Entfesselte Lust - Colette Gale - E-Book

Entfesselte Lust E-Book

Colette Gale

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Beschreibung

Gefangener der Begierde Am Tag seiner Verlobung mit der schönen Mercédès wird Edmond Dantès, der spätere Graf von Monte Christo, verhaftet und auf die Gefängnisinsel If vor der Küste von Marseille gebracht. Vierzehn Jahre verbringt er unschuldig im Kerker, bis er endlich fliehen kann. Seine große Liebe hat er nicht vergessen. Sie ist inzwischen mit einem anderen verheiratet. Doch die nie erloschene Leidenschaft treibt Edmond und Mercédès immer wieder zueinander.

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Seitenzahl: 486

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Colette Gale

Entfesselte Lust

Die erotische Geschichte des Grafen von Monte Christo

Aus dem Englischen von Johannes Sabinski

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Gefangener der Begierde

 

Am Tag seiner Verlobung mit der schönen Mercédès wird Edmond Dantès, der spätere Graf von Monte Christo, verhaftet und auf die Gefängnisinsel If vor der Küste von Marseille gebracht. Vierzehn Jahre verbringt er unschuldig im Kerker, bis er endlich fliehen kann. Seine große Liebe hat er nicht vergessen. Sie ist inzwischen mit einem anderen verheiratet. Doch die nie erloschene Leidenschaft treibt Edmond und Mercédès immer wieder zueinander.

Über Colette Gale

Colette Gale ist Autorin mehrerer erotischer Romane.

Inhaltsübersicht

Allen Frauen gewidmet, ...Anmerkung der BiographinProlog · Gefangener Nr. 341819 Château d’IfErstes Kapitel · Ein roter SamtbeutelZehn Jahre späterZweites Kapitel · Das Ende einer ÜbereinkunftZehn Jahre späterDrittes Kapitel · Die verborgene GrotteVor der italienischen KüsteViertes Kapitel · Die RückkehrVier Monate späterFünftes Kapitel · Das BadSpäter am selben TagSechstes Kapitel · Die WeintraubenZwei Wochen späterSiebtes Kapitel · Haydée pirscht sich anSpäter am selben AbendAchtes Kapitel · Im TheaterAm nächsten MorgenNeuntes Kapitel · Im SchlafgemachSpäter am selben AbendZehntes Kapitel · WillenskampfSpäter am selben AbendElftes Kapitel · Hinter dem eisernen TorEine Woche späterZwölftes Kapitel · Die BeleidigungAm nächsten TagDreizehntes Kapitel · Der BesuchSpäter am selben AbendVierzehntes Kapitel · Einwilligung und BedauernFrüh am nächsten MorgenFünfzehntes Kapitel · Die BestrafungAm Nachmittag desselben TagesSechzehntes Kapitel · Die EntlassungSpäter am selben TagSiebzehntes Kapitel · Zusammenstoß im GartenEine Woche späterAchtzehntes Kapitel · Die OffenbarungDrei Wochen später

Allen Frauen gewidmet, die in Haydée eine bloße Midlife-Crisis erkannten.

Anmerkung der Biographin

Nicht lange nach Abschluss der Dokumentensammlung, aus der mein Roman Phantom der Lust wurde und die wahre Geschichte des Phantoms der Oper hervorging, hatte ich das Glück, einige persönliche Aufzeichnungen zu erwerben, die eine weitere weithin bekannte Erzählung in ein neues Licht tauchen: jene des Grafen von Monte Christo.

Alexandre Dumas’ Roman um Verrat und Rache erzählt die Geschichte von Edmond Dantès, dem furchtbares Unrecht widerfuhr, und seiner Vergeltung an den Schuften – seinen Freunden, die ihn für vierzehn Jahre ins Gefängnis brachten. Seit ihrer Erstveröffentlichung Mitte der vierziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts als Fortsetzungsroman ist die Erzählung für Film und Fernsehen bearbeitet, übersetzt und nachgedruckt, gekürzt und auf vielfältige Weise zergliedert worden.

Durch meinen Erwerb der Tagebücher und Briefe einer der wichtigsten Schlüsselfiguren des Romans habe ich jedoch entdeckt, dass die von Dumas erzählte Geschichte – gemeinsam mit ihren Abwandlungen – unvollständig und irreführend ist.

Ich hatte das Vergnügen, die Tagebücher der Mercédès Herrera, erste und wahre Liebe von Edmond Dantès, zu erforschen und zu einer ausführlichen, chronologischen Erzählung zu ordnen. Zu meiner Verblüffung habe ich im Zuge dieser Nachforschungen festgestellt, dass sie ebenso sehr wie Dantès selbst ein Opfer der von Dumas geschilderten Vorgänge war. Vielleicht sogar in größerem Maße.

Gemeinsam mit den an sie gerichteten Briefen von Valentine Villefort und einem Tagebuch, das Haydée gehörte, der Dienerin Monte Christos, bringen diese Tagebücher eine ganz andere und weitaus genauere Aufzeichnung dessen ans Licht, was sich in Mercédès’ Leben während der Jahre von Dantès’ Gefangenschaft zutrug. Insbesondere aus den Briefen und dem Tagebuch Haydées gehen zumal gewisse Ereignisse aus jener Zeit hervor, da er als reicher, gelehrter und mächtiger Graf von Monte Christo nach Paris zurückkehrte.

Somit enthält dieser Band meinen Versuch, die wahre Geschichte des Edmond Dantès und der Mercédès Herrera – in allen unmittelbar ihren persönlichen Aufzeichnungen entnommenen, unverhüllten Einzelheiten – an die Öffentlichkeit zu tragen, eines von Gier, Eifersucht, tragischen Verwicklungen und Rachedurst entzweiten Liebespaars.

 

Es ist die Geschichte des Grafen von Monte Christo, wie sie nie zuvor erzählt worden ist.

 

Colette Gale

Mai 2008

Prolog Gefangener Nr. 34

1819 Château d’If

Vor der Küste von Marseille, Frankreich

Er kannte jeden einzelnen grauen Stein in seiner Kerkerzelle, jede mit Mörtel gefüllte Ritze dazwischen, jede Veränderung in der Landschaft des Lehmbodens unter seinen dreckigen, kalten und nackten Füßen.

Als eintausend davon verstrichen waren, hatte er die Tage seiner Gefangenschaft zu zählen aufgehört, da ihm nichts mehr daran lag zu überblicken, was zu einer Ewigkeit aus madengespicktem Schwarzbrot, brackigem Wasser und entsetzlicher, dunkler Einsamkeit geworden war.

Endlos lange hatte er schon mit niemandem mehr gesprochen, nicht mehr seit dem Tag, da er seinen Wärter angefallen und zu erfahren verlangt hatte, warum es ihn hierher verschlagen hatte, eingekerkert – was er getan, welches Verbrechen er begangen, wer ihn hierher geschickt hatte, welcher furchtbare Irrtum geschehen sei. Doch als einzige Antwort war er in diese Zelle geworfen worden, eine noch kleinere und dunklere als seine vorherige.

Beinahe hatte er schon aufgehört, sich den eigenen Namen ins Gedächtnis zu rufen.

Edmond Dantès.

Seine Lippen bewegten sich lautlos, denn es war niemand da, der hätte zuhören können.

Doch der Name, der ihm dann als leises, sanftes Murmeln über die Lippen kam, war ein Talisman, war wie die Rettungsleine für einen ertrinkenden Seemann, an die er sich über all diese Tage, diese Jahre hinweg geklammert hatte.

«Mercédès.»

Er sagte ihn erneut, nicht mehr als ein Atemhauch in seiner schweigenden Welt. «Mercédès.»

Wie viele Male mochte er ihren Namen ausgesprochen haben?

Anfangs unter Qualen … er war von ihr, der Frau, die er heiraten wollte, ohne Gelegenheit zu einem Lebewohl fortgeholt worden.

Dann in Verzweiflung. Würde er sie je wiedersehen? Sie berühren?

Unter Schmerzen. Würde sie auf ihn warten? Hatte sie versucht, ihn zu finden?

Eine Zeitlang waren die einzigen Geräusche, die er von sich gab, die Silben ihres Namens, wenn er ihn verzweifelt in die fadenscheinige, von Staub durchwobene Decke schluchzte, die Lippen trocken, aufgesprungen und auf ihnen der Geschmack von Schmutz. Würde sie sich seiner erinnern?

Zuletzt … voll Ehrfurcht. Als seien ihr Name, ihr Andenken ein Licht in der Schwärze seines Lebens. Etwas, um sich daran zu heften, danach zu verzehren, dafür zu leben. Ein Talisman. Um geistig gesund zu bleiben.

«Mercédès.»

Wenn sein Verstand an den Rand des Wahnsinns geriet, er sich danach sehnte, sein Leben zu beenden, und nur nicht die Waffe dafür hatte … wenn er alle Hoffung aufgab, entsann er sich ihrer lebhaften, von Klugheit und Witz erfüllten dunklen Augen. Der glatten, lieblichen Rundung ihrer goldbraunen Arme, der ovalen Form ihres wunderschönen Gesichts, das ihn an das Gemälde der heiligen Jungfrau Maria aus der Eglise des Accoules erinnerte, der Kirche, in der sie hatten heiraten wollen.

