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"Große Fresse - keiner glitzert." Seit der zufälligen Begegnung in einem Kaufhaus in Moskau geht Bruce die hübsche Vampirin Arina nicht mehr aus dem Kopf. Auf dem Maskenball eines Bekannten sieht er sie wieder und verliert sein Herz nun vollständig. Er ahnt, dass seine Zuneigung zu der höher gestellten Vampirin in der adligen Gesellschaft nicht gut aufgenommen wird. Aber ihre unterschiedliche Herkunft ist nicht das einzige Problem. Denn Arina trägt eine Schuld, die schon seit zwei Generationen auf ihrer Familie lastet – und die sie nun einlösen soll.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Glossar
An inpolite morning
Christmas secrets
Arinas burden
When I see you again
The engagement loophole
Rabbit fights
Midnight Marriage
Nights apart
Threats and flames
Wolves and fish
Better than okay
Hello little Vampire
His name is …
Cursed coin
A good father
Danksagung
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Über die Autorin
Impressum
Savage
Erbin der Schuld
1. Auflage © 2020, Berlin, Ally J. Stone
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk darf ohne schriftliche Zustimmung
der Autorin nicht kopiert, vertrieben oder verwendet werden.
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Coverdesign
Jaqueline Kropmanns
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Lektorat
Phoenix Lektorat
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Korrektorat
Jacqueline V. Droullier
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Autorenwebseite
www.stonebooks.de
Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit
ist eine Last, die nur starke
Seelen zu ertragen vermögen.
Marie von Ebner-Eschenbach
Arec: In der Sprache der Vatrá bedeutet das Wort so etwas wie ‚Prinz‘ oder ‚kommenderHerrscher‘. Hin und wieder wird es auch als Kosename verwendet.
Arnunta: Feier zum 50. Hochzeitstag
Blutwolf: Ein Blutwolf stammt zur Hälfte von einem Werwolf, zur anderen Hälfte von einem Vampir ab. Sie haben die Fähigkeit, sich in einen Wolf zu verwandeln, müssen aber – wie ein Vampir – auch Blut zu sich nehmen, weil sie auf die Nährstoffe darin angewiesen sind. Blutwölfen wird nachgesagt, eine besonders brutale Rasse zu sein, die abgeschottet in kleinen Rudeln lebt. Da es nicht viele Exemplare ihrer Spezies gibt, gehen junge Wölfe immer wieder auf Wanderschaft, um sich anderen Rudeln anzuschließen und dort frisches Blut in den Genpool zu bringen.
Dyn: Männlicher Gefährte
Ein Leben für ein Leben: Dies ist ein Gesetz, nachdem ein Vampir ein Leben schuldet, wenn er das Leben eines anderen nahm. Es kann aber auch so ausgelegt werden, dass dem Vampir ein Leben zusteht, wenn er jemanden gerettet hat. Zum Beispiel kann dann die Tochter des Geretteten eingefordert werden. Die Schuld ist vererbbar, solange, bis sie eingelöst wurde oder der, dem das Leben zusteht, stirbt.
Puppet: In Ungnade gefallener Vampir oder Vampirin, die in die Sklaverei verkauft, oder in dieser geboren wurde. Heutzutage sind Puppets seltener als früher, aber es kommt immer noch vor – und ist nach vampirischen Recht auch immer noch legal. Eine Puppet steht ihren Besitzern mit Blut und Körper zur Verfügung, verrichtet niedere Arbeiten und besitzt keinerlei eigene Rechte oder Besitz. In der Regel wird nur in den höheren Klassen der Vampire mit Puppets gehandelt, in mittelständigen Haushalten kommen sie nicht vor.
Ratnik: Die Ratnik sind Schattenwesen. Der Legende nach stammen sie von den Vampiren ab, haben sich im Laufe der Zeit jedoch in eine andere Richtung entwickelt. So bilden sie zwar ebenfalls Fangzähne aus, sind in ihrer Ernährung aber nicht auf Blut angewiesen. Für sie ist das Trinken eher ein Kick, der besonders bei jugendlichen Ratniks sehr beliebt ist. Seit Jahrtausenden gehen aus ihren Reihen die tödlichsten Krieger der Erde hervor. Sie leben sehr im Einklang mit der Natur und deren Magie, weshalb sie eng mit den Vatrá verbunden sind. Für einen Ratnik-Krieger ist es eine große Ehre, zum Schutz eines Vatrá ausgewählt zu werden.
Udar molotka: Übersetzt bedeutet es ‚Schlag des Hammers‘ und beschreibt einen uralten vampirischen Brauch in Russland. Wenn einem Vampir Unrecht getan wurde, schickt er dem Verursacher einen Fluch in Form einer Münze. Dieser Fluch wird den Verursacher und seine Familie heimsuchen, bis die Schuld beglichen ist und der, dem Unrecht getan wurde, die Münze aus freien Stücken zurücknimmt. Unter den moderneren Vampiren ist dieser Brauch aus der Mode gekommen, die alten Familien besinnen sich jedoch noch darauf und wenden ihn hin und wieder an.
Vatrá: Die Vatrá sind eine uralte Rasse von Feuerwesen. Sie werden nicht nur unglaublich alt, sondern pflanzen sich auch nur sehr selten fort, weshalb ihre Zahl gering ist. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Feuer zu erschaffen und zu beherrschen, gelten sie als eine der letzten magischen Rassen der Erde. Die Macht ihrer Königin geht über die übliche Feuermagie hinaus – sie ist in der Lage, Seelenmagie zu wirken. Um den Schutz der wenigen lebenden Vatrás zu gewährleisten, wird bei jeder entstehenden Schwangerschaft ein Ratnik-Krieger erwählt, der die schwangere Vatrá begleitet und das Kind vom Augenblick seiner Zeugung bis zu dessen Tod beschützt.
