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Sie strickt. Unentwegt. Aber reicht das, um die Düsternis zu bannen, die in ihr klebt? Berufsrisiko, hat ihr Therapeut gesagt. In Ihrem Beruf ist das häufig, so ein Burnout. Sie strickt. Es reicht, um die Düsternis zu besänftigen. Vorerst. Nicht immer. Aber nichts anderes hilft. Sie strickt. Wohl wissend, dass selbst das Stricken sie nicht ewig schützen kann. Eine Kurzgeschichte in einem DINA6-formatigen Buch.
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Seitenzahl: 31
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Rita Janaczek
Alle Personen sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nicht beabsichtigt.
©Rita Janaczek 2024
Coverdesign: Ch. Erpenbeck
Bildquelle: grafvision, yayimages.com
ISBN 978-3-95959-476-9
Es
Ich sitze am Fenster. Das monotone Geräusch des Zuges beruhigt mich. Kurz neige ich mich zur Seite und schaue nach meinem Koffer. Er liegt auf dem Gepäckgitter in der Nähe der Tür, zur Hälfte mit Kleidung gefüllt. Der restliche Platz ist mit Wolle vollgestopft.
Ich muss stricken, um nicht verrückt zu werden.
Auch jetzt halte ich die Nadeln mit dem angefangenen Schal in meinen Händen. Doch sie pausieren. Mein Blick schweift in die Ferne, die Landschaft zieht an mir vorbei. Die Sonne blinzelt durch den Schleier aus Wolken. Laub wirbelt durch die Luft. Dort, wo ich hin will, war ich noch nie. Und da, wo ich hergekommen bin, zerfasert meine Seele. Burnout lautet die Diagnose. Neunzehn Jahre Intensivschwester in Vollzeit, mehr als tausend Überstunden. Ich bin jung, ich bin belastbar. Das dachte ich zumindest. Dann der Zusammenbruch. Therapie, erst stationär, dann ambulant. Doch ich werde es nicht los, dieses Gefühl, das in mir schlummert, der Gedanke, dass es nicht nur Burnout ist. In mir wabert ein Dunkel, das seine zerstörerische Kraft immer weiter entfaltet.
Der Zug hält, Fahrgäste steigen ein, schieben sich mit ihren Koffern durch den schmalen Gang. Ein Mann setzt sich neben mich, macht sich breit. Nun bin ich zwischen ihm und dem Fenster eingekeilt. Meine Finger erspüren die Nadeln und stricken wieder.
Als ich den Zielbahnhof erreiche, ist der Schal fast fertig. Meine Handgelenke und auch die Schultern schmerzen. Nur mühsam kann ich den großen Koffer auf den Bahnsteig wuchten. Ich folge dem Strom der Menschen hinab in die Unterführung. Auf der anderen Seite des Bahnsteiges passiere ich das kleine Bahnhofsgebäude. Zwei Taxis warten am Stand, ich steuere auf das vordere zu. Der Fahrer steigt aus, grüßt und kümmert sich um meinen Koffer. Ich lasse mich auf die Rückbank fallen, ziehe das Strickzeug aus dem Beutel und klammere mich daran fest. Nach einer knappen Viertelstunde kommt das Kloster in Sicht, am Rande eines Waldes, umgeben von hohen Mauern. Eine Reihe von Autos steht neben dem Tor auf dem Parkplatz. Ich zahle, gebe Trinkgeld, der Fahrer stellt mir den Koffer an den Durchgang. Ich bedanke mich, zwinge mich zu einem Lächeln. Das Taxi fährt, lässt mich allein zurück. Ich passiere das Tor mit Handtasche und Strickbeutel, ziehe den Koffer hinter mir her. Imposant liegt das Kloster vor mir. Ich folge dem Weg, links und rechts Rasen, ein paar Sitzbänke. Es gibt eine Rezeption, und ich werde freundlich empfangen. Die junge Frau geleitet mich zu meinem Zimmer. Ich ziehe die Tür hinter mir zu, schließe ab, sehe mich um. Ein modernes, helles Zimmer, spartanisch eingerichtet. Ich habe alles, was ich brauche. Ein Bett, eine Nachtkonsole, Schrank, Tisch und Stuhl, ein kleines Bad mit Dusche. Aus dem Fenster kann ich in den Innenhof sehen. Der herbstliche Garten sieht einladend aus. Auf dem Tischchen liegt ein Prospekt mit Tagesablauf und Angeboten. Ich blättere eine Weile, ohne bewusst zu lesen. Hier werde ich bleiben, drei Wochen, vielleicht länger. Zur Ruhe kommen. Heilen.