Ihre Lippen … Gott hatte sie voll und rot gemacht, und zweifelsfrei waren sie dazu geschaffen, auf Dantès eigenen Mund zu passen. Er sah sie weit offen vor Glück an dem Tag, als er von der See zurückgekehrt war und ihr mitteilte, er sei zum Kapitän seines eigenen Schiffes ernannt worden … dann weich und anschmiegsam unter seinem eigenen Mund später am selben Nachmittag.

Wie hätte er wissen können, dass er nur zwei Tage später von ihr genommen werden würde?

Wer hatte ihm dies angetan? Wer hatte ihn verraten?

Er dachte daran zurück, wie seine auf See von den Tauen rau gewordenen Hände ihre warmen Arme emporgeglitten waren, sie auf dem versteckten Hang an seinen Leib gezogen und so ausgerichtet hatten, dass er sich an ihrem Mund laben und diesen sinnlichen, vielversprechenden Lippen Lustschreie entlocken konnte. Sie zärtlich necken konnte, um das Licht der Liebe in ihren braunen Augen zu sehen, ehe der Schwung ihrer kräftigen Wimpern herabhuschte, sittsam wie die vorgezogenen Fensterläden an ihrem verwitterten Häuschen.

Selbst jetzt, Gott weiß wie viele Jahre später, klammerte sich Dantès daran, sich des schlüpfrigen Gleitens ihres Kusses zu entsinnen, des Rhythmus seiner sich mit der ihren vereinigenden Zunge in jener warmen, feuchten Höhle, ein Echo zugleich der engen, nach Moschus duftenden zwischen ihren Beinen.

Er war wieder dort, als seine Hände die schlichte Bauernbluse fortzogen, das ungefärbte Leinen sahnig gegen ihre sonnengebräunte Haut, und ein einfaches Goldkreuz und zwei herrliche Brüste freilegten zusammen mit dem schwachen Geruch nach Küchenherd vermengt mit Zitrone. Ihre Brüste, groß wie Apfelsinen, deren pralles Fleisch sich unter seinen Handflächen straffte, dunkle Nippel, die zur Sonne aufragten, während er sie dort in dichtem warmem Gras und zerdrückten Kamillen liebte.

Sie reckte sich ihm entgegen, als seine Hände ihren schmalen Rücken hinunterglitten, und ihr Kinn richtete sich auf, während das Bündel walnussbraunen Haars an ihrem Hinterkopf sich löste. Als er sich vorbeugte, um die Lippen um einen dargebotenen Nippel zu schließen, wallte Dantès’ eigene Sehnsucht auf, da er ihren leisen Lustschrei in einen tiefer klingenden des Begehrens umschlagen hörte. Ihre Beine regten und spreizten sich neben ihm ein wenig, und ihr bloßer Schenkel streifte seine salzverkrustete Seemannshose. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich umzuziehen, bevor er sie zu ihrer Wiedervereinigung auf diesem abgelegenen Hügel holen kam.

Er lutschte und leckte, umkreiste mit seiner kräftigen Zunge langsam die Spitze ihres Nippels, nahm sich alle Zeit, die er brauchte und wollte, spürte die angenehme Schwere seines Glieds, als es sich füllte und schwoll. Eine ihrer Hände hatte den Riemen gelöst, der sein dunkles Haar zurückhielt, und nun fiel es ihm wie ein Vorhang ins Gesicht, als er sich zu ihr hinunterbeugte.

Mercédès löste die Ösen an seinem Hemd, und ihr Atem wurde schneller, als sich seine Hand über ihre andere Brust schlich. Er spreizte die Finger darüber und streifte dann sanft mit den Rückseiten seiner Nägel über einen Nippel, während er den anderen zugleich kräftig in die Länge zog. Sie bewegte sich unruhig, erschauerte über sein Spiel an ihr, während die Sonne ihm heiß auf den Hinterkopf und den auf einmal bloßen Rücken brannte.

«Edmond», murmelte sie, zog ihn an sich, fort von ihren Brüsten, damit sie ihm in die Augen sehen konnte. Der Ausdruck darin, als sie sein Gesicht zurück an das ihre führte, erfüllte ihn mit solchem Glück, solcher Erwartung und Liebe, dass er beinahe weinte. Sie erhob sich unter ihm, hob den Mund an, ihre vollen Lippen, die sich glutvoll auf seine schmiegten, über sie schlüpften und daran lutschten, und ihre Hand überraschte ihn damit, hinunter an seinen Hosenschritt zu gleiten.

Dann löste sich die Zeit für ihn in einem Strudel der Sinnesreize auf – ihre seinen heißen Schwanz streifenden Finger, ihre beiden aufeinandergepressten Lippenpaare, ihr leises, tiefes Stöhnen, die seidige Wärme ihrer bloßen Haut.

Dann rollte er sich auf den Rücken, und oben schnitt ein Olivenbaum in den strahlend blauen Himmel. Mercédès richtete sich über ihm auf, den schlanken Rumpf und die herrlichen Brüste halb von ihrem herabfallenden dichten dunklen Haar verdeckt. Ihre roten Lippen lösten sich voneinander, um weiße Zähne zu entblößen, allesamt gerade bis auf einen schiefen zuoberst, der ihre Vollkommenheit wohltuend ergänzte.

Er half ihr, sich zu bewegen, mit gespreizten Beinen auf ihn zu hocken, und fühlte die schlüpfrige Enge, als sie sich um seine wartende Erektion schmiegte. Sah zu, wie sich ihre Augen halb schlossen und ihr aufreizendes Lächeln sich in Verwunderung und Lust verlor.

Oh, diese Lust.

Und er bewegte sich unter ihr, erst gemächlich, die Hände auf ihren Hüften, ihre Beine an seinen Flanken angewinkelt. Sie reckte die Arme empor, ihre Brüste hoben sich, ihre Finger streiften die tief hängenden Olivenblätter, während sich ihr Antlitz hob, ihre Lippen sich teilten und ihr Atem sich beschleunigte. Seine Welt drehte sich um die Stelle, an der sie sich schlüpfrig, heiß und rhythmisch vereinigt hatten. Er bewegte sich, sie bewegte sich ebenfalls, und die Schönheit all dessen entwickelte sich nach und nach wie ein Ankerseil, das in die Meerestiefen hinabgleitet, bis sie plötzlich beide aufschrien, beide erschauerten, verschwitzt und warm, und gemeinsam auf dem Gras zusammensanken.

«Mercédès», erinnerte er sich, geflüstert und ihr dabei das Haar aus dem Gesicht geschoben zu haben, «ich liebe dich.»

Sie erhob sich, um ihn erneut zu küssen, ihr fülliger Busen an seiner Brust, ihre von Arbeit gezeichneten Hände ein Streicheln auf seiner Schulter. «Ich werde dich immer lieben, Edmond.»

 

Wie oft er schon während der dunklen Jahre in seinem Verlies diese himmlischen Augenblicke nacherlebt hatte. Die Erinnerung, die Imagination war alles gewesen, was ihn in jenen frühen Tagen bei Verstand gehalten hatte … und jetzt … jetzt zogen sie ihn womöglich in den Wahn, einen tiefen Brunnen, den er willkommen hieß, denn sicher wäre es eine Labsal, verrückt zu sein, statt sich auszumalen, nie wieder das Licht des Tages zu sehen.

Er betete um seinen Tod.

Er aß nicht mehr.

Am vierten Tag nach seinem Entschluss, Selbstmord zu begehen, starrte er den Teller Schwarzbrot und den Becher brackiges Wasser an. Sein verschwommener, erkrankter Geist meinte, zwei Becher zu sehen, dann drei. Und mehrere Kanten Brot stichelten ihn. Er hätte schwören können, ein Licht in seiner Zelle zu sehen. Er spürte Mercédès’ Berührung, sah das Gesicht seines geliebten père.

Und dann hörte er von irgendwoher ein schwaches Scharren.

Und dann, viele Stunden später, bröckelte ein kleiner Teil der Steine, die sein Verlies ausmachten, zu Boden, und der Kopf eines älteren Mannes lugte herein.

«Ich bin Abbé Faria», sagte er. «Und anscheinend ist dies nicht der Weg nach draußen.»

Erstes Kapitel Ein roter Samtbeutel

Zehn Jahre später

Marseille, Frankreich

Mercédès Herrera Mondego, Comtesse de Morcerf, bog in den breiten Fußweg ein, der zum Haupteingang des Hauses Morrel führte, einer weithin bekannten Reederei.

Vielleicht konnte sie nichts tun, um der Familie zu helfen, aber Monsieur Morrel war so gütig zu Edmond gewesen, als dieser auf Morrels Schiffen fuhr, und dann zu ihrem Vater und Mercédès selbst, nachdem Edmond vor mehr als vierzehn Jahren fortgeholt worden war, dass sie sich genötigt fühlte, an diesem tragischen Tag anwesend zu sein.

Die Familie würde eine Freundin brauchen.

Am Arm trug sie einen Korb frisch auf dem Markt gekaufter Apfelsinen und einige Bänder und Spitze, die sie aus Paris mitgebracht hatte und die Julie gefallen könnten. Schlichte Geschenke, aber solche, die von der Familie geschätzt werden würden. Die Morrels waren viel zu stolz, um etwaige Geldangebote anzunehmen.

