Schatten der Vergangenheit - Ally J. Stone - E-Book

Schatten der Vergangenheit E-Book

Ally J. Stone

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Beschreibung

"Große Fresse - keiner glitzert." Nach einem turbulenten Jahr ist Love zurück in New York. In der alten Heimat warten allerdings schon neue Probleme. Nicht nur ihr Vormund Thel und ein Rudel Blutwölfe sind ihr auf der Spur, auch Bruce, Jacksons bester Freund, ist in ihr Leben zurückgekehrt. Am anderen Ende der Welt beginnt für Jackson derweil die Uhr zu ticken. Beast - die Bestie in seinem Inneren - spricht immer schlechter auf die Medikation an, die ihn ruhigstellen soll. Könnte Loves Rückkehr die Katastrophe verhindern?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Glossar

New Chapter

Phone Calls and Dance Floors

Why?

You’re The Best

Little Ball of Fur

Help me

Run

Andover

Do you miss the Baby?

Nightmares

It would have been a Boy

New Life?

Thel

Home Sweet Home

Old Stories

Case Closed

Puppets & Blood Wolves

Maria

The Pack

Pyjama Party

You promised to stay away

Wanna be my Girl?

Reunion

Why is she here?

Are you okay?

But for us it was real

Same Place, Different Kiss

I want you

Wolf Girl

Instincts

Beauty and Beast

A Promise

So much Better

Epilog - Head over Heels

Danksagung

Alle Romane von Ally J. Stone

Die stonebooks-Community

Über die Autorin

Impressum

Contentwarnungen

Savage

Schatten der Vergangenheit

1. Auflage

© 2019, Berlin, Ally J. Stone

Alle Rechte vorbehalten.

Das Werk darf ohne schriftliche Zustimmung der Autorin nicht

kopiert, vertrieben oder verwendet werden.

~

Coverdesign Jaqueline Kropmanns

~

LektoratPhoenix Lektorat

~

Korrektorat

Jacqueline V. Droullier

~

Autorenwebseitewww.stonebooks.de

Contentwarnungen

hinten im Buch!

Du und ich – wir sind eins. Ich kann dir nicht weh tun, ohne mich zu verletzen.

- Mahatma Ghandi

Glossar

Arnunta: Feier zum 50. Hochzeitstag

Dyn: Männlicher Gefährte

Ratnik: Die Ratnik sind Schattenwesen. Der Legende nach stammen sie von den Vampiren ab, haben sich im Laufe der Zeit jedoch in eine andere Richtung entwickelt. So bilden sie zwar ebenfalls Fangzähne aus, sind in ihrer Ernährung aber nicht auf Blut angewiesen. Für sie ist das Trinken eher ein Kick, der besonders bei jugendlichen Ratniks sehr beliebt ist.

Seit Jahrtausenden gehen aus ihren Reihen die tödlichsten Krieger der Erde hervor. Sie leben sehr im Einklang mit der Natur und deren Magie, weshalb sie eng mit den Vatrá verbunden sind. Für einen Ratnik-Krieger ist es eine große Ehre, zum Schutz eines Vatrá ausgewählt zu werden.

Vatrá: Die Vatrá sind eine uralte Rasse von Feuerwesen. Sie werden nicht nur unglaublich alt, sondern pflanzen sich auch nur sehr selten fort, weshalb ihre Zahl gering ist. Aufgrund ihrer Fähigkeit, Feuer zu erschaffen und zu beherrschen, gelten sie als eine der letzten magischen Rassen der Erde. Die Macht ihrer Königin geht über die übliche Feuermagie hinaus – sie ist in der Lage, Seelenmagie zu wirken.

Um den Schutz der wenigen lebenden Vatrás zu gewährleisten, wird bei jeder entstehenden Schwangerschaft ein Ratnik-Krieger erwählt, der die schwangere Vatrá begleitet und das Kind vom Augenblick seiner Zeugung bis zu dessen Tod beschützt.

Puppet: In Ungnade gefallener Vampir oder Vampirin, die in die Sklaverei verkauft, oder in dieser geboren wurde. Heutzutage sind Puppets seltener als früher, aber es kommt immer noch vor – und ist nach vampirischen Recht auch immer noch legal.

Eine Puppet steht ihren Besitzern mit Blut und Körper zur Verfügung, verrichtet niedere Arbeiten und besitzt keinerlei eigene Rechte oder Besitz.

In der Regel wird nur in den höheren Klassen der Vampire mit Puppets gehandelt, in mittelständigen Haushalten kommen sie nicht vor.

New Chapter

„Warum will er mich nicht?“ Enttäuscht lässt Love sich auf die Couch fallen und verzieht das Gesicht.

„Na ja, du hast ihn ziemlich plötzlich verlassen. Außerdem hat er dich jetzt schon einige Wochen nicht mehr gesehen.“

„Das ist kein Grund, mir gleich untreu zu werden. Typisch Mann.“ Love verschränkt die Arme und grollt vor sich hin.

Bruce lächelt. „Er wird sich schon daran gewöhnen und dir verzeihen. Schließlich kann er nicht ewig unter dem Schrank hocken bleiben.“

Love ist ziemlich überrascht gewesen, als Bruce plötzlich vor ihrer Tür gestanden hat. Nach dem ersten Schreck hat sie ihn aber hineingelassen und nun sitzen sie hier. Sie hat sich darüber gefreut, dass er ihr Salem zurückgebracht hat, doch kaum, dass sie ihn freigelassen haben, ist er wie ein weißer Blitz unter einer Kommode verschwunden und faucht jeden an, der sich ihm nähert. Vermutlich würde Jackson ähnlich handeln, wenn Bruce ihn hierher geschleift hätte.

„Also, was treibt dich nach New York? Du wirst kaum so viele Stunden geflogen sein, nur um meinen Kater nach Hause zu bringen“, lenkt sie das Gespräch auf ein anderes Thema.

„Er ist nicht zu Hause. Er ist Franzose“, erwidert Bruce.

Love rollt mit den Augen. „Oh bitte. Er gehört zu mir. Sein Zuhause ist dort, wo ich bin.“

Bruce holt Luft, als wolle er etwas sagen, doch stattdessen hebt er nur den Kaffeebecher an die Lippen.

Ein ungutes Gefühl steigt in Love auf. Sie mag Bruce, auch wenn sie ihn nicht sehr gut kennt. Das Körperliche einmal ausgenommen. Aber obwohl sie ihn nur einmal im Leben gesehen hat, scheint so unendlich viel Unausgesprochenes zwischen ihnen zu stehen. Die Frage danach, wie es Jackson geht, drängt sich immer wieder in ihr Bewusstsein, doch sie beißt sich tapfer auf die Zunge. Er hat sie geteilt, mit dem Vampir, der jetzt auf ihrer Couch sitzt. Außerdem hat er sich nicht einmal darum bemüht, sie zum Bleiben zu überreden. Er hat einfach aufgelegt und nie wieder etwas von sich hören lassen. Es sollte ihr also egal sein, was mit ihm ist. Dieses Kapitel ist abgeschlossen.

