Erzählungen & Kurzgeschichten - Leonhard Frank - E-Book

Erzählungen & Kurzgeschichten E-Book

Leonhard Frank

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Beschreibung

Leonhard Franks späte Erzählungen und Kurzgeschichten, geschrieben nach dem Zweiten Weltkrieg, handeln von den Folgen faschistischer Ideologie und Herrschaft. Sie zeigen Frank als politisch engagierten Schriftsteller, der trotz aller erlebten Barbarei dem Guten im Menschen vertraut.

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Über Leonhard Frank

Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, »Die Räuberbande«, für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel »Der Mensch ist gut« erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman »Links wo das Herz ist«. Leonhard Frank, »ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit« (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.

Informationen zum Buch

Leonhard Franks späte Erzählungen und Kurzgeschichten, geschrieben nach dem Zweiten Weltkrieg, handeln von den Folgen faschistischer Ideologie und Herrschaft. Sie zeigen Frank als politisch engagierten Schriftsteller, der trotz aller erlebten Barbarei dem Guten im Menschen vertraut.

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Leonhard Frank

Erzählungen & Kurzgeschichten

Deutsche Novelle / Michaels Rückkehr / Kurzgeschichten

Inhaltsübersicht

Über Leonhard Frank

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Deutsche Novelle

Kurzgeschichten

New Yorker Liebesgeschichte

Der Heiratsvermittler

Der Blockwart

Das Porträt

Der Schreiner

Berliner Liebesgeschichte 1946

Michaels Rückkehr

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

Impressum

Deutsche Novelle

Zuerst 1954 veröffentlicht

Josephas Porträt, das 1944 in einer New Yorker Galerie ausgestellt war, wurde durch den Abdruck in mehreren illustrierten Zeitschriften, die in vielen Millionen Exemplaren erschienen, in ganz Amerika bekannt.

Im Hintergrund des Bildes, wo durch die Spalten des noch geschlossenen Rolladens schon das kalte Morgenlicht hereinbrach, feindlich gegen das Licht der roten Nachttischlampe, lag ein nackter toter Mann, kaum andeutungsweise hingestrichen in so starker Verkürzung, daß nur ein Gesicht und abschreckend häßliche schwarzbehaarte Beine zu erkennen waren. Diese dunklen Farbflecken dienten mehr als Gegensatz für das von der Nachttischlampe hell beleuchtete etwas überlebensgroße Bildnis einer blonden Frau, deren nackter Oberkörper an der Rückwand des Bettes lehnte. Der Kopf war nach dem Schuß in die Brust schulterwärts gesunken.

Das Bedeutsame und Erschütternde war der Gesichtsausdruck der Toten, dessentwegen Michael das Werk geschaffen hatte. Die Selbstmörderin, die da schief und haltlos im Bett saß, eine Sekunde nach dem Schuß ins Herz, schien noch zu denken: Der Triumph über die seelische Verwüstung, die ich durch ihn erlitt, ist mit dem Tod nicht zu teuer bezahlt.

Das Werk, das im Ausstellungskatalog unter dem unverständlichen Titel »Ich hätte sie geliebt« verzeichnet war, hatte eine Geschichte. Michael Vierkant, ein zweiundsechzigjähriger Emigrant deutscher Herkunft, der in New York wohnte, hatte als Zweiundzwanzigjähriger die Tragödie Josephas miterlebt und ihr Bildnis nach vierzig Jahren aus der Erinnerung gemalt.

Im Jahre 1904 wanderte Michael, damals noch ein Schlossergeselle, von seiner Heimatstadt Würzburg nach Rothenburg ob der Tauber, in der Absicht, den Sommer über bei einem Zimmermaler zu arbeiten und so viel zu ersparen, daß er im Winter an der Münchener Kunstakademie studieren könne. Er hatte drei Mark und den Glauben an sich, der durch nichts begründet war.

Die Idee, das nötige Geld für seine Künstlerlaufbahn bei einem Dekorationsmaler zu verdienen, war der Sehnsucht entsprungen, endlich mit Farben und Pinsel hantieren zu können, und seien es auch nur die riesigen Bürstenpinsel, mit denen Zimmerwände gestrichen werden. Es waren Pinsel.

Ermüdet von der Wanderung saß er an einem schönen Frühlingstage im tiefen Taubertal, wo fern und nah die Birn- und Apfelbäume schon in blendendweißer Blüte standen, und blickte empor zum Städtchen, das auf dem Bergrücken liegt. Die Silhouette der zwischenraumlos nebeneinanderstehenden Giebelhäuschen, von Türmen überragt, gleicht der Silhouette einer Raubritterburg aus dem Mittelalter.

Die Häuser sind unter Denkmalschutz, sie dürfen nicht durch moderne ersetzt und auch nicht verändert werden. Daraus ergab sich zugleich der Vorteil, daß romantische Engländerinnen das alte Städtchen besuchten und Geld zurückließen, von dem ein Teil der Rothenburger Handwerksmeister lebte.

Michael, der seine düstere Armutsjugend in Würzburg verbracht hatte, der Stadt der dreißig Kirchen und des edlen und mächtigen Barock, nahm sich keine Zeit, die wuchtigen mittelalterlichen Bauten zu bewundern, als er durch die verwinkelten Gassen ging und den Zimmermaler suchte, der ihm den Anfang einer zweifellos grandiosen Künstlerlaufbahn ermöglichen sollte.

Den folgenden Morgen begann er zu arbeiten. Er verstand nicht das geringste von seinem neuen Beruf. Der zweiundzwanzigjährige Lehrling bekam wöchentlich drei Mark, von denen er Wohnung, Nahrung und Kleidung zu bestreiten hatte und noch möglichst viel erübrigen wollte für seinen Winteraufenthalt als Kunststudent in München.