Pech und Unglück hatten dem Geschäft die letzten Jahre über zugesetzt, und es zeigte sich in den leeren Fluren und dem Schweigen, das nun in dem einst so umtriebigen Unternehmen herrschte. Vier der fünf Schiffe Morrels waren auf See verloren gegangen, und nun war die Zukunft der fünfundzwanzig Jahre alten Firma in Gefahr. Wie schlecht die Morrels von den Jahren behandelt worden waren, seit Edmond auf ihren Schiffen gefahren war!

Wie schlecht Mercédès selbst von den Jahren behandelt worden war.

Sie war nicht mehr die einfache junge Frau, die auf die Rückkehr ihres Liebsten von großer Fahrt gewartet hatte. Mercédès war dreißig Jahre alt und nun eine Comtesse. Sie hatte Lesen, Zeichnen und das Klavierspiel erlernt. Sie hatte Lehrer eingestellt, um sich besseres Französisch ebenso wie Italienisch, Griechisch und Latein beibringen zu lassen. Sie hatte Mathematik und Geographie studiert und sich in die Literatur vertieft – eher männliche Bestrebungen, doch ihre Ausbildung hatte sie von den Jahren des Kummers, des Zorns und der Dunkelheit abgelenkt.

Nachdem sie vor bald vierzehn Jahren von Edmond Dantès’ Tod im Gefängnis erfahren hatte, hatte sie in die Ehe mit ihrem Vetter Fernand Mondego eingewilligt, der in der französischen Marine aufgestiegen und ein Comte de Morcerf geworden war. Sie wohnten in Paris in einem wunderschönen Haus in der Rue du Helder, prächtiger als alles, was sie als Gattin von Edmond hätte besitzen können.

Sie hätte Père Dantès’ Haus hier in Marseille vorgezogen mit seinem einen schiefen Fensterladen und dem winzigen Garten oder die Seefahrt auf dem Schiff ihres Mannes, so wie sie und Edmond es sich immer vorgenommen hatten. Um die Welt zu sehen. Gemeinsam.

Julie Morrel, die Tochter des Reeders, spähte zu einem Fenster heraus, als Mercédès den gepflasterten Fußweg hinaufkam. Aufgeregt winkend bedeutete sie Mercédès zu warten und verschwand dann vom Fenster.

Augenblicke später kam sie hinter dem Gebäude wieder zum Vorschein und ging rasch, ohne Kopfbedeckung oder Handschuhe, den Fußweg herunter. Es war viel zu warm für einen Spenzer oder Umhang; Mercédès trug einen fransenbesetzten weißen Sonnenschirm, der anstelle einer Haube die Strahlen abhielt.

«Mercédès – Madame de Morcerf – was verschlägt Sie hierher? Und ohne einen Kutscher?», fragte Julie, schob einen Arm unter Mercédès’ weiten Puffärmel und lenkte sie den Fußweg zurück.

Julie war eine wunderschöne junge Frau mit blitzenden dunklen Augen und sanft gerundeter Figur; heute blickten diese Augen jedoch trüb und sorgenvoll.

«Mir fiel ein, dass am heutigen Tag die Schulden deines Vater fällig werden», erwiderte Mercédès, während sie neben der jungen Frau einherging und ihrer beider bauschigen Röcke im gleichen Takt wippten. Trotz der zehn Jahre Altersunterschied, die sie voneinander trennten, waren die beiden Frauen Freundinnen und Vertraute geworden, und nur weil Julie unlängst die bedrückende Lage ihrer Familie in einem Brief erwähnt hatte, war sich Mercédès des drohenden Unglücks bewusst.

Dieser Brief war es gewesen, der Mercédès von Paris hierher nach Marseille führte. «Wie geht es Monsieur Morrel?»

«Er hat sich in seinem Büro eingeschlossen und weigert sich, irgendwem zu öffnen, nicht einmal Maximilien. Die Schuld ist heute Mittag zu begleichen, und wir haben schon nach elf. Es gibt keine Hoffnung.»

«Aber wo gehst du hin?», fragte Mercédès und rätselte, warum eine so liebende Tochter ihren Vater in einer derartigen Stunde verlassen mochte. «Und wo ist dein Bruder, wenn nicht bei Monsieur?»

«Maximilien geht vor Papas Bürotür auf und ab, aber es gibt nichts, was er tun könnte. Doch ich … ich habe noch ein winzige Hoffnung. Komm, wir müssen uns sputen.»

«Wohin gehen wir?»

«Zu den Allées de Meilhan, in ein bestimmtes Haus dort.»

Mercédès sah die junge Frau bestürzt an, schritt aber weiter aus. «Julie, was hast du vor?»

«Du weißt, dass die Schulden meines Vaters heute fällig werden, aber ich habe dir nicht die ganze Geschichte erzählt. Tatsächlich sollte die Schuld schon heute vor drei Monaten bezahlt werden, doch an jenem Tag trug sich etwas ziemlich Außerordentliches zu. Mein Vater hatte einen Besucher – einen Mann, der sich als Lord Wilmore vorstellte, der die Nachricht überbrachte, er habe Papas Schuldschein erworben. Während er im Kontor war, traf die Kunde von der Pharaon ein.»

Mercédès fühlte Kummer in sich aufwallen. Die Pharaon war das letzte Schiff gewesen, das Edmond gesegelt hatte, und als es seinerzeit vor vierzehn Jahren in den Hafen zurückgekehrt war, hatte Morrel ihn zu dessen Kapitän ernannt. Am selben Tag hatten sie und Edmond sich auf dem Hang geliebt, und zwei Tage später wurde ihr Liebhaber von den Behörden fortgeholt – während ihrer Verlobungsfeier.

«Was ist mit der Pharaon geschehen?»

«Sie ging in einem Wirbelsturm unter, und während Lord Wilmore bei meinem Vater war, kamen die drei überlebenden Seeleute und überbrachten die Nachricht von dem Unglück.» Julie schaute zu Mercédès auf und schirmte mit ihrer rundlichen Hand ihre Stirn ab. Mein Papa aber, obwohl es sein letztes Schiff war und seine einzige Hoffnung, die Reederei zu retten, scherte sich nicht um den Verlust des Schiffes, sondern um die Menschen, deren Leben bei dem Untergang verlorengingen. Er zahlte seinen treuen Matrosen von unserem letzten bisschen Geld die Heuer und den Witwen der auf See Gebliebenen eine kleine Rente. Dann wandte er sich Lord Wilmore zu.»

«Aber er hat die Schuld nicht eingefordert, oder? Wenn sie heute fällig wird, muss er deinem Vater einen Aufschub gewährt haben.»

Julie nickte und bedeutete Mercédès, mit ihr in die Via Meilhan einzubiegen. Die Häuser hier standen eng, hatten verputzte Fronten mit schmalen Absätzen davor und unregelmäßige Zugangswege. Der Duft frischgebackenen Brots wehte aus einem nahen Fenster. «Mein Vater hat sich nicht erniedrigt, einen Aufschub zu erbitten, doch Lord Wilmore räumte ihm den von sich aus ein, und Papa nahm dankbar an. Viel tun konnte er aber nicht. Er fuhr nach Paris, um Baron Danglars zu treffen – kennst du ihn?»

Mercédès kannte Danglars allerdings. Er war zu Zeiten Edmonds Zahlmeister auf der Pharaon gewesen und machte nun Geschäfte mit ihrem Gatten. «Fuhr er nicht auch einmal für deinen Vater zur See?»

«Sehr richtig, aber nun ist er ein erfolgreicher Bankier geworden, und mein Vater dachte, aufgrund ihrer vormaligen Geschäftsbeziehungen würde er ihm ein Darlehen gewähren. Doch Danglars wies ihn ab. Und sonst gibt es niemanden.»

Mercédès presste die Lippen zusammen, während sie voraneilte. Es überraschte sie nicht im mindesten, dass der verschlagene Mann mit den verkniffenen Augen und grapschigen Fingern jemandem in Not seine Hilfe verweigern würde – zumal jemandem, für den er einst gearbeitet hatte. Er war sichtlich neidisch gewesen, als Edmond statt seiner zum Kapitän der Pharaon ernannt wurde. «Dann ist der dreimonatige Aufschub vergebens?»

«Vielleicht. Aber die Geschichte geht noch weiter», sagte Julie. «Und, voilà, wir sind da.» Mercédès folgte ihrer jungen Freundin den kurzen Fußweg hoch und war erstaunt, als Julie die Haustür öffnete und eintrat.

Mercédès folgte mir größerer Vorsicht, doch als sie einen leisen Aufschrei Julies hörte, die ins Nachbarzimmer gegangen war, lief sie ihr so hastig hinterher, dass ihre weichen, zierlichen Schuhe über die gebohnerten Dielen schlitterten. Im angrenzenden Raum sah sie Julie vor einem Kaminsims stehen, sie hielt einen Beutel aus rotem Samt in der Hand.

Sie schluchzte.

Mercédès legte einen Arm um ihre Freundin und holte ein kostbares, spitzenumsäumtes Taschentuch hervor, um die Tränen zu trocknen. Gewiss würden noch weitere folgen.

Doch als Julie das Gesicht hob, um sie anzuschauen, sah Mercédès Freudentränen, keine des Kummers. Sie lächelte verzückt. «Wir sind gerettet!»