„Weiß Jackson, dass du hier bist?“ Verdammt. Die Frage ist ihr entwischt.

Bruce wirkt, als hätte er damit gerechnet. Ruhig stellt er den Becher ab und fasst sie ins Auge. „Er weiß, dass ich in New York bin. Aber er weiß nicht, dass ich dir Salem gebracht habe. Als ich das mit Franklin abgesprochen habe, war Jackson nicht mehr in Frankreich.“

„Also ist er wieder auf Reisen. Alles wie gehabt“, fügt sie seiner Aussage zähneknirschend hinzu. „Aber du hast mir immer noch nicht verraten, was dich wirklich hierhertreibt.“

Bruce lehnt sich in der Couch zurück und lässt seinen Blick durch das unaufgeräumte Wohnzimmer wandern.

Unbehaglich zieht Love die Decke, in die sie sich mittlerweile gewickelt hat, etwas enger um sich. Seit sie zurückgekehrt ist, ist ihr ständig kalt. Vermutlich liegt es daran, dass der Herbst sich langsam nähert.

„Ich bin aus geschäftlichen Gründen hier. Salem habe ich vorbeigebracht, weil ich ...“

„Weil du gerade in der Gegend warst?“, unterbricht sie ihn und lächelt.

Bruce hebt die Schultern an. „Sozusagen. Ich wohne im Haus gegenüber.“

Überrascht blickt Love auf. „Und was sind das für Geschäfte, wegen denen du gegenüber wohnen musst?“

„Ich versuche, einen neuen Großkunden zu gewinnen, um zu expandieren.“

„Was ist mit dem Kerl aus Russland?“

„Er ist treu, aber wer langfristig überleben will, sollte sich niemals nur auf einen Kunden verlassen.“

„Ja, ich schätze, das gilt nicht nur für Weinkunden.“ Der Satz ist Love ungeplant herausgerutscht. Unruhig erhebt sie sich von der Couch und greift nach dem Geschirr, um es in die Küche zu bringen.

Bruce folgt ihr.

„Willst du einen neuen Kaffee?“, fragt sie, während sie die Kaffeetasse kurz ausspült.

„Ja, bitte.“

Sie trocknet die Tasse ab und stellt sie in diesen kleinen Automaten, den sie vor einer Weile erstanden hat.

„Du fehlst ihm“, erklingt Bruce‘ Stimme hinter ihr.

Ein unangenehmer Schmerz fährt Love in die Brust. „Ach, hat er das gesagt?“, fragt sie bemüht desinteressiert.

Bruce seufzt. „Nein. Aber du kennst ihn.“

„Tu ich das?“ Love schnaubt und drückt auf den Knopf des Kaffeeautomaten.

„Du hast ihn verlassen, Love. Nachdem er dich gebeten hat, bei ihm zu bleiben. Was hast du gedacht, wie er darauf reagiert?“

„Nein, Bruce! Ich habe ihn verlassen, nachdem er mich geteilt hat. Mit dir!“, fährt sie ihn an und dreht sich zu ihm herum. „Aber das war ...“ Bruce hält inne und beißt sich auf die Lippen. „Das hatte nichts mit dir zu tun, Love.“

„Nicht? Ich hab mich ziemlich anwesend gefühlt.“

„Du hast zugestimmt. Wenn ich gewusst hätte, dass du nicht wolltest ...“

„Nein.“ Love hebt abwehrend die Hände. „Ich hab zugestimmt, okay? Alles gut. Aber hinterher habe ich festgestellt ...“ Sie zögert.

„Dass es doch keine so gute Idee war?“

Love legt die Stirn in Falten und wendet sich wieder ab. „Ist ja auch egal. Es ist vorbei. Das … Frankreich ist nichts für mich. Er hat dort seine Familie und seine Freunde und dich … und Silvana.“

Als Bruce daraufhin schweigt, schließt Love die Augen. „Es wäre nett gewesen, wenn du gesagt hättest, dass er nicht gleich wieder bei ihr war.“

Der Automat piept und Bruce greift an ihr vorbei, um die Tasse herauszuholen. „Das wäre gelogen.“

„Ja, das hab ich mir gedacht.“

„Das heißt aber nicht, dass die beiden ...“

Love unterbricht ihn. „Ich weiß, was es heißt, okay? Und selbst wenn nicht, es ist zu viel passiert. Jackson und ich sind zu unterschiedlich und wir tragen beide so viel Mist mit uns herum. Ich will darüber nicht weiter nachdenken. Mein Leben ist jetzt wieder hier in New York. Ich fange allein neu an.“

„Und das macht dich glücklich?“

Die Vampirin atmet tief durch und sieht ihm fest in die Augen. „Ja. Ich habe im letzten Jahr alles verloren, was ich hatte, und selbst das, was ich nicht hatte. Das bedeutet, ich bin jetzt unverwundbar.“

Weil sie nichts mehr hat, was sie noch verlieren könnte. Abgesehen von Salem, doch er ist jetzt bei ihr und sie wird sich gut um ihn kümmern.

~

Nachdenklich mustert Bruce sie. Dann stellt er seine Tasse wieder ab, ohne auch nur daran genippt zu haben. Love sieht keineswegs unverwundbar aus. Vielmehr macht sie auf ihn den Eindruck, einfach nur unglaublich erschöpft zu sein. Seit sie die Tür geöffnet hat, hat er ein flaues Gefühl im Magen. Sahras Einschätzung scheint richtig gewesen zu sein – Love hängt genauso an Jackson, wie er an ihr. Und sie ist ein genauso großer Dickkopf wie er. Aber so wie sie aussieht, scheint das nicht alles zu sein. „Ich werde für ein paar Monate hier sein, vielleicht auch für ein Jahr, je nachdem, wie es sich entwickelt.“

„Ein ganzes Jahr für einen Kunden?“ Love sieht erstaunt aus.

„Nein, nicht nur für diesen einen Kunden. Ich will ein Netzwerk aufbauen und sowas funktioniert besser, wenn ich vor Ort bin. Natürlich werde ich zwischendurch nach Hause fliegen, um nach dem Rechten zu sehen.“

„Und wer gießt in der Zeit deine Blumen?“

Bruce schmunzelt. „Franklin ist nicht der Einzige mit Hausangestellten.“

„Und deine Weinberge? Wer geht da mit dem Staubwedel durch?“, bohrt Love weiter. Scheinbar ist ihr gerade jedes Thema recht, das nichts mit ihr zu tun hat.