Josepha von Uffendorf, die im Städtchen nur »Die Baroneß« genannt wurde, war zu jener Zeit zweiunddreißig Jahre alt. Sie wohnte in einem kleinen Louis-Seize-Palais, das die glatte Linie der Hauptstraße unterbricht, da es einige Meter weiter hinten steht. Hinter dem handgeschmiedeten hohen Gitter waren zwei Grasflächen, scharf geschnitten wie Tischplatten und auch nicht größer, und dazwischen die geschwungene Doppeltreppe und das hundert Jahr alte geschnitzte Tor aus Eichenholz.

Josephas Eltern waren tot. Der frühere Kammerdiener ihres Vaters und die siebzigjährige Köchin, die vollständig taub war, wohnten im Anbau, der das Grundstück hinten abschloß. Dazwischen lag der Garten, der durch die streng ornamentale Linienführung der Wege und die Proportion der ausgesparten Rasenplatten, die mit nur handhohen Buchsbaumstreifen gesäumt waren, seine besondere Ruhe gewann.

Der schmuck- und blumenlose Louis-Seize-Garten war in seiner Einfachheit kompositionell ein vollendetes Werk, ein Bild, das ein Künstler vor einhundertzwanzig Jahren flach hingelegt hatte. Still wie alles Vollkommene, schien er in Gemeinschaft mit den Möbeln aus der Zeit die Stille der Zimmer zu bestimmen.

Die Familie Uffendorf war im neunzehnten Jahrhundert verarmt. Von den Söhnen des oberfränkischen Adels war keiner bereit gewesen, die Verarmung zu übersehen um Josephas milder Schönheit willen.

Sie hatte keinen Verkehr. Sie saß die langen Nachmittage am Fenster und malte mit Wasserfarben auf steife Bögen Blumen und Stilleben, sorgfältig und geschickt, und las die alten Romane. Sie war schon ein wenig zu dick und trotz der makellosen blonden Haut im Gesicht schon ein wenig verblüht. Nach dem Tode der Eltern waren in den Augenwinkeln der völlig Vereinsamten die ersten winzigen Fältchen entstanden. Die Trauer ihres Blickes war für immer in die Augen hineingebannt. Sie kannte das Frauenleben nicht, für das sie geschaffen war, und mußte die Tage und Jahre vergehen lassen in dem Bewußtsein, daß sie sterben werde, ohne es gekannt zu haben. Wenn ihr beim Malen eine Haarsträhne ins Gesicht fiel, konnte es geschehen, daß die blonde Strähne spätabends, während sie unruhig durch die Räume ging, immer noch ins Gesicht hing. Es war wieder ein Tag vergangen, und eine lange Nacht stand bevor.

Josepha hatte taubengraue Augen, die eine Spur zu nahe der Nase standen, und der Mund, weich und flach, war für das schmale Oval etwas zu groß.

Als Michael das erstemal den buntverschmierten Malerkarren, der mit Farbkübeln und Leitern beladen war, durch die Hauptstraße schob, auf dem Weg zu Herrn Trompeter Wohlleben, dessen Schlafzimmer frisch gestrichen werden sollte, mußte er ausweichen, damit Josepha vorbeireiten konnte. Der Kammerdiener folgte im Abstand von drei Metern, den er genau einhielt. Michael blieb stehen. Er blickte ihr nach, unverwandt, bis sie um die Ecke bog.

Josepha ritt im Damensattel. In dem langschößigen, knapp sitzenden Reitkostüm sah sie schlank aus. Der geschweifte sehr niedrige Zylinder saß zirkelgenau in der Mitte, gestützt von dem kompakt und dick geflochtenen riesigen blonden Knoten, der von Ohr zu Ohr und bis zu den Schulterblättern hinunter reichte.

Sie ritten durch das Stadttor und eine ungepflasterte schmale Gasse abwärts zum Taubertal. Die Gasse war steil. Das alte Tier ging vorsichtig und sehr langsam. Die wogenden Bewegungen des breiten Rückens setzten sich unvermindert fort in Josephas schmiegsam weichem Körper.

Der Diener verringerte plötzlich den Abstand, bis der Kopf seines Tieres den Schweif des Führpferdes berührte. Er starrte auf Josephas Becken, dessen ausladende weiche Bewegungen noch plastischer wurden durch die balancierenden Gegenbewegungen aus der Taille heraus.

Der hagere, schwarzhaarige Mann von gelblicher Hautfarbe, der als Fünfundzwanzigjähriger in München eine Dienerschule besucht und sich hinterher sofort um den Dienst bei Josephas Vater beworben hatte, war seit dreizehn Jahren im Haus. Er hatte einen langen Schädel mit stark vorgewölbter, hoher Stirn, und von den Nasenflügeln herunter zum sehr kleinen, lippenlosen und etwas schiefen Mund zogen zwei Falten, deren Kanten immer ein wenig gerötet waren.

Zur Zeit seines Dienstantritts war Josepha erst neunzehn gewesen und noch voller Hoffnung, daß der Mann, den sie sich erträumte, eines Tages kommen und sie lieben und heimführen werde. Der Diener hatte die Jahre des vergeblichen Wartens und das allmähliche Vergehen der Hoffnung als interessierter Beobachter miterlebt.

Im saftgrünen Talgrund, wo die Tauber, ein kleiner Zufluß des Mains, zwischen Weidenbüschen plätscherte und die Wiese übersät war von Margueriten und trompetengelben Butterblumen, hielt Josepha an, um abzusteigen.

Es kam einer Umarmung nahe, als er sie langsam zwischen seinen Armen durch heruntergleiten ließ und noch eine Sekunde hielt. Aber er beobachtete instinktsicher die Grenze so scharf, daß die Unerfahrene noch glauben konnte, die intime Berührung sei durch den Bewegungsvorgang bedingt.

Er trat zurück, senkte den Kopf und sagte wie zu sich selbst, im Herrensitz würde Josepha viel mehr Vergnügen von ihren Morgenritten haben. In München seien einige Damen schon vor zwanzig Jahren im Herrensattel geritten.

