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“Was hat ausgefallenes Sexspielzeug mit einer Prostituierten zu tun? Inwieweit sind die drei Verdächtigen, ein angesehener Unternehmer, ein verkrachtes Genie und ein Pornojunkie in diesen Foltermord verstrickt? Kaum hat Kommissar Pötzsch die Ermittlungen aufgenommen, werden existentielle Dramen an die Oberfläche gespült. Weitere Morde, grausam und brutal, stellen ihn und seine Mannschaft vor eine schwere Herausforderung. Aber auch privat kommt Pötzsch nicht zur Ruhe. Ein Hund, von seiner Frau zur Pflege aufgenommen, stellt die Nerven des Hundemuffels und ausgesprochenen Katzenliebhabers auf eine harte Probe.”
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Seitenzahl: 383
Veröffentlichungsjahr: 2016
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swb media publishing®
JANE BRESLIN
ENTGLEIST
Erotik
swb media publishing®
Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen ist zufällig.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
1. Auflage 2016
ISBN 978-3-945769-24-9
Jede Verwertung des Werkes außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Übersetzungen, Nachdruck, Mikroverfilmung oder vergleichbare
Verfahren sowie für die Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen.
© 2016 Südwestbuch Verlag
Gaisburgstraße 4 B, 70182 Stuttgart
Printed in Germany
Bildmaterial: DavidEwingPhotography / shutterstock.com
Lektorat: Johanna Ziwich
Umschlaggestaltung und Satz: Julia Karl / www.juka-satzschmie.de
Druck und Bindung: Rosch-Buch Druckerei GmbH, 96110 Scheßlitz Dieses Buch wurde auf chlor- und säurefreiem Papier gedruckt.
www.swb-verlag.de
Der Mann blickte verstohlen zu der Fensterreihe mit den geschlossenen Gardinen im zweiten Stock hinauf, zog die Mütze, die er sich extra für heute aufgesetzt hatte, noch tiefer in die Stirn und schloss die Hand fester um den Griff seiner Tasche. Er wollte nicht erkannt werden. Vorsichtig schaute er sich um, konnte aber niemanden in unmittelbarer Nähe auf der Straße entdecken, bis auf eine alte Frau, die tief über ihren Rollator gebeugt in die entgegengesetzte Richtung schlurfte. Schnell drückte er gegen die Haustür, die wie immer unverschlossen war und stieg die Treppen zur zweiten Etage hinauf. Er klingelte. Sein Herz fing an zu klopfen, als er Geräusche hinter der Tür hörte und sie sich öffnete. Freundlich lächelnd stand die Frau vor ihm, in der rechten Hand eine Zigarette. Wortlos zog sie ihn in die Wohnung, in der es aufdringlich nach Parfüm roch. Dann schob sie ihn in ihr Zimmer. Sofort fiel ihm auf, dass sie das Bett verrückt hatte. Jetzt stand es mit dem Kopfteil an der Wand und das Ende ragte weit in den Raum hinein. Nun gut, dachte er, das würde die Prozedur nicht stören. Er stellte seine Tasche auf den Boden und schaute sich um, ob sie noch andere Veränderungen vorgenommen hatte. Nein, alles war so wie immer. Die Stehlampe in der Ecke, die das Zimmer in rosafarbenes Licht tauchte, die billigen weißlackierten Bausatzregale, aus deren Fächern kitschiger Nippes und bunter Krimskrams quollen. Aber jetzt entdeckte er doch noch etwas Neues: Im mittleren Fach des Regals stand eine Fotografie, die einen etwa 5-jährigen blonden Jungen zeigte. Eine Kette aus kleinen roten Plastikherzchen verzierte den silberfarbenen Rahmen. Er vermutete, dass es ihr Sohn oder Neffe war, fragte sie aber nicht danach. Es interessierte ihn nicht. Deswegen war er nicht hergekommen. Er wandte seinen Blick von dem Foto ab und sah sie an. Er wollte zur Sache kommen.
»Spezialbehandlung oder normal?« fragte sie ihn.
Er wollte die Spezialbehandlung. ›Normal‹ brachte nichts mehr. Er kriegte ihn einfach nicht hoch. Diese verdammten Bilder, die sich wie ungebetene Besucher fest in seinem Kopf eingenistet hatten, krochen aus seinen hintersten Gehirnwindungen hervor, schoben sich wie ein Film vor sein inneres Auge. Dann ging gar nichts mehr.
Die Frau legte sich auf das mit einem hellgrauen Satinbettlaken bezogene Bett, auf dem mehrere große und kleine schwarze Kissen verteilt waren, und rekelte sich aufreizend. Dann drehte sie sich auf den Bauch, schob ein Kissen unter das Becken und präsentierte ihm ihren Hintern. Er griff nach den Handschellen auf dem Nachttisch und fesselte sie damit ans Bett. Danach erledigte er die weiteren notwendigen Vorbereitungen.
Jetzt konnte es endlich beginnen!
Doch dann beging die Frau einen schwerwiegenden Fehler. Sie sprach zu ihm. Dieser einzige Satz, gedankenlos geäußert, katapultierte sich wie ein Sprengsatz in sein Bewusstsein, löste eine Lawine aus Hass und Wut aus. Er würde dieser Hure das verdammte Maul stopfen! Hektisch glitten seine Augen über das Bett, blieben an einem dunkelroten Zipfel hängen, der unter einem der vielen schwarzen Kissen hervorlugte. Schnell zog er den Stofffetzen hervor – ein kleines Handtuch – und knüllte es zusammen. Mit der linken Hand umfasste er die Stirn der unter ihm liegenden Frau, riss ihren Kopf nach hinten und stopfte ihr den Knebel in den Mund. Jetzt würde sie ihr Schandmaul halten, die dreckige Hure! Jetzt würde sie das bekommen, wovon sie nie genug kriegen konnte. Er beugte sich hinunter und entnahm einem kleinen Korb eines der Hilfsmittel, die sie für ihre Arbeit brauchte. Rasende Wut und abgrundtiefer Hass entluden sich in einer unvorstellbaren Gewaltorgie, gnadenlos, unkontrollierbar, zerstörerisch. Immer wieder rammte er ihr den Gegenstand, den er dem Korb entnommen hatte, in die Vagina. Verzweifelt versuchte sie sich zu wehren, aber seine Knie bohrten sich in ihre Oberschenkel und die Handgelenke steckten fest in den Handschellen, so sehr sie auch daran rüttelte und zog. Heftig warf sie den Kopf von einer Seite auf die andere, erstickte Schreie entwichen ihrem geknebelten Mund. Ein Gefühl der Allmacht durchströmte ihn, erregte ihn aufs Äußerste. Endlich hatte er eine Erektion. Aber auf einmal bewegte sie sich nicht mehr. Ihr Kopf sank schlaff auf die Seite, Blut quoll zwischen ihren Beinen hervor und sickerte auf das graue Satinbettlaken. Schnell wurde der Fleck größer, breitete sich wie ein dunkelroter See unter ihrem geschundenen Körper aus.
Der Mann betrachtete sein Werk. Zu schade, dass sie nicht mehr zappelte und zu schreien versuchte. Aber er musste jetzt verschwinden. Hastig zog er sich an. Schon fast an der Tür, fiel ihm etwas ein. Er ging zurück, zog den Knebel, der ihre Schreie zu einem hilflosen Wimmern gedämpft hatte, wieder aus ihrem Mund. Widerlich nass fühlte er sich in seiner Hand an. Voller Ekel stopfte er ihn in die rechte Jackentasche. Gerade wollte er gehen, da fiel sein Blick auf den kleinen Korb neben dem Bett. Unentschlossen betrachtete er den Inhalt. Dann erschien ein böses Lächeln auf seinem Gesicht. Er hatte sich entschieden. Das hier wäre genau richtig, dachte er und stopfte das Ding in seine andere Jackentasche.