Something stupid
Prüfend rückt Bruce schon zum dritten Mal seine Fliege zurecht und zupft an seinem Hemd herum. Er fühlt sich wie ein Teenager vor seinem ersten Date. Wie sich herausgestellt hat, ist Arina nämlich im GUM gewesen, um nach einer Kette für ihr Ballkleid zu suchen. Sie wird an demselben Winterball teilnehmen, zu dem auch er eingeladen wurde. Was bedeutet, dass er sie heute Abend wiedersieht.
„Verdammter Mist“, knurrt er, löst die Fliege noch einmal auf und beginnt von vorn, sie zu binden.
Er ist nicht das erste Mal zu einem so bedeutenden Event eingeladen und er hat sich sicher schon hunderte Male eine Fliege gebunden, aber heute ist er einfach unkonzentriert. Der Gedanke an diese Frau bringt ihn völlig durcheinander. Vielleicht hätte er gestern im Kaufhaus doch einfach weggehen sollen. Allerdings wäre ihm dann ein wunderbares Gespräch entgangen. Oft werden Vampirinnen in den oberen Klassen als hübsche Püppchen gesehen, die man herumzeigen kann. Eine ziemlich verstaubte Sichtweise. So viel intelligentes Potential zur Untätigkeit zu erziehen, sollte unter Strafe stehen. Nach Bruce‘ Beobachtungen sind nämlich mindestens die Hälfte dieser Frauen viel intelligenter und taffer als ihre Ehemänner.
Als der Kampf gegen die Fliege schließlich gewonnen ist, tritt er einen Schritt vom Spiegel zurück und betrachtet sich im Ganzen. Ein Seitenblick auf die Uhr bestätigt ihm, dass er losmuss, weshalb sein jetziges Aussehen genügen muss. Also schnappt er sich sein Jackett, zieht es über und greift nach seinem Handy, der Zimmerkarte und seiner Brieftasche. Außerdem nimmt er die Maske an sich, die sein Outfit vervollständigt, ehe er in den Hotelflur tritt.
Die Taxifahrt zu Michails Anwesen dauert eine Weile und er nutzt die Zeit, um die wunderschöne, verschneite Stadt auf sich wirken zu lassen. Er liebt Moskau im Winter. Nicht so sehr, wie seine Heimat, denn dort sind die Vampire, die er liebt, aber manchmal ist so eine Auszeit für sich allein eine wunderbare Sache.
Als das Taxi hält, bezahlt er und steigt aus. Vor dem Haus bleibt er einen Moment stehen und lässt den Anblick auf sich wirken. Alle Fenster in dem großen schneebedeckten Haus sind hell erleuchtet und auch im Vorgarten wurden große Laternen mit riesigen Kerzen aufgestellt. Durch all das Licht hebt sich das Haus einladend und gemütlich gegenüber der schwarzen Nacht ab. Über dem Eingangstor prangt ein geschmackvolles Schild, auf dem eine schwarze und eine weiße Maske zu sehen sind, deren Bänder sich miteinander verflechten. Sie stellen das Thema des heutigen Abends dar, einen klassischen Maskenball.
Bruce setzt seine schwarze Maske auf. Sie bedeckt die Partie um seine Augen und seinen Nasenrücken, lässt den ganzen unteren Teil seines Gesichts aber frei. Dann betritt er das Grundstück. Der Schnee knirscht unter seinen Schuhen, bis er den gereinigten Weg erreicht, der in gerade Linie auf die große schwere Holztür zuläuft.
Die Feier ist schon im Gange und als er eintritt, stehen bereits zwei Angestellte bereit, um ihn zu begrüßen. Einer der beiden putzt mit einer weichen Bürste ein paar Schneeflocken von seinen Schultern, während der andere ihm ein Glas Champagner reicht.
Dankend nickt er den beiden zu, nimmt das Glas entgegen und läuft weiter durch den Flur in die große Halle. Michails Anwesen ist riesig. Der alte Vampir liebt alles Extravagante und Alte, was sich auch in der Einrichtung wiederspiegelt. Neumodischer Kram, als den Michail so ziemlich jede technische Errungenschaft bezeichnet, gehört nicht in sein Haus. Die einzige Ausnahme macht er für sein Handy und seinen Laptop, da er eingesehen hat, auf diese Weise sehr viel einfacher seine Geschäfte abwickeln zu können. Als Michail ihm vor ein paar Jahren davon erzählte, hatte er es zuerst nicht glauben wollen. Schließlich sind Michails Büroräume durchaus modern eingerichtet. Aber als er das erste Mal hier war, wurde er ziemlich schnell eines Besseren belehrt.
Der Saal, den er nun betritt, versetzt ihn direkt in eine Welt aus vergangener Zeit. Die alten, mit Gold und allerlei Ornamenten verzierten Möbel wurden an die Wände gerückt und der riesige, sonst den Raum dominierende Esstisch komplett entfernt. Kerzenförmige Lampen werfen warme Lichtkegel auf die barocken Tapeten und ihre goldfarbenen Muster.
Weitere, gut versteckte Lichtquellen tauchen den Saal in ein angenehm gelbliches Licht und erhellen ihn gleichzeitig genug, dass alles gut erkennbar ist.