In seinem dunklen Auge entstand ein ölig glänzender Punkt, als er sie ansah und erst nach einer kleinen Pause hinzufügte: »Es ist nämlich ein Irrtum, anzunehmen, daß der weibliche Körperbau sich nicht für den Sitz im Herrensattel eigne.« Um das Wort noch einmal aussprechen zu können, erklärte er: »Der weibliche Körperbau eignet sich ebenso für den Sitz im Herrensattel wie der männliche Körperbau.«

Wie seit einiger Zeit in vielen Fällen gleicher Art glaubte sie auch diesmal, daß unter seiner sachlich vorgebrachten Bemerkung etwas anderes versteckt sei. Sie wurde verlegen. Aber wenn sie ihn jetzt zurechtweist, gibt sie ja etwas Ungeheuerliches zu: daß eine schmutzige Andeutung des Dieners ihr gegenüber im Bereich der Möglichkeit sei. Sie schwieg. Errötend wandte sie sich ab von ihm und ging über die Wiese zum Fluß.

Während er aus der Ferne zusah, wie sie sich immer von neuem tief hinabbeugte, Blumen pflückend am Rande des Wassers, verzog sich sein lippenloser Mund zu einem Lächeln der Genugtuung, als ließe er ein Lämmchen weiden, das er eines Tages schlachten werde.

Mitten in der Bewegung richtete Josepha sich unversehens mit einem Ruck wieder auf und rief über die Wiese: »Sie können heimreiten.«

Das war noch niemals vorgekommen. Er stellte den Kopf schief, als lauschte er dem Nachklang eines Signals, und sagte befriedigt: »Sie schämt sich, mir unter die Augen zu treten.«

Nachdenklich griff er an die brettflache Reitkrawatte aus weißem Piqué, die immer etwas angeschmutzt war, auch wenn er sie erst frisch aus der Kommode genommen hatte. »Komm, Josepha, alte Jungfer«, sagte er plötzlich zu seiner Stute, stieg auf und ritt davon. Josepha stand mit dem Rücken zu ihm, den Blick in die Ferne gerichtet.

Michael und der Geselle schabten und stachen und kratzten mit dem Stahlspachtel zuerst die alte Farbe herunter von den Wänden. In dem quirlenden Staubtumult waren nur noch die Umrisse der zwei Gestalten zu erkennen.

Seit der Zeit, da die Vorfahren des Herrn Wohlleben das Häuschen bezogen hatten, war die jeweils neue Farbe immer über die alte gestrichen worden – jede Farbschicht eine Generation. Aber Michaels Meister hatte den Ehrgeiz und stand in dem Rufe, gründliche Arbeit zu tun. »Zuerst alles herunter!« hatte er gesagt. Der kleine Mann mit abfallenden Schultern und zurückfliehender Stirn lehnte an der Tür, staubumhüllt, und lächelte befriedigt.

Trotz der Anwesenheit seines Meisters trat Michael ans Fenster, als er Hufschläge vernahm, und blickte begierig hinunter in das enge Gäßchen. Der Diener, der kurz vorher noch getrabt war, ritt auf dem hundert Jahre alten Kopfpflaster im Schritt. Es klang, als würde jeder Knall der echolosen Hufschläge sofort von einem Maul geschluckt.

Herr Wohlleben, ein grauhaariger, großer und beleibter Mann, erster Trompeter der Stadtkapelle, trat ein und sah interessiert den Arbeitenden zu, die fleißig weiter schabten und kratzten. Hin und wieder löste sich eine handgroße Platte, dick wie Pappendeckel, von der Wand ab. An den geschieferten Bruchrändern waren die verschiedenen Farbschichten klar zu unterscheiden.

Vorsichtig hob der Trompeter eine Platte auf und betrachtete den Bruchrand. Er konnte ausrechnen, daß der Großvater seines Vaters die Nächte seines Daseins zwischen roten Wänden geschlafen hatte. Die Platte rutschte ab von der Hand und zerfiel beim Aufprall in Staub.

»Ich möchte grün, einen schönen grünen Ton«, sagte er nachdenklich. »Bitte, rufen Sie mich, wenn Sie die Farbe mischen.«

»Die ist schon gemischt.« Der Geselle schleppte den Kübel in die Zimmermitte und strich ein Stück Zeitungspapier mit der Farbe an. Als der Trompeter erschrocken rief, das sei ja viel zu dunkel, trat auch Michael heran.

Während der Geselle die Flamme eines Streichholzes unter das Zeitungspapier hielt, auf dem der dunkelgrüne Anstrich naß und ölig glänzte, erklärte er seinem neuen Lehrling und Herrn Wohlleben das Geheimnis der Leimfarbe. Unterdessen trocknete die Flamme allmählich die Farbe, und unter den Augen der Zuschauer erschien ein schönes, vollständig mattes Grün, das um viele Töne heller als im nassen Zustand war. Herr Wohlleben war begeistert.

Wie ein Zauberer nach der Vorführung das rotseidene Tuch, das er aus dem Nichts geholt hat, fallen läßt, mit großer Gebärde, ließ der Geselle den olivengrünen Zeitungsfetzen zu Boden flattern und sagte: »Sehen Sie, und wenn ich zuviel Leim zusetze, blättert und bricht die Farbe und fällt von der Wand herunter. Aber zuwenig Leim ist ebenfalls schlecht. Dann färbt die Wand ab, weil die Farbe nicht genug gebunden ist, und Sie bekommen einen grünen Rücken, Herr Wohlleben, wenn Sie sich anlehnen ... Die richtige Mischung von Farbe, Wasser und Leim ist eine künstlerische Gefühlssache und will gekonnt sein«, sagte er zu Michael.