KAPITEL 1
Kommissar Pötzsch stand vor der Tür des leitenden Kriminaldirektors Hubertus von Medendorf, sein oberster Chef und nur eine Stufe unter Gott. Bevor er die Hand hob, um anzuklopfen, schielte er unwillkürlich auf das Namensschild links neben der Tür. Sein eigenes, wie auch die Schilder seiner Kollegen, war einheitlich genormt und aus durchsichtigem Plastik. Dieses hier war aus poliertem Messing. Der in geschwungener schwarzer Schrift geprägte Name strahlte Autorität und Vornehmheit aus.
Einfach nur peinlich, dachte Pötzsch respektlos, klopfte an und trat ein, ohne das näselnde »Herein, bitte« abzuwarten.
Bevor er jedoch den LKD hinter seinem Schreibtisch ausmachen konnte, umhüllte ihn eine Wolke dessen Rasierwassers. Ein teurer, holziger Duft hing in der Luft. Hubertus von Medendorf thronte hinter seinem Schreibtisch und hatte wie immer eine distinguierte Miene aufgesetzt. Als er Pötzsch sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck schlagartig. Besorgnis zeichnete sich in seinem runden Gesicht ab, dessen Mundwinkel jetzt nach unten gezogen waren. Sogar sein sonst so sorgfältig gestutztes Oberlippenbärtchen schien nicht ganz so akkurat wie üblich. Geschäftig blätterte er in einer Akte und bot seinem Untergebenen mit der ausgestreckten Hand einen Platz an.
Pötzsch fühlte sich wie immer in seine Schulzeiten versetzt, wie er damals dem Direktor, Herrn Dr. Kaulfuss, gegenüberstand und verzweifelt versuchte, sich für seine Missetaten zu rechtfertigen.
Entschlossen, oder passiv aggressiv, wie seine Frau sein bockiges Verhalten oft nannte, schwieg Pötzsch und schaute abwartend aus dem Fenster, um von Medendorf zu ärgern. Der blickte jetzt für einige Sekunden hoch und raschelte ungeduldig mit den einzelnen Blättern der Akte. Unvermittelt ließ er seine linke Faust auf den Schreibtisch krachen.
»Das ist eine verdammt unangenehme Sache«, knurrte er und schob den Ordner näher zu Pötzsch, ohne ihn in dessen Leserichtung zu wenden. Aber der ergriff ihn nicht, sondern blieb unbeweglich auf seinem Stuhl sitzen. Irritiert starrte sein Chef ihn an.
»Was sagen Sie dazu, Herr Pötzsch?« wartete jedoch keine Antwort ab, sondern erhob sich und stellte sich vor das Fenster, die Arme hinter dem Rücken verschränkt.
Zu seinem karierten Harris-Tweed trug er eine farblich passende Hose und dazu braune, wahrscheinlich handgenähte Lederschuhe. Herr von Medendorf legte viel Wert auf exklusive, aber dezente Kleidung, was durch die Tatsache begünstigt wurde, dass er eine vermögende, wenn auch höchst unattraktive Frau geehelicht hatte. Pötzsch registrierte, dass die Haare des LKD am Hinterkopf merklich lichter wurden.
»Wie weit sind Sie mit Ihren Ermittlungen in diesem unappetitlichen Fall?«
»Nun, wir verfolgen erste Hinweise und klopfen, wie üblich, das Umfeld des Opfers ab. Auf die Ergebnisse der Spurensicherung warten wir noch.«
»Ja, natürlich, aber seien Sie bitte diskret und vor allen Dingen«, er wandte sich um, »gehen Sie diesmal mit Fingerspitzengefühl vor. Bloß nicht der Presse zu irgendwelchen wilden Spekulationen Anlass geben. Vermitteln Sie das bitte auch Ihrer Mannschaft. Ich verlasse mich auf Sie.«
Er ging an seinen Schreibtisch zurück, stützte sich mit den Händen darauf und fixierte Pötzsch mit seinen kleinen, sehr blauen Augen.
»Ich möchte nicht, dass Namen von gewissen, nun, sagen wir, nicht ganz unbekannten Personen, voreilig genannt werden. Ich habe diesbezügliche Order von ganz oben!«
Arschkriecher … dachte Pötzsch. Laut aber sagte er:
»Aber ermitteln dürfen wir schon, oder?«
»Stellen Sie sich doch nicht wieder so kompliziert an, lieber Kollege. Ich erwarte nur ein wenig Feingefühl, und dass nicht gleich alles ausposaunt wird.« Er setzte sich. »Erinnern Sie sich bitte an die Häme, die wie aus Mistkübeln über uns ausgeschüttet wurde, als wir den Frauenmörder gesucht haben und diese Frau, die er entführt hatte. Wie hieß sie gleich noch mal?«
»Wellmann, Carla Wellmann.« Pötzsch seufzte. Es stimmte, die Presse hatte sie in ihren reißerischen Artikeln wie stümperhafte Anfänger dastehen lassen, Dilettanten, denen es nicht gelang, einen Mann zu fassen, der drei Frauen vergewaltigt und umgebracht hatte.
»Also, habe ich mich klar ausgedrückt? Mit Fingerspitzengefühl! Und halten Sie mich auf dem Laufenden.« Damit war die Unterredung beendet.
Pötzsch hatte schon die Türklinke in der Hand, als sein Chef ihm hinterherrief: »Wenn Sie Hilfe brauchen, wie beim letzten Fall, dann rufen Sie diesen Berliner Psychologen an, diesen …«, er wedelte verächtlich mit der Hand, »… Späthippie mit Zopf und Lederjacke. Vielleicht kann er auch diesmal helfen, wenn er nicht gerade in Berlin mit einem Fall beschäftigt ist.«
Ein süffisantes Lächeln hatte sich auf seine Lippen geschlichen. Er breitete die Hände aus.
»Der Freistaat zahlt alles.« Sein Lächeln verwandelte sich in ein herablassendes Grinsen.
Pötzsch schloss die Tür mit einem Knall. Wütend stapfte er die große steinerne Treppe hinab und ging in sein Zimmer. Sein Assistent Schaller zuckte zusammen, als Pötzsch die Tür heftig aufriss und ebenso wieder hinter sich zuknallte.
»Der LKD war vermutlich wieder mal not amused?« Fragend hob Schaller die Augenbrauen.
»Eines Tages werde ich …,« aber Pötzsch führte nicht aus, was er eines Tages zu tun gedachte, denn ihm fiel ein, dass er als Vorgesetzter eine gewisse Vorbildfunktion hatte.
»Was, Chef, was werden Sie?« Schaller grinste.