An einer Seite des großen Raumes steht ein Orchester und spielt einen klassischen Walzer. Reihen eleganter Paare schweben zu den Klängen der Musik über die Tanzfläche, in einem perfekten Reigen aus schwarzen Anzügen, rauschenden Ballkleidern und den unterschiedlichsten Masken.
Kellner in weißen Hemden und schwarzen Westen und Kellnerinnen in schwarz-weißen Kleidern bewegen sich mit riesigen Tabletts durch die Besucher, um den Strom an Champagner und kleinen Häppchen nicht abreißen zu lassen.
Um die Tanzfläche herum haben sich kleine Grüppchen gebildet und von überall fliegen ihm lautes Lachen und einzelne Gesprächsfetzen entgegen. Es fühlt sich an, als wäre er von draußen direkt in eine Filmkulisse getreten. Nur dass es hier keine Kameras und kein Set gibt, sondern alles echt ist.
„Bruce, mein alter Freund!“ Michail hat ihn erspäht und löst sich von einer Gruppe fein gekleideter Vampire, um sich zu ihm zu gesellen. Seine Maske ist etwas größer als die von Bruce und bedeckt seine Stirn, die Nase und die Wangen, sodass sie nur seinen Mund freilässt. Sie ist weiß mit goldenen Farbtupfern und passt sich damit seinem strahlend weißen Anzug an. „Sdráßtwujti“, begrüßt er Bruce, nimmt seine Hand und drückt ihm einen Kuss auf die Wange. „Es freut mich, dich zu sehen!“
„Sdráßtwujti“, erwidert Bruce die Begrüßung und klopft Michail auf die Schulter. „Vielen Dank für deine Einladung.“
„Ah, natürlich lade ich dich ein, wie jedes Jahr. Und jedes Jahr bedankst du dich, als wäre es etwas Besonderes.“ Michail lacht und stibitzt von einem vorbeifliegenden Tablett zwei halbe Eier mit Kaviar. Davon bietet er eins Bruce an, der es dankend annimmt und direkt verspeist. Er hatte heute noch kein Abendessen und ist jetzt wahnsinnig hungrig. Allerdings wäre es sehr unhöflich, sich vom Gastgeber abzuwenden, nur um sein Buffet zu plündern.
„Für mich ist es das. Und wie ich sehe, hast du dich wieder selbst übertroffen“, sagt Bruce und macht eine ausladende Geste mit der Hand, mit der er den ganzen Saal einschließt. „Dieser Ball wird wunderbar.“
Michail folgt seinem Fingerzeig mit einem Blick und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Es ist nur eine kleine Feier für meine engsten Freunde.“ Er nimmt einer Kellnerin, die an sie herangetreten ist, zwei Gläser Champagner vom Tablett und reicht eines an Bruce, der sein erstes leert und es der Frau mitgibt.
„Du hättest die Feste sehen sollen, die wir früher gefeiert haben!“, schwärmt Michail. „Niemand hatte Handys dabei und ist zum Telefonieren nach draußen verschwunden. Niemand musste am nächsten Tag früh ins Büro oder hatte einen Burn-out. Wir haben die ganze Nacht getanzt, getrunken und die schönen Mädchen geküsst. Heute feiern wir nur noch einen Abklatsch.“
„Es ist der prunkvollste Abklatsch, den ich mir vorstellen kann“, erwidert Bruce höflich und stößt mit seinem Geschäftsfreund an. Michail lacht wieder und nachdem sie beide einen Schluck getrunken haben, holt der Vampir gerade Luft, um etwas zu sagen, als ihm eine der Kellnerinnen schüchtern auf die Schulter tippt.
„Ja, mein Kind?“, wendet er sich an sie und lehnt sich leicht hinab, damit sie ihm ins Ohr sprechen kann. Er nickt und verscheucht sie mit einer Handbewegung, ehe er sich mit einem bedauernden Ausdruck in den Augen an Bruce wendet. „Eine weitere Last dieser Zeit. Die Leute sind so unselbstständig“, beklagt er sich. „Ich muss mich um einen Zwischenfall in der Küche kümmern. Die Schattenseiten eines Gastgeberlebens.“
Bruce nickt verstehend und bedankt sich noch einmal für die Einladung. Michail verschwindet in der Menge und Bruce wendet sich ab, um nun selbst einmal durch den Saal zu schlendern. Der Tanzfläche bleibt er dabei erst einmal fern, begrüßt hier und da bekannte Gesichter und tauscht ein paar höfliche Floskeln aus, bis er sein eigentliches Ziel erreicht. Das üppige Buffet erstreckt sich in einem großen Nebenraum über eine gesamte Wand und ist überladen mit den köstlichsten Speisen.
Bruce schnappt sich einen Teller und reiht sich in die Schlange der Gäste ein, die sich quälend langsam am Buffet entlang schiebt, um ihre Teller vollzuladen.
„Das Essen sieht fantastisch aus.“ Die Stimme, die hinter ihm erklingt, löst sofort ein Kribbeln in seinem Magen aus. „Priwjét“, ergänzt Arina höflich ihre Worte und schenkt ihm ein Lächeln, sobald er sich umdreht.
„Priwjét“, erwidert Bruce ihren Gruß und lächelt ebenfalls. „Ich sehe, du hast die perfekte Kette für das perfekte Kleid gefunden.“
Sie trägt ein hellblaues Ballkleid mit einem korsettartigen Oberteil. Es ist über und über mit silbernen Fäden bestickt und zeigt fantasievolle geschwungene Linien. Ihre Halbmaske ist mit demselben Stoff wie ihr Kleid bezogen und weist ebenfalls feine silberne Stickereien auf. Die neue Kette aus dem Geschäft im GUM liegt zierlich um ihren Hals und lenkt alle Aufmerksamkeit auf den silbernen Anhänger. Es ist eine große, aber zierliche Schneeflocke, die auf ihrem Dekolleté ruht.