Der schmalbrüstige junge Geselle, der aus Dresden war und so stark den sächsischen Dialekt sprach, daß die Rothenburger ihn oftmals nicht verstanden, hatte X-Beine und ein strichdünnes Schnurrbärtchen, wie es vierzig Jahre später die Filmstars trugen. Aber seines war nicht zurechtrasiert und -gestutzt. Es war in dieser Strichform gewachsen und bestand nur aus wenigen langen, seidenweichen Härchen. Er trug eine Lavallièrekrawatte. Vor kurzem hatte er sich mit einer Rothenburgerin verlobt, die als das schönste Mädchen der Stadt galt. Sie hieß Lone und wurde blutrot, wenn sie ihm unversehens auf der Straße begegnete.

Nach dem Mittagessen – Michael hatte nur die Leberklößchensuppe bestellt, die fünf Pfennig kostete – wurde das Zimmer gestrichen, und in der Nacht schliefen Herr Wohlleben und seine zierlich kleine Frau das erstemal zwischen olivengrünen Wänden.

Michael wohnte in dem wuchtigen viereckigen Turm, der die Hauptstraße abschließt. Durch die Mauerluken, durch die von allen Seiten Luft herein- und durchzog, konnte er aus fünfzig Meter Höhe hinunterblicken auf die winzigen Häuschen, in denen der Mensch geboren wird und lebt und stirbt.

Fenster gab es nicht. Aber er hatte ein Bett, einen zentnerschweren uralten Tisch und einen Stuhl, auf dem die Waschschüssel mit einer Zinnkanne voll Wasser stand. Der Fußboden, den die Türmerin von dem jahrzehntealten Staub befreit hatte, war noch feucht. Mit dem Stiefelabsatz schlug er einen Nagel in die drei Meter dicke Mauer und hängte die Zahnbürste daran. Damit war seine Wohnung, die im Monat fünfundsiebzig Pfennig kostete, fertig eingerichtet.

Er kletterte in eine der runden Luken, die sich nach außen allmählich erweiterten, bis zu einem Meter im Durchmesser, paßte den Körper bequem der Rundung an und blickte hinunter und hinaus auf die schlafende Welt. Am Himmel, der von der dichten Saat der Sterne lichtgrau war, schwamm der halbe Mond, und der Fluß glänzte noch in weitester Ferne wie ein Silberstrich aus dem schimmernden Tal. Es war unsäglich still.

Michael saß reglos. ›Zu lernen, wie Leimfarbe gemischt wird, anstatt an der Drehbank zu arbeiten, ist immerhin ein Anfang. Ich bin auf dem Weg‹, dachte er, ganz erfüllt von dem besonderen Glück, das durch allen Reichtum der Welt nicht gewonnen werden kann von dem Erdenwanderer, dessen Herz nur als ein Muskel schlägt.

Als Michael vierzig Jahre später in seinem Atelier im achtzehnten Stock eines New Yorker Hochhauses an den sehnsüchtigen und begeisterten Jüngling im Turmzimmer zurückdachte, den Blick auf das noch nasse Bildnis Josephas gerichtet, fragte er sich, ob er nicht doch vorgezogen haben würde, in irgendeinem Beruf einfach nur Geld zu verdienen wie die anderen, wenn er damals gewußt hätte, welches Übermaß an Kampf und Not und Entbehrungen jeglicher Art ihm bevorstand, und er antwortete gerührt: Sehnsucht und Begeisterung machen den Jüngling blind für Hindernisse und zugleich stark, sie zu überwinden.

Den folgenden Morgen eilte Michael schon um sechs Uhr in der pechschwarzen Finsternis des Turmes die vierhundert ausgetretenen, halsbrecherisch glatten Stufen hinab und die Hauptstraße hinauf, der Malerwerkstatt zu.

Vor dem handgeschmiedeten Gartengitter des Louis-Seize-Palais’ blieb er stehen. Als Josepha den Tag vorher in der Hauptstraße auf ihn zugeritten war, hatte der noch ganz Unerfahrene, ergriffen von der Trauer ihres Blickes, zum erstenmal in seinem Leben das Licht gesehen, das zwischen Mann und Frau schwebt.

Wie vor dem Zaun des Lebens stand er bedrückt vor dem Eisengitter dieser anderen Welt, zu der er keinen Zugang hatte, bis die Phantasie, die überall Zugang hat, unversehens vollbrachte, was ihm die Wirklichkeit versagte – Josepha war seine Frau. Er will nichts für sich. Nichts! Alles nur für sie! Ihr Blick ist nicht mehr traurig, weil sie weiß, daß er sie vor allem Ungemach des Lebens behütet. Zeichnen wird er sie tausendmal, bis ein Bildnis geschaffen ist, wie die Welt noch keines gesehen hat.

Die Rolladen, grau wie die wettergraue Steineinfassung der Fenster, waren noch geschlossen. Auch der Diener schlief noch. An der Wand gegenüber seinem Bett schleuderte ein Storch, in der Brust das Zifferblatt, den gelben Schnabel hin und her. Darunter klebte ein ungerahmter Farbdruck mit einer nackten dicken Frau und einem Herrn im Frack, der mit der Hundepeitsche zum Schlag ausholte.

Um sieben Uhr ging Josepha ins Badezimmer, hielt das Gesicht in kaltes Wasser und steckte dann mit ein paar Nadeln notdürftig die Haarflut hoch. Sie stieg wieder ins Bett und läutete. Eine Weile lag sie reglos, im Schein des Nachtlichtes, einer Wachskerze in einem rubinroten Glasschirm. Plötzlich, kurz bevor der Diener mit dem Kaffeebrett eintrat, schlüpfte sie hastig in ein Jäckchen, um die nackten Schultern zu verhüllen.

Er hatte weiße Baumwollhandschuhe an. Beim ersten Blick nahm er mit Genugtuung wahr, daß sie seinetwegen diesen Morgen ihre Schultern verhüllt hatte. Er sagte lächelnd: »Ja, ja, die Nächte sind noch kühl. Man tut gut daran, sich vor Erkältung zu schützen.« Erst jetzt beugte er sich tief hinab und stellte das Kaffeebrett auf das niedrige Tischchen.