„Lauren.“

„Du hast eine Frau?“ Loves Gesichtsausdruck ist so erschrocken, dass er lachen muss.

„Nein, ich habe keine Frau. Und auch keine Freundin. Sie ist meine Assistentin. Na ja, eigentlich sehr viel mehr. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen.“

„Also ist sie deine Pepper Pots.“

„Sozusagen.“ Bruce lächelt milde. Love scheint sich abgesehen von ihrer besorgniserregenden Verfassung nicht verändert zu haben.

„Du musst müde sein nach dem langen Flug“, merkt sie an. „Ja“, bestätigt er. „Ich werde mich etwas hinlegen und dann auspacken. Sehen wir uns heute nochmal?“

Love streicht sich eine Strähne hinters Ohr und zupft an ihrer Kleidung herum. Sie wirkt unruhig und seit er hier ist, hat sie nicht einmal stillgehalten.

„Ich gehe heute mit ein paar Freunden feiern“, antwortet sie schließlich. „Wenn du mitkommen magst, kannst du das gern tun. Um neun kommen alle zu mir zum Vortrinken. Gegen elf werden wir losziehen.“

„Das klingt gut. Sind es Freunde von früher?“

„Nein, früher hatte ich keine Freunde. Zu Hause war ich immer der gebräunte Sonderling und danach hing mir Jackson ständig auf der Pelle.“ „Was ist mit Chicago? Hast du da keine Freunde gefunden?“, fragt er. Diese Freunde wären zwar nicht hier, aber immerhin hätte sie welche gehabt.

Love schnaubt leise. „Du weißt alles, oder?“

„Jackson erzählt mir nur das, was ihm wichtig ist.“

„In Chicago gab es niemanden“, antwortet sie. „Ich habe mich dort auf meine Tanzkarriere konzentriert und in dieser Branche findest du keine echten Freunde. Zumindest nicht, wenn du es nach oben schaffen willst.“

Bruce nickt. „Verstehe. Tanzt du hier auch wieder?“

„Nein. Ich mache genau das, was ich in der Zeit vor Jackson gemacht habe. Feiern und shoppen, ohne mich vor jemandem dafür rechtfertigen zu müssen.“

„Ich verurteile dich nicht.“

„Gut, dann verstehen wir uns ja.“ Loves Ton ist nicht direkt unfreundlich, aber in den letzten zehn Minuten ist sie zunehmend unruhiger und genervter geworden. Vermutlich ist es das Beste, wenn er sich zurückzieht und sie seine Anwesenheit erstmal verdauen lässt.

„Danke für den Kaffee. Wir sehen uns ja später“, verabschiedet er sich und macht sich auf den Weg zur Tür.

„Ja, bis später“, antwortet Love und begleitet ihn. „Nachher hab ich bessere Laune“, verspricht sie ihm und setzt ein Lächeln auf, das ihre Augen nicht erreicht.

Bruce sieht sie lange an. „Ich freue mich, dass wir uns wiedergesehen haben. Auch wenn unser Kennenlernen in Frankreich etwas … ungewöhnlich gewesen ist.“

Jetzt ist ihr Lächeln echt. „Ja, ich mich auch. Können wir nur … ich will nicht mehr über ihn sprechen. Oder über das, was alles passiert ist. Lass uns neu anfangen. Ich bin Love. Und du scheinbar ein neuer Nachbar.“

Etwas verdutzt blickt er auf die Hand, die sie ihm reicht. Etwas Bittendes liegt in ihrem Blick, weshalb er sich einen Ruck gibt und sie ergreift.

„Freut mich. Ich bin Bruce, ich wohne im Haus gegenüber.“

Sie lächelt noch einmal, dann lässt sie seine Hand los und schiebt die Tür leise zu.

Bruce bleibt allein im Flur zurück. Sie nach Frankreich zurückzuholen, wird wohl schwerer, als er erwartet hat.

Phone Calls and Dance Floors

Der Reisewecker schrillt und reißt Bruce mit einem unangenehmen Ruck aus dem Schlaf. Völlig orientierungslos tastet er danach und stellt ihn ab, ehe er sich in sein Kissen zurücksinken lässt.

Draußen ist es bereits dunkel und als er auf die Uhr blickt, zeigt sie ihm an, dass es schon nach acht am Abend ist. Wenn er pünktlich drüben sein will, sollte er langsam aufstehen und sich fertig machen.

Zunächst einmal streckt er sich jedoch genüsslich und vertreibt den Schlaf aus den Gliedern.

In drei Tagen hat er den ersten Termin, um ein zu vermietendes Büro zu besichtigen. Bis dahin hat er sich Zeit gegeben, um sich hier einzuleben.

Es ist eine Weile her, dass er in Amerika gewesen ist, da er sich lieber zu Hause in Frankreich oder seiner zweiten Wahlheimat, Russland, aufhält. Die amerikanischen Menschen sind ihm meist einen Tick zu laut, zu schrill und ihr Leben ist viel zu … schnell. Als wüssten sie, dass ihre Zeit begrenzt ist. Und trotzdem leben sie so, dass sie möglichst viel von ihrem Leben durch Arbeit verpassen.

Dieses unlogische Vorgehen hat er noch nie verstanden.

Aber der Kontinent ist groß und wenn er sich hier in New York eine Zweigstelle aufbauen kann, hat er definitiv einen Fuß in der Tür.

Bevor er aufsteht, greift er nach seinem Handy und wählt eine Nummer. Es tutet eine Weile und als am anderen Ende abgehoben wird, knackt und rauscht es in der Verbindung.

„Hab ich dich geweckt?“, fragt er zur Begrüßung.

Jacksons Stimme klingt leise und wird immer wieder unterbrochen. „Nein, wir sind alle wach. Was gibt’s? Alles in Ordnung zu Hause?“

„Ich bin nicht zu Hause. Ich bin schon in New York.“

„Ach richtig, da wolltest du hin. Ich dachte, du fliegst erst später.“ „Ich hielt es für einen guten Zeitpunkt“, erwidert Bruce. Er fühlt sich, als müsse er sich rechtfertigen.

Die Stille am Ende der Leitung wird nur durch das gelegentliche Knacken unterbrochen.

„Wie geht es dir da drüben?“, hakt er irgendwann nach.

„Gut. Es ist alles in Ordnung.“ Jackson klingt ehrlich, auch wenn Bruce spürt, dass es nur die halbe Wahrheit ist.

„Und wie geht es ihr?“

„Bestens, zum Glück. Es verläuft alles, wie es soll. Keine bösen Überraschungen bisher.“

„Ich freue mich für euch“, antwortet Bruce ehrlich. Wenn jemand ein bisschen Glück verdient hat, dann ist es Jackson.