„Vielen Dank. Du siehst auch sehr elegant aus“, erwidert sie und strahlt über das ganze Gesicht. Ihre Augen nehmen ihn für einen Moment gefangen und er lächelt sie einfach nur an, bis sich der Vampir hinter ihr mit einem Räuspern bemerkbar macht und auf die Schlange hinter Bruce deutet, die inzwischen weitergezogen ist.
„Ja. Entschuldigung“, wendet er sich an den Vampir und bietet Arina den Vortritt an, ehe er eilig ein paar der Köstlichkeiten auf seinem Teller stapelt und ihr zum nächsten Abschnitt des Buffets folgt.
„Bist du schon lange hier?“, fragt er sie, während er seinen Blick über die warmen Speisen gleiten lässt und sich schließlich für die gefüllte Hähnchenbrust entscheidet.
„Nein, ich war ein wenig spät dran. Meine Frisur wollte nicht das tun, was ich von ihr erwartet habe.“
„So ging es mir mit meiner Fliege“, erwidert Bruce und sieht zu ihr. „Dein Haar sieht wunderschön aus“, ergänzt er und tritt beiseite, um sie an die warmen Speisen zu lassen. Den Nachtisch lassen sie beide erst einmal aus und machen sich mit ihren Tellern auf zu den Tischen, um sich zu setzen.
Bruce stellt seinen Teller ab und zieht Arinas Stuhl zurück, damit sie sich setzen kann.
„Vielen Dank.“ Sie wartet, bis er ihren Stuhl zurechtgerückt hat, ehe sie sich auf die Sitzfläche sinken lässt und ihr Besteck ergreift. „Ich finde es wunderbar, dass es kein großes Bankett gibt. So ist es viel netter und unkonventioneller. Aber Michails Partys sind immer ziemlich verrückt“, spricht sie weiter, während Bruce sich setzt.
Ein Schmunzeln huscht über seine Lippen. „In der Tat. Bei uns gibt es solche Feiern nicht.“
Arinas Auffassung von ‚verrückt‘ stimmt auch nicht ganz mit seiner überein. Das hier ist eine recht steife Veranstaltung, die sich dadurch tarnt, dass alle Masken tragen und es keine festen Essenszeiten gibt. Mit einer richtigen Party, so wie er sie kennt, hat das nicht viel gemeinsam. Selbst Sahras Feiern, bei denen es schon ziemlich gesittet zugeht, gehen gegen das hier unter.
„Was war die verrückteste Party, auf der du je warst?“, fragt Bruce und säbelt einen Teil seines Hühnchens ab. Er schiebt sich die Gabel in den Mund und wirft Arina einen interessierten Blick zu.
Arina kaut auf ihrem Kartoffelauflauf herum und scheint zu überlegen. „Ich glaube, das war mein siebter Geburtstag. Mein Vater hat eine Hüpfburg im Garten aufbauen lassen. Es gab eine riesige Torte und als die halb alle war, haben ein paar meiner Gäste beschlossen, in der Hüpfburg eine Tortenschlacht abzuhalten.“ Sie kichert. „Meine Mutter hat uns alle unter die Dusche gestellt und meine Freudinnen in Kleider von mir gesteckt, damit sie nicht so verdreckt nach Hause mussten. Es war der tollste Geburtstag, den ich je hatte.“ Ihr Blick wirkt für einen Moment entrückt, ehe sie sich sichtlich zusammenreißt und ihren Löffel erneut volllädt. „Was war deine verrückteste Party?“
„Oh, uhm …“ Bruce räuspert sich. Ihm fallen direkt mehrere Partys ein, nur eignet sich keine wirklich, um hier beschrieben zu werden. Vor allem nicht Arina gegenüber. Die meisten davon haben sich im Les âmes de la nuit abgespielt. Der Club ‚Seelen der Nacht‘ bietet den ungebundenen Vampiren in dem Teil Frankreichs, in dem er lebt, eine einfache Möglichkeit, diskret an Blut und Sex zu kommen, ohne harmlose Dorfbewohner überfallen zu müssen. Die nächsten Städte sind zwar nicht allzu weit entfernt, aber trotzdem hat sich der Club in der Gegend gut etabliert. Das Ambiente ist angenehm, alles ist sauber und diskret und es ist eine gute Möglichkeit, zwischendurch einfach mal abzuschalten.
„Sahra schmeißt immer ziemlich tolle Partys. Sie ist die gute Seele in Franklins Haus“, weicht er ihrer Frage ein wenig aus. „Besonders zu Jacksons Geburtstag. Im letzten Jahr hat sie das Motto der zwanziger Jahre gewählt. Zu der Zeit hat sie ihren Ehemann William kennengelernt und die beiden haben wohl regelmäßig die Nächte durchgetanzt. Es ist ihr Lieblingsmotto.“
Arina sieht interessiert zu ihm hinüber. „Ich liebe die Zwanziger! Was war an der Party das Verrückteste?“
Bruce kommt erneut ins Straucheln, denn das Verrückteste war wohl der spontane Dreier mit Love und Jackson. Allerdings sollte er wohl auch das lieber für sich behalten. Die russisch-vampirische Aristokratie mag sich in einigen Dingen von der französischen unterscheiden, aber auch sie haben sich das Thema ‚freie Liebe‘ nicht gerade auf die Fahne geschrieben. Er würde seinen Hintern darauf verwetten, dass Arina noch Jungfrau ist und bleibt, bis sie gut situiert verheiratet wird.