Aber Pötzsch erwiderte nichts, brummte nur und starrte grimmig aus dem Fenster. Heute lag die Spitze der Frauenkirche im sonnigen Morgenlicht und ermahnte ihn, sich nicht über Menschen wie von Medendorf zu ärgern. Es gab wichtigere Dinge, um die man sich kümmern musste. So wie dieser Fall, dessentwegen er gerade beim leitenden Kriminaldirektor einbestellt worden war. Gestern waren er und Schaller zum Tatort in einem etwas heruntergekommenen Mehrfamilienhaus in der Torgauer Straße in Dresden-Pieschen gerufen worden. Krankenwagen und Arzt waren noch vor Ort. Die Kollegen der Spurensicherung in ihren weißen Kapuzenoveralls hatten bereits mit der Arbeit begonnen. Der Polizeifotograf schoss gerade seine letzten Aufnahmen. Pötzsch musste wegen des grellen Blitzlichts die Augen für einen Moment schließen. Als er sie wieder öffnete, sah er vor sich auf einem großen Bett eine Frau. Sie lag mit gespreizten Beinen auf dem Bauch, den nackten Hintern obszön angehoben. Auf dem Bettlaken zwischen ihren Oberschenkeln hatte sich eine große Blutlache gebildet, die sich bereits bräunlich verfärbte. Pötzsch trat näher heran und konnte sehen, dass ein Kissen unter ihr Becken geschoben worden war. Sie war nur mit einem Mieder bekleidet und ihre Schultern waren unter langen schwarzen Haaren fast verborgen. Mit einem fragenden Blick drehte er sich um. Hartmut Hahnel, Leiter der SPUSI, von den Kollegen nur ›HaHa‹ genannt, hatte seinen fragenden Blick richtig verstanden und nickte kurz, während er seine Gerätschaften wieder einpackte. Pötzsch durfte die Tote jetzt berühren. Er griff nach ihren Haaren, wollte sie zur Seite streichen, um das Gesicht der Toten zu sehen. Eine kurze Schrecksekunde hielt er inne, als er bemerkte, dass sich die Kopfhaut auf dem Schädel bewegte. Dann griff er beherzt noch einmal zu und hatte eine Perücke in der Hand, unter der blonde, kurzgeschnittene Haare sichtbar wurden.
»Michelle Schlottwitz, alias Chantal«, HaHa warf sein letztes Instrument klirrend in den Koffer. »Arbeitete seit drei Jahren als Prostituierte hier in dieser ›Wohngemeinschaft‹, zusammen mit einer anderen Dame und einem Kerl.«
»Michelle alias Chantal?« fragte Pötzsch verblüfft.
HaHa zuckte mit den Schultern und reichte Pötzsch einen 500-Euro-Schein, auf dessen Rückseite ein kleiner weißer Zettel mit einer Büroklammer angeheftet war. Kommissar Pötzsch drehte ihn um und las die Nachricht, die mit blauer Tinte geschrieben worden war:
Ein kleiner Schein von Ralfilein,dem Schweinilein
»Wie romantisch«, entfuhr es Erwin Pötzsch.
»Also, die vermutliche Todesursache ist eine innere Verletzung in der Vagina.« Dr. Hauser, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, stand plötzlich neben ihm. »Aber nichts Genaues weiß man noch nicht.«
Der bucklige Mediziner ging ihm, wie immer, mit diesem Spruch auf die Nerven.
»Ich will mich noch nicht festlegen, aber soweit ich erkennen konnte, steckt irgendetwas in ihr drin. Es hat ein Muster.«
Pötzsch beugte sich in wenig hinunter und – tatsächlich, auch er konnte trotz des vielen Blutes ein Muster aus blauen und weißen Farben entdecken.
»Was kann das sein?« fragte er den Arzt.
»Wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass es aussieht wie eine Handarbeit oder etwas Ähnliches. Irgendwie kommt mir das Ding bekannt vor.«
Vier Stunden später saß Pötzsch wieder hinter seinem Schreibtisch und kaute nachdenklich auf seinem Bleistift herum. Tief in Gedanken, wippte er auf seinem alten, abgewetzten Schreibtischsessel vor und zurück.
»Ist diese, ähm, Kollegin von der Toten schon da?« Pötzsch hatte niemanden auf dem Gang vor der Tür gesehen.
»Ja, und auch dieser Typ, der andere Mitbewohner. Ist ebenfalls im horizontalen Gewerbe tätig. Bedient Männer«, Schaller grinste. »Warten beide im BS 102.«
Das BS 102 war der sogenannte Besucherraum im ersten Stock. Die Einrichtung und die graugrüne Farbe an den Wänden schüchterte jeden ein, der sich länger als fünf Minuten darin aufhielt.
»Hol die Zeugen, Schaller. Fangen wir mit der Frau an. Wie heißt sie doch gleich?« Pötzsch warf einen Blick in die Akte. »Ach so, ja. Anna Naschewko.«
Als Anna Naschewko ins Zimmer stöckelte, verschlug es dem Kommissar fast den Atem, nicht nur wegen der überaus intensiven Parfümwolke, die sie umgab. Vor ihm stand eine ausgesprochen schöne Frau mit slawischen Gesichtszügen und langen braunen Haaren. Die wohlgeformten schlanken Beine steckten in schwarzen Stiefeln mit schwindelerregend hohen Absätzen. Wäre sie nicht so stark geschminkt gewesen, hätte sie sogar noch besser ausgesehen. Der intensive Duft ihres Parfüms erfüllte sofort den ganzen Raum. Pötzsch widerstand dem starken Drang, ein Fenster zu öffnen, bot der Frau einen Platz an und setzte, so wie er glaubte, ein gewinnendes Lächeln auf.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Frau Naschewko. Sie sind in der Ukraine geboren, wie ich hier sehe?«
»Da, chabe aberr Aufenthaltsgenähmigung. Alles ganz lägal. Mein Job, Sie wissen schon, nur vorrübergähend, dann Studium.«
» Aha. Was wollen Sie denn studieren?«
»Bätrriebswirrtschaft.«
Den nötigen Geschäftssinn hat sie ja bereits bewiesen, dachte Pötzsch und blickte sie nachdenklich an. Ihre großen dunklen Augen waren schön und sanft.
»Wie lange arbeiten Sie schon in dieser ›Wohngemeinschaft‹?«
»Knapp ein Jahrr. Habe mich gut mit es verrstanden, mit Chantal. Armes Kind. Dass so enden muss.«
»Können Sie mir etwas über Chantal erzählen? Zum Beispiel über ihre Freier, ihren Zuhälter, oder sonst etwas, was irgendwie von Bedeutung sein könnte?«
»Chantal und ich, wirr haben keinen Zuhälter. Maik, derr Gute, passt auf uns auf. Ist immer da, wenn wirr haben Kunden. Wirr schreien, wenn Gefahr. Dann kommt Maik. Wenn selber hat Kunden, dann sind wirr da und hören, ob alles ist in Ordnung. Wenn nicht, dann wir rrufen Frreund unter uns. Ganz leicht. Sie sähen, alles gut organisiert!«
»Aber trotzdem ist Chantal jetzt tot!«
»Ja, stimmt, schrräcklich.«
»Hatte Chantal Stammfreier?«
Anna warf den Kopf in den Nacken, lachte lauthals und ließ ein tadelloses Gebiss aufblitzen. »Ja, natürrlich, was dänken Sie denn, Herr Kommissar?«
»Ich denke gar nichts, ich befrage Sie!«
»Also, sie hatte Stammfreier. Sie hatte besonderen Service, därr viele Männer interessiert hat. So was bieten nicht viele.«
Zufrieden verschränkte sie die Arme vor ihrer Brust. Pötzsch’ Blick folgte der Bewegung ihrer Arme und blieb unwillkürlich auf ihrem vollen Busen hängen. Jetzt musste er nach dieser besonderen Dienstleistung fragen, das war ihm klar. Also fragte er, obwohl er sich sicher war, dass sie ihm nichts Gutes erzählen würde.
»Sie hat sich Dinge rreinstäcken lassen von ihren Kunden. Sährr große Dinge. Hat Herren viel Spaß gemacht.«
»Große Dinge?« blitzartig erinnerte er sich an das Muster des Gegenstandes in Chantals Unterleib.