„Danke“, antwortet der. „Und was treibst du heute Abend?“

Bruce zögert. Bisher weiß Jackson nicht, dass er in Loves Nähe gezogen ist und sie sogar schon gesehen hat. Allerdings wird er es früher oder später ohnehin erfahren.

„Ich geh mit Love feiern.“

Wieder herrscht Schweigen in der Leitung. Also fährt Bruce einfach fort, zu erzählen. Er weiß, dass Jackson nicht von selbst fragen wird. „Ich bin im Haus gegenüber eingezogen. Ich dachte mir, wenn ich ohnehin eine Weile hier bin, kann ich auch ein Auge auf sie haben. Sie ist viel zu sehr wie du, um keinen Blödsinn anzustellen, wenn niemand auf sie achtet.“

Jackson braucht offensichtlich eine Weile, um das zu verdauen, doch als er antwortet, klingt seine Stimme fest. „Hast du ihr Salem gebracht?“

„Ja. Als ich ging, saß er immer noch beleidigt unter einem Schrank und hat sie angefaucht.“

„Sie hat ihn ja auch sitzen lassen“, erwidert Jackson wie aus der Pistole geschossen. „Sie konnte ihn nicht einfach mitnehmen.“ Bruce versucht, ihn zu besänftigen. Loves Abgang aus Frankreich ist immer noch ein sensibles Thema. „Tiere müssen in Quarantäne, ehe sie reisen.“

„Er hätte nicht reisen müssen, wenn sie nicht einfach abgehauen wäre“, grollt Jackson.

Bruce atmet tief durch, doch bevor er etwas erwidern kann, spricht sein Freund schon weiter. „Ist ohnehin egal. Sie ist weg und ich bin jetzt hier. Das hätte ich schon viel eher tun sollen.“

„Vermutlich hast du recht. Ich wünsche euch alles Gute. Melde dich zwischendurch, ich will wissen, wie es ihr geht.“ Bruce verabschiedet sich – er weiß, wann er bei seinem besten Freund auf verlorenem Posten steht.

Momentan würde Jackson niemals zurück nach New York kommen. Nicht, um ausgerechnet um eine Frau zu kämpfen, die ihn in seinem Stolz gekränkt hat, nachdem er es endlich gewagt hatte, sich zu öffnen. Wenn man es so nennen kann.

„Das mache ich. Viel Glück mit den Geschäften.“ Es klickt ein letztes Mal, dann ist die Leitung tot.

Bruce legt das Handy beiseite und schwingt die Beine aus dem Bett. Vielleicht war es ein Fehler, Love wiederzutreffen. Aber auch wenn sie inzwischen keine Jugendlichen mehr sind, hat er immer noch den Drang, Jacksons Mist in Ordnung zu bringen. Vermutlich sollte er davon langsam Abstand nehmen. Sie sind alle erwachsen und auch, wenn er sich immer für Jackson verantwortlich fühlen wird – er ist es nicht.

Müde tappt er ins Bad, schaltet das Licht ein und greift nach seiner Zahnbürste. Da er von einem lockeren Clubabend ausgeht, putzt er sich nur die Zähne und steigt unter die Dusche. Der Dreitagebart hat exakt die richtige Länge, um ihm gut zu Gesicht zu stehen, weshalb er eine Rasur auslässt und sich stattdessen ankleidet.

Bis zu Love ist es nicht weit, weshalb er sogar noch die Zeit findet, ein paar der Brote zu essen, die ihm seine Köchin eingepackt hat. Flora kann den Kontinent nicht leiden und ist alles andere als begeistert, dass er gleich für mehrere Monate hierhergezogen ist. Anhand der Menge Verpflegung, die sie in seinen Koffer gestopft hat, kommt er damit vermutlich komplett über die Runden, bis er zurückkehrt – zumindest ist sein Kühlschrank jetzt erstmal gut gefüllt.

Als er schließlich soweit ist, um aufzubrechen, blickt er ein letztes Mal in den Flurspiegel und strafft sich. Das wird ein interessanter Abend werden. Also los.

~

„Wuuuuhuuuuuuu!“ Love jubelt, während sie ihr Glas zurück auf den Balkontisch knallt und ihr Gegenüber frech angrinst.

Danny, ein gutaussehender, aber leicht arroganter Kerl, schnaubt nur. „Das war Glück, Süße. Je weiter der Abend voranschreitet, desto eher werde ich dich unter den Tisch trinken.“

„Pass auf, dass er sich nicht in dein Bett trinkt“, neckt Lucy sie. Die junge Blondine steht rauchend neben Love und wirft Danny eine Kusshand zu.

Der stemmt sich hoch und stolziert mit hoch erhobenem Kopf davon.

„Er ist manchmal so ein Spielverderber!“, ruft Love und angelt nach beiden Gläsern, um nachzufüllen. „Willst du als Nächste?“

Das üble Gefühl von heute Morgen ist verschwunden und auch die Schlappheit ist wie weggeblasen. Sie liebt die Nacht und blüht regelrecht auf, sobald es dunkel ist. Anscheinend ist sie doch mehr Vampir, als sie früher dachte. Zumindest lebt sie jetzt eher in der Nacht, genau wie ihre neue Clique.

Lucy spielt mit ihrer Haarsträhne und zieht erneut an ihrer Zigarette. „Kann ich heute bei dir pennen?“

Love kichert. „Hast du nicht vor, Danny heute noch abzuschleppen?“

„Nein, er hat wieder einen seiner arroganten Tage, darauf habe ich keine Lust.“

„Wieso seid ihr eigentlich nicht zusammen?“

Lucy drückt die Zigarette aus und lässt sich auf den freien Stuhl gegenüber Love sinken. „Wieso sollte ich mich an einen Typen wie ihn binden, wenn ich so viel Auswahl habe? Man ist nur einmal jung und das sollten wir genießen.“

„Da hast du recht.“ Love schiebt ihr das neu gefüllte Glas zu und stößt mit ihr an. „Und klar kannst du bei mir pennen. Übrigens kommt gleich noch ein Bekannter. Er ist im Haus gegenüber eingezogen und wird für ein paar Monate hierbleiben.“

Ihre Freundin wird hellhörig und angelt nach der Flasche, um ihnen beiden nochmal einzuschenken.

Währenddessen krakeelt der Rest ihrer Clique in Loves Wohnzimmer herum und hat, wie immer, die Xbox in Besitz genommen.

„Das klingt spannend“, schnurrt Lucy. „Sieht er gut aus?“

„Oh ja, dir wird definitiv das Höschen runterfallen, wenn du ihn siehst.“ Love kichert.

