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Die Leiche eines Jungen und ein abgetrennter Kinderarm werden aus der Themse geborgen. Die Ermittler von Scottland Yard vermuten zunächst einen Serienkiller. Schnell müssen Sergeant Beverly Evans und das Team um Inspektor Sands aber erkennen, welch perfide Verstrickungen tatsächlich hinter dem Tod der Kinder stehen. Das ganze Team steht unter Hochspannung. Wenn ihre Vermutungen stimmen, könnte es sehr bald ein weiteres Opfer geben. Beverlys Nerven liegen blank, ihre Zusammenarbeit mit dem Leiter eines zweiten Teams wird zur Zerreißprobe, während zugleich ihre private Probleme immer mehr aus dem Ruder laufen. Dann verschwindet, wie befürchtet, ein weiteres Kind, und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. Überarbeitete Neuauflage des Krimis "Der Fluss, die Steine und der Tod"
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Rita Janaczek
Ich danke
meiner Familie,
Antje und Agnes
für ihre Unterstützung.
Überarbeitete Neuauflage des Krimis
„Der Fluss, die Steine und der Tod“
© Rita Janaczek, 2014-2025
Machandel Verlag Charlotte Erpenbeck, Haselünne
Covergestaltung: Elena Münscher
Bildquelle: tommyandone/depositphotos.com
ISBN 978-3-95959-472-1
Schwer wie Blei lag der Nebel über den Häusern von London. Er hatte die Stadt den Tag über gefangen gehalten und schien sich zum Abend hin immer weiter zu verdichten. Die Lichter der Stadt schwammen trübe in der Feuchtigkeit. Dichte Schleier schwebten über dem Wasser der Themse und legten sich über das Ufer.
Flussabwärts, am äußersten Zipfel des Bezirks Havering, leuchteten grelle Strahler. Sie ließen den Nebel weiß und fassbar erscheinen. Etliche Wagen parkten dicht am abschüssigen Ufer. Das Blaulicht mehrerer Polizeifahrzeuge schimmerte matt, es verteilte sich mit der feinen Feuchte in der Luft. Ein riesiger Lastkahn lag notdürftig vertäut in der Nähe des Ufers. Zwei Taucher stiegen gerade, gestützt von Kollegen, völlig erschöpft aus der eiskalten Themse.
Sergeant Beverly Evans von Scotland Yard trottete müde zum Themseufer hinab. Was Daniel wohl dachte? Sie war gerade vom Dienst nach Hause gekommen und hatte ihren Lebensgefährten mit einem flüchtigen Kuss begrüßt, als das Telefon geklingelt hatte. Keine fünf Minuten später musste sie sich wieder verabschieden und dabei seinen ärgerlichen Blick ignorieren. Sie seufzte leise.
Sergeant Paul Manley hatte sie gesehen und kam ihr kreidebleich entgegen. Er war erst im Frühjahr des letzten Jahres in ihr Team gekommen, er hatte vorher beim Betrugsdezernat gearbeitet. Als Manley sie erreichte, blickte er sie kurz an. „Ich hätte in meiner alten Abteilung bleiben sollen“, schnaufte er.
Es war nicht das erste Mal, dass Beverly ihn bei diesem Gedanken ertappte. „So schlimm?“
„Verdammt. Ich pack das nicht.“
„Du darfst es nicht so nah an dich ranlassen.“ Beverly musterte ihn und befand, dass er wirklich mitgenommen aussah. „Warte in deinem Wagen.“
„Das hatte ich auch vor.“
Beverly setzte ihren Weg bis zum Rand des Wassers fort. Hier verlief der Uferstreifen ein wenig breiter und völlig flach. Sie konnte erkennen, dass jemand den Tauchern half, ihre Ausrüstung auszuziehen. Dann sah sie Sergeant Bill Stanton, der neben etwas Schmutzigweißem stand, das auf dem Boden lag. Beverly ging an den Tauchern und ihrer Mannschaft vorbei zu ihm. Erst als sie direkt vor ihm stand, konnte sie erkennen, was das helle Ding auf dem Boden war. Ein zerrissener Wäschesack. „War der Tote da drin?“
Bill schüttelte den Kopf, seine blonden wilden Locken wippten wie Sprungfedern. „Nein, dieser Sack war leer. Er hatte sich zusammen mit zwei anderen in der Schiffschraube verfangen.“
„Drei Wäschesäcke?“
„Ja. Der eine war durch die Schraube völlig zerfetzt. Das Einzige, was noch in dem Stoff hing, war ein abgerissener Arm. Er ist schon verpackt“, erklärte Stanton. „Die Leiche liegt oben. Willst du sie sehen? Kein besonders schöner Anblick, Paul hat gleich gereihert und sich aus dem Staub gemacht.“
„Ich weiß, ich habe ihn getroffen.“
Sie stapften die Böschung hoch zu den Einsatzwagen der Spurensicherung. Der Leiche lag auf einer Folie, Beverly betrachtete sie eine Weile. Bill hatte recht. Sie war relativ klein, vom Wasser gedunsen und verfärbt, das Gesicht kaum mehr menschlich, die Extremitäten lagen derart verkrümmt neben dem Körper, dass es aussah, als habe die Person keine Knochen besessen. Beverly sah Stanton fragend an. „Was ist mit den Gliedmaßen?“
„Dr. Morrow sagte, die Schiffschraube hätte das verursacht. Die Risse im Körper kommen auch daher. Außer der Bauchschnitt da. Der ist älter.“
„Ein Kind?“, fragte sie matt.
Bill antwortete nicht gleich. Schließlich wischte er sich mit dem Handrücken über die Stirn. „Ja, ein Kind. Der Arm stammt vermutlich auch von einem Kind.“
Beverly blickte auf den vertäuten Lastkahn und auf den Steg, der vom Ufer hinaufführte. „Wie haben sie’s gemerkt?“
„Die Säcke haben sich in der Schiffsschraube verfangen und den Pott lahmgelegt. Der Schiffsführer hat sich mit einer Firma in Verbindung gesetzt, die Industrietaucher einsetzt. Von denen ist dann einer rein. Er hat die Leiche gefunden. Stand ziemlich unter Schock, der Mann.“
„Haben sie mitgekriegt, wo genau die Toten in die Schraube gelangt sind?“, forschte Beverly.
„Weiß ich nicht. Henderson und Sands sind noch auf dem Schiff. Sie befragen gerade die Mannschaft.“
„Wo ist Dr. Morrow?“
„Er ist zurück zum Yard gefahren. Er konnte hier nicht viel tun.“
„Mm.“ Der gute Doktor hat’s lieber fein sortiert auf seinem Seziertisch.
Sie gingen nebeneinanderher zum Einsatzwagen der Polizeitaucher. Dort stand Superintendent Allister Whitefield in seiner heiß geliebten, stets fleckig wirkenden Wildlederjacke, mit der Schulter an den Wagen gelehnt.