Wie schon mehrmals in seiner Anwesenheit spürte sie in Armen und Beinen eine Art Lähmung, deren Ursache sie sich nicht zu erklären vermochte. Die Empfindung war vollständig schmerzlos und auch nicht unangenehm. ›Aber ich könnte mich jetzt nicht wehren, selbst wenn jemand mich ermorden wollte‹, dachte sie, tief beunruhigt, und wandte den Blick ab von dem hinabgebeugten schwarzhaarigen Kopf. Nach Sekunden verging die Lähmung in einem Hitzestrom.

Josepha liebte die gepflegten hundertzwanzig Jahre alten Parkettböden. Auch auf dem Schlafzimmerboden lag kein Teppich. Er war mit Ebenholzstäben eingelegt, die ein ähnliches Ornament bildeten wie die Wege und die ausgesparten Rasenflächen des Gartens. Der Diener überquerte ihn, um den Rolladen hochzuziehen. Sein Schritt war selbst auf dem Parkettboden unhörbar, obwohl er nicht auf den Fußspitzen ging. Er schlich, ohne zu schleichen, als hätte er eigens für diesen Zweck einen automatisch funktionierenden Muskel im Bauch. Vor Jahren hatte Josepha in ihr Tagebuch geschrieben: »Er ist ein geborener Schleicher.«

»Ich erinnere mich noch, wie Ihre Frau Mutter dieses Jäckchen für Sie gehäkelt hat. Sie haben das Jäckchen selten getragen«, sagte er und ging hinaus.

Sie konnte nicht essen. ›Warum entlasse ich ihn nicht?‹ Sie dachte nach und fiel dabei plötzlich wieder in Schlaf.

Er steht vor ihr, das Kaffeebrett in den Händen, und befiehlt: Zieh das Jäckchen aus! Sie rast auf dem Pferd davon und entschließt sich schweren Herzens, ihr Haar abzuschneiden. Wenn sie es nicht abschneidet, holt er sie ein. Dann ist sie verloren.

Die Schere geht nicht auf. Endlich gelingt es ihr, sie zu öffnen im rasenden Galopp. Aber die Schere ist ein Mund, der jetzt von selbst auf und zu geht und sagt: Es ist schade, das schöne Haar abzuschneiden, wenn du nicht ins Kloster willst für immer. Da fliegt sie mit dem Pferd hoch über eine Landschaft, die sie nie gesehen hat. Es wird immer wieder Nacht und Morgen, immer wieder, viele Monate lang. Sie reitet nicht in die Zukunft, sondern zurück in die Vergangenheit. Als sie schließlich erhitzt auf ihr Bett sinkt, ist sie im vergangenen Jahr angelangt.

Ihr Bett steht in einem Weizenfeld. Er tritt aus den Halmen heraus, das Kaffeebrett in den Händen, und sagt: Ich kenne dich dreizehn Jahre. Jetzt ist die Zeit gekommen. Zieh das Jäckchen aus. Der Weizen steht hoch, hier sieht uns niemand.

Lieber schneide ich mein Haar ab, sagt sie schluchzend, während er sich über sie beugt und das Jäckchen herunterzieht. Sie betet: Lieber Gott, verzeih mir. Aber meine Glieder sind gelähmt, ich kann mich nicht wehren.

Das würde dir auch gar nichts nützen, ich bin stärker als du. Er betastet mit kühlen Fingern ihre erhitzte Haut, allmählich tiefer hinunter, und greift langsam nach ihrem Körper.

Als sie läuten wollte, sofort nach dem Erwachen, sah sie, daß das Kaffeebrett schon auf dem Tischchen stand. Sie erinnerte sich nur daran, daß sie in großer Höhe mit dem Pferd über fremde Landschaften geflogen war, Monate und Monate. Den Schluß des Traumes wußte sie nicht.

Der Kaffee war noch so heiß, daß sie ihn anfangs nur löffelweise zu sich nehmen konnte, und der Diener hatte den Flur zwischen Schlafzimmer und Küche noch nicht ganz durchschritten.

Seine Genugtuung darüber, daß sie seinetwegen die Schultern verhüllt hatte, war einem Gefühl der Beunruhigung gewichen. Er setzte sich vor die Kaffeetasse und sagte nachdenklich zur Köchin, die neben ihm saß: »Die Sache mit dem Reiten im Herrensattel war zu gewagt. Wer weiß, vielleicht besinnt sie sich daraufhin und wirft mich hinaus.«

Er hatte die Gewohnheit, im Beisein der tauben Alten laut zu denken, und machte sich immer wieder das Vergnügen, ihr ausführlich alles zu schildern, was er einstens tun werde mit Josepha.

»Sie muß tropfenweise vergiftet werden, allmählich, verstehst du, so vorsichtig, daß sie es erst bemerkt, wenn sie schon vergiftet ist. Dann kann’s losgehen.«

Die Köchin rückte die stahlgefaßte Brille zurecht im dicken Gesicht und sagte in einem Ton, als habe sie alles verstanden und bräche ein Gespräch ab, das sie nicht interessiere: »Fangen Sie lieber an, die Fenster zu putzen.«

»Und wenn du brav bist, darfst du einmal zusehen«, sagte er und legte den Arm um ihre Schultern. Er hatte die Köchin auf seine Weise gern. Einige Wochen vorher, als sie schwer an Influenza erkrankt war, hatte er sie Tag und Nacht gepflegt.

Von Stund an tat er nichts mehr, was Josephas Verdacht hätte erregen und verstärken können. Wann immer es möglich war, hielt er sich fern von ihr, und wenn sie läutete, führte er ihre Aufträge aus wie eine Maschine. Er verhielt sich, als wäre er nicht vorhanden.

Nach zehn Tagen – er kam mit dem Kaffeebrett aus dem Schlafzimmer zurück – sagte er zur Köchin: »Sie liegt wie ein Engel im Bett. Aber so lang sie das Jäckchen überzieht, werd ich ein Häschen bleiben, und wenn es noch Monate dauert.«

Wie jeden Morgen trat er um halb acht wieder bei ihr ein, auf dem Arm einen Stoß Buchenholz, auf dem das kleingespaltete Tannenholz lag, und ging in den schmalen Nebenraum, um den Badeofen zu heizen, eine Eisenröhre, mannshoch und so dick wie ein Baumstamm.