„Na, dann muss ich ja vielleicht doch nicht bei dir pennen“, erwidert Lucy. „Es sei denn, du hast schon ein Auge auf ihn geworfen.“

Love zögert. „Ich weiß nicht. Es ist komisch im Moment.“

„Wie habt ihr euch denn kennengelernt? Oder gehört das auch wieder zu deiner düsteren Vergangenheit, über die du nie sprichst?“ Ihre Freundin rollt demonstrativ mit den Augen.

„Genau das“, bestätigt Love. „Sagen wir einfach, ich kenne ihn noch nicht gut. Aber ich glaube, er ist cool.“

„Und ich glaube, du warst mit ihm im Bett. Du hast da sowas in deinem Blick“, bemerkt Lucy und kreist mit einem Finger vor Loves Auge herum.

Love fängt ihre Hand ab und drückt sie runter. „Na und? Wenn du ihn siehst, wirst du verstehen, wieso.“ Dass es so nicht gewesen ist, verschweigt sie. Sie mag Lucy und auch die anderen, aber sie sind … nicht so wie Franklin oder Sahra und William. Mit ihnen kann sie feiern – aber sie hat nicht das Gefühl, dass sie wirklich mit ihnen reden kann.

Passenderweise klingelt es genau in dem Moment.

„Das muss er sein.“ Love springt auf, um zur Tür zu laufen. Als sie sie aufreißt, steht Bruce vor ihr. Es ist fast wie an dem Abend, an dem sie ihn das erste Mal gesehen hat. Nur dass er diesmal keinen Smoking trägt, sondern ein einfaches Hemd und eine Jeans.

„Bin ich zu spät?“ Seine Stimme klingt angenehm tief und der dezente Duft, der von ihm ausgeht, erinnert sie an die Nacht, als …

„Hi, du musst Bruce sein! Ich bin Lucy, Love hat schon viel von dir erzählt!“ Die Blondine schiebt sich an Love vorbei und reicht Bruce die Hand. Gleichzeitig zieht sie ihn in die Wohnung, sodass Love zur Seite taumeln muss, um Platz zu machen. Etwas überrumpelt schließt sie die Tür wieder und lässt Lucy erst einmal machen.

„Das da sind die Jungs und Mädels, Love stellt dir sicher gleich alle vor. Zu trinken findest du in der Küche. Cool, dass du kommen konntest“, plappert Lucy weiter und schiebt Bruce in Richtung Küche. Hinter seinem Rücken dreht sie sich zu Love um und formt mit ihren Lippen ein 'Oh mein Gott!'.

„Tja, euer Gott hat mit seiner Erschaffung nicht viel zu tun“, brummt Love leise vor sich hin und schlendert zur Couch. Sie kennt Lucys Geflirte und das wird sie sich jetzt ganz sicher nicht geben.

„Ist das der Kerl, über den du nie reden willst?“ Ellen begrüßt sie mit einem Augenzwinkern und streicht sich ihr rotes Haar hinters Ohr.

„Wer sagt, dass es einen Kerl gibt, über den ich nicht reden will?“, fragt Love und lehnt sich vor, um ein paar Erdnussflips aus der Schale auf dem Tisch zu angeln.

„Na ja, du weigerst dich, aus deinem Leben zu erzählen. Meist steckt da ein Kerl hinter“, antwortet Ellen.

„Und denkst du, wenn er es wäre, würde ich ihn hierher einladen?“ Love schiebt sich alle Flips auf einmal in den Mund.

Ellen hebt die Schultern und linst nochmal zu Bruce hinüber, der immer noch von Lucy vollgequatscht wird.

Danny reicht derweil den Controller weiter und greift nach seinem Glas. „Frauen haben schon dümmeres getan, wenn sie verliebt waren“, gibt er seine Meinung zum Besten.

„Ich bin nicht in ihn verliebt“, stellt Love mit scharfer Stimme klar und steigt über die Couchlehne, um sich zwischen Danny und Steve zu quetschen, dem sie den Controller klaut. „Lass mich mal fahren.“

„Das geht doch nie gut“, witzelt Steve.

„Klappe.“ Mit der Zunge im Mundwinkel hämmert sie auf die Tasten des Controllers, um den roten Wagen über den Bildschirm zu lenken. Dabei nimmt sie so ziemlich jedes Hindernis mit, welches sich ihr in den Weg stellt, bis sie schließlich so schief auf der Fahrbahn steht, dass die Wagen, die bereits in die zweite Runde fahren, sie über den Haufen brettern und sie raus ist.

„Ich wusste, dass du eine Massenkarambolage auslöst. Erinnere mich daran, dich nie an das Steuer meines Wagens zu lassen“, bemerkt Danny trocken und legt einen Arm um sie.

„Du bist ein Idiot“, mault Love und zuckt mit der Schulter, um ihn abzustreifen.

Er ignoriert es. „Und du bist heute ziemlich heiß“, raunt er ihr ins Ohr.

Sie grinst. „Nur heute?“

„Jeden Tag und heute im Besonderen.“

„Schon besser“, erwidert sie zufrieden und reicht Steve den Controller zurück. Der junge Mann klickt sich fachmännisch durchs Menü und startet ein neues Spiel.

Danny ist damit beschäftigt, ein paar Küsse auf Loves nackte Haut zu setzen, als Bruce und Lucy das Wohnzimmer betreten. Bruce‘ Blick bleibt an Love hängen.

Lucy klammert sich derweil an seinem Arm. „Wollen wir los?“, fragt sie in die Runde. Dass Danny an Loves Schulter herumküsst, scheint sie nicht im Geringsten zu stören.

Unangenehm berührt, schiebt Love Danny zur Seite und steht auf. „Klar. Lasst uns feiern gehen!“ Ohne Bruce anzusehen, schnappt sie sich ihre Jacke, die Handtasche und Schlüssel und scheucht alle aus ihrer Wohnung.

„Ist er dein Freund?“, raunt Bruce ihr im Vorbeigehen zu.

„Nein. Ich bin nicht der Beziehungstyp“, antwortet Love salopp und schließt ab.

„Das ist uns aufgefallen“, gibt er trocken zurück. Während die anderen schon lärmend vorlaufen, ist er stehen geblieben.

Sie schnaubt. „Wenn du nur hergekommen bist, um alte Geschichten aufzuwärmen, kannst du gleich wieder abzischen. Du hast kein Recht, über irgendwas zu urteilen! Er ist doch derjenige, der sofort wieder auf die nächste gesprungen ist, sobald ich mich umgedreht habe!“

Bruce hebt die Hände. „Love, das war nicht ...“

„Nein!“ Wütend hält sie Bruce den Zeigefinger vors Gesicht.