„Es war eigentlich keine bestimmte Aktion“, antwortet er schließlich und schneidet das vorletzte Stück vom Hähnchen ab. „Ich mochte viel mehr die ausgelassene Stimmung, die Kostüme, das Tanzen. Am Ende der Party habe ich mich noch mit ein paar Freunden auf dem Fußballfeld getroffen und wir haben die ganze Nacht geredet.“ Zumindest entspricht das in weiten Zügen der Wahrheit. Eigentlich waren sie dort, um einen Joint rumgehen zu lassen und Bruce war nur eine halbe Stunde dort, bis Jackson ihn zurückbeordert hatte.
„Das stelle ich mir toll vor“, schwärmt Arina und legt ihr Besteck beiseite. Auch Bruce schiebt sich den letzten Rest in den Mund und legt sein Besteck zusammen. „Möchtest du noch Nachtisch?“, fragt er, nachdem er heruntergeschluckt hat, doch Arina schüttelt den Kopf. „Ich würde mich lieber bewegen“, antwortet sie und sieht ihn erwartungsvoll an. Bruce wischt sich mit einer Serviette den Mund ab und steht auf.
„Möchtest du tanzen?“, fragt er höflich und reicht ihr seine Hand.
„Sehr gern.“ Arina lässt sich von ihm aufhelfen. Es kostet Bruce alle Mühe, mit dem Daumen nicht über ihren Handrücken zu streicheln. Stattdessen führt er sie mit leicht ausgestrecktem Arm zur Tanzfläche. Ihre Hand ruht locker auf seiner, bis sie gegenüber Aufstellung nehmen und er seine zweite Hand ein Stück oberhalb ihrer Hüfte positioniert.
Den Blick hat er in ihre Augen gelegt und als der Takt der richtige ist, macht er einen Schritt zurück, um sie im Walzerschritt ganz auf die Tanzfläche zu führen. Die beiden fügen sich nahtlos in die Reihe der anderen Tänzer ein. Gemeinsam schweben sie über die weite Tanzfläche, vorbei an den kleinen Grüppchen, die sich unterhalten, an dem Raum mit dem Buffet, dem Eingang. Immer wieder dreht er sich mit ihr in dem großen Kreis und lässt sich mit ihr in die Musik fallen.
Nach ein paar Tänzen führt er sie wieder an den Rand der Tanzfläche, umfasst erneut vorsichtig ihre Finger und beugt seine Stirn zu ihrem Handrücken, um sich zu bedanken.
„Hättest du Lust, mit mir ein bisschen frische Luft zu schnappen?“, fragt Arina, als er sich wieder aufrichtet. „Oder habe ich deine Zeit schon zu sehr beansprucht?“
„Nein, keineswegs“, antwortet er und lächelt. „Ich würde sehr gern mit dir im Garten spazieren gehen.“
***
Arina verspürt eine ungewohnte Aufregung, als sie an der Seite des großen und stattlichen Vampirs in den Garten tritt. Sie hat Bruce erst gestern kennengelernt, aber irgendwas an ihm hat sie von Anfang an fasziniert. Als er den Laden verließ, hatte sie sogar kurz überlegt, ihm nachzueilen. Aber auch, wenn ihre Eltern sie ziemlich großzügig erzogen hatten, gab es gewisse Regeln und Grenzen, an die sie sich zu halten hatte. Und dazu gehörte es auch, einem Fremden in der Öffentlichkeit nicht nachzulaufen.
Und dann war er zurückgekommen und hatte sie auf einen Kaffee eingeladen. Bei der Erinnerung an diesen Moment tritt ein Lächeln auf Arinas Züge.
„Du denkst an etwas Schönes“, stellt Bruce neben ihr fest. Sie richtet den Blick in sein Gesicht und ihr Lächeln verbreitert sich noch etwas. „Ja, das tue ich.“
„Und verrätst du mir, was es ist?“
Arina legt den Zeigefinger an ihre Wange und tut so, als würde sie ernsthaft über seine Bitte nachdenken. Doch dann schüttelt sie den Kopf. „Nein“, erwidert sie leichtherzig und rafft ihren weiten Rock, um die Stufen in den Garten hinab steigen zu können, ohne sich in dem Stoff zu verheddern. Bruce folgt ihr einen Augenblick später, doch als sie am Ende der Treppe auf den festgedrückten Kiesweg tritt, ist er wieder an ihrer Seite.
„Diese Antwort hab ich nicht erwartet“, gesteht er und wirft ihr einen amüsierten Blick zu. Arina lächelt schelmisch. „Meine Eltern haben mich auch nur in einem gewissen Rahmen ‚wie erwartet‘ erzogen“, erwidert sie.
Bruce lacht leise. Sie mag sein Lachen. „Das musst du mir jetzt genauer erklären. Gibt es irgendwelche verrückten Hobbys, denen du nachgehst?“, fragt er mit einem verschwörerischen Zwinkern. Dabei deutet er mit einem Arm in die schützende Dunkelheit des Gartens. „Vielleicht sollten wir so was auch nicht direkt am Haus besprechen. Die Wasserspeier haben sicher Ohren.“
„Hier hat alles Ohren.“ Arina seufzt und setzt sich in Bewegung, um mit ihm den Kiesweg entlang zu spazieren, der sie vom Haus weg und hinaus in den weitläufigen Garten leitet. Eine Weile schreiten sie Seite an Seite den Kies entlang und am Anfang hält sie auch immer noch ihren Rock ein Stück hoch, damit er nicht schmutzig wird. Nach fünf Minuten wird ihr das allerdings zu lästig und sie lässt ihn los.