«Ich verstehe nicht.»

Julie hielt ihr den Beutel hin, und Mercédès nahm ihn an sich. «Ich habe diesen Beutel schon einmal gesehen! Dein Vater hatte ihn Père Dantès gegeben, mit Geld gefüllt, als Edmond fortgeholt wurde. Wie ist er hierher gelangt?»

«Sindbad der Seefahrer», sagte Julie geheimnisvoll und lächelte unter ihren Schluchzern. «Erst vor einer Stunde hat er mir eine Nachricht geschickt! Komm, wir müssen vor Mittag zurück sein. Ich muss es meinem Vater zeigen, bevor – bevor er etwas Tragisches tut.»

Mercédès öffnete den Beutel, und darin befanden sich zwei Blatt Papier … und ein Diamant! Groß wie eine Walnuss. «Dios mio!», entfuhr es ihr in ihrer Muttersprache.

Sie zog die Papiere heraus. Eines war ein Wechsel über zweihundertsiebenundachtzigtausendfünfhundert Franc – und mit bezahlt gekennzeichnet. Und das andere war ein von Hand mit den Worten Für Julies Mitgift beschriebener Zettel.

«Jetzt werde ich Immanuel heiraten können!», sagte Julie und zerrte Mercédès beim Arm aus dem Haus, um regelrecht über den Fußweg zu tanzen.

Den roten Beutel fest im Griff, hastete Mercédès neben der verzückten jungen Frau her und konnte kaum glauben, was sie da umklammert hielt. Wie konnte das sein? Und wer war Sindbad der Seefahrer?

Sie überschüttete ihre Freundin mit Fragen, während beide mit flatternden Röcken zurück zum Haus der Morrels stürmten. Aber sie erfuhr nur Bruchstücke der Geschichte, die Julie ihr in großer Eile über die Schulter zurief.

Soweit Mercédès schlau daraus wurde, hatte Lord Wilmore am Tag seines Besuchs kurz mit Julie gesprochen und ihr gesagt, sie werde von einem Mann namens Sindbad der Seefahrer hören und solle dessen Anweisungen ganz genau befolgen.

«Und dieser Sindbad trug dir auf, zu diesem Haus in den Allées de Meilhan zu gehen?», fragte Mercédès ungläubig. «Und du wärst allein hierhergekommen?» Hätte sie selbst je etwas derart Törichtes und Blindes getan, als sie in Julies Alter war?

Und da fiel ihr ein, wie sie sich davongeschlichen hatte, um Edmond zu treffen, als er ihr den Hof machte, wie sie die scharfen Augen ihrer Mutter mied und ihren Vetter Fernand belog, wenn er sich ihr an die Fersen heftete. Denn die spanisch-maurischen Katalanen blieben für sich und hielten sich von den französischen Einwohnern Marseilles fern, obwohl sie gleich am Stadtrand lebten. Sie wohnten und heirateten unter ihresgleichen und bewahrten sich ihre eigenen Überlieferungen und Bräuche. Ihr Stelldichein mit einem Nichtkatalanen hätte Anlass zu einer schweren Rüge gegeben.

Sí, sie hätte das Gleiche getan. Damals war sie jung und wagemutig gewesen. Die ganze Welt mit ihren Möglichkeiten hatte ihr offengestanden.

Die beiden Frauen fielen in einer Weise in das Haus Morrel ein, die jeden Zuschauer hätte überrascht innehalten lassen – zumal er eine vornehme Comtesse in ihrem erlesenen Pariser Putz hinter einer jüngeren, weniger modisch gekleideten Frau hersausen sähe.

«Papa! Papa!», rief Julie und polterte die Stufen zu den oberen Büroräumen hinauf. «Papa, wir sind gerettet!»

«Wovon redest du?», fragte Maximilien Morrel, der auf dem obersten Treppenabsatz stand. Er war ein Jüngling von siebzehn Jahren an der Schwelle zur Mannbarkeit, und Mercédès sah, dass sein gutgeschnittenes Gesicht nicht mehr nur eine sorgenvolle Miene trug, sondern verhärmt und verschwitzt war. «Er will mich nicht einlassen, und es ist eine Minute vor Mittag! Ich schwöre, das Klicken eines Pistolenhahns gehört zu haben, denn Papa hat gesagt, er werde sterben und uns als glückloser, aber ehrbarer Mann im Gedächtnis bleiben.»

«Papa! Du musst die Tür öffnen! Wir sind gerettet!», schrie Julie und trommelte auf die schwere Holztür ein.

«Sieh nur», sagte Mercédès und gab Maximilien den roten Samtbeutel. «Sie hat recht – ihr seid gerettet.»

Monsieur Morrel hatte die Tür einen Spaltbreit aufgemacht. Der liebenswürdige Herr, das graue Haar säuberlich zurückgebürstet und das Gesicht glatt rasiert, als wollte er der Messe beiwohnen und nicht dem eigenen Freitod, schaute heraus. «Julie –»

Doch Maximilien stieß die Tür vollends auf. «Papa, leg diese Waffe fort! Julie hat recht. Wir sind gerettet. Sieh dir das an!»

Als Monsieur Morrel den Beutel geöffnet hatte und begriff, was er enthielt, und die Familie Freudentränen vergoss, wusste Mercédès, dass es für sie Zeit war zu gehen. Sie stellte den Korb mit Apfelsinen und das Päckchen mit den Bändern auf einen kleinen Tisch am Fuß der Treppe und trat auf die sonnenbeschienene Straße hinaus.

Welch ein Wunder! Wie wunderbar, dass dies einer so guten Familie widerfahren war!

Als Edmond von den Gerichtsbeamten mitten aus seiner eigenen Verlobungsfeier geholt worden war, hatte sich Monsieur Morrel umgehend zum Büro des Kronanwalts begeben, um Edmonds Unschuld zu beteuern, Kaution für ihn zu stellen und Auskunft über die Anklage und sein Verschwinden zu verlangen.

Der Kronanwalt, Monsieur Villefort, konnte – oder wollte – Monsieur Morrel nur wenige Angaben zu Edmond machen, trotz wiederholter Besuche des Reeders. Mitgeteilt hatte er Morrel einzig, dass Edmond unter der Anklage festgenommen sei, ein fanatischer Bonapartist zu sein, und Morrels beharrliches Engagement in der Sache kein schmeichelhaftes Licht auf ihn und seine Reederei werfe.

Monsieur Morrel hatte Mercédès und Edmonds Vater besucht und dem alten Mann eben jenen roten Samtbeutel zukommen lassen, gefüllt mir genügend Francs, um monatelang davon leben zu können. Doch Père Dantès wollte nichts zu sich nehmen und starb binnen weniger Wochen nach der Nachricht von der Gefangennahme seines Sohns an Auszehrung.

Es war eine dunkle Zeit gewesen.

Das Leben Mercédès’ jedoch war noch dunkler geworden, seit sie selbst zu Kronanwalt Villefort gegangen war und ihn um Auskunft ersucht hatte.

Sie wurde auf Rufe aufmerksam und merkte, dass sie das kurze Stück Weg vom Haus Morrel zum Kai eingeschlagen hatte. Masten schienen den Horizont zu streifen, ragten von den im Hafen versammelten Schiffen auf, und der vertraute, scharfe Geruch nach Meersalz in der Luft erinnerte sie daran, wie sehr sie die Lässigkeit dieser geschäftigen Küstenstadt vermisst hatte. Paris war in ihren Augen voller Blendwerk, Mode und Falschheit, und nie hatte sie sich wirklich wohl gefühlt, seit sie und Fernand dorthin gezogen waren.

Zum Teil war dies auch der Grund, weshalb sie sich in ihre Studien vertieft hatte – so konnte sie Abstand zu einem Leben halten, für das sie nicht geboren war und das sie nicht wirklich verstand. Sie wäre es vollkommen zufrieden gewesen, in ihrem Häuschen in Marseille zu bleiben und ihr eigenes Gemüse und ihre eigenen Kräuter zu ziehen … oder mit Edmond zur See zu fahren.

Die Rufe klangen nun aufgeregter, und Mercédès neigte den Kopf und lauschte angestrengt darauf, was die Männer von sich gaben.

«Die Pharaon! Die Pharaon ist zurück!»

Stirnrunzelnd raffte sie ihre schweren Röcke, die Krinolinen und alles, was dazugehörte, und lief auf den Hafen zu. Gerade hatte Julie ihr erzählt, das Schiff sei gesunken … Wie konnte das sein?

Doch als sie den Kai erreichte, bot sich ihr der vertraute Anblick von Edmonds letztem Schiff – in einem Glanz, als sei es nagelneu –, goldverziert und mit stolz erhobenen Masten im Hafen. Leute rannten herbei, ein lautstarkes Rufen und ungläubiges Gaffen.

«Sagt Morrel Bescheid!», schrie einer. «Es ist ein Wunder!»

Noch ein Wunder für die Morrels. Gewiss hatte ein Engel endlich doch auf sie herabgelächelt.

Mercédès fühlte eine Träne der Überraschung in ihrem Augenwinkel. Wo war ihr Engel?