„Ich will nicht wissen, was es war. Jackson und ich sind Geschichte, respektier das! Du kannst jetzt entweder mitkommen und mit uns feiern oder nach Hause gehen!“ Aufgebracht funkelt sie ihn an. „Also?“

Sie hat in der letzten Zeit hart daran gearbeitet, nicht mehr an Jackson und all das, was in Frankreich passiert ist, zu denken. Sich davon zu überzeugen, dass sie darüber hinweg ist.

Aber wenn sie ihm weiter zuhören würde, müsste sie sich eingestehen, dass sie bis zum Abflug damals heulend auf den Eingang zur Wartehalle gestarrt hat. Dass sie in ihren ersten Wochen in New York bei jedem Geräusch im Haus zusammengezuckt und zum Fenster gerannt ist.

Sie müsste sich eingestehen, wie oft sie geglaubt hat, Jackson irgendwo um eine Ecke biegen zu sehen. Denn das alles liegt hinter ihr und auch Bruce‘ Auftauchen wird nichts daran ändern. Es darf nichts daran ändern. Jackson wird nicht kommen. Das war ihr in dem Moment klar, als Bruce vor ihrer Tür stand.

„Hey, ihr Langweiler, was steht ihr denn hier noch?“ Lucy ist zurückgekommen und hakt sich wieder vertraut bei dem großen Vampir unter – ohne zu wissen, welche Natur sich wirklich hinter seinem freundlichen Gesicht verbirgt.

„Ich habe nur noch was vergessen. Geht schon mal vor, ich komme gleich nach.“ Love schließt die Tür wieder auf und lässt die beiden im Flur zurück.

Diese kleine Auseinandersetzung hat sie wieder runtergebracht. Es wird Zeit für ein bisschen neue Partystimmung.

~

„Ist sie immer so gut gelaunt, wenn ihr feiern seid?“ Bruce betrachtet Love, die schon seit gut einer Stunde ununterbrochen auf der Tanzfläche die Hüften kreisen lässt. Danny ist dabei stets an ihrer Seite, ohne sie auch nur eine Sekunde aus den Augen – oder seinen Händen – zu lassen.

Lucy hält sich derweil dicht an Bruce‘ Seite und nuckelt zufrieden an ihrem zweiten Cocktail. „Oh ja, sie ist unsere Partykönigin! Wenn sie dabei ist, kannst du dir sicher sein, dass der Abend sehr verrückt und cool wird!“

„Und wie sieht es mit Männern aus?“

Lucy betrachtet ihn von der Seite, bis er den Blick von Love nimmt und stattdessen sie ansieht. Mit dem Strohhalm zwischen den Lippen lächelt sie ihn herausfordernd an. „Wieso? Wärst du eifersüchtig?“

„Nein. So lange kennen wir uns nicht. Ich bin nur neugierig“, antwortet er.

„Ja, das hat sie auch gesagt“, erwidert Lucy, nicht sonderlich überzeugt.

„Dass ich neugierig bin?“

„Dass ihr euch noch nicht lange kennt. Dafür aber wohl ziemlich … eingehend“, schiebt sie mit einem kleinen Zwinkern hinterher.

Bruce setzt ein charmantes, aber nichtssagendes Lächeln auf. „Erzählt sie das, ja?“

„Nein. Aber ich habe es ihr angesehen. Und keiner von euch hat widersprochen.“ Lucy spuckt den Strohhalm aus und streicht stattdessen mit der Hand über sein Hemd.

„Ein Gentleman genießt und schweigt.“ Er versucht, das Thema abzuschließen, aber Lucy scheint ihn nicht so leicht davonkommen lassen zu wollen. „Du siehst gar nicht aus wie ein Gentleman.“

Bruce blickt an sich hinab. „Was ist falsch an meinem Aussehen?“

„Oh, gar nichts. Du siehst einfach nur nicht aus, als wärst du im Bett sonderlich zurückhaltend … oder höflich.“

Schmunzelnd fängt er ihre Hand ab, als sie nach unten zu wandern beginnt.

Anstatt sich von diesem Signal aus der Ruhe bringen zu lassen, verschränkt Lucy einfach ihre Finger mit seinen und drückt sich gegen ihn. „Weißt du, eigentlich sollte ich bei Love pennen. Nur ich schätze … ihr Bett wird heute Nacht besetzt sein.“ Mit einem sachten Kopfnicken in Loves und Dannys Richtung macht sie klar, was sie meint. „Aber ich hab gehört, dass du direkt gegenüber wohnst. Also … kann ich mich darauf verlassen, dass der Gentleman in dir nicht zulässt, dass ich heute Nacht noch durch die halbe Stadt fahren muss, um nach Hause zu kommen?“

„Wir werden sehen.“ Er ist nicht gerade ein Kind von Traurigkeit, allerdings hält er es auch nicht für klug, gleich an seinem ersten Abend hier eine von Loves Freundinnen flachzulegen.

„Mich zappeln zu lassen, ist aber nicht sehr freundlich.“ Schmollend verzieht Lucy die Lippen.

„Dann lass es mich abkürzen: Du wirst heute Nacht keinen Sex mit mir haben.“

Perplex zieht Lucy den Kopf zurück und starrt ihn an. Offensichtlich ist sie es nicht gewohnt, einen Korb zu kriegen. „Fein“, gibt sie eine Spur kälter von sich und löst ihre Hand aus seiner. „Entschuldige mich, ich muss mal aufs Klo.“

„Nur zu.“ Kurz nur sieht er ihr hinterher, als sie sich schmollend aus dem Staub macht.

Love ist immer noch auf der Tanzfläche zugange und da dieser Danny inzwischen wieder dabei ist, an ihr herum zu küssen, wendet Bruce sich kopfschüttelnd ab und verschwindet nach draußen.

Von ein paar herumstehenden Rauchern schnorrt er sich eine Kippe und Feuer und schlendert ans andere Ende des kleinen Hinterhofs. Vereinzelt stehen ein paar Sitzgelegenheiten und viele Aschenbecher herum und auch hier draußen spielt Musik, allerdings um einiges leiser als drinnen.

„Wie wärs, wenn wir langsam abhauen?“ Dannys Stimme erklingt vom Eingang des Clubs her, als Bruce die Zigarette zur Hälfte aufgeraucht hat. Als sein Blick zur Tür wandert, sieht er, wie Love sich gerade eine ansteckt und genüsslich den ersten Zug nimmt.

Da er etwas von den letzten Lampen entfernt im Halbschatten steht, rührt er sich nicht und beobachtet die beiden. Während Love rauchend ein paar Schritte macht, dackelt Danny ihr mit einer Bierflasche in der Hand wie ein Hündchen hinterher.

„Wir sind doch gerade erst seit anderthalb Stunden oder so hier“, wendet Love ein und bleibt stehen, um sich zu ihm umzudrehen. „Bist du schon müde, Schlappschwanz?“ In ihren Augen blitzt es frech auf und Bruce huscht ein Lächeln über die Lippen.