»Da, sährr grroß. Eier. Bunte Holzeier. Osterreier, hübsch bemalt.«
»Bunte Holzeier«, wiederholte Pötzsch um Fassung bemüht. »Das haben ihr ihre Kunden eingeführt? Bestimmte Stammkunden, nehme ich an?«
»Weiß nicht, ob nur Stammkunden alles. Sie hat auch Werbung gemacht, im Internet.«
»Im Internet?« Pötzsch kam sich plötzlich uralt vor.
»Da, kleine Filmchen und so.«
Das Telefon klingelte. Pötzsch war froh über diese Unterbrechung, entschuldigte sich und hob den Hörer ab. Es war Doktor Hauser. Schweigend lauschte er den vorläufigen Untersuchungsergebnissen des Mediziners. Er bedankte sich und bat ihn noch um eine schnelle Zusendung des schriftlichen Berichtes, bevor er auflegte.
»Ihre Freundin ist an so einem Holzei gestorben, Frau Naschewko«, wandte er sich wieder an die Frau, die vor ihm saß. »Das Holzei, das der Untersuchungsarzt in ihrer Vagina gefunden hatte, wurde mit einer solchen Wucht in sie hineingerammt, dass das Gewebe an unzähligen Stellen zerrissen ist. Chantal ist innerhalb kürzester Zeit verblutet.«
Anna Naschewko starrte ihn an. Ihre Lippen verfärbten sich weiß und Tränen standen ihr in den Augen.
»Ist Ihnen an diesem Tag etwas Ungewöhnliches aufgefallen? Ein Kunde, der sich vielleicht nicht normal verhalten hat. Ungewohnte Geräusche in Chantals Zimmer. Irgendetwas?«
»Nein, nein«, Anna schluchzte jetzt. Die Tränen liefen wie Sturzbäche über ihre Wangen und hinterließen schwarze Spuren von Mascara. Jetzt fing sie an zu zittern.
»Möchten Sie ein Glas Wasser?« fragte Pötzsch.
Sie schüttelte den Kopf. Pötzsch gab Schaller durch ein Zeichen zu verstehen, dass die Vernehmung beendet war und dass er Frau Naschewko hinausbegleiten solle. In ihrer derzeitigen Gemütsverfassung würde sie ihm ohnehin nicht mehr sagen können. Er musste ihr Zeit lassen.
»Bitte halten Sie sich zu unserer Verfügung. Wir werden sicherlich noch Fragen haben. Vielen Dank, Frau Naschewko.«
Als sie aufstand, schwankte sie für eine Sekunde, aber Schaller stützte sie und verhinderte, dass sie von ihren hohen Absätzen kippte.
»Bring diesen Maik Zimmer rein und ruf Frau Naschewko ein Taxi!«
Maik war ein lebendes Muskelpaket in engem schwarzem T-Shirt, schwarzer Lederhose, mit Kopftuch und Ohrring. Die obligatorische Tätowierung auf dem muskulösen Oberarm stellte einen Drachen dar. Kryptische Zeichen zierten seinen trapezförmigen, stiernackigen Hals.
»Sie sind Maik Zimmer?«
»Das ist richtig.« Maik hatte eine Stimme wie Donnergrollen. Tief und rau. Erschreckte er damit nicht seine Kunden, fragte sich Pötzsch, kam aber zu dem Schluss, dass die Männer, die Maik besuchten, sich bewusst und gezielt diese fleischgewordene Brachialgewalt aussuchten.
»Hören Sie«, dröhnte Maik, »das ist alles sehr schrecklich und bedauerlich, was mit Chantal passiert ist. Anna hat mir alles erzählt. Aber ich habe nicht das Geringste damit zu tun. Ich habe auch nichts gesehen oder gehört.«
Maik schien nicht lange zu fackeln und war der Meinung, dass er nun gehen könne, denn er erhob sich wieder von seinem Stuhl, der bedenklich unter seinem Gewicht geknarrt hatte.
»Was sind das für Männer, die Sie besuchen, Herr Zimmer?«
Maik hatte mit dieser Frage offensichtlich nicht gerechnet, denn er starrte Pötzsch verblüfft an.
»Wie, was für Männer, wie meinen Sie das? Was haben meine Kunden damit zu tun?«
Drohend richtete er sich auf.
»Ich nehme an, dass es sich um Männer handelt, die gerne ein bisschen härter rangenommen werden möchten? Jedenfalls keine, die wegen zarter Liebesspiele zu Ihnen kommen.«
»Wenn Sie’s genau wissen wollen, nein. Meine Kunden sind zufrieden, sonst würden sie nicht immer wieder kommen, klar?«
Das war Pötzsch durchaus klar. Dieser Maik war wahrscheinlich bereit, jedem eine aufs Maul zu hauen, der Zweifel an seiner Person im Allgemeinen und der Qualität seiner Arbeit im Besonderen äußerte.
»Frau Naschewko hat mir erzählt, dass Sie aufeinander achtgeben und sich gegenseitig beschützen, wenn einer einen Freier hat. Ist das richtig, dass Sie immer in der Nähe sind und zur Not schnell eingreifen können?«
Maik sah Pötzsch an, als wäre dieser mickrige Typ von Bulle nicht ganz bei Trost.
»Na klar, Mann, bei den ganzen Verrückten, die hier frei rumlaufen, muss doch immer einer aufpassen.«
»Setzen Sie sich wieder. Wir sind noch nicht fertig. Sind Sie Chantal schon mal zu Hilfe gekommen? Mussten Sie sie vor einem Freier beschützen?«
»Nein, nie.«
»Und Frau Naschewko?«
»Nein, auch nicht.« Maik setzte sich endlich und verschränkte die Arme, dick wie Oberschenkel, vor seiner gewaltigen Brust.
»Frau Naschewko hat mir über Ihren Freund ein Stockwerk tiefer berichtet. Übernimmt der auch eine Schutzfunktion?«
»Hans? Machen Sie Witze? Hans ist fünfzig Kilo leicht und macht sich bei jeder Kleinigkeit in die Hosen. Ich beschütze Hans. Er braucht mich. Wer ihm zu nahe kommt, der lernt mich kennen.« Davon war Pötzsch überzeugt.
»Ist Ihnen an dem Tag etwas aufgefallen? Ungewöhnliche Geräusche, ein Freier, der vielleicht die Wohnung sehr schnell verlassen hat?«
»Nein, nein, nichts. Das letzte Mal habe ich Chantal so gegen 14:30 Uhr gesehen. Wir haben zusammen in der Küche eine geraucht. Anna hatte ihren freien Tag, war shoppen oder so was. Dann ist Chantal wieder in ihr Zimmer gegangen, weil sie noch einen Kunden erwartete. Ich weiß aber nicht wann und schon gar nicht wen. War das alles?«
»Was haben Sie zu diesem Zeitpunkt gemacht?«
Maik schien genervt.
»Ich war unten bei Hans. Ich wollte eigentlich nur kurz mit ihm sprechen. Aber dann bin ich doch viel länger geblieben, wenn Sie verstehen. Ausgerechnet dann muss so ein blöder Wichser Chantal abschlachten. Wenn ich den zu fassen kriege! Dem reiß ich den Arsch bis zum Hals auf.«
Keine leere Drohung, wie Pötzsch vermutete.
»Ich möchte noch den Nachnamen von diesem Hans, dann können Sie vorläufig gehen. Halten Sie sich bitte zur Verfügung.«
Maik erhob sich schwerfällig und stapfte zur Tür. Seine Lederhose spannte sich über sein muskelbepacktes Gesäß. Bevor er das Zimmer verließ, wandte er sich noch einmal zu Pötzsch.