Sie freute sich aufrichtig für die Morrels und deren Glück, wurde aber jäh von den eigenen Problemen und Ängsten überwältigt. Sie vermisste ihren Sohn Albert, der sicher in ihrem prächtigen Zuhause in Paris aufgehoben war, während sie einen Weg suchte, ihn hierher zu sich zu holen. Aber Fernand würde das niemals erlauben – dafür liebte er sein einziges Kind zu sehr.

Könnte sie das nur arrangieren, würde sie nie mehr zu Fernand zurückkehren.

Mercédès sah Julie und ihre Familie dem Hafen entgegeneilen, wobei Monsieur Morrel voranstolperte, als sei er gerade aus einem Traum erwacht. Während er sich durch die Menge drängte, die über die wundersame Neuigkeit stetig angeschwollen war, fiel ihr Blick auf einen großgewachsenen dunkelhaarigen Mann vor ihr.

Sie blieb stehen, ihr Herz setzte einen Atemzug lang aus, dann schlug es schmerzhaft und schnell weiter.

Edmond.

Von hinten hatte er einen Moment lang beinahe wie Edmond ausgesehen.

Der Mann drehte sich um, und sie konnte sich nicht von seinem Anblick losreißen, während er sich gewandt durch die Menge bewegte. Seine Augen wurden von dem Hut beschattet, den er sich tief in die Stirn gezogen hatte, und er trug einen dunklen, sorgfältig gestutzten Bart und Schnurrbart. Seine Kleidung war nicht die eines gewöhnlichen Seemanns, sondern ein lose sitzendes Gewand aus dem Orient: Ärmel und Hose aus hellblauer Seide, an Handgelenken und Fußknöcheln angekraust. Dunkles, zu einem langen Zopf geflochtenes Haar fiel ihm vom Nacken bis weit unter die Schulterblätter.

Vielleicht spürte er ihren lastenden Blick, denn er hielt inne und blickte in ihre Richtung. Auch sie fühlte seine Aufmerksamkeit auf sich ruhen, wie um festzustellen, weshalb sie ihn so kühn angestarrt hatte. Ehe sich ihrer beider Blicke trafen, obsiegten Mercédès’ gute Manieren, und sie lenkte ihr Augenmerk auf die überglückliche Familie Morrel und schob sich durch das Gedränge der Gratulanten näher an sie heran.

Dies war eigenartig für sie, eine vornehme Comtesse: Sich durch eine Menge gewöhnlicher Leute zu drängeln, ihre Röcke zu zerknittern, die bauschigen Ärmel, der ganze Stolz der Modebewussten, zu stauchen und ihre Schuhe im Schmutz zu zerkratzen.

Vor vierzehn Jahren hätte sich Mercédès nichts dabei gedacht, sich allein oder mit nur einem Begleiter in der Öffentlichkeit zu bewegen, doch ihr Reichtum und ihre Macht hatten auch Schicklichkeit und Zurückhaltung mit sich gebracht.

Ein Gefühl der Freiheit, wie sie es seit Jahren nicht mehr kannte, überkam sie. Hier war sie in Marseille, Stadt der glücklichsten – und traurigsten – Stunden ihres Lebens. Sie war allein, ohne Beschränkungen, ohne Zeitplan, ohne Erwartungen.

Allein.

Als sie kurz darauf wieder hinüberschaute, war der Mann verschwunden.

Und wieder zog sich ihre Brust zusammen, brach die Wunde ihres Kummers über den Verlust von Edmond auf, als wäre sie noch frisch.

Während sich die Ausgelassenheit über die Rückkehr der Pharaon legte – stürzten sich doch Seeleute wie Stadtbewohner gleichermaßen an einem schwülen Sommerabend auf jede Gelegenheit zum Feiern –, ließ sich Mercédès vom Kai forttreiben, ihre Füße einem vertrauten Pfad folgen.

Ehe sie es recht gewahr wurde, war sie eine gute Weile gegangen und hatte den Weg die schmale Straße bergauf genommen, die an Père Dantès’ Haus vorbeiführte. Hier hatte Edmond um sie geworben, sie aus ihrer engen katalanischen in seine Welt gebracht. Mehr als zwölf Jahre lang war sie nicht mehr diese Straße entlanggelaufen.

Mit einem Mal wurde ihr klar, dass die Sonne hinter der unregelmäßige Häuserzeile zwischen diesem Hügel und der Bucht untergegangen war, und ein schmaler Durchgang, eben noch in weiches goldgelbes Licht getaucht, verdüsterte sich nun bräunlich. Lange, viereckige Schatten fielen auf das Kopfsteinpflaster und hüllten Türeingänge und kleine Gärten in Dunkelheit.

Die Straße war eigentümlich still und leer, und Mercédès spürte, wie sich ihre Nackenhärchen aufrichteten. Ein leises Schlurfen hinter ihr ließ ihr Herz schneller schlagen und sie ihren Sonnenschirm in Bereitschaft halten. Sie wandte sich um und sah auf einmal drei Gestalten nur zwei Häuser entfernt hinter sich. Ein Mann lehnte lässig an einer niedrigen, mit Efeu berankten Mauer. Ein weiterer stand neben ihm, die Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen.

Und der dritte, mitten auf der leeren Straße, stemmte die Hände in die Hüften.

Selbst aus der Entfernung konnte Mercédès erkennen, dass sie derb gekleidet und wahrscheinlich entweder gerade von einer Seereise zurückgekehrt waren oder an den Nachwirkungen einer durchzechten Nacht litten.

Doch wo waren alle anderen? Die Straße war leer.

Ihr Herz schlug schneller, und sie schloss die Finger fest um ihren Sonnenschirm. Seine Spitze würde eine brauchbare Waffe abgeben, aber es war auch ihre einzige.

Und es war offensichtlich, dass sie eine brauchen würde.

Der Mann, der mitten auf der Straße stand, kam nun mit festen Schritten auf sie zu, und Mercédès raffte ihre Röcke und rannte los. Doch da löste sich eine weitere Gestalt aus den wachsenden Schatten und trat vor ihr auf die Straße.

Strauchelnd kam sie zum Stehen, wich dann aber ein, zwei Schritte zur Straßenseite hin aus.

«Wozu solche Hast?», gab der Mann hinter ihr gedehnt von sich. «Willst uns nicht ein wenig Gesellschaft leisten?»

«Ein hübsches Sümmchen möcht uns das Miststück bringen», bemerkte derjenige vor ihr. «Geht man nach ihren Kleidern.» Er griff nach ihr und bekam eine Handvoll ihres großzügig geschnittenen Ärmels zu fassen.

«Loslassen», sagte Mercédès mit weit ruhigerer Stimme, als ihr zumute war. «Ihr werdet kein Lösegeld bekommen, sondern Besuch von den Behörden, wenn ihr mich nicht meines

Weges ziehen lasst. Mein Gatte ist ein sehr mächtiger Mann.»

Der Mann hinter ihr war inzwischen viel dichter an sie herangetreten. Er lachte und bedeutete seinen Kumpanen, näher zu kommen. «Nun denn, schöne Frau, wollt Ihr nicht gern die Welt sehen? Vom Deck eines Schiffs vielleicht? Auf unserm ist Platz, und zum Morgen laufen wir aus.»

Die anderen lachten, und auf einmal zogen alle an ihr, warfen ihr etwas Schweres und Verhüllendes über den Kopf, und eine flache Hand schlug ihr vor das Gesicht, um ihre Schreie zu dämpfen und ihr bald schon den Atem zu rauben. Ein ordentlicher Hieb gelang ihr noch mit dem Sonnenschirm, ehe er ihr aus den Händen gerissen wurde und sich die Tuchhülle fest um ihre Arme wickelte. Ihr wild zappelnder Fuß rammte etwas Weiches, schwelgen aber konnte sie in diesem kleinen Erfolg nicht, denn sie wurde bäuchlings über jemandes Schulter geworfen und hatte kratzige Wolle überall im Gesicht.

Mit einem Mal hörte sie das Stampfen von Pferdehufen und spürte, wie der Körper des Mannes, der sie trug, sich verspannte. Zwar konnte sie nichts sehen, aber die Geräusche verrieten ihr, was geschah: Der Reiter galoppierte herbei und erreichte mit seinem Ross unter lautem Geklapper ihre Entführer. Das scharfe Klicken von Metall und dann eine leise Stimme, die mit hörbarem Akzent sagte: «Für euch wäre es das Beste, die Frau freizulassen, sonst werde ich Luigi Vampa wissen lassen, dass ihr eure Grenzen überschritten habt.»

Dann fühlte sie sich von anderen Händen ergriffen, der Mann – ihr Retter – packte sie bei der Taille und hob sie an seine Hüfte und seinen Schenkel. Mit einem Satz sprengten sie davon, die Straße hinunter, Mercédès noch immer in das scheußliche Tuch gewickelt, ihr Sonnenschirm zurückgeblieben.

Er schien sie ohne Mühe mit nur einem Arm an sein Bein gedrückt zu halten, ihre Hüfte halb in seine gekeilt. Falls sie damit rechnete, er würde bald anhalten und sie von dem Tuch befreien und um seinen Arm zu entlasten, so sollte sie enttäuscht werden, denn sie nahmen noch mehrere Kurven und Biegungen und mussten bald einigen Abstand zu der Stelle des Überfalls haben.