„Also …“, Bruce spricht erst, als sie sich so weit vom Haus entfernt haben, dass sogar die Klänge der Party nicht mehr zu hören sind. Direkt am Haus sind die Terrasse und auch ein Stück des Weges geräumt, aber hier ist der ganze Garten vom Schnee bedeckt und verschluckt jeglichen Laut. Als wären sie ganz allein auf der Welt.
„Erzähl mir von dem geheimen Leben der Arina JacobovnaArseni“, bittet er sie. Arina holt tief Luft und lässt ihren Blick in die Sterne gleiten. Ihre Hände liegen sanft auf dem Stoff ihres Kleides auf. „Eigentlich gibt es da nicht sehr viel Spannendes zu berichten“, beginnt sie. „Ich lebe meistens in der Nacht, auch wenn ich gegen die Sonne unempfindlich bin. Aber meine ganze Familie lebt so, auch meine Mutter. Nur manchmal machen wir uns einen schönen Tag in der Stadt.“ Sie liebt diese Ausflüge mit ihrer Mutter. Die Welt der Menschen ist so bunt und laut und aufregend, dass sie es manchmal bedauert, nur in der Nacht zu leben.
„Ich bin froh, dass du deine Kette bei Tag gekauft hast“, merkt Bruce an.
Ein Lächeln huscht über Arinas Lippen und in ihrem Magen breitet sich ein wohliges Gefühl aus. „Ja, darüber bin ich auch froh. Hier hätten wir uns bestimmt nicht kennengelernt.“
„Vermutlich nicht“, stimmt Bruce ihr zu. „In der Regel bin ich auf solchen Veranstaltungen, um über das Geschäft zu reden.“
Als sie bemerkt, dass er stehen geblieben ist, tut sie es auch und dreht sich zu ihm um. Sein Blick wandert über sie und er hebt eine Hand, um seine Maske abzunehmen. „Es wäre eine Schande, wenn ich dich verpasst hätte“, spricht er leise weiter und sieht sie dabei direkt an. Seine Augen haben die Farbe von Haselnüssen und stecken voller Wärme.Sein kurzes braunes Haar wirkt auf eine gewisse Art wild und gezähmt zugleich. Ganz genau wie der Vampir, dem es gehört.
Gebannt erwidert Arina seinen Blick. In ihrem Magen beginnt es zu kribbeln und ein warmes Gefühl steigt von dort auf und bahnt sich seinen Weg in ihre Brust.
Und plötzlich verspürt sie den Wunsch, einfach alles von ihm zu erfahren. Wie er lebt, wie seine Freunde sind, was er nach dem Aufstehen als erstes tut. An welche Sache er vor dem Zubettgehen als Letztes denkt.
Und sie wünscht sich, diese Sache zu sein.
„Warum bist du nochmal zu dem Laden zurückgekommen?“, hört sie sich sagen, während sie einfach weiter in diese Augen sieht. Erst ein leichter Windhauch löst den Bann, in den er sie geschlagen hat. Sie streicht sich mit den Händen fröstelnd über die Oberarme. Ihr Kleid ist wunderschön, aber definitiv nicht dazu geeignet, sie in einer verschneiten Nacht warm zu halten.
Bruce zieht sein Jackett aus und tritt zu ihr, um es um ihre Schultern zu legen. Ohne sie zu berühren, rückt er es zurecht, bis es passend auf ihren Schultern hängt. Arina hat den Kopf ganz leicht zurückgelegt, um zu ihm hochzusehen. Sie wartet noch immer auf seine Antwort.
Bruce zupft ein letztes Mal an dem schwarzen Stoff herum, während er ihrem Blick auszuweichen scheint. Als es nichts mehr am Sitz des Jacketts zu korrigieren gibt, sieht er sie endlich an. „Ich wollte dich kennenlernen. Auch wenn das vermutlich eine dumme Idee war.“
Seine Worte treffen sie unerwartet hart. „Wieso war es eine dumme Idee?“, fragt sie leise.
Bruce lenkt den Blick über sie hinweg, tiefer in den verschneiten Garten, sieht sie aber gleich wieder an. „Weil du hier lebst. Und ich in Frankreich. Und weil du adlig bist. Und ich nicht.“
„Du könntest mich besuchen“, schlägt Arina vor, ehe ihr klar wird, was sie da gesagt hat, und nun selbst den Blick senkt. „Entschuldige, das war zu voreilig.“ Immerhin haben sie sich erst zweimal gesehen und bis nach Frankreich ist es ein weiter Weg. Sicher würde er eine solche Reise nicht für eine völlig Fremde auf sich nehmen.
„Ich glaube nicht, dass das eine Lösung wäre“, antwortet Bruce.
Arina nickt. „Du hast recht.“
„Aber ich bin wirklich froh, diese dumme Idee umgesetzt zu haben“, fährt er fort. Seine Stimme klingt weich und ein wenig dunkler als eben noch. Sie kitzelt Arinas Ohren und löst ein weiteres angenehmes Kribbeln in ihrem Magen aus. Sie hebt den Blick und stellt fest, dass er ihr plötzlich ziemlich nahe ist. Stand er eben auch schon so dicht vor ihr? Oder spürt sie seine Nähe jetzt nur bewusster?
Während sie ihn ansieht, scheint die ganze Welt für einen Augenblick stillzustehen.