„Evans, Stanton, hierher!“
Sie gesellten sich zu der kleinen Versammlung aus Polizisten und Tauchern.
„Ich werde eine Nachrichtensperre verhängen. Chief Superintendent O’Brian hat das angeordnet.“ Er fuhr sich mit seiner breiten Hand durch das graue Haar. „Wenn’s um Kinder geht, bricht immer gleich Panik aus, das können wir nicht brauchen. Sie wissen schon …“
„Wenn wir es mit einem Psychopathen zu tun haben, vielleicht sogar einem Serientäter, wäre es da nicht besser, die Bevölkerung zu warnen?“, gab Beverly zu bedenken.
„Wir sehen uns nachher im Yard“, raunzte Whitefield, ohne auf ihre Frage einzugehen. Er drehte sich um und schlurfte mit hängenden Schultern zu seinem Wagen.
Beverly wandte sich wieder dem Lastkahn zu, der im Nebel einem Geisterschiff ähnelte. Es war wie ein Ruf nach Gerechtigkeit, dass der Tod der Kinder diesen Titan aus Stahl in die Knie gezwungen hatte. Jetzt war es ihre Aufgabe, den Mörder dieser Kinder zu finden. Der Gedanke, dass sie dabei völlig am Anfang standen, beunruhigte Beverly, noch mehr allerdings die Vorstellung, dass jemand da draußen war, der vielleicht schon sein nächstes Opfer beobachtete.
Sie ging neben Stanton hinab zu dem provisorischen Steg, der den Kahn mit dem Ufer verband. Sie warteten schweigend und frierend auf den Rest des Teams, während sich das Gewirr an Menschen und Fahrzeugen allmählich lichtete. Als Inspektor Harold Sands und Sergeant Patricia Henderson über die schmale Bohle zu ihnen gelangten, war es beinahe elf. Gemeinsam brachen sie zu ihren Autos auf.
„Paul wartet im Wagen“, sagte Stanton. Er seufzte.
„Das wird nie was mit ihm“, sagte Henderson.
„Er braucht halt mehr Zeit als andere“, warf Beverly ein.
„Noch mehr Zeit? Er sollte sich ins Betrugsdezernat zurückversetzen lassen.“ Henderson schüttelte verständnislos den Kopf.
Inspektor Sands sah sie scharf von der Seite an. „Es reicht, Patricia! Die Mordopfer sind Kinder. Pauls Junge ist zwölf. Es ist doch wohl verständlich, dass ihn das mehr mitnimmt als jeden von uns.“
Paul Manley saß, noch immer bleich, mit leicht gesenktem Kopf neben der Pinwand in Whitefields Büro. Beverly betrachtete ihn, er schien genau zu wissen, dass auch alle anderen Blicke auf ihn gerichtet waren.
„Paul, jetzt mach dir deswegen keinen Kopf.“ Patricia versuchte, ihn aufzumuntern, ganz so, als wolle sie die Worte von vorhin relativieren. Er sah sie nur ausdruckslos an.
Whitefield lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, blickte konzentriert in die Runde. Die vertikalen Falten zwischen seinen Augen schoben sich dabei dicht zusammen. „Zwei tote Kinder. Vielleicht noch mehr.“ Er senkte den Kopf, als wollte er sich in kurzem Gedenken vertiefen, dann fuhr er fort. „Ich will, dass Sie nach Hause fahren. Alle. Im Moment können wir nichts tun. Wir werden morgen um Punkt sechs eine Lagebesprechung halten.“ Er schnaufte, erhob sich und machte eine schroffe Geste mit der Hand. „Punkt sechs, ist das klar?“
Als Beverly den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür schob, war es kurz vor Mitternacht. Sie fragte sich, ob sich Daniels wütender Blick zu einem Stillleben verfestigt oder er sich inzwischen beruhigt hatte. In Augenblicken wie diesen glaubte sie immer öfter, dass sie doch zu schnell ihre Wohnung aufgegeben hatte, um bei ihm einzuziehen. Es war seltsam still. Als sie durch die angelehnte Tür des Wohnzimmers spähte, sah sie ihn mit einem Buch auf der Couch liegen. Für einen Moment verspannte sie sich. Dann ging sie hinein.
Daniel hob kurz seinen strafenden Blick, dann vertiefte er sich wieder in seine Lektüre. Sie querte den riesigen Raum ohne ein Wort, während die Holzbohlen leise unter ihren Füßen knarrten, und ging ins Bad. Sie zog sich aus, ihre Kleidung war klamm vom Nebel, und ging unter die Dusche. Als der warme Strahl ihre kühle Haut benetzte, erschauerte sie und schloss die Augen.
Nachdem sie sich abfrottiert hatte, nahm sie den Lippenstift. Ein Wort nur. „Blödmann“ prangte jetzt in Großbuchstaben auf dem Spiegel. Dann ging sie ins Schlafzimmer, zog einen Slip und sein Pyjamaoberteil an – denn seine Pyjamas wurden immer gerecht geteilt – und kroch ins Bett.
Es war noch dunkel, durch die gläserne Dachschräge waren keine Sterne zu sehen. Vielleicht lag noch immer dichter Nebel über der Stadt, vielleicht war es einfach nur bewölkt. Beverly tastete über den Rand des Bettes und knipste die Lampe an. Schwaches Licht drang durch den Schirm aus edlem Papier. Sie sah auf den Wecker, es war noch nicht einmal vier, aber sie konnte nicht mehr schlafen. Sie rollte sich auf die Seite, legte ihren Kopf auf den Arm und betrachtete den gutaussehenden Mann, der, wenn er so friedlich neben ihr schlief, keinerlei Probleme machte. Sie hatte nicht geglaubt, dass es so kommen würde. Sie waren noch nicht einmal ein Jahr zusammen, aber es gab ständig Streit. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie Angst gehabt, ihn zu verlieren, bis sie immer stärker gespürt hatte, dass er derjenige war, der sich an sie klammerte. Sie wusste ja, warum er das tat. Beverly konnte es sogar verstehen. Aber sie musste inzwischen auch zugeben, dass seine Ängste sie völlig überforderten. Sie verschwendete zwar keinen Gedanken daran, sich von ihm zu trennen – er war schließlich der Mann, den sie wollte – aber so konnte es einfach nicht weitergehen.
Der Nebel hatte sich aufgelöst, es regnete. Die Stadt erwachte so impulsiv zum Leben, als würde sie beweisen wollen, dass sie jedem Wetter trotzte.