»Wenn Sie nach Feierabend mal was Aufregendes ausprobieren wollen – Sie wissen ja, wo ich wohne.« Grinsend legte er die Hand mit einer ordinären Geste auf seinen Schritt, klatschte sich mit der anderen auf seinen Lederhintern und schloss dann die Tür hinter sich.
Pötzsch saß noch immer wie vom Donner gerührt auf seinem Bürostuhl, als Schaller wieder ins Zimmer kam.
»Na, das war ja mal ein zartes Kerlchen. Hoffentlich haben Sie den nicht zu hart angefasst, Chef … Chef?«
»Maik Zimmer hat mich gerade zu einem aufregenden Date eingeladen. Soll ich’s mal ausprobieren, was meinst du. Oder willst du vielleicht …? «
»Was, wieso? Sie machen Witze, Chef. Der hat doch nicht …«
»Doch, hat er. Gott sei Dank hat er darauf verzichtet, mir neckisch zuzuzwinkern. Stattdessen hat er seine Hand an sein Arbeitsgerät gelegt und keinen Zweifel über den Ort der Durchführung gelassen. Sehr verführerisch, muss ich sagen.«
»Ich bin einigermaßen schockiert, Chef. Sollten Sie eine andere Seite haben, von der ich noch nichts wusste, dann …« Weiter kam er nicht, denn Pötzsch hatte bereits in die Schale mit den Bonbons neben seiner Tastatur gegriffen und Schaller eine Handvoll der Süßigkeiten ins Gesicht gepfeffert.
»Aua, Chef.«
Beide lachten laut auf.
KAPITEL 2
Kamikaze123
Kamikaze123 starrte auf den schwarzen Bildschirm seines Hochleistungscomputers. Noch war der Bildschirm schwarz, würde aber gleich das Login-Feld preisgeben.
Er griff sich zwischen die Beine und spürte die Erektion. Seine Erregung steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Mal schauen, was die geile Hure heute zu bieten hatte. Endlich erschien das Bild. Aber irgendwas war anders. Das Bett war nicht mehr an der gleichen Stelle wie vorher. Sonst stand es quer zur Kamera, so dass der Blickwinkel den ganzen Körper der Hure umfasste und das, was sie mit ihren Freiern trieb, deutlich bis ins kleinste Detail zu erkennen war. Jetzt befand sich das große Bett mit den vielen schwarzen Kissen um 45 Grad verschoben frontal zur Kamera. Er fragte sich gerade, was wohl der Grund für diese Aktion gewesen war, als er eine Bewegung wahrnahm. Die Nutte tauchte links im Bild auf, legte sich aufs Bett und rekelte sich lasziv. Gar nicht so schlecht diese Position! Jetzt hatte er die Illusion, sie würde direkt vor ihm liegen. Das war ja noch viel realer! Beinahe hatte er den Eindruck, als würde sie ihn für eine Sekunde anschauen, aber das war wohl nur Einbildung, denn schon hatte sie sich auf den Bauch gedreht und präsentierte ihm ihr nacktes Hinterteil. Jetzt kniete sie sich hin, so dass er ihren Arsch und die Möse sehen konnte – aufnahmebereit für alles, was kommen würde. Kamikaze123 öffnete seinen Reißverschluss, zog den knüppelharten Schwanz heraus und umschloss ihn fest mit der linken Hand. Nun öffnete sich die Tür und jemand kam herein. Obwohl die Kamera nur die Körpermitte erfasste, sah er, dass es sich um einen Mann handelte, der eine schwarze Tasche neben dem Bett abstellte. Der Kunde, dachte Kamikaze123 erregt, endlich gibt’s was zu sehen. Der Mann zog sich aus, trat nackt ans Bett, auf dem die Hure sich mit weit gespreizten Beinen bäuchlings wälzte. Den Rücken zur Kamera gewandt, bückte er sich und zog etwas Schwarzes aus seiner Tasche. Kamikaze123 konnte nicht erkennen, um was es sich handelte, sah aber Sekunden später, dass es eine Maske war, die der Unbekannte sich überstülpte. Für den Bruchteil einer Sekunde war das Profil des Mannes zu sehen, der erneut in die Tasche griff und etwas Großes, Längliches herauszog. Zunächst konnte Kamekaze123 den Gegenstand nicht identifizieren, doch schließlich stellte er fest, dass es ein riesiger Dildo war. Den größten, den er jemals gesehen hatte.
Der Maskierte kletterte aufs Bett, drehte die Frau auf den Rücken und steckte ihr den Plastikschwanz weit in den Mund. Ihre dunkelrot geschminkten Lippen schlossen sich um den riesigen Penis, den der Mann vor und zurück bewegte. Dann hielt er inne und holte einen weiteren Dildo aus der Tasche, nicht ganz so groß wie der erste. Die Hure lächelte wissend, als er ihr den Riesenpenis aus dem Mund zog. Sie fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Lippen und verschmierte mit einer obszönen Geste den Lippenstift auf ihrem großen Mund.
Jetzt geht’s los, dachte Kamikaze123 und bearbeitete seinen Schwanz stärker, hörte dann aber auf. Bloß nicht zu früh kommen, ermahnte er sich.
Die Frau drehte sich nun wieder auf den Bauch und präsentierte erneut ihren Hintern. Verdammt noch mal! Wo hockte sich dieser Idiot denn hin! Genau zwischen ihre Beine. Er konnte ja überhaupt nichts mehr sehen! Nur noch, wie sich die Ellenbogen dieses Typen vor und zurück bewegten. Verdammter Mist! Blödes Arschloch, konnte der sich nicht woanders hinsetzen! Enttäuscht wartete er noch einige Sekunden, in der Hoffnung, wieder mehr Details sehen zu können. Aber alles blieb so wie es war. Seine Erektion löste sich in nichts auf. So ein verdammter Mist, wo es so gut angefangen hatte. Wütend kappte er die Verbindung und startete schnell einen Pornofilm, den er sich gestern auf seinen Rechner gezogen hatte. Diese Alte hier war auch nicht schlecht, aber eben nicht so geil wie die Frau von eben. Live dabei zu sein war einfach überragend und verschaffte ihm den ganz großen Kick. Er hatte ’ne Menge Kohle dafür gezahlt, dass die Hure in die Einrichtung eines Videostreams einwilligte. Sie brauchte nur auf einen Knopf zu drücken, wenn sie einen Kunden mit den Vorlieben erwartete, auf die sie sich spezialisiert hatte. Dann blinkte bei ihm die Kontrollleuchte und er konnte das Geschehen hautnah miterleben. Aber nicht nur das, es wurde auch automatisch alles auf seiner Festplatte gespeichert. Er hatte sein ganzes Wissen eingesetzt, viel Zeit und auch Geld investiert. Aber Zeit hatte er ja genug, seit ihm sein Arbeitgeber gekündigt hatte. Er war als Systemadministrator in einer großen Computerfirma beschäftigt gewesen, die maßgeschneiderte Software für Handelsfirmen und Dienstleister entwickelte. Wegen mangelnder Auftragslage hatte man ihn ohne Umschweife rausgeworfen.
Kamikaze123 versuchte, sich auf den Film mit der farbigen Frau zu konzentrieren, aber sein Schwanz hing schlaff herunter, so sehr er sich auch bemühte, ihn zum Stehen zu bringen.