„Das mit dem Schlappschwanz würdest du definitiv zurücknehmen, wenn du jetzt mit mir nach Hause gehst“, säuselt Danny und beugt sich erneut vor, um ihre Schulter zu küssen. Seine Hand schiebt sich dabei beiläufig auf ihre Taille.

„Na, im Reden schwingen bist du auf jeden Fall der Beste. Was den Rest angeht, bin ich mir nicht so sicher“, kontert sie.

Danny hebt den Kopf und legt ihn leicht schief. „Komm schon, Love. Wir kennen uns jetzt wie lange? Zwei Monate? Ich musste noch nie so lange an einer Frau rumgraben, wie an dir. Und normalerweise würde ich das auch nicht tun. Aber bei dir ...“

„Oh, sollte das jetzt ein Kompliment werden?“

„Ach bitte, Süße. Du bist heiß, ich bin heiß, wir sind beide frei und erwachsen – wieso zierst du dich so?“

Aufmerksam richtet Bruce sich auf, lässt die Zigarette fallen, und tritt sie aus.

Love wirkt unbehaglich und auch sie drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus, neben dem die beiden stehen. Dann schiebt sie Dannys Hand von sich. „Weil es immer noch meine Entscheidung ist, mit wem ich ins Bett gehe.“

„Na ja, es muss ja kein Bett sein ...“

Als Love mit den Augen rollt, stellt Danny seine Flasche weg und streicht ihr mit den Händen über die Oberarme. „Das war ein Scherz, bleib locker. Was ist heute los? Sonst hast du bessere Laune. Liegt es an diesem neuen Typen, der aufgetaucht ist?“

„Bruce? Was soll mit ihm sein?“, fragt Love betont gelangweilt.

„Ich hab so dieses und jenes gehört.“

„Und das wäre?“

„Na zum Beispiel, dass du ihn nicht über zwei Monate hast zappeln lassen.“ Seine Hände wandern von ihren Oberarmen zu ihrem Rücken.

Angespannt verengt Bruce die Augen, rührt sich aber nicht. Er wartet auf etwas.

„Tja, vielleicht hatte er einfach die bessere Taktik“, erwidert Love kurz angebunden und schiebt seine Hände erneut von sich.

„Oder er hatte den besseren Stoff dabei. Was ist, soll ich uns auf dem Heimweg was besorgen? Dann wirst du vielleicht wieder lockerer.“ Erneut greift er nach ihr, um sie an sich zu ziehen und dieses Mal versucht er, sie zu küssen.

Love verzieht das Gesicht, stemmt die Hände gegen seine Brust und zieht den Kopf zurück. „Lass mich los. Sofort.“

Das ist Bruce' Stichwort. Mit ein paar Schritten hat er den kleinen Hof überquert, packt Danny am Kragen und reißt ihn von Love weg. „Hey, Kumpel, ich glaub, drinnen wird dein Typ verlangt. Die Jungs wollen einen mit dir trinken“, meint er und klopft dem jungen Mann so kräftig auf den Rücken, dass dieser zwei Schritte davonstolpert.

Bis Danny sich wieder gefangen hat und sich umdrehen kann, hat Bruce sich wie eine Wand zwischen ihm und Love aufgebaut. Grimmig richtet er sein Hemd. „Ja … das war so abgemacht“, knurrt er und wirft einen letzten Blick auf Love, ehe er ins Innere verschwindet.

„Sag mal, hast du heute früh eigentlich was Falsches gegessen?“, motzt Love hinter ihm los.

Überrascht dreht Bruce sich um und sieht sich einer ziemlich angepisst wirkenden Vampirin gegenüber. Sie hat die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn kampfbereit gereckt und die Augen leicht zusammengekniffen.

„Ähm … gern geschehen?“

„Falls es dir nicht aufgefallen ist, ich bin erwachsen. Glaubst du, ich wäre nicht in der Lage, mir so einen Schwächling vom Leib zu halten?“

Bruce hebt abwehrend die Hände. „Ich wollte nur helfen.“

„Aber ich hab dich nicht darum gebeten! Ich brauche niemanden, der mich rettet, okay? Ich kann mich selbst retten! Lass mich einfach in Ruhe!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, stürmt sie an ihm vorbei zurück in den Club.

Verdattert bleibt er im Hof zurück. Was auch immer in den letzten paar Wochen passiert ist, diese Person hat definitiv nichts mehr mit der frechen Brünetten gemeinsam, die er in Frankreich erlebt – und von der ihm Jackson erzählt hat.

„Mach dir nichts draus.“ Die kleine Rothaarige – Ellen – ist neben ihn getreten und blickt in Richtung Clubeingang. „So ist sie manchmal, wenn sie wieder runterkommt. Gib ihr ne halbe Stunde, dann schnurrt sie wieder wie ein Kätzchen.“

Bruce runzelt die Stirn, doch Ellen lächelt ihn nur an. „Allerdings solltest du schnell sein, wenn du zum Zug kommen willst, denn Danny weiß das auch. Ich denke nicht, dass er so schnell aufgibt. Nicht, nachdem er sie wochenlang bearbeitet hat.“

„Was meinst du mit runterkommen?“, fragt Bruce. „Nimmt sie irgendwas?“

Die Kleine lacht nur, fährt sich mit einer Hand durch die Haare und lockert sie auf. „Du bist echt süß. Franzose, nicht? Ich mag deinen Akzent.“

„Nimmt Love Drogen?“, fragt Bruce erneut, ohne auf ihren Flirt einzusteigen.

„Honey, in unseren Kreisen nimmt jeder welche. Ansonsten hältst du diesen ganzen sinnlosen Scheiß doch nicht durch. Sex, Drugs und Rock‘ n‘ Roll, richtig?“

„Welchen Scheiß meinst du?“

„Na, das Leben! Wir sind geboren, um zu sterben. Das Beste, was du machen kannst, ist, bis dahin so viel Spaß wie möglich zu haben.“

Oh man, wo ist Love hier nur reingeraten?

„Und jetzt entschuldige mich, ich muss mir die Nase pudern.“ Mit einem Zwinkern tippt sie sich seitlich an die Nase und verschwindet im Club.

Hinter Bruce‘ Stirn arbeitet es, als ihn eine Erinnerung mitreißt.

Ein brüllender Feuersturm steckt den ganzen Raum in Brand. Hustend kämpft Bruce sich voran, um ins Zentrum des tosenden Flammenmeers vorzustoßen. Im Gegensatz zum Mobiliar bleibt er von den Flammen, die über seine Haut hinwegstürmen, gänzlich verschont. Als er Jackson erreicht, umfasst er sein Handgelenk fest mit einer Hand und zieht ihn mit einem Ruck in seine Arme.