Beverly hatte die Wohnung verlassen, während Daniel noch schlief. Sie steuerte den Wagen durch den dichten Verkehr und ärgerte sich über ihre Scheibenwischer, die schmierig breite Streifen auf der Windschutzscheibe ihres alten Kleinwagens hinterließen. Als sie ihr Auto parkte, stieg Sands gerade aus dem Wagen. Er begrüßte sie mit einem Lächeln, dann gingen sie nebeneinanderher zum Aufzug. Während sie sich schweigend gegenüberstanden, betrachtete sie ihn verstohlen, seine hochgewachsene Statur, seine ebenmäßigen, klassischen Gesichtszüge. Sie erinnerte sich daran, dass er sie genauso viel Kraft gekostet hatte, wie es jetzt Daniel tat. Nur, dass mit Sands nie etwas war. Er war verheiratet. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, was sie die ganze Zeit für ihn empfunden hatte.
Paul Manley sah inzwischen besser aus. Beverly hatte im Laufe der vergangenen Monate – sie waren ja oft gemeinsam unterwegs gewesen – sehr genau gespürt, wie es nervlich immer weiter mit ihm bergab ging. Als er im Mai letzten Jahres seine Versetzung zur Mordkommission in der Tasche gehabt hatte, da hatte er noch geglaubt, er habe das große Los gezogen. Doch inzwischen schien ihn jeder Fall dünnhäutiger zu machen. Er hatte es bislang tunlichst und immer trickreich vermieden, den Autopsiesaal zu betreten, und Beverly hatte sein Verhalten stets gedeckt. Außer ihr wusste nur Sands, dass Paul noch keinen Fuß in Dr. Morrows Reich gesetzt hatte. Aber die Leichen am Tatort anzusehen, das hatte sich nicht umgehen lassen, und bereits das hatte Paul jedes Mal umgehauen.
Das Klingeln des Telefons holte sie aus ihren Gedanken. Whitefield hob ab. Er drückte sein Ohr an den hellgrauen Hörer und sah Beverly an. „Ja, ich sehe mal nach“, raunte er. Dann hielt er die Sprechmuschel mit seiner Hand zu. „Es ist Fleming, für Sie, Evans.“
Herrje, wann hörst du endlich damit auf, Daniel? Sie sah Whitefield an und schüttelte den Kopf.
Der Superintendent nahm die Hand von der Muschel. „Sie ist in einer wichtigen Besprechung.“ Dann legte er auf.
Es würde heute nicht sein letzter Anruf sein, das wusste Beverly. Mr. Daniel Fleming, ich schwöre dir, das gibt Ärger!
Kurz nach sechs war das Team komplett. Whitefield heftete die Fotos an die Pinwand, die die Techniker bereits am späten Abend entwickelt hatten. Manley vermied es, sie anzusehen.
Inspektor Sands nahm eine rote Nadel, mit der er genau die Stelle auf der Stadtkarte markierte, an der sich gestern das vertäute Schiff befunden hatte. „Der Ausfall der Schiffschraube wurde flussaufwärts, ungefähr in Höhe der Ford-Werke im Stadtteil Dagenham, registriert.“ Sands markierte auch diese Stelle auf der Karte und betrachtete sie einen kurzen Moment. „Es gibt mehrere Wege, auf denen die Leichen der Kinder in den Fluss gelangt sein könnten. Von einem Schiff aus, von einer Brücke oder vom Ufer, vielleicht auch durch die Regenwasserkanalisation.“ Er sah kurz in die Runde der Mitarbeiter, ganz so, als wolle er sichergehen, dass jeder aus seinem Team den Ausführungen folgte. „Die Leichen wurden in Wäschesäcke verpackt“, fuhr Sands fort. „Diese speziellen Säcke werden von Großwäschereien verwendet, zum Kundenstamm gehören in erster Linie Kliniken und Hotels. Unser Täter könnte also in einer Großwäscherei arbeiten oder Zugang dazu haben. Vielleicht hat er Angehörige, Freunde oder Bekannte, die dort tätig sind. Es ist auch denkbar, dass er dort mehrere dieser Säcke entwendet hat. Er könnte auch Mitarbeiter einer Klinik oder eines Hotels sein. Wir haben letztendlich eine Spur mit Tausenden von Optionen, die so lange wertlos ist, bis wir sie durch weitere Details ergänzen und die Ermittlungen eingrenzen können.“ Er ging an seinen Platz zurück, warf dabei einen kurzen Blick aus dem Fenster und setzte sich.
Whitefield strich sich mit der Handfläche über das Kinn, er sah grübelnd auf die Karte. Dann räusperte er sich. „Es wird schwierig, den Jungen zu identifizieren. Er hat zu lange im Wasser gelegen. Wir haben einen forensischen Anthropologen angefordert. Vielleicht kann er das Kind anhand von Gebiss oder Knochen identifizieren. Was den Fundort der Leiche betrifft … unsere Taucher werden noch mal runtergehen. Vielleicht finden sie das zweite Kind. Sie wissen schon. Das Kind, zu dem der Arm gehört.“
Beverly hatte bis zum Mittag sämtliche Adressen Londoner Wäschereien herausgesucht. Paul hatte sie aufgelistet und auf einem Stadtplan sorgfältig markiert. Nebenher hatte er routiniert zwei Anrufe von Daniel abgewimmelt.
Im Stadtteil Dagenham gab es zwei Großwäschereien, eine davon lag im Industriegebiet, unweit der Themse. Es war eigentlich zu einfach, aber Beverly beschloss, dorthin zu fahren. Sie meldete sich mit ihrer Information bei Harold Sands ab und nahm Paul Manley ins Schlepptau. Sie nahmen seinen Wagen. Während er fuhr, betrachtete Beverly ihn von der Seite. Er war nicht gerade ein Traumtyp, aber auf seine besondere Art war er dennoch attraktiv. Dunkle Augen, braunes volles Haar, meistens schmückte ein gepflegter Dreitagebart sein Gesicht. Er war nicht besonders groß, und wenn Sands, Stanton und Manley einträchtig nebeneinanderstanden, sahen sie aus wie Orgelpfeifen, wobei letzterer auch der Kleinste war.
„Was hat dich dazu bewogen, diese Wäscherei anzuvisieren? Die Lage?“ Manley sah sie kurz an und brachte den Wagen vor einer roten Ampel zum Halten.
„Ja, exakt. Die Lage … und mein Gefühl.“ Beverly überlegte kurz. „Ich will nichts von vornherein ausschließen“, ergänzte sie, „wir arbeiten gegen die Zeit. Irgendwo müssen wir anfangen.“
Die Ampel schaltete um, der Wagen rollte im dichten Verkehr weiter. Dagenham grenzte im Süden an die Themse, war ringsum von den Stadtteilen Newham, Redbridge und Havering umgeben. Sie folgten der Beschilderung zum Industriegebiet. Beverly war monatelang nicht mehr in diesen Teil Londons gefahren. Als die stillgelegten Hallen von Doggers and Wilkens an ihnen vorbeizogen, stieg die Erinnerung unvermittelt und heftig in ihr hoch, die Erinnerung an einen Einsatz, der Sands beinahe das Leben gekostet hatte. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und wunderte sich darüber, wie nah das alles auch nach fast einem Jahr noch war.
