die Richtung und hält auf den See zu. Es ist derselbe, an dem er mit Darian beim Angeln war.
Auch wenn sie nicht geangelt haben. Stattdessen haben sie geredet und Bier getrunken, weil keiner von ihnen Lust auf diesen Ausflug hatte.
Sie waren nur Léa zuliebe gefahren, weil sie wollte, dass sie beide sich anfreunden.
Julien wird langsamer, als er den See erreicht und trottet zum Wasser. Durstig senkt er den Kopf und trinkt.
Als ein Vogel auffliegt, hebt Julien den Kopf und sieht ihm nach. Wasser tropft von seiner Schnauze. Als der Vogel verschwunden ist, wandelt Julien sich zurück in einen Menschen, läuft ein paar Schritte in den See und taucht mit einem kleinen Sprung unter.
Unter Wasser macht er ein paar kräftige Schwimmzüge, durchbricht mit dem Kopf wieder die Wasseroberfläche und holt tief Luft.
Julien dreht sich auf den Rücken, macht ein paar weitere Züge und lässt sich dann mitten im See auf dem Wasser treiben.
Früher ist er mit Léa und ihrer Schwester Elodie oft schwimmen gewesen.
Als junge Wölfe haben sie sich ständig aus dem Dorf geschlichen, um irgendwelche Abenteuer zu erleben.
Seine Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit, und als er sich daran erinnert, wie sie hier zu dritt durchs Wasser tobten, legt sich sogar ein Lächeln auf seine Züge. Damals war das Leben für sie völlig unbeschwert. Themen wie Wanderungen oder Fortpflanzung spielten keine Rolle. Sie konnten einfach nur sie selbst sein.
Er dreht sich wieder auf den Bauch und schwimmt bis ans andere Ende des Sees.