Wie sie dort so unbeholfen hing, drängte sich Mercédès allmählich die Frage auf, ob sie errettet worden war, nur um erneut gefangen zu werden! Sie fürchtete sich, zu strampeln und am Ende unter die Pferdehufen oder in eine andere gefährliche Lage zu geraten.

Doch schließlich, als sie es beinahe darauf ankommen lassen wollte, wurde ihr Ross langsamer und blieb dann stehen. Sie spürte den Stoß, als er abstieg, und den Ruck, mit dem er sie sich über die Schulter warf wie einen Sack Gerste – was sicher ihrem Aussehen entsprach, da sie noch immer in die abscheuliche Wolle gewickelt war.

Im selben Augenblick fing sie wieder an, sich zu wehren und zu treten, und wurde damit belohnt, brüsk abgeworfen zu werden … nicht auf den Boden … auf etwas Weiches. Umgehend kämpfte sie sich aus dem Wolltuch.

«Ich hatte nicht vor, Sie zu erschrecken», sagte er mit diesem seltsamen Akzent; es war kein englischer oder italienischer oder sonst einer, den sie kannte. Sie spürte ihn, als er sich ihr näherte, seine selbstsicheren, warmen Hände, die sie aus ihrer Umhüllung wickelten.

Sie schaute hoch, schob sich Haarsträhnen aus dem Gesicht und keuchte auf. Trotz des Zwielichts erkannte sie in ihm den bärtigen, persisch gekleideten Mann vom Hafen. Jener, der sie an Edmond erinnert hatte.

Er blickte ebenso keck auf sie herab, wie sie zu ihm emporstarrte.

«Sie», setzte sie an. «Sie sah ich doch vorhin … am Hafen.»

«Und ich sah Sie.» Seine Stimme klang unstet. «Es war töricht von Ihnen, allein davonzugehen. Wo ist Ihr Mann?»

Nun erst wurde sich Mercédès klar, dass sie auf ein mit großen Kissen bedecktes Bett geworfen worden war, und sie erhob sich in eine aufrechte Sitzhaltung. «Er ist nicht hier», erwiderte sie bestimmt.

«Nicht hier? Er erlaubt seiner Frau, der Comtesse de Morcerf, allein in Marseille umherzustreifen?» Jetzt war seine Stimme glatter, und ein entschieden spöttischer Ton hatte sich in den Singsang des Akzents eingeschlichen. Dennoch spürte sie, dass eine gewisse Anspannung unter dem Hohn lag.

«Woher wissen Sie meinen Namen?»

Er zuckte die Achseln und breitete leichthin die Hände aus. Sie bemerkte, dass seine Seidenärmel bis zu den Ellbogen aufgerollt waren und er an beiden Handgelenken massive Goldreifen trug. Seine Hände waren breit und gebräunt, von Adern und Sehnen durchzogen und von Arbeit abgehärtet, ganz anders als die weichen, lilienweißen Fernands. Und so sehr den Seemannshänden ihres vermissten Edmond gleich.

Wie es wohl wäre, führen solch derbe Hände noch einmal über ihre Haut?

«Es war gar nicht so schwer, Ihren Namen zu erfahren. Sie sind eine Freundin der Morrels, und ich bin selbst leidlich mit ihnen bekannt.» Seine Augen, von dunkler Farbe und rings um die Wimpern durch einen schmalen schwarzen Strich betont, ruhten unverwandt auf ihr. Die Atmosphäre in diesem Zimmer schien schwer zu lasten, als würden beide aufeinander zugeschoben.

«Dann könnten Sie mir vielleicht mit Ihrem Namen dienen», entgegnete Mercédès frostig. Ihr Herz schlug noch immer heftig, doch ihre Angst legte sich bereits. Ihr Mund war trocken, und sie fühlte ein leichtes Flattern im Bauch.

«Man nennt mich Sindbad. Sindbad den Seefahrer.»

Vielleicht hätte sie nicht überrascht sein sollen, aber sie war es; immerhin sah der Mann dem sagenhaften arabischen Sindbad ähnlich. Er trug einen Bart, und seine Haut wirkte, als sei sie erst von der Sonne verbrannt und dann gebräunt worden. Während sie mit dem Durcheinander von Gedanken zu kämpfen hatte, das ihr durch den Kopf wirbelte, stammelte sie den ersten hervor, den sie festhalten konnte. «Sie … wie sind Sie an den roten Samtbeutel gelangt? Mit dem Vermögen für die Morrels darin? Er gehörte Père Dantès.»

Sindbad baute sich bedrohlich groß über ihr auf, und sie nahm die straffen Muskeln seiner Unterarme wahr. «Er wurde mir von einem alten Abbé namens Busoni gegeben. Alsdann, Comtesse … wo ist Ihr Mann?»

«Er ist …» Mercédès hielt inne. Wenn sie ihm sagte, dass sie Fernand in Paris zurückgelassen hatte und er nicht wusste, wo sie war, was würde ihr Gegenüber tun? Erführe er, dass sie allein und ihr Verbleib unbekannt war, würde sie das neuen Gefahren aussetzen? «Er wird morgen aus Paris eintreffen, mit unserem Sohn.»

«Ihrem Sohn? Und wie alt ist dieser künftige Graf?»

«Zwölf», antwortete sie unwillkürlich. «Er ist zwölf.»

«Und nur ein einziges Kind aus wie vielen Ehejahren mit diesem Ihrem Grafen?»

Mercédès glaubte, einen Anflug von Bosheit aus seiner Stimme herauszuhören, doch den Grund dafür verstand sie nicht. «Bald dreizehn Jahre», gab sie zurück. Dreizehn Jahre Elend, Demütigung und Misshandlung. Nein, vielleicht nur zwölf Jahre. Das wirklich Schlimmste hatte erst einige Zeit nach ihrer Heirat eingesetzt. Doch mit Schmerz und Elend war sie schon vertraut gewesen, ehe sie überhaupt in die Ehe mit Fernand eingewilligt hatte.

Aber das taugte nicht dazu, es diesem Fremden zu offenbaren, der sie mit einem Ausdruck in den Augen betrachtete … einem Ausdruck, der zwischen Erregung, Zorn und Unsicherheit zu schwanken schien und sich schließlich hinter der Maske des Spotts verbarg.

«Was wollen Sie von mir?», fragte sie plötzlich und fühlte erneut die Spannung im Zimmer auf sich lasten.

«Wollen?», fragte er mit hellem Klang in der Stimme. Seine Finger schlossen sich; Mercédès sah sie die dünne Seide seiner Hose zusammenknüllen. «Von Ihnen? Nichts, meine liebe Comtesse. Ich will nichts von Ihnen.»

Aber seine Stimme war eisern geworden und der Ausdruck in seinen Augen schroff. Auf einmal wurde Mercédès wieder ängstlich zumute, ängstlich und doch … erwartungsvoll. Besorgt und … atemlos.

Ja, ihre Brust weitete und schnürte sich zusammen, und sie konnte eine kurze Weile nicht atmen. Und dann wandte sie ihren Blick ab, das Herz hämmerte in ihrem Busen, ihre Finger bebten zwischen den Falten ihres zerknitterten Rocks.

«Dann werde ich mich auf den Weg machen», erwiderte sie knapp, stand auf und trat mutig auf die Tür des Zimmers zu, in dem sie sich befanden.

Sindbad machte einen Schritt zur Seite und verstellte ihr den Weg. Er war weit größer als sie. Stämmig, muskulös, und er roch nach Meer.

«Wenn Sie nichts von mir wollen, so lassen Sie mich vorbei», sagte sie mit einer Ruhe, die sie nicht empfand. Ihr Herz raste, ihre Handflächen waren feucht, ihr flatterte der Magen.

«Sie möchten ihrem Retter keinerlei Dankbarkeit erweisen?»

Sie schluckte, sträubte sich aber, zu ihm aufzuschauen. Vielmehr richtete sie ihr Augenmerk auf die breite Schulter vor sich, bedeckt von hellblauer Seide, die sich auf eine Art an die Muskeln seiner Brust heftete, wie es Baumwolle oder Leinen nicht taten. Das kragenlose Hemd war bis zum Hals mit einfachen Seidenschleifen zugebunden. «Ich habe ein paar Francs bei mir, aber mehr im –»

«Meine liebe Comtesse, Ihr Geld habe ich nicht nötig. Es ist tatsächlich das Letzte, was ich von Ihnen will.»

Mercédès krampfte die Hände in die Falten ihres Rocks und fühlte ihren Herzschlag bis tief hinunter in ihren Körper wie das Dröhnen einer Begräbnistrommel. Auf seine Worte hin hatte sie aufgeschaut, aber der Spott in seinen Augen verscheuchte ihren Blick, den sie auf einmal von seinem Schnurrbart und der Andeutung schmaler Lippen darunter gefesselt fand.

Er schmunzelte, und seine Lippen dehnten sich, zuckten und zogen die dunklen Borsten in einer faszinierenden, sinnlichen Bewegung nach oben.

«Vielleicht», fuhr er mit leiser Stimme fort, «sollte ich Sie danach fragen, was Sie von mir wollen.»

«Nichts. Nichts als an Ihnen vorbei- und davonzukommen.»

«Dann gehen Sie vorbei. Stehen Sie nicht wie eine verängstigte Katze da. Wenn das wirklich Ihr Wunsch ist, dann gehen Sie vorbei, Comtesse.»