Als sie vor dem hohen verriegelten Tor der Wäscherei hielten, holte Manley tief Luft. Sie stiegen aus dem Wagen, er verschränkte seine Arme, ohne den Blick von dem langen flachen Gebäude zu nehmen. Türen und Fenster waren verschlossen, keine Menschenseele war zu sehen und drinnen schien es dunkel zu sein. „Stillgelegt“, sagte er leise, er sah Beverly respektvoll an.
„Anscheinend“, entgegnete Beverly. Sie ging ein paar Schritte auf das Tor zu und drehte sich zu ihm um. „Wenn ich mir vorstelle …“ Sie sprach nicht weiter, blickte die Straße entlang. Etwa hundert Meter entfernt war ein schwarzer Jaguar eingebogen und fuhr ein Stück auf sie zu. Er hielt, dann setzte er plötzlich zurück.
„Paul, kannst du die Nummer erkennen?“, fragte Beverly.
Der Jaguar bog bereits ab und verschwand.
„Verdammt, das war zu schnell.“ Manley riss die Wagentür auf. „Sollen wir ihm folgen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er würde uns abhängen.“
„Nette Anspielung auf mein Auto“, bemerkte er und kniff die Augen zusammen. „Und was jetzt?“
„Zurück ins Büro“, entschied sie, „herausfinden, wem das Gelände gehört, Termin vereinbaren, das Übliche.“ Sie stiegen in den Wagen und fuhren los. Beverly ließ ihre Blicke schweifen, aber der Jaguar war nirgendwo zu sehen.
Die Notiz auf ihrem Schreibtisch sah sie sofort. Bitte Daniel im Institut zurückrufen.Den Teufel werd’ ich tun. Beverly zerknitterte das Papier und warf es in den Mülleimer.
Sie vertiefte sich mit Paul in die Arbeit. Nach drei Tassen Kaffee und etlichen Telefonaten wusste sie Bescheid. Die Großwäscherei in Dagenham gehörte einem gewissen Geoffrey Banks.
Als sie Inspektor Sands diesen Namen mitteilte, fasste er sich kurz an die Stirn. „Geoffrey Banks?“ Dann stand er auf, ging zur Tür des Büros, sah erst Manley, dann Beverly an. „Wartet hier.“
Als er im Korridor verschwunden war, ließ Paul seinen irritierten Blick im leeren Türrahmen haften. „Was war denn das jetzt?“
„Ein Geistesblitz, nehme ich an.“
„Er kennt diesen Mann?“, forschte Manley.
„Zumindest muss er den Namen irgendwann mal gehört haben.“
Sie schwiegen eine Zeit lang, dann sah sie Paul direkt in die Augen. „Ich werde gegen Abend noch zu Dr. Morrow gehen. Du kommst mit!“
Er starrte sie an, der Blick eines ausgesetzten Hundes hätte nicht mitleiderregender sein können. „Ich?“
„Siehst du hier sonst noch jemanden?“
Paul seufzte, wollte noch etwas erwidern. In diesem Augenblick kam Sands mit zwei Aktenordnern zurück. Er legte sie mitten auf den Schreibtisch, sah auf und zog eine Augenbraue hoch. „Der Fall Geoffrey Banks.“
Beverly arbeitete die Unterlagen durch, bis sie sich ein genaues Bild machen konnte: Lucilla Banks hatte vor knapp sieben Jahren noch Lucilla Bowman geheißen. Sie war damals dreiundzwanzig, eine Frau, die fantastisch aussah, Politik studierte, um sagen zu können, dass sie studierte, und die allen Männern den Kopf verdrehte. Im Januar 1985 lernte sie Geoffrey Banks kennen, vermögend und doppelt so alt wie sie selbst, sie warf ihr Studium hin. Im Oktober des gleichen Jahres wurde sie Mrs. Banks und im Mai 1986 war sie plötzlich Witwe, zu plötzlich, wie die Ermittler von Scotland Yard befanden. So spekulierten Polizei, Presse und Öffentlichkeit über Wochen, ob der Autounfall, der Geoffrey Banks das Leben gekostet hatte, womöglich gar kein Unfall war. Es gab Gerüchte über einen Geliebten, der den Gatten ins Jenseits befördert haben könnte, aber es gab keine Beweise. Die Defekte an den Bremsleitungen unter der Motorhaube stammten einzig und allein von Mardern. Aber der ungeheuerliche Verdacht, Lucilla Banks selbst könnte diese Tiere in die Garage gesperrt haben, wurde von der Staatsanwaltschaft verworfen. So blieben ihr weitere Ermittlungen erspart und sie tröstete sich mit dem imposanten Vermögen ihres verblichenen Gatten.
Es war kalt, der Korridor neonbeleuchtet. Ein seltsamer Geruch lag in der Luft. Beverly wusste, allein das schweißte Paul Manley schon mit den Sohlen seiner schwarzen, glänzend polierten Schuhe an die hellen Fußbodenfliesen. Er vergrub seine Hände in den Hosentaschen seines Anzugs, ganz so, wie es Sands manchmal tat, wenn er nachdachte, und blieb mitten im Flur stehen. „Ich warte hier auf dich“, sagte er wie selbstverständlich und Beverly sah Schweiß auf seiner Stirn glänzen.
„Komm wenigstens bis zur Tür mit“, drängte sie.
Er schüttelte den Kopf und sah sie an, als habe sie gerade verlangt, er solle sich in einen Sarg legen.
„Dann warte hier.“ Sie folgte dem Korridor bis zum Autopsiesaal und schob die Tür auf. Dr. Morrow streifte gerade seine Handschuhe ab, ein Sektionsdiener verschwand mit einem langen Knochenstück Richtung Waschbecken. „Evans“, begrüßte er sie, rief dann seinem Mitarbeiter eine Anweisung hinterher.
„Gibt’s was Neues?“, fragte sie und warf einen Blick auf die Reste des Kindes, die auf dem kühlen Edelstahl lagen. Dr. Morrow schaltete das Diktafon aus, er sah sie aus seinen grauen Augen an. Beverly spürte jedes Mal einen Moment kalten Erschreckens, wenn er das tat. Er war wie die Umgebung, in der er arbeitete, kalt, klinisch und unheimlich. Irgendwann im Laufe seiner Tätigkeit als Gerichtsmediziner musste er seine Seele abgegeben haben. Sie kannte niemanden außer Dr. Morrow, der derartig abgestumpft war.
Er rieb sich die Unterarme, bedächtig, dann ließ er seinen Blick über den Seziertisch wandern.
„Getötet wurde der Junge vermutlich mit einem Bolzenschussgerät.“
„Mit einem …?“
„Sie haben schon richtig gehört. Bauchdecke und Magen wurden geöffnet. Die Leiche hat etliche Wochen im Wasser gelegen, sieht nur deshalb so frisch aus, weil das Wasser kalt genug war.“
Frisch? „Und der Todeszeitpunkt?“
„Liegt etwa sechs bis zehn Wochen zurück.“
„Geht das nicht genauer?“, fragte Beverly und bereute sofort ihren ungeduldigen Unterton.