Sie lag noch im Bett und dachte darüber nach, ob sie ihm nicht unrecht getan habe. Josepha war ein warmherziger Mensch und konnte niemandem etwas Böses antun. Jemand eines Vergehens zu beschuldigen, für das kein Beweis vorlag, erschien ihr verabscheuungswürdig. Sie hatte im Laufe der zehn Tage die Vorkommnisse immer wieder geprüft, gewissenhaft und wie eine ganz Unbeteiligte. Auch seine Bemerkung, es sei ein Irrtum, anzunehmen, daß der weibliche Körperbau sich nicht für den Sitz im Herrensattel eigne, erschien ihr jetzt, nach zehn Tagen und bei ruhiger Überlegung, harmlos. Er ist ein ausgezeichneter und leidenschaftlicher Reiter und hat einfach als Fachmann gesprochen. Sie darf von ihrem Diener nicht den Takt erwarten, der einem Mann verbietet, so etwas zu einer Frau zu sagen. Wenn sie aus einer derartigen Bemerkung etwas anderes heraushört, liegt es nur an ihr selbst. Sie war zu mißtrauisch. Es wäre ja eine Ungeheuerlichkeit ohnegleichen, wenn sie sich fragen müßte, ob er sie mit den Augen eines Mannes ansähe. Sie hat ihm unrecht getan und wird deshalb besonders freundlich zu ihm sein. Er liebt Mandelschokolade. Die soll er bekommen.

Auf dem Parkettboden lag die Morgensonne und im Badeofen knisterten und krachten die Holzscheite. Es war behaglich. Sie legte sich in Erwartung des warmen Bades bequemer zurecht und lächelte über sich selbst.

Josepha hatte die Vorkommnisse mit den Mitteln einer Unschuldigen geprüft. Nicht der Schatten einer Ahnung, daß sie vor zehn Tagen dem Diener unterlegen war im Traum, kam in ihr Bewußtsein. Im Wachzustand war sie so unschuldig wunschlos wie ein kleines Schulmädchen.

Als die schnelle Hitze des Holzfeuers durch die offene Badezimmertür hereindrang, zog sie das Jäckchen aus.

Der Diener kam noch zweimal zurück, um nach dem Feuer zu sehen und das heiße Wasser in die Wanne laufen zu lassen. »Das Bad ist fertig«, sagte er und blickte sie an, ohne die entblößten Schultern zu sehen, wie er es in der Dienerschule gelernt hatte.

Michael, der schon Dutzende Rothenburger Zimmerwände abgekratzt hatte, stieg nach der Arbeit die leitersteile Gasse hinab, in der, gegenüber dem Gasthaus »Zur Post«, sein Onkel wohnte, ein Bruder seiner Mutter, der Schuhmachermeister Leonhard Bach.

Die Frau, mager und verbraucht, saß vor dem Giebelhäuschen auf der Stufe, zwischen ihren zwei halbwüchsigen Töchtern, die beide fuchsrotes Haar hatten und eine milchige Gesichtshaut, von Sommersprossen besetzt.

»Er ist wieder unten an der Tauber«, sagte sie und blickte empor zu Michael, angstvoll fragend, als erwarte sie Hilfe von ihm. Der Schuhmachermeister war schwermütig und hatte schon mehrmals zu seiner Frau gesagt, eines Tages werde er sich in der Tauber ertränken.

Im Gasthaus »Zur Post« ertönten dumpfe Schläge. »Er zapft ein Faß an«, sagte die Kleinere. Sie war dreizehn, zwei Jahre jünger als ihre Schwester. Die Ältere, die schon einen fußlangen Rock trug, leckte unwillkürlich die Lippen.

Es war wieder still in der Gasse. Mutter und Töchter saßen dicht nebeneinander, die Haustür war schmal.

Zurückgelehnt stieg Michael vorsichtig weiter die steile Gasse hinab, dem Talgrund zu. In der Tiefe blieb er stehen und blickte zurück. Über dem Turm hing eine riesige Wolke, die unten einen glühenden Saum hatte und Falten warf wie ein Vorhang.

Überwältigt von seiner Vision senkte er den Kopf. Der Vorhang der Himmelsbühne geht auf, Menschenkörper, aus dem Lichte geboren, schweben in der Weißglut des Himmels, zur Erde heruntergeleitet von der lichtumfluteten Mutter des Menschengeschlechtes, die das Licht und die Quelle des Lichtes ist.

›Wer das malen könnte! Wer das malen könnte!‹ dachte Michael, während er in Gedanken langsam weiterging, schon davon überzeugt, daß er den Menschensturz aus dem Himmel herab einstens malen werde.

Etwas langes Weißes drehte sich in der Luft, wie ein Rad um die Achse, und flog vom Reck herab auf die Wiese. Michael hob den Kopf – er stand vor dem Turnplatz, an dem die Tauber lautlos vorüberfloß.

Die Knaben und Jünglinge trugen weiße Kniehosen und weiße Trikots. Drei Mädchen in fußlangen Röcken standen Arm in Arm am Rande der Wiese und sahen zu, wie die Turner über das Lederpferd sprangen. Jeder versuchte mit einem verdeckten Seitenblick zu erforschen, ob er Eindruck gemacht habe. Als einer sich auf dem Barren langsam in den Handstand drückte und mit durchgebogenem Rücken straff verharrte, flüsterte eine dünne Blonde, die Margueriten im Brustausschnitt trug: »Mein Gott, der hat aber Kraft.«

Michael ging auf dem gewundenen Pfade um Weiden und Haselnußbüsche herum die Tauber entlang, die unter einer milden Himmelsbläue durch abendgrüne Wiesen floß.