Schließlich zog er frustriert seinen Reißverschluss wieder hoch. Wann hatte dieser ganze Scheiß eigentlich angefangen? Wie lange hatte er keine Frau mehr gevögelt? Er konnte sich kaum noch erinnern, so lange war das her. Gelangweilt und genervt hatten ihn seine früheren Frauenbekanntschaften, eine wie die andere. Da waren die Frauen im Internet um Lichtjahre besser. Die waren nämlich alle naturgeil, im Gegensatz zu den Weibern, die man in der Kneipe oder bei anderen Gelegenheiten traf. Erst musste man stundenlang über irgendeinen Scheiß reden, sie zu einem Drink einladen und Interesse an dem ganzen Müll heucheln, den sie so von sich gaben, bevor man zur Sache kommen konnte. Lud ihn eine dann tatsächlich zu sich nach Hause ein oder ging mit ihm in seine Wohnung, war der Sex eher schlecht und unbefriedigend. Ja, zugegeben, ein paarmal hatte er sogar versagt. Nach jeder dieser lahmen Nummern hatte er anschließend seinen Rechner zu Hause hochgefahren und sich die Frauen angeschaut, die ihm wirklich gefielen. Mann, was für eine Riesenerektion er da jedes Mal bekam. So einen harten Schwanz müssten die Schlampen aus den Kneipen mal sehen, da würde ihnen Hören und Sehen vergehen. Und wie er danach abschoss, unglaublich!
Nach einer Reihe dieser frustrierenden Erlebnisse hatte er schließlich beschlossen, keine Frauen mehr aufzureißen. Wenn sich etwas ergab, würde er sie mitnehmen und ihnen ordentlich was verpassen, aber anstrengen wollte er sich nicht mehr. Diese Weiber brachten es einfach nicht.
Seine Gedanken kehrten zu der missglückten Aufnahme von eben zurück. Er musste unbedingt zu Chantal in die Wohnung und die Position der Kamera korrigieren.
KAPITEL 3
Es war Zeit fürs Mittagessen. Pötzsch’ Magen knurrte und Schaller schien sich auch nicht mehr richtig auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Ersterer zog den Zettel mit dem Speiseplan der Kantine für diese Woche aus der Schublade und verdrehte die Augen – nein, nicht schon wieder!
›Tote Oma‹! Ekelhaft. Graubraune Fleischpampe, auf der Fettaugen schwammen, dazu Salzkartoffeln die meistens noch halb roh, oder, was fast noch schlimmer war, zu einem labbrigen, geschmacklosen Brei zerkocht waren.
»Dein Leibgericht steht heute auf dem Plan, Schaller. Kannst dich freuen«, brummte Pötzsch.
Das tat Schaller auch wirklich. Er rieb sich freudig die Hände in Erwartung dieses kulinarischen Highlights, grinste und sagte übertrieben:
»Lecker, lecker, Chef. Sie sollten sich endlich überwinden und auch mal probieren.«
»Wieso probieren? Meine Schwiegermutter hatte doch seinerzeit endlich einen Weg gefunden, mich zu ärgern. Fast jedes Mal, wenn wir zum Essen bei ihr eingeladen waren, hat sie ›Tote Oma‹ auf den Tisch gebracht. Das nenne ich passive Aggression. Aber Henriette mochte es eben gern. War ein kulinarisches Relikt aus ihrer Kindheit.« Er schüttelte sich.
»Was wollen Sie stattdessen haben?« Fragend legte Schaller die Stirn in Falten.
»Die haben doch immer die Quarkkeulchen als Alternative, dann nehme ich eben die. Geh schon mal vor und sicher uns einen Tisch.«
Was nichts anderes bedeutete, als dass Schaller nicht nur einen Tisch belegen, sondern auch das Essen für Pötzsch holen musste. Der hatte nämlich keine Lust, in der langen Schlange anzustehen und mit Kollegen Smalltalk zu machen. Damit hatte Schaller kein Problem. Im Gegenteil, er tat es sogar ganz gern. Irgendwie war ihm dieser ausgefuchste Knusperkopf, der sein Chef nun einmal war, ans Herz gewachsen, beinahe wie ein Vater, den Schaller nie gehabt hatte. Pötzsch hatte ihm mit Rat und Tat zur Seite gestanden, als er mit Trixi Haubner, seiner Kollegin und großen Liebe, nicht so recht vorangekommen war, hatte ihm gehörig den Kopf gewaschen und ihn über einige grundlegende Dinge in Bezug auf Frauen im Allgemeinen und Trixi Haubner im Besonderen aufgeklärt. Sein Chef hatte ihm schonungslos die Augen geöffnet, wie indiskutabel sein Verhalten gegenüber Trixi gewesen war. Während er nun die Treppen zur Kantine runterging, dachte er an sie, für ihn die schönste Frau der Welt, mit einem elektrisierenden Körper, pfirsichfarbener Haut und rotbraunem Haar. Sie war seine Goldfrau, mit den …
»Na, junger Mann. Träumen Sie noch ein bisschen, oder wollnse was zu futtern?«
Die dicke Köchin mit dem wogenden Busen und der Plastikhaube auf dem Kopf erinnerte ihn immer an eine unerschrockene Ärztin aus Osteuropa. Die Arme in die ausladenden Hüften gestemmt, sah sie ihn belustigt an.
»Äh, ach so, ja. Einmal ›Tote Oma‹ und …«
»Iss aus!«
»Wie bitte?«
»TOTE OMA IST AUS, junger Mann!«, sagte die resolute Köchin so laut und deutlich, als ob Schaller schwachsinnig oder schwerhörig wäre.
»Na dann, zweimal Quarkkeulchen, bitte. Mit viel Apfelmus.«
»Och Zucker und Zimt?« Gleichmütig hatte die dicke Frau das Apfelmus neben die Quarkkeulchen geklatscht.
»Ja, wir sind doch ganz süße Jungs, wissen Sie doch«, antwortete Schaller grinsend.
»Nee, weeßschni!«, kam die lapidare Antwort in sächsischer Kurzform. »Nächster!« kommandierte das Flintenweib.
Schaller hatte Glück und sah hinten am Fenster einen freien Tisch, wo er ganz ungestört mit seinem Vorgesetzten reden konnte. Denn das wollte er. Reden über Trixi, über die Hochzeit, für die die Kollegen bereits gesammelt hatten, und die unmittelbar bevor stand. Beinahe konnte Schaller noch gar nicht fassen, dass es ihm endlich gelungen war, sie für sich zu gewinnen. Aber schon gab es neue Probleme. Trixi wollte partout nicht ihre gemütliche Wohnung in der alten Jugendstilvilla aufgeben. Lange hatte sie nach so einer Wohnung gesucht und viel Geld in die Renovierung und Möblierung investiert. Vielleicht hatte Pötzsch ja eine Idee, wie er Trixi von einem Auszug und der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Wohnung überzeugen könnte. Denn für zwei Personen war ihre Wohnung definitiv zu klein. Und dann waren ja auch noch die Kinder, die er sich so sehnlichst wünschte. Die bräuchten doch Platz zum Spielen! Am besten wäre ein eigenes Häuschen mit Garten, überlegte er wie schon öfter, während er Teller, Besteck und Servietten sorgfältig auf den Tisch legte. Dann setzte er sich und wartete ungeduldig. Warum dauerte das so lange? Wo blieb denn bloß sein Chef? Zum wiederholten Male drehte er sich um, schaute ungeduldig zum Eingang. Endlich kam er. Wurde auch Zeit. Die Quarkkeulchen waren bestimmt schon kalt.