„Das ist extrem genau“, schnarrte Dr. Morrow. „Wir haben es hier mit einer Wasserleiche zu tun!“
Beverly wich seinem wütenden Blick aus, sah ihn jedoch wieder an, als er fortfuhr: „Das Wadenbein rechts war zweimal gebrochen. Alte Verletzungen, nicht das, was die Schiffschraube verursacht hat. Ich habe den entsprechenden Teilbereich entfernt und im Säurebad vorbereitet. Morgen früh wird Dr. Chandler den Knochen unter die Lupe nehmen. Dann werden wir wissen, wie weit die Brüche zurückliegen. Wollen Sie sonst noch was wissen?“
„Irgendwelche Besonderheiten?“
„Nein.“
„Untersuchung der Gewebeproben?“
„Dauert noch.“
„Was ist mit dem einzelnen Arm?“
„Kommt morgen dran.“
„Rufen Sie kurz durch, wenn Sie näheres wissen?“
„Nein, Sie können vorbeikommen.“
„Gut, dann machen wir es so.“
Während sie den Raum verließ, ärgerte sie sich, klein beigegeben zu haben. Anrufen, das wäre ja auch unter seiner Würde gewesen.
Manley stand noch genau da, wo sie sich vorhin getrennt hatten. Er setzte sich prompt in dem Moment in Richtung Aufzug in Bewegung, als er sie kommen sah.
„Jetzt aber langsam, Paul. Warte gefälligst auf mich.“
Er hielt, bis sie aufgeschlossen hatte, dann setzten sie gemeinsam ihren Weg fort.
Im Aufzug taxierte sie ihn. „Was genau ist es?“, fragte Beverly.
Er zuckte mit den Schultern.
„Du hast dich doch bei der Mordkommission beworben.“
„Ja.“
„Mord…kommission“, wiederholte sie.
Er sah sie schweigend an.
„Aber du hast gar nicht gewusst, dass es da um Leichen geht“, flüsterte sie. Es war ihr gerade egal, wie provokant es klang.
„Beverly …“
„Aber du musst doch gewusst haben, was auf dich zukommt.“
„Natürlich habe ich das gewusst.“
„Und?“, forschte sie.
„Ich habe geglaubt, ich könnte es locker wegstecken. Jetzt weiß ich, dass ich das eben nicht kann.“
„Du sollst es auch nicht locker wegstecken. Das macht keiner von uns. Du musst einen Weg finden, damit umzugehen. Das ist das Ganze. Dich abgrenzen, nicht ständig darüber nachdenken.“
Sie verließen den Aufzug und gingen zum Büro.
„Das sagt sich so leicht“, entgegnete er. Er wirkte so erschlagen, als sei er gerade von einem Dauerlauf zurückgekehrt.
„Du musst endlich anfangen, dich selbst herauszufordern. Solang du diese Situationen meidest, wird die Angst davor wachsen. Irgendwann wirst du über deinen Schatten springen müssen, Paul.“
„Oder der Mordkommission den Rücken kehren“, ergänzte er. Er sprach so leise, dass sie hoffte, sich verhört zu haben.
Daniel Fleming, was machst du gerade? Beverly öffnete die Wohnungstür, hängte ihren Mantel an die Garderobe und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Kein Psychologe im Wohnzimmer. Sie spähte in die Küche, wo er gerade eine Kanne Tee aufgoss, sein missbilligender Blick streifte sie.
„Warum hast du nicht zurückgerufen?“
„Daniel, ich hab dir hundertmal gesagt, du sollst nicht hinter mir her telefonieren“, antwortete sie.
„Vielleicht war es wichtig“, entgegnete er. Es klang hörbar ein Vorwurf mit.
„Und, war’s wichtig?“
Er schwieg.
„War es wichtig?“, fragte sie. Diesmal nahm sie sich nicht zurück, er sollte ruhig bemerken, wie gereizt sie war.
„Nein.“
„Du machst mich noch unmöglich.“
„Ich hatte ja keine Gelegenheit, dich heute Morgen zu sprechen.“
„Die hattest du gestern. Da wolltest du nicht“, erinnerte sie ihn.
Er nahm das Teesieb aus der Kanne und legte es in die Spüle. „Ich will doch nur wissen, ob es dir gut geht“, sagte er.
„Herrgott noch mal, das wirst du auch dann nicht wissen, wenn du tausendmal am Tag anrufst. Ich könnte ja gerade dann erschossen werden, wenn ich den Hörer wieder auflege.“
Er starrte sie an.
Das, genau das, hätte sie besser nicht sagen sollen. Sie suchte nach Worten, um es zu relativieren, vergeblich. Das hast du ja toll gemacht Evans, kippst auch noch Öl aufs Feuer.
Einen kurzen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber. Dann verließ er die Küche ohne ein Wort.
„Sei verdammt noch mal nicht immer so empfindlich, Daniel!“ Was sagst du denn da? Dann hörte sie nur noch, wie die Wohnungstür ins Schloss fiel.
Es war schon spät. Beverly war einfach zu müde, um noch auf Daniel zu warten. Sie duschte und ging zu Bett. Während sie dalag, lauschte sie in die Stille. Er hatte Angst, sie zu verlieren. Das wusste sie. Doch allmählich verrannte er sich in diese Angst. Es gab ja schließlich viel zu viele Dinge, die passieren konnten. Allein der Gedanke daran, dass sie bei der Mordkommission arbeitete, dass sie genau deshalb, zumindest aus seiner irrationalen Sicht, bereits mit einem Bein im Grab stand, hatte ihn inzwischen völlig neben die Spur gebracht. Dann bestand da noch die Gefahr, sie an einen anderen Mann zu verlieren. Sie hätte auch krank werden und sterben können, oder bei einem Unfall ums Leben kommen. Und so war Daniel, wenn er nicht gerade im Institut arbeitete, vollauf damit beschäftigt, dieses Dilemma zu kontrollieren, die Risiken zu minimieren und alle Eventualitäten auszuschließen.
Beverly war beinahe schon eingenickt, als er ins Bett kam. Er lag reglos, leise atmend neben ihr in der Dunkelheit. Vorsichtig tastete sie nach ihm, ließ ihre Finger in seinen Haaren spielen. Sie waren kalt und klamm von der Nachtluft, durch die er gelaufen war. Nach einer Weile drehte er sich zu ihr um und zog sie an sich.
„Wir sollten Lucilla Banks einen Besuch abstatten.“ Inspektor Sands schob sich durch die halboffene Bürotür und visierte Beverly an.