An der Stelle, wo Josepha mit Hilfe des Dieners abgestiegen war, um am Rande des Wassers Butterblumen zu pflücken, stand der Schuhmachermeister, unbeweglich wie ein Denkmal. Er hatte eine lange billardgrüne Schürze an.

»Wenn ich noch so jung wäre wie du, würde ich nach Frankreich gehen.«

Michael hatte nicht Zeit gefunden, zu grüßen. »Warum nach Frankreich, Onkel?«

»Die Franzosen angeln. Abends stehen sie am Fluß und angeln. Das ist gut«, sagte er, so überzeugend tief empfunden, daß Michael im Gefühl sofort mit ihm verbunden war und gar nicht mehr den Wunsch nach einer anderen Begründung hatte.

»Und jetzt geh ich wieder heim ... für diesmal.« Michael begleitete ihn.

Die Vögel schliefen schon. Über den dämmerigen Wiesen schwebte blauer Dunst. Schon standen ein paar Sterne am fliederfarbenen Himmel. Es war ein wunderbar friedlicher Abend im Mai.

In der Ferne ertönte der Gesang der Turner. Die gesunden Knaben und Jünglinge, die nicht ahnten, daß sie und ihre noch ungeborenen Söhne einstens hingeschlachtet werden würden in zwei Weltkriegen, gleichwie die aus tausend friedlichen Dörfern und Städtchen Deutschlands, sangen auf dem Heimweg ein patriotisches Marschlied.

Als die beiden vor dem Giebelhäuschen ankamen, war in der schon nachtstillen Gasse nur noch das Gasthausfenster beleuchtet. Der Onkel zündete in der Werkstatt die Petroleumlampe an. Sie hing an einem Drahthaken über dem niedrigen Schustertisch, auf dem eine weiß-gelb gefleckte Katze schlief. An der Wand lehnte das Sohlenleder, wellige, steife Rindshäute, und daneben das zusammengerollte schwarze, weiche Kalbsleder, aus dem die Oberschuhe und die Schäfte gemacht werden.

Der Onkel schaufelte die Hand unter dem Bauch der Katze durch. Sie hing wie ein vollständig muskelloses weiches Etwas über der Hand, mit hochgedrücktem Rücken, und wölbte, als ihre Pfoten den Boden berührten, den Rücken sofort noch höher zu einem riesigen Buckel. Gähnend überquerte sie die Werkstatt, sprang auf den Schusterhocker und wurde ein weiß-gelb geflecktes rundes Kissen, das genau in den ein wenig ausgehöhlten Sitz paßte.

»Jetzt könnt ich eigentlich die Stiefel für unsern Herrn Stadtschreiber zuschneiden«, sagte der Onkel. Er legte das steife Rindsleder auf den Tisch und zeichnete nach den Papiermustern die Umrisse einer linken und einer rechten Sohle darauf, nebeneinander. »Hat deine Mutter dir von ihrem Vater erzählt? Von unserem Vater?«

Michael, der neben ihm vor der Rindshaut stand, war anfangs nicht interessiert. »Ich weiß nur, daß er ein Müller war.«

Die Knöchel der Faust wurden weiß, als der Onkel mit dem blitzendscharfen Schustermesser unter großem Kraftaufwand die Sohlen herausschnitt. Sie sahen aus wie rindenlose Brotscheiben. »Ja, ein Müllerbursche! Und zum Schluß ein Vagabund! – Das ist zähes Kernleder, Michael, diese Sohlen halten jahrelang.«

Während er die Teile für die Oberschuhe und die Schäfte aus der weichen Kalbshaut herausschnitt, so leicht, als schneide er Butter, erzählte er die Geschichte seines Vaters.

»Er war halt ganz verrückt nach Musik. Einfach verrückt! Verstehst du? Und als dann eines Tages die Zigeunerbande in die Stadt kam, konnte er sich eben nicht mehr länger halten. Da war nämlich ein Kerl dabei, der spielte auf der Geige wie ein Teufel. Und ich sag dir, er war einer. Unser Vater wich ihm nicht mehr von der Seite und ging dann schließlich mit den Zigeunern auf und davon. Er ist jahrelang mit der Bande durchs Land gezogen, nur weil dieser Kerl so wunderbar auf der Geige gespielt hat. Ja, ja, er ließ Frau und Kinder sitzen. Da war er schon fünfzig, mußt du wissen. Die ganze Stadt ist darüber aus dem Häuschen geraten. Sie nannten ihn den wilden Beethoven. Und wahrhaftig, er sah auch akkurat so aus wie Beethoven.«

Das immer angsterfüllte Gesicht seiner Frau erschien lautlos im Türrahmen und verschwand sofort wieder.

Der Onkel nahm ein paar alte Leisten aus dem Regal. »Unser Herr Stadtschreiber läßt nämlich das erstemal bei mir arbeiten. Ein Paar Zugstiefel! Ich muß Leisten für ihn zurichten.« Er klebte kleine Stückchen dünnes Leder auf die Stellen, die verstärkt werden mußten, und sagte dabei zu Michael, wenn die Geschichte trocken sei, könne er die Leisten mit der Raspel zurechtfeilen, so genau, daß dem Herrn Stadtschreiber die Schuhe passen würden wie seine Haut.

Probeweise schmiegte er das schwarze weiche Kalbsleder über den Leisten und stellte ihn auf die Sohle. »So ungefähr werden die Stiefel aussehen.«

»Und ist er wieder zurückgekommen?«

»Unsere Mutter hat ihn nie mehr gesehen. Niemand weiß, wann er gestorben ist und wo er begraben liegt ... Vielleicht in einem andern Land.«

Abwesend blickte er zuerst ein paar Sekunden hinaus in die nachtstille Gasse. »Spielen konnte er nicht. Er war ja sein Leben lang ein armer Hund und mußte schon als kleiner Knirps arbeiten für sein Brot. Da hatte er natürlich keine Möglichkeit, Musik zu erlernen. Vielleicht war er grad deshalb so über alle Maßen verrückt danach. Ja, ja, und da mußte er halt auf und davon, schließlich ... Kannst du das verstehen?« fragte er, verloren lächelnd, als hätte die Mühle des Lebens auch ihn verhindert, den Weg zu gehen, der ihm im Innern vorgeschrieben war.