Schon von weitem konnte er seinem Vorgesetzten die schlechte Laune ansehen. Als der an den Tisch kam und sich schweigend setzte, bemerkte Schaller, dass Erwin Pötzsch seine allseits gefürchtete versteinerte Miene aufgesetzt hatte. Dann war für alle Mitarbeiter im Präsidium höchste Vorsicht geboten. Zwar verlor er nie die Beherrschung und war noch nie laut geworden, aber in diesem Zustand verbreitete er eine Stimmung, die sich wie Grabeskälte anfühlte und neigte zu sarkastischen, verletzenden Äußerungen, vor denen sich Kollegen und Mitarbeiter fürchteten.
Wortlos begann Pötzsch zu essen. Schaller wagte nicht, ihn anzusprechen. Das ersehnte Gespräch über Trixi konnte er also vergessen. Unbehagliches Schweigen, aber schließlich bekam Pötzsch doch noch die Zähne auseinander, ohne vom Teller aufzusehen.
»Unser ›Ralfilein‹, du erinnerst dich, der den Zettel an den Geldschein geheftet hat, wurde ausfindig gemacht. Die Kollegen haben natürlich sofort Chantals Anrufliste im Handy gecheckt und dort den Namen ›Ralfi‹ gefunden. Die Nummer wurde zurückverfolgt. Es handelt sich um Ralf Lisitzki, Chef der MastTech AG. Das ist der, der die Mastanlagen baut und in die ganze Welt exportiert. Ist jetzt besonders aktiv auf dem japanischen Markt.«
»Schweinemastanlagen für Japan? Ich denke die Japaner essen nur Fisch, vorzugsweise roh, und Algen?«, fragte Schaller ahnungslos.
»Tja, Schaller, die Zeiten ändern sich. Die Frauen lassen sich die Lidfalte operieren und Schweinefleisch nebst Kaffee erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.« Pötzsch schnitt ein Stück vom Quarkkeulchen ab und schaufelte Apfelmus darüber. »Also dieser Lisitzki«, fuhr er kauend fort, »ist quasi unantastbar. Von Medendorf hat schon hyperventiliert. Von wegen ›viele Arbeitsplätze in der Region geschaffen‹. Gute Beziehungen zu Politik und Wirtschaft. Möglicherweise war er sogar gestern, als sie ermordet wurde, bei ihr.«
»Woher wissen Sie das? Gibt es Zeugen?«
»Nein, bis jetzt noch nicht. Aber sie hätte die 500 Euro bereits ausgegeben oder zumindest nicht so offen rumliegen lassen, wenn sie schon länger in ihrem Besitz gewesen wären. Außerdem war dieser handgeschriebene Zettel ja noch angeheftet.«
»Hm«, machte Schaller. Er war nicht ganz überzeugt.
»Wie gesagt, von Medendorf hat schon mehrere Anfälle gekriegt und mich bekniet, bloß vorsichtig und diskret vorzugehen. Gerade hat er mich angerufen und mir die Brisanz dieses Falles noch mal deutlich vor Augen geführt. Außerdem, so ließ er dezent durchblicken, war Lisitzki vielleicht nicht der einzige respektable Herr, der zu Michelle Schlottwitz’ Kundenkreis zählte. Vielleicht hat der die Adresse weitergegeben? Dann hätten wir die jetzt die halbe Dresdner Geld- und Politikprominenz auf der Liste.«
»Fahren wir hin oder kommt er?«
»Wir fahren. Er ist zu Hause. Wir werden bereits erwartet. Er hat uns gebeten, ihn nicht in seiner Firma in Radeberg aufzusuchen. Dem Wunsch kommen wir doch gerne nach, was?« Pötzsch grinste.
Sie aßen zu Ende und fuhren anschließend zur Privatadresse des Firmenchefs, einer prächtigen, von hohen Bäumen umgebenen Jugendstilvilla in Blasewitz. Schaller klingelte und das schmiedeeiserne Gitter zwischen den Sandsteinpfeilern öffnete sich mit einem kurzen Summen. Sie stiegen die Stufen zur Eingangstür hoch, die sich öffnete, bevor sie oben angekommen waren. Eine Haushälterin um die 50 in schwarzem Rock und Pullover bat sie herein und führte sie in ein modern eingerichtetes Büro.
Mit den Worten ›Nehmen Sie doch bitte Platz, Herr Lisitzki wird gleich bei Ihnen sein‹ entfernte sie sich und schloss die Flügeltür bis auf einen schmalen Spalt. Das gab Pötzsch und seinem Assistenten die Gelegenheit, sich umzusehen. Alle typischen Insignien des Erfolges und der Macht waren in diesem Zimmer vereint. Ein großes Ölgemälde eines renommierten Dresdner Künstlers hing über einem schwarzen Ledersofa mit glänzendem Chromgestell. Schräg im Raum stand ein riesiger, dominant wirkender Schreibtisch aus edlem poliertem Nussbaumholz. Weder Arbeitspapiere noch Aktenordner oder Briefe lagen auf der dunkelgrünen Schreibunterlage aus Leder. Dieses Möbelstück diente einzig und allein Repräsentationszwecken. Der Perserteppich unter dem Glastisch vor dem schwarzen Ledersofa an der Wand war natürlich alt und teuer. Vor einem der bodentiefen Sprossenfenster, das den Blick auf den parkähnlichen Garten freigab, stand eine Marmorsäule, auf der ein Kopf thronte. Gerade wollte sich Pötzsch den Kopf aus der Nähe ansehen, um zu erforschen, ob es sich womöglich um das steinerne Haupt des Hausherrn handelte, da öffnete sich die Tür wieder. Ralf Lisitzki selbst war nicht so beeindruckend wie die Einrichtung seines Büros. Er war ein kleiner rundlicher Mann mit Halbglatze, der in einem Anzug steckte, der aussah, als hätte er ihn von seinem großen Bruder geerbt. Sowohl Ärmel als auch Hosenbeine waren viel zu lang. Vielleicht gab er sich der Hoffnung hin, dadurch größer und imposanter zu wirken, vermutete Pötzsch, doch das Gegenteil war der Fall. Darüberhinaus wies der kleine dicke Mann keine weiteren Besonderheiten auf.
»Meine Herren, nehmen Sie doch bitte Platz.« Er wies mit der kleinen dicken Hand auf die Sitzgruppe unter dem gewaltigen Ölgemälde. Er selbst setzte sich in einen Sessel gegenüber.
»Wie kann ich Ihnen helfen?« Sein Ton war geschäftsmäßig und souverän.
Pötzsch legte den 500-Euro-Schein mit der handgeschriebenen Notiz auf die spiegelnde Glasplatte zwischen ihnen. Der Inhaber von MastTech wurde blass.
»Stammt der von Ihnen, Herr Lisitzki?« Pötzsch’ Stimme war ebenso emotionslos wie die des Firmenchefs.
»Ja, nein, vielleicht …ich weiß nicht.« Dann riss er sich zusammen und fragte: »Wo haben Sie den gefunden?«
»In der Wohnung von Chantal, alias Michelle Schlottwitz. Sie ist tot. Seit gestern. Sie wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Ist das nun Ihr Schein oder nicht?«
»Nein«, antwortete Lisitzki mit versteinerter Miene.
»Herr Lisitzki, Ihre Handynummer wurde in Chantals Telefon gefunden und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit befinden sich auch Fingerabdrücke auf dem Stück Papier. Es ist daher sinnlos, zu leugnen. Also, wann waren Sie das letzte Mal bei ihr, Herr Lisitzki?«
Die Antwort ließ auf sich warten. Wortlos stand er auf, ging an seinen Schreibtisch und holte aus der untersten Schublade eine Flasche Cognac. Er schenkte sich ein Glas ein, ohne Pötzsch und Schaller etwas anzubieten, stürzte die goldbraune Flüssigkeit in einem Zug hinunter und goss sofort nach.