„Hervorragend. Genau das brennt mir seit gestern unter den Nägeln.“ Sie lächelte. In den letzten Monaten hatten sie kaum Gelegenheit gehabt, gemeinsam zu arbeiten, seit sie Manley unter ihre Fittiche genommen, sich um seine Einarbeitung gekümmert hatte. Paul sah aus seinen Unterlagen auf und Beverly wusste genau, dass er sich ihnen gern angeschlossen hätte. Doch diese Möglichkeit schloss Sands durch einen Auftrag aus, der in Pauls Augen einer Strafe gleichkommen musste. „Manley, Sie gehen in der Zwischenzeit zu Dr. Morrow. Vielleicht gibt es weitere Ergebnisse.“
„Aber …“
Sands zog eine Augenbraue hoch. „Das ist eine Dienstanweisung.“
Sie verließen das Büro, Beverly konnte die Anspannung, die mit Paul in diesem Raum zurückblieb, beinahe körperlich spüren. Sie fuhren mit dem Aufzug in die Tiefgarage, und als sie sich neben Sands auf den Beifahrersitz sinken ließ, konnte sie sich einen Kommentar nicht verkneifen. „Das ist ziemlich hart für ihn.“ Sie betrachtete Sands schönes Profil und das dunkle kurze Haar, das an den Schläfen von leichtem Grau durchzogen war.
„Sei unbesorgt, Dr. Morrow hat seine Anweisungen. Er wird Paul mit Samthandschuhen anfassen.“
„Anweisungen? Dr. Morrow lässt sich von einem Polizisten Anweisungen geben?“
„Ungern.“ Sands lächelte.
„Wie hast du ihn dazu gebracht?“
„Ich habe ihn bestochen.“
„Du hast was?“
„Selbst ein Dr. Morrow hat seine kleinen Schwächen.“
„Und? Die wären?“, forschte sie.
Er lächelte. „Kein Wort. Ich werde doch nicht meine kleinen Tricks verraten.“
„Irgendwann sagst du es mir.“
„Ja. Wenn Dr. Morrow in Pension geht.“
Sie fuhren Richtung Chelsea, eine der nobelsten Ecken, die London zu bieten hatte. Schwere tiefe Wolken lagen bewegungslos über der Stadt.
„Tom Callaghers Posten ist vergeben“, sagte Sands. „Jemand außerhalb des Yard ist eingestellt worden.“
„Ich hab damit gerechnet. Solange O’Brian da oben mitmischt, haben Frauen ohnehin keine Chance.“
Chief Superintendent Will O’Brian ließ keinen Zweifel daran, dass Frauen für den Polizeidienst ungeeignet waren. Das wusste Beverly. Es war für ihn ein ungeschriebenes Gesetz. Die Zeiten hatten sich zwar geändert, aber O’Brians Meinung nicht, und es gab etliche männliche Kollegen, die diese Ansicht teilten. Als Inspektor Callagher im letzten Jahr angekündigt hatte, er würde im nächsten Februar seinen Hut nehmen, hatte Sands Beverly für dessen Posten vorgeschlagen. Aber sie war eine Frau, und als ob das nicht schon reichte, hatte sie sich im letzten Jahr mehrmals mit dem Chief Superintendent angelegt. Höchstpersönlich.
„Kennst du den Neuen?“, fragte sie.
„Ich habe noch keine Ahnung, wer es ist. Die Information kam gerade erst von Whitefield, im Vorbeigehen sozusagen. Er bedauert übrigens auch, dass die Wahl nicht auf dich gefallen ist.“
„Auch? Wer denn noch?“
„Ich natürlich.“
Lucilla Banks Villa lag in einem riesigen parkähnlichen Garten. Sands fuhr die Auffahrt hoch und hielt neben dem schwarzen Jaguar, der dort stand.
„Ich glaube das ist der Wagen, den wir in Dagenham gesehen haben“, bemerkte Beverly.
Ein Dobermann kam um das Haus geschossen und belagerte aggressiv bellend ihre Tür. Sands stieg seelenruhig aus, der Hund lief um den Wagen herum. Er beachtete das Tier nicht, es blieb auf Abstand. Beverly folgte Sands, obwohl sie ihren Respekt vor großen Hunden kaum leugnen konnte. Sie stiegen die Stufen zu dem riesigen Portal hinauf. Der Vierbeiner folgte ihnen schwanzwedelnd. Beverly klingelte. Es dauerte eine Weile, bis eine hochgewachsene schlanke Frau ihnen öffnete. Sie trug einen dunklen Hosenanzug. Das Oberteil war tief ausgeschnitten und stellte offen die Tatsache zur Schau, dass sie außer einem Büstenhalter aus Spitze nichts darunter trug. Ihr ovales, schönes Gesicht wurde von weißblonden langen Haaren umrahmt, die glatt bis über ihre Schultern hinabfielen. Sie sah ihre Besucher mit erstauntem Blick an, fasste sich aber schnell. „Inspektor Sands, welch Glanz in meiner bescheidenen Hütte.“ Dann gab sie dem Hund, der sich an ihr vorbei ins Haus drängen wollte, einen Tritt mit ihrem hochhackigen Schuh. Er jaulte und lief die Treppe hinunter in den Garten. „Nutzloser Köter. Wofür halte ich mir denn einen Wachhund. Kommen Sie rein.“ Beverly und Sands betraten die Vorhalle, die von hohen Säulen gestützt wurde und in der schwere weiße Korbmöbel standen. Auf einem kleinen Schränkchen lag ein Telefonbuch, Post, ein Kalender, und Beverly erspähte einen Fahrplan der Fähre Calais – Dover.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass Sie mich noch kennen“, sagte Sands, und Lucilla Banks lächelte süßlich.
„Wie könnte ich Sie jemals vergessen, Inspektor.“ Sie wandte sich Beverly zu. „Er ist der Mann, der mir unbedingt einen Mord anhängen wollte.“ Sie blieb demonstrativ in der Mitte der Halle stehen, bot ihnen keinen Platz an.„Was führt Sie hierher?“
„Wir ermitteln in einem Mordfall und möchten Sie um ihre Hilfe bitten“, begann Beverly. Das Blitzen in Mrs. Banks hellblauen Augen war unübersehbar.
„Oh.“ Lucilla strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Und was habe ich damit zu tun?“
„Die Großwäscherei in Dagenham. Sie gehört ihnen?“, fragte Beverly ohne eine weitere Erklärung.
„Ja, sie gehört mir. Ich versuche seit langem, sie zu verkaufen.“
„Sie waren gestern da.“
„Nein. Ein fremder Wagen stand auf dem Weg, von weitem konnte ich auch erkennen, dass zwei Leute vor dem Tor standen. Ich hatte den Hund nicht dabei, also kehrte ich um.“
„Das war ich. Ich bin mit einem Kollegen dorthin gefahren, um mit jemandem zu sprechen. Dann haben wir gesehen, dass das Gelände brach liegt.“
„Also, was wollen Sie?“ Lucilla Banks drehte sich demonstrativ von Beverly weg und sah Sands in die Augen. Er hielt ihrem Blick mühelos stand. „Wir würden uns gern auf dem Gelände und in den Gebäuden umsehen.“
„Was gedenken Sie da zu finden, Inspektor?“, sagte sie. Sie sprach betont leise und ging einen Schritt auf ihn zu.