Sie zögerte nur einen Augenblick, dann trat sie auf ihn zu. Er hatte sich unmittelbar vor der Tür aufgebaut; vorbei käme sie nur, würde sie ihn streifen, diesen Seidenärmel berühren, ihr glockenförmiger Rock über seinen Pantoffel rascheln.

«Nur glaube ich nicht, dass es wirklich Ihr Wunsch ist …», flüsterte er, als sie sich ihm näherte.

Nun berührte sie ihn. Ihr rosafarbener Leinenärmel, dreimal so weit gebauscht wie ihr Oberarm breit war, wurde gestaucht, als er an der blauen Seide vorbeischlüpfte, und ihr Rock an seinem Bein zusammengeschoben.

Er streckte einen Arm zwischen ihr und der Tür aus, zwang sie so zum Stehenbleiben. «Oder?» Er drehte sich ihr zu, sodass sie Zehe an Zehe, Brust an Busen standen, Seide über Leinen streifte.

Sie spürte seine Wärme, roch das Meersalz auf seiner Haut und den schwachen Duft nach Mann, gemischt mit etwas wie Muskat. Edmond. Ganz so wie bei Edmond.

«Küssen Sie mich, Comtesse», sagte er leise. Seine gekrümmten Finger bebten an der Wand. «Sie wollen es.»

Und ob sie wollte … Gnade ihr Gott, sie wollte.

Eine Frau, die niemals, trotz allem, was er ihr angetan hatte, ihren Mann betrogen hatte, wollte diesen in Seide gekleideten, nach Salz und Schweiß riechenden Seemann küssen, der da vor ihr stand. Sie wollte sich in den Erinnerungen verlieren, in der vagen Vertrautheit, die er mit sich brachte.

«Lassen Sie mich vorbei», sagte sie noch einmal. «Bitte.»

Er ließ den Arm wieder fallen. Trat zurück und gab die Tür frei. «Sie sind eine ergebene Gattin, Comtesse. Welches Glück doch Ihr Gemahl hat.»

Sie raffte ihre Röcke, hastete an ihm vorbei, ihr Herz noch immer ein einziges Hämmern in der Brust, und fand sich im selben Raum wieder, den sie und Julie am Vormittag betreten hatten – wo Julie auf dem Kaminsims einen roten Samtbeutel gefunden hatte, darin das Wunder, das die Morrels gerettet hatte.

Offensichtlich war dieser Mann, wer er zu sein behauptete – Sindbad.

Mercédès wandte sich um und sah, dass er ihr gefolgt war und in der Tür zwischen den beiden Zimmern stand. An den Rahmen gelehnt, Arme in Körpermitte über Kreuz, die Augen dunkel und Lider halb geschlossen. Ein Feuer im Kamin gab zu viel Wärme und, bis auf eine kleine Öllampe, die einzige Beleuchtung im Zimmer ab.

Ehe sie begriff, was sie tat, ging Mercédès auf ihn zu, zurück zu Sindbad und der Versuchung, die er verkörperte: einen geheimnisvollen Sog, eine stete Anziehung, die Sehnsucht, in ihrem Kummer und Gram und ihren Erinnerungen zu schwelgen.

Er richtete sich auf, als sie vor ihn trat, verständiges Funkeln in den Augen, sagte aber nichts. Wartete bloß.

Dann bebten seine Schultern unter ihren ausgebreiteten Händen, gerade dass sich ihre Finger darüber hinwegbogen und den Stoff ein Stück weit auf seiner warmen Haut verschoben. Er regte sich nicht, sah nur auf sie herab, und unergründlich blieb ihr der Ausdruck in seinen Augen – in Wahrheit erforschte sie ihn gar nicht erst. Sie hob einfach das Gesicht, schloss die Augen und führte ihren Mund an seinen.

Anfangs streifte sie kaum die weichen Borsten seines Barts und die Glätte seiner Lippen, nur um ein erstes Gefühl zu bekommen. Sie staunte über das Schaudern seines Körpers, da sie ihn berührte. Dann presste sie ihren Mund auf seinen, drehte sich seitwärts in eine für beide günstigere Stellung, nahm die Lippen eben so weit auseinander, dass seine Oberlippe dazwischenschlüpfte und sie ihn schmecken konnte.

Etwas geschah, und ein heftiger Hitzestoß, ein jäh entfesselter Ansturm von Gefühl und Begehren fuhr ihr durch Mark und Bein. Der würzige Geruch des Meeres war in seinem Haar, auf seiner salzigen Haut; seine Lippen bewegten sich nun unter ihren, nicht länger tastend, sondern hungrig und verlangend. Sie verlor sich in dem Kuss, versank im Strudel der Sinnesreize: ihre über die Seide gleitenden Finger, die die Wärme der Reibung spürten, darunter muskulöse Wölbungen und Vertiefungen … der schlüpfrige, hitzige Tanz ihrer Zungen … seine Finger, die sie um die Taille fassten, sich in ihre Haut gruben … die Anspannung und Schwere ihrer Brüste unter den Schichten aus Korsett, Unterkleid und Leinen.

Mercédès begehrte nicht auf, als er sie mit beiden Armen emporhob, ins Zimmer zurücktrug, das sie eben erst verlassen hatten, und wieder auf dem großen, kissenartigen Bett ablegte. Diesmal aber folgte er ihr, und seine Hände hielten sie bei den Schultern auf die Matratze gedrückt, als wolle er sichergehen, dass sie sich nicht erhob und das Weite suchte.

Doch diese Absicht hatte sie nicht.

Es – er – war so sehr wie Edmond, ihr verlorener Edmond … Es waren seine rauen Fingerspitzen, die sich an die zarte Haut ihres Halses kletteten, das Salz in seinen Kleidern, der Geruch seines Haars, als sich Strähnen aus seinem Zopf lösten, und sogar der seiner Haut, die feucht war dort, am Übergang von Hals zu Schulter. Seine Art, den Kopf zu neigen, um sie zu küssen … sie schloss die Augen und ließ sich fallen, sie war zurück an jenem Hang mit Edmond an jenem letzten, herrlichen Tag …

Ihre Hände, die oben in die Olivenzweige langten, während sie auf seinen dunkelgebräunten Rumpf und das kleine Büschel Haare mitten auf seiner Brust hinabschaute. Das träge Lächeln, das er zu ihr heraufsandte, seine Zähne schimmernd und verblüffend gerade, das Gefühl von ihm so voll und hart in ihr, während sie vor und zurück schaukelte. Seine wettergegerbten Hände auf der zarten Haut ihrer Brüste, das Schaben rissiger und schuppender Knöchel, als sie sich umdrehten, um ihre Seiten entlangzustreifen …

Jetzt jedoch, zurück in der Welt, in der sie heute lebte, nahm Mercédès das Nesteln wahr, als dieser Mann, dieser bestrickende Fremde, die Perlmuttknöpfe auf der Rückseite ihres Kleids bearbeitete. Sie fühlte ihr Mieder enger werden und verrutschen, während er daran zog und zerrte, um es von hinten zu lockern, seine Hände zwischen ihren Rücken und das Polster gezwängt.

Anfangs versteifte sie sich und drehte den Kopf, um den Kuss abzubrechen. Nein, nein, das durfte sie ihn nicht tun lassen … Und als spüre er ihren Widerstand, hielt er inne, führte die Hände hinauf, um sie bei den Schultern anzuheben, und zog sie enger an sich. Seine Hüften drückten sich in ihre Oberschenkel, und sie fühlte seine Erektion sich gegen die Seide der dünnen, locker sitzenden Hose stemmen. Urplötzlich schraubten sich Überraschung und Begehren von ihrem Bauch hinunter in ihr Geschlecht, wo sie sich unwillkürlich verlagerte, um ihn dort an ihr reiben zu lassen.

Er murmelte ein leises Stöhnen gegen die Lippen und schob eine Hand herum, um ihre Brust darin zu bergen, während er sich sacht auf ihr wiegte. Mercédès keuchte auf, als sie das Erwachen zwischen ihren Beinen, die Lust dort anschwellen, nach so vielen leeren Jahren sprießen und treiben fühlte.

Es gab so viele Schichten zwischen seiner Hand und ihrer Brust – Korsett, Unterkleid, Mieder –, dass sie kaum den Daumen spürte, der über ihre Spitze zu reiben versuchte, doch die Straffung und Schwere fühlte sie anwachsen, die sich im Nippel bündelnde Empfindsamkeit anschwellen. Sie beugte sich zurück, krümmte den Rücken, drückte sich hoch in seine Handfläche, schob alles von sich bis auf die herrlichen, lebendigen Reize, die sie durchliefen und sämtlich auf das feuchte Pochen ihres Geschlechts abzielten.

Mercédès zog an den kleinen Seidenknoten, die an seinem Hemd die Knöpfe ersetzten, und blickte auf, als er das Gesicht der Decke zuwandte und ein langes, bebendes Keuchen ausstieß wie in Erkenntnis ihrer endgültigen Einwilligung. Unter der Seide fand sie warme, glatte Haut und unter ihren Fingerspitzen ein Muskelspiel, während er sich auf seine zitternden Arme stützte.