»Gestern Nachmittag. So gegen halb drei oder drei. Ich weiß es nicht mehr ganz genau. Ich hatte etwas zu viel getrunken.«
Er setzte sich wieder und fuhr fahrig mit der Hand übers Gesicht, bevor er fortfuhr:
»Ich habe mit Chantals Tod nichts zu tun. Ich hab’ sie gemocht, obwohl sie eine Hure war.« Und nach einer kurzen Pause. »Wie war ihr richtiger Name?«
»Michelle Schlottwitz«, antwortete Schaller.
»Michelle Schlottwitz«, murmelte Ralf Lisitzki, »Sie war noch ziemlich jung, sie hatte doch noch …, sie wollte doch …« Er führte seinen Gedankengang nicht weiter aus und schüttete den Cognac in sich hinein. Zusammengesunken starrte er auf den Fußboden. Dann hob er den Blick wieder und fragte:
»Was ist denn überhaupt passiert? Was heißt Gewaltverbrechen?«
Schaller und Pötzsch wechselten einen Blick, woraufhin Schaller erklärte:
»Der vorläufige Untersuchungsbericht geht davon aus, dass sie an ihren inneren Verletzungen gestorben ist. Verblutet.«
»Mein Gott, wie schrecklich!«
»Gehe ich richtig in der Annahme, dass Sie ein Stammkunde von Chantal waren?« entgegnete Schaller, bewusst Lisitzkis Ausruf ignorierend.
»Ja, vielleicht, wenn Sie es so nennen möchten, aber …«, stockte der Firmenchef der MastTech AG peinlich berührt, »das ist ja wohl kein Verbrechen, oder?«
»Wie wir erfahren haben, bot Chantal einen gewissen, hm, extravaganten Service an. War das der Grund für Ihre Besuche?«
»Ich wusste davon. Aber das hat mich nicht interessiert. Ich wollte nur ganz normalen Sex. Sehen Sie, meine Frau ist krank und …«
Die übliche Leier, dachte Pötzsch und unterbrach ihn.
»Herr Lisitzki, Sie sind uns keine Erklärung schuldig, weshalb und wie oft Sie zu Prostituierten gehen. Uns interessiert lediglich, wer Chantal umgebracht hat. Wie sind Sie gestern zu ihrer Wohnung in Pieschen gelangt?«
»Mit der Bahn, mit der Straßenbahn.«
»Haben Sie den Fahrschein noch?«
»Nein, natürlich nicht. Wo denken Sie hin. Habe ich gleich weggeworfen.«
»Sind Sie auch auf dem Rückweg mit der Bahn gefahren?«
»Ja, bin ich.«
»Wann war das?«
»Ich hab Ihnen doch bereits gesagt, dass ich zu viel getrunken hatte an dem Tag. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich nach Hause gekommen bin. Vielleicht so zwischen halb sechs und sieben.«
»Haben Sie das Ticket vorne beim Fahrer gekauft? Der kann sich vielleicht an Sie erinnern. Sie sind ja nicht ganz unbekannt in der Öffentlichkeit«, jetzt schaltete sich Pötzsch ein.
»Nein, das halte ich für unmöglich«, sagte Lisitzki mit fester Stimme, stützte sich auf die Lehnen des Sessels und hievte sich hoch. Erneut holte er die Flasche mit dem Cognac aus der Schublade und nahm sie mit an den Tisch. Auch diesmal bot er den beiden Herren nichts an und goss sich randvoll ein. Schwer ließ er sich wieder in den Ledersessel fallen und kippte den Cognac runter.
»Wenn ich zu Chantal gehe, treffe ich vorher ein paar Sicherheitsvorkehrungen. Ich bin gewiss nicht total beschränkt und gehe bei helllichtem Tag zu einer Prostituierten. Da kann ich ja gleich die Presse anrufen.«
»Aber Sie haben doch vorhin gesagt …«
Lisitzki unterbrach Pötzsch:
»Ich zieh mir andere Sachen an. Klamotten, in denen mich keiner erkennt, verstehen Sie? Eine alte Jacke und Jeans. Ich trage sonst nur Mantel und Anzug. Zur Sicherheit setze ich mir auch noch eine Perücke auf. Keiner kann mich identifizieren, verlassen Sie sich drauf. Nicht mal ich, wenn ich mich irgendwo im Schaufenster sehe.«
»Wo ziehen Sie sich denn um?«
»Unten im Souterrain. Dort habe ich einen Wandtresor, in dem ich die Sachen verstaue.«
»Sie haben doch bestimmt Angestellte. Hat niemand diese Maskerade bemerkt?« Pötzsch dachte an die Haushälterin, die ihnen die Tür geöffnet hatte.
»Nein. Dreimal die Woche kommt eine Haushälterin, die auch die Einkäufe erledigt. Das ist für meine Frau zu anstrengend. Sie muss sich schonen. Depressionen, seit unser Sohn in Japan einen tödlichen Autounfall hatte. Er hatte mich auf einer Geschäftsreise dahin begleitet. Er sollte später einmal …«, seine Stimme erstarb. Wieder füllte er sein Glas, trank aber nicht, sondern hielt es nur in der Hand. Es sah aus, als würde er sich daran festhalten.
»Wenn ich zu Chantal gehe, ist niemand von den Angestellten da. Auch nicht der Gärtner. Der kommt immer erst am Samstag.«
»Es hat Sie also nie jemand gesehen, wenn Sie in ihrer Verkleidung das Haus verlassen haben?« wollte Schaller wissen.
»Nein, ich glaube nicht. Das heißt, ich bin mir ziemlich sicher. Ich verlasse das Grundstück durch eine kleine Gartenpforte, die direkt auf den Waldpark hinausführt. Spaziergänger kann ich schon von weitem erkennen. Dann warte ich eben noch ein bisschen. Und ich nehme immer die Straßenbahn.«
»Hat die Tote mit Ihnen über private Dinge gesprochen? Hatte sie Angst vor jemandem?« fuhr Schaller in seiner Vernehmung fort.
»Sie hat mal ganz nebenbei erwähnt, dass sie aussteigen wollte und sich mit jemandem zusammentun würde, um, wie es so schön heißt, noch einmal von vorn zu beginnen. Aber was genau oder mit wem, hat sie mir nicht gesagt. Nur, dass sie das Ganze ziemlich satt hatte.«
»Da stellt sich natürlich die Frage«, meinte Schaller scheinbar nachdenklich, »woher sie das Geld dafür nehmen wollte.«
Der kleine dicke Mann sah ihn lauernd an.
»Denkbar wäre eine nette kleine Erpressung, Herr Lisitzki. Nach dem Motto ›Firmeninhaber der MastTech AG, Ralf Lisitzki, besucht regelmäßig eine Prostituierte, während seine arme Frau krank im Bett liegt‹. So in etwa hätte die Schlagzeile lauten können, wenn sie entsprechende Informationen an die Presse weitergegeben hätte.«
Aus Lisitzkis Gesicht wich sämtliche Farbe.
»Was genau wollen Sie damit sagen?« seine Stimme hatte einen eisigen Unterton bekommen.
»Vielleicht hat sie Ihnen ja gerade bei Ihrem letzten Besuch eröffnet, dass nun endgültig Schluss sei und sie ein neues Leben anfangen wolle. Fehlte bloß noch das nötige Kleingeld. Das wollte sie von Ihnen haben. Sie haben sich Ihre Wut nicht anmerken lassen, haben wie üblich Sex mit ihr gehabt und dabei das Holzei in sie hineingerammt. Immer und immer wieder. Ist es nicht so?« Schaller fixierte ihn, ohne mit der Wimper zu zucken.