„Es könnte uns bei den Ermittlungen helfen.“
„Warum glauben Sie, sollte ich ausgerechnet Ihnen einen Gefallen tun, Inspektor?“
Er sah sie an und schwieg einen Moment. Wenn Beverly es nicht besser gewusst hätte, dann hätte sie schwören können, dass zwischen den beiden eine unterschwellige, beinahe erotische Spannung lag.
„Weil es besser aussieht, wenn Sie uns freiwillig auf dieses Grundstück lassen, Mrs. Banks.“
„Glauben sie das?“ Sie ging einen weiteren Schritt auf ihn zu, verschränkte dabei ihre Arme. „Wissen Sie was. Besorgen Sie sich einen Durchsuchungsbeschluss. Ich werde Sie nicht auf meinem Grund und Boden herumschnüffeln lassen. Und jetzt, Inspektor Sands, verlassen Sie bitte mein Haus.“
Sands lenkte den Wagen durch den dichten Verkehr, vereinzelte Tropfen zersprangen auf der Windschutzscheibe. Beverly mühte sich, ihre Gedanken in eine logische Richtung zu bringen. „Wir werden keinen Durchsuchungsbeschluss bekommen. Der Verdacht, ausgerechnet dort etwas zu finden, ist viel zu vage.“
„Ich weiß“, bestätigte Sands ihre Vermutung. Sie hielten vor einer Ampel, er sah sie kurz an.
„Geoffrey Banks war dein Fall“, sagte sie. „Lucilla hat uns abblitzen lassen, weil sie dir die Ermittlungen von damals natürlich noch immer übel nimmt.“
„Mm.“
„Es wäre besser gewesen, wenn ich allein gefahren wäre. Willst du ihr noch immer diesen Mord anhängen?“, fragte Beverly. Ihr Tonfall war amüsiert und genau so sollte er auch bei ihm ankommen. Doch er stieg nicht darauf ein und blieb ernst.
„Anhängen ist das falsche Wort“, erklärte Sands. „Lucilla Banks hat den Mord gemeinsam mit ihrem Freund, einem gewissen Peter Jackson, geplant. Sozusagen ein Heiratsschwindel mit tödlichem Ausgang. Sie haben sich absolut sicher gefühlt, und sie sind tatsächlich damit durchgekommen. Wir konnten ihnen nichts nachweisen.“
„Du glaubst also wirklich, dass sie diesen Banks nur geheiratet hat, um ihn ins Jenseits zu befördern?“
„Ja, in der Tat. Sie war Alleinerbin. Sie hat eine Zeit lang die trauernde Witwe gespielt, gar nicht schlecht übrigens, und nach Abschluss der Ermittlungen hat sie gleich damit begonnen, das Vermögen zu verprassen.“
Beverly lehnte sich zurück, sah in den Seitenspiegel und glaubte, der Schlag würde sie treffen. Sie drehte sich um, starrte auf den silbernen Roadster, der in gebührendem Abstand hinter ihnen herfuhr. Ist das …? Nein, Evans, du leidest nicht unter Halluzinationen. „Daniel ist hinter uns. Kannst du ihn abhängen?“
„Zahlst du mein Strafmandat?“ Sands warf einen Blick in den Rückspiegel, wechselte die Spur und gab Gas. Knapp vor der nächsten Ampel lenkte er den Wagen wieder zurück, querte die Kreuzung, bog scharf in eine Seitenstraße und steuerte in eine schmale Zufahrt. Als er hielt, lauerte sie hinter sich. Der silberne Wagen fuhr an der Zufahrt vorbei, er hatte sie verloren. Beverly schüttelte fassungslos den Kopf. „Er ist es tatsächlich.“ Dass er ihnen in diese belanglose Seitenstraße gefolgt war, war für Beverly Beweis genug. Es war der Beweis dafür, dass er nicht zufällig hier herumkurvte. Sands setzte den Wagen zurück.
„Ist doch nicht zu fassen“, brachte sie hervor und starrte auf die Straße. Womöglich war es nicht das erste Mal, dass er ihr folgte. Sie spürte, wie ihr unwillkürlich der Puls bis in die Schläfen schoss.
„Du solltest dich abregen, bevor du mit ihm sprichst.“
Beverly warf Sands einen kurzen Blick zu. „Ich glaube kaum, dass ich das kann.“
Beverly saß angespannt auf ihrem Stuhl, blickte aus dem Fenster von Whitefields Büro. Sie versuchte krampfhaft, den Ausführungen des Superintendenten zu folgen und nicht an Daniel zu denken. Immer wieder verließ sie die Konzentration, die sie eigentlich auf die Besprechung hatte richten wollen. Die Wut stieg in Wellen in ihr hoch.
„Es war nur eine Frage der Zeit, wann es durchsickert“, sagte Whitefield, seine Stimme klang belegt. „Morgen ist Pressekonferenz. Es gibt zu viele wilde Spekulationen. Wir werden das Nötigste sagen, mehr nicht. Sie wissen schon.“ Er räusperte sich. „Gibt es Neuigkeiten aus der Gerichtsmedizin, Manley?“
Paul öffnete eine Mappe und sah Beverly dabei an. Sie nickte ihm erfreut zu. „Es geht um die Beinbrüche des toten Kindes“, begann er. „Sie sind nacheinander passiert. Dr. Chandler, der forensische Anthropologe, hat das ungefähre Alter des Kindes zur Zeit der Verletzungen mit acht und elf Jahren angegeben. Dr. Morrow hat heute Morgen mit der Untersuchung des einzelnen Arms begonnen. Inzwischen steht fest, dass er noch einige Wochen länger im Wasser gelegen haben muss als die Leiche.“
Stanton sah in die Runde. „Ich werde mich um die Datei kümmern.“
Beverly war froh darüber, dass Stanton sich dazu bereit erklärte. Er würde die Datei vermisster Kinder mit ihrem Fall abgleichen. Sollte darunter ein etwa vierzehnjähriger Junge mit zwei Wadenbeinbrüchen in seiner Krankengeschichte sein, dann würde Dr. Chandler die angefertigten Röntgenbilder mit alten Unterlagen vergleichen. Und sollten die Daten tatsächlich übereinstimmen, dann würde einer aus ihrem Team den Eltern dieses Kindes mitteilen müssen, dass ihr Sohn nicht mehr lebte.
Daniels Wagen stand nicht in der Tiefgarage. Beverly parkte, fuhr mit dem Aufzug hoch und ging in die Wohnung. Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie vor ihm zu Hause war. Wo treibst du dich rum, Daniel Fleming?