So weit hier draußen wird die Nacht allein durch einzelne Laternen und den reflektierenden Schnee erhellt. Keine Geräusche, außer ihrer beider Atem, dringen zu ihnen durch und je länger sie Bruce ansieht, desto stärker wird der Wunsch, ihn zu küssen. Seine Lippen sind so nah … er ist so nah. Aus seinem Jackett steigen sein Duft und seine Wärme auf, umhüllen sie wie in einem schützenden Kokon und sie zieht den Stoff noch enger um ihren Körper. Ihr Blick wandert immer wieder zu diesen Lippen, die so weich aussehen und wenn er sich nur ein wenig …
„Vielleicht sollten wir zurück zum Haus, bevor du dich noch erkältest.“ Seine Worte holen sie unsanft in die Realität zurück.
Arina nickt mechanisch. „Das ist eine gute Idee. Mein Kleid ist nicht wirklich für einen Ausflug gemacht.“
Außerdem melden sich so langsam ihre Füße, die kurz vor dem Erfrierungstod stehen.
„Dann sollten wir wirklich gehen“, sagt Bruce noch einmal und deutet mit der Hand auf den Weg, um ihr den Vortritt zu lassen.
Arina zögert einen Moment, doch dann setzt sie sich in Bewegung. Das hier ist nicht der richtige Augenblick und vor allem nicht der richtige Ort.
Auch wenn sie der Wärme entgegenstrebt, sind Arinas Schritte klein und langsam und auch Bruce passt sich ihr an. Sie sprechen nicht mehr, aber trotzdem möchte sie die Zeit mit ihm noch etwas ausdehnen.
Im Haus wird er sich vermutlich anderen Gästen zuwenden. Genau wie sie das tun wird, damit kein Gerede entsteht. Hohe Gesellschaften wie diese mögen fein wirken, aber im Grunde besteht ihre Gemeinschaft aus Klatsch und Tratsch. Schließlich gibt es für die Hälfte der Anwesenden nicht viel anderes zu tun, als einen Haushalt zu führen, Partys auszurichten und sich über den neuesten Tratsch auszutauschen.
Und wenn diese Nacht endet und sie nach Hause fährt, wird auch er es tun. Und dann zurück nach Frankreich verschwinden.
„Wann fliegst du wieder nach Hause?“, fragt sie ihn, als sie die Stufen zur Terrasse erreichen. Das Fest im Inneren des Hauses ist immer noch in vollem Gange und die Terrasse im Moment leer.
„Übermorgen“, antwortet Bruce und steigt neben ihr die Treppe hinauf.
Ein Stich durchzuckt Arinas Brust. „Oh. So bald schon.“
„Ja, es ist bald Weihnachten. Da will ich wieder bei meiner Familie sein.“
„Wir feiern kein Weihnachten“, murmelt Arina, weil sie nicht weiß, was sie sonst sagen soll. Oder eher, weil sie nicht sagen will, was sie sonst sagen würde.
Geh noch nicht.
***
Es fühlt sich unwirklich an, als er die Verandatür öffnet und Arina den Vortritt zurück ins Haus lässt. Die Musiker sind inzwischen von den ganz klassischen Stücken zu etwas moderneren Liedern übergegangen, sodass nun überwiegend die jüngeren Vampire auf der Tanzfläche sind. Sie und Michail, der in seinem weißen Anzug, seiner auffälligen Maske und dem dazu passenden auffälligen Tanzstil den absoluten Blickfang darstellt. Passend zur Musik wedelt er mit den Armen, zuckt mit dem Kopf und lässt seine Hüften so ausschweifend kreisen, als würde er einen Hula-Hoop-Reifen schwingen.
„Ich muss mich leider entschuldigen“, sagt Arina und streift sein Jackett ab, um es ihm zurückzugeben. „Vielen Dank.“
„Sehr gern“, antwortet Bruce und nimmt das Jackett wieder an sich, ohne sie zu berühren. Dabei würde er gerade nichts lieber tun, als noch einmal ihre Hand zu halten.
Anstatt sich abzuwenden, sieht Arina ihn noch einmal an und für einen Augenblick hat er den Eindruck, sie würde noch etwas sagen wollen. Doch dann lächelt sie nur höflich und dreht sich um.
Bruce blickt ihr hinterher, bis er sie in der Menge aus den Augen verliert. Dann faltet er sein Jackett über dem Arm zusammen und überlegt gerade, was er tun will, als ein fremder Vampir an ihn herantritt. Er reicht Bruce ein Glas und begrüßt ihn höflich. Bruce erwidert den Gruß und nimmt das Glas mit einem Dank an. Als er es unter seiner Nase schwenkt, weiten sich seine Augen überrascht. Es ist feinster Whisky. „Wo haben Sie den hergezaubert? Ich habe den ganzen Abend nur Champagner und Wein gesehen“, fragt er und nippt an der bräunlich klaren Flüssigkeit.
„Ich kenne Michail schon seit Jahren. Und ich pflege eine sehr gute Beziehung zu seinem Hauspersonal“, antwortet der andere Vampir. Auch er nippt an seinem Glas und reicht Bruce schließlich die Hand. „Jacob Yuriyevich Arseni“, stellt er sich vor.
Bruce wechselt sein Glas in die linke Hand und reicht dem Vampir die Rechte. „BruceSoelevich von Bourg“, stellt er sich nach russischer Art vor.