Sein bester Freund brüllt wütend über Bruce‘ Schulter, doch der verstärkt seinen Griff nur noch und hält dem Sturm stand.

„Ich weiß ...“, murmelt er nur in Jacksons Ohr und schließt die Augen. Bis der Anfall vorüber ist, wird das Haus vermutlich bis auf die Grundmauern niedergebrannt sein. Aber das spielt keine Rolle. Momentan ist nur eines wichtig. Dass sie es gemeinsam durchstehen.

„… Feuer?“

Verwirrt blickt Bruce auf den jungen Kerl, der vor ihm steht und ihn erwartungsvoll ansieht. „Was?“

„Ich fragte, ob du Feuer hast.“

„Ja, Moment.“

„Danke, Kumpel“, erwidert der Mann, lächelt seicht und entzündet seine Zigarette an Bruce‘ Feuerzeug, ehe er weiterschlendert.

Bruce strafft sich, schüttelt den Rest der Erinnerung von sich und taucht wieder in das Innenleben des Clubs ein. Sofort schlägt ihm der süßlich-verschwitzte Dunst entgegen, begleitet von dem lauten, rhythmischen Hämmern der Musik. Die Clique ist nicht schwer auszumachen und auch Love ist unter ihnen. Tatsächlich wirkt sie wie ausgewechselt, jubelt, schreit und trinkt mit den anderen. Als sie Bruce entdeckt, strahlt sie übers ganze Gesicht und kommt auf ihn zugetänzelt.

„Heeeeyyy, hast du Lust zu tanzen?“ Auffordernd lässt sie ihre Hüften nach links und rechts zucken und lächelt ihn breit an.

„Sollte ich dich nicht in Ruhe lassen?“

„Jetzt schmoll nicht rum, du Spielverderber! Komm schon!“ Sie ergreift seine Hand und schmiegt sich gegen ihn. Ihr warmer Körper windet sich im Takt zur Musik in seinen Armen und von ihrem Ärger fehlt jede Spur.

Als hätte es ihr Gespräch vor ein paar Minuten nicht gegeben.

Ellen sitzt auf einem der wenigen Sofas, hat die Augen geschlossen und wippt mit dem Oberkörper hin und her.

Lucy saugt an dem Strohhalm eines weiteren Cocktails. Ihre Beine liegen über Dannys Schoß, der sie jedoch nicht ansieht.

Stattdessen starrt er ihn und Love an.

Endlich schlingt Bruce die Arme um sie und beugt sich hinab, um seine Lippen an ihr Ohr zu bringen. „Wie wärs, wenn wir abhauen und ich dich nach Hause begleite?“

Love zieht den Kopf zurück und grinst ihn breit an. Ihr Blick wirkt dabei entrückt und plötzlich fängt sie an zu kichern. „Na sowas, Mr. Loyal. Versuchst du etwa, mich ins Bett zu kriegen?“

„Wenn du es so sehen willst, ja.“

„Und … hast du vor, mit in mein Bett zu kommen?“ Wieder kichert sie und lehnt sich plötzlich zurück, sodass seine Hände nach oben zwischen ihre Schulterblätter schnellen, um sie aufzufangen.

„Ich werd deine Situation sicher nicht ausnutzen. Aber wenn du willst, dass ich bleibe, schlafe ich auf der Couch.“

Love richtet sich wieder auf, stellt sich auf die Zehenspitzen und schlingt die Arme um seinen Nacken. „Aber vielleicht will ich ja, dass du es ausnutzt. Das letzte Mal war fantastisch.“

„Das letzte Mal warst du auch nüchtern genug, um dich bewusst dafür zu entscheiden“, erinnert er sie.

Love rollt mit den Augen. „Du bist echt ein Spießer. Weiß Jackson das? Dass sein bester Freund ein Spießer ist?“

„Ich bin mir sicher, dass Jackson dir da entschieden widersprechen würde.“

Loves Augen blitzen interessiert auf. „Echt? Was hast du angestellt? Sag schon!“

„Wenn du mit mir kommst, erzähle ich dir ein paar Storys, die er dir nie erzählen würde. Einverstanden?“

„Bist du dabei nackt? Du siehst nackt echt gut aus. Ich hab Lucy vorhin von dieser einen Tätowierung da erzählt, die du ...“

Ihr Gerede bricht abrupt ab, als Bruce seine Lippen auf ihre drückt, um sie zum Schweigen zu bringen.

Überrascht fiept Love kurz, dann wirft sie sich in den Kuss und schließt ihre Arme noch enger um seinen Nacken.

„Kommst du mit mir?“, hakt er nach, als sie sich wieder lösen.

Love nickt mit einem breiten Lächeln im Gesicht, greift nach seiner Hand und winkt im Vorbeigehen dem Rest der Clique zu. „Bis baahaald!“

Why?

„Hast du Dannys Gesicht gesehen? Er hasst dich bestimmt, weil ich mit dir mitgegangen bin, anstatt mit ihm.“ Zufrieden gluckst Love vor sich hin und schließt ihre Wohnungstür auf.

„Du hast nicht so gewirkt, als würdest du ihn wollen.“

„Will ich auch nicht. Er ist nur ein Mensch. Irgendein Typ, der ...“ Sie zuckt mit den Schultern.

„Der nicht Jackson ist?“, hilft Bruce nach.

„Nein. Der nicht mal halb so alt wird wie ich, wollte ich sagen.“

„Ich dachte, du bist kein Beziehungstyp? Was interessiert es dich dann, wie alt Danny wird?“

Love plustert ihre Wangen auf und rollt mit den Augen. „Jetzt weiß ich, warum du und Jackson euch so heiß und innig liebt. Ihr seid beide Klugscheißer.“

Bruce lächelt lediglich und Love lässt die Schlüssel in die Schale auf der Kommode fallen. Die Wohnung ist immer noch ein Chaos vom Vortrinken, doch sie streift lediglich ihre dünne Jacke ab und lässt sie irgendwo fallen.

„Also?“ Während sie auch ihr Oberteil über den Kopf zieht, dreht sie sich wieder zu Bruce um. „Du wolltest mir ein paar Geschichten erzählen.“

Bruce ist inzwischen in der Küchenzeile und füllt ein großes Glas mit Wasser. Als er sich zu ihr herumdreht, trägt sie nur noch ihre Dessous – und ihre High Heels. Die Hände hat sie forsch in die Hüften gestemmt und ihr Gewicht auf ein Bein verlagert. Ihren Kopf legt sie leicht schief und lächelt ihn herausfordernd an. Dass Bruce‘ Augen sich weiten und er einen Augenblick nur starrt, gefällt ihr.

---ENDE DER LESEPROBE---