Ein Gefühl unbegreiflich tiefer Begeisterung durchströmte Michael, bis in die Wurzel seines Wesens. Er mußte sich an die Wand anlehnen, weil die Knie zitterten. ›Oh, und wie ich das verstehe!‹ dachte er und nickte nur.

Der Onkel, in alte Gedanken versunken, sagte zu sich selbst: »Von ihm haben wir’s.«

Die niedrige, schlecht beleuchtete Schusterwerkstatt machte auf Michael plötzlich einen so trostlosen Eindruck, daß er am liebsten hinausgestürzt wäre ins Freie.

Da entdeckte er ein paar neue zierliche Damenreitstiefel, die in der dunklen Ecke auf dem Fußboden standen, und fragte, wem sie gehörten, obwohl er es beim ersten Blick sofort gewußt hatte.

»Die sind für die Baroneß. Ich arbeite seit fündundzwanzig Jahren für die Familie. Aber seit ihre Eltern tot sind, braucht die Baroneß wenig Schuhe. Sie sitzt jahraus, jahrein daheim.«

Ein Blitz zuckte durch Michaels Hinterkopf und riß ihm die Augen auf. Er stand vor Josepha und reichte ihr die Stiefelchen. So ruhig, wie das tobende Herz es zuließ, fragte er den Onkel, ob er die Stiefel hintragen dürfe.

»Jetzt frag ich dich, was für einen Grund es auf der ganzen weiten Gotteswelt dafür geben kann, daß du der Baroneß die Stiefel ins Haus bringen willst.«

Michael sagte obenhin: »Oh, nur so«, während er dachte: ›Und was ist der Grund dafür, daß es dich nach Frankreich zieht? Nur weil die Franzosen angeln?‹

Der Onkel stellte den Kopf schief und versuchte ein listiges Lächeln, das gar nicht zu ihm paßte. »Aber wer weiß, am Ende hast du recht. Vielleicht bekommst du von der Baroneß ein gutes Trinkgeld.«

Das Blut schoß Michael ins Gesicht, als er hervorstieß: »Ich nehme kein Trinkgeld.« Dabei erinnerte er sich, daß er von Herrn Wohlleben mit Freuden die zwanzig Pfennig Trinkgeld angenommen hatte.

›Das ist etwas ganz anderes. Aber von ihr? Um Himmels willen! Ich trag die Stiefel nicht hin. Nein, nein, ich trag sie nicht hin‹, dachte Michael, erschauernd unter der Vorstellung, daß Josepha, die im Wachtraum seine Frau und das Licht der Welt gewesen war, ihm ein Trinkgeld anbieten könnte.

Eine Weile schwiegen beide. Der Onkel hatte das Leder wieder an die Wand gelehnt. Er zog ein Bürstchen aus der Schürzentasche und glättete seinen Schnurrbart und den langen, nur zwei Finger breiten, glänzend schwarzen Kinnbart. Seine eingefallenen Wangen waren glatt und bleich wie Wachs.

›Alle Schuster sind bleich‹, dachte Michael. ›Die Schusterwerkstatt macht bleich.‹ Er blickte den Onkel an, der jetzt vornübergesunken reglos auf dem Hocker saß, die schwermütigen Augen zu Boden gerichtet, und plötzlich tat er ihm so leid, daß ihm die Tränen kamen, und er wußte nicht, warum.

Als er unter einem funkelnden Himmel heimwärts ging, durch das schlafende Städtchen, war sein Schritt der einzige Laut des Lebens. Er stieg in der dicken Finsternis des Turmes die endlose Spirale empor zum Mauerluken-Zimmer, in dem ein unbestimmbarer Lichtschein war, fahl, wie aus sich selbst genährt, und stand vor Josepha.

Sie nimmt die Reitstiefel entgegen und sagt freundlich lächelnd: ›Das ist aber lieb von Ihnen. Ich habe Sie übrigens schon einmal gesehen, in der Hauptstraße. Sie wollen Kunstmaler werden, nicht wahr? Von jetzt an müssen Sie öfter zu mir kommen.‹

Den folgenden Abend ging er, entschlossen, Josepha die Stiefel zu bringen, wieder in die Werkstatt und vergewisserte sich mit dem ersten Blick, daß sie noch in der Ecke standen.

Der Onkel, der den Stiefel des Stadtschreibers zwischen den Knien hielt und jeden Stich mit der Ahle vorbohrte, war soeben dabei, Sohle und Oberleder zusammenzunähen. Ohne aufzublicken sagte er: »Wenn nichts dazwischenkommt, sind sie morgen abend fertig, spätestens Sonntag früh.«

Michael hatte nichts gehört. Josepha übernimmt die Stiefel und gibt ihm zwanzig Pfennig.

»Und dann will ich auch gleich die Reitstiefel der Baroneß abliefern«, sagte der Onkel. »Es ist auf dem Weg.«

›Ich tu’s nicht‹, dachte Michael, von neuem gepackt von der Angst vor dem Trinkgeld. Zornig über sich und die Welt starrte er den Onkel an. »Mit der Maschine macht man Schuhe jetzt viel schneller.«

Zuerst lächelte der Onkel nur. Aber schließlich sagte er: »Meine Kunden würden sich zu Tod schämen, mit einem fertig gekauften Schuh am Fuß über die Gasse zu gehen. Das wär ja dasselbe, wie wenn meine Frau die Suppennudeln fertig kaufen würde.«

Dagegen konnte Michael nichts einwenden. ›Es wär eine Schande für die Familie‹, hatte seine Mutter gesagt. ›Nur heruntergekommene Leute, die schon gar nichts mehr auf sich halten, kaufen die Suppennudeln fertig im Laden.‹