Sie räumte auf, duschte, zog sich einen Jogginganzug an und machte sich dann in der Küche zu schaffen. Beverly schrak zusammen, als Daniel plötzlich in der Tür stand, sie hatte ihn nicht kommen hören. Sie warf ihm einen giftigen Blick zu. Er blieb wie angenagelt im Türrahmen stehen. „Ich kann’s dir erklären.“
„Dann tu es gefälligst“, entgegnete sie. „Und sieh mich nicht so an.“
Er atmete tief durch, ganz so, als wolle er einen guten Anfang finden und schwieg.
„Daniel, sag es mir.“
„Ich habe euch nur zufällig getroffen.“
„Das stimmt nicht“, erwiderte sie. Wie konnte er nur so dreist lügen?
„Es war so! Ich habe einen Kollegen nach Hause gefahren. Auf dem Rückweg war plötzlich Sands Wagen vor mir. Als ich gesehen habe, dass du mit im Auto warst, … da habe ich es halt getan.“
„Wie lange bist du uns gefolgt?“
„Nicht lange. Ihr habt mich ja abgehängt.“
„Hast du das irgendwann vorher auch schon gemacht?“
„Nein.“
Sie zog die Augenbrauen zusammen, beäugte ihn kritisch.
„Wirklich nicht“, beteuerte er.
„Das eine Mal heute, es ist auch das letzte Mal, versprich mir das Daniel!“
Er nickte.
„Versprich es!“
„Ja.“
„Und was Sands anbelangt, sag ich dir jetzt zum hundertsten und letzten Mal: Ich hab nichts mit ihm. Es war auch nie was, auch nicht vor deiner Zeit. Ich habe auch nicht vor, jemals etwas mit ihm anzufangen. Geht das jetzt verdammt noch mal endlich in deinen Kopf?“
Der Morgen wurde von einer Wolkendecke erstickt. Seit einigen Stunden prasselte der Regen mit unverminderter Stärke auf die Stadt herab.
Beverly öffnete die Augen, sie sah schlaftrunken zu der gläsernen Dachschräge hinauf, wo dicke Tropfen das abfließende Wasser zum Spritzen brachten. Kalte Luft strömte ins Zimmer. Sie drehte den Kopf, sah, dass die Tür zur Dachterrasse offenstand. Daniel lehnte, ihr den Rücken zugewandt im Türrahmen, er sah in den Regen. Fröstelnd zog sie die Decke höher und ließ ihren Blick auf ihm ruhen.
Sie erinnerte sich an eine Sommernacht im August, in der sie miteinander geschlafen hatten. Später lagen sie einfach nebeneinander, völlig erschöpft von der schwülen Hitze, die über der Stadt lag. Nur ihre kleinen Finger berührten sich Seite an Seite berührt. Sie sahen hinauf in den schwarzen Himmel, beobachteten die Blitze, die scharfe helle Risse in die Nacht warfen. Dann öffneten sich plötzlich die Wolken, der Regen prasselte wie eine Erlösung herunter. Daniel war aufgestanden und auf die Dachterrasse gegangen. Während er, vom Feuer des Himmels immer wieder für Sekundenbruchteile beleuchtet da draußen stand, war sie ihm gefolgt. Dann hatten sie sich noch einmal geliebt, im strömenden Regen.
Beverly betrachtete ihn. Sie fragte sich, ob er gerade jetzt auch daran dachte. Sie kroch unter der Decke hervor, ging zu ihm an die Tür. Frierend lehnte sich von hinten an ihn und schlang ihre Arme um seinen Körper. Sie schob ihre Hände unter seinen Morgenmantel, ihr Atem streifte seinen Nacken. Sie ließ ihre Hände langsam über seine Haut hinabwandern, und als sie spürte, wie sich seine Muskeln unter ihrer Berührung spannten, klingelte das Telefon.
„Warum habe ich ausgerechnet heute Bereitschaft. Wenn es wirklich die Leiche ist, die zu dem Arm gehört … oh Gott, sie liegt ja schon ewig im Wasser.“ Paul sah kurz zu Beverly herüber, starrte dann wieder auf die Straße. Die Scheibenwischer bewegten sich in monotonem Gleichklang, die Straße sah aus, als würde das Wasser darauf stehen bleiben.
„Hast du schon gefrühstückt?“, wollte sie wissen.
„Nein.“
„Das ist doch schon mal gut.“
„Was soll daran gut sein?“, entgegnete Paul. „Ich bin allmählich so weit, dass ich auch mit leerem Magen kotzen kann.“
„Halt so viel Abstand wie du brauchst. Dann merkt niemand …“
„… dass ich ein Versager bin“, beendete er ihren Satz.
„Lass diese Sprüche“, sagte sie. „Du ziehst dich doch nur selbst runter.“
Er seufzte.
Nachdem sie Gravesend hinter sich gelassen hatten, bog Manley in Richtung Norden, in eine schmale Straße ein.
„Sands wird nicht kommen?“
„Nein“, Beverly blätterte in der Straßenkarte, „das kann er zeitlich nicht schaffen. Die Pressekonferenz ist um elf. Sie wird sicherlich eine Stunde dauern. Danach wird O’Brian mindestens genauso lange im Dreieck springen. Ich möchte jetzt weder in Sands noch in Whitefields Haut stecken.“
„Ich schon“, bemerkte Manley.
„Hast du schon mal eine mitgemacht?“
„Was?“
„Eine Pressekonferenz.“
„Nein“, gab er zu.
Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen. Ein leichter Kopfschmerz machte sich hinter ihrer Stirn bemerkbar.
„Was jetzt?“ Er hielt an einer nicht beschilderten Gabelung, sie warf einen Blick auf die Karte.
„Ist nicht eingezeichnet. Sind wir denn vorhin richtig abgebogen?“, fragte sie.
„Glaub schon, die dritte links nach Gravesend.“
„Wie hast du es bei Dr. Morrow geregelt bekommen?“ Sie beobachtete ihn von der Seite, um aus seiner Reaktion zu lesen.
„Ich bin nur bis zur Tür gegangen. Der Seziertisch war Gott sei Dank schon leer. Aber dieser Geruch … furchtbar.“
Vielleicht bildete Beverly es sich nur ein, aber irgendwie war er schon wieder ein wenig bleich. Sie sah wieder nach vorne, die Straße wurde schmaler, endete und jetzt fuhren sie über Schotter.
„Weiter?“, fragte er.
„Ja. Fahr noch ein Stück.“
„So ein Mist.“
Als der Weg nach wenigen Metern in einen regendurchweichten Trampelpfad mündete, hielt er an. „Verdammt. Wir stehen mitten in der Wildnis.“
„Also zurück“, sagte sie.
Er legte den Rückwärtsgang ein, es gab keine Möglichkeit zu wenden, und fuhr langsam los.