Jacob drückt seine Hand und nickt anerkennend. „Ich weiß, wer Sie sind. Michail hat mich eingeweiht. Der Wein auf dieser Feier stammt von Ihnen.“
Bruce neigt leicht den Kopf. „Michail ist einer meiner besten Kunden.“
„Wie war das in Frankreich, stellen Sie sich dort nicht mit dem Namen Ihres Vaters und ihrer Mutter vor?“, fragt Jacob und lässt seinen Blick während der Unterhaltung über die tanzenden Vampire gleiten.
„Der Name meiner Mutter istNaneah“, antwortet Bruce.
„Das ist ein wunderschöner Name. Der Name meiner Mutter lautet Asja“, erwidert Jacob.
„Ein ebenfalls sehr schöner Name. Genau wie der Name Ihrer Tochter“, stellt Bruce höflich fest und nippt erneut an seinem Whisky. Er sieht den Vampir neben sich von der Seite an.
Ein erfreutes Lächeln huscht über Jacobs Gesicht und er wendet sich Bruce nun doch zu. „Sie sind ein guter Beobachter. Das gefällt mir. Michail erwähnte auch, dass Sie sich gut in unserer Kultur auskennen. Sind Sie öfters hier?“
„Nicht so oft, wie ich es manchmal gern wäre. Russland ist ein wunderbares Land. Aber Frankreich ist meine wahre Heimat. Dort lebt auch meine ganze Familie.“
„Wie groß ist Ihre Familie?“, fragt Jacob und deutet mit dem Arm in eine Ecke, die gerade frei wird und etwas weiter von den tanzenden Vampiren, der lauten Musik und den anderen Gesprächsgruppen entfernt ist.
Bruce schlendert mit ihm los und wartet, bis es etwas ruhiger geworden ist, ehe er antwortet. „Ich habe dort einen besten Freund, der für mich wie ein Bruder ist. Seine Eltern sind für mich wie meine Eltern. Außerdem sind unsere Schwester und ihr Mann neulich zu uns gezogen. Genau wie die Freundin meines besten Freundes. Und unsere Schwester erwartet bald ein Baby.“ Sahra und William lässt er außen vor, denn auch wenn sie zur Familie gehören, kann er sich vorstellen, dass das in diesen Kreisen nicht gerade auf Verständnis stößt.
„Keine Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen? Was ist mit Ihren eigenen Eltern?“, fragt Jacob interessiert und lehnt sich leicht mit dem Unterarm auf den Stehtisch, vor dem sie Halt gemacht haben.
„Meine Eltern haben mich verlassen, als ich noch ein Jugendlicher war. Franklin, der Stiefvater meines besten Freundes, hat mich in sein Haus aufgenommen. Aber inzwischen habe ich mein eigenes Haus“, antwortet Bruce wahrheitsgemäß. Dass seine Eltern ihn rausgeworfen haben, weil er für Jackson den Schatten in seinen Körper aufgenommen hat und ihnen die ganze Geschichte zu unrühmlich war, lässt er dabei unter den Tisch fallen. Ihm ist klar, dass Jacob wissen will, mit wem seine Tochter im Garten spazieren geht, aber bestimmte Dinge gehören trotzdem nicht hierher.
„Und Ihr Geld verdienen Sie mit dem Anbau von Wein? Von vorzüglichem Wein, möchte ich ergänzen“, fährt Jacob fort. Er macht offensichtlich keinen Hehl daraus, dass das hier das reinste Verhör ist. Aber Bruce stört sich nicht daran, weil er es nachvollziehen kann.
„Vielen Dank. Ja, ich habe einen Weinberg geerbt. Mit diesem habe ich angefangen, nach und nach mehr Grundbesitz gekauft und schließlich mein Haus. Heute verkaufe ich in ganz Frankreich, exportiere nach Russland und konnte kürzlich auch ein paar neue Kunden in Amerika gewinnen.“
Dort hatte er einige Zeit verbracht, Kontakte geknüpft und bei der Gelegenheit auch gleich Love zurück nach Frankreich geholt.
„Amerika.“ Jacob verzieht beeindruckt die Lippen und nickt leicht. „Das ist ein großer Kontinent, viel Potential.“
„Allerdings. Ich bin froh, dass ich in New York Fuß fassen konnte. Nächstes Jahr reise ich wieder dorthin, um die Beziehungen zu vertiefen. Ich möchte dort eine Zweigstelle einrichten, die wir direkt beliefern und die weitere Kunden gewinnt. Dafür muss ich allerdings auch jemanden einstellen.“
Und das ist nicht ganz so einfach. Auch, wenn er in Amerika ein paar Kontakte geknüpft hat, kennt er niemanden, der den Job so ausführen könnte, wie Bruce es haben will. Außerdem ist er noch immer unentschlossen, ob er für die Stelle einen Vampir sucht, oder einen Menschen einstellt. Der Handel mit Wein ist nicht auf Vampire beschränkt und die meisten Kunden, die er gewonnen hat, sind menschlich, bis auf eine Ausnahme. Es wäre schwieriger, einen Vampir zu finden, noch dazu einen Mischling, der bei Tage arbeiten kann, aber unter Umständen lohnenswerter, weil dieser wieder gewisse Kontakte mitbringen könnte.
„Das stelle ich mir schwierig vor, von Frankreich aus. Sie werden in den nächsten Jahren viel reisen müssen“, sagt Jacob und blickt in sein Glas, während er es schwenkt. „Haben Sie eine Frau, die in dieser Zeit zu Hause auf sie wartet?“
Mit dieser Frage hat Bruce gerechent, denn es ist ziemlich klar, dass Jacob dieses Gespräch nicht aus Freundlichkeit oder spontanem Interesse führt.