«Lass mich», sagte er, wälzte sich auf eine Seite und dann vom Bett, dass sein Hemd von den plötzlichen Bewegungen losgezerrt wurde. Er schüttelte es ab, und es wallte hinunter in das Dunkel hinter dem Bett, während er sich neben sie kniete. Sie sah seine Brust, die durch aufgerollte Ärmel gebräunten Stellen, das V von einem aufgeknöpften Hemd und das blasse, im schwachen Licht schimmernde Weiß seiner übrigen Haut. Er war schlank und feingliedrig mit drahtigen Muskeln, die sich seine Arme entlang bis zu den Goldreifen an seinen Handgelenken zogen, breiten Schultern und einem flachen Bauch, auf dem nur der schmalste Streifen Haar hinab zu seiner Hose führte.

Er zog sie hoch, sodass sie aufrecht saß. Er war nun hinter ihr, und wieder fühlte sie ihr Mieder sich verengen und lockern … doch diesmal zögerte sie nicht. Mercédès zog sich die Schuhe aus und rollte ihre Seidenstrümpfe auf, während sie das Mieder endgültig nachgeben fühlte. Als es sich öffnete und von der hochkragigen Schulterbedeckung abfiel, spürte sie, dass er bereits ihr Korsett aufschnürte, ungeduldig zerrte und rüttelte, als sei er mit einem solchen Kleidungsstück nicht vertraut.

Plötzlich fuhren zwei warme, raue Hände an ihren Seiten entlang und bargen von hinten ihre Brüste. Die Kühle seiner goldenen Armreifen erschreckte sie, als sie die empfindliche Haut unter ihren Armen streiften, und sie keuchte auf … doch dann vergaß sie alles außer dem, was er tat.

Der Strich langer Borsten – weicher als Fernands kurzer, gesträubter Schnauzbart – und ein warmer Mund seitlich an ihrem Hals, der gleich unter ihrem Ohr lutschte und leckte, genau an ihrer empfindsamsten Stelle … Wie konnte er das gewusst und wie sie es vergessen haben?

Er knabberte, lutschte und leckte, und sie keuchte und schloss die Augen, fühlte ihre Muschi noch weiter anschwellen und ihre Feuchtigkeit an den Beinen. Er bekam beide Nippel zwischen Daumen und Zeigefinger zu fassen, zwickte und liebkoste sie behutsam, triezte sie zu steifen Knötchen und ließ ihre Atemzüge schneller und heftiger werden.

Sie wand sich in seinen Armen, ihr schlaffes Kleid und Korsett ein wirres Bündel aus Stoff, Spitze und Fischbein. Wieder trafen sich ihrer beider Münder, und sie schob eine Hand zwischen sich und ihn, um seinen schweren, sich durch die Seide stemmenden Schwanz zu ergreifen.

Dios mio, dachte sie … Wie verbarg ein Mann seine Erregung nur in solchen Hosen? Wenig fehlte, und er wäre nackt. Sie konnte den Wulst seiner Eichel ertasten, mit den Fingern die anmutige Kurve entlanggleiten, in der seine Erektion ungehindert hervorragte. Die Seide fühlte sich warm beim Reiben an, und er versteifte sich und erstarrte, als ihr Daumen über seine Vorhaut fuhr, bis sie vorn an der Spitze einen Hauch Feuchtigkeit erfühlte, und dann wieder hinauf- und zurückglitt.

Ging sein Atem schwer und harsch, so kam ihrer dem gleich; das Zimmer war wieder eng und drückend, und auf einmal hatte er sie zurück auf den Kissen, entzog sich ihren aufreizenden Händen und hob ihre Röcke an. Er vergeudete keine Zeit, legte Hand an ihre Schenkel unter den Schichten aus Rock, Krinoline und Unterkleid, fand die pulsierende Nässe ihres Geschlechts. Sie spreizte die Beine weit und fühlte, wie ihr das Gewicht von Kleidern und Unterwäsche von den Hüften gehoben und auf den Bauch geschichtet wurde. Seine Hände lagen sanft, aber bestimmt auf den Innenseiten ihrer Schenkel und spreizten sie gleich am Ansatz, wo sich ihr nacktes Geschlecht nun ihm und dem ganzen Zimmer darbot.

Mit einem Daumen schlüpfte er vorn hinauf, fuhr sinnlich, langsam und gründlich zwischen ihre Schamlippen, hinein in ihre Falten, rings um den strammen Kitzler, hinein in die Muschi. Mercédès stöhnte, schloss die Augen und ließ die Hüften kreisen, so gut sie es unter seinem unbarmherzigen Daumen vermochten. Hoch und runter, ringsherum und abwärts, ein und aus glitt er gemächlich, mühelos … und sie fühlte die Lust sich dort sammeln, bebend und pochend.

Sindbad murmelte etwas. Sie konnte nicht verstehen, was er sagte – beinahe klang es wie ihr Name –, und dann bewegten sich seine Hände ihre Schenkel wieder hinunter bis an die Knie wie zu einem zärtlichen Abschiedsgruß. Ein leises, enttäuschtes Wimmern schwoll tief in ihrer Kehle an, und sie schlug rechtzeitig die Augen auf, um ihn das Schnürband um seinen Hosenbund aufzerren und dann, im fahlen Licht, die Silhouette seines prallen Riemens herausschnellen zu sehen.

Danach gab es kein Zaudern mehr. Ein Anheben ihrer Hüften, zupackender Griff nach ihren Hinterbacken, und er schob sich vor ihr kniend in sie hinein.

Mercédès schrie auf, war von der Macht dieser Lust erschüttert … und da zog er sich zurück, füllte sie dann wieder, dann zurück, und rein und raus und rein und raus, bis es zerbarst und sie erschauderte, wieder aufschrie, sich in die eigene Hand biss, um nicht den Namen auf ihren Lippen auszurufen.

Edmond.

Ein letztes Mal schwang er sich in sie hinein und ergoss sich, lange pulsend, mit schrillem, schmerzvollem Aufschrei in ihr. Sindbads Hände waren an die Flanken ihres Rumpfes gewandert, und er beugte sich über sie, senkte den Kopf, das Haar in langen, verschwitzten Strähnen zu beiden Seiten seines Gesichts herabhängend, und atmete ein und aus, als wäre er gerade einen Hügel hinaufgerannt.

Mercédès lag da und kam langsam wieder zu sich. Die Wellen der Lust ebbten allmählich ab. Er machte sich los und stand vom Bett auf.

Sie bemerkte, dass er nicht zu ihr herunterschaute; vielmehr sah er zum Fenster hinaus. Sein Gesicht lag im Schatten. Es war nur undeutlich zu erkennen und erinnerte sie schmerzlich an Edmond: seine Nase war lang und gerade, genau wie jene Edmonds … doch sein Kinn stach mit dem dichten Bart hervor, und sein Haar hing in welligen Strähnen herab, wo das von Edmond stets kürzer und über Ohren und Stirn zurückgebürstet gewesen war. So sehnig, wie er war, war dieser Mann doch breiter und schwerer als einst ihr Liebster.

Die Erinnerung an Edmond führte Mercédès zurück in die Wirklichkeit: nicht nur an das Ende der Lust, sondern wieder in ihr Leben. Und dazu, was sie gerade getan hatte. Sie rollte sich zur Bettkante und zog ihre Kleider über ihren Körper. Dass sie sich selbst ankleidete, war ausgeschlossen … und ob ihr dieser schweigende Fremde helfen würde?

Ob er sie überhaupt ziehen lassen würde?

Aber ihre Muschi pochte weiterhin angenehm zwischen ihren Schenkeln, und sie empfand eine ungewohnte Entspannung in den Gliedmaßen. Ihr Körper wenigstens war befriedigt.

Als sie aufstand, trat er ohne ein Wort hinter sie und half ihr langsam und unbeholfen, sich anzuziehen. Doch seine Hände waren warm und sandten noch immer ein Erschauern über ihre Schulterblätter, und Mercédès wunderte sich einmal mehr darüber, was sie getan hatte. Aber sie bedauerte es nicht. Eigentlich nicht. Nicht die Lust, die sie empfangen hatte, nicht die Gelegenheit, das Heute zu vergessen und sich auf ihre Jugend zu besinnen.

Für Worte schien es keinen Anlass zu geben.

Sindbad schloss den letzten Knopf und erhob keinen Einspruch, als Mercédès sich zur Tür und wieder hinaus in das Kaminzimmer aufmachte, es auf einmal eilig hatte, fortzukommen und zurück in das kleine Gasthaus zu gelangen, in dem sie ein Zimmer gemietet hatte. Wo sie sicher sein würde vor Sindbad dem Seefahrer und den Erinnerungen und Gefühlen und der Wollust, die er in ihr wachrief.

Zum zweiten Mal an jenem langen, ereignisreichen Tag trat sie zur Vordertür dieses kleinen Hauses in den Allées de Meilhan hinaus und ging den kurzen, unebenen Fußweg hinunter.

Sie schaute nicht zurück.

 

Hätte sie es getan, hätte Mercédès womöglich gesehen, wie der bärtige Sindbad ihr lautlos im Schutz der Schatten folgte, bis sie wohlbehalten die Eingangstür einer kleinen Herberge öffnete.

Seine Finger bebten, es summte noch immer in seinem Körper. Seine Augenwinkel waren feucht, doch sein Mund bildete eine harte Linie.